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Zeitschrift der 



Gesellschaft 



■ 



für Erdkunde 



zu Berlin 




Gesellschaft für 
Erdkunde zu Berlin 



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ZEITSCHRIFT 

DER 

GESELLSCHAFT FÜR ERDKUNDE 

ZU 

BERLIN. 



HERAUSGEGEBEN IM AUFTRAG DES VORSTANDES 

VON 

DEM GENERALSEKRETÄR DER GESELLSCHAFT 

GEORG KOLLM, 

HAUPTMANN A. D. 



BAND XXX. — Jahrgang 1895. 



Mit achtzehn Tafeln 



BERLIN, W. 8. 
W. H. KÜHL. 
1895- 



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THE NEW YORK 

PUBL1; i'-RARY 
L IV2Crü 



A6TOR, LENOX ANO 
TILDEN FOUNDATION«. 




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Inhalt des dreifsigsten Bandes. 




A 

Aufsatz e. 




(Für den Inhalt ihrer Aufsätze sind die , Verfasser allein verantwortlich.) 
Durchbruchsthäler in den Süd - Alpen. Von Dr. Karl Futterer. (Hierzu 


Seite 


Tafel i— 4-) 


1 


Die Gletscher des Mus-tag-ata Von Dr. Sven Hedin. (Reisebericht Nr. 3, 




im November 1894 aus Kaschgar abgeschickt.) (Hierzu Tafel 5 und 6.) . 


94 


Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. Von Dr. Alfred Philipp- 






135 


Reiseberichte aus Celebes von Paul und Fritz Sarasin. II. Bericht. (Hierzu 




Tafel 10.) 




Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. Von 










301 


Reiseberichte aus Celebes von Paul und Fritz Sarasin. III. Bericht. (Hierzu 






311 


Die „Nieuwe Zeitung aus Presilg - Land" im Fürstlich Fugger'schen Archiv. 






35* 


Zur Frage des jahreszeitlichen Luftaustausches zwischen beiden Hemisphären. 






368 


Die natürlichen und politischen Grenzen von Montenegro. Von Dr. Kurt 






375 


Zur Abbildung der Halbkugeln. Von Dr. Alois Bind au. (Hierzu Tafel 16.) 


406 


Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. Von Dr. Alfred Philipp- 




son. II. Teil. (Hierzu Tafel 17 und 


4^7 



Der Streit um die Mosquito-Ktlste. Von Julius Richter 498 



Karten. 

Tafel 1. Tektonische Karte der Kamischen Voralpen. (Nach den Aufnahmen 
von Taramclli, Pirona, Hoernes, Mojsisovics und Futterer). Mafsstab 
x : 600 000. 

» z. Geologische Einzel - Karten der Durchbruchsthäler in den Karnischen 
Voralpen. 4 Skizzen. Mafsstab 1:75 000. 

1. Oberer Lauf der Cellina. 

2. Cellina-Durchbruch und Susaibe-Tha). 

3. Cosa-Thal und Arzino-Durchbruch. 

4. Alter Lauf des Torrente Chiarso und Mcduna-Thal. 



Tafel 3. Geologische Profile aus den Karnischen Voralpen. Mafsstab 1 : 50 000 
und 1 : 1 50 000. 

» 4. Entwicklung der Tektonik seit der älteren Tertiärzeit. Bildung von 

Durchbruchstälern nach der Theorie der rllckschreitenden Erosion und 

der Powell-Tietze'schen Hypothese. 
» 5. Die Gletscher des Mus -tag- ata nach Original- Skizzen von Dr. Sven 

Hedin. (Abbild. 1-7.) Mafsstab verschieden. 
» 6. Die Gletscher des Mus - tag - ata nach Original - Skizzen von Dr. Sven 

Hedin. (Abbild. 1 — 17.) 
» 7. Karte von Slldost-Thessalien nach den vorhandenen Quellen und eigenen 

Aufnahmen von Dr. Alfred Philippson. Mafsstab 1:300000. 
» 8- Geologische Karte von Südost - Thessalien nach M. Ncumayr's sowie 

eigenen Aufnahmen von Dr. Alfred Philippson. Mafsstab 1 : 300000. 
9. Profil-Tafel. Nr. 1. Profil durch das Parnes- Gebirge Über Chassia und 

Phyle. 

Nr. 1. Geologische Kartenskizze des Westendes der Ebene 

von Lilaea. 
Nr. 3. Profil Lamia-Gura — Gientzeki. 
Nr. 4. Profil Platanos — H. Joannis. 
Nr. 5. Profil Domokos— Pharsalos. 
» 10. Skizze des Reiseweges von P. und F. Sarasin zwischen Buol und dem 

Golf von Tomini (Nord-Celebes). Mafsstab 1 : 650 000. 
» 11. Segelschiffsreisen. Die wichtigsten Verkehrswege der deutschen Segel- 
schiffahrt. Entw. v. Gerhard Schott. 1894« 
» 12. Segelschiffsreisen. Linien gleicher mittlerer Reisedauer von Lizard in 
Tagen, am Ende des 19. Jahrhunderts. Entw. von Gerhard Schott. 

1894- 

» 13. Segelschiffsreisen. Linien gleicher mittlerer Reisedauer nach Lizard in 
Tagen, am Ende des 19. Jahrhunderts. Entw. von Gerhard Schott. 
1894. 

» 14. Witterungstypen am Kap Horn. 4 Skizzen. 

» 15. Vorläufiger Karten - Entwurf zu P. und F. Sarasin's Reise durch 
Central-Celebes. Januar-März 1895. Mafsstab 1:1000000. 

» 16. Karte der nördlichen Landhalbkugel zum Vergleich in flächentreuer 
winkeltreucr und mittabstandstreuer Azimut-Projektion auf den Horizont 
von io° ö. L. Gr. und 51° 30' n. Br. entworfen und gezeichnet von 
Dr. Alois Bludau. Mittlerer Mafsstab 1:100000000. 

» 17. Karte von Epirus und West-Thessalien nach den vorhandenen Quellen 
und eigenen Aufnahmen von Dr. Alfred Philippson. Mafsstab: 
1 : 300 000. 

» j 8. Profil-Tafel. Nr. 6. Profil der Nordseite des Sarantaporos - Thaies bei 

Spinassa. 

Nr. 7. Profil von Mcgalo-Kastania nach Rüsu. 
Nr. 8. Profil durch den Engpafs von Porta. 



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Durchbruchsthäier in den Süd -Alpen. 

Von Dr. Karl Futterer. 
(Hierzu Tafel 1—4.) 

Vorwort. 

Die Frage nach der Entstehung der grofsen Durchbruchsthäier 
in den Faltengebirgen der Karpathen, der Appalachen, der Gebirgs- 
ketten im oberen Colorado-Gebiet, des Himalaya und des Elbrus ist 
in den vergangenen Jahrzehnten des öfteren von geologischer und 
geographischer Seite behandelt worden. Durch die erhöhte Aufmerk- 
samkeit, mit welcher die Vorgänge der Herausbildung der Oberflächen- 
Gestaltung und die Bodenplastik verfolgt wird, steht jene Frage auch 
jetzt noch im Vordergrund des Interesses und zwar um so mehr, als 
gerade über die wichtigsten und grofsartigsten Beispiele von Durch- 
bruchsthälern durch ganze Gebirgssysteme die Ansichten sich noch 
schroff gegenüber stehen. 

Die Diskussion der bekannten wichtigeren Durchbrüche von Flüssen 
durch Gebirgsketten ist so erschöpfend geführt worden, dafs ohne 
neues, durch eine geologische Untersuchung zu gewinnendes Beob- 
achtungsmaterial kaum mehr noch nicht erwähnte Gesichtspunkte anzu- 
führen wären ; es hat sich bei der Diskussion herausgestellt, dafs in vielen 
Fällen noch nicht so viele Beobachtungen vorhanden sind, um nur 
eine Theorie zuzulassen und alle anderen Erklärungsarten von vorn 
herein auszuschliefsen. 

Unsere Untersuchung wird auf diese Beispiele nur nebenbei ein- 
gehen, soweit die aus ihnen abgeleiteten Schlüsse zur Sprache kommen 
werden; sie soll aber aus einem kleinen Gebiet der südöstlichen Alpen, 
in welchem Durchbruchsthäier durch die Kreidekette mit typischen 
Charakteren und in der Erscheinungsform der aus anderen Weltteilen 
bekannten Flufsdurchbrüche auftreten, das gesamte geologische Material 
zur Beurteilung der Frage nach der Entstehung dieser Thäler zusammen- 
stellen. 

Zur rationellen Behandlung der Frage nach der Entstehungs- 
geschichte der ein Gebirgssystem durchfliefsenden Ströme gehört nicht 
nur eine genaue Kenntnis des Flufssystems selbst und der allge- 

Zeiuchr. d. Gewlbch. f. Erdk. üd. XXX, 1895. 1 



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2 



K. Futterer: 



meineren geologischen Beschaffenheit des Gebirges. Zu den Voraus- 
setzungen, welche allein einem derartigen Studium ein nutzbringendes 
Ergebnis versprechen, ist vor allem eine genaue Kenntnis der einzelnen 
Phasen der Bildung des Gebirges selbst zu rechnen. Nur die strati- 
graphischen Einzelheiten in Verbindung mit den durch die Schrift- 
zeichen der Tektonik und Struktur ausgedrückten Vorgängen vermögen 
den genauen historischen Verlauf der Gebirgsbildung im Verhältnis zu 
den aufserhalb des Gebirges liegenden Gebieten festzulegen. 

Wie schwer oft im Faltengebirge nur eine ursprüngliche Dis- 
kordanz zweier Schichten festzustellen ist, dürfte in Geologenkreisen 
bekannt sein; wie wichtig aber jede Diskordanz für die gebirgsbilden- 
den Vorgänge und damit auch für die Entwickelung des Flufssystems 
in demselben wird, bedarf keines Hinweises. 

Wie oft hat man über die Thalbilrfung in Gebirgssystemen ge- 
schrieben, in denen man von einer derartigen eingehenden Kenntnis 
der geologischen Verhältnisse nach jeder der angegebenen Richtungen 
hin noch weit entfernt ist! 

Der hier unternommene Versuch, die besonders vielfach umstrittene 
Frage der Durchbruchsthalbildung wieder aufzunehmen, findet aufser 
einer genügend vorgeschrittenen geologischen Kenntnis des in Rede 
stehenden Gebietes auch noch einige andere Umstände vor, welche 
die Möglichkeit einer Lösung zu fördern geeignet sind. Dahin gehört 
in erster Linie die tektonische Einfachheit der Gebirgskette, durch 
welche die Durchbruchsthäler führen. Weiterhin kommt als günstiger 
Umstand in Betracht, dafs die Erosion noch nicht so weit abtragend 
gewirkt hat, dafs die Rekonstruktion früherer Verhältnisse unmöglich 
oder hochgradig unsicher würde, und schliefslich ist das Flufssystem 
selbst so einfach und besafs dieselbe Eigenschaft auch in den Zeit- 
räumen, welche für die heutige Entwickelung desselben zur Berück- 
sichtigung kommen müssen, dafe auch der Zusammenhang der Thal- 
bildung mit der geologischen Bildungsgeschichte des Gebietes leicht 
zur Darstellung zu bringen ist. 

Es dürfte in diesem Fall mehr Hoffnung als sonst vorhanden sein, 
dafs es gelingt, unzweideutig die Ursachen und die Bildungsweise 
dieser Durchbruchsthäler durch eine Gebirgskette zu ermitteln und 
daraus dann der Theorie der Flufsdurchbrüche durch ganze Gebirge 
eine Stütze zu geben. Es wird aber immer die geologische Beob- 
achtung die Grundlage bleiben müssen, um zu einem in der Entstehungs- 
geschichte begründeten Ergebnis zu kommen, wo geographische Speku- 
lation glaubt darüber wegeilen zu können. 

Wenn die folgende Untersuchung in einzelnen Punkten eine An- 
regung für den Geologen giebt, auf die besprochenen Fragen auch in 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



3 



anderen alpinen und aufseralpinen Gebieten zu achten und nach 
Kriterien zur Bestimmung der Vergangenheit unserer heutigen Flufs- 
systeme zu suchen, so würde ihr Zweck erfüllt sein. 

I. Einleitung. 

Umgrenzung der Karnischen Voralpen. 

Die Verhältnisse der Thalbildung weisen in den südlichen Teilen 
derVenetianer Alpen Eigentümlichkeiten auf, welche durch ihre Anlage 
und ihren Charakter zu Schlüssen über das Alter und die Entstehungs- 
weise in ausgedehnterem Mafs führen, als dies bei manchen der bis- 
lang studierten Flufssysteme der Fall war. 

Das in Betracht gezogene Gebiet, welches dadurch, dafs auch 
seine allgemeinen geologischen Verhältnisse, wie insbesondere seine 
Tektonik, in neuerer Zeit genauer bekannt geworden sind, geeignet ist, 
von geologischer Grundlage die Fragen der Thalbildung zu erörtern 
umfafst die südliche Randzone der alpinen Ketten der Provinzen 
Belluno und Friaul vom Piave im Westen bis zum Tagliamento im 
Osten mit einer nördlichen Grenze, die durch diesen letzteren Flufs, 
den Passo di Mauria, den Piave und das Becken von Belluno gebildet 
\rird. 

i. Einteilung von A. Böhm. 

Das Gebiet besteht somit aus den Belluncser Hügeln und der 
Premaggiore- Gruppe A. Böhm's 1 ) Es dürfte hier der geeignete Ort 
sein, einige Bedenken gegen die von A. Böhm gegebene Umgrenzung 
und Einteilung der Venetianer Alpen zu äufsern, die zum Teil auch 
schon von Marinelli 8 ) geltend gemacht wurden. Dieselben werden 
in folgende vier Gruppen zerlegt: Belluneser Hochalpen, Belluneser 
Hügel, Sappada- und Premaggiore-Gruppe. Von orographischem sowie 
von geologischem Standpunkt ist gegen die Trennung der Belluneser 
Hochalpen und der von ihnen durch das Becken von Belluno ge- 
schiedenen Belluneser Hügel nichts einzuwenden; ebenso besitzt die 
Sappada -Gruppe im Nordosten eine unverkennbare Selbständigkeit. 
Da aber die langgestreckte Tertiärmulde von Barcis Andreis bis Meduno 
stratigraphisch und tektonisch den Becken von Belluno und des Alpago 
gleichwertig ist, da ferner das Plateau des R. Bosco del Cansiglio nur 
die östliche Fortsetzung des Bergzuges des Col Vicentin, also der 



l ) A. Böhm, Einteilung der Ostalpen. Geographische Abhandlungen von 
A. Penck. Band I, Heft 3. Wien 1887. S. 46z. 

a ) G. Marinelli, Le Alpi Carniche. Nome, limiti, divisioni, nella Storia e 
nella Scienza. Bollettino del Club Alpino Italiano 1887. Vol. XXI, S. 72. 

1* 



4 K. Futterer: 

Belluneser Hügel A. Böhm's ist, so kann als Grund für die Zurechung 
des ganzen Hochplateaus des Cansiglio zur Premaggiore- Gruppe nur 
die tiefe Einsenkung der Querspalten am Lago die Santa Croce (nicht 
Lago di Croce!) in Betracht gekommen sein. Nimmt man aber diese 
Grenze an, so werden in orographischer wie geologischer Hinsicht 
durchaus gleichwertige Gebirgsteile auseinander gerissen und auch der 
Zusammenhang des Tertiärbeckens des Alpago mit dem von Belluno 
durch die so geschaffene Grenzlinie unterbrochen. Die Gruppe der 
Belluneser Hochalpen findet ihre geologische Fortsetzung im nördlichen 
Teil der Premaggiore -Gruppe Böhm's; die erstere wird im Norden 
durch die Valsugana Linie begrenzt; ihr weiterer Verlauf nach 
Osten, wie er später dargestellt wird, entspricht auch der nördlichen 
Grenze der Premaggiore-Gruppe; der Gebirgsteil der Belluneser Hoch- 
alpen hat die Belluneser Bruchlinie als Südgrenze, während die 
Premaggiore-Gruppe in ihrem Umrifs nach A. Böhm noch über die 
östliche Fortsetzung jener wichtigen Dislokationslinie nach Süden 
hinausreicht und die zum Becken von Belluno und der Belluneser 
Hügelzone gehörigen Teile des Alpago und des Cansiglio mitumfafst. 
Den Namen „Belluneser Hügel" hat schon Marinelli bei der Höhe 
und dem orographischen Charakter derselben als unzutreffend bezeichnet 
und dafür „Belluneser Voralpen" vorgeschlagen. Die von Capo di 
Ponte durch das Piave-Thal nach Norden laufende Grenzlinie zwischen 
den beiden Gruppen der Belluneser Hochalpen und der Premaggiore- 
Gruppe ist insofern orographisch berechtigt, als sie — eine Grenze 
niederer Ordnung — ein gröfseres, aber geologisch gleichartiges Gebirgs- 
glied in zwei gleichwertige Teile, die Belluneser Hochalpen und die Pre- 
maggiore-Gruppe, trennt. Die Südgrenze dieser letzteren Gruppe mufs 
aber dann ebenfalls der östlichen Fortsetzung der Belluneser Bruchlinie, 
also dem Nordrand des Alpago, dem Valle Salatis und schliesslich der 
Bruchlinie Barcis-Andreis bis zur Meduna folgen. Wodurch sich diese 
Grenze empfiehlt, soll gleich gezeigt werden, nachdem der Zusammen- 
hang der Höhen des Cansiglio mit denen der sogenannten Belluneser 
Hügel erwiesen ist. Auf die Einheit des geologischen Baues im Cansiglio 
und dem Bergzug des Col Vicentin der Belluneser Voralpen, trotz der 
orographischen Individualisierung des Cansiglio durch den Querbruch 
von Santa Croce, ist schon hingewiesen worden 1 ); dafs auch orographisch 
sich die Höhen im östlichen Teil der Belluneser Voralpen und am 
Westrand des Cansiglio entsprechen, mögen folgende Höhenangaben 



! ) K. Futterer, Die oberen Kreidebildungen der Umgebung des Lago di 
Santa Croce in den Venetianer Alpen. Paläontologische Abhandlungen von Dam es 
und Kays er. Band VI, Heft i. Jena 1892. S. 8 und 64. 



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Durchhruchsthaler in den Süd-Alpen. 



zeigen. Im Westen der Thalschlucht des Lago di Santa Croce und 
Lago Morto liegen die Höhen: Monte Pascolet (1280 m), M. Faver- 
ghera (1613 m), Col Torond (1673 m), Col Vicentin (1765 m) und 
Col Limon (1504 m), denen im Osten M. Costa (13 18 m), M. Miri- 
fret (1579 m), M. Pizzoc (1572 m) und M. Croce (1329 m) gegen- 
überstehen. Die Hochfläche des Piano del Cansiglio hat die durch- 
schnittliche Höhe von 1000 — 1050 m und die Berge des Ostrandes 
entsprechen ungefähr denjenigen des Westens. Col Brombold 1348 m, 
Vetta Paradisa 1391 m, Col Maggior 1238 m, M. Ceresera 1423 m, Col 
Grand 1618 m sind einige derselben, und nur im Nordosten, im Ge- 
biTgsstock des Monte Cavallo, der, soweit er aus Kreide besteht, noch 
zu diesem Massiv des Cansiglio zu rechnen wäre, kommen Höhen von 
über 2000 m vor. Querspalten wie diejenigen am Lago di Santa Croce 
kommen noch mehrfach in dem hauptsächlich aus Kreidegesteinen 
bestehenden Bergzug der Belluneser Voralpen vom Piave bis zur 
Ebene Friauls vor, nur mit dem Unterschied, dafs ihre orographische 
Bedeutung, die bei den ersteren durch die Flufs-Erosion des früheren 
Piave -Laufes noch vergröfsert wurde, nicht so grofs wie die der 
genannten Querbrüche ist. 

Scheidet man schon die zwischen der Belluneser Tertiärmulde und 
der oberitalienischen Ebene gelegene Gebirgskette unter einem be- 
sonderen Namen vom Hauptgebirge ab, so verlangt die Konsequenz 
auch Trennung der südlich der Belluneser Bruchlinie und östlich vom 
Piave gelegenen Gebirgsteile , nachdem einem derartigen durch die 
geologischen und tektonischen Verhältnisse geforderten Vorgehen keine 
anderen Bedenken entgegenstehen. Die neu zu ziehenden Grenzlinien 
im Süden der Premaggiore-Gruppe Böhm's wie im Osten der bisherigen 
Gruppe der Belluneser Voralpen sind ebenso einfache und leicht auf- 
zufindende, wie es die bisherigen waren, welche aber mit der geolo- 
gischen Zusammengehörigkeit der einzelnen Gebiete im Widerspruch 
standen. 

Nach dem Gesagten ist die Gruppe der Belluneser Voralpen nach 
Osten über die Spalte von Santa Croce auszudehnen ; sie mufs die 
Kreidegebiete des Cansiglio mit umfassen und findet einen natürlichen 
Abschlufs durch den Gebirgsabfall im Osten nach der Tiefebene 
Friauls hin. Dieser Steilrand wird durch die gTofse Bruchlinie von 
Aviano gebildet, welche bei Meduno, wie aus der Besprechung der 
Tektonik hervorgehen wird, in Verbindung mit der östlichen Ver- 
längerung der Belluneser Bruchlinie tritt, die hier Frattura periadriaiica 
oder Bruchlinie von Barcis-Starasella genannt wird. 

Da an dieser letzteren Dislokationslinic die natürliche Südgrenze 
der Premaggiore-Gruppe liegt, so ergiebt sich die Nordgrenze des 



K. Futterer: 



Kreidegebirges des Cansiglio von selbst, indem sie dieser Linie von 
der Meduna an bis westlich von Barcis folgt, dann an einem der 
Querbrüche im Stock des Monte Cavallo nach Süden verläuft, bis 
sie durch die Verwerfung des Valle Salatis und am Nordrand des 
Beckens von Alpago die ost-westliche Richtung wieder aufnimmt. Der 
Monte Cavallo selbst fällt noch dem Kreidegebirge zu, und nach ihm, 
als dem dominierenden Gipfel, mag diese Gruppe benannt sein. Die 
älteren Trias- und Jura-Bildungen des Monte Caulana kommen somit 
noch, wie es auch ihr natürlicher Verband verlangt, der Premaggiore- 
Gruppe zu, während die Kreideplateaus im Osten des Monte Cavallo 
und die Kreideberge zwischen der Linie Barcis-Starasella bis zum 
Monte S. Lorenzo bei Maniago noch der südlicheren Gruppe ange- 
hören müssen, für die aber dann in dieser Ausdehnung der Name der 
Belluneser Voralpen nicht mehr zutreffend ist. Für den ganzen Ge- 
birgszug vom Piave bis zur Meduna, der hauptsächlich aus Kreide- 
gesteinen besteht und südlich von der Belluneser Bruchlinie und ihrer 
östlichen Fortsetzung der periadriatischen Bruchlinie Barcis-Starasella 
liegt, wäre der auch von den italienischen Geologen gebrauchte Name 
„Venetianer Voralpen" der geeignete, wenn nicht Marinelli den Namen 
Venetianer Alpen auf die Gebirgsteile westlich vom Piave und der 
Thalschlucht von Capo di Ponte bis Vittorio-Serravalle beschränkt 
wissen wollte; für den Teil westlich vom Thal von Santa Croce mag der 
Name Belluneser Voralpen bleiben, wenn man die östliche Gruppe die 
des Monte Cavallo nennen will und dabei sich bewufst bleibt, dafs die 
Belluneser Voralpen die westliche Fortsetzung dieser letzten Gruppe 
bilden. Diese Trennung entspricht dann der Piave-Grenze zwischen 
Belluneser Hochalpen und Premaggiore-Gruppe und wie der ersteren 
die Belluneser Voralpen, so liegen der letzteren die Berge der Cavallo- 
Gruppe vor. Bei der geringen Ausdehnung der Becken des Alpago 
und der Tertiärmulde von Barcis-Andreis ist deren selbständige Ab- 
trennung, entsprechend dem Becken von Belluno, nicht zu empfehlen. 

2. Einteilung von G. Marinelli. 

Bedenken ähnlicher Art hatte schon bald nach dem Erscheinen 
von A. Böhm's Einteilung der Ostalpen G. Marinelli 1 ) geltend ge- 
macht; allerdings war er auf Grund seiner sehr sorgsamen historischen 
Studien und seiner grofsen Kenntnis der südöstlichen Alpen teils zu 
anderen Umgrenzungen, teils auch zu anderer Bezeichnung gekommen, 
die sich auf Böhm'sVenetianer, Karnische und Julische Alpen erstrecken. 
So interessant seine Ausführungen auch sind, so müssen wir uns des 

>) A. a. O. S. 72. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



7 



Raumes wegen darauf beschränken, die Unterschiede der hier vertretenen 
Einteilung mit der des italienischen Geographen in dem engeren Ge- 
biet der Belluneser und Karnischen Voralpen zur Sprache zu bringen. 
Marinelli ist geneigt, die Bedeutung des geologischen Faktors, den 
A. Böhm bei seiner Einteilung mit berücksichtigt hatte, zu Gunsten 
des morphologischen Prinzips in zweite Linie zu setzen, wie denn 
auch die von ihm vorgeschlagene Einteilung in den südlichsten Teilen 
seiner Karnischen Voralpen keine Rücksicht auf die geologischen Ver- 
hältnisse nimmt. Im anderen Fall hätte der nördliche Teil der Gruppe 
des Monte Cavallo, so weit er nördlich des Beckens von Alpago und 
des Valle Salatis liegt, nicht von den Clautaner Voralpen (immer im 
Sinn Marinelli's) getrennt werden dürfen, da doch diese Teile nicht 
nur geologisch, sondern auch physiognomisch zu einander gehören. 
Zu weit darf natürlich die Einteilung auf rein geologischer Basis auch 
nicht geführt werden, und wenn Marinelli Böhm vorwirft 1 ), die 
Kreideberge der südlichen Randkette um die Ebene von Friaul nicht 
als eine Untergruppe behandelt zu haben, so liegt eben hier ein Fall 
vor, wo wenigstens für den von der Meduna östlich gelegenen Teil 
die Verschiedenheit der geologischen Grundlage nicht mehr in der 
Oroplastik so weit genügend zum Ausdruck kommt, dafs eine Grenze 
auch von diesem Gesichtspunkt aus in die Augen fällt ; bis zur Meduna 
ist dies der Fall durch die nördlich von der cretaceischen Vorkette 
von Barcis über Praforte bis an die Meduna verlaufende Depression, 
welche hier auch als Nordgrenze der Gruppe des Monte Cavallo vor- 
geschlagen wurde. 

Was die übrige Einteilung Marinelli's anbelangt, so sind seine 
Karnischen Voralpen identisch mit A. Böhm's Gruppe des Monte Pre- 
raaggiore, und für die „Sappada-Gruppc" des letzteren Autors wird 
nur ein anderer Name, „Alpi Gortane", vorgeschlagen und diese ganze 
Gruppe noch zu den eigentlichen Karnischen Hauptalpen und zwar 
deren südlichem Teil oder den „Alpi Tolmezzine" zugerechnet; diese 
Gebiete fallen aber schon aufserhalb des Rahmens unserer Besprechung. 
Der Name „Premaggiore- Gruppe", schon von Sonklar eingeführt, 
bleibt nach Abtrennung der Gruppe des Monte Cavallo für den Rest 
der Karnischen Voralpen Marinelli's und ist hier in dem Sinn ver- 
wendet, dafs die Gruppe des Monte Cavallo, also alles südlich der 
Belluneser Bruchlinie gelegene Gebiet bis zur Meduna, nicht mit ein- 
begriffen ist. Die Premaggiore-Gruppe zusammen mit der Cavallo- 
Gruppe bildet dann die Karnischen Voralpen im Sinne von Marinelli. 
Dieser Autor versuchte auch die Karnischen Voralpen m Unterab- 



l ) A. a. O. S. 131. Anmerkung. 



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K. Futterer: 



teilungen zu bringen, in südwestliche und in nordöstliche oder Prealpi 
Tramontane und die letzteren wieder in zwei Abteilungen, wie es scheint 
nur aus dem hier angegebenen Grunde: „Ques/o gruppo, a mio awiso, 
sarebbe troppo vasto per non richiedere una divisione in due sottogruppi." 

Die einzige tiefer begründete Abteilung, die südwestlichen Kar- 
nischen Voralpen oder Gruppe des Monte Cavallo oder auch Catena 
Lapisina, ist nach der hier gegebenen Begrenzung der Premaggiore- 
Gruppe schon als selbständiger Teil neben die letztere gestellt worden, 
und einer weiteren Einteilung dieser letztern in einen westlichen Teil, 
die Clautaner Voralpen, und einen östlichen, die Voralpen des Arzino, 
kann lediglich ein sehr untergeordneter Wert beigemessen werden, da 
sie weder morphologisch noch geologisch begründet ist. Wie man 
solche Grenzen legen will, ergiebt sich nach dem praktischen Be- 
dürfnis, und andere Autoren, z.B. Ferrucci 1 ), sind diesen Einteilungen 
gefolgt; doch tritt in dessen Beschreibung der Clautaner Voralpen 
weder der Charakter der Thalbildung noch die Hauptanordnung 
der Gebirgszüge, die etwa von Westen nach Osten läuft, klar hervor. 

3. Zusammenfassung. 

Fafst man diese Darstellungen zusammen, so ergiebt sich für die 
Venetianer Alpen im Sinne A. Böhm's zunächst eine östliche Abgrenzung 
mit dem Piave, der Bruchlinie von Santa Croce und dem Quer-Thal 
bis Vittorio - Serravalle. Sie zerfallen in die Belluneser Hochalpen 
zwischen Valsugana- und Belluneser Bruchlinie, von den Belluneser 
Voralpen durch das Tertiärbecken und die Mulde von Belluno ge- 
trennt; jeder dieser beiden Gruppen entsprechen zwei ihnen völlig 
gleichwertige Gebirgs-Gruppen östlich von der Grenzlinie der Vene- 
tianer Alpen und zwar den Belluneser Hochalpen die Premaggiore- 
Gruppe ; den Belluneser Voralpen die Gruppe des Monte Cavallo. Den 
Venetianer Alpen im ganzen entsprechen die Karnischen Voralpen. 

Die Umgrenzungen sind folgende, wenn man die Bemängelungen 
Marinelli's hinsichtlich einiger nicht genau genug von A. Böhm ange- 
gebenen Grenzen berücksichtigt (S. Tafel 1.) 

A. Westlich vom Piave, I.ago di Santa Croce und Meschio. 

Venetianer Alpen. 
(Venetianer Alpen von A. Böhm. p. p.). 

Grenzen im Norden: Castelnuovo, Strigno, Pradellan, Sattel N. v. 
Silana, Val Folva, Malga Orenna, A. Cavallara, Val Sternozzena, Val 

') A. Ferrucci, Le Prealpi Clautane. Bollcttino del Club Alpino Italiano per 
l'anno 1891. Torino 1891. Vol. XXV, 8.164. 



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Durchbrucfasthäler in den Süd-Alpen, 



0 



I.unga, Canale San Bovo, Gobbera, Imer, Cismone bis Fiera di 
Primiero, Passo di Coreda, Torrente Mis, Vallalta, Val Imperina, Agordo, 
Torrente Bordina, St. Michele di Valle, Moscosin Pass, Val Pramper, 
Forno di Zoldo, Torrente Cervegna, Forcella Cibiana, Val Cibiana, 
Valle, Pieve di Cadore. 

Im Osten: Piave bis Capo di Ponte, Fiume Rai, Lago di Santa 
Croce, Lago Morto, Torrente Meschio bis Vittorio-Serravalle. 

Im Süden : Venetianer Ebene von Vittorio über Conegliano bis 
Cornuda. 

Im Westen: Cornuda, Valdobbiadene, Piave bis Feltre, Arsie, Col 
de Barchi, Val Sugana bis Castelnuovo. 

i. Belluneser Voralpen. 
(Belluneser Hügel von A. Böhm.) 

Grenzen im Norden: Feltre, Lentiai, Villa di Villa, Val Maor, St. 
Isidoro, Tassei, Cirvoi, Capo di Ponte. 

Im Osten: Fiume Rai, Lago di Santa Croce, Lago Morto, Tor- 
rente Meschio bis Vittorio-Serravalle. 

Im Süden: Venetianer Ebene von Vittorio über Conegliano bis 
Cornuda. 

Im Westen: Cornuda- Valdobbiadene, Piave bis Feltre. 

2. Becken von Belluno (A. Böhm). 

Grenzen im Nordwesten und Norden: Feltre, Pedevena, Lusa, 
Cesiomag, St. Gregorio, Maras, Sospirolo, St. Giuliana, Tisoi, Sopra 
Groda, Fiammoi, Capo di Ponte. 

Im Osten und Süden : Sossai, Cirvoi, Tassei, S. Isidoro, Val Maor, 
Villa di Villa, Lentiai, Feltre. 
« 

3. Belluneser Hochalpen. (A. Böhm.) 

Grenzen im Norden: längs der Valsugana-Linie wie oben die 
nördliche Begrenzung der Venetianer Alpen. 
Im Osten: Piave bis Capo di Ponte. 

Im Süden: Capo di Ponte, Fiammoi, Sopra Croda, Tisoi, Peron, 
St. Giuliana, Sospirolo, Maras, St. Gregorio, Cesiomag, Lusa, Pedevena, 
Feltre. 

Im Westen: Arsie, Col de Barchi, Val Sugana bis Castelnuovo. 

B. Östlich vom Piave, Lago di Santa Croce und Meschio. 
Karnisohe Voralpen. (Marinelli.) 
(Premaggiore-Gruppe von A. Böhm.) 

Grenzen im Norden: Rio Mauria, Passo del Mauria, Tagliamento. 



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10 



K. Futterer: 



Im Osten : Tagliamento bis zur Einmündung in die Ebene Friauls. 
Im Süden: Die Ebene Friauls bis zum Meschio. 
Im Westen: Torrente Meschio, Lago Morto, Lago di Santa Croce, 
Fiume Rai, Piave bis zur Einmündung des Rio Mauria. 

i. Gruppe des Monte Cavallo. 
(Premaggiore-Gruppe von A. Böhm p. p., Gruppe des Monte 

Cavallo, Marinelli p. p.) 

Grenzen im Westen : Von Capo di Ponte der Fiume Rai, Lago di 
Santa Croce, Lago Morto, Torrente Meschio. 

Im Süden und Osten: Ebene von Friaul von Vittorio-Serravalle 
über Aviano und Maniago bis zur Meduna; Meduna bis zur Ein- 
mündung des Torrente Moje. 

Im Norden: Torrente Moje bis Poffabro, Andreis, Barcis, Torrente 
Caltea, Valle Salatis, Nordrand des Beckens von Alpago bis Capo di 
Ponte. 

2. Premaggiore-Gruppe. 
(Premaggiore-Gruppe von A. Böhm p. p., Prealpi Tramontane, 

Marinelli.) 

Grenzen im Westen: Von Capo di Ponte bis zum Rio Mauria der Piave. 

Im Norden : Rio Mauria, Passo del Mauria und Tagliamento. 

Im Osten: Tagliamento bis zur Einmündung in die Ebene Friauls. 

Im Süden: Die Ebene von Friaul von der Einmündung des Tag- 
liamento bis zur Meduna, Torrente Moje bis Poffabro, Andreis, Barcis, 
Torrente Caltea, Valle Salatis, Nordrand des Beckens von Alpago bis 
Capo di Ponte. 

Die Grenze zwischen dem westlichen Teil, den Clautaner Vor- 
alpen oder der Gruppe Cridola-Raut und den Voralpen des Arzino 
oder der Gruppe Valcalda-Verzegnis-San — Simeone wird durch die 
Meduna, Rio Vierria, Forca di Tramonti und Rio Stanghis gebildet. 

Das Becken des Alpago ist als östliche Fortsetzung des Beckens 
von Belluno an dieses anzuschliefsen. 

Es bedarf noch der Bemerkung, dafs mit der östlichen Abgrenzung 
der Gruppe des Monte Cavallo bei Meduno die geologisch noch zu 
denselben gehörigen Kreideberge zwischen der Meduna und dem 
Tagliamento von dieser ausgeschlossen sind und noch der Premaggiore- 
Gruppe zugezählt werden; es kommt hier aber der Umstand in Be- 
tracht, dafs sich diese Berge, trotz der nördlich von ihnen verlaufenden 
periadriatischen Bruchlinic, viel enger an das nördlich folgende tri- 
adische und jurassische Bergland anschliefsen und auch an einem 
Querbruch weiter nach Norden vorgerückt sind, so dafs eine so 
natürlich in den orographischen Verhältnissen begründete Grenzlinie, 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



11 



wie dies entlang der tiefen Depression von Barcis bis Meduno der Fall 
war, sich nicht auffinden läfst 

In Folge dieses Umstandes sowohl, wie durch die älteren Gesteine 
(Untere Kreidebildungen oder Trias der Arzino-Schlucht oder Tithon 1 ) 
auf dem Monte di Prat (etwa 700 m) westlich vom Tagliamento zeigt sich 
ein engerer Zusammenhang mit den südlichsten Teilen der Premaggiore- 
Gruppe und ein Unterschied gegenüber dem Kreidegebiet westlich 
von der Meduna, wodurch ihre Abtrennung von der Gruppe des Monte 
Cavallo noch mehr gerechtfertigt wird. Immerhin müfsten sie, wenn 
nur rein geologische Grundsätze für die Gebirgseinteilung mafsgebend 
wären, der letzteren Gruppe angereiht werden. 

Nach diesen Verhältnissen sind auch die Ausführungen Th. Fischer's 
richtig zu stellen, der angiebt 2 ): Ostwärts vom Bosco del Cansiglio 
verschmälert sich der Kreidekalkzug immer mehr; orographisch setzt 
sich dieser Voralpengürtel in einem west-östlich mehr aus triasischen 
Dolomiten und Jurakalken bestehenden Zug fort, den wir wohl nach 
seiner höchsten Erhebung als Premaggiore-Alpen (2476 m) bezeichnen 
können." 

Der Voralpen-Gürtel hat ostwärts vom Cansiglio ausschliefslich 
orographisch und geologisch seine Fortsetzung in den Kreidebergen 
südlich der periad riatischen Bruchlinie; die Bedeutung der letzteren 
kann nicht so weit ignoriert werden, dafs man über sie hinweg ganz 
inkongruente Teile in Zusammenhang setzt. 

n. Stratigrapbisohe Übersicht 

Innerhalb dieser Umgrenzung der Karnischen Voralpen sind nur 
mesozoische und känozoische Sedimente am Aufbau des Gebirges be- 
teiligt und zwar die ersteren erst von der oberen Trias ab. Zur 
Orientierung mag hier über die für die Herausbildung der Oroplastik 
nicht unwesentliche Zusammensetzung der einzelnen Formationsglieder 
von der oberen Trias ab das Folgende bemerkt werden. 

Trias: Wenn man von den nur am Nordrand unseres Gebietes, 
längs des Oberlaufes des Flusses Tagliamento auftretenden mergeligen 
und kalkigen Bildungen der Raibier Schichten absieht, so stellt der 
Hauptdolomit die älteste und mächtigste Gebirgsart dar, aus welcher 
die Hauptmasse des Gebirges besteht. Es ist wenigstens eine Angabe 



l ) A. Tellini, Descrizione geologica della tavoletta „Majano" nel Friuli. 
,M Alto" Cronaca della Societa Alpina Friuliana. Anno III. No. 2. 3. 4. Udine 
1891. S. 61, 

a ) Th. Fischer, Länderkunde der drei südeuropäischen Halbinseln. Wien, 
Prag nnd Leipzig, 1893, S. 379. 



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VI 



K. Futterer: 



von Teilini 1 ), der gewisse kalkige und dolomitische, dünngeschichtete, 
etwas bituminöse Schichten in der Thalschlucht des Arzino zwischen 
Pert und Anduins zum „Piano Lariano" rechnet, noch nicht genügend 
sichergestellt. In diesem Horizont des Arzino-Thales wurden noch 
keine Versteinerungen gefunden, und ebensowenig ist deren tektonisches 
Verhältnis zu den sicher konstatierten Rudistenkalken der oberen Kreide, 
die an jener Stelle auftreten, bekannt ; es scheint, dafs diese Kalke nur auf 
Grund ihrer petrographischen Ähnlichkeit mit den an anderen Orten 
Friauls über den typischen, durch Versteinerungen charakterisierten 
Raibier Schichten auftretenden bituminösen Kalken der larianischen 
Stufe identifiziert wurden, während es nicht ausgeschlossen und jeden- 
falls näher liegend erscheint, in ihnen Äquivalente der tieferen Kreide- 
stufen zu vermuten, wie dies denn auch an anderer Stelle schon ge- 
schehen ist 2 ). 

Wie dem nun auch sei, bei dem unwesentlichen Anteil, der diesen 
Kalken an der geologischen Zusammensetzung des Gebietes zufällt, 
können wir diese Frage offen lassen und uns zur Besprechung des 
Charakters der über dem Piano Lariano folgenden Bildung wenden, die 
wir, bei dem Fehlen der heteropischen Kössener Schichten, nicht in 
Hauptdolomit und Dachsteinkalk zerlegen, sondern mit Taramelli als 
Hauptdolomit bezeichnen. 

Ein Blick auf die geologische Karte Friauls von Taramelli zeigt, 
dafs mit Ausnahme der südlichsten Bergkette der Hauptteil des für 
unsere Besprechung in Betracht kommenden Gebirgslandes durch die 
festgefügten, strukturlosen, massigen Gesteine des Hauptdolomits ge- 
bildet wird, dafs nur in dessen am höchsten emporragenden Kämmen 
und Gipfeln jurassische Bildungen den verschiedenen Altersstufen vom 
Lias bis zum Tithon angehörig konkordant aufgelagert sind, während 
die ganz jungen mergeligen Gebilde von Tertiär und Scaglia nur in 
einigen an Dislokationen liegenden Depressionen auftreten. Für die 
Herausbildung des hydrographischen Netzes sind daher diese Dolomite 
der oberen Trias von gröfster Wichtigkeit, und durch ihren Charakter 
ist die heutige Bodenplastik in erster Linie beeinflufst. 

Nach Pirona :1 ) ist aufser am Monte Canin und Monte Amariana in 

') A. Tellini, Descrizione geologica della Tavoletta „Majano" in Friali. 
Estratto dal giornale „In Alto." Cronaca della Societä Alpina Friulana. Anno III. 
No. », 3, 4. Udine 1892. S. 13. 

2 ) K. Futterer, Die Gliederung der oberen Kreide in Friaul. Sitzungs- 
berichte der Kg). Preufsischcn Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Sitzung 
der math.-physik. Klasse vom z6. Oktober. 1893- XL, S. 147. 

s ) G. A. Pirona, Schizzo geologico della provincia di Udine. Bollettino del 
R. Comitato Geologico d'Italia. 1887. Vol. VIII, S. 114. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



13 



dem in Frage stehenden Gebiet am Monte Verzegnis der Hauptdolomit 
mit Megalodon von den Dolomiten des Infralias durch ihre Fossilführung 
mit Conchodon infraliasicus zu trennen; dem ersteren wären auf dem 
rechten Tagliamento-Ufer die unteren Teile der Gebirgsmassen längs 
des Arzino, der Meduna und der Cellina zuzurechnen. 

Gegenüber den Dolomiten der älteren Triasglieder sind diejenigen, 
welche über den Raibier Schichten folgen, immer durch mehr oder 
weniger ausgeprägte Schichtung ausgezeichnet, ein Unterschied, der 
nicht nur im Gebiet von Friaul, sondern auch in Süd-Tirol die älteren 
und jüngeren triadischen Dolomit- und Kalkmassen charakterisiert. 
Die Mächtigkeit des gesamten Dolomits über den Raibier Schichten 
bis zu der nicht überall festzustellenden Grenze des Lias wird von 
Taramelli*) in den venetianischen Gebieten höchstens auf 800 m ge- 
schätzt; man findet zwar ab und zu Versteinerungen, insbesondere 
Steinkerne von Megalodus, die aber mit Kalkspatkrystallen überzogen 
und auch an sich nicht zur genaueren spezifischen Bestimmung geeignet 
sind. Während in den unteren Teilen noch bituminöse Dolomite vor- 
kommen, wechseln auch in höheren Lagen mehr kalkige mit dolomit- 
reicheren Lagen, und verschiedene Anzeichen sprechen dafür, dafs die 
Bildung dieses Schichtkomplexes nicht als eine kontinuierliche Tiefsee- 
bildung entstanden ist, sondern dafs während ihrer Bildungszeit auch 
vertikale Bewegungen des Meeresspiegels stattfanden. Dahin gehört 
unter anderem der Kohle und Lignit führende Horizont, der in den 
Gebieten von Longarone und Claut nicht weit unter der Liasgrenze 
liegt. 

Jura. Der Übergang der Trias in die jurassische Serie ist so 
wenig markiert, dafe bei dem meist vollständigen Fehlen von Versteine- 
rungen der rhätischen Stufe, erst solche der oberen Lias-Horizonte über 
das Alter Aufschlufs geben; es kommen oolithische und auch kiesel- 
führende Schichten vor, über welchen aber meist schon die Faunen des 
weifsen Jura und des Tithon folgen, da die dazwischen liegenden Jura- 
Horizonte sehr selten mit Versteinerungen gefunden werden. Eine Be- 
merkung verdient der Umstand, dafs schon im Jura, wie später in der 
Kreide, ein Unterschied der jurassischen Sedimente beiderseits des Piave 
vorhanden ist, sowohl was ihren Charakter, als was ihre Mächtigkeit 
anbelangt. Die höheren Jura-Schichten werden von Kalken gebildet, 
die reich an Kieselknollen und kieselführenden Lagen sind; meist sind 
sie ganz fossilfrei und scheinen in gleicher Gesteinsbeschaffenheit auch 



8 ) Taramelli, Geologia delle Provincie Venete. 188*» S. 107. Memorie 
dclla R. Accademia dei Lincei. Anno CCLXXIX. 1881-82. Memorie della 
Classe di Scienzc fisiche, matematicbe e naturali. Serie lila. Vol. XIII. 



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14 



K. Futterer: 



noch die untere Kreide zu vertreten. An einzelnen Stellen unseres 
Gebiets, z. B. im Valle Vieilla nördlich von Tramonti, treten sehr 
Crinoidenreiche, Feuerstein führende Kalke in ziemlicher Mächtigkeit 
unter rötlich gefärbtem Ammoniten-Kalk des Kimmeridge auf; durch 
die Rhynchondla variabilis, die sie enthalten, wird ihr Alter sichergestellt. 
Diese Kalke, wie auch die noch folgenden der jüngeren Jura- und 
Tithon-Perioden, nehmen an der Zusammensetzung unseres Gebietes 
nur in den Kamm- und Gipfelregionen der höheren Bergzüge Teil, wo 
durch sie, wie z. B. am Monte Ricittume und Monte Fratta, die steilen, 
fast senkrechten Abstürze auf der Südseite zum Teil gebildet werden. 
Den abtragenden und erodierenden Kräften gegenüber scheint ihnen 
eine gröfsere Widerstandskraft innezuwohnen als selbst den massiven 
Dolomiten der oberen Trias. Etwas andere Ausbildung kommt im 
Gebirgsstock des Monte Cavallo vor, wo eine dolomitische, koralligene 
Facies das untere Tithon und den oberen Jura vertritt. 

Kreide. Ob und in wie weit die untere Kreide in den Voralpen 
Friauls von der Cellina bis zum Tagliamento vertreten ist, haben erst 
künftige Forschungen zur Entscheidung zu bringen. Am Monte Cavallo, 
wo die vollständigste Schichtfolge vom Tithon bis ins Senon vorhanden 
ist, gehören der unteren Kreide graue Kalke von 300 m Mächtigkeit 
mit spärlichen Caprotinen an. Bei dem gänzlichen Mangel an leiten- 
den Versteinerungen geht eine Auffassungsweise dahin, dafe gewisse 
graue und braune, stellenweise bituminöse Kalke der Thalschlucht des 
Arzino — ebendieselben, die von Tellini als wahrscheinlich der Trias 
angehörig bezeichnet werden — möglicherweise mittlere oder untere 
Kreide vertreten 1 ). 

Pirona 2 ) deutet die Verhältnisse so, dafe die Arzino-Schlucht die 
ganze Mächtigkeit der Kreide bis auf den diskordant darunter liegen- 
den Dolomit durchschnitten habe; er macht aber keine Angaben, welche 
Beschaffenheit die der unteren Kreide zuzurechnenden Schichten haben 
sollen. 

Ferner wurden von Taramelli zum Teil sicher der oberen Kreide 
angehörige Kalke unseres Gebietes noch als untere oder mittlere 
Kreide auf der geologischen Karte von Friaul eingetragen. Jedenfalls 
steht soviel fest, dafs Gesteine der unteren Kreide vom Charakter des 
Biancone, wie man sie noch in geringer westlicher Entfernung zwischen 



*) K. Futterer, Die Gliederung der oberen Kreide in Friaul. Sitzungs- 
berichte der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Sitzung 
der mathematisch-physikalischen Klasse vom 6. Oktober 1893. XL. S. 870. 

2 ) Pirona, Schizzo geologico della provincia di Udine. Bolletino del 
R. Comitato Geologico d'Italia. 1877. Vo1 - vm - s - »*8- 



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Durchbruchsthiler in den Süd-Alpen. 



15 



Piave und dem Alpago antrifft, in den Vorketten der Karnischen Vor- 
alpen, an deren Aufbau vorherrschend Kreide beteiligt ist, gänzlich 
fehlen; und ob derartige Kalke in konkordanter Lagerung und mit 
gleichem Gesteins-Charakter auf einem der höheren Berge noch über 
dem sonst ähnlich entwickelten Tithon vorkommen, kann erst das Auf- 
finden von unzweifelhaften Neocom-Fossilien darthun. So lange sie noch 
fehlen — und bis jetzt ist von einem derartigen Fund noch nichts aus 
dieser Gegend bekannt geworden — wird man an dem Auftreten der 
unteren Kreide hier zweifeln dürfen. Wenn auch nach den überein- 
stimmenden Angaben verschiedener Geologen am Monte Cavallo bei 
Polcenigo eine ununterbrochene koralligene Facies vom Tithon bis in 
die obere Kreide reicht, so scheint doch das ebenfalls mehrfach be- 
stätigte Vorkommen von pflanzenführenden Schichten in einer etwa der 
mittleren Kreide angehörigen Zone einen Hinweis zu geben, in welcher 
Weise jene auffallende Erscheinung erklärt werden kann. Denn auf- 
fallend wäre es in der That, wenn zwischen Cellina und Tagliamento 
die untere Kreide überhaupt nicht zur Ablagerung gekommen wäre, 
wo sie doch sowohl westlich davon wie östlich am Isonzo in mariner 
Entwickelung auftritt. Wenn nicht eine durch die pflanzen führenden 
Schichten angedeutete Unterbrechung der Schichtfolge vor der mittleren 
Kreideperiode statthatte, so müssen die betreffenden Ablagerungen einer- 
seits unter den mittleren und oberen Kreidekalken verdeckt und fast 
überall dem Auge entzogen, andererseits aber über den Tithonkalken 
der Erosion zum Opfer gefallen sein. Östlich vom Tagliamento sollen 
aber nach Taramelli bei Venzone, am Monte Maggiore und Monte 
Stole noch homogene, mehr oder weniger chloritische Kalke über den- 
jenigen des Kimmeridge liegen, die er als Neocom zu deuten neigt, 
wodurch die oben ausgesprochene Ansicht einen weiteren Stützpunkt 
gewinnt. 

Die 800 — 900 m mächtigen, hellen, oft nur undeutlich geschich- 
teten Kalke, aus welchen die Vorkette meist und zum gröfsten Teil 
besteht, gehören schon zur mittleren und oberen Kreide. Die fast 
ganz gleichmäfsigen Rudistenkalke enthalten in verschiedenen Hori- 
zonten Versteinerungen; nach Taramelli würde der unterste Horizont 
mit Capriniden noch dem Cenoman angehören und die darüber 
liegenden Kalke das Turon und wohl auch noch einen Teil des Senon 
vertreten, dessen oberste Schichten durch Scaglia-Mergel und -Kalke 
gebildet werden. 

Für die Oroplastik und die physiognomische Beschaffenheit der 
Berge und Hochplateaus sind diese Rudistenkalke, deren Gesamt- 
mächtigkeit von Teilini im Bereich des Kartenblattes Majano auf 
etwa 600 m angegeben wird, von grofser Wichtigkeit, und für die Bil- 



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lti 



K. Futterer: 



dung der Thäler in denselben wird auf ihre massige, subkrystalline 
Beschaffenheit zurückzukommen sein. Sie sind die Träger der Karst- 
erscheinungen, welche vom Hochplateau des Cansiglio an in typischer 
Entwickelung bis zu den Öden Höhen mit Dolinen und Schründen 
westlich vom Tagliamento im Kreidegebiet vorkommen. Die kahlen, 
an der Oberfläche karrenfeldartig ausgewaschenen Kalkflächen, die 
Dolinengruppen, die Wasserarmut des Gebietes, welche durch die 
zahllosen, tief ins Innere reichenden Spalten und Klüfte verursacht 
wird, das niedrige, kümmerliche Buschwerk und die grofse Armut an 
Siedelungen erinnern an die Kreidegebiete im Karst und an der dal- 
matinischen Küste; nur die herrlichen Wälder des Bosco del Can- 
siglio sind noch Zeugen der Vegetation, welche einst auch hier wie in 
Istrien selbst diese jetzt so unwirtlichen Berghöhen bedeckte, ehe sie 
durch die Hand des Menschen zerstört wurde. Der Verwitterung und 
Erosion setzen diese Rudistenkalke offenbar einen sehr starken Wider- 
stand entgegen, denn ausnahmslos haben die Thäler steile, fast senk- 
rechte Wände, die noch nicht durch die Thätigkeit der Atmosphärilien 
und des fliefsenden Wassers abgeböscht sind. Indessen wird die Ent- 
stehung der zahlreichen Dolinen von Teilini auf die auflösende Wir- 
kung der von der Vegetationsdecke zurückgehaltenen Regenwässer zu- 
rückgeführt; diese, welche aufeer Kohlensäure auch organische Säuren 
enthalten, lösen den unmittelbar darunter befindlichen Kalk, bis in Folge 
des entstandenen leeren Raumes ein Nachsinken der vegetabilischen 
Decke stattfindet, und durch das Weitergehen dieses Prozesses eine Er- 
weiterung und Vertiefung dieser Hohlräume eintritt. Zu den Vorbe- 
dingungen gehören hier Spalten und Risse, die tief durch die Kreide- 
massen gehen, und die durch die Aufwölbung der Antiklinalen und die 
damit in Verbindung stehenden Kontinuitäts-Unterbrechungen entstanden 
sind. Ohne hier auf die grundsätzliche Frage der Entstehung der Dolinen 
einzugehen 1 ), sei nur angeführt, dafs man Hohlräume tief im Herzen des 
Gebirges, die wohl auf unterirdisch erodierende Wasser zurückzuleiten 
sind, mehrfach, z. B. in der Colvera-Schlucht, beobachten kann, und 
dafs ihre Rolle für die Vertiefung von Flufsläufen der Oberfläche und 
für die Entstehung von Einsturztrichtern nicht zu unterschätzen ist. 
An vielen Orten ist zudem die ganze Masse der Kalke unter irgend 
welchen Winkeln gegen die Schichtung aufserordentlich zerklüftet und 
entlang diesen Kluftflächen in sich verschoben; derartige Zerklüftungen 
gehen in ihren Abmessungen bis zu ganz kleinen Haarspalten herab, 



') Eine ausführliche Behandlung der das sogenannte Karstphänomen bildenden 
Erscheinungen gab Cvijic, Das Karstphänomen. Geographische Abhandlungen; 
herausgegeben von A. Penck in Wien. Band V, Heft 3, 1893. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



17 



so dafs es oft nicht gelingt, ein Handstück zu schlagen, das nicht zer- 
klüftet wäre; natürlich finden durch derartiges Gestein alle Nieder- 
schläge an der Oberfläche sofort eine Ableitung nach dem Innern. 

Die Scaglia und ebenso auch das Eocän besteht demgegenüber 
aus einer nicht sehr mächtigen Schichtfolge, die für die Erosion sehr 
leicht zerstörbar ist. Die noch auf dem Cansiglio und im Gebiet von 
Belluno entwickelte untere Scaglia von härterem und mehr kalkigem 
Typus, scheint in Friaul noch mit durch die obersten Zonen der Ru- 
distenkalke, den Radioliten-Horizont, vertreten zu sein; die mergelige, 
fast immer rot gefärbte obere Scaglia führt zuweilen kleinere Kalk- 
oder Kalkmergel-Bänke, sowie linsenförmige Einlagerungen derselben; 
aber eine gröfsere Verbreitung und Mächtigkeit erlangen dieselben nie. 
Ihrer Zusammensetzung nach sind diese Mergel und Mergelkalke schon 
sehr den Eocänschichten ähnlich, in die sie auch allmählich durch 
Sandigerwerden und das Auftreten von Kalksandstein-Bänkchen über- 
gehen. 

Tertiär. Bei der wechselnden Zusammensetzung, welche dem Eocän 
in den südöstlichen Voralpen eigen ist, müssen wir uns darauf be- 
schränken, seine Charakteristik nur im engeren Gebiet von Friaul westlich 
vom Tagliamento zu geben, wo es im wesentlichen durch Mergel, Kalk- 
sandsteinbänke, Kalkbänke, zuweilen mit Nummuliten, auch Kalk- 
breccien und Sandsteine mit gröberem Korn und gröfseren Kiesel- 
einschlüssen gebildet wird. Der Farbe nach herrscht grau, graubraun 
und gelbbraun vor; in einzelnen Bänkchen finden sich auch verkohlte 
Pflanzenreste. Beobachtungen, welche einen Schlufs auf die Herkunft 
des Materials dieser Eocänschichten, welche nach ihren Fossilien im 
östlichen F'riaul von Tellini als Vertreter des Bartonian und Parisian 
angesehen werden, liegen bis jetzt nicht vor; in diesem letzteren Ge- 
biet ist denselben ein ausgezeichneter littoraler Charakter durch Kies- 
und Konglomerat-BänKe eigen. Die aus Kreidegesteinen bestehenden 
„pseudoeretacischen" Konglomerate entsprechen auch ihrer Lagerung 
nach den Rudistenkalken, aus deren Material sie bestehen, und sind 
durch Aufarbeitung des Untergrundes entstanden. 

Dafür bieten aber die jüngeren Tertiärstufen einige interessante 
Anhaltspunkte für die Herkunft des Materials nach den Unter- 
suchungen Tellini's 1 ). Das Eocän geht nach oben allmählich in die 
gelbbraunen, sandigen, zuweilen grofse Glaukonitkörner führenden 
Schichten der tongrischen Stufe über, deren Mächtigkeit im Gebiet 
von Majano 100 m nicht übersteigt. Die grobsandige und glaukoni- 



•) A. Teilini, Descrizione geologica della Tavoletta „Majano" nel Friuli 

o. w . S. 26. 

Zeiuchr. d. Gcwllsch. f Etdk Bd. XXX, .8g 5 - 2 



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18 



K. Futterer: 



tische Beschaffenheit der Sedimente läfst auf Änderungen der physi- 
kalischen Bedingungen seit dem Ende der Eocänperiode schliefsen. 
Ähnliche Verhältnisse lassen auch die Sedimente der aquitanischen 
Stufe voraussetzen, die etwa 100 m mächtig sein dürften; aus Mangel 
an paläontologischem Material gelang es noch nicht, andere Horizonte 
nachzuweisen ; eine Lücke der Schichtfolge scheint aber ausgeschlossen 
zu sein. 

Besonders im östlichen Friaul sind noch in den vor-aquitanischen 
Tertiärsedimenten die klastischen Gesteine und Konglomerate, welche 
zwischen den sandigen Mergeln liegen, für orogenetische Vorgänge be- 
weisend, indem die Haupterhebung nach Taramelli 1 ) zwischen die 
aquitanische und tortonische Stufe fallen soll. Das kalkige und kiese- 
lige Material der Konglomerate von Rosazzo wird auf die Erosion von 
Lias-Jura-Sedimentcn zurückgeführt. Aquitanische Sedimente, ebenfalls 
von mergeligem Charakter, finden sich südlich von Barcis noch in 
Höhen von 700 m und beweisen, in welchem grofsen Mafs die Erosion 
diese Sedimente entfernt hat. 

Auch der untere Teil des Miocän, das Helvetian, gleicht in seinem 
lithologischen Charakter den voraufgegangenen Sedimenten, und eine 
tiefgreifendere Änderung bringt erst die tortonische Stufe. Über den 
lockeren, sandigen und mergeligen Ablagerungen cles Helvetian, die 
noch in die Basis der folgenden Stufe reichen, liegen Kiesbänkchen, 
auch Konglomerate und Lignitschichten, und an der oberen Grenze 
sind die Konglomerate vorherrschend und kontinuierlich, und besonders 
im Gebiet von Majano giebt Teilini an*): „Quindi clüaramente , alla 
fine di questo periodo nella localitä esaminala, si ha il passaggio dal regime 
dt man- abbastanza apperto e tungi dalle eosle, a quello continttilale mani- 
festo, cd alla presenza dello sbocc» di una ponderosa correntc terrestre che 
portava i eioltoli derivanti dalle smantellate montagm seeondarie e dalle piu 
giovani eolline eocenielie." 

Die petrographische Besch aflfenh ei t einzelner Gerolle der konglo- 
meratischen Ablagerungen mit Östren iottgirostris bietet hinsichtlich 
ihrer Herkunft Probleme, von deren Lösung man noch weit entfernt 
ist, die aber zur Annahme von Flufsverbindungen in jener Zeit führen, 
die von allen späteren grundverschieden sind. Aber von grofser 
Wichtigkeit ist der Umstand, auf den Taramelli ') hinweist, dafs, wenn 



*) T. Taramelli, Spiegazione della carta geologica del Friuli. 1 8g 1 . Pavia. 
S. uz. 

A. Teilini, Dcscmione geologica della lavoletta „Majano 4 * nel Friuli 
u. s. w. S. 32. 

T. Taramelli, Spiegazione della carta geologica u. s.w. S. 118. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



19 



man von diesen Gerollen weiten Ursprungs und problematischen Trans- 
portweges absieht, der Charakter der tertiären Alluvionen, ob sie nun, 
wie in der tortonischen Stufe, bis ins Meer geführt und dort abgelagert 
wurden, oder rein fluviatil sind, einen lokalen Charakter tragen und 
aus den mesozoischen Bildungen der Voralpen stammen. Und auch 
an anderer Stelle 1 ) wiederholt er, dafs die miocänen und altpliocänen 
Konglomerate ihrer lithologischen Zusammensetzung nach den der 
Ebene benachbarten Kalkbergen und den hydrographischen Gebieten 
des Tagliamento und seiner Nebenflüsse entsprechen. 

Die Mächtigkeit der miocänen Molasse und marinen Konglomerate 
wird bei Pinzano von Taramelli auf 440 m, von Tellini auf 600 m an- 
gegeben. Die letzten marinen Tertiärbildungen gehen nicht nördlicher 
als Osoppo, wo sie in 220 m über dem Meer noch vorkommen; 4 km 
westlich davon reichen sie schon in Höhen von 900 m, so dafs da- 
durch eine Verwerfung im Tagliamento-Thal, durch welche dieser Höhen- 
unterschied von 600 m zu Stande kam, wahrscheinlich wird. Mit dem 
l'bergang der marinen Konglomerate zu den konglomeratischen Süfs- 
wasserabsätzen des Messinian ist die endgültige Erhebung dieser 
Gegend über den Meeresspiegel erfolgt. 

Die 600 m mächtigen Konglomerat-Bildungen sind von Flüssen ab- 
gelagert und ihr Material gehört „alle roccie eocenichc e secondarie 
delle valli principali odierne". Die einzelnen Gerölle sind ziemlich 
klein und übersteigen selten 5 cm im Durchmesser; bei der Nähe 
ihres Ursprungsortes und ihrer geringen Gröfse bedarf es keiner 
aufsergewöhnlichen Wege, um ihre Entstehung zu erklären. Schon zu 
diesen Zeiten war die Karnische Hauptkette sowohl, wie die mesozoi- 
schen und alttertiären Ketten der Karnischen Voralpen einer Erosion 
unterworfen, die schon damals die heutige Oroplastik herauszubilden 
anfing und ihre konglomeratischen Absätze in Höhen bis zu 1000 m 
über dem heutigen Thalweg ablagerten. Sehr lange hat diese Erosions- 
periode angedauert, und während derselben sind Veränderungen des 
Flufssystems, so weit dieses noch zu rekonstruieren ist, vor sich ge- 
gangen. 

Die Alluvionen der messinianischen Periode haben ein besonderes 
Interesse durch ihr Vorkommen aufser an den Nebenflüssen des Taglia- 
mento auch auf hoch gelegenen Pässen zwischen dem Oberlauf des 
Tagliamento und den Flüssen der Karnischen Voralpen. Ihr Auftreten 
beweist, dafs diese Pässe damals Teile von Flufsbetten waren, die 
späterhin abgelenkt wurden. Taramelli*) führt die folgenden Pässe, an 



) T. Taramelli, Geologia delle Provincie Venete u. s. w. S. 178. 
: l T. Taramelli, Geologia delle Provincie Venete u. s. w. S. 177. 

2* 



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20 



K. Futterer: 



denen solche Reste von fluviatilen Ablagerungen vorkommen, an : 
Pässe von Venchiaredo (von Forni ins Val di Viellia), vom Monte 
Resto (Forni — Tramonti), vom Monte Valcalda (von Tramonti — Forni 
di sotto), von Verzegnis, von Chiampon (Preone— Canal S. Francesco), 
von Neve (Raccolana — Raibl). An späterer Stelle wird auf diese Vor- 
kommen und deren Bedeutung noch zurückzukommen sein. 

Dafe dieselben Verhältnisse auch noch für die jüngere Tertiärzeit 
die Umgestaltung des Landes beherrschten, zeigt die Andauer der 
Konglomerat-Bildung noch im jüngeren Tertiär. Eine Verschiedenheit 
ist aber doch schon insofern erkennbar, als die wenig cementierten, 
etwa 100 m mächtigen Konglomerate der Astianischen Periode, die 
diskordant bei Pinzano über den Konglomeraten des Messinians liegen, 
aus gröfseren und viel mannigfaltigeren Gesteinsgeröllen bestehen, die 
auf ein vergrößertes Sammelgebiet und auch gröfsere Erosionsthätig- 
keit schliefsen lassen. Sie fallen an dem genannten Ort mit 25 ° gegen 
die Ebene hin, nach Süden, ein; ebenso haben auch Konglomerate, 
die dem Villafranchiano zugerechnet werden, noch durch tektonische 
Bewegungen Störungen erlitten. 

Diluvium. Während der Diluvialzeit war das hydrographische 
System schon so weit ausgebildet, dafs das gegenwärtige sich unmittelbar 
davon ableiten läfst; die diluvialen Sedimentärmassen unterscheiden sich 
aber von den vorhergegangenen des Tertiärs durch eine noch gröfsere 
Zahl verschiedener Gesteine und somit noch weiter ausgedehntes Quell- 
gebiet ihrer Flüsse. Aber die Diluvial-Bildungen der einzelnen Flufs- 
gebiete zeigen unter sich Verschiedenheiten; so besteht das Diluvium 
des Arzino aus weifsen und grauen Kalk- und Dolomit-Geröllen, die 
ausschliefslich aus Gesteinen desArzino-Thales stammen, und die in Folge 
des Gletschertransportes auch bedeutende Gröfse erreichen können. 

In den Moränen und fluviatilen Diluvial-Bildungen des Tagliamento, 
deren Mächtigkeit am Passo della Tabina bei Ragogna nicht über 
80 m hinausgeht, finden sich dagegen Kalke der verschiedensten Perio- 
den, Dolomite, Kieselkalke, Sandsteine, Quarzit- Konglomerate des 
Karbon, seltener Porphyre, Gneise und gneisige Granite, die zum Teil 
auf einen Ursprung noch nördlich der jetzt die Wasserscheide zwischen 
Tagliamento und Drau bildenden karnischen Hauptkette schliefsen 
lassen. Uberhaupt bildet die Untersuchung der von den grofsen 
Gletschern überschrittenen Pässe und Kämme einen der anziehendsten 
Punkte der geologischen Geschichte Friauls, auf den aber hier des 
Näheren einzugehen keine Veranlassung vorliegt. Nur soviel sei zur 
Charakterisierung der verschiedenen Diluvialmassen bemerkt, dafs man 
annehmen mufs, der grofse Piave-Gletscher stand, abgesehen von seinem 
grofsen Seitenzweig durch die Thalschlucht von Santa Croce und 



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Durchbruchsthäler in den Süd- Alpen. 9 l 



den verschiedenen Pässen, in welchen er die Belluneser Voralpen 
überschritt, sowohl mit dem Gletscher-Gebiet des Cellina-Flusses an 
dem 826 m hohen Pafs von S. Oswaldo in Verbindung, wie auch 
über den Mauria-Pafs mit dem oberen Teil des Tagliamento-Gletschers, 
der auch mit dem Eisack-Gletscher kommunizierte. So erklärt es sich, 
dafs noch Granite von Süd-Tirol in der Umgebung von Claut und 
Cimolais gefunden werden 1 ). 

Die Thäler der Meduna und des Arzino waren ebenfalls von 
Gletschern erfüllt; das letztere Thal wohl durch einen über den Pafs von 
Vercegnis (743) vom Tagliamento-Gletscher sich nach Süden abzweigen- 
den Seitenzweig, der aber zur Zeit der zweiten Vereisung seinen Weg 
über den Lago di Cavazzo und das Thal des Melo nahm, wie denn 
überhaupt die zweite Vereisungsperiode weit hinter der ersten zurück- 
bleibt. Pirona 2 ) giebt an, dafs die Gletscher der Meduna und des 
Arzino nicht bis an die Ebene vordrangen, sondern hinter den Eng- 
pässen im Kreidegebiet stehen blieben. Die seit dem Rückzug der 
Gletscher wirkende Erosion führte zur Vertiefung der Flüsse in 
den diluvialen Ablagerungen und zur Aufschüttung von Schotterkegeln 
an der Einmündung in die Ebene; die der Cellina und der Meduna 
bestehen nur aus dolomitisch-kalkigem und kieseligem Material des 
oberen Jura, sowie sandigem des Eocän; ihr Gefäll ist mit 15 : 1000 
aufsergewöhnlich steil. Die quartären Alluvialmassen der Cosa sind 
entsprechend dem Tertiärbecken von Clauzetto-Gerchia mehr sandiger 
und mergeliger Natur als die des Tagliamento. Am Ausgang der 
Arzino-Schlucht hat die Erosion seit der Diluvialzeit, wie Teilini an 
führt, das Flufsbett um mehr als 100 m tiefer gelegt. 

Die einzelnen Aufschüttungskegel der in die Ebene westlich vom 
Tagliamento mündenden Flüsse charakterisieren sich folgendermafsen 
nach Taramelli 3 ): 

a) Aufschüttungskegel des Torrente Conazzo von Dardago bis zum Cas- 
tello d'Aviano: Absolutes Vorherrschen von Kreide und Jurakalken - 
gröfste Neigung der Oberfläche 25 : 1000. 

b) Torrente Cellina von Montreale bis Basse di Pordenone: Vor- 
herrschend Kalke und Dolomite, wenig eoeäne Sandsteine und 
Kiesel von rotem und schwarzem Hornstein des Lias. Mittlere 
Neigung 15 : 1000. 

>) T. Taramelli, Catalogo ragionato delle roccie del Friuli. Atti della R. 
Accademia dei Lincei. Anno CCLXXIV. Memorie della Classe di Scienze fisiche, 
matematiche e naturali. Disp. II. Vol. 1. Roma 1877. s - 5&9- 

*| Pirona, Schizso geologico della provincia di Udine. Bollettino del 
R. Coroitato geologico d'Italia. Vol. VIII. 1877. S. 134. 

3 ) T. Taramelli, Catalogo ragionato u. s. w. S. 589. 



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22 



K. Futterer: 



c) Torrente Colvera bis zur Einmündung in die Meduna: Reichlich 
Sandsteine und Mergelkalke aus dem Eocän von Fauna, Poffabro 
und Frisanco. Mittlere Neigung 9 : 1000. 

d) Torrente Meduna: Vorherrschen von Dolomit, seltener Kiesel und 
Eocän, sowie Miocän-Gesteine. Neigung 8 : 1000. 

e) Torrente Cosa: Vorherrschen von Eocän-Material ; charakteristisch 
sind die Dolomite des Monte Rossa. Neigung 9 : 1000. 

f) Torrente Tagliamento: Vorherrschend sind karnische Gesteine der 
Trias; selten Granit und Gneis, häufiger Porphyre. Neigung der 
Seiten des Hügels von S. Daniele bis Dignano 62 : 1000 (?), von 
Dignano bis Gradisca 4 : 1000. 

Im östlich von Tagliamento gelegenen Teil Friauls sind die 
Dejektionskegel viel weniger steil geneigt als westlich von diesem Flufs. 

Die Wichtigkeit der einzelnen Flufsgerölle für die Frage der Aus- 
dehnung eines jeden Flufssystems hat schon Catullo erkannt; ergiebt 1 ) 
Zusammenstellungen aller in den fluviatilen Ablagerungen beobachteten 
Gesteine, und wenn diese Forschungen auch späterhin mit demselben 
eingehenden Interesse weitergeführt worden wären, so würden sicher- 
lich viele für die einzelnen Stadien der Entwickelung des Flufssystems 
wichtige Resultate daraus hervorgegangen sein. 

Verschiedentlich fanden Verlegungen der Flufslaufe seit der älteren 
Diluvialzeit statt, und es sind teils Seebecken, wie z. B. derLago diCavazzo, 
oder nur Torflager an ihrer Stelle zurückgeblieben 2 ). Wie mächtig hier 
unter den klimatischen Einflüssen und noch in verstärktem Mafs zur Dilu- 
vialzeit die Flüsse an der Abtragung des Gebirges arbeiteten, zeigen 
die grofsen vegetationslosen, von Flufs- Alluvionen bedeckten Flächen 
und die grofse Mächtigkeit, sowie die weite Verbreitung der diluvialen 
Flufs- und Gletscherbildungen. 

Die aus dem Charakter der verschiedenen Sedimente seit dem 
Ende der Kreideperiode, wie sie hier, um eine sichere Grundlage für die 
folgenden Erörterungen zu gewinnen, nach allem vorhandenen Material 
in den Arbeiten Tellini's, Taramelli's, Pirona's und Marianus u. a. zu- 
sammengestellt wurden, ableitbaren Schlüsse auf die allgemeinen 
physikalischen Bedingungen, sowie die dynamischen Bewegungen und 
die Stufen der allmählichen Herausbildung der heutigen Oberflächen- 
Gestaltung, sind auf der nachfolgenden Übersichtstabelle zusammen- 
gestellt. 

') T. A. Catullo, Tratto sopra la costituzionc geognostico lisica dei Teireni 
alluviali o postdiluviali delle provincie venete. Padova 1838- S. 37. 

2 ) Reiches Material rindet sich in dem neuerdings erschienenen Werke O. Mari- 
nelli'«, Aggruppamenti principali dei Laghi italiani. (Boll. d. Soc. Geogr. Ital. 
Ottohre r 8^4. > 



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Durchbruchsthälcr in den Süd-Alpen. 



23 



Übersicht der Änderungen des Formationscharakters und 
der tektonischen Bewegungen in den Karnischen Voralpen 

in der kaenozoischen Ära. 



i 

Physikalische ! Orogenetische Vorgänge 
Bedingungen. und Bemerkungen. 



Epochen. 



Kreide. 



i. Eocän. 



Unter- 
abteilungen. 



Charakter 
der Ab- 
lagerungen. 



Oligocän. 



Unter-Senon. ' 



ObeT-Senon 
und Danien. 



Rudisten- 
kalke. 

Mergel und 
Mergelkalke. 



Riff-Facies. 

(Organogene 

Bildungen.) 

Terrigene, 
marine Se- 
dimente, nicht j 
weit von der 

Küste ge- 
bildet. 



Unter- 
abteilungen 
sind noch 
nicht unter- 
schieden. 



Kalkmergel, 
Sandige 

Mergel und 
Sandstein- 
bänkchen. 



Marine, terri- Stellenweise Hebung über 
gene Bil- ! den Meeresspiegel (öst- 
dungen. liches Friaul). 

Eocän konkordant über 

der Scaglia. 
Schwache Entwicklung 
des Eocän westlich vom 
Tagliamento, östlich sehr 
mächtige Schichtfolge 
mit Konglomeraten von 
littoralem Charakter. 
Orogenetische Hebungen. 



I 



x. Tongrische Sandige Mcr- ! 
Stufe. gel zum Teil | 
mit Glauconit- 



3. Aquitani- 
sche Stufe. 



föhrung. 
Mergel. 



Terrigene, 
marine Bil- 
dungen. 

Terrigene, 
marine Bil- 
dungen. 



Oligocän reicht nicht bis 
in die zweiten Synkli- 
nalen nördlich der Ebene 
(Claut etc.). 

Kommt nicht mehr nörd- 
lich der Brüche von Val- 
sugana und Belluno vor. 

Hebungen. Haupterhe- 
bung nach Taramelli. 



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24 



K. Futterer: 



Epochen. 


Unter- 
abteilungen. 


Charakter 
der Ab- 
lagerungen. 


Physikalische 
Bedingungen. 

1 


Miocän. 


4. Helvetische 
Stufe. 

c Torlonische 

Stufe. 


Mergel und 
Sande. 

Sand«> an der 

Basis; einge- 
lagerte Kiese, 
Lignite und 
oben marine 
Konglomerate. 


Marine, terri- 
gene Sedi- 
mente. 

yene Sedi- 
mente nahe 
der Küste 
gebildet. 




6. Messini anl- 
ache Stufe. 


Konglomerate. 


Flufs- 
bildungen. 


PliocäH. 


7. Piacentini- 
sche Stufe. 


Fehlt. 


[ 

i 
1 
1 

1 



Orogenetische Vorgange 
und Bemerkungen. 



Kommt nicht mehr nörd- 
lich der Kreidevorkette 
vor. 

Tagliamento und Fella 
sind noch nicht mitein- 
ander in Verbindung. 

Ende der Meeresbe- 
deckung. Langsame 
Hebung des Landes. 

Fella im heutigen Thal 
des Tagliamento; dieser 
Flufs geht durch die 
Depression des Lago di 
Cavazzo. 



8. Astianischc 

Stufe. 

9. Stufe von 
Villafranca. 



I 



Grobe Kon- 
glomerate 
mit verschie- 
denen Ge- 

steins- 
geröllen. 



Flufs- 
bildungen. 



i 



Weitere Hebung und Dis- 
lokation. (Faltung.) 

Tagliamento und Fella 
gehen durchs Fellathal. 

Entstehung der Spalte des 
Lago di Cavazzo. 

Ausdehnung des Flufs- 
gebietes. 

Diese Sedimente noch in 
gestörter Lagerung. 

(Tektonische Bewegun- 
gen. Entstehung von 
Seebecken.) 

Ausfüllung d. Seebecken, 
ausgenommen des Lago 
di Cavazzo. 



Diluvium. 



Ältere und 
jüngere Ver- 
eisungs- 
periode. 



Moränen und 
iluviatile 
Schotter- 
bildungen. 



Als bemerkenswertestes Resultat 
während der Tertiärzeit eingetretenen 



Land- Nur noch langsame He- 
bildungen. bung, aber keine Fal- 
tungen mehr. 
Verschiedene Flufsläufe 
des Tagliamento in der 
Ebene (z. B. im Thal 
des Corno). 
ergiebt sich daraus, dafs die 
gcbirgsbildenden Prozesse mehr 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



25 



oder weniger immer thätig waren, wenn auch ihr Einflufs während der 
einzelnen Perioden verschieden stark war. Infolge dieser mehrfach 
zeitlich hintereinander eingetretenen Veränderungen, für die in der Zu- 
sammensetzung der einzelnen tertiären Ablagerungen sowie ihren all- 
gemeinen und gegenseitigen Lagerungsverhältnissen ein sehr empfind- 
liches Reagens vorhanden ist, tritt hier auch das Ubergewicht einer 
bestimmten gebirgsbildenden Epoche nicht so stark über die anderen 
hervor, wie man anzunehmen versucht ist, wenn man nur von einer 
mioeänen Faltungsphase der Alpen hört; der Einflufs, der von dieser 
Zeit eingetretenen tektonischen Bewegungen, der in den Ost- wie West- 
Alpen die gröfste Wichtigkeit zugeschrieben werden mufs, tritt, wie 
auch schon in den Karnischen Alpen 1 ), mehr zurück. 

Durch die genaue Verfolgung der Vorgänge in einem relativ enger 
begrenzten Zeitraum, wie z. B. dem Tertiär und auf kleinerem Gebiet, 
ergiebt sich ein komplizierteres Bild als von vornherein anzunehmen 
war, und es mahnt zur Vorsicht für die Verallgemeinerung der in einem 
einzelnen Alpenteil gemachten Erfahrungen auf den ganzen Gebirgsbau 
derselben, wie das in dem eben erwähnten Werk geschieht. 

Schon ein Vergleich der vorstehenden Tabelle mit der Übersicht 
der Sedimentationsvorgänge und tektonischen Bewegungen im Flufs- 
Uebiet des Po, die Sacco 2 ) zusammengestellt hat, um den Ursprung 
der Seen daraus abzuleiten, zeigt deutlich, dafs selbst in so nahe ge- 
legenen Gebieten wie Friaul und Po -Ebene verschiedene Vorgänge 
eintraten und nicht nur auf die physiographische Beschaffenheit des Ge- 
bietes, sondern auch auf deren Sedimente einen verschiedenen Einflufs 
ausübten. 

Nach Sacco sind die Vorgänge in der späteren Tertiärzeit im 
Po-Thal die folgenden gewesen; zum Vergleich ist das Gebiet Venetiens 
und Friauls noch mit angeführt. 

, . 

. , . Venetien und 

Vorgänge. Ablageningen. „. , 

rriaul. 



Messinian. Ausbildung der Umrisse der Sarmatische Ablage- Präglaciale 

jetzigen orographischen Bc- rungen. Gypsführen- Alluvial- 

schaftenbeit der Alpen ; all- de Mergel. Schichten ; massen p. 

gemeine Emporwölbung der mit Congeria, Mela- parte (Flufs- 



Gebirgskette der Alpen- 
Appenninen. 



nopsis etc. bildungen ). 



M F. Frech, Die Karnischen Alpen. Ein Beitrag zur vergleichenden Gebirgs- 
tektonik. Halle 1894. S. 655. 

'*) F. Sacco, Süll* origine delle vallale e dei laghi alpini in rapporto coi sollc- 
'•-menti delle Alpi e coi terreni pliocenici e quaternari della valle padana. Atli 
4 R Accademia delle Science di Torino. Vol. XX. Torino 1884. S. 639. 



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K. Futtcrer: 






Vorgänge. 


Ablagerungen. 


Venetien und 
Friaul. 


c 

:e« 
C " 

z 


Piacentin 


Ganze Ebene des Po unter 
dem Meeresspiegel ; allge- 
meine Senkung der Ge- 
birgskette der Alpen -Ap- 
pen ninen. 


Blauer thoniger Mer- 
gel mit Versteine- 
rungen des tiefen 
Meeres. 


Präglaciale 
rungen. 




Astian. 


Entwicklung von Gletschern 
in den Alpen ; die Po- 
Ebene bildet einen seichten 
Meeresarm, der bis zu den 
See- Alpen reicht, sich aber 
langsam zurückzieht. Be- 


Junge marine Tertiär- 
bildungen , prägla- 
ciale Alluvialmassen ; 

Unter - Diluvium 
mancher Autoren. 


Präglaciale 
Flufsablage- 
rungen. 



ginnende Hebung der Alpen 
! und des Appennin. 

An der Grenze von Tertiärzeit und Diluvium war mit einer grofsen 
Hebung des Alpengebietes die Bildung der zahlreichen Thäler und die 
Entstehung der grofsen Seebecken verbunden, während das Meer sich 
ganz aus diesem Gebiet zurückgezogen hatte: ein Vorgang, der in 
Venetien und Friaul schon in viel früherer Zeit eingetreten war; viel- 
leicht liegt in diesen Umständen der Grund dafür, dafs es östlich vom 
Garda-See, über dessen Entstehung jüngst Taramelli eine inhaltsreiche 
Arbeit geschrieben hat, nicht mehr zur Bildung der grofsen See- 
Becken kam, die westlich dem Südfufs der Alpen den hohen land- 
schaftlichen Reiz verleihen. 

m. Übersicht der tektonischen Verhältnisse. 

Allgemeine tektonische Charakteristik. 

Die heutige Verbreitung der einzelnen Formationsglieder ist im 
wesentlichen durch tektonische Linien bedingt, die nach Taramelli 1 ) 
und eigenen Aufnahmen auf der Tafel i zusammengestellt sind. 

Bei dem hervorragenden Anteil, der den Dislokationen für die 
Thalbildung und in erster Linie für die Entstehung von Querthälern 
zugeschrieben wurde, bildet die genaue Darstellung der wesentlichen 
Züge und Eigenschaften des unser Gebiet durchsetzenden Bruchnetzes 
gewissermafsen die Grundlage der Untersuchungen. 

Von vornherein mufs bemerkt werden, dafs die Rolle, welche 
eigentliche Faltungen in diesem Gebiet der Südost-Alpen spielen, im 
Vergleich zu der Bruchbildung gegenüber den centralen Alpenketten 

') Taramelli, Geologia delle provincie Venete. i88*. Tav. IIa. Memoric 
della R Accademia dei Lincei Anno CCLXXIX. Ser lila. Vol XIII. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



27 



sehr zurücktritt, wie auch schon in den Dolomiten Süd -Tirols das 
stufenweise Absinken mehr oder weniger langgestreckter Gebirgsstreifen 
den am meisten hervorstechenden Charakterzug der Tektonik bildet. 
In anderer Weise giebt auch Kilian dieser Anschauung Ausdruck, wenn 
er im Vergleich zu den Faltungen der äufseren Zonen der West-Alpen 
sagt 1 ): Pour les chaines secondaires de la bände interne meridionale (zone 
mbalpine interne) il en est tout autrement. Au Sud, dans le Bellunais, la 
Lombardie, le Veronais, Pallure yuaffectent les Himents de la zone secon- 
■laire est laut autre. De vastes plis <fune grande amptitude, morcele's et 
licomposh en gradins par des failles, Umoignenl tfun refoulement moins 
iniensc, de Vabsence de mules rigides, comparables aux massi/s hercyniens, 
>)ui ont donnc ä la zone subalpine externe son charactire special et, comme 
fa si bien fail voir M. Suess, d'un affaissement considirable du sol autour 
de r emplacement actuel de VAdriatique. 

Ein Blick auf die zahlreichen von Taramelli 2 ) mitgeteilten Profile, 
die meist von Nord nach Süd das Gebiet durchschneiden, läfst diese 
Thatsache genügend hervortreten, und auch die Aufwölbung der süd- 
lichsten der Ketten, die von Gesteinen der Kreide gebildet werden, 
zu flachen Antiklinalen, ist dort schon fast ebenso wie auch in den 
Profilen auf Tafel 3 wiedergegeben. Dadurch, dafs gerade die 
aufserste Voralpenkette im Süden wieder den gewohnten alpinen 
Kaltencharakter trägt und diese Antiklinalen von den Flüssen Piave, 
Cellina, Colvera, Meduna, Cosa, Arzino und Tagliamento quer zu 
ihrem Streichen durchbrochen werden, bietet sich die Gelegenheit, das 
Verhältnis der Querthalbildung zur Aufwölbung der Kreidekette näher 
im untersuchen und daraus Folgerungen auf die Bildung von Quer- 
thälern, ihr Verhältnis zur Tektonik und über die Entstehung von 
Durchbruchsthälern im allgemeinen zu ziehen. 

Auch in orographischer Beziehung zeigt sich der Einflufs der 
wichtigeren tektonischen Linien wie der Linie von Belluno mit ihrer 
Fortsetzung über Barcis — Meduno — Pert und der nördlicheren gröfseren 
Dislokation des Tagliamento, deren Rolle weiter im Westen über dem 
Piave der Val Sugana-Bruch spielt, indem durch beide die nördliche 
Grenze der zusammenhängenden Massive von oberen Trias-, Jura- und 
Tjthon-Kalken bezeichnet wird. Nach der Darstellung von Taramelli 
verläuft die Val Sugana- Linie von Perarlo am Piave entlang in nord- 



') Kilian, Notes sur l'histoire et sur la strueture geologique des chaines 
ilpüies de la Maurienne, du Brian^onnais et des regions adjacentes. Bulletin de 
la Socicte Geologique de France. Ser. HL Tome XIX. S. 645. 

2 ) P. Taramelli, Geologia dellc provincie Venete. 1882. S. 300 ff. und 
Taramelli, Catalogo ragionato. 



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28 



K. Futter er: 



nordöstlicher Richtung über den Monte Cornion und weiterhin über 
den Monte Rinaldo und biegt erst östlich vom Monte Avanza nach 
Ost und Südost um; nach dem Verlauf der Formationsgrenzen des 
Haupt-Dolomits gegen die älteren Triasbildungen längs des Oberlaufes 
des Tagliamento und deren westlicher Verlängerung bis an den Piave 
dürfte es wahrscheinlicher erscheinen, dafs die richtige Fortsetzung der 
Val Sugana-Spalte in dem Tagliamento-Bruch zu suchen ist, und das 
um so eher, als gerade die Gegend östlich von Pieve di Cadore und 
am Monte Gridola durch die Scharung der Bruchlinien von Villnös, 
des Anteiao und von Val Sugana kompliziertere Verhältnisse aufweisen 
dürfte, und auch nach Taramelli südlich vom Monte Gridola ein Umbiegen 
einer Synklinalen Axe aus Südwest durch Ostwest nach südöstlicher 
Richtung stattfindet. Aus diesem Zusammentreffen des Wechsels der 
Streichrichtung von Südwest nach Ost und Südost, mit dem ebenfalls 
an dieser Stelle im gleichen Sinne wechselnden Verlauf des Nordendes 
der zusammenhängenden Hauptentwickelung der oberen Trias-Dolomite 
scheint der Schlufs auf den Zusammenhang der Linie des Tagliamento 
mit der des Val Sugana gerechtfertigt; auch nach der geologischen 
Karte kann einem aus der Gegend von Perarolo nach Nordost bis an 
den Monte Cornion verlaufenden Bruch nicht die Bedeutung zukommen, 
welche die beiden letztgenannten grofsen Dislokationen einheitlich 
charakterisieren. 

Diese Bemerkungen werden dadurch keineswegs alteriert, dafc 
Frech die Tagliamento-Bruchlinie einfach ignorieren zu dürfen glaubt. 
Wenn er ein derartiges Vorgehen durch sein Mifstrauen gegen die 
Untersuchungen Taramelli's begründet, so dürfte dieser letztere, um die 
Geologie der Südost-Alpen hochverdiente Forscher viel Beistimmung 
finden, wenn er diesen Vorwurf zurückgiebt und auch der Karte der 
geologischen Leitlinien der südlichen Ost-Alpen (a. a. O. S. 468) einen 
Vertrauen erweckenden Eindruck absprechen würde. 

Schon an anderer Stelle 1 ) wurde auf die verschiedenen Ab- 
stufungen der Durchschnittshöhen der Berge nördlich der Val Sugana- 
und Belluneser Linie und der südlichsten Kreidekette hingewiesen; 
und was dort im Gebiet von Belluno galt, findet auch in den Bergen 
Friauls seine Bestätigung. 

Wie eine Mauer überragt das in seinen Gipfeln von Jura- und 
Tithonbildungen gekrönte Gebirge nördlich der periadriatischen Bruch- 
linie die Kreideberge der südlichsten Bergkette; erreichen doch der 



') K. Futterer, Die oberen Kreidebildungen der Umgebung des Lago di 
Santa Croce in den Venetianer Alpen. 1891. Paläontologische Abhandlungen 
von Dames und Kayser. Band VI. S. 5Q. 



\ 



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Durchbruchsthäler in den Süd- Alpen. 29 

Monte Corno 1478 in, M. Flagello 1467 m, M. Tajct 1369, M. Rossa 
1291, M. dei Tuberi 1470, M. Raut 2025, M. Ricittume 2067 und M. 
Fratta 1983 m Höhe, während der letzteren nur wenige Höhen über 
1100 m eigen sind. 

An zusammenfassenden und allgemeinen Darstellungen der tek- 
tonischen Verhältnisse in dem Gebiet der Venetianer Alpen und Kar- 
nischen Voralpen fehlt es dank Taramelli's lichtvollen Beschreibungen 
nicht, nur eine Vertiefung derselben, die meist auf flüchtigen Uber- 
sichtsaufnahmen beruhen, und eine oft nicht unwesentliche Ausdehnung 
der Kenntnisse auf die Einzelheiten des Verlaufes und des Charakters 
der wichtigeren tektonischen Erscheinungen ist bisher nur in einzelnen 
kleineren Teilen des Gebietes vorgenommen worden, und es ist somit 
eine ganz gleichmäfsige Behandlung noch nicht angängig. 

Die wichtigste Rolle spielen die Bruchlinien, die östlich vom Piave 
durch eine fast genau west-östliche Richtung charakterisiert sind, gegen- 
über einer vorherrschend Südwest -nordöstlichen im Westen dieses 
Flusses, die zuerst von Mojsisovics in ihrer grundlegenden Bedeutung 
für den Gebirgsplan gewürdigt wurden. Die beiden wichtigsten, deren 
Wert in orographischer Beziehung zur Abgrenzung der einzelnen Ge- 
birgsgruppen schon bei anderer Gelegenheit oben betont wurde, sind 
die Bruchlinie von Val Sugana und von Belluno; dafs beide jedenfalls in 
rein geologischer Hinsicht durchaus äquivalente Störungslinien östlich 
vom Piave besitzen, die erstere in dem Bruch des Tagliamento, die letztere 
in der periadriatischen Linie Barcis-Starasella, ist ebenfalls schon gezeigt 
worden. Nur die direkte lineare Verknüpfung derselben in den Gebirgs- 
stöcken des Monte Cavallo und des Monte Gridola bedarf noch der 
genaueren Untersuchung. 

Die zwischen diesen Brüchen liegenden Gebirgsteile sind nun 
durch eine Anzahl von untergeordneteren, zu jenen ersteren parallelen 
Brüchen und durch mehr oder weniger senkrecht oder schräg in S\V— NO- 
oder S — N-Richtung verlaufende Spalten in einzelne Stücke zerlegt 
worden, deren Verhältnis zu einander für die Frage der Thalbildung 
von Wichtigkeit ist. Es sind wenigstens zwischen der Bruchlinie des 
Tagliamento und der von Barcis-Starasella die gröfeten relativen Niveau- 
Unterschiede der einzelnen Gebirgsstücke auf Rechnung der Bruchbildung 
und des Absinkens der Flügel zu setzen, indem sich dieselben als in 
sich feste und starre Massen wohl aneinander verschieben, aber nur 
in geringerem Mafs falten liefsen ; dieser letztere gebirgsbildende Faktor 
tritt nur im Kreide-Gebirge südlich des periadriatischen Bruches in 
seine Rechte und hat daselbst nur zur Aufwölbung mäfsig hoher 
Antiklinalen, aber nicht zu intensiverer Faltung oder gar Überschiebung 
geführt. Versuchen wir an der Hand der tektonischen Karte (Tafel 1) 



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30 



K. Fulterer: 



und der Darstellung der Dislokationsbeträge in den einzelnen Profilen 
(Tafel 3) ein Bild der orogenetischen Vorgänge in dem engeren Gebiet 
der Karnischen Voralpen zu entwerfen. 

In dem westlich des Piave gelegenen tirolisch-venetianischen Hoch- 
land wurde von Mojsisovics 1 ), auf dessen Darstellungen hiermit ver- 
wiesen wird, eine Region der Verwerfungsbrüche im wesentlich nördlich 
der Val Sugana-Bruchlinie gelegen und die Villnösser-, Falzarego- und 
Antelao-Verwerfungslinien umfassend, von einem Gebiet der Faltungen 
und Faltungsbrüche unterschieden, das südlich von jener Linie liegt 
und durch vorherrschende Faltungen charakterisiert ist. Die Belluneser 
Bruchlinie, welche die südliche Grenze dieses Gebirges bildet, ist teils 
ein ächter Verwerfungsbruch, teils eine zerrissene Falte, so dafs dadurch 
bewiesen ist, dafs die beiden Brucharten ineinander übergehen können 
und einander vertreten. 

Ob sich eine derartige Unterscheidung auch in den Karnischen 
Voralpen wird durchführen lassen, ist erst zu entscheiden, wenn die 
Tektonik dieser Gebiete genauer bekannt sein wird. Soviel scheint 
aber schon jetzt nach Taramelli's Profilen festzustehen, dafs die 
Überfaltungen und Uberschiebungen hier nicht die Rolle spielen, 
wie in westlicheren, dem Etschbucht-Gebirge näher liegenden Teilen. 
Auch die Linie Barcis-Starasella — die östliche Fortsetzung der 
Belluneser Bruchlinie — hat nicht den Charakter einer zerrissenen 
Falte, sondern ist eine reine Verwerfungslinie wie auch in ihrem west- 
lichsten Teil; das geht aus den Profilen auf Tafel 3 No. 1, 2, 3, 5, 
sowie den von Taramelli mitgeteilten im „Catalogo ragionato delle 
Rocce del Friuli" No. XI — XIII und in der „Geologia delle Provincie 
Venete" No. 27 S. 202 für den östlich vom Tagliamento gelegenen 
Verlauf hervor, wo eine Zerplitterung dieser Bruchlinie in zwei Äste 
stattgefunden hat. 

Ebenso gehört auch die Bruchlinie des Tagliamento zu den Ver- 
werfungsbrüchen, wie sich aus den Profilen No. III und IV im Catalogo 
ragionato ergiebt. Diese wichtige Verwerfung teilt sich östlich vom Taglia- 
mento ebenfalls wie die Linie Barcis-Starasella in zwei Teile, dem 
Fella- und Resia-Thal entsprechend. Durch die Erosion sind längs 
ihres Verlaufes breite F)rosions-Thäler geschaffen worden, und der 
heutige Verlauf des Tagliamento bis zu seiner Vereinigung mit der 
Fella liegt in einem tektonischen Thal. Nördlich sowohl wie südlich 
laufen der Tagliamento -Linie andere Brüche parallel, von denen 
aber die ersteren aufserhalb des Bereiches der Erörterung liegen; nur 



') Mojsisovics, Die Dolomit-Riffe von Süd-Tirol und Venetien. Wien 
1877. S. 515 ff. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



31 



soviel möge angeführt sein, dafs sie ebenfalls verschiedene tektonische 
Thalbildungen zur Folge hatten. 

Die südlichen aber, deren Verlauf nach Taramelli's Darstellung 
wiedergegeben ist, sind scharf ausgeprägte Verwerfungen, die an anderen 
Stellen in mehr oder weniger starke Synklinalen übergehen; die Süd- 
flügel sind immer die tiefer gesunkenen Teile. Geht man von dem 
Thal von Erto, westlich von Cimolais, aus, so sieht man eine Synkli- 
nale der Gesteine des Lias am Südabhang des Monte Bergiad (Borga 
der neuen Karte) nach Osten streichen, deren Fortsetzung am Monte 
Podeson liegt, wo sie aber schon niedriger und einfacher ist. Eine 
andere Synklinale von Lias liegt weiter im Norden am Nordabhan'g 
des Val Ceresolina, und diese ist nach Osten fast ununterbrochen über 
die Monti Resto, Vercegnis, S. Simeone und Plauris zu verfolgen. 

Dem Valle Settimana entspricht südlich vom Val Ceresolina eine 
Verwerfung, die Haupt-Dolomit in Lagerung neben Jura bringt. Diese 
gegenseitigen Verhältnisse der Sedimente der sekundären Periode setzen 
in ähnlicher Weise nach Osten weiter fort; dafs kleinere Änderungen 
nicht ausgeschlossen sind und auch der Nordhügel an einer Verwerfung 
abgesunken sein kann, das zeigt der Nordabfall des Monte Raut, wo 
längs des Thaies des Torrente Silicia die Schichten von Vidali anstehen, 
während auf der linken südlichen Thalseite Haupt-Dolomit vorhanden 
ist; die Bedeutung des Bruches seinem vertikalen Ausmafs nach ist 
demnach nur sehr gering; in tektonischer Beziehung fällt er aber in 
die östliche Fortsetzung der Synklinalen von Claut, was ihm gröfsere 
Wichtigkeit verleiht. An der östlich von Meduna in gleicher Richtung 
weitergehenden Bruchlinie ist südlich vom Monte Giaf aber der süd- 
liche Hügel der abgesunkene. Es erscheint nicht überflüssig, hier noch 
besonders darauf aufmerksam zu machen, dafs die gegenseitigen Be- 
ziehungen der einzelnen tektonischen Faktoren wie Faltungsbrüche, 
Verwerfungsbrüche und Faltungen nur im allgemeinen nach Taramelli 
dargestellt werden können, dafs aber die Rolle von Querstörungen, 
die besonders an der Meduna eine wichtige Rolle zu spielen scheinen 
und tief in den Bau des Gebirges eingreifen, dort noch nicht berück- 
sichtigt sind. Wir müssen uns daher mit diesem allgemeinen Bild be- 
begnügen und wenden uns der Besprechung der wichtigen Dislokationen 
zu, welche im Süden unser Gebiet durchziehen. Hier kommt in erster 
Linie in Betracht die Frattura periadriatica Taramelli's oder die 
Bruchlinie Barcis-Starasella. 

Nicht allein die grofse Ausdehnung, die im Westen sowohl wie 
im Osten weit über unser Gebiet hinausgeht, und ihre Eigenschaft als 
südliche Grenze, über welche die Trias-Bildungen nicht hinausreichen, 
verleihen ihr eine hohe Bedeutung; auch durch ihre enorme Sprung- 



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K. Futterer: 



höhe, welche an gewissen Stellen cocäne Bildungen direkt neben solche 
der oberen Trias bringt und somit die ganze etwa auf 2000 m zu ver- 
anschlagende Mächtigkeit eines Teils des Haupt-Dolomits, der ganzen 
Jura- und der Kreide-Sedimente umfafst, wird die Entstehung dieses 
Bruches zu einem der wichtigsten Ereignisse, das die Geschichte der 
südöstlichen Alpen zu verzeichnen hat, und deren Phasen durch lange 
Perioden hindurch ihren Einfluß» ausgeübt haben dürften. 

Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die tektonischen Ver- 
hältnisse dieser Bruchlinie Schritt für Schritt zu verfolgen, obwohl 
daraus sicher sich interessante Ergebnisse über den Mechanismus ihrer 
Bildung und wohl auch Daten für eine genaue Altersbestimmung ihrer 
Entstehung gewinnen liefsen, und es wäre von hoher Bedeutung, wenn 
die Lösung dieser Aufgabe bald versucht würde, da über die Vorgänge 
im einzelnen bei solchen grofsen Kluftbildungen und der sie veran- 
lassenden Faktoren im allgemeinen noch wenig genug bekannt ist. 
Bei dem vielfachen Wechsel der stratigraphischen Schichtfolge sowohl 
wie der tektonischen Verhältnisse würde sich ein solches eingehendes 
Studium sicher an Resultaten sehr ergiebig zeigen. Es sei nur darauf 
hingewiesen, dafs die Belluneser Bruchlinie am Nordrand des Beckens 
von Belluno nördlich von Feltre südfallende Schio-Schichten von sehr 
steil nach Süden geneigten Kalken der Trias und des Jura trennt, die 
durch eine parallele Verwerfung an fast horizontal liegendem Dach- 
steinkalk im Süden abgesunken sind (s. Mojsisovics, DolomitrifTe. Profil 
S. 431); dafs sie weiter östlich am Bergabhang des Monte Serva nörd- 
lich von Belluno noch auf ihrem Nordflügel Biancone und Scaglia ent- 
hält, die den Südflügel einer flachen Antiklinalen bilden, während das 
Tertiär nördlich von Belluno gegen die VerwerfungsJinie hin einfällt 
iE. Mojsisovics, DolomitrifTe. Profil S. 444). Auf dieses Profil ist in- 
sofern grofses Gewicht zu legen, als durch das Vorkommen von Sca- 
glia im Nordflügel der Verwerfung über Biancone und Jura gezeigt 
wird, dafs auch die Anfänge der Bruchbildung nicht älter als die Sca- 
glia sein können. Man könnte durch verschiedene Umstände zu der 
Annahme verleitet werden, dafs die Entstehung des periadriatischen 
Bruches mit seiner grofsen Sprunghöhe schon in der älteren Kreide- 
zeit begonnen und mit successivem Weitersinken seines Südflügels bis 
in postmioeäne Zeiten angedauert habe; dahin wäre u. a. die That- 
sache zu rechnen, dafs die Rudistenkalke nicht nördlich von dieser 
Linie vorkommen, ebenso dafs auch die Scaglia selbst in den meisten 
Fällen hier ihr nördliches Ende hat: die Vorkommen derselben in den 
Synklinalen und an den Dislokationen von Claut, Campone, Perl etc. 
könnte dann auf eine Entstellung in Meeresbuchten zurückgeführt 
werden. Abgesehen dafs aber der Gesteinscharakter sich nur schwer 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen 



33 



mit einer derartigen Annahme vereinen Jläfst, da er nicht die Merk- 
male einer Bildung in engen Meeresarmen trägt, erscheint es den na- 
turlichen Verhältnissen entsprechender, die damalige Uferlinie in der 
Nähe des Verlaufes der Val Sugana- und Tagliamento-Linie zu suchen, 
wenn überhaupt schon auf Grund des tatsächlichen Materials Ver- 
mutungen aufgestellt werden können. Es miifste in diesem Fall aller- 
dings der zwingende Beweis für ein höheres Alter der Val Sugana- 
Tagliamento-Linie gegenüber dem Bruch von Belluno und der Frattura 
pcriadriatica erbracht werden. Das völlige Fehlen jeglicher jüngeren 
Kreide- und Tertiär-Bildungen nördlich der erstgenannten Dislokation 
scheint in dieser Beziehung nicht ohne Bedeutung zu sein. Leider 
sind andere Anhaltspunkte über die gegenseitigen Altersbeziehungen 
dieser wichtigen tektonischen Ereignisse vorerst noch nicht zu gewinnen. 

Über die Verhältnisse längs der Belluneser Bruchlinie am Nord- 
rand des Beckens des Alpago herrscht trotz eines von Taramelli ge- 
gebenen Profils (Note illustrative alla carta geologica della provincia 
di Belluno. No. XVI), in welchem sich die bei Curago steil gestellten 
Schichten des Eocän und der Scaglia im Südostflügel einer grofsen 
Antiklinalen konkordant über Biancone, Jura und Lias folgen sollen, 
so dafs hier keine Dislokation vorhanden wäre, doch noch Unklarheit. 
Während nämlich Taramelli noch 1883') die Frattura di Belluno in 
zwei unzusammenhängenden Stücken am Piave endigen läfst und eine 
Frattura di Claut mit erst ost-westlichem, später nordost-südwestlichem 
Verlauf bis fast an den Piave reichte, hat Mojsisovics*) seine Bellu- 
neser Linie bis über den Piave bei Ponte nelle Alpi nach Osten ver- 
längert und durch einen Pfeil deren weitere Fortsetzung in derselben 
Richtung angedeutet. Diese Verlängerung fällt nun mit der Störungs- 
linie durch das Valle Salatis zusammen, und ein solcher Zusammen- 
hang entspricht der ganzen tektonischen Anlage dieses Gebirgsstück«- 
viel mehr als die von Taramelli angegebene Abbiegung der Frattura 
Barcis-Starasella nach Süden, die, wenn vorhanden, auf einen der zahl- 
reichen Querbrüche zurückzuführen sein dürfte. Auf der Westseite 
des Gebirgsstockes des Monte Cavallo kann vorläufig nur die eine 
durch das Valle Salatis laufende Verwerfung als erwiesen gelten, 
welche Rudistenkalke der oberen Kreide und Triasbildungen von ein- 
ander trennt; vermittels der später zu erwähnenden Querspalten an 
der Ostseite von Monte Caulana und Cavallo wird ihre Verbindung mit 



*) P. Taramelli, Schema dei principali Fratturc auf der Carla geologica 
della provincia di Belluno. 

i ) E. v. Mojsisovics, Die Dolomit - Riffe von 5ud-Tirol und Venetien. 
Übersicht der wichtigsten tektonischen Störungslinien. Zu S 51b. 
Zeittchr. d. G«MUsch. f. Eidk. Bd. XXX, 1895. 3 



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34 



K. Futterer: 



der Frattura periadriatica Barcis - Starasella hergestellt. Das Wesent- 
liche dieser tektonischen Verhältnisse ist schon an anderer Stelle l ) mit- 
geteilt worden, so dafs hier nur noch folgendes zu erwähnen ist. 

Die durch das Valle Salatis nach Osten streichende Verwerfung 
mufs an einem noch nicht näher bekannten Punkt zwischen Monte 
Cavallo und Monte Caulana, als den man nach Pirona's Kartet die 
Gegend der Casera Le Vals nördlich vom Piano del Cavallo ansehen 
kann, wo die Kalke der oberen Kreide auf die Trias- und Jura- 
bildungen des Monte Caulana stofsen, auf die aus dem Cellina - Thal 
nach Süden verlaufenden Querbrüche treffen. An einem solchen Quer- 
bruch ist dann ihre östliche Fortsetzung nach Norden um etwa 
7—8 km verschoben, bis ins Cellina-Thal zur Dislokationslinie Barcis- 
Starasella; ein gleiches Verhalten wird an der Meduna an dieser peri- 
adriatischen Brtichlinie von neuem zu erwähnen sein. 

Über den Querbruch am Ostabhang des Monte Caulana giebt 
Pirona an 3 ): Dopo il sollevamento Je IIa mole di Monte Cavallo, si stabili 
una linea di frattura nella parte Orientale in correspondenza del Pia/t di 
Cavallo e della vallc della Stua o del Rio Callea, e z'erso sud continua 
pel piano di Longarezze e per Mezzomonte sino a Stirone. Lungo un grau 
tratto di questa linea una tuassa potente di calcare cretaceo, identica o 
quella che costiiuisce le parti piü elevate, del Cot Grande, del Cdle Arnerio, 
del Tremol e. del Cavallo, si trova a contatto cogli strati inferiori della loro 
base e Ii nasconde formando un lungo dosso che fiancheggia la pianura da 
Monier eale a Co l Iura (Polcenigo). 

Ein zweiter paralleler Bruch liegt etwas westlich von dieser wich- 
tigen Linie und läuft durch das Pentina-Thal auf den Monte Cau- 
lana zu. Der Übergang aus dem Valle Salatis in das Valle di Sass 
und Valle Pentina über die Forcella Grava Piana westlich vom Monte 
Sestier liegt aber schon gänzlich im Dachsteinkalk mit Megalodus. 

In dem Verlauf des periadriatischen Bruches zwischen Barcis 
und der Meduna ist eine hauptsächlich aus Gesteinen der oberen 
Kreide gebildete Antiklinale mit Tertiärbildungen auf den beider- 
seitigen Flügeln durch dieselbe von der Trias-Jura-Serie getrennt. Das 
kommt in den Profilen No. 1—3 auf Tafel 3 zum Ausdruck. In diesen 
Profilen zeigt sich auch deutlich die orographische Depression, welche 

M K. Futterer, Die Gliederung der oberen Kreide in Friaul. Sitzungs- 
berichte der K. Preufsischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1893. 
XL. S. 6. 

*) Pirona, Carta geologica dei dintorni di Aviano e Polcenigo. Meraoric 
del Reale Istituto Veneto di Scienze Lctterc ed Arti. Vol. XX. 1876. 

Pirona, Scbizzo geologico della provincia di Udine. Bollettino del K. 
Comitato Geologico. Vol. VIII. 1877. S. 125. 



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Durchbruchsthaler in den Süd-Alpen. 



35 



die periadriatische Bruchlinie begleitet und welche in den folgenden 
Erörterungen von Wichtigkeit sein wird. Das Profil No. 3 zeigt im 
Süden des periadriatischen Bruches nur noch wenig Kreide mehr, welche 
etwas weiter östlich schon ganz unter das Tertiär hinabtaucht. Es ist 
nicht unmöglich und scheint am Col Maggiore SSO vom Monte Rossa 
sehr wahrscheinlich, dafs stellenweise in geringer Entfernung vom 
Hauptbruch kleinere Dislokationen diesem parallel laufen und kleinere 
Triasstücke auf der Nordseite derselben verworfen haben, wie solche 
denn auch in den tertiären Bildungen im Süden desselben aufzutreten 
scheinen. 

Der Hauptbruch trifft an die Meduna in der Gegend des Ponte 
Racli nördlich von Meduno, und ein kleinerer Bruch setzt auch in 
derselben Richtung in den oberen Kreidekalken des linken Fiufsufers 
noch fort. Während aber dem periadriatischen Bruch in erster Linie 
die grofse Bedeutung zufällt, Trias und Tertiär zu trennen, hat diese 
letztere Dislokation nur die untergeordnete und lokale Bedeutung, die 
Kreidekalke in sich etwas zu verschieben. Eine Verwerfung von dem 
Betrag der Linie Barcis — Meduna setzt erst weiter nördlich, etwa 
südlich vom Monte Pradis an der Meduna ein und geht mit östlichem 
Verlauf weiter durch die Thäler des Chiarso, Fus und Molin über 
Campone und Pert bis zum Tagliamento. 

Dafs durch das Meduna-Thal auf der oben angegebenen Strecke 
ein Querbruch verläuft, zeigt das Profil No. 4 auf Tafel 3, und die Lage- 
ningsverhältnisse im Tertiär zwischen Novarons, Frisanco und Meduno 
lassen auf eine südliche Fortsetzung dieses Querbruches schliefsen, 
während für seine weitere Erstreckung nach Norden es noch an Beob- 
achtungen fehlt. 

Auch am Ostabhang des Monte S. Lorenzo läfst die Lagerung 
des Tertiärs auf eine weitere, in Nord-Süd-Richtung streichende Ver- 
werfung schlicken. 

Die Fortsetzung des periadriatischen Bruches östlich der Meduna 
entspricht, wie das Profil No. 5 auf Tafel 3 zeigt, dem westlichen 
Teil derselben. Auch hier trennt sie die mit schwacher Neigung nach 
Norden fallenden Trias-Jura-Bildungen von der Antiklinalen der Kreide, 
an der auch zum Teil das Tertiär noch teilnimmt ; solches ist an ver- 
schiedenen Stellen noch an der Verwerfung selbst zu beobachten, wie 
z B. östlich von Campone und bei Pert; ferner am Torrente Tremugna, 
wo die grofse Verwerfung den Tagliamento erreicht. Dafs übrigens 
die Tertiärbedeckung einst ununterbrochen über die Kreidegebiete 
reichte, zeigt die Beobachtung Tellini's 1 ), dafs sich nämlich auf den 

M Teilini, Descrizione geologica della Tavoletta ^Majano* nel Friuli. 
titratto dal giornale „In Alto". Udine 189z. S. 18- 

3* 



36 



K. Futterer: 



aus reinem Kalk bestehenden Kreideplateaus Pyritkrystalle oder aus 
Pyrit hervorgegangene Brauneisenstein-Konkretionen an verschiedenen 
Stellen unter Umständen finden, die nur die eine Möglichkeit offen 
lassen, dafs dieselbe als Erosionsrelikte aus jüngeren Formationen 
stammen, welche einst über der Kreide vorhanden waren. Ein solches 
Pyrit führendes Niveau mit Ligniten befindet sich in der tortonischen 
Stufe inmitten leicht erodierbarer Gesteine, so dafs die angeführte An- 
nahme dadurch eine weitere Stütze gewinnt. 

Die orographische Depression, welche die periadriatische Bruch- 
linie zu begleiten pflegt, ist auch zwischen dem Meduna- und Taglia- 
mento-Thal vorhanden, wenn sie auch nicht überall so stark durch die 
Höhendifferenzen markiert ist ; so beträgt der Unterschied zwischen 
den Kreidehöhen westlich von Pconis und dem Monte Corno am Nord- 
rand des Bruches nur wenig mehr als 500 m. 

Tektonik des Kreidegebirges. Für die zu erörternden 
Fragen der Querthalbildung ist die Tektonik des Kreidegebirges süd- 
lich von dem periadriatischen Bruch in mehrfacher Beziehung von 
Wichtigkeit, so dafs dessen ausführliche Besprechung unerläfslich ist. 

Ganz im allgemeinen mag vorausgeschickt sein, dafs hier der 
Faltungscharakter deutlich zum Ausdruck kommt, indem vom Piave 
an bis an den Tagliamento der Kreide-Höhenzug durch antiklinalen 
Schichtenbau im wesentlichen bezeichnet wird; der Südrand wird meist 
durch einen oder mehrere Brüche bezeichnet. 

Im einzelnen gestalten sich diese Verhältnisse folgendermafsen. 

Der Bruchlinie von Aviano (s. Tafel 1), die nördlich vom Torrente 
Meschio bei Sacile beginnt und in nordöstlicher Richtung über Polcenigo- 
Aviano und Montercale bis gegen Meduno verläuft, kommt die grofse 
Bedeutung zu, dafs an ihr die östliche Fortsetzung der jung-mesozoi- 
schen Schichtserie des Cansiglio und der nordöstlich sich anschliefsen- 
den Hochplateaus absank, so dafs westlich von Aviano im Val Grande am 
Fufs des stehengebliebenen Teiles noch Tithon unter der Kreide zum 
Vorschein kommt. Es scheint nach einem Profil von Pirona 1 ) wohl 
möglich, dafs an jener Stelle der durch das Thal des Torrente Calte.i 
nach Süden verlaufende Bruch mit dem Bruch von Aviano, der weiter 
nach Nordosten streicht, schaart und dafs das am Gebirgsrand liegende 
Tertiär eine ähnliche Stellung hat, wie die Tertiärbildungen am Aus- 
gang des Torrente Silano (Val Rovina) zur Ebene (westlich von der 
Brenta), die Suefs im „Antlitz der Erde" I. S. 329 in Figur 33 abbildet. 

Weiter östlich, wo zwischen Maniago und dem Tagliamento bei 
Cornino der Gebirgsabfall annähernd in Ost-West-Richtung verläuft, 



») I'irona, Fauna fossile giurese del Monte Cavallo. Profil C— 1). 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



37 



ist derselbe nicht überall durch einen Bruch bezeichnet, wenn auch 
der Südflügel der Kreide-Antiklinalen häufig in einen solchen über- 
geht, wie es die Profile 3 und 5 auf Tafel 3 darstellen. Das häufig gegen 
das Kreidegebirge gerichtete Einfallen der Tertiärschichten bei Travesio, 
am Südfufs des Monte San Lorenzo, bei Forgaria und an anderen Stellen, 
macht aber den Zusammenhang der einzelnen Faltungsverwerfungen 
im Südflügel der Kreide-Antiklinalen sehr wahrscheinlich, so dafs pa- 
rallel zur periadriatischen Bruchlinie noch ein weiterer stellenweise 
unterbrochener Bruch längs des Südrandes des Kreidegebirges ver- 
liefe, der aber nur die Bedeutung eines in einen Bruch übergehenden 
Antiklinalen - Schenkels hätte. In rein orographischer Beziehung ver- 
tritt dieser Bruch östlich von Maniago die Rolle der Frattura di Aviano, 
indem sie den steileren Gebirgsabfall der Kreide gegen die vorge- 
lagerten sanfteren Höhen des Tertiärs oder die Diluvialbildungen der 
Ebene bezeichnet. 

Auf die Dislokationen, welche nur das Kreidegebiet selbst be- 
treffen und z. B. auf dem Cansiglio, bei Montereale und an anderen 
Orten vorhanden sind, ist hier nicht der Ort näher einzugehen, da 
ihnen ausschliefslich eine lokale Bedeutung zukommt und sie wohl 
auch nur mit den Einstürzen, welche die chemische Erosion der Kalke 
in „Karstgebieten" zu begleiten pflegen, in Zusammenhang zu bringen 
sein dürften. 

Querbrüche. Wichtiger, weil allgemeiner verbreitet und durch 
ihre Selbständigkeit gegenüber den Thaldurchbrüchen bemerkenswert, 
sind die Querbrüche, von denen die mit dem periadriatischen Bruch 
in Verbindung stehenden schon erwähnt wurden. 

In dem Gebirgsstück der Belluneser Hügel vom Piave bis zu den 
Querbrüchen von Santa Croce, sind von Taramelli nicht weniger als 
vier auf der Karte eingezeichnet; auf der Westseite des Lago di Santa 
Croce verlaufen deren zwei, während südlich vom Lago Morto durch 
die von SW nach NO streichende Dislokation des Val Moreno schon 
die Richtung des Bruches von Aviano vorgezeichnet ist. 

Die Querspalten von Sta. Croce haben sowohl durch ihre orogra- 
phische wie tektonische Bedeutung schon öfter die Aufmerksamkeit 
auf sich gezogen. Es ist erwiesen, dafs während der Glazialzeit ein 
Arm des Piave-Gletschers durch die Querthalschlucht seinen Weg nach 
Soden nahm und in die Ebene vor Vittorio-Serravalle seine Moränen 
vorschob. So bedeutend auch die orographische Depression längs der 
Querbrüche sein mag, so wird sie doch von keinem aus den Alpen 
austretenden Flufs mehr benutzt, und der Lago Morto ist ein abflufs- 
loser See, während der Lago di Santa Croce nach Norden hin zum 
Piave durch den Fiume Raj entwässert wird. Eine ausführlichere 



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3« 



K. Futterer: 



Darstellung dieser Verhältnisse wurde an anderer Stelle 1 ) gegeben, 
und es mag hier für diejenigen, welche geneigt sind, bei jedem Quer- 
thal in Kettengebirgen tektonische Ursachen vorauszusetzen, darauf hin- 
gewiesen sein, dafs bei unzweifelhaft gegebener tektonischer Vorbildung 
eines Querthaies doch die Flüsse, für welche die günstigen Vorbedin- 
gungen in Betracht kämen, wie die Gewässer der Randgebirge des 
Beckens von Alpago und des Piave, keinen Gebrauch davon machen, 
sondern unabhängigen Läufen folgen. 

Andere Fälle der gleichen Art werden sich anreihen. 

Das vom Monte Cavallo an östlich bis zum Tagliamento streichende 
Kreidegebirge bildet tektonisch eine Antiklinale, die auch orographisch 
als einfache Falte zum Ausdruck kommt; die Kammlinie der ersten 
Bergkette bildet vielleicht bis zum Tagliamento hin auch den Kamm 
der Falte; nach Norden sinkt der Flügel ab bis zum grofsen peri- 
adriatischen Bruch, nach Süden zur diluvialen Ebene. Für die aus 
dem älteren Gebirge nördlich des Bruches Barcis-Starasella austreten- 
den Flüsse bildet das Kreidegebirge einen Wall, den sie entweder in 
der Depression längs des periadriatischen Bruches umgehen oder quer 
zu seinem Streichen durchbrechen müssen. 

Es geschieht das letztere. 

Die Erklärung dieser Erscheinung soll späterhin versucht werden; 
hier wurde sie nur angeführt, um gleich jetzt bemerken zu können, 
dafe die Flüsse fast ausnahmslos den in der Kreidekette vorhandenen 
Querbrüchen und somit den tektonischen Linien nicht gefolgt sind. 
Es kann somit für diese Querthäler eine Entstehung auf Grund von 
oder im Zusammenhang mit Querbrüchen nicht erwiesen werden. 

Die vorhandenen Querbrüche sind aber folgende. 

Der Querbrüche am Ostabfall von Monte Cavallo und Monte Cau- 
lana und im Valle Pentina wurde schon gedacht. Es verdient be- 
merkt zu werden, dafs diese Brüche da auf den Lauf der Cellina 
treffen, wo dieser seine Richtung aus NW— SO ungefähr in W— O än- 
dert. Die Cellina folgt aber dem periadriatischen Bruch, und es wird 
die Frage zu erörtern sein, ob diesem Bruch ein höheres Alter als den 
Querbrüchen zukommt, und ob der Lauf der Cellina schon vor der 
Bildung dieser letzteren konnte vorgezeichnet sein. 

Ein von Taramelli angegebener 2 ) Querbruch am Torrente Colvera 
ist nicht festzustellen; dagegen östlich .davon und schon ins Tertiär- 

') K. Futter er, Die Entstehung der Lapisinischcn Seen. Zeitschrift der 
Deutschen Geologischen Gesellschaft. 1891. Band 44. S. 123. 

'-') T. Taramelli, Tavola schematica delle principali linee tectoniche nellc 
Provincie Venete. Geologia delle Provincie Venete. 1882. Tav. 11. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



39 



gebiet fallend sind Querbrilche vorhanden, von denen der wichtige 
Meduna-Bruch schon auf Seite 35 besprochen wurde, während ein 
anderer nur aus dem verschiedenen Einfallen des Tertiärs zu er- 
schliefsen ist und ganz im Tertiär verläuft, ohne in das Kreidegebiet 
einzutreten. Der Torrente Meduna folgt hier allerdings der Grenze 
zwischen Trias-Jura und oberem Kreidekalk und somit dem Quer- 
brach (s. Profil No. 4 auf Tafel 3); allein diesem Bruch kommt eine 
ganz besondere Bedeutung durch das nördliche Vorrücken des Kreide- 
gebirges auf seinem östlichen Flügel zu, und wenn diese Rudisten- 
kalke nur längs einer verhältnismäfsig schmalen Zone an der Küste 
gebildet wurden, so müfste man auf ein schon zur oberen Kreidezeit 
vorhandenes Zurückspringen des Küstenverlaufs schliefsen und ein 
altes Datum der Entstehung des Querbruches der Meduna voraus- 
setzen. 

Forschungen im Trias-Juragebiet nördlich des periadriatischen 
Bruches müssen über diese Frage Aufschlufs bringen. 

Jedenfalls würde ein so bedeutend höheres Alter die abweichende 
Rolle der Meduna-Bruchlinie als heutigem Querthal gegenüber den 
anderen Querbrüchen, die nur das Kreidegebiet durchsetzen und 
jedenfalls ihrer Entstehung nach zum Teil, wenn nicht alle, ins jün- 
gere Tertiär fallen, zu erklären vermögen. 

Die normalen Verhältnisse finden sich sofort wieder an dem 
weiter im Osten am Westabfall des Monte Pala verlaufenden Quer- 
bruch, der Tertiär und Rudistenkalk in Lagerung nebeneinander bringt, 
dessen Sprunghöhe auf mindestens 700 m zu veranschlagen ist, und 
an dem der Westflügel absank. Die ganzen sanften Abhänge vom 
linken Ufer des Torrente Cosa bis zu den kahlen steilen Felsmassen 
des Monte Pala werden von den weichen, leicht erodierbaren Sedi- 
menten des Eocän gebildet bis zur Verwerfung heran; das Thalbett 
des Torrente Cosa liegt aber gleich westlich von der Grenze der 
Uberlagerung des Eocän und der Scaglia auf den Rudistenkalken aus- 
schliefslich im Gebiet dieser letzteren, durch die er sich eine enge, 
tiefe, steilwandige Schlucht bis Mulinar, wo er in das südlich vor- 
liegende Tertiärgebiet eintritt, gegraben hat. 

Das Profil No. 6 auf Tafel 3 zeigt, dafs die Cosa nicht nur die 
Querverwerfung, sondern auch das leichter erodierbare Tertiär ver- 
mieden und ihr Bett in den widerstandsfähigeren Kalkstein, wo für sie 
bei ihrem kurzen Lauf fast nur die chemische Erosion wirksam sein 
konnte, verlegt hat. 

Dieser Querbruch mufs in der Gegend von Clauzetto auf den hier 
den Südflügel der Kreide-Antiklinale gegen das Tertiär begrenzenden 
ftandbrueb treffen, der hier in Westsüdwest— Ostnordost streicht und 



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40 



K. Futterer: 



von Fraforte über Mulinar nach Dominisia bei Clauzetto heraufläuft. 
Zwischen diesem Ort und dem Cosa-Thal verläuft längs dieses Rand- 
bruches ein Thal; am Ponte di Tul ist diese Verwerfung schön zu 
beobachten, wie Profil No. 7 auf Tafel 3 zeigt. 

Das Eocän fällt mit 40° nach S 30 0 O ein, während die Rudisten- 
kalke an dieser Stelle in der Nähe der Verwerfung aufserordenllich 
zerklüftet sind, aber nur wenig nach Osten geneigt zu sein scheinen. 

Die Höhen des Monte Pala scheinen ohne weitere Querstörungen 
über die verkarsteten Hochflächen nördlich von Forgaria bis an den 
Tagliamento fortzusetzen, wenn auch hier die Verhältnisse noch nicht 
in allen Punkten geklärt sind. Das Thal des Arzino zwischen Pert 
und Anduins, eine enge, steilwandige Thalschlucht, ist aber ein reines 
Krosionsthal, und irgend welche tektonische Einflüsse auf seine Bil- 
dung sind nicht nachzuweisen. Dagegen dürfte die Kreidemasse in 
sich ziemlich verwickelte Lagerungsverhältnisse zeigen. Die in der 
Arzino-Schlucht anstehenden bituminösen Kalke sollen nach Tellini 
der Trias (Piano latiano) angehören und von der Kreide diskordant 
überlagert sein, während aus tektonischen Gründen dieselben als ältere 
Kreidestufen, allerdings mit Vorbehalt, da noch keine Versteinerungen 
in denselben gefunden werden konnten, angesprochen wurden 1 ). An 
derselben Stelle wurde auch der veränderten Kreidebeschaffenheit öst- 
lich vom Arzino, zwischen Forgaria und Peonis, gedacht und das 
Vorkommen von Ellipsaktinien erwähnt, ein Vorkommen, auf das auch 
schon Tellini 2 ) aufmerksam gemacht hatte. Indessen ist bei dem 
heutigen Stande der Ellipsaktinien-Frage das Auftreten derselben zur 
Altersbestimmung nur mit Vorsicht zu gebrauchen. 

Die Störungen im Tertär-Gebiet sind für die Bewegungen des Ge- 
birges von grofser Bedeutung und von diesem Gesichtspunkt aus auch 
in der Tabelle auf S. 23 bezeichnet; ein Verfolgen ihrer Einzelheiten 
aber ist für die Frage der Thalbildung in dem Kreide-Gebirge ohne 
Zweck. Mit den oben gegebenen Darstellungen der Tektonik ist die 
Grundlage, soweit sie aus den bis jetzt vorliegenden Beobachtungen zu ge- 
winnen ist. geschaffen, und es bedarf zunächst eines Uberblickes über den 
Verlauf und die Natur der Thäler dieses Teiles der Karnischen Voralpen, 
um durch den Vergleich der Eigentümlichkeiten dieser Thäler mit den 
Grundzügen der Tektonik und des stratigraphischen Aufbaus ihre 
Entstehungsgeschichte zu enträtseln. 

1 K. Kutter er, Gliederung der oberen Kreide in Friaul. Sitzungsberichte 
der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1883. XL. S. 24. 

-I A . Tellini, Descrizione geologica della Tavoletta „Majano" nel Friuli. 
Estratto dal „In Alto". Cronaca della Societa Alpina Friulana. Anno III. Udine 
1892. S. 60. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



41 



IV. Das Flufssystem. 

Ein Gesetz beherrscht den Lauf der Flüsse in den Karnischen 
Voralpen. 

Ausgesprochene Längsthäler und Durchbrüche senkrecht zum 
Streichen der Schichten reihen sich in abwechselnder Folge aneinander, 
soweit die Flüsse für unser Gebiet in Frage kommen. 

Unsere Grenzen bilden: 

Der Piave im Westen, ein ausgesprochenes Querthal, dessen Unter- 
suchung und Entstehungsgeschichte ein interessantes Kapitel der 
geologischen Erforschung der Alpen und ihrer Orographie zu werden 
verspricht, aber aufserhalb des Rahmens dieser Arbeit fällt. 

Im Norden begrenzt im wesentlichen der Tagliamento als Längs- 
thal die Karnischen Voralpen und durch die längs seines Laufes 
streichende „Tagliamento-Bruchlinie" wird auch ein Zusammenhang 
zwischen Flnfslauf und Dislokation nicht unwahrscheinlich. 

Derselbe Flufs, verstärkt durch die vom Nordosten kommende 
Kella, deren Verlauf auch bemerkenswerte Wechsel und Eigentümlich- 
keiten zeigt, durchschneidet im Osten in breitem Querthal die Ketten 
und Dislokationen, welche östlich mit gleichem Charakter weiterziehen 
und somit ihre gewaltsame Unterbrechung, sei es durch tektonische 
Kräfte, sei es durch die Macht der Erosion, darthun. 

Dasselbe Bild, welches der mächtigste Flufs Friauls mit seinem 
einmaligen Wechsel von Längs- und Querthal bietet, zeigen im kleinen 
und zuweilen in mehrfachem Wechsel die von ihm auf zwei Seiten 
umspannten Flüsse, von denen die Cellina, Meduna und Arzino die 
bedeutenderen sind 1 ). 

Einige Züge ihres Flufssystems mögen hier angeführt werden. Die 
kleineren Bäche im Alpago und an der Ostseite des Cansiglio sind für 
die Theorie der Thalbildung unwesentlich. Sehr hohes Interesse aber 
kommt dem unteren Lauf des Piave zu. 

Piave. Der Piave, welcher aus meridional gerichtetem Querthal 
im Gebiet der Trias- und Jura-Formation in das Hügelland des Bellu- 
neser Beckens eintritt, dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung nach 
Südwesten durchströmt und erst südlich von Feltre durch die Kreide- 
Kette der Belluneser Voralpen die oberitalienische Ebene erreicht, hat 
jedenfalls eine komplizierte Entwickelung in den unteren Teilen seines 
Laufes hinter sich. Zeigt schon das Verhältnis der Thalschlucht von 

M Ein, wenn auch unvollständiges Bild der orographischen Verhältnisse und 
und Thäler giebt Ferruci's: Le Prealpi Clautane. In Alto. Cronaca della Societa 
Alpina Friulana. . Anno II, S. 141. 



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42 



K. Futterer: 



Santa Croce bis Vittorio, die einst von einem Teil des Piave, wenn 
nicht vom ganzen Flufs, durchströmt wurde, zu dem jetzigen Durch- 
bruch durch die südlichste Bergkette Veränderung im Laufe des Flusses 
an, die verhältnismäfsig jungen Datums sind, so lassen die Sättel in dem 
Kreidezuge der Belluneser Voralpen noch mehr Stufen der Entwickelung 
des Flufslaufes vermuten. Leider fehlt es noch in diesem Gebiet an 
dem nötigen Beobachtungsmaterial, als dafs schon der Versuch gemacht 
werden könnte, hier diese Verhältnisse so ausführlich darzustellen, wie 
dies für die entsprechenden Teile der Karnischen Voralpen wird ge- 
schehen können; hier sei nur die Bemerkung Taramelli's 1 ) angeführt, 
dafs das Studium der orographischen Modellierung in weiter zurück- 
liegenden Zeiten eine Reihe von alten Abflüssen der Gewässer des 
Belluneser Gebietes ergeben würde, die den zahlreichen Einsenkungen 
und niederen Pässen der Bergkette im Süden des Piave-Thales ent- 
sprechen und auch zu den Resten der Tertiärbildungen am Südfufs 
derselben in Beziehung stehen. Dafs diese Ansicht in der That be- 
gründet ist, zeigen die noch zu besprechenden, durchaus analogen Ver- 
hältnisse in den Karnischen Voralpen, wo z. B. die Pässe La Croce, 
Forcella di Meduno nichts anderes als alte Flufsläufe sind, die hinter 
der Kreidekette im Tertiärgebiet durch rückschreitend erodierende 
Flüsse seitlich abgelenkt wurden, wie denn wohl auch in dem der 
Erosion leichtes Spiel bietenden Belluneser Becken ein in der Gegend 
von Feltre ursprünglich vorhandener Flufs durch seine nach Osten 
rückschreitende Erosion allmählich der Reihe nach alle aus den Bellu- 
neser Voralpeft austretenden und quer über Tertiär- und Kreidekette 
zur Ebene fliefsenden Flüsse sich tributär gemacht zu haben scheint, 
bis er endlich den Piave, den mächtigsten dieser Flüsse, ebenfalls nach 
Westen ablenkte. Dafs eine derartige Flufs-Erosion nicht noch weiter 
nach Osten vorschreitet, ist nicht Zufall, sondern in den geologischen 
Verhältnissen begründet, indem die harten Kreidegesteine der Bellu- 
neser Voralpen gleich südlich vom Piave-Austritt aus den Belluneser 
Hochalpen den Ostrand des Tertiärbeckens bilden. Es wäre eine 
der lohnendsten Aufgaben, den Zusammenhang der heute noch von 
Norden in das Becken von Belluno mündenden Flüsse mit den Sätteln 
der südlichen Randkette desselben festzustellen und die Herkunft des 
Tertiärmaterials am Nordrand der oberitalienischen Ebene zu er- 
mitteln. 

Cellina. Der westlichste Flufs der Karnischen Voralpen, der 
Torrente Cellina, fliefst bis zu seiner Vereinigung mit dem Torrente 
Cimoliana, der von seinem Ursprung am Gebirgsstock des Monfalcone 

') Taramelli, Geologia delle Provincie Venete S. 37. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



43 



unweit der Tagliamento-Quellen ein Querthal fast ausschliefslich im 
Trias-Gebirge bildet, in einem Längsthal, das von Norden her und 
zwar durch das Val di Gere vom Monte Pregajane (2321 m) seinen 
Hauptzuflufs im östlichen Ende und einen kleineren durch Val Ciolesan 
weiter westlich erhält. Kurz vor der Vereinigung mit der Cimoliana 
bei Porto nimmt die Cellina bei Claut den wie erstere auch durch 
ein Querthal von Norden kommenden Torrente Settimana auf, dessen 
Verlauf ausschliefslich im Trias- und Jura-Gebiet liegt. Ob die Quer- 
thäler der Cimoliana und Settimana mit den von Taramelli an ihren 
Mittel- und Oberläufen auf der tektonischen Karte der venetianischen 
Provinzen eingezeichneten Querbrüchen im Zusammenhang stehen, be- 
darf noch der Untersuchung, da TarameHi selbst an anderer Stelle l ) 
die Unabhängigkeit der Thalbildung von tektonischen Linien hervorhebt. 

In engem Querthal, dessen Richtung bald direkt nach Süd, bald 
mehr nach Südost gerichtet ist, durchzieht die Cellina den Gebirgs- 
kamm, der nördlich von der Frattura periadriatica von dem Monte 
Ricittume über den Monte Fratta nach Osten streicht, und tritt, in brei- 
terem Längsthal, in die jenen Bruch begleitende Depression zwischen 
der Kreidekette und dem Trias-Jura-Gebirge ein. 

Das Längsthal der Cellina von Porto über Claut bis zum Val di 
Gere ist jedenfalls ein tektonisches Thal, ob der Schichtenbau des 
Tertiärs, in dessen Bereich hier die Cellina flie&t, nun wirklich eine 
ächte Synklinale darstellt, wie italienische Geologen es annehmen, 
oder ob eine streichende Verwerfung im östlichen Teil aufsetzt (Tara- 
melli); durch die Erosionsverhältnisse allein mufste selbst bei ursprüng- 
lich anderem Flufslauf, der vielleicht parallel zu dem NO— SW laufen- 
den Kamm Pregajane - Ciol de Safs— Pale di Cione gerichtet war, ein 
derartiges reines Längsthal in dem weichen Tertiär-Gestein gebildet 
werden, während in dem harten Kalkstein der Trias und des Jura 
kürzere senkrecht dazu stehende Thalstrecken entstanden. Es würde 
bei dem nordwärts gerichteten Einfallen der Kalke des Bergzuges 
Fratta-Ricittumc der von Richthofen 2 ) dargestellte Fall der diagonalen 
Flufelaufverlegung eintreten nach dem auf Tafel 2 No. 1 dargestellten 
Schema. 

Auf diesem Kärtchen sind, wie auch auf den folgenden, die geo- 
logischen Grenzen nur im allgemeinen richtig, da für einen derartig 



Taramelli, Spiegazione della carta geologica del Friuli. Pavia 1881, 
5. 32. „Ond'e Per lo studio della tectonka friulana io spero che anche al lettore 
nmarra la convinzione, fattasi in me sempre piu radicata, che le fratture princi- 
P&h siano pressoche independenti dal tracciato della attuale idrografia" 

*) v. Richthofen, Führer für Forschungsreisende. Berlin 1886, S. 170. 



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44 



K. Futterer: 



grofsen Mafsstab, i : 75 000, aufser dem Beobachtungen des Verfassers 
nur in sehr viel kleinerem Mafsstab ausgeführte Übersichtsaufnahmen 
benutzt werden konnten. Es sind indessen diese Aufnahmen schon 
genau genug, um den Zusammenhang von geologischer Beschaffenheit 
und Flufssystem erkennen zu lassen. 

Nach dem Durchbruch durch die Bergkette des Monte Fratta und 
Ricittume folgt die Cellina nur auf eine verhältnismäßig sehr kurze 
Strecke hin einem Längsthal der periadriatischen Bruchlinie; sie 
biegt plötzlich nach Süden ab und durchbricht in enger canonartiger 
Schlucht das hier zwischen 1350 und 1450 m hohe Kreidegebirge. 

Die Umstände, welche hier den Wechsel der Flulsrichtung begleiten, 
sind sehr auffallend. % 

Im Profil No. 8 auf Tafel 3 bezeichnet die in Strichen 

angelegte Kurve (I) die Projektion der Kammlinie der Bergkette 
nördlich des periadriatischen Bruches auf eine von W nach O laufende 
Ebene ; die punktierte .... Linie (II) die Projektion der tiefsten Punkte 
der Depression längs dieses Bruches und die vollständig ausgeführte 
Kurve (III) die Projektion der Kammlinie des Kreidegebirges auf die- 
selbe Ebene. 

Die Depression nördlich von der ersten, cretaceischen Bergkette, 
welche mehr oder weniger ausgeprägt den ganzen Verlauf der Bruchlinie 
Barcis-Starasella begleitet, tritt durch die Kurve II in ihrer Bedeutung 
ebenso scharf hervor, wie in den Profilen No. 1, 2, 3, 5 auf Tafel 3. 

Von dem Punkt a an in Kurve I, der etwa Cellino di Sotto in 
der Höhe vom 500 m westlich vom Col del Lite entspricht, fliefst die 
Cellina in südöstlicher Richtung bis h, der Einmündungsstelle des 
Torrente Prescudino, und von hier an beginnt ihr Längsthal bis öst- 
lich des Ponte Antoi (b, Kurve II) im Osten von Barcis; schon beim 
Ponte Antoi verläfst sie die Depression und tritt in die nordwestlichen 
Gehänge des Monte Fara ein, um die Bergkette Monte Cameroni 
(1464 m) — Monte Fara (1342 m) in tiefer Schlucht, welcher der 
Höhenpunkt c der Kurve III in 327 m in der Verbindungslinie der 
beiden Berge gelegen, angehört, zu durchbrechen. 

Verfolgt man die Kurve II, welcher die Cellina zwischen h und 
b folgt, so sieht man deren Verlauf auch weiter nach Osten an Höhe 
zwischen den Kammkurven I und III stark zurückbleiben, von denen 
die letztere nur die noch zu erörternden, auf ähnliche Durchbrüche 
wie den der Cellina zurückzuführenden, tieferen Punkte f und k zeigt. 

Der höchste Punkt der Thalkurve II zeigt eine Höhe von 842 m 
auf der Wasserscheide zwischen dem Flußgebiet der Cellina und des 
Torrente Colvera, der sogenannten Forcella di Palla Barsana. Bis zu 
dieser Höhe stehen, wie überhaupt auch sonst in der Depression, die 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen 



45 



weichen und leicht erodierbaren Gesteine der Scaglia und des Eocän 
an. Die Cellina zeigt somit das auffallende Verhalten, dafs sie anstatt 
der Einsenkung zwischen den beiden Kämmen (Kurve I und III), die 
sie eine Strecke weit benutzt, weiter nach Osten zu folgen, wo sie nur 
eine Höhe von 842 m zu überwinden hätte, sich direkt durch die 
Kreidekette zwischen zwei 1342 m und 1462 m hohen Punkten durch- 
nagt und zwar durch harte Kalke, die in antiklinaler Schichtstellung 
sich ihr als hoher Wall entgegenstellten. 

Nicht nur das weichere Gestein und dessen Lagerung, sondern 
auch die grofee periadriatische Verwerfung mit ihren zahlreichen Be- 
gleiterscheinungen in Gestalt von sekundären, parallelen Brüchen und 
zahllosen Kluft- und Rutschflächen hätten ebenso viele günstige Faktoren 
für die Bildung eines Längsthaies abgeben müssen. 

Aber ohne dafs eine Spur von einem Querbruch vorhanden wäre, 
oder sonst ein in den heutigen geologischen Verhältnissen ersichtlicher 
Grund obwaltete, wird die Kreidekette von dem Flufs durchbrochen. 

Das Längsthal der Cellina bei Barcis ist verhältnismäßig breit, so 
dafs für Ansiedelung von Dörfern und Weilern Gelegenheit geboten 
ist, und auch gröfsere alluviale Ablagerungen sich bilden konnten; die 
Strecken des Flufslaufes aber, welche Querthäler sind, geben kaum 
Raum für den schmalen Weg von Barcis nach Cimolais und längs des 
Durchbruches durch das Kreidegebirge kann man kaum auf Hirten- 
pfaden dem Lauf des Flufses folgen; der ganze Verkehr des solcher 
Art abgeschlossenen Thaies von Barcis-Andreis mufs auf dem Saum- 
pfad über den 761 m hohen Pafs La Croce nach Maniago vermittelt 
werden. 

Von der erwähnten Wasserscheide zwischen Colvera und Cellina 
fliefsen die Gewässer nach Westen gegen den letzteren Flufs und ver- 
einigen sich, verstärkt durch den direkt von Norden kommenden 
Torrente Molassa mit demselben nicht etwa in der Tiefenlinie der 
Kurve II, sondern nachdem auch sie nach Süden abgebogen und in 
tiefer Schlucht in das Kreidegebirge eingedrungen sind, so dafs der 
Zusammenflufs schon in tiefen Schluchten in dem nördlichen Berg- 
gehänge des Monte Fara selbst stattfindet. 

Das Querthal der Cellina durch die Kreidekette des Monte Fara 
ist nicht frei von bemerkenswerten Eigentümlichkeiten (s. Karte 2, 
Tafel 2). 

Nachdem der Flufs schon die Hauptmasse der Kreide durchbrochen 
hat und im Südabhang nur noch eine geringe Höhe von etwa 650 m zu 
überwinden hatte, um in die noch 2 km entfernte Ebene zu gelangen, 
fliefst er plötzlich wieder nach Ost und Nordost in enger Schlucht in 
den Kreidekalken, um erst in erneuter Wendung nach Süden, die dem 



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46 



K. Futtcrer: 



von der Forcella La Croce aus Norden kommenden Valle della Croce 
entspricht, zwischen Montereale und Maniago in die Ebene auszutreten. 
Diese plötzliche Wendung innerhalb des Querthals nach Osten ist hier 
mit Sicherheit auf eine Verwerfung zurückzuführen, die im Südflügel 
der Antiklinalen des Monte Fara auftritt und in Profil i, Tafel 3 dar- 
gestellt ist. 

Valle La Croce. Diese erneute Ablenkung nach Süden in der 
südlichen Verlängerung des Valle de la Croce dürfte aber am wahr- 
scheinlichsten dadurch erfolgt sein, dafs ein dieses Thal einstmals 
durchfliefsender Flufs die Cellina aufnahm. 

Das ziemlich stark und bei San Antonio 700 m tief in den Kalk- 
zug des Monte Fara - Monte Jouf eingeschnittene Thal, welches jetzt 
kein Wasser mehr führt, konnte auch in früheren Zeiten aus dem 
Kreidegebirge allein in der für seine Bildung durch Erosion nötigen 
Menge kein solches bezogen haben. 

Ferner wäre die Erklärung der Forcella La Croce, die in diesem 
Fall auf rückschreitende Erosion zurückzuführen wäre, kaum zu halten, 
da bei dem Fehlen von Querbrüchen an dieser Stelle kein ersichtlicher 
Grund für eine solche Thalbildung vorhanden ist, die im Verhältnis 
zu den im Kreidegebiet allein verlaufenden Thälern immerhin recht 
beträchtlich genannt werden müfste. 

Ein anderer Weg der Entstehung scheint näher zu liegen. 

Aus den steilen und jähen Kalkwänden des Trias-Jura-Gebirges 
im Norden des periadriatischen Bruches (s. Karte 2, Tafel 2) aus den 
Abhängen der Monti Castello, Rautolino und Raut zieht in tief erodier- 
tem Thal der Rugo Susaibe nach Süden und bildet eine starke Unter- 
brechung in der Kette der genannten Berge, von denen der Rautolino 
gegenüber den anderen nach Norden zurückliegt, aber an Höhe nur 
wenig zurückbleibt; infolge davon kommt die Erosions-Schlucht des 
Rugo Susaibe in der Kammlinie der Kurve I im Profil 8 auf Tafel 3 
weniger zum Ausdruck als auf der topographischen Karte, aber seine 
Lage zum Pafs La Croce, der direkt südlich von dem Beginn des 
Susaibe-Thales liegt und der Höhenunterschied der vom Monte Rautolino 
(1806 m) bis zum Pafs La Croce (761 m) 1045 beträgt, tritt hervor. 

Heute fliefst der Susaibe in den Torrente Carpinedo und mit diesem 
nach Westen, um sich mit der Cellina zu vereinigen; die Einmündungs- 
stelle des Susaibe in den Carpinedo liegt in 425 m Höhe und noch 
östlich von Andreis. 

Nimmt man an, dafs zu einer früheren Periode, als die Erosion 
der Thäler noch nicht bis zu ihrem heutigen Grad vorgeschritten war, 
der Susaibe in einer um ein geringes mehr nach Osten gewandten 
Richtung Hofs, so erreichte er den Pafs La Croce, und dann ist der 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 47 

Faktor für die Erosion des Valle La Croce gegeben. Der Höhen- 
unterschied zwischen der heutigen Einmündung des Susaibe in den 
Carpinedo und der Pafshöhe La Croce beträgt nur 336 m, und dabei 
kommt der erste Flufs aus Höhen von j8oo m, während der Pafs nur 
in 761 m Höhe liegt. 

Irgend ein Hindernis stellt sich dieser Annahme nicht entgegen, 
und die Verhältnisse des heutigen Laufes erklären sich von selbst in 
ungezwungener Weise. 

Cellina und Molassa mögen im wesentlichen ihren heutigen Lauf 
nur mit den durch die noch nicht so tief gegangene Erosion bedingten 
Veränderungen schon gehabt haben ;^ der Torrente Arba bildete wie 
heute einen östlichen Seitenflufs der Cellina, und durch die rückschreitende 
Erosion dieses letzteren, die nur das weiche Gestein des Tertiär zu 
bewältigen hatte und somit raschere Fortschritte machen mufste, als 
die im Kalkgebirge fliefsenden Gewässer, wurde der Susaibe in der 
Mitte seines Laufes angeschnitten und nach Westen zur Cellina abge- 
leitet. Die Ablenkung erfolgte an der Stelle, wo geologischer Bau 
sowohl wie der Schichtcharakter dieselbe erfordern, nämlich da, wo 
der ursprüngliche Susaibe auf seinem Lauf aus dem Trias-Jura-Gebiet 
zu dem der Kreide am Pafs und im Valle La Croce die mergeligen 
und sandigen Bildungen von Scaglia und Tertiär durchquert, und wo 
die Arba am schnellsten rückwärts erodierend jenen Flufe erreichen 
mufste. 

Nach der westlichen Ablenkung der Susaibe bildete sich im Osten 
derselben, und nur wenig von dem ehemaligen Lauf nach Osten vor- 
gedrungen, die heutige Wasserscheide zum Torrente Colvera hin, die 
Forcella di Palla Barsana, die den Pafs La Croce um 150 m an Höhe 
noch überragt. 

Die heutigen Verhältnisse der Thalbildung und der Richtung der 
Flufsläufe finden damit eine den geologischen Thatsachen Rechnung 
tragende Erklärung, die auf andere Weise nich* zu geben wäre. Der 
Einwirkung in der Nähe der vorhandenen periadriatischen Bruchlinie 
durch eventuell während der Bildungszeit dieser Thaler erfolgte tek- 
tonische Bewegungen ist dabei als unbestimmtem und nicht erwiesenem 
Faktor keine Rolle zugeschrieben worden; es bedarf aber keines Hin- 
weises, dafs solche Vorgänge, die im Absinken des südlichen Flügels 
der Verwerfung hätten bestehen müssen, nur fördernd und beschleunigend 
auf den oben dargestellten Erosionsmodus hätte einwirken können. 

Die Verhältnisse des Cellina-Querbruches, des jetzigen und hypo- 
thetischen früheren Susaibe-Laufes, sowie des Valle La Croce, sind auf 
der Karte No. 2, Tafel 2 zusammengestellt. 

Das Problem des Laufes der Cellina im ganzen wird später im 



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48 



K. Futterer: 



Zusammenhang mit den analogen Erscheinungen der anderen Flüsse 
seine Erörterung finden. Hier mögen nur aus der speziellen Darstellung 
und für den Lauf zwischen der Ebene und dem Jura-Gebirge folgende 
Punkte betont werden: 

1) Der Cellina-Lauf besteht aus Quer- und Längsthaistrecken. 

2) Die Querthäler, die Durchbrüche durch die Trias-Jura und die 
Kreidekette sind nicht mit tektonischen Ursachen in Zusammenhang 
zu bringen. 

3) Aus dem tief liegenden Gebiet eines Längsthaies kommend 
durchbricht der Flufs in enger Schlucht die sich ihm entgegenstellende 
Antiklinale der Kreidekette. j 

4) Die Längsthaistrecken folgen Verwerfungslinien. 

Gegen die etwaige Annahme, dafs die Cellina zu einem See durch 
die nach Süden vorliegende Antiklinale aufgestaut war, dessen Abflufs 
durch Erosion das heutige Durchbruchsthal bildete, spricht der Umstand, 
dafs bedeutend niedrigere Punkte, sowohl im Osten der Synklinalen und 
auch auf der nach Osten an Höhe abnehmenden Kreide-Antiklinalen 
selbst vorhanden gewesen wären, die ein Seeabflufs hätte benutzen 
müssen. 

Man könnte auch an die Bildung von unterirdischen Abflüssen 
denken, deren allmähliche Erweiterung durch chemische Erosion die 
Decke zum Einstürzen brachte und somit oberirdische Flufsläufe erzeugte. 
Dies ist in verschiedenen Fällen von Karstthälern wahrscheinlich, und 
der Einflufs der unterirdischen Erosion darf nicht unterschätzt werden. 
Aber eine solche Entstehungsweise des heutigen Durchbruchsthals setzt 
immer einen um so viel höheren Wasserstand im Norden der Kreide- 
Antiklinalen voraus, dafs sich ein Abflufs längs des periadriatischen 
Bruches im Tertiärgebiet hätte bilden müssen. Ferner spricht die 
Allgemeinheit der Erscheinung der Durchbruchsthäler gegen eine solche 
Entstehungsweise, die doch nur in vereinzelten Fällen vorkommt. 

Auf die weitere Erörterung der Theorien über die Entstehung von 
Durchbruchsthälern und ihre Anwendbarkeit auf diejenigen der Karnischen 
Voralpen, werden wir nach Darstellung der Einzelverhältnisse zurück- 
zukommen haben. 

Co 1 vera- Flufs. In vielen und gerade den interessantesten Be- 
ziehungen zeigt der Lauf des Torrente Colvera sehr grofse Ähnlichkeit 
mit dem der Cellina, nur dafs beim ersteren infolge seines kürzeren 
Laufes nur ein Teil des Cellina-Thales als Analogon in Betracht kommt 
und der Durchbruch durch das Trias-Jura-Gebirge wegfällt. 

Der Colvera-Flufs entspringt am Südabhang des Monte Dassa 
(1661 m); zwei Quellflüsse sind vorhanden und beide fliefsen zuerst in 
östlicher Richtung; nur der weiter östlich entspringende führt den 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



40 



Namen Colvera, während das Thal des westlicheren im oberen Teil 
„Rugo Grande" und erst weiter unten Colvera heifst, so dafs bis zur 
Vereinigung der beiden beim Eintritt in die enge Thalschlucht durch 
die Kreidekalke zwei Torrente Colvera auf der Karte existieren; beide 
schliefen einen dreiseitigen durch Tertiär gebildeten Raum ein. Der 
westliche Arm der Colvera fliefst direkt am Nordfufs des Kreide- 
gebirges entlang, meist auf Scaglia und Tertiär, während der östlicher 
entspringende in der Nähe der periadriatischen Bruchlinie hart an der 
Grenze von Tertiär und Trias fliefst, sich erst unterhalb von Pof- 
fabro in scharfem Winkel nach Süden wendet, dann direkt in senkrechter 
Richtung auf den Kreiderücken des Monte Jouf— San Lorenzo zufliefst 
und denselben, nachdem er sich mit dem anderen Colvera-Bach ver- 
einigt hat, in so enger, steiler Schlucht durchbricht, dafs die neue 
Strafse von Maniago nach Poffabro gröfstenteils nur durch grofsartige 
Felssprengungen und unter mehrmaligem Übergang von einem Ufer 
«auf das andere geführt werden konnte. 

Wie beim Cellina-Durchbruch, so bilden auch hier die harten, 
vriderstandsfähigen Rudistenkalke der oberen Kreide eine Antiklinale 
[Profil No. 3, Tafel 3) und die beiderseitigen Höhen im Westen und 
Osten der in der Mitte etwa 400 m hoch gelegenen Colvera-Schlucht 
betragen, wie Kurve III in Profil No. 8, Tafel 3, zeigt, 10 17 m an 
der Casera di Zouf und 737 m auf dem Gipfel des Monte San 
Lorenzo. 

Der Flufslauf des Colvera wird noch bemerkenswerter, wenn man 
die im Profil No. 3 auf Tafel 3 dargestellten Höhenverhältnisse mit 
der Kurve II des Profils No. 8 vergleicht. 

Die Depression längs des periadriatischen Bruches ist auch hier 
ausgesprochen vorhanden; sie zeigt sogar von der Wasserscheide gegen 
die Cellina hin (Punkt d der Kurve II, Profil No. 8) bis weit nach Osten 
eur Meduna hin gleichmäfsiges, ununterbrochenes Gefäll. Der Punkt e 
entspricht etwa der Stelle, an welcher die Colvera das steilere Gebirgs- 
gehänge verläfst und auf das weniger nivellierte Tertiärgebiet über- 
tritt, in dem sie bis zum Beginn ihres Durchbruches durch die Kreide 
mit geringem Gefälle fliefst; in Kurve III durchbricht der Flufs die 
Kreidekette, während ihm nach Osten ganz ungehinderter Abflufs längs 
der Kurve II offen stünde. Keine Bodenschwelle, kein schwer erodier- 
bares Gestein würde dort seinem Lauf hindernd in den Weg treten, 
und doch fliefst der kleine Flufs in und durch das hoch aufgewölbte 
Kreide-Gebirge, das übrigens in geringer östlicher Entfernung an der 
Ostseite des Monte S. Lorenzo unter die Tertiärbedeckung hinabsinkt 
und somit auch leicht zu umgehen gewesen wäre, in den sandigen 
Mergeln der Scaglia und des Eocän. 

Zeiuchr. d. Geselltet), f. Eidk. Bd. XXX, i8 y5 . 4 



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50 



K. Futterer: 



Nichts von alle dem; der Flufs geht quer durch die fast 450 ro 
über sein Bett sich erhebende Kalkmauer. 

Ein anderer, ebenfalls am Monte Dassa entspringender Flufs, deT 
Torrente Moje, liegt bei Poffabro nur wenig nördlich (300 m) von der 
Colvera und fliefst nach Osten immer entlang der Kurve II Profil No. 8 
längs der periadriatischen Bruchlinie bis zu seiner Einmündung in die 
Meduna bei Punkt i (Profil No. 8). Sein Bett liegt, vom obersten 
Teil abgesehen, sobald er die periadriatische Bruchlinie nach Süden 
überschritten hat, ausschliefslich im Tertiärgebiet. An der Stelle, 
wo er sich der Colvera östlich vom PorTabro bis auf 300 m nähert, 
ist sein Bett, wie Profil No. 3 zeigt, schon tiefer erodiert als das des 
ersteren Flusses; es ist keine Bodenschwelle trennend zwischen diesen 
beiden Flüssen, und es bedarf nur einer geringen Erosionsthätigkeit 
des Moje, die in diesem Fall rückschreitende Erosion eines westlichen 
Nebenflusses des Moje wäre, um die Colvera abzulenken und sie nach 
Osten in die Meduna fliefsen zu lassen. Es bliebe dann als Flufs durch 
die Kreideschlucht nur noch der andere oben erwähnte Colvera-Zweig, 
der aber an Bedeutung hinter diesem östlicheren Colvera-Flufs weit 
zurückbleibt. 

Hier ist das Beispiel in der Natur gegeben, das für die Erklärung 
des Valle la Croce theoretisch aus dem Susaibe-Lauf und dessen Ab- 
lenkung durch rückschreitende Erosion konstruiert wurde. Denkt man 
sich die Erosion des Moje und abgelenkten Colvera-Flusses in ein ent- 
sprechendes Stadium vorgeschritten, so werden die Tertiärbildungen 
zwischen Kreidegebirge und Trias-Jura-Kette tief erodiert sein; alles 
Wasser wird nach Osten zur Meduna abfliefsen und die heutige 
Colvera - Schlucht wird wasserlos ohne ersichtlichen Zusammenhang 
mit einem Flufslauf dasselbe Bild zeigen wie das Valle la Croce, nur 
mit den durch die gröfsere Steilheit der Wände und die tiefere und 
engere Schlucht des heutigen Colvera-Querbruches bedingten Modi- 
fikationen. 

Das Tertiärgebirge, welches sich östlich an den Monte San Lorenzo 
anschliefst, bildet einen Kamm, über den die Kurve III Profil No. 8 
läuft; er hat Abflüsse sowohl direkt nach der Ebene wie nach Norden 
zum Torrente Moje hin, und er wird von keinem von Norden kommen- 
den Flufs durchbrochen. 

Meduna. Das Thal der Meduna, welches die Fortsetzung des Tertiär- 
gebirges nach Osten bei Proplans abschneidet (Punkt k der Kurve III. 
Profil No. 8, Tafel 3), ist durch andere und zwar tektonische Verhält- 
nisse bedingt und schon auf S. 35 besprochen worden, (vgl. auch 
Profil No. 4, Tafel 3.) Der Punkt g in Kurve I, Profil No. 8, Tafel 3. 
giebt die Austrittsstelle der Meduna aus dem Trias - Jura - Gebirge 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



51 



im Westen und der Kreide des Monte Chiarandeit im Osten an, etwa 
am Ponte Racli, und entspricht dem Querbruch der Meduna; Punkt i 
ist die Einraündungsstelle des Torrente Moje in die Meduna, und 
das Ansteigen der Kurve II im Osten dieses Punktes zeigt das Ende 
der den periadriatischen Bruch begleitenden Depression an. Dieser 
liegt von hier an weiter im Norden, und dort würde sich ein ähnliches 
Profil längs desselben ergeben, wie es hier westlich von der Meduna 
gezeichnet wurde. 

In dem nördlicher gelegenen Teil zeigt aber auch das Meduna- 
Thal gröfsere Analogien mit dem nördlich des periadriatischen Bruches 
gelegenen Teil des Cellina- und Cimoliana-Thales ; es ist bis Tramonti 
Querthal und nur die obersten Teile desselben mit dem Val di Vieillia 
sind Längsthäler. Beziehungen, die gemeinsam den oberen Thälern 
von Cellina, Meduna und Arzino zum Tagliamento-Lauf eigen sein sollen, 
hatTaramelli vermutet; auf sie wird später zurückzukommen sein. Es 
genügt hier festzustellen, dafs ein breites Hauptthal in Nord-Süd-Richtung 
bis an den Kamm heranreicht, der die Grenze gegen das obere 
Tagliamento-Gebiet bildet. 

Chiarso. Da wo die östliche Fortsetzung der periadriatischen 
Linie Barcis-Starasella von Osten her auf die Meduna trifft, mündet 
auch ein Hauptthal, welches jener Linie folgte, auf dieselbe ein. Es 
ist das Thal des Torrente Chiarso, der aber erst von Campone an, wo 
sein von Norden vom Monte Zuc di Santins kommender Oberlauf die 
grofse Bruchlinie erreicht, ein Längsthal bildet. Auch hier giebt der 
Wechsel der Flufsrichtung im Zusammenhang mit der orographischen 
Beschaffenheit des vorgelagerten Kreidegebirges zu einigen Bemer- 
kungen Anlafe (s. Tafel 2, Karte 4). 

Unterhalb von Campone führt in breitem Thal über Forca Piccola 
(652 m) und Forca di Meduno (627 m) der Kommunikationsweg aus 
dem abgeschlossenen Chiarso-Thal nach Meduno. Die thalartigen, 
300—400 m unter den Durchschnittshöhen in diesem Kreidegebiet 
zunickbleibenden Einsenkungen, welche jetzt kaum Wasser führen, be- 
durften zu ihrer Bildung durch Erosion eines gröfseren Flusses, und ak 
solcher kommt nur der Chiarso in Betracht, dessen Oberlauf durch die 
Richtung dieser Pässe eine direkte Verlängerung in etwas nach West 
abgelenkter Richtung erhält, bis er oberhalb von Meduno in die Ebene 
aus dem Gebirge tritt. Der Chiarso fließt bei Campone nur etwa 200 m 
unter der Pafshöhe der Forca Piccola, und in seinem Oberlauf liegt 
bei Palcoda sein Bett schon in der Höhe derselben. 

Es liegt hier der Fall der Bildung eines ursprünglichen Querthals, 
dessen Flufs später abgelenkt wurde, noch klarer vor Augen als bei 
dem zuerst angeführten Beispiel des ehemaligen Susaibe-Laufes. 

4* 



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52 



K. Futterer: 



Der ablenkende Flufs, ein östlicher Nebenflufs der Meduna, 
folgt der periadriatischen Bruchlinie, an der aber unterhalb von 
Campone das Tertiär verschwindet; die rückschreitende Erosion 
desselben hat im Tertiärgebiet den alten Chiarso-Lauf erreicht und 
abgelenkt. Bei Campone mündet jetzt nur der schwache und un- 
bedeutende Torrente Fus, der von Osten her entlang dem Gehänge 
des Monte Rossa der Bruchlinie folgt, in den Chiarso ein (s. Tafel 2, 
Karte 4). 

Torrente Cosa. Ein nur beschränktes Gebiet, das nach Norden 
kaum über die periadriatische Bruchlinie hinausreicht, nimmt der Tor- 
rente Cosa ein, der aber im Verhältnis zu seiner Stärke eine recht 
beträchtliche Schlucht in den Kreidekalken erodiert hat. Er tritt bei 
Mulinar nordöstlich von Travesio aus dem Kreidegebiet aus und in 
das Tertiärgebiet ein, in dem er noch bis Paludea als Querthal weiter 
fliefst, um sich dann weiter nach Westen bis Travesio zu wenden und 
erst dann seine südliche Richtung wieder aufzunehmen. 

Im oberen Teil sind zwei Quellflüsse vorhanden, der westliche 
in Rugo Secco liegt ausschliefslich noch im Kreidegebiet, der östliche 
reicht bis an die Gehänge des Monte Rossa und in das Trias-Jura- 
Gebiet hinein. So einfach der Verlauf ist, so ist er doch insofern 
bemerkenswert, als er durchweg in die hier eine flache Antiklinale 
bildenden Kreidekalke eingegraben ist, während in nächster Nähe östlich 
davon über den nach Osten einfallenden Kreidekalken die Scaglia und 
Tertiär anstehen und schliefslich an dem Querbruch von Clauzetto 
gegen die Kreide des Monte Pala abstofsen. Nicht nur die Querspalte 
allein, sondern auch der Gesteinscharakter wären zwischen Gerchia und 
Clauzetto jeder Thalbildung günstiger gewesen, als die Kreidekalke, 
in deren östlichsten Teil die Cosa-Schlucht steilwandig und tief ein- 
gesenkt ist. Einige kleine Bachläufe im Tertiärgebiet fliefsen in west- 
licher Richtung dem Cosa zu, der Rio Crevid aber folgt in seinem 
unteren Lauf der Verwerfung zwischen Kreide und Tertiär, welche 
auf S. 30, beschrieben wurde (Profil No. 7, Tafel 3 und Karte 3, 
Tafel 2). 

Auch im Norden folgen noch Flufsläufe dem periadriatischen 
Bruch, so der Rio Molin und das Valle Fos Paveon, das in 
den Arzino mündet. Von hier ab weiter östlich liegen die Ver- 
hältnisse nicht mehr so klar, und erst das bei Peonis in den 
Tagliamento mündende Tremugna-Thal steht sicher mit jener Bruch- 
linie und den längs ihres Verlaufs auftauchenden Eocän - Bildungen 
in Zusammenhang. 

Arzino. Ein kleiner Teil des Arzino-Thals kann möglicherweise 
bei genauerer Untersuchung noch mit dem periadriatischen Bruch in 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 53 

ahnlicher Weise in Verbindung stehen, wie das bei der Cellina der Fall 
war, dafs er nämlich aus seinem von Norden nach Süden gerichteten 
Lauf nach der Durchquerung des Gebirges nördlich von der Bruch- 
linie, durch diese etwas ihrem Verlauf zu folgen gezwungen wurde, 
dann aber wieder die alte Richtung aufnehmend in enger Schlucht die 
letzte Bergkette durchbricht. 

Mit Ausnahme seines obersten Laufes fliefst der Arzino im Trias- 
Jura-Gebiet in einem Querthal bis noch südlich der Einmündung des 
von Westen kommenden Canale di Vito d'Asio, der zum Teil schon 
im Tertiär liegt; dieses Tertiär reicht längs des periadriatischen Bruches 
bis Pert, wo es mit 50° nach Osten einfällt, bis ebendahin folgt ihm 
der Arzino in einem Längsthal. Die tektonischen und stratigraphischen 
Verhältnisse in seinem grofsen Durchbruchsthal durch das im wesent- 
lichen aus Kreide bestehende Gebirge zwischen Pert und Anduins sind 
noch nicht hinreichend sicher gestellt; doch geht das Einfallen der 
Kalkbänke mit Winkeln von 45 0 nach Norden dem Flufslauf entgegen. 
Das Flufsbett liegt in sehr engem, wenig gewundenem Thal, durch das 
eine neue Strafse in Tunneln, Viadukten und ununterbrochener Reihe 
von Felssprengungen führt; die Thalwände reichen auf der östlichen 
Seite bis zu 700 und 750 m in die Höhe, im Westen bis zu 800 m, 
während die Sohle selbst bei Pert 261 m und am unteren Ausgang der 
Schlucht 179 m hoch liegt. Das Gefalle beträgt somit in der etwa 6 km 
langen Querschlucht 13,66 : 1000. 

Die Arzino-Schlucht trägt die gleichen Merkmale, welche den 
Läufen der anderen angeführten Flüsse ihr eigenartiges Gepräge auf- 
gedrückt hatten. Wenn auch der Arzino oberhalb Pert eine kurze 
Strecke weit nach Osten in das Tertiär erodiert hat, so mufs er 
doch das mächtige Kalkgebirge durchbrechen ; nach der anderen 
Richtung hin, nach Westen, entlang dem Canale di Vito d'Asio, 
hätte der Flufe in seinem Lauf, nachdem er die weichen Tertiär- 
sedimente überwältigte, die Querspalte von Clauzetto erreicht und 
mit ihr die tiefe Depression, welche das Kreidegebirge zwischen 
Monte Ciaurlecc und Monte Pala unterbricht; er hätte ein viel 
bequemeres Bett gefunden als in seinem jetzigen Querthal. Beträgt 
doch der Höhenunterschied zwischen seinem Lauf an der Ein- 
mündung des Canale di Vito d'Asio (314 m) und dem niedrigsten 
Punkt der Wasserscheide zwischen diesem letzteren Kanal und dem 
Flufsgebiet des Torrente Cosa (etwa 700 m) nur 386 m, während die 
Durchschnittshöhe des durchbrochenen Kreidegebirges nicht unter 
550 m über der Thalsohle liegt. 

Der Arzino-Lauf schliefst sich somit in seinen Eigentümlichkeiten 
derselben Gruppe von Erscheinungen an, die auch an den anderen 



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f)4 K. Futtercr: 

Flüssen der Karnischen Voralpen eine Erklärung verlangen (s. Karte 3, 
Tafel 2). 

Lago di Cavazzo — Fiume Melo. Ohne mehr in das Kreide- 
gebiet einzudringen, bildet der Lago di Cavazzo und der Fiume Melo 
ein Querthal im Trias-Jura-Gebirge, in das mehrere Längsthäler, unter 
anderen auch das längs des periadriatischen Bruches laufende Thal 
des Torrente Tremugna münden; für die Untersuchung dieser Längs- 
thäler liegt noch zu wenig Material vor. Nach einem von Taramelli 1 ) 
gegebenen Profil fliefst der Torrente Leale allerdings auf einem Längs- 
bruch im Norden des periadriatrischen Bruches. Auch für jene anderen 
einmündenden Längsthäler scheint ein tektonischer Ursprung am wahr- 
scheinlichsten. 

Tagliamento. Schon im Tertiär flofs ein Arm des Tagliamento 
oder der ganze Flufs durch das Gebiet des heutigen Sees, und die 
Verbindung dieses Stromes mit der Fella, sowie sein Lauf östlich von 
dem Lago di Cavazzo stammen erst aus jüngerer Zeit. 

Damit sind wir zu der Frage nach der Bildung des breiten Quer- 
thals des Tagliamento gelangt, das in einheitlichem von Nord nach 
Süd gerichteten Zug den Zusammenhang aller Ketten der Karnischen 
Voralpen, mit den ihre östliche Fortsetzung bildenden Ketten der 
Gruppe des Monte Maggiore unterbricht. 

Nur einzelne schollenartige, noch als Berge aufragende Erosions- 
relikte geben Zeugnis von der einstigen Verbreitung der Tertiärschichten 
vielleicht wird sich gerade aus diesem Umstand mit der Zeit einmal 
eine genauere Verfolgung der Entstehungsgeschichte dieses bedeutendsten 
Querthals ableiten lassen. Vorläufig kann dieser Versuch noch nicht 
unternommen werden, und wenn man Verwerfungen als erste Ursache 
der Anlage desselben ansehen will, so ist daran zu erinnern, dafs die 
meisten der Querthäler in diesen Gebirgsteilen nicht mit solchen in 
Verbindung zu stehen pflegen, dafs aber andererseits bei der Breite 
des Tagliamento-Querthals sehr leicht in den Bereich desselben Quer- 
brüche fallen können, die deshalb aber noch keinen ursächlichen Zu- 
sammenhang mit der Entstehung des Thaies selbst zu beweisen im- 
stande sind. Der Tagliamento-Linie in ihrem von Nord nach Süden 
gerichteten Verlauf scheint noch eine besondere Bedeutung zuzukom- 
men, indem in der Ausbildung der tertiären Sedimente westlich und 
östlich von ihr Unterschiede vorhanden sind, die ihr eine Rolle 
als tektonische Axe verleihen, um die herum sich die Oscillationen 
der Hebungs- und Senkungsbewegungen vollzogen. Es wäre aber 
verfrüht, darüber schon jetzt auf Erörterungen einzugehen; nur 



M Taramelli, Catalogo ragionato delle Roccc del Friuli. Profil No. XVI- 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



f>5 



auf das hohe Interesse des Gegenstandes möge hier hingewiesen 
werden. 

Wenn somit auch die Entstehung des Tagliamento-Durchbruches 
nicht mehr in den Kreis dieser Untersuchungen gezogen werden kann, 
weil das Material noch zu unvollkommen vorliegt, so möge doch mit 
einigen Worten der Verhältnisse der Thalbildung östlich dieses Flusses 
gedacht sein. 

Die geschlossene Kreidekette der Karnischen Voralpen ist östlich 
vom Tagliamento in einzelne Komplexe von Kreidegesteinen aufgelöst, 
die unter der mächtigen Bedeckung von Tertiär hervortauchen. So 
liegt nordöstlich von Tarcento das Kreidegebiet des Monte Bernadia, 
Monte Crosis und Monte di Prato, das tektonisch einer Aufwölbung 
entspricht, deren Schichten nach allen Seiten hin vom Centrum des 
Monte Bernadia einfallen, nur an der Südseite verläuft nach Tellini's 1 ) 
Beobachtung eine Verwerfung. Durch diese antiklinal aufgewölbte 
Zone, welche in vieler Hinsicht den Emporwölbungen von Junktion- 
und Yampa-Mountains im oberen Colorado-Gebiet 9 ) analog ist, fliefeen 
die beiden Flüsse Torre und Cornappo in engen caftonartigen Schluchten 
im harten Kreidekalk, während die um die Kreidemassive herumlagern- 
den Tertiärschichten in niedrigerem Niveau mit leicht erodierbaren 
Gesteinen einen einfacheren Flufslauf ermöglicht hätten. Tellini will hier 
die beiden Canons der Flüsse durch Verwerfungen erklären, doch 
scheint nach den in den Karnischen Voralpen gemachten Erfahrungen 
eine andere Erklärung auf Grund des höheren Alters der Flüsse gegen- 
über der Faltung wahrscheinlicher. 

Auch der heutige Lauf des Isonzo und seine Beziehungen zum 
Bett des Fiume Natisone bei Caporetto, das vielleicht einen alten Lauf 
des ersteren Flusses darstellt, haben Anspruch auf hohes Interesse; vom 
Natisone sowohl, wie vom Isonzo unterhalb von Volzano wird das 
Kreidegebiet durchbrochen, ohne dafs die Verhältnisse eingehender 
studiert wären. (Vgl. C. Marchesetti: Sull antico corso del Fiume 
Isonzo. Trieste 1890. Atti del Museo Civico di Storia Nat. di Trieste 
Vol. VIII.) 

Auch für Flufslauf- Verlegungen im Trias- Jura-Gebiet fehlt es nicht 
an interessanten Beispielen. Taramelli 3 ) berichtet Über einen alten Lauf 



l ) A. Tellini, Da Tarcento a Resia. Note geologiebe. In Alto. Cronaca 
bimestrale della Societä alpina Friulana. Anno II. 1891t S. 6. 

*) Ch. A. White, On the Geology and PhysiogTaphy of a Portion of North- 
western Colorado and adjacent Parts of Utah and Wyoming. Ninth Annual Report 
of the U. St. Geological Survey. Washington 1890. Fig. 61. 

3 ) T. Taramelli, Una brevissima ma interessante gita dal Ponte di Moggio 



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56 



K. Futterer: 



der Resia, die ursprünglich nicht wie heute bei Moggio in die Felln 
mündete, sondern in westlicher Richtung, entsprechend ihrem Oberlauf, 
dem Fella-Thal parallel ging und durch eine Bergkette von diesem 
getrennt war. Alte Tertiärbildungen liegen längs diesem alten Flufsbett, 
dessen Vorhandensein durch das Auffinden von Konglomeraten sicher- 
gestellt ist, die nur Gesteine aus dem oberen Resia-Gebiet enthalten, 
ohne jede Beimengung der leicht kenntlichen Gerolle, welche die Fella 
aus ihrem nördlicher, im Gebiet älterer Formationen gelegenen Ober- 
lauf mitbringt. Wodurch die schliefsliche Ablenkung der Resia nach 
Norden zur Fella herbeigeführt wurde, wird nicht angegeben. 

Es tritt uns in diesem Fall eine Beziehung der südlicher fliefsenden 
Resia mit der nördlicheren Fella noch heute entgegen, welche im Ge- 
biet der Karnischen Voralpen, allerdings mit umgekehrter Gefällsrichtung, 
in ausgedehnterer Weise bestanden hat. 

Durch ihre in der nördlichsten Kette der Karnischen Voralpen 
gelegenen Oberläufe, welche durch Pässe mit dem oberen Tagliamento- 
Thal verbunden werden, steht der Arzino wie der Lago di Cavazzo 
mit dem Melo ebenfalls in Parallele mit der Meduna und der 
Cellina, deren von Norden kommende Zuflüsse auch zu relativ 
niedrigen ins Tagliamento-Thal führenden Pässen führen, welche für 
die Entstehung des ganzen Flufssystems von Wichtigkeit sind. 

Davon zunächst abgesehen, sind die Eigenschaften der gröfseren, 
mit ihren Flufsgebieten bis an die nördlichste Kette reichenden Flüsse 
und der nördlich vom periadriatischen Bruch ihren Ursprung nehmenden 
kleineren Gewässer folgendermafsen zusammenzufassen: 

Die Flufsläufe bestehen aus Quer- und Längsthälern; die letzteren 
sind meist tektonische Thäler. Den günstigen Erosions- und auch Ab- 
flufsverhältnissen längs des periadriatischen Bruches folgen die Flüsse 
nicht oder nur auf geringe Strecken, um dann die hohe Antiklinale 
des Kreidegebirges in engen Canons zu durchbrechen. Diese Durch- 
brüche sind nie durch tektonische Ursachen (Querbrüche) bedingt; im 
Gegenteil werden vorhandene Querbrüche von den Flufsläufen ver- 
mieden. 

Eine Anzahl der kleineren Bäche längs des periadriatischen Bruches 
sind erst in zweiter Linie auf jenen als tektonische Ursache zu beziehen, 
indem längs desselben Tertiär und Scaglia im Nordflügel der Kreide- 
Antiklinalen anstehen und die leichte Erosionsfähigkeit dieser Sedimente 
die Bildung jener Flüfschen verursachte; immerhin fallen ihre Thäler 
noch in die Kategorie der tektonischen Thäler. 



a Portis. In Alto. Cronaca bimestTale della Societä Alpina Friulana. Anno IV. 
1893. No - 6 » s - 109. 



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Durchbruchsthäler in den Süd Alpen. 



57 



Die engen Beziehungen zwischen der Tektonik und den einzelnen 
Teilen der Flufsläufe bringt die folgende Zusammenstellung klar zum 
Ausdruck. 

A. Erosionsthäler. 



B. 



Tektonische 
T h ä 1 e r. 



I. Flufs- 
system 
des 
Torrente 
Cellina. 



a 1 ). Längsthal derCel- 
lina im Oberlauf bis 
Porto. 



b. QuerthalderCellinadurch 
die südlichste Kette des 
Trias-Jura-Gebirges (Porto- 
Pentina-Thal). 



d. 



Hurchbruch der Cellina 
durch die Kreidekette. 



c. Längsthal der Cel- 
lina vom Pentina-Thal 
bis östlich von Barcis 
1PBJS). 



e. Längsthal der Cel- 
lina im Kreidegebiet 
am Südabhang des 
Monte Fara. 



(?) 



Längsthaid esTorrente 

Arba [PB]. 
Querthal des Torrente 

Pentina. 



Querthäler von Torrente 
Cimoliana und Settimana, 
Valle Varma (Richtung 
N— S). 

Thal des Torrente Molassa 
(Richtung N— S). 
Thal des Torrente Ledrone 
(Richtung N — S). 
Heutiges Thal des Torrente 
Susäibe (Richtung N — S). 
[altes Q u e r t h a 1 desselben 
Flusses über den Pafs 
und durch das Valle La 
Croce.] 

Thal des Torrente Caltea 
(Richtung N—S). 

») Die mit laufenden Buchstaben bezeichneten Thäler sind Thalstrecken des- 
selben Flusses und reihen sich in der Buchstabenfolge aneinander. 

*) Ein [P BJ bedeutet , dafs die Thalbildung mit der periadriatischen Bruch- 
Hnie in Zusammenbang zu bringen ist. 



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58 



K. Futterer: 



A. Erosionsthäler. 



B. Tektonische 
Thäler. 



II. Flufs- 
system 
des 
Torrente 
Colvera. 



Quellzuflüsse des Torrente 
Colvera, nördlich der pe- 
riadriatischen Linie (Rich- 
tung N — S). 



c. Durchbruch des Colvera 
durch das Kreidegebirge. 



b. 



Längsthäler der 
Oberläufe derColvera 
Tertiärgebiete, 



im 



südlich des periadria- 
tischen Bruches [PB]. 



a. Längsthal der Me- 
duna in ihrem Ober- 
lauf bei Tramonti. 



III. Flufs- 
system 
des 
Torrente 
Meduna. 



b. Querthäler der nörd- 
lichen Zuflüsse der Meduna 
und ihres Thaies südlich 
von Tramonti. 



a. Querthal des Oberlaufes 
des Chiarso bis Campone. 



[y. Altes Querthal des Chi- 
arso von Campone über 
Forcella Piccola und For- 
cella di Meduno.] 



c. Querthal der Me- 
duna von der Ein- 
mündung des Chiarso 
an nach Süden. 



ß. Längsthal des Chi- 
arso von Campone 
bis zu seiner Mün- 
dung in die Meduna 
[P B]. 



Längsthal des Tor- 
rente Moje [PB]. 
Längsthal des Tor- 
rente Fus [PB]. 



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Durchbrnchsthäler in den Süd-Alpen. 



59 



IV. Flufs- 
sy stem 
des 
Torrente 
Cosa 



V. Flufs- 
sy stem 
des 

Torrent e 
Arzin o. 



VI. Flufs- 
system 
des 

T or rente 
Melo. 



A. Erosi onsthäler. 



Ouerthal des Torrente Cosa. 



VI. Flufs- 
system 

des 
Taglia- 
mento. 



a. Querthal des Oberlaufes 
des Arzino bis zur Ein- 
mündung des Canale di 
Vito. 



c. Durchbruch des Arzino 
unterhalb Pert durch das 
Kreidegebirge bis An- 
duins. 



Querthal mit dem Lago di 
Cavazzo und dem Torrente 
Melo. 



b. QuerthaldesTagliamento 
von der Fella- Mündung 
bis zu seinem Austritt aus 
dem Gebirge. 
Die gröfsere Anzahl der 
rechten Nebenflüsse des 
Oberlaufes desTagliamento 
(Richtung N— S). 



B. Tektonische 
Thäler. 

Längsthal des Unter- 
laufes des Rio Crevid 
vor seiner Einmün- 
dung in die Cosa. 

Längsthälchen von 
Praforte nach Creti. 



b. Längsthal des Ar- 
zino im Tertiärgebiet 
von der Einmündung 
des Canale di Vito 
bis unterhalb Pert 
[PB]. 



Längsthal Fos Paveon 
[PB]. 

Längsthal des Tor- 
rente Leale. 

L ä n g s t h a 1 desTorrente 
Tremugna [PB]. 

a. Längsthal des obe- 
ren Tagliamento von 
seinem Ursprung bis 
zur Fella - Mündung 
(Im grofsen ganzen). 



Längsthal des Tor- 
rento Faeit. (Nach 
Taramelli). 



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K. Futterer: 



Das Flufssystem des Tagliamento wurde nur insoweit es den 
Karnischen Voralpen angehört, und soweit verwertbares Material vor- 
liegt, berücksichtigt. Einige kleinere Flufeläufe, welche für die Er- 
örterung unwichtig sind und daher nicht Erwähnung fanden, sind der 
Vollständigkeit wegen in diese Zusammenstellung aufgenommen wor- 
den, aber die Verhältnisse der Oberläufe in gröfseren Teilen des Ge- 
bietes sind noch zu wenig bekannt um eine Einreihung zu gestatten; 
nur die Darstellung der südlicheren Teile, auf die es hier in erster 
Linie ankommt, kann auf Vollständigkeit Anspruch machen. 

Ein Blick auf die Zusammenstellung zeigt, dafs die überwiegende 
Mehrzahl der Längsthäler durch die Tektonik beeinflufet oder ver- 
ursacht wird, während derselbe Faktor nur in sehr wenigen, fast als 
Ausnahmen zu bezeichnenden Fällen an der Bildung der Querthäler 
beteiligt ist. Nur das Pentina-Thal, in der überhaupt komplizierter 
gebauten Cavallo-Gruppe, und das Meduna-Thal sind Beispiele für den 
letzteren Fall. 

In diesem Gebirgsteil, wo die Querbräche, wie aus dem tektonischen 
Teil hervorgeht, durchaus keine Seltenheit sind, ist die Unabhängigkeit 
der ebenfalls zahlreichen Querthäler von den ersteren eine sehr be- 
merkenswerte Erscheinung und spricht nicht zu Gunsten der so oft 
verallgemeinerten Hypothese, dafs Quer- und Durchbruchsthäler in den 
meisten Fällen auf Querspalten zurückzuführen seien. 

Die Bildung der grofsen Querthäler, welche bis an die Wasser- 
scheide zum Oberlauf des Tagliamento nach Norden reichen, bieten 
ein viel einfacheres Problem ihrer Entstehungsgeschichte, als die kom- 
plizierteren Verhältnisse der südlichsten Gebirgskette, wo die Wirkungen 
der periadriatischen Bruchlinie auf schon vorhandene Querthäler und 
epigenetische Thalbildung oder eventuell auch die Bildung von Durch- 
bruchsthälern durch die sich emporwölbende Kreide-Antiklinale in Frage 
kommen können. 

Schon aus der Menge der für die Bildung der Querthäler in dem 
Kreidegebiet zu berücksichtigenden Verhältnisse geht hervor, dafs es 
sich um ein komplexes Problem handelt, bei welchem die Einflüsse 
der stratigraphischen Zusammensetzung, der Geschichte der tekto- 
nischen Bewegungen gegen einander abzuwägen und mit der 
heutigen physiographischen Beschaffenheit des Gebiets in Einklang zu 
setzen sind. 

So umfangreich auch das zu diesem Zweck zusammengestellte 
Material ist, so wird sich doch zeigen, dafs in vielen Fällen noch eine 
Erweiterung erwünscht wäre, um Unsicherheiten zu heben und die 
Bildung der jetzigen Oroplastik seit ihren ursprünglichsten Stadien in 
helles Licht zu setzen. 



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Durchbruchsthälcr in den Süd-Alpen. 

V. Entstehungsgeschichte des Flnfssystems. 

Die jeweilige oroplastische Beschaffenheit eines Gebiets der Erd- 
oberfläche ist das Produkt aus ihrer stratigraphischen Zusammensetzung, 
den tektonischen Vorgängen und der Erosion; wie in diesem Produkt 
nur der erste Faktor relativ konstant ist und die beiden andern 
nach Ort und Zeit variieren, so wird auch die Physiognomie des 
Gebiets von Zeitraum zu Zeitraum sich ändern müssen. 

Die ursprünglichsten Anlagen des Cellina-, Meduna-, Arzino-Thals 
u. a. werden auf alte Läufe des Hauptstroms dieses Gebiets, des 
Tagliamento, zurückgeführt. 

Ansicht von Taramelli. In Bezug auf diese Querthäler, 
welche weit von der Ebene entfernt ihren Ursprung nehmen und in 
fast geradem Lauf über alle geologischen Formationen hinweg gegen 
die Ebene hinfliefsen, sagt Taramelli 1 ): 

„In der angeführten Kalk-Dolomit-Masse (Trias-Jura) sind viele 
Transversal -Thäler, die, wenn sie auch in ihren Anfängen durch einen 
Bruch bedingt gewesen sein können, doch ihrer Hauptsache nach 
durch Erosion entstanden sind und die den Zusammenflufs von andern 
Flüssen nach der Ebene darstellen, die heute von der Ebene Friauls 
und auch von einer Bucht des Miocän-Meeres eingenommen wurde. 
Diese Thalschluchten sind steil, tief und zerrissen (wie es der kompakte 
Fels verursacht, der kein häufiges Wechseln der Flufsrichtung erlaubt) 
und konvergieren gegen die Ebene. Die hauptsächlichsten dieser 
Thäler sind das der Cellina, Meduna, Arzino, des Melo, Natisone, 
Torre und des Isonzo; das gröfste aber ist das des Tagliamento. Das 
Isonzo-Thal zeigt allerdings einige Abweichungen." 

Aus dem Umstände, dafs die Sättel und Joche, welche aus den 
obersten Theilen der genannten Thäler zum Oberlauf des Tagliamento 
hinüberführen, von Westen nach Osten an Höhe abnehmen und sich 
aufserdem an einigen derselben Flufssedimente finden, leitet der ge- 
nannte Verfasser den Schlufs ab, dafs sie dem Tagliamento früher als 
Betten gedient haben, und dafs dieser Flufs bei immer weiterem öst- 
lichem Vordringen endlich die Fella erreichte und mit ihr vereint seinen 
heutigen Weg nimmt. 

Inwieweit die hier mitgeteilte Ansicht des geistreichen italienischen 
Verfassers Zustimmung verdient, soll hier nicht weiter erörtert werden, da 
es dazu viel weitgehenderer Untersuchungen, besonders auch des nörd- 
lich vom Tagliamento gelegenen bis zum Karnischen Hauptkamm reichen- 



l ) Taramelli, Catalogo ragionato delle Rocce del Friuli. Atti della 
R Accademia dei Lincei Anno CCLXX1V 1876— 1877. Memorie Vol. I. 4 0 . 
Roma 1877. S. 551 ff. 



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«2 



K. Futterer: 



den Gebietes bedürfte, und auch die Möglichkeit ins Auge zu fassen 
wäre, dafs die von jenem Hauptkamm kommenden gröfseren Flüsse, 
wie Torrente Degano, Torrente But und andere, nicht unbeteiligt sein 
könnten an der Bildung der das Meduna- und Arzino-Thal vom Taglia- 
mento trennenden Pässe, und dais sie somit auch einen Einflute in frühen 
Zeiten auf die Hauptquerthäler der Karnischen Voralpen selbst ausge- 
übt haben. Für die ins Cellina-Thal mündenden nördlichen Neben- 
flüsse Cimoliana und Settimana scheint aber eine gänzliche Unabhängig 
keit sowohl vom Tagliamento, wie von noch weiter aus dem Norden 
kommenden früheren Flufsläufen am wahrscheinlichsten. 

Ob man sich nun der einen oder anderen Anschauung anschließen 
will: beide führen zu demselben Ergebnis, dafs nämlich eine Anzahl 
von Querthälem schon in alten Zeiten das Gebiet der Karnischen 
Voralpen durchzogen. 

Älteste Spuren des Flufssy stems. Es wäre hier die Frage 
zu untersuchen, wie weit sich die Anfänge und die Ausbildung dieses 
Querthalsystems, zu welchem die Thalsysteme der Cellina, der Meduna, 
des Arzino und auch des Melo gehören, in der geologischen Geschichte 
zurückdatieren läfst. 

Die stratigraphische Ubersicht zeigte das Vorhandensein eines Meeres 
über dem heutigen Tiefland von Friaul, das bis zum Ende der Miocän- 
zeit vorhanden war; zur Oligocänzeit liefsen sich dessen nördliche Ufer 
einigermafsen mit Sicherheit als nördlich des grofsen periadriatischen 
Bruches gelegen annehmen, da keine oligocänen Bildungen mehr nörd- 
lich dieser Linie vorkommen; während der Eocänzeit hatte das Meer 
nördlicher gereicht, aber seine Ablagerungen zeigen ausgesprochenen 
littoralen Charakter; Konglomerate, Küstengerölle und Lignit-Bildungen 
zeigen die Nähe von Flufsmündungen an. 

Aus ganz ähnlichen Umständen schliefsen auch Medlicott und Blan- 
ford auf die Existenz der auch heute noch aus dem Himalaya in die 
Subhimalaya-Ketten eintretenden Flüsse schon zur Siwalik-Periode. 

Die grofse Anhäufung von Konglomeraten, ihr nach Quantität und 
Qualität entsprechend den einzelnen Strömen des Himalaya wechseln- 
der Charakter, gestattet nur die eine Erklärung, dafs diese Flüsse an 
denselben Stellen aus dem Gebirge austraten wie heute noch und 
nicht durch die grofsartigen Störungen merklich beeinflufst wurden, 
welchen die jüngsten Siwalik-Sedimente unterworfen waren 1 ). 

Ist hierdurch das Vorhandensein der Flüsse schon wahrscheinlich 
gemacht, so bietet doch erst die Oligocänzeit die Möglichkeit, ein be- 
stimmteres Bild für unser Gebiet zu entwerfen. 

') Medlicottand Blanford, A Manual of the Geology of Indu. Part 11. S.570. 



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Durchbruchstäler in den Süd- Alpen 



«3 



Veränderungen des orographischen Charakters während 
der Tertiärzeit. Tektonische Vorgänge drängten am Ende der 
Eocänzeit die Meeresküste weiter nach Süden, sodafs sie im grofsen 
ganzen etwa der periadriatischert Bruchlinie entsprach. Es soll hier 
besonders Gewicht darauf gelegt werden, dafs die ganze Kreidekette 
längs des heutigen Randes der Ebene von Friaul, noch vom Meer be- 
deckt war; nicht nur die Tektonik verlangt eine derartige Annahme, 
sie wird auch bewiesen durch die von Tellini hoch auf den ver- 
karsteten Plateaus gefundenen Erosionsrelikte in Gestalt von Eisen- 
kies-Krystallen und Limonit einer ehemaligen Bedeckung von miocänen 
Schichten. 

Dafs in das am Trias-Jura-Gebirge brandende Meer schon Flüsse 
mündeten, die fast nur aus dem Gebiet der Karnischen Voralpen kamen, 
wird durch die von Taramelli festgestellte Thatsache erhärtet, dafs die 
Konglomerate alle lokalen Charakter haben und ihre Bestandteile nicht 
von aufserhalb des Gebietes der Karnischen Voralpen gelegenen Orten 
stammen. Auf Seite 18 wurde dieses Umstandes sowohl bei Be- 
sprechung der marinen wie der späteren fluviatilen Bildungen mehrfach 
gedacht; zur Erklärung der vereinzelten, ganz fremdartigen Gerolle 
kämen die Verbindungen der Querthäler der Karnischen Voralpen mit 
den von der Karnischen Hauptkette abfliefsenden Flüssen in Betracht, 
Verbindungen, welche vielleicht zu dieser Zeit noch quer über den 
heutigen Oberlauf des Tagliamento bestanden. 

Zu dieser Zeit sind auch die ersten Anhaltspunkte der Anlage und 
Entstehung des periadriatischen Bruches vorhanden, wenn man berech- 
tigt ist, die Uferlinie des oligocänen Meeres, welche ungefähr mit dem- 
selben zusammenfällt, und die am Ende der Eocänzeit eingetretenen 
Hebungen im Norden derselben mit jenem in Zusammenhang zu bringen. 
Weitere Vorgänge an der Bruchlinie haben längs derselben Linie am Ende 
der Oligocänzeit und in noch jüngerer Zeit den Bruch vergröfsert und 
auch die oligocänen Sedimente dislociert. 

Durch dieselben tektonischen Bewegungen, welche, wie die Zu- 
sammenstellung auf S. 23 zeigt, mehrfach noch in verschiedenen Phasen 
die Gebirgsbildung beeinflufsten, entstanden die zahlreichen Brüche, 
welche das Gebiet durchsetzen, und ihr Einflufs auf die ursprünglichen 
einfachen grofsen Querthäler zeigt sich zur Genüge an der Rolle, 
welche die tektonischen Längsthäler sowohl in einzelnen Strecken ihres 
jetzigen Laufes wie in denen ihrer Zuflüsse spielen. Aus verschiedenen 
Beispielen, z. B. dem ursprünglichen Lauf des Torrente Chiarso, ging 
auch hervor, dafs die Querthäler älter sind als die Längsthäler, da die 
ersteren durch die letzteren in rückschreitender Erosion angeschnitten 
und ihre Flüsse abgelenkt wurden. 



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ftt 



K. Futterer: 



Durch die orogenetischen Bewegungen wurde die Küstenlinie noch 
weiter nach Süden gedickt; das Gebirgsland wurde im ganzen gehoben, 
die jetzige Kreidekette zunächst noch mit Tertiärbildungen, deren Alter 
bis ins mittlere Miocän zu reichen scheint, bedeckt. Die aus dem 
Gebirge austretenden Flüsse verlängerten ihr Bett nach Süden bis sie 
wieder das Meer erreichten und längs des Gebirgslandes lagerten sie 
ihre Flufskiese und Gerolle, die Konglomerate der spätmiocänen Zeit 
ab. Es war eine langsame Hebung des Landes, welche das Meer all- 
mählich nach Süden drängte; aber sie leitete die starken und nach- 
haltigen Bewegungen an der Grenze von Miocän und Pliocän ein, durch 
welche die Zusammenschiebung und Faltung weiter Zonen bewirkt 
wurde und welchen auch die Bildung der Antiklinalen des Kreide- 
gebirges, die wie ein Wall vor dem Trias-Jura-Gebirge lagert, zu- 
zuschreiben sein dürfte. 

Die Faltung der Kreide ist jedenfalls nicht in früheren Zeiten als 
Obermiocän eingetreten, da dem die Konkordanz von Rudistenkalk, 
Scaglia und Tertiär mit Einschlufs des mittleren Miocän widerspricht; 
und in jüngeren Zeiträumen fehlen die Anzeichen einer gleichbe- 
deutenden starken tektonischen Bewegung; wenn auch noch Hebungen 
zu konstatieren sind, so sind doch Beweise für Faltungen nicht zu 
erbringen. Wie verhalten sich nun aber die Flüsse der sich quer 
vor ihrem Lauf aufwölbenden Antiklinalen gegenüber? 

Die Beobachtung zeigt, dafs sie dieselbe auf dem kürzesten Weg 
in enger Schlucht durchbrechen, genau so, als wäre jene gar nicht vor- 
handen, und als hätten sie nur den schnellsten Weg zum Meer einzu- 
schlagen. Der Wall der Kreidekalke hat so wenig ein Hindernis für 
sie gebildet, dafs sie weder dem leichter erodierbaren Material an der 
Grenze zu den widerstandsfähigen Kalken folgten, noch dafs sie diese 
letzteren zu umgehen suchten. Nur die Meduna, vor deren Austritts- 
stelle aus der alten Küste (dem Trias-Jura-Gebirge) die Kontinuität 
der Kreideantiklinalen unterbrochen war, fand einen schon tektonisch 
vorbereiteten Lauf; Cellina, Susaibe, Colvera, Cbiarso, Cosa und 
Arzino schafften sich Erosionsläufe durch den Kalk der Kreide, 
ohne die vielleicht erst später entstandenen Querspalten benützen zu 
können. 

Mit der Zusammenfaltung der Kreide zu einer Antiklinalen mufs 
eine Emporwölbung ihres centralen Teils verbunden gewesen sein, 
ob nun noch an dem periadriatischen Bruch sich zur gleichen Zeit 
Bewegungen vollzogen, welche das absolute Niveau, in welchem die 
Flüsse dem Meer zu strömten, änderten oder nicht ; diese Flüsse, welche 
schon über dem Kreidegebiet geflossen waren, als es noch ungefaltet 
in horizontaler Lage sich befand, sahen sich einer ihrem Lauf ent- 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



65 



gegenwölbenden Antiklinalen gegenüber, die sie im Lauf der Zeit durch- 
schnitten (Tafel 4, Karte i). 

Die aus tiefer liegendem Gebiet kommenden Flüsse durchschneiden 
somit als ächte Durchbruchsthäler eine ihnen entgegenstehende Ge- 
birgskette. 

Es ist zu untersuchen, wie der Vorgang der Bildung dieser Durch- 
bruchsthäler durch das Kreidegebirge eine den natürlichen Verhältnissen 
entsprechende Erklärung rindet. 

Entstehung der Durchbruchsthäler. Durchbruchsthäler von 
mehr oder weniger analogem Charakter sind auf der Erdoberfläche 
keine seltene Erscheinung, und ohne schon hier auf die umfangreiche 
Literatur zur Erklärung ihrer Entstehung einzugehen, sei nur voraus- 
geschickt, dafs ihre Bildung je nach dem einzelnen Fall auf Querspalten, 
auf epigenetische Thalbildung, auf rückschreitende Erosion oder auf 
direkte Erosion, welche die Aufwölbung der Antiklinalen über- 
windet, zurückgeführt wird, wobei jedoch viele Fälle noch sehr um- 
stritten sind. 

Phihppson 1 ) hat die verschiedenen Arten zusammengestellt, wie 
Thalbildungen, welche sich nach ihrer Vollendung als Durchbruchs- 
thäler charakterisieren, entstehen können. 

Die Verschiedenheiten in der Widerstandsfähigkeit des Gesteins 
können allein schon bei der Bildung der Oberfläche durch die Erosion 
einen Wall erzeugen, der von einem Flufs durchdrungen wird, welcher 
ursprünglich auf gleichmäfsig geneigter Oberfläche über demselben 
dahinflofs; die Tektonik bleibt in diesem Fall ganz aus dem Spiel und 
über gröfsere Gebiete mit wechselnder geologischer Zusammensetzung 
wird sich wohl kaum ein Beispiel einer solcher Durchbruchsbildung 
nachweisen lassen. Eine weitere Modifikation der Entstehung der 
Querthäler, die auch zur Entstehung ächter Durchbruchsthalbildung führen 
kann, sucht Roussel 2 ) in den Pyrenäen nachzuweisen, indem er die 
Querthäler der oberen Garonne, Ariege, Aude u. a. auf tektonische 
Ursachen zurückführt und zwar auf transversale Falten, die das Falten- 
system der Pyrenäen durchkreuzen und in deren Synklinalen diese 
Querthäler beginnen sollen. Die Flüsse folgen den Synklinalen, und 
wenn sie eine longitudinale Kette durchbrechen, entstehen die engen 
Schluchten der Durchbrüche. 



l ) A. Philippson, Studien über Wasserscheiden. Mitteilungen des Vereins 
iür Erdkunde zu Leipzig. 1885. S. 277 ff. 

*) Roussel, Note sur l'origine des Vallees du versant francais des 
Pyrenees. (Annales de la Societe Geologique du Nord de la France. Vol. XX. 
Livr. 8. S. 270.) 

Zeitschr. d. GcMlUch. f. Erdk. Bd. XXX, 1895. 5 



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G6 



K. Futterer: 



Die tektonischen Verhältnisse der Karnischen Voralpen machen ein 
näheres Eingehen auf diese Erklärungsart, welche wohl einzig darstehen 
dürfte und noch näherer Begründung bedarf, entbehrlich. 

Dafs die Querspalten-Theorie in den hier zur Erörterung stehenden 
Fällen nicht zur Anwendung kommen kann, ist schon aus der Dar- 
stellung der Tektonik und des Flufssystems zu entnehmen. 

Auch für die epigenetische Thalbildung fehlt die Grundlage. Denn 
selbst, wenn die Flüsse zur Zeit der Faltung noch auf dem die Kreide 
bedeckenden Tertiär flössen, so hatten sie doch mit dem Beginn der 
Emporwölbung diese zunächst in den Gesteinen des Tertiärs und der 
Scaglia, dann aber in den harten Kreidekalken zu überwinden, und die 
Voraussetzung für die eigentliche epigenetische Thalbildung, dafs über 
der schon zusammengefalteten Kreide horizontales Tertiär lag, auf 
welchem die Flüsse zuerst einen Lauf wählten, der dann durch die 
Tieferlegung in Folge der Erosion und durch die Abtragung des Tertiärs 
in die heutigen canonartigen Schluchten gelangte, fehlt die Begründung, 
da Kreide und Tertiär konkordant über einander liegen und zusammen 
denselben tektonischen Bewegungen unterlagen. 

Um die rückschreitende Erosion von Flüssen auf der Südseite des 
Kreidegebirges, die ihr Bett durch das ganze Kreidegebirge einnagten, 
zur Erklärung herbeiziehen zu können, müfste die Voraussetzung ge- 
macht werden, dafs die nördlich der Kreidekette aus dem Gebirge 
austretenden Flüsse zunächst irgendwo an einer anderen Stelle ihren 
Abflufs fanden; es Iiefse sich anführen, dafs die Cellina von Barcis ab 
östlich der Kreidekette gefolgt sei bis zur Meduna und dals die oro- 
graphische Depression längs des periadriatischen Bruches ihr altes 
Längsthal sei, das sie im Tertiärgebiet genommen habe, um unterstützt 
in ihrer Erosion durch die Bruchlinie den Kreiderücken zu umgehen, 
bis die Flüsse von dessen Südseite sich durch den Kamm durchgenagt 
und die im Rücken der Kette fliefsende Cellina nach aufsen hin abge- 
führt hatten. Bei Montereale und Maniago, sowie bei Anduins für 
den Arzino, wäre das so der Fall gewesen, dafs von der Südseite rück- 
schreitende Flufs-Erosion den Kreidekamin durchbrach; Colvera und 
Cosa wären solche Flüsse, die ihr Bett durch das Kreidegebiet nach 
rückwärts durchgelegt hatten. 

Wenden wir uns vor der Besprechung der einzelnen Punkte, welche 
gegen die Annahme sprechen, einer allgemeineren Erwägung zu. 

Kriterien der einzelnen Theorien über Durchbruchs- 
thäler. Der prinzipielle Streit hinsichtlich der Entstehung der Durch- 
bruchstäler bewegt sich darum, ob die Erosion eines Flusses eine 
quer gegen seinen Laufsich emporhebende Wölbung durch seine Erosion 
zu überwältigen im Stande ist, oder ob er aufgestaut werden mufs und 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



67 



ober dann andere Abflüsse finden kann; im letzteren Fall wäre es die 
rückschreitende Erosion, welche den emporwölbenden Wall durchbricht 
und das Durchbruchsthal erzeugt. 

Schon Philippson ') machte darauf aufmerksam, dafs der Gegensatz 
zwischen der von Powell, Medlicott, Tietze u. a. vertretenen Ansicht, 
die Flüsse seien im Stande, Faltung und Dislokationen in ihrem 
Lauf durch Erosion zu Überwinden, und der gegenteiligen Meinung 
Löwl's, dafs alle Durchbruchsthäler auf rückschreitende Erosion zurück- 
zuführen seien, durchaus nicht so sehr grofs ist; denn es wird auch 
im ersteren Fall zu zeitweiliger Abdämmung und zur Bildung von 
Seebecken kommen können, wo dann in der That die am Seeabflufs 
rhätige verstärkte Erosion den aufgewölbten Wall durchbricht. Der 
fundamentale Unterschied jener beiden Theorien liegt in der Frage 
nach dem gegenseitigen Alter von durchbrechendem Flufs und durch- 
brochenem Gebirge, und für die Entscheidung dieser Frage müssen 
die prinzipiellen Gegensätze aufgefunden werden. 

In beiden Fällen ist es ausschliefslich die Erosion, welche das 
Durchbruchsthal bildet, und nur die Art ihrer Wirksamkeit unter- 
liegt der Kontroverse. Die erodierende Thätigkeit der Flüsse im Ge- 
birge ist immer mit Abtragung und Wegführung von Material auf der 
einen und Ablagerung desselben auf der anderen Seite verbunden. Die 
Art der Ablagerung der Sedimente und ihre Zusammensetzung kann 
nun nicht dieselbe sein, wenn ein Flufs sein Bett nach rückwärts durch 
eine Bergkette in hinter derselben liegendes, aus anderem Gesteine 
bestehendes Gebiet verlegt, wie wenn er aus jenem Gebiet kommend 
jene Bergkette während ihrer Aufrichtung erodierend in einem Durch- 
bruchsthal durchbricht. 

An den beiden schematischen Profilen (Tafel 4, Karte 2), welche 
durch die in einem Durchbruchsthal durchflossene Bergkette (K) gehen, 
sollen die jeweiligen Sedimentationsverhältnisse dargestellt werden. 

Das Profil 1 stellt den Fall dar, dafs eine Gebirgskette (K), 
welche im wesentlichen aus dem Gestein (k) besteht, dessen Cha- 
rakter auch in dem Erosionsmaterial und in den Flufssedimenten 
unterscheidbar ist von dem Material (t), aus welchem das hinter der 
Bergkette (K) gelegene Gebiet (T) besteht, gleichviel ob dasselbe Berg- 
land oder Plateau ist, von dem Flufs durchbrochen wird. 

Der Flufs, welcher ursprünglich am Gehänge der Bergkette (K) 
abflofs, hat im Lauf der Zeit durch rückschreitende Erosion diese 
Kette durchbrochen und fliefst jetzt mit seinem oberen Lauf im Ge- 
biet T. In derjenigen Erosionsperiode, ehe er das letztere Gebiet 

') A. Philippson, Studien über Wasserscheiden u. s. w. S. 218. 

5* 



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()8 K. Futterer: 

erreicht hatte, sind seine Sedimente nur aus dem Erosionsmaterial (k') 
des Gesteines (k) gebildet; entsprechend dem stärkeren Gefalle am 
Abhang der Bergkette (K) wird auch gröberes Material zunächst an 
deren Fufs abgelagert, das feinere aber weiter weggeführt werden 

Erst wenn der Durchbruch vollendet sein und der Flufs in das 
Gebiet T einzuschneiden begonnen haben wird, kann Material (t f ) von 
dem Gesteinscharakter (t) abgelagert werden; dasselbe wird, zunächst 
wohl noch mit solchem von (K) vermischt, jedenfalls über (k') abge- 
lagert werden, d. h. jüngere Schichten als jenes bilden, wenn wir den 
Ablagerungsverhältnissen der Flufsbildungen soweit Rechnung tragen 
wollen, dafs der Ausdruck Uberlagerung vermieden wird, da ja häufig 
jüngere Alluvionen in tieferem Niveau als die älteren liegen. Der Ein- 
fachheit wegen ist jedoch im Profil der einfachste Fall, der der Über- 
lagerung, dargestellt worden. Dem verminderten Gefälle entsprechend, 
ebenso wie der gröfseren Entfernung von ihrem Ursprungsort, werden 
die Sedimente (t') an Gröfse der Bestandteile des Materials hinter 
denen von (k') zurückbleiben. 

Das Hauptgewicht ist darauf zu legen, dafs an einem von der 
Bergkette (K) je nach den Verhältnissen eines jeden solchen Flusses 
mehr oder weniger entfernten Stelle das tiefer liegende Flulsaufschüttungs- 
material im allgemeinen gröber sein und nur aus der Bergkette (K) 
stammen wird, während das darüber folgende feinere den Charakter 
des Gebiets T im wesentlichen mit nur untergeordnet beigemengtem 
Material von (K) tragen mufs, wenn die Haupt-Erosion in dieses Gebiet 
verlegt ist; wenn dies nicht der Fall ist, so werden doch Spuren dieser 
Gesteine auch unterhalb des Durchbruchsthals nachzuweisen sein, 
welche davon Zeugnis geben, wann der Flufs jenes Gebiet erreicht 
hatte nach dem Durchbruch durch K. 

Dieser hier ganz allgemein konstruierte Fall wird ja im einzelnen 
mannigfachen Veränderungen unterworfen sein, welche seine Beweis- 
kraft bald klarer zu gestalten, wohl aber auch mehr zu verwischen 
vermögen. 

Sehr prägnant wird sich das Beispiel zeigen, wenn bei grofeer Ver- 
schiedenheit des Gesteinscharakters von (K) und (T) starke Erosion 
in (T) stattfindet und reiches Geröllmaterial vom Ausgang des Durch- 
bruchsthals an abgelagert wird, da ja in diesen engen Durchbrüchen 
meist keine Sedimentation stattfindet; das Material (t r ) wird nur wenig 
Beimengungen von (K) enthalten, da in den Durchbruchsthälern selten 
gröfsere Nebenflüsse mit reichlicher Materialzufuhr an der Bergkette (K) 
einzumünden pflegen. 

Es soll durchaus nicht der Versuch gemacht werden, diese Ver- 
hältnisse zu einer Bedingung sine qua non für jeden Fall rückschreiten- 



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Durchbrurhsthäler in den Süd-Alpen. 



69 



der Erosion zu machen; es genügt, wenn für bestimmte Fälle ihre 
Anwendbarkeit zugestanden wird. 

Dieselben Bemerkungen sollen auch auf den Fall ausgedehnt 
werden, der unter Beibehaltung derselben Bezeichnungen die Verhält- 
nisse der Sedimentation darstellt, welche eintreten, wenn der Flufs («) 
aus dem Gebiet (T) kommend, nachdem er längs seines Laufes die 
Sedimente (t f ) abgelagert hat, eine sich emporhebende Gebirgswelle (K) 
durch Erosion Überwindet. Die Flufssedimente (t r ) werden vor der 
Emporwölbung rein sein und der Gröfse des Materials nach von ihrem 
Urspmngsort an abnehmen, so dafs aufserhalb der Stelle, an welcher 
die Bildung des Gebirgswalles stattfindet, vielleicht schon verhältnis- 
mäfsig feines Material zum Absatz kommt. 

Mit dem Beginn der Aufwölbung und der ihr Schritt haltenden Erosion 
inderKette(K)wird das noch von (T) kommende Material (t') Beimischungen 
von (K) enthalten, und je nach den gegebenen Verhältnissen wird dieses 
letztere auch überwiegen können, wenn aus dem neu aufgewölbten 
Wall durch Erosion von Nebenflüssen starke Abtragung stattfindet. Das 
Material wird auch gröber sein als das von (T) mit verhältnismäfsig 
geringerem Gefälle kommende. 

Ein Vergleich der Ergebnisse hinsichtlich der Flufssedimente zeigt 
einen wichtigen Unterschied zwischen den beiden Vorgängen der 
Bildung des Durchbruchsthals: 



A. Rückschreitende Erosion. 

1. Das Erosionsmaterial des durch- 
brochenen Gebirges bildet die 
liegenden Schichten. 

2. Dasselbe ist verhältnismäfsig 
grob. 

3. Das feinere Erosionsmaterial des 
Oberlaufes des Flusses hinter 
dem Durchbruchsthal bildet rein 
oder mit solchem des durch- 
brochenen Gebietes die hangen- 
den Schichten. 



B. Direkte Erosion, welche die 
Emporwölbung überwindet. 

1. Das Erosionsmaterial des Ober- 
laufes des Flufses hinter dem 
Durchbruchsthal bildet die lie- 
genden Schichten. 

2. Das Material ist verhältnismäfsig 
fein . 

3. Das Erosionsmaterial des durch- 
brochenen Gebirges bildet mehr 
oder weniger vermischt mit dem 
des Oberlaufes des Flufses die 
hangenden Schichten. 



Aus dieser theoretischen Betrachtung ist somit ein Kriterium abzu- 
leiten, welches über die Richtigkeit der einen oder anderen Hypothese 
zur Erklärung der Bildungsweise eines Durchbruchsthals Aufschlufs 
zu geben vermag, sofern man nur in der Lage ist, Flufssedimente in 
möglichster Nähe unterhalb des Durchbruchsthals, wo noch möglichst 



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70 



K. Futterer: 



wenig die Einwirkung anderer störender Verhältnisse zu fürchten ist, 
zu beobachten und ihre Überlagerung festzustellen. 

Anwendung der Kriterien. Kehren wir an den Fufs der 
Karnischen Voralpen zurück, so sehen wir in den tertiären und dilu- 
vialen Schichtenreihen die Sedimente seit alten Perioden der Thal- 
bildung vor unserem Auge. Wir lassen die Sedimente aufser Betracht, 
welche schon vor der nachweisbaren Existenz der Kreide-Antiklinalen 
konkordant über der Kreide abgelagert wurden, nur die Beschaffenheit 
der jüngeren Tertiär- und Diluvialablagerungen längs des Randes der 
heutigen Ebene von Friaul, in welche die Flüsse in ihren Durchbruchs- 
tälern austreten, sind hier für uns von Interesse (Vgl. die Profile auf 
Tafel 4, Karte i). 

Im einen Fall (entsprechend A) müssen wir irgendwo in der Serie 
der jungtertiären Gesteine oder des fluviatilen Diluviums eine Schicht 
rinden, welche nur aus Kreidegesteinen besteht, und die gebildet wurde, 
als die Flüsse am Südabhang der Kreide-Antiklinalen mächtig erodierten, 
ihr Bett durch den ganzen Kamm, der — wie die Rekonstruktion der 
Höhe aus den Profilen zeigt — einst viel höheren Kreide-Antiklinalen 
nach rückwärts durchlegten und auf diesem Weg grofse Mengen von 
nur aus dem weifsen, reinen Kalk der oberen Kreide bestehendem 
Material entfernten. 

Keine Spur, die eine solche Deutung zuliefse, ist jedoch in der 
Schichtfolge bekannt geworden. Eine Übersicht des vorliegenden 
Materials der Konglomerate, Küsten- und fluviatilen Bildungen zeigt 
aber nach der gegebenen Zusammenstellung noch in der aquitanischen 
Stufe (Oberoligocftn) unmittelbar vor dem Beginn der Hebungsperiode 
der Kreidekette unverkennbare Lias-Jura-Sedimente, die aus dem Trias- 
Jura-Gebirge stammen ; und der vorwiegend sandige Charakter erlaubt 
vielleicht den Schlüte, dafs damals noch über den heutigen Oberlauf 
des Tagliamento hinaus in die paläozoischen und altmesozoischen 
Schichten Flufsverbindungen bestanden, durch welche und aus welchen 
das sandige Material geliefert wurde. In den miocänen Konglomeraten, 
die sich zu einer Zeit bildeten, in welcher die tektonischen Vorgänge 
schon eingeleitet waren, bestehen die Gerolle aus mesozoischem Material 
mit Einschlufs von Kreide und auch schon Eocän; bei der Emporwölbung 
der Antiklinalen der Kreide nahm das ältere Tertiär mit Teil und seine 
Bestandteile müssen sich ebenfalls unter dem Erosionsmaterial finden. 

Die Beimengung von Kreide und Eocänmaterial ist somit von dem 
Zeitpunkt an nachzuweisen, in welchen aus anderen Anzeichen die 
Emporwölbung der Kreide-Antiklinalen verlegt wurde. 

In den obermiocänen Konglomeraten ist der lokale Charakter je 
nach dem Flufsthal, aus welchem sie stammen, ausgeprägt. Am Fufs 



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Durchbruchslhäler in den Süd-Alpen. 



71 



des Cansiglio, das nur aus Kreide besteht und wo keine Flüsse durch 
Durchbruchsthäler andere Gebiete erreichten, besteht das Konglomerat 
nur aus Kreidegesteinen ; aber im Bereich der Durchbrüche von der 
Cellina bis zum Arzino ist Tertiär-Jura-Material beigemengt. „GM ele- 
menti del conglotnerato di queste colline {dt Polcenigo e Sarone) come dt quelle 
dt Osoppo, Pinzano e Caslelnuovo % derivano delle rocce a loro piü vicine: 
in queste sono dolomitie giuresi e crelacee, in quelle esclusivamen/e cretacee *). 

Die Beobachtung Pirona's zeigt auf das deutlichste, dafs da, wo 
Flüsse nur im Kreidegebiet erodierten, auch in ihren Sedimenten der 
Nachweis dafür zu erbringen ist. Wo sind nun aber die Kreidegerölle 
und Geschiebe geblieben, welche von den Flüssen stammen, die ur- 
sprünglich an dem Südabhang des Kreidegebirges erodirend wirkten, 
bis sie ihr Bett durch deren Kamm nach rückwärts durchgeführt hatten? 

Die Theorie der rückschreitenden Erosion bleibt uns hier die 
Antwort schuldig. 

Die Beschaffenheit der F"lufs-Sedimente stimmt auch noch in der 
jüngeren Tertiärzeit mit der Forderung überein, die der zweite oben 
konstruierte Fall ergiebt. 

Die tieferen Sedimente, vor def Hebungsperiode der Kreide-Anti- 
klinale, zeigen einen Charakter, der auf ein nach Norden noch aus- 
gedehnteres Flufsgebiet hinweist, als es heute den Flüssen der Durch- 
bruchsthäler eigen ist; die feinsandige Beschaffenheit verrät den weiten 
Transport. 

Mit dem Beginn der Faltungsperiode werden auch in dem gröberen 
Sediment Stücke des Kreidegebirges nachweisbar, welche aber, wie zum 
Beispiel in den obermioeänen Konglomeraten zwischen Praforte und 
Paludea, noch zu den selteneren Funden in der überwiegenden Menge 
der Trias-Juragesteine gehören. 

Seit der Bildungszeit dieser Konglomerate sind die Kreidegesteine 
mehr oder weniger häufig in den fluviatilen Ablagerungen vorhanden. 

Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, dafs während 
der Faltungsperiode auch die Flufssedimente entsprechend dislociert 
wurden, erst die jüngeren Ablagerungen der Pliocän liegen diskordant 
über dem in die Faltung eingezogenen älteren Tertiär (vgl. Profil III 
Tafel 4, Karte i.) 

Obwohl diese Thatsache auch der Theorie der Flufs-Erosion durch 
das sich faltende Gebirge konform ist, und es nur eine Konsequenz 
unseres Falles B ist, dafs sich bei der Emporwölbung die älteren Flufs- 
sedimente im Bereich derselben mitbeteiligten, so kann sie doch nicht 



Piro na, Schizzo geologico della provincia di Udine. Bollettino del R. Comi- 
lato Geologico d'Ilalia. 1877. S. 133. 



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72 



K. Futterer: 



als Beweis für dieselben gelten, da in unserem Gebiet zu verschiedenen 
Zeiten tektonische Bewegungen eintraten, welche die Sedimente auch 
in diesem Fall dislocieren konnten, dafs die Durchbruchsthäler durch 
rückschreitende Erosion entstanden wären. 

Es wurde hier versucht, die Anwendbarkeit des oben aufgestellten 
Prinzips als Kriterium für die Richtigkeit einer der beiden Theorien 
darzuthun, um es auch in anderen Fällen verwenden zu können; denn 
in dem Gebiet der Karnischen Hochalpen sprechen auch noch andere 
Gründe gegen eine Entstehung der Durchbruchsthäler durch rück- 
schreitende Erosion. 

Die unterscheidenden Merkmale der verschieden entstandenen 
Durchbruchsthäler führt Philippson 1 ) an; sie mögen in abgekürzter 
Form hier folgen: 

1) Bei direkter Erosion durch Einschneiden des Flusses während des 
Aufsteigens des Gebirges mufs der erstere älter als das letztere 
sein. 

2) Flufsdurchbrüche an den höchsten Stellen eines Gebirges sprechen 
für riickschreitende Erosion; an den niedrigsten und schwächsten 
Stellen aber liegt gröfsere Wahrscheinscheinlichkeit für höheres 
Alter der Flüsse gegenüber dem Gebirge vor. 

3) Bei Flüssen, die älter sind als die Dislokationen, überwinden die 
stärkeren Flüsse die letzteren, die kleineren aber mUssen denselben 
folgen; durch rückschreitende Erosion ist ein solches Verhältnis 
schwer zu erklären. 

4) Manche Durchbruchsthäler bilden eine Schlinge in der durch- 
brochenen Gebirgskette, die sich nicht durch die Theorie der 
rückschreitenden Erosion erklären läfst. 

5) Einflüsse der Thalspalten auf die Tektonik sprechen für höheres 
Alter der Flüsse. 

6) Steigt das Gefälle des durchbrechenden Flufses zur Quelle immer 
stärker an, so ist rückschreitende Erosion wahrscheinlich, ist der 
Oberlauf aber flach, so spricht dies dagegen. 

Dafs diese Unterschiede nicht eine entscheidende Beweiskraft 
haben, giebt Philippson selbst zu, wenn er sagt: „Keines dieser Merk- 
male allein kann ein entscheidendes Urteil begründen, wohl aber ver- 
mag dies eine Anzahl derselben zusammen betrachtet." 

In der Anwendung auf die Durchbruchsthäler unseres Gebietes 
sprechen die Merkmale 1, 3 und 6 entschieden zu Gunsten der Flufs- 
Erosion während des Aufsteigens der Kreidekette; dem unter 2 ange- 
führten Kriterium kann in vielen Fällen~nur ein sehr problematischer 



!) A. Ph ilippson, Studien über Wasserscheiden u. s. w. 5.198. 



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Dorchbruchsthaler in den Süd-Alpen. 



73 



Wert innewohnen, da bei einer Gebirgserhebung die höheren und 
tieferen Stellen des fertigen Kammes durchaus noch nicht in den ersten 
Anfangen der Erhebung vorhanden oder angedeutet zu sein brauchen 
zu einem Zeitpunkt, an welchem aber die Flufs-Erosion schon ein- 
setzen mufs. 

Die wichtigeren und allgemeineren Merkmale sprechen hier gegen 
die Theorie der rückschreitenden Erosion im Sinn Löwl's und solche 
Merkmale sollten sich noch vermehren lassen. Es wäre zu untersuchen, 
ob bei Entstehung eines Durchbruchsthals durch rückschreitende 
Erosion eines am Berggehänge ursprünglich abfliefsenden Flusses nicht 
ganz andere Verhältnisse seiner seitlichen Zuflüsse vor und in der 
durchbrochenen Gebirgskette stattfinden müfsten, als wenn ein schon 
vorhandener Flufs nur einen Kanal durch einen emporsteigenden Wall 
schneidet und an dessen Gehänge neue Wasserläufe entstehen. 

Es genügt hier, gezeigt zu haben, nach welcher Richtung hin die 
allgemeineren zur Unterscheidung zur Verfügung stehenden Kriterien 
ihre Entscheidung geben; für jeden besondern Fall werden auch noch 
speziellere Eigentümlichkeiten in jenem Sinn verwertbar sein. 

In unserem Gebiet ist dazu in erster Linie der Mangel an irgend- 
welchen kleineren Bächen und Flüssen im heutigen Kreidegebiet zu 
rechnen; es sind auch keine Anzeichen vorhanden, welche darauf 
schliefsen liefsen, dafs in früheren Perioden solche vorhanden waren, 
die in Folge klimatischer Änderungen zum Versiegen kamen. Überall 
in den Tertiärgebieten,, welche z. B. zwischen Monte San Lorenzo und 
Meduno das Kreidegebirge unterbrechen, fliefst das Wasser an der 
Oberfläche ab, und es kommt zur Bildung von Wasserscheiden zwischen 
den nach Norden zum Moje und den nach Süden abfliefsenden Bächen. 
Im Gebiet der Kreide aber fehlen dieselben gänzlich, und auch in diesem 
Merkmal tritt der Karstcharakter dieses Gebietes hervor. Das Wasser 
versinkt an der Oberfläche rasch in den vielen Spalten und Klüften 
und tritt erst in stärkeren Quellen unten im Niveau der Flufsläufe 
wieder auf, wie man ausgezeichnet längs des Torrente Cosa beobachten 
kann, oder aber an der Grenze der Formationen zueinander. Indessen 
sind auch, entsprechend dem geringen Oberflächengebiet der Kreide, 
solche Quellen nicht besonders stark, und an eine durch sie veranlafste 
unterirdische Erosion und Höhenbildung ist in gröfserem Mafsstab 
nicht zu denken, da das Sammlungs-Areal für das Wasser an der Ober- 
fläche zu klein ist, um für gröfsere Flüsse unterhalten zu können. Eine 
derartige Erklärung der Entstehung der Durchbrüche dürfte schwer in 
diesem Fall zu beweisen sein, wo die Hauptmenge des Wassers aus 
weiter nördlich gelegenem Gebiet stammt, wo die Kalke nicht mehr 
so rein sind, um das Karst-Phänomen zur typischen Entwickelung auch 



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74 



K. Futterer: 



nach seinen hydrographischen Charakteren zu bringen, zu denen auch 
unterirdische Flufsläufe gehören, welche zur Bildung von auch an die 
Oberfläche tretenden Thälern führen können 1 ). 

Die Wetterseite mit den reichlicheren Niederschlägen und der 
stärkeren Erosion liegt auf der Südseite in diesem Gebirgsteil ; und es 
ist hauptsächlich die steile hohe Wand des Südabfalles des Trias-Jura- 
Gebirges längs der periadriatischen Bruchlinie, welche sich auch ihrem 
äufseren Charakter nach als Wetterseite kund thut. Sie überragt die 
südlich von ihr gelegene Kreidekette um 600 — 1000 m, und die zahl- 
reichen kleineren und gröfseren Erosionsrinnen, welche den Längs- 
thälern an der periadriatischen Bruchlinie ihr Wasser zuführen und die 
selbst in der heifsen und trockenen Jahreszeit nicht versiegen, zeigen 
zur Genüge, wie und wo das Wasser erodiert, und wo man auch den 
Ursprung der Wasserkräfte suchen mufs, denen die in der Kreidekette 
beobachteten Erosionswirkungen zugeschrieben werden müssen. Es 
liegt kein Grund vor für die Annahme, dafs in früheren Perioden, 
wenn auch die Niederschlagmenge eine gröfsere gewesen sein mag, 
die Abflufsverhältnisse nicht entsprechend den heutigen gewesen sein 
sollen, oder dafs nicht die Hauptmenge des die Flüsse bildenden und 
erodierenden Wassers aus dem Trias-Jura-Gebirge stammt, während der 
geringere Teil, nämlich das auf die Kreide entfallende Quantum der 
jährlichen Niederschlagsmenge in den zahllosen Klüften und Spalten 
der aufgewölbten Kalke versank, ohne energischere Erosionswirkungen 
ausüben zu können. 

Es ist von Interesse, hier die Angaben Krümmels anzuführen s i. 
dafs die Höhe eines Gebirges und der Wetterseite für die Niederschlags- 
menge sehr erheblich in Betracht kommt. Nach seinen Berechnungen 
ist ein Gebirge, das eine Kammhöhe von 2000 m besitzt, schon im 
Stande, wenn es quer dem Regenwind vorlagert, demselben die 
Hälfte allen Wasserdampfes zu entziehen. Diese Zahlen dürften in 
unserem Gebiet das richtige Verhältnis für die Höhen des Trias-Jura- 
Gebirges angeben, dem dadurch schon eine viel gröfsere Niederschlags- 
menge zukommt, als der vorgelagerten viel niedrigeren Kreidekette; 
auch aus diesem Grunde dürfte es der letzteren an den nötigen Flüssen 
zur Querthal-Bildung durch rückschreitende Erosion gefehlt haben. 

Auch die alten, jetzt von keinem Flufs durchflossenen Thäler im 
Kreidegebirge, die wir auf die Erosion der aus dem Trias-Jura-Gebiet 
kommenden Flüsse Susaibe und Chiarso zurückgeführt hatten, bereiten 
der Theorie der rückschreitenden Erosion in ihrer Anwendung auf die 



•) Cvijic: Das Karstphänomen, u. s. w. 

2 ) Krümmel, Einseitige Erosion. Ausland, 188*. S. 30, 45. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



75 



hier geschilderten Durchbruchsthäler ernste Schwierigkeiten. Man 
müfete, wenn man diese Theorie zur Erklärung heranziehen wollte, 
annehmen, um den heutigen Mangel eines Flusses zu erklären, dafs 
die Flüsse, welche die Thäler an dem Passo La Croce und Forcella 
piccola — Forcella di Meduno einst erodierten, in weiter oben gelegenen 
Teilen ihres Laufes durch andere Flüsse in rückschreitender Erosion 
erreicht und abgelenkt worden seien; wenn man auch geneigt ist, für 
den ersten Fall Susaibe-Valle La Croce diese Möglichkeit zuzugeben, 
da die Ablenkung der Susaibe im leicht erodierbaren Tertiärgestein 
erfolgt ist, so liegen in der Beschaffenheit des Gesteins, welche der 
Chiarso von einer Ablenkung unterhalb Campone bis zur Einmündung in 
die Meduna durchfliefst, für diese Anschauung um so gröfsere Schwierig- 
keiten. Denn noch ehe der rückwärts fortschreitend erodierende Flufs 
die Kreidekette ganz durchbrochen hatte, mufsten die Gewässer des 
Siidabhanges des Trias-Jura-Gebirges einen Abflufs haben, der dann 
nur dem heutigen Chiarso-Lauf entsprechend hatte sein können, und 
sobald der erstere Flufs den Chiarso nach Durchnagung der Kreide 
erreichte, mufse er ihn seinerseits ablenken, wenn anders die Voraus- 
setzung der rückschreitenden Erosion erfüllt sein soll; es müfste für 
diesen Fall der Lauf des Chiarso heute noch so sein, wie der alte 
rückwärts erodierende Flufs ging, d. h. er mufste von Campone direkt 
nach Südwesten bis Meduno ein Durchbruchsthal besitzen, und gerade 
hier ist ein solches nicht vorhanden. Ähnlich liegen die Verhältnisse 
am alten Susaibe-Lauf über den Pafs La Croce. 

Es schien angemessen, möglichst alle Gründe zu erörtern, welche 
in den hier angeführten Beispielen gegen die Theorie der rückschreiten- 
den Erosion bei der Entstehung solcher Durchbruchsthäler im allge- 
meinen sprechen und die gröfeere Wahrscheinlichkeit auf die Seite der 
Anschauung bringen, dafs die schon vorhandenen Flüsse mit ihrer 
Erosion der Aufwölbung der Antiklinalen der Kreide das Gleichgewicht 
halten und somit die Durchbrüche erzeugen konnten; und zwar schien 
dieser Weg deshalb angemessen, weil der Versuch gemacht wurde, 
ganz generell die letztere Möglichkeit zu leugnen, und aus allgemeineren 
Deduktionen ihre Unhaltbarkeit darzuthun. 

Resultate für die Entwickelung des Flufssystems der 
Karnischen Voralpen. In solchen Fällen thun Beispiele Not, welche 
mit der Sicherheit des objektiven Thatbestandes für die theoretische 
Deduktion eintreten. Nimmt man die hier vertretenen Ausführungen 
als die richtige Deutung der thatsächlichen Verhältnisse an, so 
wird man zu der folgenden Entstehungsgeschichte der Durchbruchs- 
thäler der Kreidekette in den Karnischen Voralpen geführt, die in den 
Durchschnitten der Karte i auf Tafel 4 erläutert wird. 



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7fi 



K. Futterer: 



Mit dem Eintritt der Aufwölbung der Kreide-Antiklinalen griff die 
Erosion der Flüsse Cellina, Susaibe, Colvera, Chiarso und Arzino ein 
und verlängerte die bisherigen Flufsläufe von der bisherigen Mündungs- 
stelle an, die zu einer gewissen, vielleicht noch weiter zurückliegenden 
Zeit durch die heutigen Austrittsstellen dieser Flüsse aus dem Trias- 
Jura-Gebirge bezeichnet wurden, nach Süden durch die sich aufwölbende, 
noch von älterem Tertiär bedeckte Kreideantiklinale. Die Flufs-Erosion 
schnitt in dem Mafs tiefer ein, als die Aufwölbung stieg, bis die engen 
Durchbruchsthäler erzeugt waren, an deren Tieferlegung die Flüsse 
heute noch thätig sind. 

Noch ehe aber alle Flüsse so weit waren, hatte eine seitliche 
Erosion längs den Tertiär-Bildungen des periadriatischen Bruches nach 
Westen und Osten vorschreitende Erosion zum Teil diese Flüsse abge- 
lenkt (Susaibe und Chiarso) und den anderen Querthälern zugeführt, 
oder auch selbständige Flüsse ans dem Abhang des Trias-Jura-Gebirges 
dem periadriatischen Bruch bis zur Einmündung in eines der Quer- 
thäler entlang geführt. 

Aus dieser Entwickelung des Flufssystems ergeben sich folgende 
Altersverhältnisse: 

A. Primäre Querthäler, die am periadriatischen Bruch einmünden: 
Cellina, Meduna, Arzino. (Hierher gehören auch die aus den Süd- 
gehängen des Trias-Jura-Gebirges kommenden kleineren Gewässer 
von jüngerem Alter, z. B. Susaibe, Colvera, Chiarso, Cosa u. s. w.) 

B. In der Fortsetzung ihres Laufes nach Süden die Durchbruchs- 
thäler durch das Kreidegebirge: Cellina, Valle La Croce, Colvera, 
Chiarso, Cosa, Arzino. 

C. Ablenkung von Susaibe und Chiarso, Entstehung der Flüsse am 
periadriatischen Bruch wie: Arba, Moje, Fus, Canale di Vito d'Asio, 
Tremugna u. s. w. Im Zusammenhang damit die Bildung der 
Depression längs der periadriatischen Bruchlinie. 

Es ergiebt sich daraus die Folgerung, dafs die grofsen Querthäler 
älteren Ursprungs sind, als die Längsthäler, und dafs die ersteren von 
den tektonischen Störungen, Bruchbildung sowohl wie Faltung, in ihrem 
Lauf fast ganz unbeeinflufst blieben, wenn man von den kurzen Thal- 
strecken absieht, die Cellina, Colvera und Arzino dem periadriatischen 
Bruch folgen; diese Eigentümlichkeit erklärt sich leicht aus der grofsen 
Bedeutung, welche dieser Bruchlinie schon vor der Zeit der Aufwölbung 
der Kreide-Antiklinalen zukam und bei Beginn dieser letzteren auf kurze 
Strecken hin die Flüsse ihr zu folgen zwang, ehe sie einen Weg direkt 
nach Süden fanden. 

Die Längsthäler dagegen sind ausschliefslich an Bruchlinien oder 
die Synklinale längs des periadriatischen Bruches gebunden. 



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Durchbruchsthäler in den Süd- Alpen. 77 

Auf der einen Seite steht demnach vollständige Unabhängigkeit 
der Querthäler von tektonischen Linien und sogar Vermeidung vor- 
handener Querbrüche (mit einziger Ausnahme der speziellen Verhält- 
nisse an der Meduna); auf der anderen der enge Zusammenhang von 
Längsthälern mit den tektonischen Störungen. 

Die Ergebnisse, zu welchen diese Untersuchung geführt hat, sind 
somit dem gerade entgegengesetzt, was lange Zeit hindurch und in 
wesentlichen Punkten auch heute noch als Grundprinzip, das die An- 
ordnung der Flufsläufe beherrscht, betrachtet wurde. 

Die ursprünglichen Gefällsverhältnisse, welche von den schon als 
Festland vorhandenen centralen Alpenketten direkt nach Süden zum 
Meer führten, blieben bis zur jüngsten Faltungsphase der Alpen für 
den Lauf der Flüsse mafsgebend, die quer zum Streichen (Querthäler 
I. Ordnung) und als geologische Gefällsthäler von älteren Schichten 
auf immer jüngere übertreten. 

Erst sekundär kommen hinzu die Längsthäler und in dritter Linie 
erst ein Teil der wiederum diesen zufliefsenden kleineren Querthäler 
{II. Ordnung), während ein anderer Teil derselben abgeleitete Quer- 
thäler I. Ordnung sind. Von diesem weiten Gesichtspunkt der Anlage 
der Thäler eines Kettengebirges sind die Durchbruchsthäler nur eine 
durch das höhere Alter des Flufslaufes gegenüber einer sich empor- 
wölbenden und sich neu angliedernden Bergkette und die starke 
Erosionsthätigkeit des Flusses, welche die Hebung überwindet, bedingte 
Modifikation des Querthaies. 

Zu denselben Auffassungen war auch Supan bei seiner Untersuchung 
der Thalbildung in den Centrai-Alpen Tirols gelangt, wenn er sich 
auch etwas anders ausdrückt 1 ). 

„Aus dem Gesagten ergiebt sich, dafs wir die eigentlichen Ötzthaler 
Alpen als eine plateauartige Masse mit steiler Süd- und sanfter Nord- 
abdachung ansehen, welche durch Erosionsthäler in eine Reihe von 
Ketten aufgelöst wurde. 

Indem die grofsen Querthäler entstanden, schufen sie zu beiden 
Seiten Abhänge und gaben damit dem Wasser Veranlassung, auf einem 
anderen Weg als dem der Hauptabdachung abzufliefsen. Die Bildung 
der Querthäler hatte somit die Bildung von Nebenthälern, diese 
wieder die Bildung von Seitentobeln u. s. w. zur Folge. Der hydro- 
graphische Rang eines Thaies ist hier also auch sein geologischer 
Altersrang." 



! ) A. Supan, Studien über die Thalbildungen im Östlichen Graubünden und 
in den Centrai-Alpen Tirols, als Beitrag tu einer Morphologie der genannten Gebiete. 
Mitteilung der Geographischen Gesellschaft in Wien. 1877. s - 3 6b - 



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K. Futtcrer: 



Die auffallendste Übereinstimmung zeigen aber die hier gewonnenen 
Resultate zu den Ergebnissen, zu welchen Foerstle durch seine Unter- 
suchungen der Entwickelung des Flufssystems und insbesondere der 
Bildung der Querthäler in den Ketten des Berner Jura gelangte und 
auf die wir noch etwas genauer im Schlufsabschnitt werden eingehen 
müssen. 

VI. Schlnfsbemerkungen. 

Die Literatur über Thalbildung und im besonderen die über Durch- 
bruchsthäler, wenn man unter letzteren jene Thäler verstehen will, 
„welche Flüsse quer durch ein Gebirge führen und denselben ermög- 
lichen, einen ihnen gleichsam vorgelagerten Wall zu durchbrechen" 1 ), 
hat einen stattlichen Umfang erreicht. Die folgenden Zeilen sollen 
nicht den Zweck verfolgen, eine Ubersicht derselben zu geben, die in 
Folge der Anregungen von Tietze und der daran sich anspinnenden 
Kontroversen, sowie der historischen Übersicht Penck's mit der ihr von 
Tietze gewordenen Besprechung 2 ) ziemlich vollständig zu übersehen sein 
dürfte, sondern es mögen nur einzelne Punkte aller jener Erörterungen, 
für oder gegen die Theorie von Medlicott, Powell, Tietze u. a. besprochen 
werden, soweit das hier mitgeteilte Beobachtungsmaterial geeignet ist, 
Ergänzungen oder Beweise in den aufgeworfenen Streitfragen zu liefern. 

Es sei zunächst erwähnt, dafs Durchbruchsthal-Bildungen mit sehr 
weitgehender Analogie zu denjenigen der Karnischen Voralpen am 
Nordfufs des Kaukasus vorkommen. 

H. Sjögren hat sie beschrieben^). 

In Inner-Daghestan fliefsen die vier Koissu-Flüsse in engen tiefen 
Schluchten, welche im allgemeinen senkrecht zum Schichtstreichen ge- 
richtet sind, durch das aus Jura und unterer Kreide bestehende Gebiet, 
dessen Durchschnittshöhe 6250 Fufs beträgt, während das Flufsbett nur 
2000 Fufs hoch liegt. Nachdem diese Flüsse sich innerhalb Inner- 
Daghestans vereinigt haben, durchbrechen sie die hauptsächlich aus 
Kreide bestehende Kette, welche Inner-Daghestan umgiebt, in einem 
5000—6000 Fufs tiefen Durchbruchsthal, das so enge ist, dafs nur für 
den Sulak-Flufs Raum übrig bleibt. Aufserhalb der Umschliefsungs- 



1 ) A. Penck, Die Bildung der Durchbruchsthälc. Ein Vortrag, gehalten im 
Verein zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien den ix. Februar 
1888. Wien. 

2 ) E. Tietze, Zur Geschichte der Ansichten über Durchbruchsthäler. Jahr- 
buch der K. K. Geologischen Keichsanstalt Bd. XXXVIII. 1888. S. 633. 

3 ) H. Sjögren, T ran sverse Valleys in the Eastern Kaukasus. The Geological 
Magazine. Dek. III. Vol. VIII. 1891. S. 391. 



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Durchbruchsthäler in den Süd- AI pen. 



79 



kette, deren Tektonik aus einer oder mehreren schiefen Antiklinalen 
besteht, liegen Tertiärbildungen. 

Die Herausbildung der heutigen Oroplastik wird von Sjögren so 
dargestellt, dafe die Flüsse Inner-Daghestans ihre heutigen Läufe in 
Folge epigenetischer Thalbildung erhielten; zu Beginn des Tertiär stieg 
Inner-Daghestan über das Meeresniveau empor, und die äufsere Kreide- 
kette, welche von dem Sulak-Flufs durchbrochen wird, bildete eine 
Zeit die Küste des Meeres. 

Die Flüsse behielten somit während der Aufrichtung der äufseren 
Ketten des Kaukasus ihren Lauf bei. Sie mufsten durch ihre Erosion 
die sich ihnen entgegen aufwölbenden Kreide-Antiklinalen überwinden 
und das Durchbruchsthal erzeugen. 

Wie der äufseren morphologischen Erscheinung nach diese Ver- 
hältnisse den Durchbruchsthälern der Karnischen Voralpen analog sind, 
so ist es auch die Erklärung, zu welcher Sjögren für dieselben gelangt. 

Diese Erklärung, welche für eine grofse Anzahl von Durchbruchs- 
thälern in den verschiedensten Teilen der Erde in Anspruch genommen 
wurde, welche unabhängig in Indien und Amerika, wo die auffallendsten 
Erscheinungen dieser Art eine Erklärung verlangten, entstanden war 
und von Tietze allgemeiner angewandt und begründet wurde, erfuhr 
einen prinzipiellen Widerspruch; es war die Möglichkeit überhaupt, 
dafs Flüsse erodieren könnten, wenn eine Aufwölbung in ihrem Lauf 
stattfände, die in Zweifel gezogen wurde. 

Sagt doch ein Autor: „Im Vorhergehenden wurde der Beweis er- 
bracht, dafs die Erosion unter keinen Umständen mit der Faltung 
eines Gebirges gleichen Schritt halten kann, sondern durch sie gerade 
aufgehoben wird. Damit aber ist Powell's Theorie widerlegt" l ). 

Die „Widerlegung" und die „Beweise" gründen sich auf die Sätze: 
„wenn eine solche unmerklich emporsteigende Falte einen alten Flufs- 
lauf durchsetzt, so wird sie ihn entweder zu einem See anspannen oder 
durch die allmähliche Verminderung des Gefells zur Ablagerung seiner 
Geschiebe und zur Erhöhung der Thalsohle zwingen: Die Erosion 
wird also schon durch den Beginn der Gebirgsbildung unter allen 
Umständen lahm gelegt." Und an anderer Stelle 2 ) wird gesagt, wenn 
auch die Erosion unter günstigen Verhältnissen mit der Gebirgsfaltung 
gleichen Schritt zu halten vermöge, so folgt daraus noch nicht, dafs 
sie auch Brüche bewältigen könne, man müfste denn annehmen, dafs 
die Bruchbildung unmerklich in langen Zeiträumen vorgeschritten sei. 
„Diese Voraussetzung ist aber durchaus ungerechtfertigt." 



») Löwl, Über Thalbildung. Prag 1884. S. 99. 
3 ) Ebendaselbst S. 97. 



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80 



K. Futterer: 



Die Beweise für die letztere Behauptung bleibt der Verfasser schul- 
dig, und hier würde es zu weit führen, alle Gründe für die gegenteilige 
Annahme, die wohl mehr Anhänger zählen dürfte als die andere, nam- 
haft zu machen, da wir es hier mit keiner Bruchbildung dieser Art zu 
thun haben. 

An Stelle der vielen Beispiele, welche in der Frage der Durch- 
bruchsthal-Bildung angeführt wurden und deren Beweiskraft in vielen 
Fällen, in denen nicht das genügende geologische Material vorliegt, 
mit Recht in Zweifel gezogen wurde, mögen hier die Verhältnisse 
einiger Durchbruchsthäler des südöstlichen Afghanistan geschildert 
werden, da sie gerade das Gegenteil der Behauptung Löwl's beweisen, 
dafs es nämlich auch in hohen Faltungssystemen dazu kommt, dafs 
durch die Faltung aufgestaute Flüsse die entstandene Kette längs ihres 
ursprünglichen Laufes durchschneiden und nicht seitliche Auswege 
nehmen. 

Die geologische Beschaffenheit der Bahnstrecke der Süd-Pishin- 
Bahn zwischen Sharig und Spintangi zeigt nach Oldham 1 ) den Zusammen- 
hang zwischen der Gebirgsbildung und der Entstehung der Durchbruchs- 
thäler; er führt folgendes an: 

Zwischen Spintangi und Sharig folgt die Bahn einer thalartigen 
Depression, Harnai Valley genannt, die heute ihrer ganzen Ausdehnung 
nach von keinem Flufs durchströmt wird; sie wird von den dem älteren 
Tertiär zuzurechnenden Ghazij-shales und subrecenten Flufsschottern 
gebildet und erstreckt sich von Nordwest nach Südost. Nicht weniger als 
fünf Flüsse gehen quer durch diese breite thalartige Niederung und 
dringen in die südlich davon gelegene aus den harten Kalken der 
Spitangi-Gruppe (Tertiär) und den Sandsteinen der Siwalik-Formation 
bestehende Gebirgskette ein, deren Antiklinale sie in engen Schluchten, 
„Tangis" genannt, durchbrechen. Die Annahme eines alten Erosions- 
niveaus über dem heutigen Oberflächenrelief entbehrt hier jeglichen 
Stützpunktes und würde auch ein höheres Alter der tektonischen Vor- 
gänge gegenüber den Flufsläufen bedingen, und dagegen sprechen 
die Beobachtungen, welche darthun, dafs augenscheinlich nach der 
Herausbildung des jetzigen hydrographischen Systems die 8240, 
6720, 7810, 5974 Fufs hohe Berge besitzende Bergkette südlich 
und westlich der Eisenbahn von Spintangi nach Sharig emporgehoben 
wurde. 



!) Oldham, Report on the Geology and Economic Resources of the Country 
adjoining the Sind-Pishin Railway between Sharig and Spintangi, or of the Country 
between it and Khattan. Records of the Geological Survey of India. Vol. XXIII. 
1890. Part. III. S. 93. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



81 



Die thalartige Depression des Harnai Valley, zwischen 4000 Fufs 
Höhe bei Sharig und 3150 Fufs bei Harnai 1 ), welche die von Norden 
aus älteren Schichten kommenden Flüsse quer flurchfliefsen, entspricht so- 
wohl in ihrer Bedeutung für die südlich von ihr gelegenen Durchbrüche, 
sowie nach ihrer Entstehung, die auf die stärkere Erosion in den reichen 
Ghazij-Shales zurückzuführen ist, der grofsen orographischen Depression 
längs des periadriatischen Bruches. Die wichtigen Beweise für das 
junge Alter der Faltung gegenüber dem Flufssystem bilden die mäch- 
tigen Schotterablagen der Flüsse im Harnai-Vallay. Dieselben reichen 
80 — 100 Fuls über das jetzige Flufsniveau, und da sie eine kontinuier- 
liche Masse von oben bis unten bilden, wird durch sie bewiesen, dals 
das Flufsbett einstmals schon bis auf sein heutiges Niveau herab 
erodiert war, dafs es dann durch die enormen Schotterbildungen viel 
höher hinauf verlegt wurde und schliefslich in seine eigenen Ablage- 
rungen von neuem sich eingrub. 

Die Schotterbildungen stehen somit im Gegensatz zu den Scholter- 
terrassen, die von einem Flufs während der verschiedenen Stadien der 
Tieferlegung seines Flußbettes an den Thalgehängen hinterlassen werden, 
wobei der Flufs aber immer mit seiner Sohle im anstehenden Gestein 
erodierend wirkt und so sein ursprüngliches Bett vertieft. 

Die mächtigen Schotterbildungen sind dadurch entstanden, dafs 
die Flüsse in einem Teil ihres unterhalb der Schotterablagerungen ge- 
legenen Bettes abgedämmt wurden durch die sich emporwölbende 
Antiklinale und es zunächst zur Aufstauung und Seebildung kam, bis 
die Flüsse die Faltung überwunden und die engen Schluchten ausge- 
nagt hatten und sie nunmehr in den aufgehäuften Sedimenten ihres 
oberen Laufes sich ein tieferes Bett bahnen mufsten. 

In dem Querprofil der Schluchten selbst sind zwei Stadien der 
Flufs-Erosion zu unterscheiden, welche im Einklang mit dieser ihrer 
Entstehungsgeschichte, dieser Erklärungsart einen weiteren inneren 
Anhaltspunkt geben. 

Es sind nämlich die unteren Teile der Schluchten bis in Höhen 
von 50 - 80 Fufs ganz steilwandig mit senkrechten Seitenwänden, dann 
aber wird nach oben hin plötzlich das Gehänge viel sanfter, das Thal 
wird breiter und hat Abhänge mit Neigungswinkeln von 40 0 und weniger. 
Dieser breitere, obere Teil der Schluchten ist durch eine langsamere 
Erosion entstanden, wo die Vertiefung des Bettes so langsam vor sich 
ging, dafs auch an den Seiten viel sanftere Böschung entstehen konnte. 



1 ) C. L. Griesbach, On the Geology of the Country between the Chappar 

Rift and Harnai in Balüchistan. Records of the Geological Survey of India. 

Vol. XXVI. Part. 4. 1893. S. 113. 

Zeiischr. d. GesclUch. f. ErtUc. IUI XXX. 1895. G 



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82 



K. Futtcrcr: 



Als dann die Faltung eintrat, wurde der Flufs gestaut, es kam zur 
Bildung der Schottermassen, und durch das erhöhte Gefälle erlangte 
die Flufserosion, die vorher fast stillgestanden haben mufs, erneute 
Kraft und Schnelligkeit, so dafs die engen steilen Schluchten der 
unteren Teile der Durchbruchsthäler so schnell eingenagt wurden, dafs 
für die Abböschung der Seitenwände die vom Flufs selbst unabhängige 
Erosions-Thätigkeit noch nicht genug wirksam sein konnte, um bis zum 
heutigen Zeitpunkt die steilen senkrechten Wände zu mildern. 

Die Ergebnisse seiner Beobachtungen fafst Oldham folgendermafsen 
zusammen 1 ): „// must not be supposed /ha/ the whole country was elevated 
to the hight of the crests of the ridges through which these „ Tangis" wert 
cut. Ii will de shoivn in the sequel that the compression contortion and con~ 
sequent elevation of the hüls was taking place at the same time that the 
Valleys zvere being excavated, but sometimes the rate of elevation was too great 
for the streams, and areas of closed drainage were formed in which extensive 
alluvial and aeolian deposits have been accumulated. These are particularly 
common in Balüchistan, where they are usually occupied by a broad expanse 
of wind-blown loess. 

Durch die grofsen Schotterausfüllungen im oberen Teil der Flüsse 
über den Durchbrüchen und die Beobachtung der beiden Stadien der 
Thalbildung im Querprofil der Durchbrüche, wobei die Höhenlage des 
erweiterten Thalprofils der oberen Grenze der Schottermächtigkeit 
entspricht, sind zwei neue Elemente in die allgemeine Erörterung über 
die Frage nach der Entstehung der Durchbruchsthäler eingeführt; es 
sind dadurch die früher erwähnten Einwürfe Löwl's, die rein theoretisch 
schon angefochten wurden, auch durch die Beobachtung selbst widerlegt. 

Auch Griesbach, der ganz neuerdings dieselbe Gegend untersuchte, 
bestätigt Oldham's Ausführungen, indem er sagt 2 ): „// may be assumed 
beyond doubl, that the defiles in Balüchistan are in the vast majority of cases 
the resull of gradual erosion by the exisling rivers, that is to say that the 
erosion iook place simultaneously with the folding and consequent elevation 
of the strata and that the softer ones of the latter have suffered more by 
this gradual erosion than the harder rocks, which would aecount for the 
gradual widening into broad Valleys of thosc parts which are composed of 
softer beds, mostly shales and t/ays. The possibility is not exetused, — 
is even highly probable, — that as erosion wen/ on simultaneously ivith /he 
folding /ha/ occasionally the drainage became dammed up and thus latus 
were formed, on/y to disappear again as erosion cut down deeper into /he 
confining rim." 



M R. D. Oldham, A manual of the Geology of India. Calcutta 1893 S. 9. 

Kbendasclbst S. 117. 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



83 



Die Haupterhebung dürfte in die spätere Miocänzeit fallen, obwohl 
starke tektonische Bewegungen auch später noch stattfanden bis in die 
jüngsten geologischen Zeiträume herab. 

Beachtung verdient ferner, dafs die größeren Dislokationen, welche 
Griesbach auf seiner geologischen Karte einzeichnet, mit einer Aus- 
nahme dem Streichen des Gebirges annähernd oder vollständig parallel 
laufen, und dafs der einzige beobachtete Querbmch nicht zu einer 
Querthalbildung Veranlassung gegeben hat. 

Ein weiterer Punkt, der gegen die Powell'sche Theorie geltend 
gemacht worden ist, bedarf noch einer Besprechung. Eines der Haupt- 
argumente, welche für Löwl „eine willkommene Stütze" seiner theo- 
retischen Erwägungen gegen die Powell-Tietze'sche Theorie bilden, 
liegt in der Erscheinung der Lateral- oder Gehängeterrassen der Flüsse 
im anstehenden Gestein. 

Da es unzweifelhaft ist, dafs diese Terrassen die Reste alter Thal- 
böden sind, so müssen dieselben, schliefst Löwl, wenn im Flufslauf 
tektonische Störungen und im besondern Faltungen stattfanden, durch 
diese beeinflufst sein und auffallende Krümmungen und Niveauver- 
änderungen erkennen lassen. Dies ist aber nicht der Fall. In allen 
genau untersuchten Gebieten, z. B. im Reufs- oder Linththal, erscheinen 
sämtliche Gehängeterrassen von den höchsten, also älteren, bis herab 
zu den jüngsten gleichmäfsig geneigt und beweisen daher, dafs diese 
Thäler erst nach der Aufrichtung des Gebirges ausgespült wurden 1 ). 

Zunächst beweist das Fehlen von Störungen in den Terrassen- 
bildungen doch wohl nur, dafs seit dem Zeitpunkt der Bildung dieser 
letzteren die betreffenden Gebirgsteile keinen tektonischen Bewegungen 
mehr unterlagen, ohne dafs ein Schlufs auf die gegenseitigen Alters- 
beziehungen des Flusses einer- und des gefalteten Gebirges anderer- 
seits daraus hervorginge; weiter mögen sehr wohl an höher gelegenen 
Stellen eines Flufslaufes ungestörte Terrassen vorhanden sein, während 
in weiter flufsabwärts gelegenen Teilen des Laufes Faltungen oder 
andere tektonische Bewegungen eintraten. Dafs es, wenigstens in den 
von Löwl zitierten Fällen nicht gelang, Lagerungsstörungen der Ge- 
hängeterrassen nachzuweisen, dürfte sich aus dem relativ jungen Alter 
dieser Bildungen gegenüber der Faltungsperiode und dem Zeitpunkt 
der Erosion des Durchbruchsthals erklären lassen. Wenn diluviale 
Terrassen ungestört sind, beweisen sie nur, dafs seit der Diluvialzeit 
keine gröfseren Bewegungen mehr eintraten; ein Resultat, das für die 
im Tertiär liegenden Faltungsperioden der einzelnen jüngeren alpinen 



l ) Löwl, Die Entstehung der Durchbruchsthäler. Petermann's Mitteilungen, 
Band XXVIII, 1882, S. 409. 



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84 



K. Futterer: 



Ketten gänzlich bedeutungslos ist, da nur aus den Lagerungsverhält- 
nissen tertiärer Flufsterrassen ein Schlufs im Sinne Löwl's möglich wäre. 

Zu untersuchen, warum solche tertiäre Terrassenbildungen in den 
von Löwl angezogenen Beispielen nicht bekannt und ob in der That 
in vordiluvialer Zeit die Thäler nicht vorhanden waren, oder ob es 
nicht die Einflüsse der mehrmaligen Gletscherbedeckung gewesen sein 
können, welche vorhandene ältere Terrassen zerstörten und entfernten, 
würde hier zu weit führen, und zwar umsomehr, als nachstehende Be- 
obachtung gerade das Gegenteil der Löwl'schen Behauptung darthun. 
Direkt gestörte Flufsschotterbildungen sind möglicherweise im oben 
beschriebenen Harnai-Valley aufzufinden; leider findet sich bei Oldham 
keine Angabe über deren Lagerungsverhältnisse. Dafs aber die Sedi- 
mente eines Flufslaufes in die Faltung mit einbezogen wurden, zeigen 
die fluviatilen sowie die marinen, im Mündungsgebiet der Flüsse ab- 
gesetzten tertiären Sedimente der Karnischen Voralpen. 

Das sarmatische Konglomerat ist überall, auch in den Thälern, 
in gestörter Lagerung; längs der Peripherie der Ebene Friauls fallen 
im allgemeinen die Schichten desselben gleichmäfsig gegen die Adria 
hin ein 1 ). 

Den direkt vor der Flufsmündung abgelagerten Sedimenten, die mit 
einer emporsteigenden Gebirgskette aufgerichtet und vom Flufs durch- 
schnitten werden, ist der Fall ganz analog, dafs dasselbe mit den 
Schottern der Thalterrassen geschieht; der letztere Fall wird nur des- 
halb selten, wenn nicht nie, zur Beobachtung gelangen können, weil 
die umgestaltende und verändernde Wirkung der Eiszeit die locker 
geschichteten, an den Gehängen haftenden FIufs-Alluvionen teils ganz 
entfernen, teils umlagern und aufarbeiten mufste. Der Einflufs der 
grofsen Schmelzwasserströme in den Rückzugsperioden der Gletscher 
ist dabei noch nicht mit in Rechnung gezogen 1 

Im übrigen scheint es nicht ausgeschlossen, dafs auch in anderen 
Alpenteilen Konglomerate, die heute gestörte Lagerungsverhältnisse 
aufweisen, mit alten Flufsläufen in der Art in Verbindung gebracht 
werden können, dafs man in ihnen alte Flufsbildungen erkennt, welche 
die letzten tektonischen Bewegungen noch mitmachten, während das 
Bett ihres Flusses konstant blieb. 

Damit dürfte die Erörterung der wichtigsten Einwände gegen die 
Möglichkeit der Entstehung von Durchbruchsthälern durch eine mit der 
Faltung Schritt haltende und dieselbe Uberwältigende Erosionsthätigkeit 
abzuschliefsen sein; man wird diese Möglichkeit nicht so entschieden 
von der Hand weisen dürfen, wie es geschehen ist, wenn auch damit 



*) Taramelli, Geologia delle Provincie Venete. S. 178. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



85 



ihre Anwendbarkeit auf alle Beispiele, welche im Lauf der Kontro- 
versen über die Querthal-Frage angeführt wurden, noch keineswegs 
behauptet werden soll. Aber Beispiele, die durch alle geologischen, 
tektonischen und orographischen Momente gestützt werden, wie man 
sie zur Erklärung der Flufsdurchbrücbe geradezu verlangt, sind die 
Durchbruchsthäler in der Kreidekette der Karnischen Voralpen. 

Dafür, dafs für die Mehrzahl der nach ihrer Entstehung umstrittenen 
Durchbruchsthäler anderer Gebiete das vorliegende Beobachtungsmaterial 
noch nicht ausreicht oder nicht genügend nach allen Richtungen hin 
gewürdigt worden ist, dürfte der Umstand sprechen, dafs sie sowohl 
im Sinn der Tietze-Powell'schen Theorie wie nach derjenigen der rück- 
schreitenden Erosion Verwendung fanden. Für viele Fälle ist auch 
in gewissem Sinn ein Mittelweg möglich, indem, wie schon Philippson 
bemerkte, ein Flufs in seinem Quellgebiet im Hochgebirge durch rtick- 
schreitende Erosion seinen Lauf durch einen Gebirgskamm verlängern 
kann, während in tiefer gelegenen Teilen von seinem Lauf dem Ge- 
birge neu sich angliedernde Ketten durch direkte Erosion überwunden 
werden. 

Mit unter den ausgezeichnetsten Beispielen für die Entstehung von 
Flufsdurchbrüchen, sowohl was einzelne Ketten wie ein ganzes Gebirgs- 
system anbelangt, bietet nach den neuen Untersuchungen von Foerstle 
das Jura-Gebirge. Hier vereinigen sich Einfachheit des geologischen Baues, 
noch nicht zu weit vorgeschrittene Erosionswirkung, nicht sehr hohes 
geologisches Alter mit einfachem Charakter des Flufssystems, so dafs 
bei der genauen geologischen Kenntnis, die wir von diesem Gebirge 
sowohl nach der stratigraphischen Zusammensetzung, Tektonik und 
Bildungsgeschichte besitzen, gerade hier sicher fundierte Resultate zu 
erwarten standen. Eine Reihe der genannten, die Untersuchung im 
vorteilhaften Sinn beeinflussenden Umstände, begleiten auch die Erör- 
terungen der Durchbruchsthäler unserer Karnischen Voralpen, und es 
ist dann nicht mehr auffallend, dafs sich eine überaus weitgehende 
Ubereinstimmung der Resultate zeigt, welche nur die durch den ver- 
schiedenen Charakter der durchbrochenen Gebirgsglieder — hier eine 
einzelne einem älteren Festland vorgewölbte Antiklinale, dort ein voll- 
ständiges System einer Anzahl von Ketten — bedingten Modifikationen 
aufweist. Um diese Analogien klar hervortreten zu lassen, ist es nötig, 
auf jene Untersuchungen von Foerstle 1 ), welche nur die Grundlage für 
die Lösung der Frage nach den Durchbruchsthälern der Alleghanies 
bilden sollte, etwas näher einzugehen. 



v ) A.F. Foerstle, The Drainage of the Bernese Jura. Proceedings of the 
Boston Society of Natural History. Vol. XXV. Part III and IV. Boston 189a. S. 39a. 



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86 



K. Futterer: 



In Folge der besonderen Erosionsverhältnisse in dem Wechsel von 
festeren Kalkbänken und ganz weichen Schichten in den einzelnen 
Falten des Jura-Gebirges sind die Flufsdurchbrtiche durch die Antiklinalen 
immer zirkusartig und darin von den in gleichmäfsig kompaktem Ge- 
steine anderer Gebirge gebildeten engen Schluchten und Canons zu 
unterscheiden. 

Zuweilen liegen mehrere derartige Zirkus-Durchbrüche durch mehrere 
Ketten in einer Linie hintereinander; mitunter liegen sie da in den 
Ketten, wo diese schon sich senken, um bald aufzuhören, und zuweilen 
führen sie kleine Flüsse. 

Die geologische Untersuchung hat festgestellt, dafs, abgesehen von 
geringeren Oscillationen im nordwestlichen Teil des Berner Jura im 
Obermiocän Festland vorhanden war, das während der jüngeren Tertiär- 
' zeit über das vorher vom Meer eingenommene Gebiet allmählich bis 
in die mittlere Schweiz an Raum gewann. 

Die in den Konglomeraten der Stufe von Öningen aufgefundenen 
Gerolle von Schwarzwald- und Vogesen-Gesteinen beweisen einmal, 
dafs auf jenem Festland nach Süden fliefsende Gewässer vorhanden 
waren, welche die Gerolle in den Berner Jura aus den Vogesen trans- 
portierten; ferner aber geht daraus auch hervor, dafs zur Zeit dieser 
Konglomerat-Bildungen noch keine Faltenketten dem südlichen Abflufs 
entgegenstanden. 

Die Faltung fand statt, und heute sehen wir die einzelnen Falten 
von tiefen Zirkus durchbrochen. 

Für ihre Entstehung sind hier ursprüngliche Verwerfungen oder 
klaffende Spalten völlig ausgeschlossen, und dagegen, dafs sie von 
Abflüssen aus Seen, welche durch die Falten aufgestaut worden sind, 
entstanden wären, spricht ebenso unabweisbar das Verhältnis der Lage 
der Durchbrüche zu den niedersten Stellen der Falten, wo doch solche 
Abflüsse hätten stattfinden müssen. Dafs aus einem solchen Synklinalen- 
See nach jeder Seite hin zwei und mehrere Abflüsse sollten gebildet 
worden sein, welche bis zur heutigen Tiefe erodierten, dürfte auch 
nicht gerade wahrscheinlich sein. Bei dem allgemeinen Niedriger- 
werden der Ketten nach Westen hin ist jeder weiter westlich gelegene 
Punkt ein günstigerer Abflufs für einen See. Wie somit diese Theorie, 
so ist auch die epigenetische Thalbildung für die Erklärung auch von 
vorn herein durch den geologischen Befund ausgeschlossen, und die 
rückschreitende Erosion von Flüssen, die von den Seiten der Jura-Ketten 
herabkommen, ist nirgends wahrzunehmen. Übrigens wäre es auch 
schwer zu erklären, wie dadurch die in mehreren Ketten hintereinander 
liegenden Zirkus -Durchbrüche entstehen sollten; allein schon rein 
quantitativ kommt diese Theorie nicht in Betracht. Es bleibt somit 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen 



87 



nur die Prüfung der Poweirschen Theorie auf ihre Anwendbarkeit für 
die Thäler, und sie genügt in der That für die Erklärung selbst unbe- 
deutenderer Erscheinungen. 

Die Querthäler sind Strecken der alten nach Süden gerichteten 
Flufsläufe, welche vor der Faltung vorhanden waren und durch ihre 
Erosion trotz der Faltung ihre Läufe beibehielten. So erklären sich 
die aufeinanderfolgenden Querthäler, trotzdem dafs später schon nach 
der Bildung der Falten durch eine allgemeinere Hebung des centralen 
Teiles des Gebirges das Flufssystem zerrissen und die heutigen Abflüsse 
nach Norden und Süden erzeugt wurden; die Bewegungen und die 
dadurch entstandenen Synklinal-Flüsse, welche durch die Zirkus von 
einer Synklinalen nach der anderen übergehen, veränderten das Bild 
des Flufssystems und schufen dessen heutigen Charakter, in welchem 
die Durchbrüche die persistierenden Teile eines vor der Faltung vor- 
handenen Flufssystems vorstellten, das sich noch bis nach vollzogener 
Faltung in seinen Läufen behauptete und erst in späterer Zeit 
erlag. 

Auch die Durchbruchsthäler im Süd-Ural bieten in Folge der ein- 
fachen tektonischen Verhältnisse ausgezeichnete Beispiele für die Ent- 
stehungsfrage der Thaldurchbrüche. Nach den Darstellungen von 
Karpinski und Tschernycheff 1 ) sind die Verschiedenheiten der Flufs- 
läufe auf West- und Ostseite des Ural tief in dessen Entstehungsgeschichte 
begründet. Eine allgemeinere Darstellung ist vom Verfasser an anderer 
Stelle gegeben worden 2 ). Es sei hier nur so viel angeführt, dafs die 
Flüsse des Systems der Belaia und Kama zum Teil auf dem ver- 
hältnismäfsig niedrigen Grat des Ural-Tau, der weit im Osten liegt, 
ihren Ursprung nehmen, dann nach kurzem Oberlauf in Längsthälern 
zwischen den Ketten des Ural die hohen, westlich vom Ural-Tau ge- 
legenen Ketten in engen Thälern durchbrechen; als besonderes Bei- 
spiel sei der Juresan-Flufs genannt, ebenso wie der Katav, welch 
letzterer gar nicht weit von seinem Quellgebiet schon den Nari-Sigalga- 
Bergzug durchbricht, welcher zu den höchsten des Süd-Ural gehört. 
Tschernycheff und Karpinski vertreten die Ansicht, dafs der Ural-Tau 
oder der Hauptkamm des Ural, der allein in kontinuierlichem Zug durch 



') A. Karpin sky et Th. Tschernycheff, Carte göologique generale de la 
Rttssie d'Europe. Feuille 139. Description orographique. Memoire du Comiti 
Geologique. Vol. III, No. 1. Petersburg 1886. — Th. Tschernycheff: Be- 
schreibung des Central - Urals und des Westabhanges. Ebendaselbst Vol. III, 
So. 4. 1889. 

2 ) Dr. K. Futterer, Ein Ausflug nach dem Süd-Ural. Verhdlgn. d. Ges. f. 
Erdkunde zu Berlin. 1894, S. 522 fr. 



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88 



K. Futterer: 



das Gebirge sich erstreckt, die älteste gefaltete Kette desselben dar- 
stellt, und dafs die von ihm nach Westen abfliefsenden Flüsse sich 
durch die neu angegliederten Faltungsketten im Westen des Ural-Tau 
ächte Durchbruchsthäler schufen. Die sandigen Meeres-Ablagerungen 
im Westen der Faltenzüge des Ural sind durch das Material der Flufs- 
erosion entstanden, die im gleichen Mafs die Flußbetten vertiefte, wie 
die vor dem Ural-Tau gelegenen Bergzüge sich erhöhten. Der be- 
sondere Charakter der Durchbruchsthäler im Ural mag vielleicht einmal, 
wenn mehr darüber bekannt sein wird, zu der Ansicht führen, dafs 
auch einmal eine Stauung eines der Flüsse eingetreten sein kann, und 
dafs er nach dem Überfliefsen über den stauenden W T all an einer 
anderen Stelle ein Querthal schuf als derjenigen, die seinem ursprüng- 
lichen Lauf entsprechen würde. Es kommt noch hinzu, dafs der west- 
liche Teil des Ural viel weniger den Charakter eines reinen Faltungs- 
gebirges trägt als sein östlicher Teil ; schon von den russischen Geologen 
wird er als heteromorphes Faltungsgebirge bezeichnet, und in den west- 
lichen Teilen, besonders den hohen Gebirgszügen gerade westlich des 
Ural-Tau, scheint der Charakter eines durch streichende Verwerfungen 
gebildeten Gebirgssystems in ähnlicher Weise über die Faltung vor- 
zuherrschen, wie dies in manchen Teilen der südlichen Kalkalpen der 
Fall ist. 

Es wäre auch hier noch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, 
dafs die Durchbrechung der hohen Gebirgszüge der rückschreitenden 
Erosion zuzuschreiben ist; allein gerade hier im Ural dürfte eine solche 
Ansicht jeglichen Stützpunkt vermissen, und mir ist auch nicht der 
kleinste Umstand bekannt, der dafür anzuführen wäre; im Gegenteil, 
die geologische Entstehungsgeschichte und die heutigen hydrographischen 
Verhältnisse sind in ausgezeichnetem Einklang mit einander und die 
letzteren werden allein durch die ersteren in zufriedenstellender Weise 
erklärt. 

Eine genauere Kenntnis der Erosionsformen im Ural, die vieles 
eigenartige bieten, wird auch für die Thalbildung noch wichtige Er- 
gebnisse liefern können. 

Definition der Durchbruchsthäler. Was in den Karnischen 
Voralpen sowie im Jura nur für eine einzige oder eine Anzahl von 
Gebirgsketten als möglich dargestellt wurde, kann ebenso auch für 
ganze Gebirge eintreten, dafs nämlich die von einem alten Kontinent 
kommenden Flüsse, an dessen Rand sich ein Faltengebirge aufwölbt, 
über die Aufwölbung Herr werden und sodann durch ein ganzes Ge- 
birge von einer Seite durch dessen Kamm und die Ketten der anderen 
Seite in einem Durchbruchsthal dringen. Fälle dieser Art haben sogar, 
da sie auffallender sind als die nur einige Ketten durchsetzenden 



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Durchbruchsthäler in den Süd-Alpen. 



89 



Thäler, zuerst die Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die Erörterung 
des Problems angeregt. Tietze 1 ) hat den Entstehungsvorgang der 
Durchbruchsthäler in diesem Fall meisterhaft geschildert: 

„Von dem Augenblick angefangen, als die Bewegung der Empor- 
hebung einer Stelle begann, hatte auch die Erosion bereits Gelegen- 
heit mitzuwirken. Lag nun das Gebiet, dessen säkulare Emporhebung 
nicht allein, sondern dessen Faltung und Störung begann, vor einem 
Stück älteren Festlandes von damals etwas höherem Niveau, so hatten 
die von diesem Festlandskern ausgehenden Wasserläufe Gelegenheit, 
sich quer in diejenigen Massen einzuschneiden, welche nach und nach 
einer weiteren Hebung und Faltung entgegengingen, und zwar geschah 
dasEinschneiden um so leichter, je leichter die Energie des bewegten 
Flufswassers mit der Energie der Hebung gleichen Schritt halten konnte. 
In der Regel dürfte nun bei einem genügend grofsen oder genügend 
rasch fliefsenden Flufs die Energie seiner Wirkungen, seiner sägenden 
und einschneidenden Kräfte, wohl die Energie der fortgesetzten Hebung 
und Faltung der durchsägten Massen übertroffen haben; denn es wird 
uns heutzutage ja doch leichter, uns von den nagenden Wirkungen der 
Flüsse eine Vorstellung zu machen, als einen Mafsstab zu gewinnen, 
mit dem man die Schnelligkeit der Hebung eines Gebirges messen 
könnte. Die Thätigkeit der Flüsse könnte also, wie wir annehmen 
dürfen, in der Regel der Thätigkeit der Gebirge bildenden Kräfte 
gegenüber einen Vorsprung oder einen Vorteil voraus haben oder mit 
anderen Worten: ein Flufs war durchschnittlich eher in der Lage, die 
Wirkungen der Gebirgsfaltung zu überwinden, als diese Faltung im 
Stand war, den Flufs zu stauen oder abzulenken." 

Unsere Beispiele aus den Kamischen Voralpen sind ihrer Natur 
nach durch dieselben Vorgänge in kleinerem Mafs und nur innerhalb 
eines Gebirgsteiles entstanden, während Durchbruchsthäler durch ganze 
Gebirgssysteme denselben Ursachen und Wirkungen im grofsen zuzu- 
schreiben sind. Wie es häufig bei wissenschaftlichen Streitfragen geht, 
so wurde auch hier die Lösung des Problems an den schwierigeren 
und allgemeineren Beispielen versucht und daher auch vielfach um- 
stritten, während die einfacheren Durchbruchsthäler durch kleinere 
Ketten unbeachtet blieben, obwohl sie bessere Verhältnisse zur Beob- 
achtung bieten, die Verallgemeinerung der als richtig erkannten Er- 
klärung gestatten und alle die Vorteile gewähren, welche dem induktiven 
Weg der Forschung gegenüber den aus allgemeineren theoretischen 
Erwägungen gezogenen Resultaten eigen sind. 



l ) E. Tietze, Einige Bemerkungen über die Bildung von Querthälern. Jahr- 
buch der K* K. Geologischen Reichsanstalt. Band XXVIII. 1878. S. 596. 



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90 



K. Futt erer: 



Zwischen Durchbruchsthälern, welche quer durch einzelne Ketten 
ein und desselben Faltengebirges führen, und solchen, die ein ganzes 
Kettengebirge durchsetzen, besteht somit nur ein gradueller Unterschied, 
und beiden ist die Eigenschaft gemeinsam, dafs die Flufsläufe in ihnen 
höheren Alters als die durchbrochenen Ketten oder Gebirge sind. 
Dieses genetische Merkmal mufs auch in der Definition dieser Gattung 
von Querthälern gegenüber solchen, welche auf Querspalten oder rück- 
schreitende Erosion zurückzuführen sind, zum Ausdruck gelangen. 

Von diesem Gesichtspunkt ausgehend wären nur solche Thäler als 
Durchbruchsthäler zu bezeichnen, welche ganze Faltengebirge 
oder einzelne Ketten derselben quer durchsetzen und deren 
Flufsläufe älter sind als die durchbrochenen Ketten oder 
Gebirge. 

Zusammenwirken vieler Faktoren zur Bildung eines 
Flu fssy stems. Es mag sehr gut vorkommen, dafs in einem Ketten- 
gebirge, dessen eine Seite in hohem Mafs in Folge klimatischer Ur- 
sachen einseitiger Erosion unterliegt, nachdem durch diesen Faktor 
die Wasserscheiden aus der ersten Kette auf den zweiten oder in noch 
weiter zurückliegende Kämme verlegt worden ist, Querthäler ver- 
schiedener Gattung und verschiedener Entstehung nebeneinander ge- 
bildet worden sein können. 

Einige präexistierende Flüfse werden Durchbruchsthäler durch das 
ganze Faltungsgebirge bilden, andere, welche von dessen zuerst ent- 
standenen Ketten abfliefsen, werden ebenfalls als ächte Durchbruchs- 
thäler jüngere sich angliedernde Ketten durchschneiden und vielleicht 
auch in rückschreitender Erosion im Lauf der Zeiten ihren Oberlauf 
durch die centralen Ketten verlängern können, und eine dritte Kategorie 
wird nur auf diesem letzteren Bildungsmoment beruhen und kann je 
nach dem Alter des Flusses verschieden tief in das Gebirge nach rück- 
wärts eindringen. 

Hieraus läfst sich auch die in Faltengebirgen nicht selteneErscheinung 
erklären, dafs eine Kette (3) von einem Flufs durchbrochen wird, der 
nachher in einem Längsthal weiterfliefst, ohne die jüngere Kette (4) 
ebenfalls zu durchbrechen, wenn 1 — 5 Ketten eines Faltungsgebirges 
von der centralen Kette (1) nach aufsen bis (5) an Höhe und Alter 
der Entstehung abnehmend darstellen. Noch ehe Falte (5) ganz ge- 
bildet war, konnte am Abhang der Wetterseite von (4) ein Flufslauf 
vorhanden sein, der durch Falte (5) in ein Längsthal gedrängt wurde, 
aber in rückschreitender Erosion allmählich die Kette (4) durchschnitt 
und einen zwischen 3 und 4 in einem Längsthal fliefsenden Flufs erreichte. 

Auf Querthäler anderer Entstehung einzugehen, ist nicht mehr 
nötig, um zu zeigen, welche Mannigfaltigkeit der Bildungen von Quer- 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



91 



thälern allein schon durch die Kombination von ächten Durchbruchs- 
thälern mit Thälern rückschreitender Erosion entstehen kann ; man wird 
demnach auch in dem verschieden tiefen Eingreifen der Querthäler 
nicht mehr „die gröfeten Schwierigkeiten" gegen die Powell'sche Theorie 
finden können, um so weniger als Löwl selbst für diesen Einwand keine 
Erklärung hatte 1 ). 

Das Alter der einzelnen Flufsläufe ist einer der wesentlichsten 
Faktoren für die jetzige hydrographische Stellung derselben, und wie 
im Alter der einzelnen Gebirge gegenüber den älteren Festlandsmassen 
und der einzelnen Ketten eines Faltengebirges gegen einander grofse 
Unterschiede stattfinden, so mufs sich dasselbe Verhältnis auch in der 
Bildung ihrer Thäler wiederspiegeln. 

Der Kampf der Flüsse gegeneinander, die Verschiebungen ihrer 
Wasserscheiden, tektonische Einwirkungen, welche die gröfsten Ver- 
schiebungen der Flufssysteme zur Folge haben können, machen das 
Studium der Entwicklung der heutigen hydrographischen Verhältnisse 
um so schwieriger, in je ältere Perioden wir dieselben zu verfolgen 
suchen, und je mehr tektonische Bewegungen oder Phasen der Gebirgs- 
bildung sich gefolgt sind. 

Wo nicht die Bodenplastik die ehemaligen Flufsläufe noch anzeigt, 
müssen es die Spuren der fluviatilen Bildungen an den Gehängen thun, 
und gerade dieses wichtige Merkmal ist, soweit prädiluviale Zeiträume 
in Frage kommen, durch die Eisbedeckung und die grofsen Wasser- 
mengen der Eiszeit in den meisten Fällen zerstört. 

Aus den geringen Erosionsrelikten der sarmatischen Flufsbildungen 
auf den Pässen zwischen dem Oberlauf des Tagliamento und den 
Flüssen der Karnischen Voralpen, entnehmen wir die Kenntnis, dafs 
diese Flüsse nur die schwachen Epigonen einst viel mächtigerer, den 
centralen Alpenketten entströmender Gewässer sind, und dafs der heute 
sie an Gröfse des F'lufsgebietes wie der Wassermasse bedeutend über- 
treffende Tagliamento nur ein Parvenü unter den Flüssen der Karnischen 
Voralpen ist, dessen Lauf und dessen Bedeutung nicht in alte Zeiten 
zurückreicht. 

Die kleinen Geröllsteine in den Flufsablagerungen und in den 
Konglomeratbildungen, sowie der Gharakter der von diesen Flüssen an 
ihren Mündungsstellen abgesetzten Sedimente, sind berufen, die wich- 
tigsten Aufschlüsse über das gegenseitige Alter von Gebirgsketten 
und Flufsläufen zu geben und die Rekonstruktion früherer Verhältnisse 
der Oroplastik und der Verteilung der Gewässer zu ermöglichen. 



l | Löwl, Über das Problem der Flufsdurchbrüchc. Verhandlungen der K. K. 
Geologischen Reichsanstalt. 1883. S. 90. 



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92 



« 

K. Futterer: 



Die eingehendste Kenntnis der geologischen Beschaffenheit des 
Gebiets eines Flufssystems, die nicht nur auf deren Zusammensetzung 
nach den einzelnen Gesteinen und Sedimenten und deren geologischer 
Entstehungsgeschichte sich beschränken darf, sondern sich bis zum 
Studium der Herkunft der kleinen Partikeln, welche die Schichtgesteine 
aufbauen, vertiefen mufs, kann allein eine Grundlage für die Beurteilung 
des Werdens und Vergehens und der ewigen Veränderungen der Flufs- 
läufe und ihrer Systeme geben. Selbst in genau untersuchten Gebieten 
reichen die Resultate zur Entscheidung solcher Fragen noch nicht aus, 
da leider in Geologenkreisen ein Interesse ftlr diese „geographischen" 
Fragen oft nicht vorhanden war, und andererseits wieder konnte die rein 
geographische Forschungs- und Einteilungsmethode nach dem aktuellen 
Zustand der Flüsse und ihrer Läufe nicht die tieferen Probleme ihrer 
geologischen Entwickelungsgeschichte ergründen. 

Und doch ist es dasselbe Gesetz, welches in der organischen Welt 
die Verbindung zwischen deren einzelnen Erscheinungsformen herstellt, 
das auch hier allein das volle Verständnis der heutigen Verhältnisse 
der Oroplastik und Hydrographie ermöglicht, dafs nur aus der Kennt- 
nis des Entstehungsganges ein richtiges Verständnis der Welt, wie sie 
uns heute vor Augen steht, entspringt. 

Es wird noch vieler Mühe und geologischer Arbeit bedürfen, bis 
für gröfsere Stromgebiete eine solche historische Kenntnis in einiger 
Vollkommenheit — denn Lücken wird sie immer haben — gewonnen 
ist; und weil wir weit entfernt sind, die Unvollständigkeit dieser Er- 
örterung der Durchbruchsthäler der Karnischen Voralpen zu verkennen, 
geben wir der Hoffnung Ausdruck, dafs Nachfolger auf diesem 
Forschungswege Vollkommneres erreichen werden. 



Erklärung zu den Tafeln 2 und 4. 

Tafel 2. 

Die einzelnen Formationsgrenzen können bei dem Mangel an genügenden Detail- 
aufnahmen nicht den Ansprach auf Genauigkeit bis ins einzelne machen; sie ent- 
sprechen aber den richtigen Verhältnissen in dem für diese Untersuchungen nötigen 
Mars. Dasselbe gilt an vielen Stellen für den Verlauf der tektonischen Linien. 

1. Oberer Lauf der Cellina. (S. 42.) 

Der von Nordosten nach Südwesten gerichtete, der gestrichelten Linie ent- 
sprechende alte Lauf parallel der Kammlinie Monte Pregajane — Col di Safs— Pale di 
Cione ist unter dem Einflufs der harten Trias-Jura-Gesteine und des leicht erodier- 
baren Tertiärs in die beiden aufeinander senkrecht gerichteten Strecken des Val dt 
Gere (N— S) und des eigentlichen Torrente Cellina (O — W) zerlegt. 



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Durchbruchstäler in den Süd-Alpen. 



93 



2. Cellina-Durohbruoh und Susaibe-Thal. (S. 46.) 

Die Cellina durchbricht das Kreidegebirge in einem Querthal, wendet sich an 
einem Längsbruch nach Nordosten und tritt erst in der Verlängerung des alten 
Flusses durch das Valle La Croce in die Ebene ein. 

Der alte Lauf des Torrente Susaibe längs der angegebenen Linie in einem 
Querthal durch das Kreidegebirge und das Valle La Croce ist längs der periadria- 
tischen Bruchlinie nach Westen durch den Torrente Arba abgelenkt. 

3. Cosa-Thal und Arzino-Durohbruoh. (S. 50.) 

Der TorTente Cosa durchbricht die Antiklinale der Kreide, die unweit östlich 
rom Durchbruch unter das leicht erodierbare Tertiär taucht. 

Der Arzino tritt aus dem Trias- Jura-Gebiet aus, folgt kurze Zeit dem peria- 
driatischen Bruch und durchbricht die Kreidekette in enger Thalschlucht. 

Das niedrige am Querbruch von Clauzetto bis zum periadriatischen Bruch 
nach Norden reichende tiefliegende Tertiärgebiet wird nur von ganz untergeordneten 
Wasserläufen durchzogen; auch der genannte Querbruch hat nicht zur Bildung 
eines Querthals Veranlassung geboten. 

4. Alter Lauf des Torrente Cbiarso und Meduna-Thal. (S. 49.) 

Der Chiarso flofs ursprünglich in der sudsüdwestlichen Verlängerung seines 
Oberlaufes über die Forcella piccola und die Forca di Meduno nach Meduno, 
ehe er längs der periadriatischen Bruchlinie nach Westen abgelenkt wurde. 

Der untere Teil des Durchbruchsthals der Meduna liegt auf dem die Grenze 
zwischen Kreide und Trias-Jura-Gebirge bildenden Querbruch, an welchem die 
ostliche Fortsetzung der periadriatischen Bruchlinie gegenüber dem westlichen Teil 
derselben nach Norden verschoben ist. 

Tafel 4. 

1. Entwickelung der Tektonik am Sttdfofs der Karnisohen Voralpen 
seit der älteren Tertiärzeit (S. 63.) 

I. Orographische Verhältnisse nach Ende der Eocänzeit. 

Die periadriatische Bruchlinie (P) war in ihren Anfangen schon vorhanden 
und entsprach etwa der Küstenlinie. Konkordant über den Rudistenkalken (2) 
liegen Scaglia (3 ) und Eocän (4). Flüsse («) treten aus dem Trias-Jura-Gebirge (1) aus. 

IL Orographische Verhältnisse nach Ende der Miocänzeit. 

Die Aufwölbung der Schichten zu einer Antiklinalen ist vollendet. Die peri- 
adriatische Bruchlinie (P) hat sich noch verstärkt; auch das Trias- Jura-Gebirge (1) ist 
dislociert. Durch die in Durchbruchsthälern die Antiklinale durchdringenden Flüsse («) 
werden Flufsschotter und Kiese (5) am Gebirgsfufs im Süden abgelagert. Die Erosion 
tat schon einen Teil der leicht erodierbaren Sedimente über den Rudistenkalken (1) 
entfernt. 

fQ. Heutige orographische Verhältnisse in schematischer Dar- 
stellung den Profilen I und II entsprechend. 

Die Erosion hat die widerstandsfähigeren Kreidekalke aus den sie überdecken- 
den jüngeren Sedimenten herausgearbeitet; eine tiefe Depression hat sich längs der 



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Sven Hedin: 



periadriatiscben Bruchlinie gebildet. Verwerfungen (V) sind auch im südlichen Flüge 
der Kreide- Antiklinalen entstanden, an deren Fufe die mächtigen recenten Flufc- 
alluvien (6) abgelagert werden. 

2. Bildung von Durchbruchs thälem nach der Theorie der ruok- 
sohreitenden Erosion und der Powell - Tietze'schen Hypothese. (S. 66.) 

I. Bildung eines Durchbruchsthaies durch retrograde Erosion. 

Ein von der Bergkette (K) abfliegender Flufs durchschneidet dieselbe in rück- 
schreitender Erosion, bis er seinen Oberlauf ins Gebiet T verlegt hat. 

Seine zuerst gebildeten Sedimente (k') entsprechen dem Material der Berg- 
kette (K) und sind gröber, als die später darüber gelagerten Sedimente (t') von T. 

II. Bildung eines Durchbruchsthaies durch direkte Erosion und 
Beibehaltung des Flufsbettes während der Emporwölbung der 

Kette (K). 

Bei sonst gleichen Verhältnissen wie in I, werden die Sedimente (t'j vor der 
Bildung von (K) abgelagert sein und unter dem erst später folgenden Material (k ) 
von (K) liegen; die Sedimente (t'J können noch in Folge der Faltung von (K) 
Störungen zeigen. 

III. Schematisches Profil eines Durchbruchsthaies der Karnischen 

Voralpen. 

Der Flufs a brachte Material (t') aus dem Trias- Jura-Gebirge (T); dasselbe 
bildet die älteren tertiären Sedimente (t'), die noch keine Beimengungen von Kreide- 
gesteinen enthalten, aber zum Teil schon an der Faltung der Kreidekette (K) teil- 
genommen haben. Kreidematerial (k') findet sich erst nach der Aufwölbung von 
(K) und überlagert die Sedimente (t ) entsprechend der Bildung der Durchbruchs- 
thäler durch direkte Erosion im Profil II. 



Die Gletscher des Mus-tag-ata. 

Von Dr. Sven Hedin. 
(Reisebericht Nr. 3 l ), im November 1894 aus Kaschgar abgeschickt.) 

(Hierzu Tafel 5 und 6.) 

Vom 21. Juni bis zum 19. Oktober 1894 habe ich eine Ex- 
kursion in das Mus -tag -ata -Gebiet und nach Jeschil-kul gemacht 
Für die Hinreise wählte ich den Weg über Jangi-hissar, Igis-jar, Keng- 
kol, den Pafs Kaschka-su, Tjihil-gumbes, Terart-Pafs, Passrabad, Tengi- 
tar, Tar-baschi, Tjitjeckli-Pafs, Kok-mojnak-Pafs, Besch-kurgan (Tagarma), 
Kara-su, Ulug-rabat-Pafs , Su-baschi und den Kleinen Kara-kul. Die 

l ) Reisebericht Nr. 1 s. Verhdlgen der Ges. f. Erdk. i894i S. 150 — 165. 
Reisebericht Nr. z s. Zeitschrift d. Ges. f. Erdk. 1894, S. 289— 346. 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



95 



Rückreise machte ich über Ike-bel-su, Merke-bel-Pafs, Merke-jilga, 
Tjatt-su, Gedjek-davan, Gedjek-jilga, Igis-jar, Teter, Tevves, Kone-sak 
und Tasgun nach Jangi-schahr und Kaschgar. 

Dieser Reiseweg fällt teils mit dem von Bogdanowitsch zusammen, 
teils fällt er innerhalb seines Reiseweges von Igis-jar um den Mus- 
tag-ata nach Jarkend; ich hatte also Gelegenheit, seine geologische 
Aufnahme zu vervollständigen. Das Gebiet östlich des Mus-tag-ata kann 
deshalb jetzt im allgemeinen als geologisch aufgenommen betrachtet 
werden. 

Die erste Zeit meines Aufenthalts am Mus-tag-ata wurde den Seen 
Kara-kul und den beiden Becken des Bassik-kul gewidmet; die Gegend 
wurde mit Mefstisch und Diopter aufgenommen, um als Basis für 
die künftigen Aufnahmen auf dem Gebirge selbst zu dienen. Im Laufe 
des Sommers wurden dann die ganze Gegend um den Mus-tag-ata und 
dessen sämtliche Gletscher topographisch aufgenommen, auch wurden drei 
Punkte am Fufs des Berges astronomisch bestimmt. Leider konnte ich 
an den östlichen Abhängen keine astronomische Beobachtung machen, 
da ich auf der Hinreise immer Regen oder bewölkten Himmel hatte, 
auf der Rückreise Schnee ; nur in Igis-jar wurde das Wetter wieder 
günstig und ermöglichte eine Beobachtung, die insofern wichtig ist, als 
der Reiseweg eben hier in sich selbst zurückläuft. 

Während der ganzen Zeit wurden dreimal täglich meteorologische 
Beobachtungen ausgeführt, und zwar über Temperatur und Feuchtig- 
keit der Luft, Bewölkung, Wind und Niederschlag, Minimaltemperatur, 
Insolation und Temperatur des Wassers der Seen und Bäche. Die 
Höhen wurden bestimmt mittelst eines Thermohypsometers mit zwei 
Thermometern (über ioo Beobachtungen am Gebirge selbst), und mit 
zwei Aneroiden; ein drittes, das nur bis 3600 m graduiert ist, konnte 
deshalb nur an den östlichen Abhängen benutzt werden. 

Nach Kaschgar zurückgekehrt, um ein wenig nach den Strapazen 
der Gebirgs- und Gletscherwanderungen auszuruhen, habe ich den 
vorliegenden Bericht verfafst, will aber dringend darauf aufmerksam 
machen, dafe derselbe nur als ein vorläufiger aufgefafst werden 
darf, da die kurze Mufsezeit keineswegs dazu genügte, eine ausführ- 
liche Abhandlung zu schreiben oder das ganze Material auszunutzen. 
Hie Ausrechnung der Höhenbeobachtungen, die viel Zeit in Anspruch 
nehmen würde, -chien mir schon deshalb nicht zweckmäfsig, weil ich 
die in Taschkent und Margelan gleichzeitig ausgeführten Beobachtungen, 
die als Grundlage dienen können, noch nicht zu meiner Verfügung 
habe. 

Ebensowenig konnte ich das grofse topographische Material aus- 
arbeiten; um jedoch einen Überblick über das Gebiet zu gestatten, habe 



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9ü 



Sven Hedin: 



ich eine kleine Übersichtskarte gezeichnet (Tafel 5, Abb. 1). Dieselbe 
mufs mit grofser Nachsicht betrachtet werden, da sie fast aus freier 
Hand entworfen ist und hier nur den Zweck hat, die Lage der unten 
beschriebenen Gletscher im Verhältnis zu einander darzustellen. Wenn 
das ganze Material- ausgearbeitet und durch die astronomischen Fix- 
punkte orientiert sein wird, wird sich wahrscheinlich die kleine 
vorläufige Übersichtskarte in mancher Beziehung als fehlerhaft erweisen. 
Um den Text verständlicher zu machen, habe ich es für zweckmäfsig 
erachtet, die gröfsten Gletscher abzubilden; diese Darstellungen sind 
direkt nach den topographischen Orginalaufnahmen ausgeführt. 

Bei den Gletscheruntersuchungen hatte ich immer Prof. Heim's 
„Gletscherkunde" bei der Hand, die ich in der Biblothek des Herrn 
Konsul Petrowky fand, und die mir eine unschätzbare Anleitung gewesen 
ist. Manche Beobachtungen mufs ich wegen Mangels an Zeit einer 
künftigen Monographie über den Mus-tag-ata vorbehalten. Am meisten 
empfindlich für den Leser wird das Fehlen einer Menge erforderlicher 
Zahlenangaben sein; dies betrifft vor allem die Meereshöhen, ferner 
die Höhen der Gletscherenden, der Schneegrenze und der Firnlinie 
an verschiedenen Abhängen, die Längen und Breiten der Gletscher, 
den Umfang des Gebirges und sein Areal, die Ausbreitung der älteren 
Moränen, den Kubikinhalt einiger Moränen, die Berechnung der Schmelz- 
wassermenge, die in einem Sommertage im Mittel aus sämtlichen Glet- 
schern ausgeht, die Menge der festen Bestandteile im Eis und in den 
Gletscherbächen, das spezifische Gewicht des Eises. Ebenso wird man 
eine Übersicht der geologischen Architektur des Gebietes vermissen. 
Dazu kommen noch mehrere andere Beobachtungen, die erst künftig 
veröffentlicht werden können, z. B. die Schneeverhältnisse im Winter, 
das Klima des Gebietes, eine Beschreibung der am Mus-tag-ata 
wohnenden Kirgisen, ihrer Wanderungen mit den Jahreszeiten und ihrer 
Lebensdingungen, kraniologische Messungen u. s. w.; eine botanische 
Sammlung, wo besonders die Algen reich vertreten sind, wird auch 
später von einem Fachmann bearbeitet werden. Eine grofse Sammlung 
von Skizzen und Photographien, besonders von Gletscher- und Gebirgs- 
ansichten, wird das Ganze illustrieren. Mit einem Wort, dieser Bericht 
ist nur vorläufig und will nur einen Begriff von den Gletschern des 
Mus-tag-ata geben. 

Im Folgenden habe ich jeden Gletscher für sich behandelt und 
dann einige ihrer Eigenschaften in besonderen Abschnitten zusammen- 
gefafst. Bei den Kirgisen haben die Gletscher keine besonderen 
Namen. Da aber die Furche jedes Gletscherbaches, um welche herum 
sich oft Weideplätze, ,,/ej/aus 11 , ausbreiten, die von den Kirgisen im 
Sommer aufgesucht werden, einen Namen hat, habe ich dieselbe Be- 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



97 



Zeichnung dem Gletscher gegeben, aus welchem der Bach stammt. 
So giebt es z. B. eine „j'ttga" Tergen-bulak mit Bach und Jejlaus; ihr 
höchster Teil, das Quellgebiet, wird Tergen-bulakning-baschi genannt, 
und wenn der dortige Gletscher bezeichnet werden soll, heifst er 
„Tergen-bulak-baschining-mus", d. h. „das Eis des oberen Tergen- 
bulak". Dasselbe gilt für die meisten Gletscher des Gebirges. 

Über die Art und Weise, in welcher die Exkursionen am Mus-tag- 
ata ausgeführt worden sind, will ich nur hinzufügen, dafs ich einen 
sartischen Diener aus Osch, sonst nur Kirgisen in meinen Diensten 
hatte, und dafs wir auf dem Berge nur Jaks zum Reiten verwendeten. 
Diese zeigten sich vortrefflich, da sie fast in jedem Gelände mit der- 
selben Sicherheit gehen und sogar auf dem Eis bis 5900 m ohne 
Schwierigkeit hinaufklommen. Ich mietete ein kirgisisches „uj" (Zelt), 
das im Laufe des Sommers an vierzehn verschiedenen Lagerplätzen 
im Gebirge selbst aufgeschlagen wurde. Die Kirgisen hielten mich 
mit Schafen, Brot und Jakmilch versorgt. Die Wanderungen auf den 
Gletschern und Eisdecken des Gebirges wurden mit sehr primitiven 
Hulfsmitteln bewerkstelligt; wir hatten nur Stricke, zwei Alpenstöcke 
und zwei Äxte. In Pamirsky Post hatte ich ein Paar russische „Valess- 
kis" (Filzstiefel) in Gletscherschuhe mit eisernen Nägeln verwandeln 
lassen; die Kirgisen gingen sehr bequem und sicher mit ihren bieg- 
samen ledernen Stiefeln. Dafs kein Unglücksfall vorgekommen ist, mufs 
ich der Klugheit und Geschicklicheit der Kirgisen und Jaks zuschreiben. 

Gehen wir jetzt zu den Gletschern über, so werde ich mit den 
nördlichen anfangen, dann die westlichen und südwestlichen beschreiben. 
Es bleibt noch übrig zu bemerken, dafs von den hier beschriebenen 
nur zwei erster Ordnung sind, nämlich der Jam-bulak und der Tergen- 
bulak; der Kok-sel an der nordöstlichen Seite des Gebirges, den ich 
nur aus der Ferne beobachtet habe, scheint auch erster Ordnung zu 
sein. Die übrigen sind zweiter Ordnung, und dann giebt es noch eine 
Menge Nebengletscher und Hängegletscher dritter Ordnung. Unter 
der Bezeichnung erster Ordnung verstehe ich für das betreffende Gebiet 
solche, deren Firngebiet eine Einsenkung im Kamm der Mus-tag-ata- 
Gruppe bildet; unter Gletschern zweiter Ordnung solche, deren Firn- 
gebiet eine Mulde am Abhang darstellt und also weniger ausgedehnt 
ist. Von den Gletschern dritter Ordnung münden die meisten direkt 
aus dem grofsen „Panzereis" in die Hauptgletscherthäler hinein. 

Der Gorumdeh-Gletscher. (Tafel 5, Abb. 2.) 

Der gegen Norden gerichtete untere Abhang des Mus-tag-ata bildet 
ein sanft abfallendes, hie und da grasbewachsenes Terrain, wo ei- 
nige Jejlaus (Sommerweideplätze) gelegen sind und mehrere kleine 

Zeiuchr. d. GeselUch. f. Erdk. Bd. XXX. 1895. 7 



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98 



Sven Hedin: 



Bäche hinabströmen. Dieser Abhang trägt auch deutliche Spuren alter 
Vergletscherung, besonders der gegen den Kara-kul gerichtete Teil, 
wo eine grofsartige, obgleich auch ziemlich ebene und nivellierte Ufer- 
und Endmoräne noch vorhanden ist, welche sogar das ganze Sarik;kol- 
Thal hier abdämmt und somit zur Bildung des Kleinen Kara-kul und 
Bassik-kul Veranlassung gegeben hat. Der Gletscher, welcher einst 
diese Moräne abgesetzt hat, strömte durch das jetzige Bett des grofsen 
Ike-bel-su- Flusses, welcher sein Wasser vom Tru-bulung und Kara-tasch- 
davan bekommt, d. h. von der Gegend, die einen markierten Einschnitt 
zwischen dem Mus-tag-ata-Komplex und der nördlichen Fortsetzungs- 
kette, von den Kirgisen Mus-tag und Ak-tau genannt, darstellt. Dieser 
einst gewaltige Gletscher ist jetzt verschwunden, aber in den höheren 
Gebirgsregionen finden wir noch seine Fragmente. Ein solches ist der 
Gorumdeh, der gröfste Gletscher des nördlichen Abhanges. 

Am 27. und 28. Juli machte ich Exkursionen zum Gorumdeh. Der 
Mus-tag-ata streckt hier zwei bizarre Gebirgspartien gegen Norden aus, 
von denen die östliche, rechts von der Gletscherpassage gelegene, Kara- 
gorum genannt wird, die linke einer steilen Pyramide ähnelt, die keinen 
Namen hat. Zwischen beiden ragen zwei schwarze, isolierte Felsinseln 
empor, die nordwärts allmählich in Schuttkegel und Moränen über- 
gehen. Südwärts steigen die steilen Felsabhänge des Mus-tag-ata zum 
nördlichen Gipfel des Gebirges an, der einen ziemlich regelmäfsigen 
Kern bildet, überall mit Eis und Firnschnee bekleidet. 

Zuerst bestiegen wir einen langen Rücken, die Verlängerung der 
pyramidenähnlichen Gebirgspartie, wo wir einen schönen Überblick 
über diese komplizierte Gletscherlandschaft bekamen. Die eigentliche 
Firnmulde ist nicht sichtbar; man erkennt nur , dafs die Gletscher- 
zunge zuerst einen nordwestlichen Verlauf hat, um dann gegen NNW 
und N abzubiegen und dafs dieselbe auch von den Seiten gespeist wird. 
Die Krümmung des Gletschers wird durch die Kara-gorum-Felsen 
veranlafst, an denen er sich dicht vorbeischmiegt. Zwei sehr schön 
entwickelte, jedoch nicht grofse Mittelmoränen machen die Biegungen 
des Laufes treu mit. Von den höchsten nördlichen Abhängen des 
Gebirges gleiten Eis- und Schneemassen herunter, um zur Bildung des 



Gletschers beizutragen. Verwerfungen, Verschiebungen und Lücken 
im Firneis zeigen, dafs Eislawinen gewifs in nicht geringem Mafs ihren 
Tribut dem Gletscher darbringen. 

Zwischen den Felsinseln und dem pyramidenähnlichen Gebirge 
strömt ein kleinerer breiter Gletscher, der durch die westliche Insel 
in zwei Zungen zerfällt. Auch an der westlichen Seite des Pyramiden- 
gebirges finden wir einen kleinen Gletscher, den ich, nach dem nicht 
weit von hier gelegenen Jejlau , Kotsch- kortschu genannt habe (bei 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



99 



den Kirgisen hat er keinen Namen); an seiner Front liegt ein unüber- 
steiglicher Blockkegel. 

Die linke Seitenmoräne und die Endmoräne des Kleinen Gorumdeh- 
Gletschers sind sehr mächtig, bis 40 m hoch, und bestehen aus acht bis 
zehn mehr oder weniger parallelen Rücken, die aus Gneifs, hellgrünem 
Schiefer und dunklem, feinkörnigem, krystallinischem Schiefer in kleinen 
bis mittelgrofsen, scharfeckigen Blöcken zusammengesetzt werden. 
Am Fufs des Pyramidengebirges liegt ein kleines Klärungsbecken, 
aus dem ein Bach zwischen den äufsersten Moränen und dem Rücken, 
wo wir standen, dahinströmt. 

Am 28. Juli ritt ich mit Kirgisen und Jaks über die Moränen 
der linken Seite des grofsen Gletschers und gelangte nach zwei 
schweren Stunden zu einer thalähnlichen Einsenkung zwischen zwei 
hohen , langen Moränenwällen , wo wir dann bergwärts unsern 
Weg fortsetzten. Der Boden dieses Moränenthals ist durch das 
Schleifmaterial eines Gletscherbaches geebnet und bot deshalb 
dem Vorwärtskommen keine Schwierigkeiten dar. Hier liegen vier 
kleine Moränenseen ; der gröfste , unterste von ihnen , wird von 
einem Schmelzbach gebildet, der, obgleich meistenteils unter Schutt 
verborgen, von kleinen Gletschern zu stammen scheint und zwischen 
den äufsersten Moränenwällen, welche hier hauptsächlich Endmoränen 
der linken Spitze des kleinen Gletschers aus vergangenen Stadien des- 
selben sind, hinunterstürzt, um in viele kleine Rinnsale zu zerfallen, 
deren Wassermenge ich zu 2 kbm in der Sekunde schätzte. Der kleine 
See mit seinem graugrünen, trüben Wasser hat keinen sichtbaren Ab- 
flufs; das Wasser sickert in die Moränen ein, um sich an der grofsen 
Gletscherzunge mit dem gesammelten Gletscherbach zu vereinigen. 
Die drei oberen Moränenseen werden durch einen von der rechten 
Zungenspitze herstammenden Bach gebildet. 

In diesem Moränenthal fehlt es nicht an Vegetation; der wilde 
Rhabarber ist besonders allgemein und kommt sogar auf dem 
Moränengrus vor, wo seine Existenz unmöglich erscheinen möchte. 
Die Gegend wird Gultscha-jcjlau genannt, d. h. „Sommcrweidcplatz 
des wilden Schafes"; die „Gultschas" sollen hier in der That sehr all- 
gemein vorkommen und werden von den Kirgisen aufgesucht. 

Von hier aus wurde die Verwendung der Jaks unmöglich; wir 
gingen deshalb zu Fufs über den letzten Kamm der linken Seiten- 
moräne des grofsen Gletschers. Die Moräne hat hier eine Breite von 
4$o m und besteht zum überwiegenden Teil aus feinem, grauem Gneifs in 
mittelgrofsen bis grofsen Blöcken, ohne Ausfüllung von feinerem Grus, 
Kies oder Sand. Auf dem Eis selbst konnten wir nur 200 m vorwärts 
kommen, da wir durch breite Spalten gehindert wurden. Die beiden 

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100 



Sven Hcdin: 



Mittelmoränen, die allmählich zu einer zusammenschmelzen, sind die 
gröfsten sämtlicher Gletscher des Mus-tag-ata. Sonst sind Mittelmoränen 
hier selten oder fehlen ganz. 

Ein Blick gegen Norden, d. h. in der Thalrichtung, zeigt uns links 
die gewaltige graue Seitenmoräne, die überall das unterliegende Eis 
verbirgt, so dafs dasselbe nur in den Spalten sichtbar wird; rechts die 
weifse, zerklüftete Eisoberfläche, von den dunklen Mittelmoränen unter- 
brochen. Weiter gegen Norden erstreckt sich eine tiefe, scharf aus- 
geprägte Einsenkung in der Längsrichtung des Gletschers, wo derselbe 
früher zum jetzt verschwundenen Ike-bel-su-Gletscher hinströmte, und 
wo jetzt nur der gesammelte Gletscherbach seinen Weg zum Ike-bel- 
su-Flufs findet. 

Die Gletscherzunge besteht aus zwei Spitzen, zwischen denen ein 
klarer Miniatursee gelegen ist. Von jeder Zungenspitze geht ein Gletscher- 
bach aus. An der Front liegen grofsartige Endmoränen angehäuft, und 
Ruinen älterer Moränen erfüllen das Fortsetzungsthal. — Mit grofser 
Schwierigkeit gelangten wir zum Fufs der westlichen Felsinsel; sie 
besteht aus hartem, dunklem, feinkörnigem, krystallinischem Schiefer, 
welcher 38 ° N fällt und in mächtigen Bänken gelagert ist; an der 
Basis des festen Gebirges liegt ein gewaltiger Kegel von lauter 
Blöcken. An den höheren, unerreichbaren Felsen, die ganz schwarz 
aussehen, scheint dieselbe Lagerung vorzuherrschen; heruntergefallene 
Fclsmassen haben Lücken in den Bänken gelassen, die einen auffallen- 
den Parallelismus verraten. 

Der Gletscher befand sich jetzt in recht lebendiger Thätigkeit," und 
wir hörten überall die langsame, aber ununterbrochene Arbeit, das 
Brausen des Wassers, das Fallen der Steine und Blöcke, die in die 
Spalten hineinstürzen; die Oberfläche war bis 15 cm mürbe und 
porös, und alle scharfen Kanten der Spalten und Eispyramiden waren 
von der Sonne abgerundet. 

Der Kamper-kischlak-Gletscher. (Tafel 5, Abb. 3.) 

Am 29. Juli siedelten wir von Kotsch-kortschu nach Jam-bulak- 
baschi über (s. diese Zeitschrift 1894, Tafel 12), wo das Lager ein 
wenig unterhalb des ersten Lagerplatzes (im April) aufgeschlagen 
wurde; am 2. August ritten wir vom Lager aus in hauptsächlich 
NNO- und östlicher Richtung und passierten etwa 3,5 km unterhalb 
der Front des Kleinen Kamper - kischlak - Gletschers, der also nur 
aus der Ferne beobachtet werden konnte und übrigens äufserst 
schwer zugänglich ist. Er hat eigentlich den Charakter eines Hänge- 
gletschers, die Spitze der Zunge liegt dort fast horizontal, dank der 
mächtigen, etwa 250 m hohen Endmoräne, auf welcher der Gletscher 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



101 



»ie auf einem Tisch ausgebreitet liegt. Die Moräne bildet einen 
Schuttkegel mit 35 Fallwinkel, ist sehr regelmäfsig gebaut, und am 
Fufs tritt das Schmelzwasser zu Tage, um weiter unten einen kleinen 
Tümpel zu bilden, wo Algen reichlich gedeihen. Die alten Moränen 
können bis 6 km in der Längsrichtung des Gletschers verfolgt werden, 
sind aber meistens mit Gras und Alpenpflanzen bewachsen. Die Mo- 
ränen bestehen aus Gneifs, krystallinischen Schiefern und hellgrünem 
Schiefer in kleinen scharfeckigen oder abgerundeten Stückchen ohne 
irgendwelche Ordnung. 

Am Fufs des Berges lag hier ein Schneehaufen, ein paar hundert 
Meter im Durchmesser, mit hellgrünem Staub bedeckt. Er hatte keine 
Verbindung mit dem ziemlich entfernten Eis oder Schnee und war 
;ueifelsohne der letzte Rest einer Frühlingslawine. Die Kirgisen er- 
zählen auch, dafs sie oft vom Thal aus Lawinen beobachtet hätten ; der 
Schnee wirbelte auf und rutschte mit Gewalt hinunter, um an der Basis 
in Eis verwandelt zu werden. 

Dann ritten wir mit grofser Schwierigkeit über die linke Ufer- und 
Seitenmoräne des Grofsen Kamper -kischlak- Gletschers. Die Seiten- 
raoräne hat hier eine Breite von 200 m und keilt allmählich nach 
oben aus. Von deren Spitze bestiegen wir zu Fufs den 38 0 steilen 
Abhang auf dem Schuttkegel, bis wir den fest anstehenden Fels er- 
reichten, teils um geologische Beobachtungen zu machen und Gesteine 
zu sammeln, teils um einen Uberblick über den Gletscher zu bekommen. 
Hier an der linken, d.h. südlichen, Felswand steht ein sehr harter, 
<{uarzreicher, krystallinischer Schiefer an, welcher 25'/»° WNW fällt. 

Wie ein verkehrter flacher Löffel streckt sich der Gletscher thal- 
wärts in gerader westlicher Richtung, überall von seinen Moränen um- 
geben; der Frontteil der Zunge breitet sich kräftig aus und macht 
eine Biegung gegen WNW. Die Oberfläche ist im Verhältnis zu den 
anderen Gletschern sehr eben und bildet höchstens sanfte Wellen. 
Querspalten sind nicht vorhanden, dagegen in der Mitte der Zunge ein 
paar lange, schmale Längsspalten, die an beiden Seiten in die Rand- 
spalten übergehen. Die linke Seite ist von einer grofsen Zahl Rand- 
spalten durchzogen, die gewöhnlich nur 50 m weit hineinreichen, gegen 
die Spitze aber immer länger werden. Unterhalb unseres Beobachtungs- 
punktes bilden sie Winkel von 60 °, an dem untersten Teil des Randes 
fast einen Rechten, wegen der kreisförmigen Krümmung der Zungen- 
spitze. Zwischen ihnen stehen Pyramiden, Prismen und Pfeiler von 
klarem Eis. Sonst war die Eisoberfläche mit 10 cm dickem Schnee be- 
deckt. Nur hie und da waren einige Gesteinsblöcke zu sehen; dagegen 
zeigte sich keine Spur einer Mittelmoräne, die wegen der geringen Tiefe 
der Schneedecke auch nicht überschneit sein konnte. Die linke Seiten- 



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102 



Sven Hedin: 



moräne ist jedoch sehr schön entwickelt, obgleich sie weiter unten, 
an der äufseren Seite, von der Ufermoräne nicht unterschieden werden 
kann, da beide allmählich in einander übergehen; nach oben ver- 
schwindet die Moräne oder wird wenigstens sehr rudimentär. Von 
dem Beobachtungspunkt aus konnte ich auch sehr deutlich sehen, wie 
die Seitenmoräne oben am Austritt aus der Felsenpassage gebildet 
wird. Der Schuttkegel des hier festanstehenden Gebirges fällt steil 
gerade zum Gletscher hinab und wird an der Basis vom Eis unter- 
miniert, indem immerfort neues Verwitterungsmaterial auf dem Eis 
hinunterrutscht, um die Seiten- und Ufermoräne zu bilden. Als wir 
über den Schuttkegel hinab zurückkehrten, konnte ich direkt sehen, 
wie unter unseren Füfsen ausgleitende Kiesmassen sich allmählich auf 
dem darunter liegenden Gletschereis ausbreiteten. 

Eigentümlich ist das Verhältnis, dafs die linke Seitenmoräne in 
ihrem oberen Teil bedeutend niedriger ist als das unmittelbar in der 
Nähe gelegene Eis, obgleich sie sonst gegen Ablation schützen dürfte 
und deshalb höher sein müfste als das freie Eis des Gletschers, wie 
ich bei mehreren anderen gefunden habe. Es beruht dies wahrschein- 
lich auf der Gestaltung des Untergrundes in der Felsenpassagc. 
Zwischen dem freien Eis und der scharf begrenzten Moräne strömt 
ein klarer Bach. 

Nachher gingen wir zu Fufs über die ebene Gletscheroberfläche 
in NNO-Richtung. Nach 400 m Wanderung erreichten wir den gröfsten 
sichtbaren Block, welcher aus schönem, grauem Gneifs bestand und 
4 kbm Inhalt hatte. Sämtliche übrigen Blöcke bestanden aus demselben 
Material. Im Zusammenhang hiermit ist zu bemerken, dafs die innere 
Seite der linken Seitenmoräne überwiegend aus Gneifs besteht, der 
äufsere, zweitgröfste Teil dagegen aus dem krystallinischen Schiefer, 
den ich oben anstehend gefunden hatte. Der Gletscher war mit 12 
bis 14 cm tiefem Schnee bedeckt. Nicht ein einziger Block zeigte 
Neigung zum Tischen, im Gegenteil war ein geringer Teil jedes Blockes 
im Eis eingesunken. Dies zeigt, dafs das Gewicht des Blockes hier 
kräftiger wirkt als der Wert der Ablation, die wahrscheinlich eben 
durch die Schneedecke während der letzten Tage in hohem Grad ge- 
hindert worden war. 

Wir überschritten einige Längsspalten, die nicht breiter als 40- 50 cm 
waren; in tief eingeschnittenen Furchen strömten an mehreren Stellen 
krystallhelle Bäche, schnell und lebendig wie Quecksilber. 600 m vom 
linken Eisrand erreichten wir eine 4 m breite und 13,6 m tiefe Längs- 
spalte, die nirgends einen Übergang gestattete. An deren Rändern 
hingen lange Eisstalaktite, das Eis der Wände war schön hellblau und 
in der Tiefe lagen Schneehaufen. Wir hatten nur ungefähr die Hälfte 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



1 03 



der Breite zurückgelegt, und von unserem Standpunkt aus erblickten 
wir den Sarimek- Gletscher, der mit seiner fast überall moränen- 
bedeckten, dunkelgrauen und sehr unebenen Oberfläche gegen den 
Grofsen Kamper-kischlak einen scharfen Gegensatz bildete. Die rechte 
Hälfte des letztgenannten Gletschers fällt nach rechts ziemlich steil ab, 
und der ganze untere Teil des Gletschers ist im Terrain höher gelegen 
als sein Nachbar. 

Wir ritten dann auf der Seitenmoräne bis zum Ende. Der untere 
Teil der Gletscherzunge fällt mit 12 0 ab, wird aber allmählich immer 
steiler (endlich 30°) bis zur Front, wo das Eis eine senkrechte, 
bis 30 m hohe Wand bildet. Je weiter unten, desto mehr erhebt sich 
die Seitenmoräne über das nackte Eis und wird endlich höher als 
dieses (s. Tafel 6, No. 1 — 3). Da der Teil des Gletschers, welcher durch 
die Moräne bedeckt ist, gegen Ablation geschützt wird, erstreckt sich 
dieser ein wenig weiter thalwärts als der nackte Teil. Hier liegt die 
grofse Endmoräne angehäuft, unterhalb deren ersten Kieshügeln zwei 
krystallklare Gletscherbäche mit 0,25 °C. hervorquellen; sie führen 
Schmelzwasser aus der Oberfläche. Das Wasser, welches aus dem Grund- 
teil des Gletschers stammt und deshalb durch das Schleifmaterial der 
lirundmoräne trübe sein mufs, strömt unter sämtlichen Endmoränen, 
um erst fern vom Gletscher zu Tage zu treten. Der dem Eis am 
nächsten gelegene Teil der Endmoräne zeigt ein schwaches, temporäres 
Vorwärtsrücken des Eises, welches wahrscheinlich jeden Sommer vor 
sich geht. Im ganzen zieht sich dieser wie sämtliche Gletscher des Mus- 
ug«ata bergwärts zurück, wie die alten Moränen zeigen. 

Auf dem Gletscher hatten wir, wie gesagt, nur einzelne Blöcke, 
aber keine Mittelmoräne gesehen. Hier an der Front dagegen fand 
ich breite, halbmondförmige Querbänder -von Verwitterungsprodukten 
und kleineren Blöcken, die sich über die Eisoberfläche erstreckten 
und, je weiter unten desto mehr zusammenhängend, dicht und 
deutlich wurden. Diese Bänder sind sicher die wieder auftauchende 
Mittelmoräne, welche in den höheren, von uns nicht erreichten Re- 
gionen in einem Sturz verschwindet, um nur einige einzelne Blöcke 
auf den Eispfeilern zurückzulassen. Die Spalten schliefsen sich wieder 
unterhalb des Sturzes, die Ablation nimmt das über den Moränen- 
tragmenten gelegene Eis weg, und die Moräne taucht erst an der 
•Spitze der Gletscherzunge wieder auf, um hier zur Endmoräne ange- 
häuft zu werden (Tafel 6, No. 4). 

Am 4. August besuchte ich die rechte Seite des Gletschers, welcher 
hier den Sarimek-Gletscher berührt; zwischen beiden strömt unter 
den Moränen ein kleiner Bach. Die Endmoräne des Kamper-kischlak 
:st aber an der rechten Seite der Front sehr klein; an einigen Stellen 



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104 



Sven Hedin: 



ist der Boden sogar in der unmittelbaren Nähe des Eises mit Gras 
bewachsen. Vier grofse Schmelzbäche und mehrere kleine Rinnsale 
stürzten sich über die Eiskante in Kaskaden hinunter, um einen hellen 
Gletscherbach zu bilden, welcher weiter unten sich mit dem Bach 
der linken Seite vereinigt. Wo das Wasser zu Boden fiel, war die 
Temperatur 0,15° C. ; 250 m unterhalb dieser Stelle schon 3,1°. Die 
gröfste Kaskade hatte eine Lufthöhe von etwa 20 m, führte 0,25 kbm 
Wasser und hatte sich eine metertiefe Furche im Eis ausgegraben. 
Ein anderer Schmelzbach quoll 6 m unterhalb des Eisrandes hervor, 
und da Eis und Schnee seinen Kanal wieder zusammengeschweißt hatten, 
schien er aus einem Loch im senkrechten Eisrand herauszuströmen 
(Tafel 6, No. 5). Auf der Oberfläche liegen hier nur vereinzelte Steine 
und kleine Blöcke, aber keine Trümmerbänder wie an der linken Seite 
der Front. Dagegen zeigt die Eiswand senkrechte und horizontale 
Struktur, welche letztere gegen unten immer deutlicher ausgeprägt 
wird. Die Eiswand ist unterminiert und bildet ein überhängendes 
Gewölbe , unter welchem die Aushöhlung von 0,30 bis 3 m tief ein- 
geschnitten ist. Diese Vertiefung im Eis scheint durch die wegen des 
dunkleren Materials schnellere Schmelzung und durch den von der 
Sonne erhitzten Boden gebildet worden zu sein. An der Front lagen 
grofse Haufen zerfallenden Eises von sehr poröser Konsistenz. Wenn 
die Aushöhlung tief genug geworden ist, wird das darüber ruhende 
Eisgewölbe zu schwer und stürzt herunter, wodurch die Vernichtung 
der Gletscherzunge noch schneller vor sich geht. 

Die rechte Seite des Kamper-kischlak-Gletschers hat einen ganz 
anderen Charakter als die linke. Sowohl Seiten- wie Ufermoräne sind 
hier rudimentär ; der Eisrand erhebt sich senkrecht, und der Gletscher 
scheint wie auf einem Steinftindament zu ruhen (Tafel 6, No. 1—3); an 
der ganzen Seite sieht man die Schmutzbänderstruktur , die hier 
gegen das darauf ruhende Eis scharf begrenzt ist. Das Material 
der rechten Ufermoräne besteht aus grobkörnigem grauem, glimmer- 
reichem Gneifs, Glimmerschiefer und dunklem, hartem, krystallinischem 
Schiefer. 

Die linke Ufermoräne des Sarimek-Gletschers besteht aus genau 
demselben Material (Tafel 6, No. 6). Zwischen den oberen Teilen beider 
Gletscherzungen steht ein steiler pyramidenförmiger Vorsprung des 
Mus-tag-ata, welcher am Fufs allmählich in Verwitterungskegel und 
immer sanfter geneigte, zum Teil grasbewachsene Abhänge übergeht 
bis zum Vereinigungspunkt der beiden Gletscher. Dergleichen nackte, 
schwarze Felsenvorsprünge zwischen den Gletschern fanden wir schon 
beim Gorumdeh. An den südwestlichen und südlichen Abhängen sind 
sie ebenfalls allgemein; nach oben werden ihre Rücken breiter und die 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



105 



Seiten weniger steil, vim bald unter den Schnee- und Eismassen des 
Fimgebietes zu verschwinden. 

Vergleichen wir die beiden Seiten des Grofsen Kamper-kischlak- 
Gletschers unter einander, so finden wir, dafs die rechte steiler (bis 
25» ,°) abfällt als die linke (etwa 13°); dafs die linke kolossale Moränen 
hat, die rechte dagegen sehr kleine, was zu beweisen scheint, 
dafs der Gletscher sich an die linke Felswand näher und kräftiger 
anschmiegt; dafs endlich an der linken Seite das Eis unter den 
Moränen liegt, an der rechten dagegen die Moränen unterhalb des 

Das Sammelbecken des Gletschers bildet keine so markierte und 
tiefe Einsenkung wie das des Jam-bulak-Gletschers, sondern eine seichte 
und breite Firnmulde an dem WNW-Abhang des Gebirges. Der Sari- 
mek-Gletscher hat ein noch kleineres Firngebiet, reicht aber, dank der 
schützenden Trümmerbedeckung, im Thal ein wenig weiter abwärts. 

Der Jam-bulak-Gletscher 1 ). 

Am 31. Juli machte ich eine Exkursion nach der rechten Seite 
dieses Gletschers und wanderte zu Fufs in SSO-Richtung auf dem 
Eis von der Stelle aus, wo wir am 19. April gelagert hatten. Ich 
wollte augenblicklich vor allen Dingen untersuchen, inwiefern sich 
die Oberflächenverhältnisse des Eises geändert hatten. Die rechte 
Seitenmoräne, d. h. die auf dem Eis ruhende, hatte sich nur in so fern 
geändert, als wir jetzt einige kleine Gletschertische auf 35 cm hohen 
Pfeilern entdeckten. Das Eis war überall mit einer 2 bis 3 cm dicken 
Lage von wässerigem Schnee bedeckt, aus welchem das Wasser wie 
aas einem Schwamm reichlich herausströmte, wenn er zwischen den 
Händen zusammen gebacken wurde. Es beruhte dies sowohl auf Schnee- 
fall wie auf Ablation ; das feste Eis ist bis zu ein paar Decimeter Tiefe 
mürbe und porös, das kompakte, blaugrüne Eis ist nur in den Spalten 
oder in den Betten der Schmelzbäche sichtbar. Diese sind zahlreich, 
aber sehr klein, da sie hier immer bald in den Spalten verschwinden; 
ihre Temperatur betrug 0,29° C. 300 m weit hinein hatten wir rechter 
Hand eine Querspalte, 2 m breit und 9,65 m tief; 100 m weiter wurde 
jedes Vorwärtsrücken unmöglich wegen Spalten und Eispyramiden, 
zwischen denen die Schmelzbäche tiefe, von Schnee teilweis über- 
brückte Furchen ausgemeifselt hatten. Wendet man sich gegen Osten, 



l ) Die Benennung „Przewalsky-Gletschcr" , die von Bogdanowitsch gegeben 
wurde, und die ich auch in meinem früheren Bericht (s. Zeitschrift d. Ges f. Erdk. 
1894. S. iggff. und Tafel 12) verwendete, habe ich jetzt verworfen, da ich für 
sämtliche Gletscher, die ich besucht habe, einheimische Namen finden konnte. 



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106 



Sven Hedin: 



d. h. gegen die Firnmulde, so ähnelt der von hier aus sichtbare Teil 
des Gletschers einem gewaltigen, flachen Eishaufen, der nach N, W und 
S abfällt (Tafel 6, No. 7). Wir stehen nämlich gerade an der Felsenpforte, 
aus welcher die bis jetzt zusammengedrängte Eismasse sich herausprefst, 
um sich dann frei auszubreiten; in der Pforte geht er auch über einen 
Sturz, welcher eine Menge Spalten und Pyramiden verursacht. Diese 
letzteren hatten jetzt ein ganz anderes Aussehen als vor 3«/, Monaten. 
Sie bildeten abgerundete Kegel; die scharfen Spitzen, Ecken und 
Kanten waren jetzt vollständig weggeschmolzen, die Kegel vie! 
niedriger und weifs wie Schnee; im April waren die hellblaugrünen 
Eispyramiden scharfkantig und mit markierten Spitzen versehen. Auf 
dem rippenähnlichen Ausläufer der rechten Seitenmoräne fanden wir 
jetzt weit hinein Gletschertische auf 1,2 m hohen Pfeilern; sie hingen 
sämtlich gegen SVV über. Im April hatten wir hier nur ein paar kleinere 
Tische gesehen, die neuen waren also in der Zwischenzeit gebildet. 
Ein Gletscherbrunnen mit sehr enger Öffnung, in welche ein Schmelz- 
bach hineinstürzte, hatte eine Tiefe von 16,3 m. Nicht weit oberhalb 
der Stelle, wo wir die Eiswanderung begannen, ist die Ufermoräne 
für eine kurze Strecke unterbrochen; der Eisrand steht hier nackt 
mit einer Höhe von 12 m über dem Boden und hat 64 0 Fallwinkel. 
Über diese Wand stürzen sich mehrere kleine Schmelzbäche, um sich 
bald zu vereinigen und den Jam-bulak-baschi-Bach zu bilden, an dem 
unser Lager, weiter unten, stand. Der eigentliche, grofse Gletscher- 
bach hat einen anderen Verlauf. Einige kleine graugrüne Wasser- 
tümpel auf der Seitenmoräne hatten eine Temperatur von 0,46° C 
Der Gletscher hatte mit einem Wort sein Aussehen wesentlich 

1 

geändert. Die Spalten waren weniger tief, mit Schnee und Eisver- 
witterungsprodukten teilweise gefüllt, ihre Ränder waren weniger scharf, 
die Oberflächenformen im allgemeinen abgerundet, Schmelzbäche und 
Gletschertische zahlreich — alles zeigte, dafs die Agenden der Ablation 
jetzt kräftig arbeiteten, um die Unebenheiten auszugleichen und die Ver- 
tiefungen zu füllen, und dafs der Gletscher in die Epoche seiner 
lebendigsten Thätigkeit eingetreten war. 

An der Front der Gletscherzunge hatten sich noch deutlichere 
Veränderungen vollzogen. Das Eis war furchtbar zersplittert in Kegel, 
Würfel, Pfeiler und heruntergefallene Stücke, und sehr porös. An der 
rechten Seite strömte ein Bach mit ' ^kbm (in der Sekunde) trübem Wasser 
unter dem Eis heraus und bildete in seinem Bett Anhäufungen von scharf- 
kantigem Schleifmaterial. Das Gletscherthor bildet hier ein nur 60 cm 
hohes Gewölbe zwischen Boden und Eis, und der ganze Frontteil des 
Gletschers scheint hier vom Grundschmelzwasser sehr unterhöhlt zu 
sein und nur auf wenigen bodenfesten Pfeilern zu ruhen. Eine Menge 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



107 



kleiner Schmelzbäche fallen auch vom oberen Rand herunter. Eine 
besonders deutliche Parallelstruktur scheint die ganze Eismasse an der 
Front zu besitzen, indem dieselbe in unzählbare horizontale Lagen 
rerfällt, von denen die untersten durch Staub, Sand und Steine ver- 
unreinigt, die obersten dagegen rein sind. Zwischen diesen Eis- 
schichten liegen dünne Lagen, die fast ausschliefslich aus festem 
Material bestehen und an der Front tief eingeschnitten sind , sodafs 
gerade hier mehrere Schmelzbäche heraussickern. Die Mächtigkeit 
dieser Schichten wechselt von einigen Centimetern bis i m und mehr. 
Blaublätter, weifse Blätter oder Kornstruktur habe ich nicht finden 
können. Ein Block klares Eronteis, das im Zelt dem Einflufs von 
Druck und Wärme ausgesetzt wurde, schmolz allmählich und regel- 
mässig zusammen, ohne dafs Gletscherkorn zum Vorschein zu bringen. 
Dieses scheint an den hiesigen Gletschern nicht zur Entwickelung 
zu kommen; ob dies von klimatischen Faktoren oder von den Ober- 
flächenformen des Berges und den Firnmulden abhängt, konnte ich 
nicht entscheiden. 

Dagegen fand ich, dafs der Gletscher während der Sommer- 
monate ein wenig vorgerückt war, was aus den veränderten 
Terrainverhältnissen an der Front hervorging. Im April war der 
Boden hier ziemlich eben, jetzt lag aber eine allerdings nur 2 bis 2' »m 
hohe Endmoräne dicht an der Front. Zwei grofse Gneüsblöcke, 
zwischen denen ich die Höhenbeobachtung im April gemacht hatte, 
konnten wir jetzt gar nicht finden, trotz ihrer damals exponierten 
Lage. Während des Winterhalbjahres zieht sich der Gletscher zurück, 
weil die höheren Teile starr und unbeweglich stehen bleiben, während 
der untere Teil von der auch im Winter auf dieser Höhe sehr 
kräftigen Insolation angegriffen wird; die festen Produkte fallen dabei 
getrennt herunter, ohne Moränenwälle zu bilden. Im Sommerhalbjahr 
dagegen, wenn die ganze Eismasse in Bewegung und Wirksamkeit 
tritt, wird der Zuflufs von oben gröfser als die Abschmelzung unten, 
und der Gletscher bewegt sich allmählich thalwärts, um die kleinen 
iMoränenwälle zu bilden. Dieses Vorwärts- und Rückwärtsschreiten 
des Gletschers ist indes nur eine periodische, und zwar jährliche, 
Oscillation; im grofscn und ganzen befindet er sich in einer groisen 
Periode allgemeinen Rückganges. Weit unten in der Thalschlucht des 
Oletscherbaches stehen halbmondförmige, konzentrische Endmoränen. 

Von der Front gehen jetzt vier Gletscherbäche aus, die sich 
rechts und links paarweise vereinigen, um einige hundert Meter weiter 
unten zusammenzufliefsen. Die ganze vom Jam -bulak- Gletscher an 
diesem Tag (5 Uhr abends) ausströmende Wassermenge schätzte ich auf 
$kbm in der Sekunde, wobei noch nicht der isolierte Jam-bulak-baschi- 



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108 



Sven Hedin: 



Bach mitgerechnet ist. Eine am 8. August (2 Uhr) ausgeführte genaue 
Beobachtung gab 4,94 kbm. Das Wasser hatte damals etwa 1 km von 
der Front 5,7° C. Temperatur. Mit Gewalt und Getöse braust der 
Bach zwischen Blöcken und Moränen hinunter. Jede von den alten 
Endmoränen wird von ihm durchbrochen, und die Schlucht ist an 
mehreren Stellen sehr tief von ihm eingeschnitten. 

Am 3. August wurden Signalstangen auf dem Gletscher einge- 
schlagen. Auf das Ergebnis komme ich unten zurück. Wir drangen 
diesmal bis 600 m auf dem Eis vorwärts; dann wurde jedes Vorrücken 
unmöglich. Die linke Seite des Gletschers ist nämlich viel, bis 40 m, 
höher als die rechte und erhebt sich mit ihren verworrenen Pyramiden 
und Spalten über jene wie ein gewaltiger Eisrücken (Tafel 6, No. 8). 
Die rechte Hälfte ist verhältnismäfsig ebener und gewährt an einigen 
Stellen keine unübersteiglichen Hindernisse. Die Ursache dieser Ver- 
schiedenheit ist folgende: die linke Seite des Gletschers liegt durchwegs 
im tiefen Schatten des südlich senkrecht ansteigenden Felsgrates und 
wird also bis zum Felsthor gegen die Sonnenstrahlung geschützt; die 
rechte Hälfte ist dagegen der Sonnenbestrahlung ausgesetzt und wird 
daher kräftiger abladiert. Noch aufserhalb des Thores bis zur Zungen- 
spitze machen sich die Höhenunterschiede geltend. An einigen 
anderen Gletschern, die mit dem Jam-bulak parallel sind, walten 
ähnliche Verhältnisse vor. 

Am 6. August machte ich einen Versuch, den nördlichen Gipfel des 
Mus-tag-ata zu besteigen, wurde aber in einer Höhe von etwa 5900 m 
durch eine drohende Lawine am steilen Abhang zum Rückzug ge- 
zwungen. Auf die Resultate werde ich augenblicklich nicht eingehen, 
nur einige Beobachtungen an dem hier tief unter uns gelegenen Gletscher 
erwähnen. Die Zunge schien jetzt schmäler als vor 3* Monaten zu sein, 
hatte aber dieselbe Konfiguration bewahrt. Der linke Rand, aufserhalb 
des Thores, schien von der Sonne sehr angegriffen zu sein, obgleich 
die rechte Hälfte des Gletschers, auch von hier aus gesehen, eine 
deutliche Einsenkung darstellte. Nach Osten, d. h. bergauf, divergieren 
die beiden sonst parallelen Felswände des Gletscherthales und werden 
im Verhältnis zur Eisoberfläche immer niedriger, um sich allmählich 
wieder zu einem ziemlich tief eingeschnittenen Kamm oder Sattel 
zwischen dem nördlichen und mittleren Gipfel des Gebirges zu ver- 
einigen. Unterhalb dieses Sattels liegt der mittlere Teil der Firnmulde; 
der obere, der wahrscheinlich viel flacher und ausgedehnter ist, wird 
durch den Sattel verborgen. Im mittleren Teil des Gletschers herrschen 
die Längsspalten, die vorwiegend in der Mitte, weniger an den Seiten 
gelegen sind und sich bis zur Zungenspitze erstrecken. Besonders an 
drei Punkten werden diese Längsspalten von Querspalten gekreuzt, wo 



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Die Gletscher des Mus-tag ata. 



109 



der Gletscher Stürze passiert. An einigen Stellen scheinen solche 
SpaJtennetze von einem Centrum auszugehen, wo die Spalten sehr breit 
auslaufend sind, um nach der Peripherie endlich ganz und gar aus- 
zukeilen (Tafel 6, No. 9 und 10). Hier bildet also der Untergrund noch 
nicht wegnivellierte Kuppeln. An der Felswand, welche wir dicht 
rechts hatten, und auf deren Kamm wir stiegen, konnten keine 
Spuren früherer Gletscher -Erosion beobachtet werden, was nicht 
Wunder nehmen darf, da die Wände des Gletscherthales 400 bis 500 m 
senkrechte Höhe haben. Die Vorsprünge und Zacken der Wände 
sind ausschiiefslich ein Werk der Verwitterung, und auch von den 
höchsten Teilen derselben fallen von Zeit zu Zeit losgetrennte Steine 
herunter, um die rechte Seitenmoräne zu bilden. 

Während das Lager am 8. August nach dem Bach des Tergen- 
bulak-Gletschers verlegt wurde, machte ich eine Exkursion zu den 
Moränen der linken Seite des Jam-bulak-Gletschers. Die linke Seiten- 
moräne ist aufserordentlich mächtig, im Mittel 400 Schritt breit und 
erhebt sich über das freie Eis, welches ein sanft abfallendes Gehänge 
mit einem Gewirr von Spalten und Unebenheiten darstellt, woraus die 
an dieser Seite am kräftigsten wirkende Ablation der Sonnenbe- 
strahlung hervorgeht (Tafel 6, No. 8). Der. Rand der rechten Seite ist da- 
gegen senkrecht, wie mit einem Messer geschnitten, im Schatten. 
Zwischen dem freien Eis und der Seitenmoräne ist eine Vertiefung gelegen, 
wo ein wasserreicher lebendiger Bach dahinströmt. Die linke Seiten- 
moräne besteht aus allen Arten von Gneifs : grau, grün, rot, grob- oder 
feinkörnig, striemig, Glimmergneifs mit Übergängen zum Glimmerschiefer, 
dann hellgrüner, granuliner oder blauschwarzer krystallinischer Schiefer, 
alles ohne irgend welche Ordnung, alle Gröfsen, scharfkantige und ab- 
gerundete Stücke untereinander. Der graue Gneifs scheint jedoch wie 
an der rechten Seite überwiegend zu sein. Im oberen Teil der Ufer- 
moräne, d. h. gerade unterhalb der Felspforte, scheint indes eine gewisse 
Ordnung zu herrschen; denn hier lagen fast ausschiiefslich gewaltige (ge- 
wöhnlich 80 bis 100 kbm) Gneifsblöcke, zwischen denen die Wanderung 
nur zu Fufs und mit grofsen Schwierigkeiten stattfinden konnte. An 
der Mündung des Engthaies, aus dem der Gletscher hervorströmt, er- 
reichte ich festen Fels, harten, dunklen, krystallinischen Schiefer (Fallen 
n° NNW). Nur hier findet sich anstehendes Gestein; sonst ist dieser 
mächtige, nach dem centralen Kulminationsgipfel des Mus-tag-ata- 
Massivs ansteigende Abhang fast überall mit Verwitterungsprodukten 
besät, woraus nur hier und da die schwarzen Klippen emporragen. 
In einem der grofsen Gneifsblöcke der Ufermoräne fand ich breccien- 
artige Einschlüsse scharfeckiger kleiner Stückchen einer schwarzen, 
feinkörnigen Gebirgsart. Auch am Jam-bulak-Gletscher sind die Moränen 



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110 



Sven Hedin: 



der linken Seite viel mächtiger entwickelt als die der rechten, wie 
bei den beiden schon beschriebenen Gletschern. 

Der Tj al-tumak-Gletscher. (Tafel 5, Abb. 4.) 

Vom Felsthor des Jam-bulak-Gletschers setzten wir unsern Weg 
in südwestlicher Richtung nach der Spitze des Tjal-tumak-Gletschers fort. 
Auf den zwischen beiden Gletscherzungen sich ausbreitenden, sanft ab- 
fallenden unteren Abhängen des Mus-tag-ata finden sich schöne Jak- 
weiden, von einem Schmelzbach durchflössen, der jetzt (nachmittags, 
Hochwasser) 1,5 kbm i. d. Sek. führte und 1,65° C. Temperatur hatte. 
Dieser Bach geht von einer nackten Stelle der Eiswand oder einer 
Lücke der Moräne aus und entspricht genau dem oberen Jam-bulak- 
baschi-Bach. Die grofse rechte Ufermoräne ist sonst sehr regelmäfsig 
und schön ausgebildet und besteht überwiegend aus Gneifs und Bruch- 
stücken derselben Gebirgsart, die ich an der linken Felswand des Jam- 
bulak als Einschlufs im Gneifs gefunden hatte. Das Material ist klein 
bis mittelgrofs; die gröfseren Blöcke sind hinuntergefallen und liegen 
zerstreut am Fufs der Moräne. Der untere Teil der Gletscherzunge 
hat den bedeutenden Fallwinkel von 25°. Die Oberfläche des unteren 
Teiles ist ganz schwarz von. Moränenmaterial, nur hier und da ragen 
reine Eispyramiden empor. Die rechte Seitenwand des Eises ist fast 
rein und senkrecht wie beim Jam-bulak. Die Endmoräne ist schwach, 
doch deutlich. Auch dieser Gletscher fällt nach der rechten Seite 
über, wo die Oberfläche mehr eben ist als an der linken. An der 
Front treten mehrere kleine Gletscherbäche aus, die keine Gletscher- 
thore zu bilden vermochten. Die Eisfront ist nicht so zernagt und 
verworren wie beim Jam-bulak, zeigt aber dieselbe Parallelstruktur 
von Schmutzbändern. Uber alte, teilweis grasbewachsene Moränen er- 
reichten wir den neuen Lagerplatz am Tergen-bulak-Bach. 

Am 9. August bestieg ich den südlichen oder linken Felsrücken 
des Tjal-tumak-Gletschers bis zu etwa 4750 m Höhe, um einen Uberblick 
über die Gletscherzunge zu gewinnen. Die linke Seitenmoräne ist sehr 
mächtig, aber niedriger als die Eisoberfläche, die gegen sie sehr scharf 
begrenzt ist. Zwischen beiden strömt ein klarer Bach ; so auch zwischen 
der Seitenmoräne und der Felswand des Gletscherthalwegs. Tiefer 
hinab lagert die grofsartige Ufermoräne. 

Der Tjal-tumak-Gletscher ist sehr regelmäßig entwickelt, doch 
reicht seine Firnmulde nicht so weit hinauf, und sein Sammelgebiet ist 
kleiner als bei seinen beiden Nachbarn. Die Zunge ähnelt in mehreren 
Beziehungen dem Jam-bulak-Gletscher. Die linke Hälfte liegt meistens 
im Schatten und erhebt sich allmählich im Verhältnis zur rechten; 
nach Austritt aus dem Felsthor wird aber die linke, gegen Süden ent- 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata 



III 



blöfste Seite, mehr angegriffen; die Folge ist ein in der I.ängsmitte 
des Gletschers aufsteigender Kamm. Die Zungenspitze macht eine 
gegen Süden konvexe Krümmung und wird sonst regelmäfsig immer 
schmäler. Die Ufermoränen zeigen, dafs hier früher eine stumpfe 
Apophyse sich ausdehnte, die jetzt ganz rudimentär ist. Auch dieses 
Verhältnis ist eine Folge des Schattens in der Felsenpassage. 

Der ganze Gletscher wird von sehr schönen und regelmäfsigen 
Spaltensystemen durchkreuzt; die Randspalten laufen unter einem Winkel 
von ungefähr 60" aus und erstrecken sich im allgemeinen bis zur 
Mitte. Sie werden durch kreisförmige Querspalten gekreuzt. Zwischen 
diesen Querspalten, die gar nicht tief und mit Schnee und Eisfrag- 
menten gefüllt sind, stehen Eis-Protuberanzen und Pyramiden, doch nicht 
ordnungslos wie auf dem Jam-bulak, sondern in sehr schönen, nach 
unten gebogenen Kreissegmenten. Sowohl die Quer- wie die Rand- 
spalten sind mit allerlei Trümmern gefüllt, und von oben hat der 
Gletscher das Aussehen eines schwarzen Netzes. 

In der ganzen Felsenpassage ist der feste Fels entblöfet, an den senk- 
rechten Wänden bis zu ihrem höchsten Rand, wo wir uns an der 
linken Seite befanden. Sonst sind die Gebirgshänge auch hier mit fein- 
körnigem Detritus bedeckt. Anstehend fand ich grünen, feinkörnigen, 
striemigen Gneifs (Fallen 20 0 NNW). Derselbe wird durch einen 100 m 
breiten Gang einer weifsen quarzitähnlichen Gebirgsart, die jedoch 
stark verwittert ist, durchsetzt. 

Unser Beobachtungspunkt war an einem tiefen, wilden Einschnitt 
mit senkrechtem Fall in der Felsenwand gelegen. Am oberen Rand 
ist der Gneifs zu rundhöckerförmigen Kuppeln geschliffen. Bis hierher 
hat sich früher ein Ausläufer des Panzereises (s. S. 121) erstreckt, 
welches jetzt in den höheren Regionen die konvexen Teile des Berges 
bedeckt, während sich an dieser Stelle das Eis zurückgezogen hat, 
schiebt es an der rechten, gegenüberliegenden Seite noch einen Ausläufer 
bis zum Rand vor und entsendet einen Hängegletscher, dessen Front 
etwa 300 m über der Oberfläche des Tjal-tumak-Gletschers schwebt. Von 
Zeit zu Zeit, in dem Mafs wie das Eis von oben, immer unter hohem 
Druck, hinuntergleitet, schieben die äufsersten Teile des Gletschers 
hinaus nach den Abgrund. Die Querspalten, die auch hier, wie ich 
später erwähnen werde, das Eis kreuzen, in Vereinigung mit der gegen 
Süden exponierten Lage, erleichtern die Arbeit der Schwere, und 
Blöcke und Eisfragmente des kleinen Gletschers stürzen hinunter. 

Am 11. August hatte ich Gelegenheit einen derartigen Gletscher- 
sturz zu beobachten. Die Front des Hängegletschers ist von wunder- 
schönem Blau, glatt und senkrecht, wie von Menschenhand ausge- 
arbeitet. Einige gewaltige Blöcke trennten sich los, stürzten in den 



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112 



Sven Hedin: 



Abgrund und taumelten gegen die scharfen Vorsprünge der Felswand, 
wo sie zu feinem, schneeweifsem Eisstaub pulverisiert wurden, um dann 
auf der Oberfläche des Hauptgletschers zur Bildung eines regenerierten 
Kegels beizutragen. Auch dieser ist schneeweifs, obgleich hier und 
da von mitbewegtem Felsstaub verunreinigt. Auf dem Rücken des Tjal- 
tumak-Gletschers wird der Kegel zwar allmählich thalwärts geführt, aber 
seine Eismasse schmilzt doch wieder zusammen und strömt selbst, dank 
ihrer Schwere und unabhängig von der Bewegung des grofsen Glet- 
schers, thalwärts. Es ist ein regenerierter parasitischer Gletscher. Er 
bildet eine ganz kleine Mittelmoräne, wo sein linker Rand den Haupt- 
gletscher berührt. Von seiner rechten Seite, dicht an der Felswand, 
gehen lange, thalwärts gerichtete Längsspalten aus, die mit Fels- 
trümmern mehr oder weniger erfüllt sind. Diese werden durch Quer- 
spalten gekreuzt. Es ist natürlich nur ein wenig unterhalb des Kegels, 
nachdem das Eis zu einer festen Masse zusammengeschweißt worden ist, 
dafs die Spalten zu voller Entwickelung kommen. Die Längsspalten 
des parasitischen Gletschers gehen allmählich in die Querspalten des 
Tjal-tumak-Gletschers über, die Querspalten des ersteren in die rechten 
Randspalten des letzteren. Im unteren Teil der Gletscherzunge sind 
die Spuren von jenem fast vollständig verschwunden. 

Wir ritten nachher an der inneren Seite der linken Seitemoräne 
bis zur Front. Der moränenfreie Teil des Gletschers steht da wie eine 
riesige Mauer, aus lauter Eispfeilern und Pyramiden bestehend. Die 
Querspalten reichen bis zum Rand hinaus und kreuzen also auch hier 
die Randspalten, wodurch oft von der Eismasse losgetrennte Eis- 
pyramiden noch aus der Seitenmoräne aufragen. Die Spalten sind sehr 
seicht und mit Trümmern erfüllt, die ursprünglich Ausläufer der Seiten- 
moräne waren, im unteren Teil der Zunge aber höher als die eigentliche 
Moräne liegen; an der Mündung jeder Spalte liegt deshalb hier ein 
kleiner Trümmerkegel. Überall rieselt das Wasser in Tropfen und kleinen 
Rinnsalen, und nicht selten rutschen Steine und kleine Blöcke auf diesen 
Kegeln hinunter. Zwischen dem freien Eis und der Seitenmoräne eilte 
ein klarer, lebendiger Bach dahin und hatte sich im Eis eine sehr tiefe 
Furche ausgegraben; an mehreren Stellen hatte eT die Pyramide bis zur 
Hälfte ihrer Basis untergraben, und hier hörte man nun das Wasser tief 
unten sprudeln. Hie und da lagen auf der Seitenmoräne hinunter- 
gefallene Eisblöcke, Fragmente gestürzter Pyramiden. Die Seitenmoräne 
besteht aus Gneifs und krystallinischem Schiefer; selten sind Trümmer 
der weifsen, quarzitähnlichen Gebirgsart, die ich höher oben fest gefunden 
hatte. 

Der Frontteil der Zunge ist mit grofsen Haufen feiner Verwitterungs- 
produkte beladen, die von einem trüben, kaskadcnbildcnden Schmelz- 



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Die Gletscher de« Mus-tag-ata. 



113 



bach durchbrochen werden. Sonst sind die Gletscherbäche der linken 
Seite ziemlich klar und in eine Menge kleiner Rinnsale zersplittert. 
In 100 m Entfernung vom Gletscher haben sie eine Temperatur von 
1,12° C. 

Der gesammelte Gletscherbach führte jetzt (4,30 Uhr) 2,85 kbm 
Wasser und war ziemlich reich an festen Bestandteilen. Weit unter- 
halb der Gletscherzunge stehen auch hier thalwärts gekrümmte alte 
Endmoränen an, welche vom Gletscherbach tief durchschnitten werden. 

Der Tergen-bulak-Gletscher. (Tafel 5, Abb. 5.) 

Die rechte Ufermoräne dieses Gletschers, welche ich am 10. August 
besuchte, ist ziemlich regelmäfsig gebaut und an 30 m hoch. Am 
unteren Teil bildet sie mehrere parallele Wälle, die sich nach oben 
allmählich zu einem vereinigen; an drei Punkten wird die Moräne bis 
15 m hoch von der senkrechten Wand des Gletschers überragt. Die 
Oberfläche bildet ein Gewirr von Pyramiden und Pfeilern und ist an 
der Seite mit einer bis metertiefen Schicht allerlei fester Trümmer 
bedeckt, so dafs der Gletscher schwarz erscheint; nur der Eisrand 
leuchtet hell und rein. Zwischen der Basis der Moräne und dem 
zur Linken aufragenden Quergrat des Mus-tag-ata, wo ein gewaltiger 
Detrituskegel angehäuft liegt, ritten wir hinauf. Hier herrschen ver- 
schiedene Schiefer vor; Gneife ist allgemein, Quarzit oder Pegmatit 
selten. Gerade in der Mitte dieser Furche liegen die gröfseren Blöcke 
gesammelt, und hier strömt ein kleiner Bach. 

Der Tergen-bulak ist ein Drilling-Gletscher, dessen drei Wurzel- 
gletscher, zu einem mächtigen Eisarm vereinigt, ein wenig nach rechts 
abbiegen (d. h. gegen WNN). Der mittlere ist viel mächtiger als die 
beiden Nebengletscher und beherrscht das Terrain; er besteht aus 
äufserst verworrenem, reinem Eis mit Pyramiden, Pfeilern und Spalten, 
die keine Möglichkeit zu einer Eiswanderung gestatten. Der von 
rechts einmündende Nebengletscher ist in seinem unteren Teil niedriger 
gelegen, wodurch der Hauptgletscher über denselben mächtig empor- 
ragt. Jener ist viel ebener und hat nur Querspalten. Die Eispfeiler 
zwischen diesen Spalten sind bis zur Längsachse des Gletschers mit der 
riesigen, rechten Scitenmoräne bedeckt, die dann mit dem vereinigten 
Gletscher sich thalwärts bewegt. Die beiden Gletscher sind durch 
einen steil emporragenden Felsgrat des Gebirges von einander ge- 
schieden. Die hierdurch entstandene Mittelmoräne ist ganz klein, ob- 
gleich die Eisströme sich dicht an den Grat anschmiegen. In dem 
Winkel am Vereinigungspunkt ist ein ,, Gletscherschatten" entstanden, 
ein dreieckiger, freier Raum, der wahrscheinlich mit Wasser gefüllt 
ist; dies konnte ich aber von unserem Standpunkt nicht beobachten. 

Zeiuchr. d. Gesclhcb. f. Erdk. lid. XXX. 1895. # 



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114 



Sven Hedin: 



Der linke Nebenarm ist ein Hängegletscher, ein breiter, dünner, 
reiner Ausläufer des Panzereises, etwa 100 m über der Oberfläche des 
Hauptgletschers gelegen. Seiner geringen Masse wegen scheint er 
zwischen der Thalwand und dem Hauptgletscher auszukeilen und von 
ihm überwältigt zu werden. 

Der Gletscher schien in seiner lebendigsten Wirksamkeit zu sein; 
überall sauste und brauste das Schmelzwasser, und Trümmer und 
Blöcke fielen tosend in die Spalten hinein. Auf einigen Pfeilern hatten 
sich auch schöne Gletschertische auf hohen Gestellen gebildet. 

Der Tergen-bulak ist ebenso grofs wie der Jam-bulak. Sein felsiger 
Thalweg erstreckt sich, so weit man sehen kann, gegen das centrale 
Firngebiet hin, ist aber nicht so gerade gestreckt wie das des Jani- 
bulak, sondern windet sich schwach in den oberen Regionen zickzack- 
förmig zwischen weit vorspringenden Felsmassen. 

Mit einiger Schwierigkeit erreichte ich an der rechten Seite festen 
Fels, der hier in bizarren, verwitterten, oft senkrechten, ja überhängen- 
den Vorsprüngen ansteht. Hier fand ich Gneifs in horizontaler Lage 
und auf einer nur 10 m langen Strecke in mehreren verschiedenen 
Varietäten auftretend. Erst war es grobkörniger Gneifs von einem 
Gang sehr feinkörnigen Gneifses durchsetzt; weiter oben war die Ober- 
fläche stark verwittert und leuchtete hellgrün; an einer dritten Stelle, 
wo Glimmer in reichlicher Menge vorkam, glänzte sie wie Gold. 

Am 14. August folgten wir der äufseren Seite der linken Ufcr- 
moräne hinauf bis zum fest anstehenden Fels. Dieser taucht steil aus 
den Verwitterungsprodukten auf und zeigt keine Spuren von Glet- 
scher-Erosion, obgleich der Gletscher früher viel hoher gestanden hat, 
wie die alte, hoch gelegene Ufermoräne zeigt. Hier fand ich wieder 
Glimmerschiefer anstehend, darunter Quarzit oder Pegmatit, der stark 
verwittert und vielleicht nur ein Gang ist. 

Von hier aus ritten wir mit Jaks auf der linken Seitenmoräne 
ihrer ganzen Länge nach herunter. Sie besteht, wie gewöhnlich, aus 
Gneifs und Schiefer ohne Ordnung; hier fand ich jedoch auch ein paar 
Bruchstücke von Granit. Die Moräne wird erst in der Nähe des Fels- 
thors sichtbar und erscheint wie ein spitziger Keil, der thalwärts 
immer breiter wird (im mittleren Teil etwa 400 m), um endlich gewaltige 
Ufer- und Endmoränen zu bilden. Das Material ist meist klein bis 
mittelgrofs; nur wenige grofse Gneifsblöcke ragen aus der Masse 
heraus, und einige von ihnen bilden schöne, gegen Süden überhängende 
Gletschertische. An einem Punkt, wo das Trümmermaterial nur in 
einer dünnen Schicht auf dem Eis lag, waren sämtliche Steine, auch 
ganz kleine, im Eis mehr oder weniger tief eingesunken, so dafs das 
Gletschereis in dünnen, scharfen Spitzen und Scheiben senkrecht empor- 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



115 



ragte; die Eisnadeln waren bis fufshoch. Die Oberfläche des unteren 
Teils der Gletscherzunge weist die wohlbekannten Pyramiden auf, die 
nicht selten in erstaunlicher Ordnung kreisförmig stehen. Zwischen 
ihnen liegen quer über den Gletscher rippenförmige Trümmerkreise, 
welche die beiden Seitenmoränen vereinigen. Beim ersten Anblick könnte 
man glauben, es sei dies die wieder auftauchende Mittelmoräne, wie 
beim Kamper-kischlak-Gletscher; in der That sind es aber nur Aus- 
läufer der Seitenmoräne, die immer deutlicher werden, je mehr das 
Gletscherende zusammenschmilzt. Je weiter hinunter wir gelangten, 
desto mehr verschwand auch das Eis im Verhältnis 2U den gigantischen 
Trümmerhaufen, die grofse Teile des Gletschers ganz und gar ver- 
bargen. Nur an Spalten, steilen Wänden, oder wo Bäche strömen, kommt 
das Eis noch zum Vorschein. Die beiden Seitenmoränen ragen immer 
höher über die Längsachse, d. h. die mittleren Teile, des Gletschers 
empor, endlich bis 10 m und mehr. Die mittleren, verhältnismäfsig 
entblöfsten Teile schmelzen früher zusammen; an den Seiten finden wir 
zwei ziemlich lange Apophysen der Zunge, die durch ihre undurch- 
dringlichen Moränen gegen die Sonnenbestrahlung länger geschützt 
werden. An der Front ist deshalb der mittlere Teil verglichen mit den 
beiden Seitenteilen, sehr klein (Tafel 6, No. n). Unter den Hügeln der 
Moräne fanden wir mehrere bis 30 m lange Moränentümpel hellgrünen 
Wassers, deren Form mehr oder weniger an die eines Halbmondes 
erinnerte (Tafel 6, No. 1 2). 

An beiden Seiten der Seitenmoränen, d. h. zwischen ihnen und den 
Ufermoränen einerseits, und zwischen ihnen und der Mittelpartie des 
Gletschers andererseits, strömen Bäche, die sich unterhalb der jetzigen 
Endmoräne vereinigen. Sie haben sich im Eis tief eingeschnitten, so 
dafs manche Eispyramiden drohend überhängen (Tafel 6, No. 13). Die 
Endmoräne ist viel gröfser als alle anderen von recentem Ursprung, 
welche ich bis jetzt gesehen hatte; der Gletscher scheint also in zu- 
fälligem Vorwärtsrücken sich zu befinden oder ist wenigstens stationär. 
Weiter thalwärts liegen die älteren Moränen; sie sind vom Gletscher- 
bach durchmeifselt (Tafel 6, No. 14). 

Der Tjum-kar-kaschka-Gletscher. (Tafel 5, Abb. 6.) 

Diesem Eisstrom wurde zum ersten Mal der 13. August gewidmet. 
Er wird durch schwach welliges und sanft abfallendes Gelände vom 
Tergen-bulak geschieden. Von der Gletscherzunge beherrscht der 
Blick die ganze Firnmulde, welche eine wenig tiefe Einsenkung in der 
Gebirgsflanke darstellt. Der Gletscher erinnert sehr an den Kamper- 
kischlak; wie dieser fällt er nach rechts über und hat seinen Kulmi- 
nationsrücken an der linken Seite. Er ist flach ausgebreitet und hat 

8* 



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116 



Sven Hedin: 



eine ebene Oberfläche, so dafs man auf ihm überall bequem zu Fufs 
gehen kann. Von der rechten Seite, wo eine ganz kleine Ufermoräne 
liegt, klommen wir leicht auf den Gletscher hinauf und legten seine ganze 
Breite zurück, wobei Signalstangen auf einer nord-südlichen Linie auf- 
gestellt wurden (siehe S. 127). Spalten und Protuberanzen fehlen hier fast 
ganz und gar; nur die Randspalten sind deutlich, aber sehr eng und wenig 
weit hineinreichend; manche sind verschneit. Einige Kilometer berg- 
wärts hatten sich Querspalten gebildet, die jedoch unterhalb des kleinen 
hier gelegenen Sturzes wieder zusammenschmolzen. In der Richtung 
der Randspalten laufen eine Menge kleiner Schmelzbäche nach der 
Peripherie hinaus; der gröfste war 90 cm breit, 23 cm tief und so schnell, 
dafs das Wasser mit den Augen kaum verfolgt werden konnte; es hatte 
eine Temperatur von 0,02° C. In dem Bett ist das Eis krystallklar und 
hellblaugrün. Sonst ist die Eisoberfläche sehr porös, wasser- und luft- 
reich, und erst in 2 cm Tiefe erreichten wir kompaktes Eis. Deshalb 
leuchtete der ganze Gletscher aus der Ferne weifs wie Schnee. Eine 
eigentümliche Bildung sind die hier massenhaft vorkommenden kleinen 
runden Tümpel im Eis, die einen Durchmesser von höchstens 1 m haben 
und bis 1 oder 2 cm tief mit Wasser gefüllt sind. Den ganzen Tag 
Uber waren diese Tümpel mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Es sind 
dies wahrscheinlich durch Schmelzbäche gebildete Gletscherbrunnen, 
die höher hinauf auf unebenem Eis gebildet worden und vielleicht 
anfänglich sehr tief gewesen, aber allmählich auf der Reise thal- 
wärts wegen der Abschmelzung der Oberflächenschichten des Gletschers 
immer seichter geworden sind. 

Die rechte Seitenmoräne ist rudimentär und besteht nur aus hier 
und da umherliegenden Steinen, von denen die meisten in tiefen aus- 
geschmolzenen Löchern liegen. Die linke Seitenmoräne ist dagegen 
entwickelt, doch nicht sehr grofs, hat aber eine ziemlich grofse Ufer- 
moräne gebildet (Tafel 6, No. 15). Nicht weit von der linken Seite tritt 
eine kleine Mittclmoräne hinauf, um allmählich breiter zu werden. Der 
Frontteil ist mehr regelmäfsig rund als bei den bis jetzt besprochenen 
Gletschern, und hier strömen die beiden Hauptgletscherbäche zwischen 
den Trümmern der stellenweise unterbrochenen Endmoräne. 

In der Längsrichtung dieses Gletschers liegt der Ulug-rabat-Pafs, 
welcher eine wichtige Wasserscheide des Sank -kol -Thaies ist, indem 
das Wasser an der nördlichen Seite nach dem Gez-darja, an der süd- 
lichen nach dem Jarkend-darja fliefst. 

Die Südwest-, Süd- und Südost- Abhänge des Mus-tag-ata. 

Nach einer einmonatlichen Reise nach Jeschil-kul und Gunt setzte 
ich die Arbeiten am Mus-tag-ata fort. Ich ritt vom 19. bis zum 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



1 17 



22. September in S-, SU-, Ü- und NO-Richtung um diu Abhänge des 
Gebirges herum bis zum Tegcrmen-su. 

Der Kok-sel-Gletscher ist gegenwärtig ganz klein, und seine Zungen- 
spitze reicht nicht weit unterhalb des Felsenthors. Wir lagerten an 
seinem Gletscherbach in einer Entfernung von 6—7 km vom Eis. Der 
ganze Zwischenraum wird von gewaltigen Moränen eingenommen, die 
meistens aus grauem Gneifs in kleinen bis mittelgrofsen Stücken be- 
stehen ; dort fand ich zwei Gneifsblöcke von etwa 800 kbm Rauminhalt 
und mit schwarzer, glattpolierter Oberfläche. 

Morgens am 21. September führte der Schmelzbach nur 20 kdm 
Wasser und war mit einer 6 mm bis 2 cm dicken Eiskruste bekleidet, 
doch hatte er in einer offenen Rinne -+- 3,2° C. Temperatur wegen der 
grofsen Entfernung von der Eisquelle. 

Die unteren Abhänge des Gebirges werden in der Tagarma-Richtung 
immer sanfter, gewöhnlich 7- -8°, selten 13 — 15 0 . Man passiert hier 
eine grofse Zahl von Rücken, deren Oberflächen abgerundet und mit 
feinem Grus und Verwitterungsprodukten bestreut sind, so dafs sie hier 
und da zu Weiden benutzt werden können. Sie gehen radial nach dem 
Kara-su-Thal und der Tagarma-Ebene aus, und zwischen ihnen strömen 
unzählbare Schmelzbäche, die in dieser Jahreszeit meist schon trocken 
waren. 

Dann folgen die Gletscher Sar-agil, Schevär-agil und Gerdunbeh, 
von denen der erste bis ein wenig aufserhalb der Felsenge reicht, der 
weite oberhalb derselben verschwindet und der dritte schon hoch hin- 
auf im Gebirge seinem Untergang entgegengeht. Alle drei haben jedoch 
kolossale Moränen hinterlassen, die jeden Versuch einer Wanderung 
unmöglich raachen. Sar-agil und Schevär-agil werden durch eine 
schwarze, bizarre Gebirgsrippe von einander geschieden; unterhalb 
derselben berühren sich ihre Ufermoränen, und zwischen diesen erstreckt 
sich eine von einem Schmelzbach durchflossene Moränenschlucht. Hier 
versuchte ich am 23. September mit Jaks und zu Fufs die Gletscher 
zu erTeichen, mufste aber nach ein paar Stunden mühsamer Wanderung 
davon abstehen, da die Moränen aus gewaltigen Blöcken bestanden 
und die Entfernung noch gegen 3 oder 4 km betrug. Das Material 
ist überwiegend grauer Gneifs; weniger sind krystallinische Schiefer 
und Pegmatit vertreten. 

Die südlichen Abhänge des festen Gebirges sind aufserordentlich 
verworren; sie bestehen aus schwarzen, hochaufragenden, radialen Ge- 
birgsrippen, zwischen denen (mit Ausnahme der drei letztgenannten) 
keine Gletscher gelegen sind. Unterhalb der verlassenen, steilen Fels- 
schluchten jedoch liegen die nivellierten und erodierten Ruinen alter, 
ausgedehnter Moränen. Die unteren Abhänge dagegen gehen allmählich 



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118 



Sven Hedin: 



in die Tagarma-Ebene Uber, wo die Alluvionen der zahlreichen Schmelz- 
bäche breite, flache Schuttkegel bilden. Diese Gegend ist noch hier 
und da mit grofsen Gneifs- und Schieferblöcken übersät, die wie schwarze 
Denkmäler von einer vergangenen Vergletscherung erzählen. Sie wird 
Kara-gorum genannt, d. h. die „schwarze, steinige (Gegend)", und mit 
diesem Namen bezeichnen die Kirgisen auch die südlichen Abhänge 
des festen Gebirges, wie auch die nördlichen schwarzen Gebirgsrippen 
unter dem Namen Kara-gorum bekannt sind. 

Der Gebirgsstock des Mus-tag-ata wird im Osten von dem äufserst 
tief eingeschnittenen Tegermen-su-Thal begrenzt, das vom Tegermen-su- 
Flufs durchströmt wird, welcher sich auf der Tagarma-Ebene mit dem 
Kara-su vereinigt. Um 4 Uhr nachmittags am 23. September führte 
er nur 2 kbm Wasser von 8.3 0 Temperatur. Anderthalb Kilometer 
oberhalb der Thalmündung steht an der rechten Thalseite grauer 
Gneifs mit 75 0 SW Fallen an. Acht Kilometer höher hinauf hat 
der Gneifs dieselbe Lagerung; die Gebirge an den Thalseiten sind 
furchtbar steil und ihre Kämme schneebedeckt ; der Thalboden ist mit 
Verwitterungsprodukten von allen Gröfsen überstreut. Etwa 10 km 
von der Mündung erweitert sich das Thal zu einem muldenförmigen 
Hoch-Thal mit ziemlich ebenem Boden; in diesem ragen hohe steile 
Gipfel und kleinere Felsen empor. Ich mufs in dieser Furche das 
verlassene und durch die Denudation entstellte Bett eines Gletschers 
erkennen, besonders da ich an der Thalmündung Spuren von alten 
Moränen fand. 

Es war mein Wunsch, an den östlichen Abhängen nach dem Ike-bel- 
su vorzudringen; aber die Tagarma-Kirgisen und Tadschiks versicherten, 
dies sei eine vollständige Unmöglichkeit. Ein Gultscha-Jäger hatte sich 
hier vor einigen Jahren verirrt und war nach mehreren Tagen Fufs- 
wanderung kaum mit dem Leben zurückgekehrt. Man erzählte, dafs er 
drei Kämme, von denen der mittlere riesig war, und die vom Mus-tag- 
ata-Komplex in östlicher Richtung ausgehen, passiert hatte, und dafs 
sämtliche mit Eis bedeckt waren. Obgleich ich eine für die Kirgisen 
grofee Summe darbot, so war es doch unmöglich, Führer zu einem 
neuen Versuch zu finden. 

Während der Wanderungen an den inneren, d. h. gegen Pamir 
gerichteten Abhängen des Mus-tag-ata hatte ich das allgemeine Gesetz 
gefunden, dafs, je weiter man gegen Süden kommt, desto kleiner 
die Gletscher, desto gröfser die alten Moränen werden, d. h., dafs die 
gegen Süden gerichteten, der Sonnenbestrahlung ausgesetzten Gletscher, 
die auch die ozeanischen Niederschläge aus erster Hand empfangen 
haben, in früheren Zeiten eine viel lebendigere Arbeit geleistet haben, 
als die nördlichen, und jetzt ihre Glanzperiode hinter sich haben. Sie 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



119 



haben die Verwitterungsprodukte fortgeschleppt und in dieser Weise 
zor Verkleinerung von Gebirgsmassen beigetragen, die früher vielleicht 
ejen so hoch emporgeragt haben, wie die gegenwärtige Kulminations- 
spitze (etwa 8000 m), und also damals in noch höherem Grade die 
ozeanischen Winde zur Kondensation zwangen. Oft habe ich beob- 
achtet, wie bei westlichem oder sogar nördlichem Wind kleine Feder- 
wolken, die den Gipfel berühren, gerade von Süden kommen und eine 
in den höheren Luftschichten vorhandene unabhängige Windrichtung 
verraten. 

Also je weiter gegen Süden, desto niedriger die Felsabhänge des 
Gebirges, desto kleiner die Gletscher, bis sie ganz aufhören, desto 
gröfser aber auch die Moränen. Gegen Norden werden die Gipfel immer 
höher (ausnahmsweise ist der nördlichste Gipfel ein wenig niedriger als 
sein südlicher Nachbar), die Gletscher gewaltiger und die Moränen 
kleiner, weil die Gletscher hier ihre Transportarbeit noch nicht be- 
endet haben und von der Sonne weniger direkte Beihilfe bekommen. 
Eine natürliche Folge hiervon ist, dafs je weiter gegen Süden, desto 
sanfter die unteren Abhänge des Gebirges werden, bis sie in die ebenen 
Thäler allmählich übergehen. Die Zeit ist überall dieselbe gewesen; 
aber die südlichen Gletscher haben neben günstigeren klimatischen 
Verhältnissen in derselben Zeit eine gröfsere Arbeit geleistet, gröfsere 
Massen von festen Trümmern hinuntergeschleppt, die dann auch von 
Schmelzbächen und Niederschlägen nivelliert worden sind. Im Norden 
geht die Nivellierungsarbeit langsamer von statten ; weniger bedeutende 
Massen fester Bestandteile wurden heruntertransportiert, und die unteren 
Gebirgsabhänge sind deshalb viel steiler. 

Ein auffallender Charakterzug in der Plastik der unteren Abhänge 
des westlichen Mus-tag-ata ist, dafs alle Schmelzbäche und alle Rücken 
zwischen ihnen bis zum Tjum-kar-kaschka- Gletscher einen nordwest- 
lichen Verlauf haben, wogegen die südlich davon gelegenen gegen 
SW und S gerichtet sind. Zwischen diesen beiden hydrographischen 
Systemen liegt quer über das Sarik-kol-Thal ') der verhältnismäfsig niedrige 
Ulugrabat-Pafs , eine wichtige Wasserscheide des Gebietes. Auf den 
Irik-jak- und Tu -baschi- Ebenen nördlich davon vereinigen sich all- 
mählich sämtliche Schmelzbäche zu einem Flufs, der Zuflüsse von den 
Pamir-Pässen Mus-kurau, Joll-tock-terek und Kara-tock-terek empfängt 
und sich in den Kara-kul ergiefst. Das trübe Gletscherwasser läfst hier 
seine festen Bestandteile zu Boden sinken und verläfst den See an 
dessen nördlichem Ende wie ein krystallklarer kleiner Flufs, der sich 
weiter unten mit dem grofsen Ike-bel-su-FIufs, dem gröfsten Quellarm 



M Vgl. Tafel g u. iz in dieser Zeitschrift, 1894. 



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120 



Sven Hedin: 



des Ges-darja, vereinigt; dieser wird zwischen Kaschgar und Jangi- 
hissar in mehrere „Ariken" geteilt, die zahlreiche Kischlaks bewässern, 
und der Flufs erreicht deshalb selten den Kaschgar-darja. Die südlich 
tles Ulug-rabat fliefsenden Schmelzbäche vereinigen sich mit dem Kara- 
su, der über Tasch-kurgan den Jarkend-darja erreicht. 

Die nordöstlichen Abhänge des Mus-tag-ata. 

Wir verliefsen am 9. Oktober den Kara-ku) und passierten auf 
dem Rückweg nach Kaschgar am 12. den Pafs Merke-bel, südöstlich 
des Kara-tasch-davan gelegen. In südöstlicher Richtung verfolgen 
wir den Lauf des Ike-bel-su, lassen zur linken Hand die Jallpack-tasch- 
jilga, welche nach Kara-tasch-davan hinaufführt, und gelangen nach 
Tur-bulung, wo das bis jetzt tief eingeschnittene Thal die gewöhnliche 
breite, flache Form der Hochplateaus annimmt, und wo einige von 
den Kirgisen aufgesuchte Jejlaus gelegen sind. 

Nur wo der Bach des Tuja-kujruck-Gletschers (den ich nicht be- 
sucht habe) die unteren Abhänge des Mus -tag -ata in tiefem Bett 
durchsetzt, war fester Fels erreichbar und bestand aus grünem krystal- 
linischem Schiefer (Fallen 58° O). Der Ike-bel-su führte jetzt nur 7 kbm 
Wasser, ist aber im Hochsommer nur an einer einzigen Stelle und dies 
mit Schwierigkeit passierbar 1 ). Der einzige erreichbare und sichtbare 
Gletscher auf dem Weg nach Tur-bulung ist der Kok-sel, welcher einen 
Lauf nach NO, N und NW hat und an einer dreieckigen Erweiterung 
des Thaies Taschning-Tube ausmündet. Dieser Gletscher ist erster 
Ordnung, seine sehr unebene Oberfläche mit lauter Schutt bedeckt. Er 
empfängt aus den Seiten einige kleine Nebengletscher; die Endmoräne 
ist rudimentär, die Ufermoräne zwischen Eis und Fels zusammengeprefst 
und unterhalb des Gletschers weggetragen. 

Rechter Hand, d. h. an der südlichen Seite des Tur-bulung-Thales, 
mündet Kara-jilga aus, ein Thal, in dessen Boden ein Gletscher zweiter 
Ordnung aus drei Wurzelgletschern entsteht. Hier befinden sich auch 
einige wenig bedeutende Hängegletscher. 

Der letzte Gletscher, den wir passierten, ist gerade auf dem breiten 
Pafs Merke-bel ausgebreitet; sein Firngebiet liegt auf den Kämmen 
südlich davon, und die dünne, ii km breite Zunge bedeckt den 
Pafs und dessen beide Abhänge. Auf seiner ebenen Oberfläche lag 
schon jetzt (12. Oktober) bis 40 cm tiefer Schnee. An beiden Seiten 
des Passes, besonders aber am östlichen Abhang, liegen riesige Mo- 
ränen, die nur mit grofser Schwierigkeit überschritten werden können J 



') Am 18. Juli, 3 Uhr nachmittags, führte der Flufs 74 kbm Wasser in der 
Sekunde. 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



121 



deshalb ist flieser Pafs auch von den Kirgisen selten benutzt, und man 
wählt lieber den Kara-tasch-davan oder Kok-mojnak für den Verkehr 
/wischen Kaschgar und Sarik-kol. 

Das Panzereis. . 

Wie ich in einem früheren Bericht erwähnt habe, zerfällt der Gebirgs- 
stock des Mus-tag-ata in drei Teile, die in je einem Gipfel kulminieren 
südlich des mittleren und südlich des südlichen Gipfels kommt noch 
je ein Nebengipfel hinzu, so dafs man eigentlich von fünf Gipfeln des 
Mus-tag-ata reden darf); diese sind nur durch schwache Einsenkungen 
von einander geschieden, so dafs von Murgab aus nur zwei Gipfel 
sichtbar sind, der nördliche, isolierte, einerseits, und die südlichen 
andererseits, die zu einer grofsen, flachen Kuppel zusammen zu schmelzen 
scheinen. In den mittleren und unteren Regionen der Abhänge sind 
die drei Teile sehr scharf geschieden, indem die Gletscher Jam-bulak 
und Tergen-bulak in Furchen oder Korridoren, die bis 400 und 500 m 
Tiefe haben, dahinströmen. Auch die meisten übrigen Gletscher sind 
in ähnlichen, wenn auch weniger tiefen felsigen Thalfurchen gelegen. 

Wenn der Mus-tag-ata einen regelmäfsen Kegel bildete, sollte dieser 
auch von einer mit Schnee und Firn bedeckten Eisscholle bekleidet 
sein, deren Dicke zonenweise dieselbe sein würde, abgesehen von den 
klimatischen Einflüssen nach den Himmelsrichtungen. Die zersplitterte 
Form des Gebirges verursacht aber in der That eine sehr unregelmäfsige 
Verteilung der Eismassen. Im grofsen und ganzen liegt zwar eine Eis- 
scholle über den höheren Regionen des Gebirgsmassivs, die ihre Ausläufer 
wie Tentakeln nach den Vertiefungen, d. h. nach den Firnmulden und 
Gletscherthälern aussendet; aber die Dicke und Ausbreitung dieses 
Panzers ist an verschiedenen Abhängen sehr ungleich. Der nördliche 
Gipfel, den ich bis 5990 m bestiegen habe, war bei dieser Höhe (6. und 
16. August) mit Firnschnee und frischem Schnee bis 40cm Dicke bedeckt, 
und dieser Schnee lagerte gewöhnlich unmittelbar auf verwitterten Felsen; 
nur am Rande des Jam-bulak-Gletscherthals lagen dünne, unterbrochene 
Eisschollen. Der Abhang des mittleren Gipfels aber, der mit seinem 
Nebengipfel zwischen dem Jam-bulak und Tergen-bulak gelegen ist, 
hat alle Bedingungen zur Bildung eines grofsartigen Eispanzers be- 
nutzt. Als ich hier am 11. August einen neuen Versuch zur Besteigung 
machte, hatte ich einen schönen Überblick über das ganze Panzereis 
Taf. 5, Abb. 4). Wir stiegen mit Jaks auf der linken, südlichen Fels- 
wand des Tjal-tumak-Gletschers hinauf; der schneefreie Teil des Ab- 
hanges keilt hier zwischen der Gletschcrpassage und einem Ausläufer 
des Panzereises in einer Höhe von 4750 m aus und gestattet einen guten 
Angriffspunkt für eine Besteigung. Von diesem Punkt sieht man den 



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122 



Sven Hedin: 



ganzen unteren Rand des Panzereises, das hier zwei Apophysen thal- 
wärts aussendet. Der erste, in unserer Nähe, hat die meisten Eigen- 
schaften eines gewöhnlichen Gletschers; seine Front ist senkrecht, 
wenigstens 20 m mächtig, und an seiner Basis liegen heruntergefallene 
Kisblöcke (Tafel 6, No. 16). Die überschneite Oberfläche ist von Quer- 
spalten durchzogen, die eine thalwärts gekrümmte Biegung haben und 
sehr schmal sind ; von der Front strömt ein Schmelzbach in einer tief 
auserodierten Furche, wo hier und da fester Fels hervorscheint, sonst 
sind überall die schneefreien Abhänge des Gebirges durch Verwitterungs- 
produkte verborgen. In der Nähe des Tergen-bulak-Gletschers geht 
die zweite Apophyse aus, streckt sich ein wenig weiter hinunter, aber 
ist dabei dünner, und ihre Spalten sind thalwärts konvex. An den 
entblöfsten Stellen des Randes leuchtet blaues, schönes, reines Eis 
hervor. 

Dann stiegen wir auf dem Panzereis weiter hinauf; der Schnee 
lag hier 9 bis 14 cm dick und hinderte das Ausgleiten der Jaks, 
obgleich die Oberfläche des Eises hier einen Fallwinkel von 24 0 hatte. 
Wir waren noch nicht weit gekommen, als der erste Jak mit den Vorder- 
beinen einbrach, und dann folgte eine ganze Menge paralleler Quer- 
spalten, die gewöhnlich nur fufsbreit waren, selten anderthalb Fufs, 
und deren Tiefe nie 10 m überstieg, während die meisten nur 5 bis 
6 m Tiefe hatten. Im allgemeinen waren diese Spalten überschneit, 
und ein paar Schneebrücken hielten sogar unter den geschickten 
Jaks; einige Spalten konnten wir wegen schwacher Einsenkungen in 
der Schneeoberfläche entdecken und umgehen, da sie gewöhnlich nach 
beiden Seiten hin auskeilten. Dann wurden die Spalten spärlicher, und 
wir stiegen in immer tieferem Schnee hinauf. In einer Höhe von 
5650 m verschwand mit einem Mal der erste Jak in einer von Schnee 
verborgenen Spalte; doch blieb er in deren dünnem, an der unteren 
Seite mit Eiskruste überkleideten Schneegewölbe schweben und konnte 
mit Mühe gerettet werden. Die Spalte war i«/ 3 m breit und 8 m 
tief, die Wände bestanden aus dunkelblauem, schönem Eise ; der Boden 
war mit Schnee teilweise gefüllt, und vom Gewölbe hingen lange Eis- 
stalaktite hinunter, die aus dem Schmelzwasser des Schnees während 
warmer Tage gebildet waren. Wir entdeckten jetzt, nachdem ein Kirgise 
und noch ein Jak eingebrochen waren, ein ganzes System sich einander 
kreuzender Spalten, und ein wenig höher hinauf eine etwa 6 m breite 
Spalte, die von dem Gletscherthal hinauf in SSO -Richtung sich 
erstreckte und jeden Übergang unmöglich machte. Der Schnee 
lag hier 40 bis 50 cm tief. Wenige hundert Meter höher hinauf 
erhoben sich gewaltige Eisprotuberanzen mit wilden, zackigen 
Formen; es sind ganze Mauern, Pyramiden und Türme, deren Seiten, 



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Die Gletscher de« Mus-tag-ata. 



123 



wo diese senkrecht sind, aus klarem Eis bestehen, während die sanft 
abfallenden Oberflächen mit tiefem Schnee bedeckt sind. Von hier 
aus ist also eine Besteigung des Berges ganz und gar unmöglich. 

Betrachtet man den Mus-tag-ata vom Ulug-rabat-, Mus-Kurau- oder 
Sarik-tasch-Pafs, so findet man, dafs die Firnmulde des Tjal-tumak- 
Gletschers weit unterhalb des mittleren Gipfels anfängt und im Kamm 
der Mus-tag-ata-Gruppe keine solche Einsenkung verursacht, wie der 
Jam-bulak- und Tergen-bulak-Gletscher. In diese Mulde gleitet aber der 
gröfste Teil des Panzereises der mittleren Teile hinein, um den 
Gletscher zu ernähren. Nördlich des Tjal tumak-Gletschers ist der 
Rand des Panzereises dünner als südlich desselben und keilt hier all- 
mählich aus. 

Von dem Aussichtspunkt des n. August hatten wir einen guten 
Uberblick über die vier grofsen Gletscher Jam-bulak, Tjal-tumak, Tergen- 
bulak und Tjum-kar-kaschka, sowie über deren Moränen und Gletscher- 
bäche. Von hier aus erscheinen die gewaltigen Eisströme wie schmale 
weifse Bänder im Verhältnis zu den grandiosen Eismassen, welche wie 
eine Panzerbekleidung den Berg bedecken, und dort hatte ich auf 
ihnen Spalten bis an 20 m Tiefe gefunden (Jam-bulak). 

An der rechten, nördlichen Seite des Tergen-bulak-Gletschers, 
wo die Felsen fast senkrecht oberhalb der Schuttkegel stehen, geht 
ein Zweig des Panzereises bis zum Felsenrand hinaus, wo er sogar von 
Zeit zu Zeit ein wenig überschiebt. Vom oberen Eisrand hängen wenig- 
stens 5 m lange Eisstalaktite herunter; hier sprudeln auch mehrere 
kleine Schmelzbäche; von der unteren Seite, d. h. zwischen Eis und 
Fels, strömen vier Kaskaden krystallklaren Wassers herunter (Tafel 6, 
No. 17). Sie werden vom Wind zerstäubt, der feine Wasserstaub be- 
feuchtet die Felswand, die im Sonnenschein dunkel glänzt; das 
Wasser vereinigt sich jedoch am Fufs der Schuttkegel wieder zu 
einem Bach. 

Noch höher hinauf an der rechten Seite der Gletscherpassage 
sahen wir zwei andere Ausläufer, die aber nicht so weit nach unten gehen, 
da sie wegen der Form des Gebirges und der kräftigen Sonnen- 
bestrahlung nicht den Felsrand erreichen. Auch zwischen Tergen- 
bulak und Tjum-kar-kaschka streichen manche Eiszweige thalwärts, so 
auch südlich des letztgenannten Gletschers. Dann wird aber die 
Eisbekleidung immer dünner, um endlich an den südlichen Ab- 
hängen schon in Regionen aufzuhören, die vom Gebirgsfufs aus nicht 
sichtbar sind. 

In der Regel geht von jeder solchen Apophysenzunge ein wenig 
tief eingeschnittener Gletscherbach aus, dessen Furche an dem Abhang 
so weit fortsetzt, bis sie einen gröfseren Gletscherbach erreicht. 



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124 



Sven Hedin: 



Ablation und Gletscherbäche. 

Am 31. Juli um 7» 2 Uhr nachmittags wurde eine Stange zur Messung 
der Ablation an einer der Sonne ausgesetzten Stelle des Jam-bulak- 
Gletschers eingeschlagen. Der Schnee wurde weggefegt und die poröse 
Oberflächenschicht des Eises weggehauen. Am 3. August 5'/aUhr nach- 
mittags, also nach 76 Stunden, zeigte es sich, dafs nur 4,5 cm des Eises 
geschmolzen war, dafs aber das darunter liegende Eis bis zu einer Tiefe 
von 10 cm sehr porös, luftreich und wassergetränkt war. Der wirkliche 
Betrag der Ablation war also bedeutender als der abgelesene Betrag, 
da ein Teil der Wassermenge dazu verwendet worden war, das Eis bis zu 
10 cm Tiefe mürbe zu machen. Das Wetter der drei Tage hatte übrigens 
die Ablation in hohem Grad gehindert. Das meteorologische Journal 
giebt für den betreffenden Zeitraum Bewölkung von 9 bis 10 Zehntel des 
Firmaments, niedrige Temperatur und fast unaufhörlichen Schneefall 
oder Hagel. Die Oberfläche des Gletschers war mit einer bis 20 cm 
hohen Schneedecke bekleidet, welche gewifs ein grofses Hindernis für 
die Ablation ist. Der Ort, wo die Stange auf einer Pyramide stand, 
war aber wegen seiner Form schneefrei. 

Vom 3. August */»6 Uhr nachm. bis 7. August V13 Uhr nachm., also in 
93 Stunden, zeigte die Ablationsstange 16,5 cm Abschmelzung, oder drei 
mal soviel wie während der drei vorhergehenden Tage. Während der 
ersten Woche des August waren mithin 21 cm weggeschmolzen ; d. i. etwa 
3 cm täglich im Mittel, 1 m im Monat, 4 m während der vier Monate, 
in welchen die Gletscher überhaupt in Wirksamkeit sind. Hierbei ist zu 
erwähnen, dafs das Wetter des 4. und 7. nicht ganz klar war, und diese 
Woche daher als sehr ungünstig für die Ablation betrachtet werden mufs, 
dafs ferner die Ablationsstange an der rechten Seite des Gletschers stand, 
wo das Eis zwar exponiert war, die Ablation jedoch durch Reflexion von 
dem überall umgebenden Eis gemindert wurde, und endlich dafs die Ab- 
lation am lebendigsten von Ende Mai bis Ende Juli vor sich geht, 
dort auch während des ganzen Jahres fortdauert, obgleich im Winter 
mit verschwindend geringem Betrag. Die Zahl 4 m hat also keinen 
absoluten Wert; denn in der That mufs die mittlere Ablation des 
Jahres viel bedeutender sein. Das Resultat giebt aber einen Hinweis, 
wie hindernd die ungünstige Witterung einwirkt, da während eines be- 
wölkten Tages mit Schneeniederschlag kaum ein Drittel so viel weg- 
geschmolzen wird, wie während eines klaren Tages. Dasselbe zeigt auch 
der Gletscherbach, der in den vier letzten Tagen bedeutend wasser- 
. reicher war, als während der drei ersten, obgleich diese an Nieder- 
schlag sehr reich waren, der im Gebiet des Baches zum grofsen Teil 
als Regen fiel. 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



125 



Einige Beobachtungen über die Wassermenge und Temperatur von 
wei Gletscherbächen werden das Gesagte beleuchten. Der kleine 
Schmelzbach, welcher von der rechten Seite des Jam-bulak-Gletschers 
ausgeht, ein wenig unterhalb des Felsenthores, führte am 31. Juli 9 Uhr 
vormittags bei 2,5° Lufttemperatur und in einer Entfernung von 1V3 km 
vom Gletscher nur 0,075 kbm Wasser in der Sekunde, mit 5,7° Tem- 
peratur; um 1 Uhr fing er an zu steigen, erreichte ein Maximum gegen 
8 Uhr abends und fiel wieder während der Nacht. Am 3. August 
; Uhr nachmittags führte er jedoch nur 0,144 kbm un d hatte bei i,8° 
Luftwärme eine Temperatur von -f- 4,3°. Während dieser Tage war 
das Wasser fast ganz klar. Dann folgen die vier schönen Tage. Am 
/ August 7 Uhr nachmittags fand ich also eine Wassermenge von 0,9 kbm 
und 4,i° Temperatur, und zwei Stunden später 0,95 kbm mit i,8° bei 
4,1 c Lufttemperatur. Üas Wasser war jetzt ziemlich trübe. Für den 
5. August fand ich folgende Zahlen: 

Um 12 Uhr 0,6 kbm Wassermenge, 7,6° Temp., 10,6 0 Lufttemperatur, 

v 3 „ o,55 » » 9.4° » io i3° 

» ^ „ 0,95 „ „ 4,i° „ — 

" 9 m 0,96 „ „ 2,1° „3° 

und für den 7. August: 

Um 12 Uhr 0,55 kbm, 9,5° Temp., 12,2° Lufttemp., 12 cm tief 
" 3 » °»95 >» 9>4° ft 

14,5° „ 9 m durch- 

„ 6 ,. 1,26 

»» 3»4° >» 12 ° »» 6 n (sichtiges 

„ 9 „ 0,97 „ i,6 c „ 4° „ — Wasser. 

Die Tabelle zeigt, dafs mit dem Steigen der Wassermasse Tem- 
peratur und Durchsichtigkeit des Wassers abnehmen. Die Temperatur 
ist am Mittag am höchsten, sinkt dann bis abends, woraus hervorgeht, 
dafs sie hauptsächlich von der Lufttemperatur und Bodenwärme ab- 
hängig ist. Je gröfser aber die Wassermenge, die beim Austritt aus 
dem Gletscher wenig über o° hatte, desto langsamer wird sie erwärmt. 
Bei der geringen Wassermenge am 31. Juli fanden wir sogar um 9 Uhr 
vormittags schon 5,7° und am 3. um 10 Uhr abends noch 4,3°. Das 
Maximum der Wassermenge scheint auf die Zeit zwischen 6 und 9 Uhr 
abends zu fallen, obgleich wir uns hier nicht weit vom Gletscher be- 
enden ; aber die kleinen Schmelzbäche brauchen geraume Zeit, um ihren 
Lauf über die Gletscheroberfläche zurückzulegen. Dafs die Durchsichtig- 
keit mit der steigenden Wassermenge zunimmt, beruht wohl meist dar- 
auf, dafs die Erosionskraft wächst, und dafs der Bach die gröfsere Menge 
Verwitterungsprodukte und Staub der durchbrochenen Moräne mitführt; 
denn von der Oberfläche des Gletschers, woher er kommt, kann er 
nur wenig feste Bestandteile mitbringen. Dieser Bach hat die Lücke 
•m der Gletscherseite, wo wir die Gletscherwanderungen begannen, 



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126 



Sven Hedint 



gebildet; eben wo der Bach den Gletscher verläfst, ist eine Unter- 
brechung in der Ufermoräne, vermutlich durch seine Erosion, entstanden. 
Die Neigung der Eisoberfläche nach rechts und die grofsen Ufermoränen 
zwingen den Bach, eine ganz andere und zwar nördlichere Richtung 
zu nehmen als der eigentliche Gletscherbach Jam-bulak, mit welchem 
er sich erst auf der Ebene vereinigt. 

Die Insolation ist der wichtigste Faktor der Ablation. Dies zeigt 
der Umstand, dafe während klarer Tage der Bach fast zehnmal so- 
viel Celsius-Grade zeigte wie während der bewölkten, an denen der 
Betrag der Insolation gleich der Luftemperatur wird; die Insolation 
stieg hier bis zu 47,1° (7. August 1 Uhr nachmittags). 

Am Tergen-bulak, wo unser Lager 300 m von der Endmoräne 
stand, fand ich am 10. August um 1 Uhr nachmittags bei 13,6° Luft- 
temperatur und klarem Himmel 6,3 kbm und 2,7° des Wassers; um 
9 Uhr abends desselben Tages bei 3,2° Lufttemperatur wenig über 
2 kbm und -+- 0,1 °. Der Bach war während des Tages mit Massen 
Schleifmaterials beladen. Hierbei ist noch zu bemerken, dafs eben 
dieser Bach die Hauptmasse des Schmelzwassers des Tergen-bulak 
mitführt, und dazu kommen noch mehrere kleine Rinnsale des Panzer- 
eises, die sich mit diesem Bach vereinigen. 

Am 12. August waren die Verhältnisse anders. Nebel lagerte 
Uber der Gegend. Um 1 Uhr nachmittags zeigte das Thermometer 8,8° 
bei starker Bewölkung (9), um 9 Uhr abends 3,5° und Bewölkung (5). 
Um 1 Uhr 2 kbm Wasser 1,5° Temperatur des Wassers 

n 3 tt '»84 tt tt 2 »3 tt tt tt 

»» 6 ,, 1*52 ,, „ 0»4° m n tt 

» 9 >t !j°4 »» h 0 > l0 tt tt tt 

Die Ablation wurde also durch die ungünstige Witterung gehemmt. 

An einem solchen Tag sind sämtliche Rinnsale des Panzereises ge- 
froren und liefern also keinen Beitrag zum Gletscherbach. 

Gefrorener Boden. 

Am 7. August um 5 Uhr nachmittags machte ich bei 12,5° Luft- 
temperatur eine Untersuchung über die Temperaturverhältnisse der 
obersten Bodenschichten; dies geschah an unserm Lagerplatz am 
Jam-bulak-Gletscher-Bach , in einer Entfernung von 120 m vom Ufer 
und 1 1 3 km vom Gletscher und in einer Höhe von etwa 4300 m. 

Der Boden ist hier fast horizontal, grasbewachsen, und besteht 
aus aufserordentlich feinem, dunkelgelbem bis braunem Geschiebelehm. 
Wir erreichten eine Tiefe von 94 cm und fanden bei 92 cm Tiefe ge- 
frorenen Boden. Die Oberflächenschicht besteht bis 1 1 cm Tiefe aus 
schwarzer Erde mit einer Menge mehr oder weniger verfaulter Pflanzen- 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



127 



wurzeln: Temperatur 8,9°. Dann folgte bis 26 cm Tiefe (immer von 
der Oberfläche aus gerechnet) dunkelgelber, weniger feuchter Ge- 
schiebelehm, hier und da mit verfaulten Pflanzenwurzeln; Temperatur 
5,15°. Bis 40 cm wird der Lehm mit ein wenig Sand vermengt, 
die Wurzeln sind selten, die Temperatur 4,21°. In der folgenden 
Schicht bis 57 cm verschwinden die Wurzeln; kleine Gneifsscherben, 
desselben Aussehens wie bei den Nachbarmoränen, treten auf; Tem- 
peratur 3,i°. Bis 67 cm wurden diese Steine kleiner und seltener; 
Temperatur 2,07°. In 83 cm liefe* anstatt Steinen kommt wieder Sand 
vor; Temperatur 0,27°. Bis 91 cm Tiefe wird der Geschiebelehm fast 
rein aber sehr feucht und läfst sich noch zwischen den Fingern 
kneten; Temperatur 0,02°. In einer Tiefe von 94 cm herrschte eine 
Temperatur von —.04°; hier ist der Boden hart wie Eis. Für die 
Bildung des Geschiebelehms spricht genügend die deutliche Lagerung 
und die Nähe des Gletscherbaches. Einige hundert Schritte unterhalb 
des betreffenden Platzes fanden wir noch die Fragmente alter Moränen ; 
sie bilden nur flache Steinhügel, zum Teil grasbewachsen. 

Wie tief sinkt nun die Temperatur, ehe sie wegen der Erdwärme 
wieder zu steigen anfängt? Diese Frage kann ich nicht beantworten; 
nur mit grofser Mühe haben wir die Tiefe von 94 cm erreicht. 

Auf dem Pamir-Plateau hatte ich am 8. März bei 61 cm Tiefe eine 
Temperatur von — 0,9" gefunden und die Mächtigkeit des ganzen ge- 
frorenen Bodens zu ungefähr 1 m berechnet. Auf dem Mus-tag-ata finden 
wir jetzt, dafe der Boden im Sommer bis 92 cm auftaut bei der inten- 
siven Insolation. Dies scheint dafür zu sprechen, dafs der gefrorene 
Boden des Pamir im Sommer vielleicht ganz und gar auftaut, oder dafs 
nur eine ganz dünne Schicht in einer Tiefe von etwa 90 cm auch im 
Sommer gefroren zurückbleibt. 

Die Bewegung der Gletscher. 

Am 3. August um 3 Uhr nachmittags wurden neun Signalstangen 
vom rechten Ufer aus auf dem Jam-bulak-Gletscher eingeschlagen 
(Tafel 5, Abb. 7). Die Oberflächenverhältnisse dieses Gletschers sind zwar 
für Bewegungsbeobachtungen nicht günstig, und in den meisten Fällen 
waren von jeder Stange aus nur ihre beiden Nachbarn sichtbar, die 
übrigen hinter Pyramiden und Pfeilern verborgen. Von einer hoch 
gelegenen, festen Operationsbasis am rechten Uter, 22 m vom Eis- 
rand, gingen wir erst in südsüdwestlicher Richtung in den Gletscher 
hinein, wurden aber schon in einer Entfernung von 237 m durch eine 
unubersteigliche Spalte gehindert. Auf dieser Strecke wurden drei Signal- 
stangen No. I, II und III eingeschlagen. Von No. I aus gingen wir 
dann in südsüdöstlicher und südlicher Richtung und legten 529 m 



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128 



Sven Hedin: 



auf dem Eis zurück bis zu einem Punkt, wo die emporagende 
linke Hälfte des Gletschers jedem Vorwärtsdringen ein Hindernis in 
den Weg setzt. Da diese Linie um i km unterhalb des Felsenthores 
gelegen ist, schätzte ich die zurückgelegte Strecke zu 4/ 9 der ganzen 
Breite des Gletschers oder ungefähr die Hälfte. Doch läuft der erste 
Teil der Linie, nämlich zwischen den Stangen I und IV, fast parallel 
mit dem Eisrand, da man hier von den Spalten und Pyramiden ganz 
abhängig ist und dieselben umgehen mufs. Die Signalstangen bestanden 
aus „ugAs"; so heifsen die wenig gekrümmten, schwarzen, runden Stangen, 
welche die Kirgisen zum Aufhalten des kuppeiförmigen Daches ihrer ,,«y> 4 
(Zelte) verwenden; sie hatten eine Länge von etwa 2 m und waren 
deutlich sichtbar. Die Stangen I, IV, V und VI wurden auf der hier 
dünnen Seitenmoräne eingeschlagen, VII -IX auf dem freien Eis, doch 
mit Steinkreisen an der Basis umgeben, damit ihre Lage erkannt werden 
konnte, falls sie durch die Ablation umfallen sollten. Die Aufnahmen 
der Linien wurden mit topographischen Instrumenten, Mefstisch, Diopter 
und Kompafs und mit Fernrohr gemacht. 

Am 18. August, genau 15 Tage später, kehrten wir von den süd- 
lichen Gletschern zurück, um die veränderte Lage der Signalstangen 
zu beobachten. Dabei ergab sich folgendes. Betrachten wir zuerst 
die drei ersten Stangen, so finden wir: 

No. I 62 m von der festen Basis: - 1,95 m, d. i. — 0,13 m täglich 
,, II 186 ,, ,, ,, ,, i o ,, ,, i o ,, ,, 

„ III 259 „ „ „ „ „ -h 1,4 „ « „ -h 0,093 „ „ J 
Das heifst, die erste Stange, nicht weit vom Eisrand, ist nicht nur 
nicht vorgerückt, sondern hat sich sogar 1,95 m bergwärts bewegt; No. II 
steht genau auf derselben Stelle wie vor 15 Tagen, und erst No. III 
ist 1,4 m vorgerückt in der Längsrichtung des Gletschers. Die Er- 
klärung dieses beim ersten Anblick eigentümlichen Phänomens liegt 
nahe bei der Hand. Eben an diesem Punkt breitet sich der 
Gletscher beim Austritt aus dem Felsenthor kräftig aus und zwar be- 
sonders nach der rechten Seite; hierdurch wird eine Gegenströmung 
am rechten Ufer hervorgerufen, genau so wie in einem Flufs. Ein 
Wirbel, der seiner Ursache und seiner Funktion nach den Bewegungen 
fliefsenden Wassers entspricht, ist also hier durch die plastischen 
Verhältnisse des Untergrundes eine Notwendigkeit. No. II ist unbe- 
weglich und bildet die Achse, um welche herum das Eis seine rotierende 
Bewegung macht. Die südlich davon gelegenen Eismassen rücken 
vorwärts, die nördlich davon rückwärts. Obgleich also an diesem 
Punkt eine Anhäufung des Eises theoretisch verursacht werden sollte, 
ist eine solche nicht sichtbar, teils wegen der Geringfügigkeit der Be- 
wegung im Verhältnis zu den Eismassen, teils wegen der nivellierenden 



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Die Gletscher des Mus-Ug-ata. 129 

Wirksamkeit der Ablation. Da mehrere andere Gletscher des Gebirges, 
wie oben erwähnt, ähnliche Gestaltung haben, vor allen Dingen der 
Kamper-kischlak, so ist die Wirbelbewegung am rechten Ufer wahr- 
scheinlich keine seltene Erscheinung. 

Obgleich die Stangen IV- IX auf einer gebrochenen Linie stehen, 
fand ich hier eine regelmäfsige Bewegung thalwärts, d. h. immer 
grösseres Vorrücken je weiter vom rechten Ufer entfernt. Die feste 
Basis liegt in dieser Richtung 30 m vom Eisrand. Die Entfernungen 
von dieser Basis und die Beträge des Vorrückens während der 
15 Tage sind in der folgenden Tabelle angegeben: 

No. IV 90 m von der Basis 1,78 m, d. i. 0,118 m täglich 



n V 176 



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VI 212 „ 
„ VII 305 „ 
» VIII 397 „ 



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IX 529 



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c l x O tt II 0,143 II II 



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tt 2,25 » n °i 1 S° »t t, 

„ tt tt 0,180 „ „ 

tt 4#*5 » » °» 28 3 tt tt 
» 4,5° n tt 0,304 1. 
Hierzu ist nun zu bemerken, dafs die Basis, nicht der Eisrand, 
als Ausgangspunkt der Entfernungen gewählt worden ist. Wenn der 
Eisrand als Ausgangspunkt genommen wird, mufs überall in der ersten 
Zahlenreihe 47 m abgezogen werden. No. IV ist südsüdwestlich vor- 
gerückt, V und VI westsüdwestlich, die übrigen westlich. Dicht ober- 
halb No. IV ist das Eis furchtbar verworren, und hier kreuzen sich eine 
Menge kleiner Quer-, Längsund Randspalten. Inzwischen hatte sich das 
Aussehen der Eisoberfläche insofern geändert, als jetzt der Schnee grössten- 
teils weggeschmolzen war, sodafs das klare hellblaugrüne Eis hervorglänzte. 

Am 13. August wurden zwischen zwei Fixpunkten 1 1 Stangen quer über 
den Tjum-kar-kaschka-Gletscher eingeschlagen und mit Steinringen um- 
geben (Tafel 5, Abb. 6). Sie standen auf einer fast geraden N-S-Linie, i'/jkm 
vom Gletscherende entfernt. Die Breite des Gletschers ist hier 1 181 m. Am 
20. September, nach 38 Tagen, wurde die Linie wieder aufgenommen, und 
es ergaben sich folgende unerwartete und unregelmäfsige Bewegungszahlen : 
No. I 71 m vom rechten Ufer: o m, d.i. o m täglich 



'< 


II 


153 


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II 


— 1,22 


11 


11 


— 0,032 


11 


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III 


277 


tt 


tt 


II 


II 


— 0,25 


11 


11 


- 0,0065 


11 


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IV 


354 


M 


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II 


~h 0,214 


11 


11 


-h 0,0056 


11 


" 




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II 


II 


II 


"+" 1,65 


11 


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-H 0,043 


M 


II 




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597 


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II 


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11 


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II 


II 


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VII 


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II 


II 


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II 


II 


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85 1 


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II 


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II 


-+■ 0,3 


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11 


■+■ 0,008 


II 


II 


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IX 


997 


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II 


II 


-h 1,22 


11 


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II 


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II 


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+ 0,23 


11 


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XI 1181 


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II 


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II 


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Zeiwchr. d. GwdUch. f. Erdk Bd. XXX, 1895. 



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130 



Sven Hedin: 



Wir finden hier also dasselbe Verhältnis wie beim Jam-bulak- 
Gletscher, dafs nämlich am rechten Ufer, nach welchem die Eisober- 
fläche abfällt, eine rückgängige Bewegung vorhanden ist; ein Maximum 
des VorrUckens liegt nicht weit von der Mitte und ein zweites Maximum 
ungefähr 200 m vom linken Ufer. Als die Linie zum zweiten Mal auf- 
genommen wurde, konnte ich, dank der beiden Fixpunkte, feststellen, 
dafs die Zahlen der vorstehenden Tabelle richtig sind; jedoch konnte 
ich nicht ermitteln, worauf diese unregelmäfsige Bewegung beruht. 
Die Ursache mufs wahrscheinlich teils in der gewölbten Gestalt des 
Untergrundes gesucht werden, teils darin, dafs das Eis in dieser 
Jahreszeit zu erstarren anfängt, wodurch Verschiebungen in verschieden 
kräftig besonnten Längsstreifen des Gletschers hervorgerufen werden. 
Die Tabelle zeigt auch, dafs im allgemeinen die linke, die am stärksten 
besonnte Hälfte des Gletschers in lebendigerer Wirksamkeit ist, während 
die rechte Hälfte, wegen des Vorwärtsdrängens der linken und des 
Umbiegens nach rechts, sogar zurückgetrieben wird. 

Bei einer Vergleichung mit den oben angeführten Zahlen aus dem 
Jam-bulak-Gletscher, wo die Zeit viel kürzer war, fällt die geringe Be- 
wegung auf. Es beruht dies auf drei Ursachen. Erstens habe ich die 
Beobachtungen auf dem Tjum-kar-kaschka-Gletscher nur i'/Skm von 
der Front gemacht, weil hier die Terrainverhältnisse besonders günstig 
waren, und eben hier sind wir nicht weit von dem Gebiet des Glet- 
schers, wo die Ablation die Bewegung üljerwindet, so dafs diese all- 
mählich ganz und gar aufhört. Zweitens ist der Tjum-kar-kaschka ein 
Gletscher zweiter Ordnung mit kurzer Zunge und viel kleinerem Firn- 
gebiet als beim Jam-bulak-Gletscher. Die dritte Ursache, die späte 
Jahreszeit, ist die wichtigste. So hatten wir z. B. bei Jam-bulak-baschi 
am 18. und 19. August — 5 0 als Minimum, und nachmittags stieg die 
Temperatur in dem betreffenden Zeitraum nicht über 13,2°. Dies bezieht 
sich aber auf eine Höhe von etwa 4300 m; in den höheren Regionen, 
woher das Eis stammt, war die Temperatur natürlich viel niedriger. In 
der Nacht vom 16. — 17. August hatten wir auf 5900 mHöhe — 12 0 . Unter 
solchen Umständen kann die Bewegung verzögert werden. Die Bewegungs- 
zahlen der letzten Tabelle stammen also wahrscheinlich hauptsächlich 
von Ende August. Sogar beim Kleinen Kara-kul (3750 m) hatten wir 
in der Nacht vom 30. September zum 1. Oktober — 9,8°. Schon mit 
September schlafen die Gletscher des Mus-tag-ata in der langen Winter- 
ruhe ein. Während dieser Zeit mufs die Bewegung wegen der scharfen 
Kälte gering sein. 

Auch der Tjum-kar-kaschka hatte sich in der Zwischenzeit verändert. 
Die Oberfläche war jetzt mit 20 bis 30 cm tiefem Schnee bedeckt, alle 
kleinen Schmelzbäche waren gefroren, nur zwei gröfsere an der linken 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



131 



besonnten Seite führten noch Wasser, obgleich ihre Furchen meisten- 
teils mit Eis- oder Schneebrilcken bedeckt waren. Am rechten Rande 
des Gletschers hingen lange, schöne Eisstalaktiten herunter, von denen 
manche die Dicke eines Mannes hatten. An der linken Seite war der 
Schnee hie und da geschmolzen, und hier hatte die Ablation noch 
nicht ihre Kraft verloren. Die Oberfläche steigt vom rechten Rande 
allmählich und eben hinauf zur Kulmination, die nicht weit vom linken 
Rande gelegen ist, wo das Eis in kleinere Pyramiden und Spalten 
zerfällt (Tafel 6, No. 15). An der rechten Seite finden wir dieselbe Lücke 
in der Ufermoräne wie beim Jam-bulak-Gletscher. Die Ursache ihrer 
Entstehung scheint hier dieselbe wie dort zu sein, nämlich die Erosions- 
kraft des Wassers; denn gerade hier gehen, wegen des Falles nach 
rechts, mehrere Schmelzbäche aus, durchbrechen die wenig mächtige 
Ufermoräne und vereinigen sich nachher mit dem Hauptbach. 

Ich bedaure, dafs ich nicht mehr Beobachtungsreihen über die 
Bewegungen dieser Gletscher ausführen konnte. Die sehr ungünstigen 
und gefährlichen Terrain Verhältnisse des Eises, die grofsen blockierenden 
Moränen und die empfindlichen physischen Anstrengungen, denen man 
sich bei dieser Höhe unterwerfen mufs, machen die Wanderungen wenig 
einladend. Wir befinden uns hier im allgemeinen etwa 2000 m höher 
als auf den Zungen der grofsen Gletscher der Alpen. 

Gletscher-Erosion. 

Dafs die Eisscholle, welche den Mus-tag-ata bekleidet, den Unter- 
grund gegen Erosion und Verwitterung schützt, scheint mir aus den 
Reliefverhältnissen des Gebirges hervorzugehen. Wäre das Gebirge 
nicht eisbedeckt, so würden die Seiten wahrscheinlich im allgemeinen 
ebenmäfsig abfallende Abhänge darstellen, da die Erosion überall mit 
derselben Energie eingreifen könnte — abgesehen von der Verteilung 
der Niederschläge und der verschiedenen Widerstandsfähigkeit der 
Gesteine. Dafs aber in der That die Agenden der Denudation die 
eisbekleideten Teile des Gebirges nicht mit derselben Kraft angreifen 
wie die entblöfsten, geht auch aus folgendem hervor. Die eisbekleidete 
Kuppel zeichnet sich durch steile Abhänge "aus. Während ich ihre 
Neigung zu ungefähr 24° annehme, beträgt diejenige der entblöfsten 
Abhänge nur io° bis 15 0 . Die Kuppel erscheint somit wie durch das 
Eis geschützt. Oberhalb der Übergangszone, wo die Abhänge am 
steilsten sind, bilden deshalb die meisten Gletscher Stürze, unterhalb 
derselben, wo die Abhänge sanfter werden, schliefsen sich oft wieder 
die Spalten. Die Sarik-kol-Kette an der westlichen Seite des Thaies, 
die gegenwärtig keine Eisbekleidung besitzt, nur einige kleine Flecken 
ewigen Schnees, hat auch eine ganz andere Plastik als die Mus-tag- 

9* 



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132 



Sven Hedin: 



Kette (Kaschgar-Gebirge). Sie zeichnet sich nämlich durch ihre abge- 
rundeten Höhen und sehr sanft abfallenden Abhänge aus, wo nur selten 
fester Fels zu finden ist, und wo die Verwittlerung Uberall mit der 
gleichen Energie gearbeitet hat, so dafs die ganze Kette nur eine über 
das Hochplateau von Pamir schwach emporragende Schwelle darstellt. 
Sollte sie in frühern Zeiten, was mir nicht unmöglich erscheint, eben 
so bedeutend gewesen wie die Mus-tag-Kette, so ist sie doch kaum 
so kräftig vergletschert gewesen wie die Mus-tag-Kette, da das 
trockene Klima des Hochplateaus von Pamir die Entwicklung der 
Gletscher gehindert haben würde. Jedenfalls hat sie auch Gletscher 
getragen; denn im Thal des Kara-djilga, westlich des Bassik-kul, fand 
ich alte Moränen, Geschiebelehm und erratische Blöcke, die unzweifel- 
haft von der westlichen Thalseite stammen. Aber sie sind früher ver- 
schwunden, während die Gletscher des Mus-tag-ata und die des ganzen 
Kaschgar-Gebirges, auf welchem ich allein vom Bassik-kul aus 21 Glet- 
scher zählen konnte, dank der für die ozeanischen Niederschläge ex- 
ponierten Lage, noch lange bestehen werden. 

Es könnte scheinen, als ob die grofsen Moränen ein Beweis für 
die Erosionskraft der Gletscher seien; die Arbeit der letzteren ist 
aber hierbei nur eine sekundäre. Bei mancher Gelegenheit habe ich 
beobachten können, wie die Produkte der Erosion und Verwitterung 
einfach auf den Gletscher hinunterfallen, um von ihm thalwärts 
transportiert zu werden. In Beziehung auf die geringe Erosionskraft 
sprechen nach dem von mir gewonnenen Eindruck sämtliche 
Gletscher des Mus-tag-ata für die Richtigkeit der Ansichten von Pro- 
fessor Heim. 

Rückblick. 

Obgleich dieser Bericht nur als fragmentarisch betrachtet werden 
darf, können wir doch daraus einige für die Gletscher des Mus-tag- 
ata gültige allgemeine Schlüsse ableiten. 

1. Die Gletscher befinden sich in einer grofsen Periode des 
Rückgangs. Alte Moränen, Geschiebelehm und erratische Blöcke er- 
strecken sich im Norden bis zum Kara-kul und Bassik-kul, welche 
selbst durch Moränen abgedämmt sind; im Süden finden wir dergleichen 
Spuren einer früheren ausgedehnteren Vergletscherung bis in die un- 
mittelbare Nähe des Kara-su. Doch oscilliert der Stand der Gletscher- 
enden ein wenig mit den Jahreszeiten, indem sie im Sommer, da die 
Bewegung am kräftigsten ist, einige Meter vorrücken, um rudimentäre 
Endmoränen zu bilden, während sie im Winter, da die Bewegung fast 
aufhört, die Ablation an der Front dagegen noch, obgleich schwach, 
wirksam ist, sich wieder einige Meter zurückziehen. 



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Die Gletscher des Mus-tag-ata. 



133 



2. Von Norden nach Süden werden die Gletscher immer kleiner, 
die alten Moränen immer gröfser. 

3. Die linken Seiten- und Ufermoränen sind immer mächtiger 
entwickelt als die rechten. 

4. Bei den gegen Westen strömenden Gletschern ist die linke 
Hälfte wegen des Schattens kräftiger und höher als die rechte. 

5. Nach Austritt aus den felsigen Thalwegen wird aber die linke 
Seite wegen ihrer exponierten Lage kräftiger abladiert. 

6. Beim Austritt aus dem Gebirge werden die Gletscher zweiter 
Ordnung breit und dünn, und ihr Frontteil ist oft in zwei Lappen geteilt. 
Für die Gletscher erster Ordnung gilt dieselbe Regel, jedoch mit dem 
Unterschied, dafs die Zunge, nachdem sie sich beim Austritt aus- 
gebreitet hat, allmählich sich wieder zuspitzt. Dies beruht darauf, 
dafs die grofsen Gletscher tiefer hinabreichen, in Regionen, wo die 
Abhänge sanfter sind; die kleineren Gletscher dagegen schmelzen 
schon in höheren Regionen ab, wo der Untergrund oft kuppei- 
förmig ist, sodafs sie sich wohl wie auf einem Gewölbe ausbreiten 
können, aber keine Gelegenheit haben, sich nachher wieder zuzu- 
spitzen. 

7. Die rechte Hälfte der gegen Westen strömenden Gletscher 
breitet sich immer nach rechts aus, und die Oberfläche fällt also nach 
Norden ab. Deshalb verlassen hier mehrere Schmelzbäche den Glet- 
scher, um einen unabhängigen Gletscherbach zu bilden, der sich dann 
gewöhnlich mit dem Hauptbach desselben Gletschers vereinigt. 

8. Mittelmoränen und Endmoräne sind im allgemeinen wenig ent- 
wickelt. 

9. Fast alle Gletscher des Gebietes bilden in einer gewissen Höhe 
Stürze; ihre Oberfläche ist deshalb sehr verworren und zerfällt in 
Pyramiden und Pfeiler. Quer-, Längs- und Randspalten sind bei den 
meisten entwickelt sind ; nur bei zwei Gletschern zweiter Ordnung sind 
sie spärlich vorhanden. 

10. Der Fallwinkel dieser Gletscher ist immer sehr steil. 

11. Das Gletscherkorn habe ich nicht beobachtet. 

12. Ob Blaublätterstruktur und weifse Blätter überhaupt vor- 
kommen, vermochte ich nicht festzustellen, da die Gletscher bis zum 
Austritt aus den Felsenpassagen mit Schnee bedeckt waren. Schmutz- 
bänder sind dagegen allgemein. 

13. Infolge der kräftigen Insolation hören die Gletscher schon in 
einer Höhe von ungefähr 4300 m auf. 

14. Die schnellste Bewegung fällt in die Monate Juni und Juli, 
sie scheint aber schon im September fast aufzuhören; die Gletscher 
erster Ordnung bewegen sich am schnellsten. 



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134 



Sven Hedin: Die Gletscher de« Mus-tag-ata. 



15. Die Ablation ist während sonniger Tage sehr kräftig; der 
Ike-bel-su-Flufs, der fast ausschließlich von Gletscherschmelzwasser er- 
nährt wird, schwillt im Sommer zu einem grofsartigen, schwer passier- 
baren Flufs an. 

16. Unter den Gletschern dritter Ordnung finden sich Hänge- 
gletscher, parasitische und regenerierte Gletscher. 

17. Aufser den Gletschern, welche ihre eigene Felsenpassage haben, 
sendet das Panzereis auch breite, dünne Ausläufer an den gewölbten 
Abhängen aus, die gewöhnlich schon in einer Höhe von 4700 bis 
5000 m schmelzen. 

18. In den Moränen der nördlichen Gletscher herrschen krystalli- 
nische Schiefer vor; in denen der südlichen Gneifse. 

19. Das Firn- und Gletschergebiet des Mus -tag -ata -Massivs ist 
ganz und gar isoliert. Die nördliche Fortsetzungskette, das Kaschgar-Ge- 
birge, ist auch vergletschert, aber die Gletscher sind kleiner sind als 
die des Mus-tag-ata. 

Wie schon anfangs gesagt, habe ich wegen Mangels an Zeit nur eine 
rohe Kartenzeichnung und flüchtige Skizzierung der Gletscher des Mus- 
tag-ata darbieten können. Sie soll später verbessert und durch genaue 
Karten, Photographien und Skizzen erläutert werden. Hoffentlich wird 
aber schon diese kurze Beschreibung dem Leser genügen, um wenigstens 
einen Blick in die grofsartige Gletscherwelt des Mus-tag-ata werfen 
zu können. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 

Von Dr. Alfred Philippson. 

L 

(Hierzu Tafel 7 — 9.) 

Einleitung. 

Nach Abschlufs der Untersuchung des Peloponnes (1887—89) und 
nach einer kurzen Bereisung des schon durch andere Forscher ge- 
nügend bekannten Mittel-Griechenland (1890) stellte sich dem Verfasser 
als die wichtigste und nun am ersten in Angriff zu nehmende Aufgabe 
die Bereisung von N ord- G riechen land (Thessalien und Epirus) dar. 
In allen Zweigen der Erdkunde ist hier noch überaus viel zu thun. 
Abgesehen von der Küstenaufnahme, der Vermessung der neuen tür- 
kisch-griechischen Grenze (aber auch nur der Grenzlinie) und einem 
kleinen von A. Mavrokordatos aufgenommenen Gebiet im südöstlichen 
Thessalien beruht unsere topographischeKenntnis Nord-Griechen- 
lands (ausserhalb des von der „Carte de la Grece 1 : 200 000" dar- 
gestellten Gebiets des Königreiches Griechenland vor dem Berliner 
Vertrag) lediglich auf den Routen-Aufnahmen einiger Reisender, die 
sich zumeist immer wieder auf denselben Bahnen bewegten. 1 ) Grofse 
Gebiete aber, vor allem im eigentlichen Pindos (die Gebirge am oberen 
Aspropotamos) und in der Othrys, waren noch nie von einem wissen- 
schaftlichen Reisenden betreten worden. Jetzt ist freilich eine grie- 
chische Landesaufnahme unter Leitung des verdienten österreichischen 
Offiziers, Herrn Oberstlieutenant Hart 1 im Gange; von ihr liegt bereits 
das Dreiecksnetz erster Ordnung vor. Es werden aber jedenfalls noch 
lange Jahre vergehen, bis die topographischen Karten derselben voll- 
endet sein werden. In geologischer Hinsicht ist nur das ostthessa- 
üsche Küstengebirge, das thessalische Mittelgebirge, sowie der inner- 
halb der ehemaligen Grenzen Griechenlands gelegene Teil von öster- 
reichischen Geologen aufgenommen. Alles übrige: der Nordabhang 
der Othrys, der Pindos, die Kambunischen Berge und ganz Türkisch- 
Epirus, sind geologisch unbekanntes Gebiet. Boue* und Viquesnel 

l ) Die Aufnahme der westthessalischen Ebene von Laloy ist aucn nur 
riemlich ungenaue Skizzierung, nicht als wirkliche Vermessung zu bezeichnen. 
Zeitichr. d. Geselbch. f. Erdk. Bd. XXX, 1895. 10 



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A. Philippson: 



sind die einzigen Geologen, die je vorher diese Länder betreten haben. 
Aber ihre Reise beschränkte sich auf eine einzige Durchquerung, ihre 
Notizen sind sehr kurz, ihr Standpunkt vielfach veraltet. 

Nord-Griechenland bildet einen Teil jener grofsen geologischen 
terra incognita, die von Montenegro bis Griechenland, vom Adriatischen 
Meer bis Thrakien reicht, vor deren Entschleierung wir weder von 
dem grofsen Dinarischen Gebirgssystem noch von dem Bau der Balkan- 
Haloinsel überhaupt eine fest begründete Kenntnis besitzen werden. 

Dafs auch Vegetation und Anthropogeographie dieser Länder noch 
sehr wenig erforscht sind, ergiebt sich nach dem Gesagten von selbst. — 

Der Wunsch, nach Kräften zu der Ausfüllung dieser empfindlichen 
Lücke beizutragen und von Süden her einen ersten Schritt zur Ent- 
schleierung der westlichen Balkan-Halbinsel zu thun, ging mir durch die 
Güte des Vorstands der Gesellschaft für Erdkunde zu 
Berlin in Erfüllung, der mir die Mittel zu einer viermonatlichen Reise 
im Jahr 1893 zur Verfügung stellte. Ich unterlasse nicht, an dieser 
Stelle nochmals meinen tiefgefühlten Dank für diese Unterstützung 
meiner Arbeiten auszusprechen. 

Das zu untersuchende Gebiet umfafste, da wie gesagt, Ost-Thessa- 
lien genügend bekannt war, vor allem das Pindos-Gebirge und die 
Othrys. In zweiter Linie stand die Bereisung von Türkisch-Epirus. 

Ein wichtiger Gegenstand der Untersuchung war zunächst die Er- 
gänzung der Topographie. In manchen Gegenden mufste die Karte 
vollständig neu aufgenommen, fast überall konnte sie wenigstens 
berichtigt werden. Freilich können die Aufnahmen mit Peil-Kompafs 
und Aneroid nicht den Anspruch grofser Genauigkeit machen. Immer- 
hin wird aber dadurch das Kartenbild dieser Länder in seinen all- 
gemeinen Zügen richtig gestellt 1 ). In vielen Gegenden stellte sich 
das Relief als gänzlich verschieden von dem bisherigen, nur auf 
Vermutungen beruhenden Kartenzeichnungen heraus. 

Die topographische Karte ist die unentbehrliche Grundlage für 
die geologische Forschung. Auf den geologischen Bau war das 
Hauptaugenmerk gerichtet, da er seinerseits wieder die Grundlage für 
alle anderen geographischen Erscheinungen bildet. 

Die Peilungen, die fortlaufende Skizzierung des Geländes, Aneroid- 
und Thermometer-Ablesungen, die geologischen Beobachtungen, die 
Sammlung von Handstücken, dazu die Aufnahme von Landschafts- 
Photographien, nehmen die Zeit des Reisenden vollauf in Anspruch. 
Doch konnte daneben, wenn auch das Sammeln von Pflanzen aus. 



') Die Höhenmessungen sind bereits in dieser Zeitschrift von Dr. Galle ver- 
öffentlicht worden. (Bd. XXIX, t894 ; S. z6o). 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



137 



geschlossen war, dem allgemeinen Charakter der Vegetation und 
Kultur Aufmerksamkeit geschenkt werden. Bei der Rast in Dörfern 
und im abendlichen Quartier, wenn die schriftlichen Arbeiten voll- 
endet waren, wurden dann im Gespräch mit den Einwohnern Kennt- 
nisse über Nationalität, Ansichten und Verhältnisse der Bevölkerung 
gesammelt. 

In den folgenden Reiseberichten und den beigegebenen topogra- 
phischen und geologischen Karten, von denen der erste Teil hier vor- 
liegt, ist das gesamte Beobachtungsmaterial enthalten. Die Darstellung 
folgt dem Reiseweg, da auf diese Weise am ehesten die lebendige 
Anschauung ersetzt, die unmittelbaren Eindrücke des Reisenden zum 
Ausdruck gebracht werden. Bei dem Verfolg des Reiseweges 
stellt sich auch die ursächliche Verknüpfung der Einzelerschei- 
nungen, ihre Vereinigung zu den wechselnden Landschaftsbildern am 
leichtesten dar. Zudem liegen die Reisewege des Verfassers so, dals 
auch der natürliche Zusammenhang der Gegenden dabei bewahrt 
bleibt. Ich habe es nicht ganz unterlassen, Stimmungen des Beobach- 
ters, kleine eigene Erlebnisse sowie andere Ereignisse im Lande ein- 
zuflechten , soweit sie die Lokalfarbe verstärken oder zur Beurteilung 
der Verhältnisse nützlich sind, obwohl man sonst derartige Dinge in 
streng wissenschaftlichen Abhandlungen nicht zu finden gewöhnt ist. 
Die vorliegenden Berichte sollen aber neben dem trockenen Beobach- 
tungsmaterial auch eine lebendige Anschauung des Landes, 
seines Volkes und seiner Zustände vermitteln, für die der Ver- 
fasser durch seine längeren Erfahrungen in verschiedenen Teilen 
Griechenlands ein einigermafsen begründetes Verständnis sich erworben 
zu haben glaubt. Eine systematisch -wissenschaftliche Monographie 
Nord-Griechenlands zu geben, mufs sich der Verfasser für später vor- 
behalten. 

Um aber demjenigen Leser, für den die Einzelheiten kein Interesse 
haben, die Benutzung dieser Berichte zu erleichtern, habe ich am 
Schlufs eines jeden natürlich-begrenzten Abschnittes eine kurze zu- 
sammenfassende Darstellung desselben gegeben. — — 

Meine Aufgabe in Athen, mir von der griechischen Regierung 
nicht nur die Erlaubnis, sondern auch den nötigen Schutz für die Reise 
in den unsicheren Grenzlandschaften zu verschaffen, wurde schnell und 
zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt. Ich hatte mich dabei der 
sehr dankenswerten Unterstützung des hohen Auswärtigen Amts in 
Berlin und der thatkräftigen Förderung des damaligen Kaiserlich 
Deutschen Gesandten, Herrn Graf von Wesdehlen, zu erfreuen. 
Ihm sowohl wie dem Sekretär und Dolmetscher der Gesandtschaft, 
Herrn Biel er, verdanke ich zum grofsen Teil das Gelingen der Reise. 

10* 



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A. Philippson: 



Ihre Bemühungen fanden bei der griechischen Regierung, besonders 
dem Minister-Präsidenten Herrn Triküpis, dem Minister des Aufseren 
Herrn Dragümis, dem Kriegsminister Herrn T s omad ös, das gröfste 
Entgegenkommen. Es wurde allen Behörden in den von mir zu be- 
reisenden Provinzen aufgegeben, mich in jeder Weise zu unterstützen 
und mir zu jederzeit hinreichende Begleitmannschaft zur Verfügung 
zu stellen. Dieser Verfügung ist im Lauf der Reise stets und mit 
Hintansetzung aller anderen Dienstrücksichten entsprochen worden. 

Auch für meine Reisen auf türkischem Gebiet wurden von Athen 
aus die nötigen Schritte gethan. Ich wandte mich an die Kaiserlich 
Deutsche Botschaft in Konstantinopel, um ihre Befürwortung bei der 
Hohen Pforte, ohne deren Erlaubnis und Schutzbrief eine wissenschaft- 
liche Reise in der Türkei nicht möglich ist. Meine Pässe wurden ge- 
ordnet, aufserdem erhielt ich einen Empfehlungsbrief von der türkischen 
Gesandtschaft in Athen an die türkischen Grenzbehörden, der mir von 
grofsem Nutzen wurde. 

Von Privatpersonen wurden mir Ratschläge und Empfehlungen in 
reichem Mafs zuteil, so besonders von Herrn Alexandros Mavro- 
kordatos, ehemaligem Chef der Griechischen Landesaufnahme, der 
mir auch eine Vergleichung meiner Aneroide mit seinem Quecksilber- 
Barometer besorgte. 

Allen Behörden und sonstigen Förderern meines Unternehmens 
spreche ich meinen aufrichtigsten Dank aus. 

Eine weitere Sorge bei einer längeren Reise in Griechenland bildet 
die Versorgung mit Geld unterwegs. Es sei hier folgende Methode 
empfohlen. Man läfst sein ganzes Reisegeld, das man am besten in 
Form eines Kreditbriefes, auf Franken Gold lautend, mitbringt, in 
Drachmen umwechseln, wobei man infolge des hohen Agios damals 
fast um die Hälfte mehr erhielt 1 ), (jetzt ist das Agio noch höher), 
deponiert denjenigen Betrag, den man nicht bei sich führen mag, auf 
der Nationalbank (für die alten Provinzen) oder auf der Epirothessa- 
lischen Bank (für die neuen Provinzen) und läfst sich dafür eine offene 
Anweisung an alle diejenigen Filialen der Bank geben, die man auf 
der Reise berührt. Diese Anweisung mufs so abgefafst sein, dafs man 
an jedem Bankort beliebig viel bis zur Gesamtsumme erheben kann. — 
Übrigens ist das Reisen in Griechenland, wenn man Landessprache 
und Sitte kennt und keine grofsen Ansprüche macht, infolge des hohen 
Goldagios erstaunlich billig. 



!) Es sei hier dringend gewarnt, in den griechischen Provinzen mit Gold- 
geld zu reisen, da man dasselbe auf dem Lande garnicht, in den Städten jedenfalls 
nur teurer, als in Athen, wechseln kann. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



139 



Das Wichtigste aber ist für längere Reisen in Griechenland die 
Besorgung eines zuverlässigen Agogiaten (Pferdevermieters, der zugleich 
Pferdeknecht, Diener nnd Reisemarschall ist) mit guten Reit- und 
Lasttieren. Ich war in dieser Hinsicht aufserordentlich begünstigt, da mir 
in dem arkadischen Agogiaten Angelfs Kosmöpulos aus Magüliana 
eine durchaus treue, geschickte und unermüdliche Persönlichkeit zu 
Gebote stand, die ich auf meinen Reisen im Peloponnes genügend er- 
probt hatte. Ich beschlofs, ihn für diese Reise wieder anzunehmen, 
obwohl er Nord-Griechenland garnicht kannte, und es zweifelhaft sein 
mufste, wie sich der einfache, nie aus seiner Heimat herausgekommene 
Mann auf türkischem Gebiet anstellen werde. Ich habe aber diesen 
Entschlufs nicht zu bereuen gehabt. Ich war dadurch der grofsen Un- 
annehmlichkeiten und Zeitverluste überhoben, welche die Beschaffung 
neuer Begleiter und neuer Tiere von Ort zu Ort notwendig veranlafst. 
Ich sandte daher sofort nach meiner Ankunft in Athen Nachricht an 
Angelis ab, und dieser machte sich sogleich mit seinen zwei Stuten, 
von denen mir die eine bereits auf allen Reisen im Peloponnes treu 
gedient hatte, auf den Weg. Er traf am 15. März 1893 in Athen ein. Die 
Freude des Wiedersehens war grofs, hatten wir doch gar viele Mühsale 
auf monatelangen Reisen getreulich zusammen erduldet. Seine beiden 
Pferde, kleine, unansehnliche, magere Tiere, waren, wie ihr Herr, von 
unermüdlicher Ausdauer, und auf den felsigen Bergpfaden von sicherem 
Tritt. Freilich eine über langsamen Schritt hinausgehende Geschwindig- 
keit durfte man nicht von ihnen verlangen! Bei schlechtem Wege, 
oder wo es die Beobachtungen verlangten, mufs der Reisende ja doch 
zu Fufs gehen. 

Ich hätte von Athen aus den Ort, von wo ich meine Arbeiten 
beginnen wollte, Lamfa (am Südfufs des Othrys-Gebirges) , mit dem 
Dampfer, oder zu Lande mit dem Wagen, erreichen können. Da aber 
die Pferde doch zu Lande nach Lamia gehen mufsten, benutzte ich 
sie gleich von Athen aus, und hatte dabei den Vorteil, unterwegs 
manches Neue zu sehen. Vor allem konnte ich so den ausgetrockneten 
Kopals-See besuchen. 



I. Reise von Athen nach Lamia. 

1. Athen-Theben, über Phyle, den Parnes und Kröra. 
Am 17. März 1893 um 8$ Uhr morgens brach ich mit meinem Diener 
Angelis und dessen beiden Pferden auf. Im östlichen Mittel-Griechen- 
land ist eine Eskorte, ebenso wie im Peloponnes, durchaus unnötig. 
Da ich die Fahrstrafse nach Theben über Eleusis und den Kithäron 



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HO 



A. Philippson: 



bereits kannte, wählte ich diesmal den zwar beschwerlicheren aber 
kürzeren Weg über Chassiä, die alte Grenzfeste Phyle und den Rücken 
des Parnes. 

Ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über der athenischen 
Ebene, sommerlich warmes Sonnenlicht spielte in den silbergrauen 
Zweigen der Ölbäume, als wir vom Peloponnes-Bahnhof aus unseren 
Weg durch den Ölwald des Kephissos nach Norden nahmen. Ein 
günstiges Vorzeichen schien mir diese Frühlingswitterung — aber leider 
war es trügerisch; denn der erste Tag meiner Reise sollte für lange 
Zeit der letzte schöne Tag sein, der mir bestimmt war. Gar anmutig 
ist der Ritt zwischen den uralten knorrigen Oliven, in deren Schatten 
Weinpflanzungen und Getreidefelder den Boden bedecken, während 
weifse Häuschen hier und da verteilt zwischen den Stämmen hervor- 
lugen. Scharf zeichnen sich die grauen Silhouetten der Gebirge ab, 
welche rings die Ebene umgürten. Bald überschreiten wir auf der 
schönen Brücke der Fahrstraße das fast wasserlose Bett des Kephissos, 
das dicht daneben noch von den beiden Eisenbahnbrücken der Pelo- 
ponnes- und der Larissa-Bahn überspannt wird , und reiten durch das 
Gartendorf Levf. Dann taucht die Strafse aus dem Ölwald hervor und 
zieht sich sanft ansteigend am Fufs des abschreckend öden Kalk- 
rückens des Aegaleos entlang. Das Ansehen der Gegend verändert 
sich bedeutend. Zur Rechten übersieht man allerdings noch den 
fruchtbaren Mittelteil der Ebene, dessen Grün sich soweit ausdehnt, als 
die Lehmanschwemmung und das Grundwasser des Kephissos reicht. 
Hier glänzen das Landschlofs der Königin Amalie (Pyrgos AmaHas), 
das stattliche Hauptdorf Menfdi und fern am Fufs des Pentelikon die 
Villen von Kephissiä herüber. Zur Linken aber haben wir die echte 
steppenhafte Einöde ostgriechischen Charakters. Auf dem flach nach 
der Mitte der Ebene zu einfallenden (neogenen oder quartären?) Kon- 
glomerat, das, aus halbgerundeten Gesteinsbrocken bestehend, fast alle 
seitlichen Teile der attischen Ebenen bedeckt und an der geringen 
Fruchtbarkeit derselben die Hauptschuld trägt, wechseln dürftige Ge- 
treideäcker, die kaum mit grünem Schimmer sich zu Überziehen be- 
ginnen, mit hellgrauen Phrygana-Flächen 1 ), auf denen albanesische 
Hirten in zottigen Pelzen ihre Schafe weiden. 

Dahinter erheben sich zur Linken die langweilig geformten Hügel 
des Aegaleos aus grauem Kreidekalk, welchem nur hier und da eine 
verkrüppelte Aleppo-Kiefer oder ein dunkler, kugliger Kermes-Eichen- 
busch entspriefst. Ein kleines Albanesen-Dorf, Kamaterö, mit niedrigen, 
weifsgetünchten Lehmhütten, liegt an dem Abhang. — Auf unserem 

l ) Phrygana = Vegetation von trocknen, stachlichten Stauden und Halbsträuchem, 
die, in weiten Abständen stehend, den nackten Boden kaum verhüllen. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 141 

Wege wird es immer einsamer. Ähnlich wie zwischen Rom und seiner 
Campagna, ist der Gegensatz zwischen Athen und seiner Umgebung: 
unmittelbar vor den Thoren der Grofsstadt die schweigende Steppe! 
Gerade die Umgebung Athens, von dem Ölwald und den wenigen Villen- 
orten abgesehen, ist eine der dünnbevölkertsten Landschaften Griechen- 
lands, wo zudem die Dörfer, durchaus von Alban esen bewohnt, 
besonders armselig und zurückgeblieben sind. 

Wir senden noch einen Blick auf die im Sonnenglanz strahlende 
Akropolis zurück , dann wendet sich der Weg um eine Ecke des Aega- 
leos. Hier öffnet sich links der breite Sattel, über den die Peloponnes- 
Bahn zur Ebene von Eleusis hinübersteigt. 

Unmittelbar vor uns erheben sich die massigen Kalkwände des 
Parnes, ein dunkelgrauer Wall, oben von einem schwarzen Gürtel von 
Tannen umzogen und von glänzenden Schneeflecken geziert. Eine 
jähe Schlucht schneidet in der Mitte das langgestreckte Gebirge ein, 
das sich von ihr aus nach Westen allmählich erniedrigt. Es ist die 
Schlucht von Chassiä, durch die unser Weg nach Böotien führt, im 
Altertum und in der Neuzeit bis zum Bau der Fahrstrafse der meist 
begangene Weg von Athen nach Theben, jetzt ganz vereinsamt. Über 
der Schlucht, etwas zur Rechten, durch eine Seitenschlucbt abgeschnitten, 
steigt eine abenteuerliche Felswand auf, die schon von Athen aus in 
die Augen fällt. Es ist die im Altertum „Harma" genannte Felswand, 
an deren Fufs, in überaus wilder Umgebung, das kleine Kloster Panagta 
Ion Klistön (Muttergottes der Engpässe) liegt 1 ). Aus dem Thal von 
Chassiä quillt ein breiter Schuttkegel hervor, der sich fächerförmig 
ausbreitet, von Phrygana und dürftigen Feldern bedeckt. Auf diesem 
Schuttkegel liegt das kleine Albanesen-Dorf Ano-Liösia (467 Einw., 
160 m), 2 ) wo wir (2 \ Stunden von Athen) 3 ) in dem kleinen Magazf 4 ) 
des Ortes eine kurze Rast machen. 

Die Bauart der albanesischen Dörfer in den Ebenen Attikas weicht 
von der in den griechischen Gebirgen meist üblichen Bauweise ab. Statt der 
mit einem Stockwerk versehenen Steinhäuser findet man hier meist nur 
niedrige Hütten aus getrockneten Lehmziegeln, weifs getüncht, mit nur 

l ) Dieses Kloster und seine Umgebung ist der Schauplatz des bekannten 
satirischen Romans ,,Le Roi des Moniagnes" von £. About. 

s ) Die Einwohnerzahlen sind sämtlich nach der Volkzählung von 1889» die 
Höhenzahlen meist nach meinen Messungen (berechnet von Dr. Galle, s. diese Zeit- 
schrift 1894» S. 260) angegeben. 

3 ) Die Entfernungsangaben verstehen sich nach dem langsamen Schritt der 
Geladenen Pferde (im Durchschnitt bei roäfeig unebenem Wege etwa 4 km die 
Stande), und mit Ausschluß» etwaigen Aufenthaltes. 

*) Magazi = Kramladen nebst Schenke. 



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142 



A. Philippson: 



einem Raum zu ebener Erde. Der festgestampfte Lehmboden ist nicht 
über die Umgebung erhöht, daher in der Regenzeit feucht und kotig, die 
wenigen Fenster sind klein, die Thür ist nur gebückt zu passieren; das aus 
rohen Baumstämmen gezimmerte und mit Ziegeln gedeckte Dach reicht 
tief hinab. Unglaublicher Schmutz herrscht in dem dunklen, muffigen, 
von dem Rauch des ofTenen Feuers, der durch die Dachritzen nur langsam 
entweicht, erfüllten Raum, den die Familie mit den Haustieren teilt. Die 
Hütten liegen in wilder Unordnung umher, zwischen sich weite kotige Plätze 
freilassend. Auf unbewässertem Boden, wie hier, fehlen auch die Obst- 
bäume und Platanen, die sonst die griechischen Dörfer freundlicher er- 
scheinen lassen. So sind diese Albanesen-Dörfer der attischen und bö- 
otischen Ebenen ebenso unerquicklich im Anblick wie unausstehlich für 
den Aufenthalt. Die Leute sind arm und roh, wenn auch gastfrei. Nur 
wenige gröfsere Dörfer bilden eine Ausnahme von diesem eben 
geschilderten Charakter. Die Gebirgsdörfer sind stattlicher und wohn- 
licher als die der Ebenen. 

In stechender Sonnenglut, die nichts gutes weissagt, wandern wir 
den öden Schuttkegel aufwärts und dann durch das kahle Felsthal 
nach dem Dorf Chassia, das wir (i Stunde) um Mittag erreichen. 
Die steilen Thalwände bestehen aus grauschwarzem, an der Oberfläche 
rötlich verwitterndem Kalkstein der Kreideformation; er ist grob ge- 
schichtet und in flache Falten gelegt, welche quer über das Thal von 
West nach Ost streichen. Zahlreiche Höhlen öffnen sich in den Thal- 
wänden ; die zugänglicheren sind durch einen niedrigen Abschlufs von 
Steinen und Reisig zu Hürden für die Schaf- und Ziegenherden um- 
gestaltet, an die Höhle des Kyklopen erinnernd. Der Boden des Thaies 
ist bis Chassia noch von einer Breccie halbgerundeter Bruchstücke er- 
füllt, ähnlich jener der athenischen Ebene. 

Das Dorf Chassiä (320 m, 749 Einw.), von einigen Weinpflanzungen 
umgeben, ist fast verlassen, da die Bewohner im Winter in dem grofsen 
Kalyvien-Dorf 1 ) in der eleusinischen Ebene wohnen. Doch finden wir 
in dem Bakäli (Schenke) bei freundlichen Leuten trefflichen Rezinat- 
Wein 2 ) und Feuer, um das mitgebrachte Fleisch zu rösten. 

') Kalyvia (eigentlich „Hütten") heifsen Zweigniederlassungen eines Dorfes, die 
meist nur in einer gewissen Jahreszeit bewohnt werden. (Vgl. meinen „Peloponnes", 
Berlin 1892, S. 586). 

2) Mit dem Harz der Aleppo-Kiefer (Pinus halepensis) versetzter Wein. Der 
Gebrauch, dem Wein Harz beizumischen, ist in allen Gegenden Griechenlands 
üblich, aber die Menge des zugesetzten Harzes sehr verschieden; danach richtet 
sich der mehr oder weniger hervortretende Harzgeschmack des Weines. Am 
stärksten ist dieser bei den leichten Weilsweinen Anikas und Euböas, kaum merk- 
lich in einigen Teilen des Peloponnes und in Nord-Griechenland. 



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Reiseh und Forschungen in Nord-Griechenland. 



143 



Nachmittags erreichen wir in zweistündigem Anstieg die Ruinen 
von Phyle 1 ). Der Weg ist von Chassia bis Theben ein schlechter 
Saumpfad. Das bisher verfolgte Thal setzt sich weiter nach Nordwest 
fort; aber der Bach dieses oberen Thalsttickes, in dem Phyle liegt, 
benutzt nicht den Ausgang zur athenischen Ebene, sondern wendet 
sich oberhalb Chassia in scharfer Wendung nach Südwest und bricht 
in engem Thal zur eleusinischen Ebene durch. Chassia liegt also auf 
einer Thalwasserscheide, und wenn wir den grofsen Schuttkegel 
bei Ano-Liosia bedenken, können wir nicht zweifeln, dafs die Ablenkung 
des Baches nach Eleusis zu durch seitliche Anzapfung vor verhältnis- 
mäfsig kurzer Zeit entstanden ist. Wahrscheinlich haben dabei unter- 
irdische Wassergänge im Kalkstein mitgewirkt, die sich später zu einer 
oben offenen Thalschlucht erweiterten. 

Das Thal von Phyle und Chassia giebt einen trefflichen Quer- 
schnitt durch den Parnes. (Vgl. Tafel 9, Nr. 1.) 

Dicht hinter Chassia liegen am Weg einige kleine Hügel fast 
schwarzen Kalkes, welcher von Fossildurchschnitten, darunter zweifel- 
lose Rudisten, erfüllt ist. Leider lassen sich die Fossilien, wite fas 
überall in den griechischen Kreidekalken, nicht aus dem harten 
Gestein isolieren. Doch genügen sie, um die Zugehörigkeit der Kalke 
zur Kreide sicher zu stellen. 

Die Schlucht wird nun eng und wild. Der Kalk zieht sich an 
den Thalwänden hinauf, bildet ein Faltengewölbe und fällt dann wieder 
nach Norden hinab. Der nördliche Flügel des Gewölbes bildet jene Fels- 
wand Harma über dem Kloster. Unter dem Kalk tritt grünlicher Thon- 
schiefer auf, häufig wechselnd mit roten Hornsteinen und mit einem 
fleckigen, hellgrünen Gestein, das man bald für einen chloritischen Quar- 
zit, bald für ein stark serpentinisiertes Eruptivgestein zu halten geneigt 
ist. Solche merkwürdigen Zwischendinge zwischen Serpentin und Horn- 
stein, bei denen man sogar über den eruptiven oder sedimentären 
Charakter in Zweifel bleibt, sind in Ost-Griechenland in der Nähe von 
Serpentin sehr häufig und würden eine genauere petro&raphische Unter- 
suchung gewife lohnen. Sie sind jedenfalls die Produkte einer hydro- 
chemischen oder kontaktmetamorphischen Umwandlung 8 ). 

Unser Weg führt hoch am westlichen Thalhang hinauf, durch 
dünnen Kiefernwald und immergrünes Gebüsch. Tief unten braust 

') Vgl. für die folgende Strecke: Bittner, Der geologische Bau von Altika, 
Böotien, Lokris und Parnassis. Denkschriften der Wiener Akademie d. Wissensch., 
oaath.-naturw. Kl., 40. Bd., 1880, S. 55. 

2 ) Vgl. Teller, Der geolog. Bau der Insel Euböa Denkschriften der Wiener 
Akad. d. Wissensch., matb.-naturw. Kl., 40. Bd., 1880, S. 177. 



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144 



A. Philippsoii: 



der Bach. Schildkröten kriechen schwerfällig über den Weg, Raub- 
vögel ziehen ihre Kreise über der Bergwildnis. Ein einsamer Gensdarm, 
der wohl als Waldhüter angestellt ist, beobachtet uns von einer jähen 
Felsspitze aus, die er sich als Aussichtspunkt gewählt. Allmählich 
erhebt sich die Thalsohle bis zu unserer Höhe hinauf, und wir 
gehen nun auf die östliche Thalseite über, passieren einen Engpafs, 
in welchem die Spuren einer alten vom Parnes nach Eleusis führenden 
Wasserleitung zu sehen sind, und stehen dann an einem Punkt, wo 
sich zwei Thalschluchten, von Nordost und Nordwest, vereinigen. 
Der Kalk steigt hier wieder zu einem sehr breiten Gewölbe an, dessen 
Sattel forterodiert ist; hier tritt daher der darunter liegende Schiefer 
in weiter Ausdehnung zu Tage. Aus seinen sanfteren Formen heben 
sich zwei Kalkklippenzüge heraus, von denen ich nicht erkennen 
konnte, ob sie eingelagert oder eingefaltet sind. Das Streichen ist hier 
allgemein westöstlich. Auf einer solchen Kalkklippe, auf dem Vor- 
sprung zwischen den beiden sich vereinigenden Schluchten, von denen 
die östliche wasserreiche Quellen enthält, liegt die alte Burg Phyle. Wir 
klettern steil über den Schieferhang hinauf durch Kieferngebüsch und 
Maquien 1 ). Oben erheben sich auf dem jähen Kalkfelsen, der wie ein 
Altan aus dem Schieferhang über das Thal vorspringt (690 m), die 
mächtigen Quadermauern, welche ehemals die Grenze des athenischen 
Gebietes verteidigten, und hinter denen Thrasybulos den 30 Tyrannen 
trotzte. Von oben überblickt man die durchwanderten Schluchten und 
die geschilderten geologischen Verhältnisse. Man sieht über dem Schiefer 
mit seinen Kalkklippen im N den nördlichen Flügel des denudierten 
Kalkgewölbes aufliegen; ein einförmiger Rücken, die Wasserscheide 
gegen Böotien, begrenzt hier das Gesichtsfeld. Auf der Westseite, 
jenseits der tiefen Schlucht, ist der Schiefer völlig abgeschnitten, nur 
einförmiges Kalkgebirge dehnt sich hier aus. Jedenfalls durchsetzt hier 
eine Querverwerfung den Faltenbau des Gebirges. Weit im Süden 
öffnet die Thalspalte den Blick auf Athen und den Hymettos. 

Der Himmel hatte sich mit einer dichten grauen Wolkendecke 
überzogen. Wir hatten in dieser einsamen Gegend noch weit zu dem 
nächsten Dorf Kr6ra, und waren durch verzögerten Aufbruch von 
Athen verspätet. Da wir, ohne ortskundigen Führer, die Dunkel- 
heit zu fürchten hatten, setzten wir na c h nur halbstündigem Aufenthalt 
unseren Marsch in so beschleunigtem Tempo fort, wie der unglaublich 
schlechte Pfad es erlaubte. ( 4 t Uhr.) Bald kamen wir auf den 
erwähnten Kalk, der den Schiefer von Phyle im N überlagert und auf 
den breiten plateauartigen Rücken, welcher die Wasserscheide gegen 



M Maquie (Afagui, Macchia) = immergrüner Buschwald der Mittelmeer-Region . 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



14.") 



Böotien bildet. Es ist eine abschreckende verkarstete Einöde. Zwischen 
den zackigen Karrenbildungen des dunklen Kalkes erheben sich hier 
und da die niedrigen kugelfgen Büsche der Kermes-Eiche {Quercus coc- 
cifira), ein Strauch mit kleinen immergrünen steifen, stachlichten Blättern 
einer der charakteristischten, höchst unangenehmen Pflanzengestalten der 
„Trockenberge" {Xerovüniä) Griechenlands. Doch gewähren selbst die 
harten Blätter derselben den Ziegen, die dürftigen Kräuter, die in der 
feuchten Jahreszeit zwischen den Stämmen spriefsen, den Schafen 
Nahrung, wie die Hirtenlager beweisen, die auf der Hochfläche zerstreut 
liegen. (Pafshöhe 780 m.) Am nördlichen Rand der Hochfläche an- 
gelangt, Überblicken wir die Gebirgswelt des östlichen Böotien und 
dahinter die Berge Euböas, überragt von dem imposanten, zeltförmigen, 
jetzt schneebedeckten Delph (1745 m), während der schmale Meeres- 
kanal von Euböa dem Auge verborgen bleibt. 

Nach einem Gefecht mit wütenden Hirtenhunden steigen wir 
schnell den steilen, aber nicht hohen Abhang hinab, der uns zu der 
rings umschlossenen Ebene vonSkurta hinunterführt. Unter dem 
Kalk tritt hier wieder jenes grünfleckige Gestein und Hornstein 
hervor, dann gelangen wir auf das Schwemmland der Ebene. Ein 
Hirt weist uns zurecht und giebt uns die ungefähre Richtung an. 
Schnell sinkt die Nacht herab; durch die schwüle Luft erschallt das 
Quaken der Frösche, die Nähe von Sümpfen anzeigend. Aufs Gerate- 
wohl stolpern wir in der Finsternis vorwärts; zum Glück giebt es keine 
Steine auf dem Lehmboden der Ebene, und wir vermeiden glücklich 
Sümpfe und Löcher. Schon denken wir daran, die Nacht im Freien 
zubringen zu müssen, da erschimmert vor uns ein Licht, verschwindet, 
kommt wieder, verschwindet wieder. Es giebt uns neuen Mut, und 
nach einer Viertelstunde stehen wir vor einem breiten, mit grofsen 
Blöcken erfüllten Bachbett, jenseits dessen auf einem Hügel sich einige 
dunkle Hütten erheben. Es ist das gesuchte Kröra, ein Dörfchen 
von 198 albanesischen Einwohnern (560 m). Vorsichtig passieren 
wir das Bachbett, schlagen den Angriff der Hunde zurück und klopfen 
an die erste, fest verschlossene Hütte. Erst nach langem Parlamentieren 
und Fragen öffnet der Eigentümer vorsichtig die wohl verwahrte Thür 
und leuchtet uns mit der Laterne ins Gesicht. Denn in den griechischen 
Dörfern öffnet man des Nachts nicht gern, da ehrliche Leute nach Sonnen- 
untergang nicht mehr zu reisen pflegen. Doch mufsten unsere Gesichter 
dem braven Albanesen Zutrauen einflöfsen; denn er führte uns alsbald 
zu der Hütte eines Gevatters, des reichsten im Dorf, die uns auf seine 
Fürsprache bereitwilligst geöffnet wurde. Es war eine solche Behausung, 
wie ich sie oben geschildert habe, ein einziger ebenerdiger Raum, von 
einem winzigen Öllämpchen und dem flackernden Herdfeuer unsicher 



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146 



A. Philippson: 



erleuchtet. Hier hauste der Wirt, seine hübsche junge Frau, seine 
Mutter — diese beiden in malerischer albanesischer Tracht — eine 
nicht näher festzustellende Anzahl von Kindern, mehrere Schweine, 
Hühner, Hunde, Katzen und ungezählte Mäuse. 

Aber der an sich wenig erfreuliche Aufenthalt wurde verschönert 
durch die gutherzige, ehrliche Gastlichkeit der armen Leute. Es wurde 
gefegt und gereinigt, das Feuer geschürt, Schnaps, Wein und Brod 
herbeigebracht und eifrig gefragt, wer ich sei, wohin ich wollte, was 
ich bezweckte u. s. w. Ein Verhör nach homerischer Art muls sich 
der Fremdling in Griechenland stets gefallen lassen. Die Frauen waren 
von der Unterhaltung ausgeschlossen, da sie kein Griechisch ver- 
standen, nur Albanesisch. — 

Der Parnes, den wir auf diesem Wege durchkreuzt haben, 
besteht, wie wir sahen, aus dunklem Kreidekalkstein mit Rudisten, 
unter welchem ein Komplex von Thonschiefer, Hornstein, Serpentin, 
auch mit eingeschalteten Kalklagern, auftritt. Die Gesteine sind in 
mehrere, annähernd OW streichende breite Falten gelegt. Querbrüche 
treten auf. Über dem Hauptkalkstein scheinen in der Gipfelregion des 
Parnes, die rechts vom unseren Wege liegen blieb, noch ein höherer 
Schiefer-Komplex und darüber helle plattige Kalke aufzutreten 1 ). Das 
Gebirge ist in den tieferen Regionen mit einzelnen Aleppo-Kiefern, auch 
mit Maquien, vorwiegend aber mit Qu. coccifera, in den höheren Teilen 
mit lückenhaftem Tannenwald bestanden, in dem noch Wildschweine 
vorkommen sollen. Das Gebirge ist im Innern nur von Wanderhirten 
zeitweise bewohnt 2 ). 

Am nächsten Morgen (18. März) wurde früh von Kr6ra aufgebrochen, 
in nordwestlicher Richtung durch die Ebene von Skürta nach Der- 
venosiälesi gezogen (i| Stunden), die Kalyvia von Dervenosiälesi 
(iJSt.) passiert und um 2\ Uhr Theben (3$ St) erreicht. Der Morgen 
war klar und warm, bald aber überzog sich der Himmel wieder und 
mittags fielen einige Tropfen Regen. 

Kröra liegt am Südende der etwa 530 m ü. d. M. gelegenen Ebene 
von Skürta. Westlich vom Dorf springt ein Bergrücken, der auf der 
französischen Karte fehlt, weit in die Ebene vor. Diese ist rings von 
ausdruckslosen flachen Gebirgen umgeben. Am imposantesten ist noch 
der unmittelbar östlich von Kröra aufragende Megalovun6 („Grofse 
Berg", 887 m), das Westende des Kalkgebirges des Parnes. Von hier 



v ) Vergl. Lepsius, Geologie von Attika, S. 27. 

*) Vergl. über den Parnes Bittner, Denkschr. S. 53 — 5g (das. auch ältere 
Literatur). Philippson, Ztschr. Ges. f. Erdk. 1891, S. 39a f.; Lepsius, Gcol. v. 
Attika S. 07. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



147 



westlich wird der Süd ran d der Ebene aus einem niedrigen Rücken 
gebildet, der den Parnes mit dem Kithaeron verbindet. Er besteht 
aus Schiefer, der unter dem Kalk des Megalovun6 hervorkommt, der 
seinerseits bei Kr6ra scharf abschneidet; weiterhin liegen noch einzelne 
Kalkschollen auf dem Schiefer. Nur etwa 100 m hat man von Kr6ra aus 
auf den sanften Schieferrücken hinaufzusteigen, und geht dann zur Eleu- 
sinischen Ebene hinab. Die Bewohner der Ebene von Skürta, die nach 
Athen wollen, ziehen daher diesen Weg dem über Phyle vor. Der südliche 
Bergrand der Ebene besteht westlich von Kr6ra wieder aus einer Kalk- 
scholle auf dem Schiefer. Dann folgt wieder ein niedriger Schiefer- 
kamm bis zum Dorf Kaväsila. Hier erhebt sich ein etwas höherer Berg, 
der eine südlich einfallende Kalkkappe auf einer Basis von Schiefer 
besitzt und einen mittelalterlichen Thurm auf dem Gipfel trägt; dann 
folgt wieder Schiefergebirge bis zum Westende der Ebene, wo der Kalk 
des Kithaeron-Kamms, über dem Schiefer N fallend, beginnt und sich 
von hier geschlossen nach Westen zieht. Der Nordrand der Ebene 
von Skürta besteht ausschliefslich aus Kalk, der mit dem Kithaeron- 
Kalk unmittelbar zusammenhängt. Hier zieht sich niedriges Kalk- 
hügelland nach N bis zum Lauf des Asopos hinab. WSW von der 
Ebene von Skürta liegt dicht benachbart die ganz ähnliche Ebene von 
Mäzi 1 ). Es scheint, dafs beide Ebenen auf der Sattellinie eines auf- 
gebrochenen, WSW-ONO streichenden Schichtgewölbes des Kreide- 
kalkes eingesenkt sind; im Kern des Gewölbes tritt der Schiefer von 
Krora und Kaväsila hervor, der nördliche Kalkflügel besteht aus dem 
Kithaeron und den Hügeln von Skürta, der südliche Kalkflügel aus 
dem Megalovunö und dem Parnes, der in sich dann wieder, wie wir 
sahen, mehrfach gefaltet ist. 

Die Ebene selbst ist einer jener kesselförm igen Einbrüche, wie 
sie die griechischen Gebirge in grofeer Zahl durchsetzen und geradezu 
einen Hauptcharakterzug Griechenlands ausmachen. Sind sie es doch, 
welche hauptsächlich die kleinen abgeschlossenen Kantone bilden, 
die Griechenland eigentümlich sind. Die gröfseren Einbrüche sind 
meist tektonische, nur wenige oder gar keine sind auf das Karst- 
phänomen , auf die Auflösung des Kalksteins und die Bildung unter- 
irdischer Hohlräume, zurückzuführen. Auch bei der Ebene von Skurta 
ist die letztere Ursache kaum anzunehmen, da der Untergrund der 
Ebene zum Teil sicher aus Schiefer besteht. Die oberflächliche 
Abflufslosigkeit dieser Becken, die Entwässerung durch unterirdische 
Schlünde, Katavothren, ist nicht die Ursache sondern erst die Folge 
des tektonischen Einbruches. 



') Philipp son, Zeitschr. Ges. f. Erdk. 1890, S. 351. 



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HS 



A. Philippson: 



Der Boden der Ebene, welche wir mitten durchziehen, ohne uns 
den Rändern zu nähern, ist ein fetter Lehmboden, fast völlig 
horizontal. In der Mitte glänzt ein kleiner Sumpfsee, der über 
einem Schlürf loch (Katavothre im Boden) steht; am Nordrand der 
Ebene öffnet sich eine Thor-Katavothre in Gestalt einer grofeen Bresche 
im Bergrand. Doch hat der östliche Teil der Ebene auch einen 
oberflächlichen Abflufs nach Norden. — Trotz des fruchtbaren Bodens 
ist nur einiges Land am Rand der Ebene angebaut, das übrige ist von 
dürren Phrygana bedeckt. Auch die umgebenden Berge sind völlig 
kahl. Es ist ein Bild echt ostgriechischer Kahlheit und Dürre. Die 
5 Dörfer, welchen die Ebene gehört, und die an den Rändern der- 
selben liegen, sind klein und armselig; sie haben zusammen nur 
1136 Einwohner, obwohl die eigentliche Ebene allein über 20 qkm 
grofs ist. Auch im Altertum ist uns von hier keine gröfsere Ortschaft 
bekannt, sondern nur zwei Kastelle, Panakton und Drymos, welche die 
hier durchführende Strafse Theben-Athen beherrschen sollten. Die 
Ebene war lange ein Zankapfel zwischen Athenern und Böotern. 

Kurz ehe wir Dervenosiälesi, das am Westende der Ebene 
gelegene Dorf, erreichen, verengt sich die Ebene zwischen niederen 
Kalkhügeln und wird hier von Weinpflanzungen eingenommen. Das 
Dorf selbst (458 Einw.) liegt auf dem Ende des Kithaeron-Kammes, der 
sich von hier, allmählich ansteigend, nach Westen zieht. Nach kurzer 
Frühstücksrast durchschreiten wir den dicht nordwärts des Dorfes ge- 
legenen Engpafs, von dem dasselbe seinen Beinamen „Derveno" erhalten 
hat. Es ist ein niedriges Joch im Kalkstein, durch einen alten Turm 
verteidigt. Dann geht es hinunter nach N zu einer kleinen, von 
terra rossa erfüllten Ebene, aus der ein Trockenbach nach N hinaus- 
zieht. Am Südrand dieser Ebene tritt eine kleine Schieferpartie im 
Kalk auf. 

Wieder über einen niedrigen Rücken; dann geht es steil auf 
schlechtem Weg etwa 200 m hinab zu den Kalyvien von Dervenosiälesi 
(280 m), die schon am Rand des grofsen Beckens des oberen 
Asopos liegen. Dieses flachhügelige Becken bildet den südlichen höheren 
Teil der grofsen Niederung von Theben und erstreckt sich von den 
Kalyvien von Dervenosiälesi nach W bis zum Ostende des Helikon 
beim alten Thespiae. Im S wird es von dem hohen Wall des Kithäron 
begrenzt; der Nordrand wird nur im östlichen Teil von Kalkbergen 
gebildet, die aus dem Tertiär auftauchen (Sor6s-Gebirge bis 614 m 
hoch); weiter westlich fehlt eine Umwallung, indem die Beckenschichten 
selbst in einer nordwärts gerichteten scharfen Stufe abbrechen zu 
der tieferen Ebene unterhalb Theben. Diese Stadt selbst liegt auf der 
Höhe dieser auffälligen Stufe zwischen der oberen und unteren Ebene. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



149 



Das Becken des oberen Asopos, oder die obere (südliche) 
thebanische Ebene ist aus flachlagernden tertiären Sanden, Mergeln und 
Konglomeraten gebildet, aus denen noch keine Fossilien bekannt sind, 
die also wahrscheinlich als Süfswasserablagerungen anzusehen sind 1 ). 
Sie bilden niedrige Hügel, die nur in der Mitte von dem ebenen 
Schwemmland des Asopos selbst unterbrochen werden. Dieser Flufs strömt 
in trägen Windungen dahin, bis er in enger Schlucht die Kalkhügel 
durchbricht, die von Skürta nach N bis zum alten Tanagra vorspringen 
und das Becken nach Osten vollständig abschliefsen. Der Flufs liegt 
hier durchaus im Kalk; ein Tertiärstreifen, wie ihn die österreichische 
geologische Karte südlich Klevostari (richtig Chlemvotsäri) zeichnet, 
ist nicht vorhanden. Erst bei Tanagra tritt der Flufs wieder in ebenes 
Land hinaus. 

Wir ziehen in WNW-Richtung durch das Becken und überschreiten 
auf einer Brücke den Flufs (250 m), der ziemlich viel Wasser hat und 
zwischen Binsen und Schilf bald reifsend, bald in Pfühle sich aus- 
breitend, dahinfliefsL Zuerst ist der Grund des Beckens ein lockerer 
brauner, sandig - thoniger Boden; weiter westlich kommen wir auf 
Konglomerate von festem Zement und runden Gerollen von Kalk, 
Hornstein und Serpentin. Obwohl der Boden des Beckens sehr frucht- 
bar für Getreide ist, wird er meist von Phrygana und Gestrüpp der ab- 
scheulichen Kermes-Eiche bedeckt. Die Dörfer sind auch hier klein 
und spärlich; kaum begegnen wir Menschen auf unserem elenden 
Pfade. Endlich stehen wir am Rand der Stufe von Theben (340 m). 
Die Schichten des Konglomerates fallen noch Nord hinab, darüber 
liegt ein roter Sand. Die Stufe ist eine langhin sich erstreckende Flexur 
mit nördlichem Absinken. Unter uns liegt die untere thebanische 
Ebene, tief braun gefärbt; jenseits die Ptoischen Berge — so nennen 
wir die Gebirgswelt im Osten des Kopais-Sees bis zum Euripos — 
dazwischen glänzt der Spiegel des Ukeri-Sees auf. 

Dicht vor uns aber, jenseits eines Thaleinschnitts, in dem mächtige 
Quellen entspringen (die Quelle des Ismenos), liegt Theben (Thiva, 
Phfva, etwa 200— 300 m). Ein schmales Joch führt als einziger Zugang 
von Süden zu einem Vorsprung des Höhenrandes, der beiderseits von 
steilen Thälem begrenzt, nach N steil zu der wohl 100 m tieferen 
unteren Ebene abfällt. Die Spitze des Hügels, ein von Natur sehr 
fester Ort, trug die alte Burg Kadmeia, während die Stadt sich im Alter- 
tum die Abhänge hinunter in die beiden Thäler und bis zur Ebene 
hinab erstreckte. Die Lage der Stadt ist so recht zur Herrschaft über 
das weite fruchtbare Gebiet ringsum geschaffen. Nachdem sie gegen 



') Bittner, S. 50; Philippson, Ztschr. Ges. f. Erdk. 1890, S. 353 



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150 



A. Philippson : 



Ende des Altertums sehr herabgekommen war, wurde sie im byzan- 
tinischen Mittelalter wieder eine volkreiche Industrie - Stadt. Auch 
unter den fränkischen Rittern spielte Theben eine grofee Rolle, 
wie überhaupt Böotien; denn wohl in keiner anderen Landschaft 
Griechenlands findet man eine solche Anzahl alter fränkischer Türme 
und Kastelle. Hier in Theben residierten die reichen Barone von 
Saint - Omer in einem prächtigen Schlofs, als dessen Rest wohl der 
mächtige Turm anzusehen ist, der sich am Nordrand der heutigen 
Stadt erhebt. Eine grofsartige Wasserleitung, welche freilich Anlagen 
aus dem grauesten Altertum benutzte, wurde damals gebaut und führt 
noch heute Wasser vom Kithäron herbei und mit einer Bogenstellung 
über das erwähnte Joch in die Stadt hinein. Der heutige Ort ist ein 
elendes Nest. Seine düsteren Häuser haben sich auf den Gipfel der 
Kadmeia zurückgezogen; zwei Vorstädte, H. The6doros und Pyri, 
liegen unten am Rand der Ebene. Die Strafsen der Stadt sind wirr, 
eng und schmutzig, mit Ausnahme der neuangelegten Bazar-Strafse und 
einer Parallel-Strafse. Doch herrscht ein recht lebhafter Verkehr von 
Karren auf der Fahrstralse Livadia-Theben-EIeusis-Athen ; sie führen 
namentlich die Baumwolle der Kopals-Ebene nach dem Piräus. Die 
Stadt selbst hat 3228, die beiden genannten Vororte noch 962 und 
1013 Einwohner, sodafs auf dem Raum des alten Theben immerhin 
noch 5200 Menschen wohnen. 

In dem elenden Xenodochion (Gasthof) des Ortes mochte ich nicht 
bleiben, da ich mein Zimmer mit anderen Passagieren hätte teilen müssen. 
Ich richtete mich daher in einem kleinen Kämmerchen eines Privat- 
hauses ein, wo ich auch vor drei Jahren übernachtet hatte. Bald machte 
ich dem Ingenieur der Gesellschaft zur Austrocknung des Kopais-See, 
Herrn Forgeard, an den ich Empfehlungsbriefe hatte, meinen Besuch. 
Er bewohnte ein hübsches, von dieser Gesellschaft nach europäischer 
Art gebautes Haus. Zu meiner Verwunderung erwartete man mich 
schon, da meine Ankunft in liebenswürdigster Weise von den Athener 
Herren der Direktion im voraus angezeigt war. Herr Forgeard und 
seine Gemahlin empfingen mich mit der herzlichsten Gastfreundschaft 
und nötigten mich sofort in ihrem Hause Wohnung zu nehmen. Mit 
lebhaftestem Dank werde ich stets an meine Aufnahme bei den Fran- 
zosen in Böotien zurückdenken! 

Bald lernte ich auch den zweiten Ingenieur der Gesellschaft, 
Herrn Lall i er, kennen, einen geistvollen Beobachter, dem wir neben 
Herrn Kampanis hauptsächlich die Kunde von den auf dem Boden 
des Sees aufgefundenen Deichbauten der Minyer verdanken. Beide 
Herrn orientierten mich bald, an der Hand eines grofsen Planes, über 
die Gegend und die nun fast vollendeten Arbeiten der Kopais-See- 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



151 



Gesellschaft, welche den glänzendsten Erfolg insofern errungen haben, 
als der Kopais-See in der That aufgehört hat zu bestehen. Ich 
beschlofs, drei Tage dem Besuch der wichtigsten Punkte dieses hoch- 
interessanten Gebietes zu widmen — ; mehr verbot mir leider die 
drängende Zeit, die mich auf mein eigentliches Arbeitsfeld rief. 

Die Ergebnisse des dreitägigen Aufenthaltes im Kopais-Gebiet 
sind in einer besonderen Abhandlung niedergelegt worden 1 ). Hier 
sei nur erwähnt, dafs ich teils von Herrn Forgeard, teils von Herrn 
Ullier an die wichtigsten Punkte geleitet wurde. Am ersten Tage 
besuchten wir den Paralimni-See und den Isthmos von Anthedon, am 
zweiten Tage den Ostrand des Kopais-Sees bis zur grofsen Katavothre ; 
am dritten fuhren wir nach Skripu am Westende des Sees, an der 
Stelle des alten Orchomenos gelegen. Die Reise geschah, soweit die 
holprigen Fahrwege es erlaubten, in vierspännigen Wagen. Ich gewann 
einen Einblick in den geologischen Bau des Gebietes, in die grofs- 
artigen erfolgreichen Entwässerungsarbeiten und konnte durch eigene 
Anschauung mich von der Wirklichkeit des uralten Kulturwerkes der 
Minyer überzeugen, welche denselben Erfolg wie die heutige Technik 
schon vor drei Jahrtausenden errungen hatten. 

Leider wurde der Genufs dieser Ausflüge etwas durch den kalten 
Nordwestwind beeinträchtigt, der am Morgen das Thermometer auf o° 
fallen liefs. 

2. Von Skripu am Kopais-See über Dadf nach Lamfa. 

Nachdem ich mich in Skripu (100 m), einem Dorf an der West- 
küste des ehemaligen Kopais-Sees, welches die Stelle des alten Orcho- 
menos einnimmt, von meinem liebenswürdigen Führer, Herrn Forgeard, 
getrennt hatte, wurde am 22. März der Weg, dem Kephissos-Thal 
nach aufwärts folgend, fortgesetzt. Es war, wie an den vorhergehenden 
Tagen, ein klarer, kalter Morgen. Dickes Eis bedeckte die Wasser- 
tümpel, silberner Reif die Gräser und Kräuter der Wegraine. Ein 
eisiger Nordwest wehte uns entgegen das breite Thal des Kephissos 
herab, welches hier die nördliche und südliche Gebirgskette Mittel- 
Griechenlands orographisch scheidet. Die aufserordentlich fruchtbare 
Thalebene, an 60 km lang von WNW nach OSO gestreckt, aber von 
sehr wechselnder Breite, bildet als eine Längsfurche das Kulturcentrum 
dieses Teiles von Mittel-Griechenland. Die hohen Gebirge des west- 
lichen Helikon und des Parnass scheiden es im Süden von der 
Küste des Korinthischen Golfes, ein weniger hoher Gebirgsstreifen im 
forden von den Gestaden des Kanals von Euböa. Beide Küsten- 



M S. Ztschr. d. Ges. f. Erdk. 1894, S. 1—90. 
Z«Uchr. d. G«elbch. f. Erdk. Bd. XXX 1895. 11 



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152 



A. Philippson: 



landschaften haben wenig Verkehr mit einander und mit der Kephissos- 
Ebene. Die Gebirge sind rauh und wenig bewohnt; dagegen sammelt 
sich in der abgeschlossenen, wohl angebauten Binnenebene eine dichtere 
Bevölkerung. Zugleich bietet sich hier ein sehr bequemer Verkehrs- 
weg in der Längsrichtung Mittel-Griechenlands, zur Verbindung Attikas 
und Böotiens mit dem Spercheios-Becken und Thessalien. Die neue 
Kunststrafse Athen — Lamfa, und ebenso die in langsamem Ausbau 
begriffene Larissa-Eisenbahn folgen daher dieser sehr allmählich an- 
steigenden Thalfurche. Doch ist der Verkehr auf der Strafse, wenn 
man Livadia hinter sich hat, nur ein lokaler, da Waren und Personen 
von Athen nach Lamia und Thessalien den Seeweg vorziehen. 

Der binnenländische Charakter des durch hohe Gebirge von den 
Seewinden abgeschlossenen Kephissos-Thales zeigt sich in extremen 
Temperaturen, starker Winterkälte und glühender Sommerhitze, 
welche wieder in der Vegetation zum Ausdruck kommen. Die immer- 
grünen Gewächse des Mittelmeer-Gebietes, selbst die Olive, fehlen hier 
trotz der geringen Meereshöhe; nur die anspruchslose Kermes-Eiche 
hält noch Stand. Die unteren Gehänge der Berge bis zur Tannen- 
Region sind daher fast durchaus kahl. In der Thalebene finden sich 
nur am Flufsufer Bäume, und zwar vornehmlich Pappeln und Weiden. 

Zweimal nähern sich Bergvorsprünge von beiden Seiten hei dem 
Flufs, und trennen so die Thalebene in drei gesonderte Becken, die 
nur durch Engpässe in Verbindung stehen. Die unterste Ebene, in 
die wir zunächst eintreten, ist die von Chäronea, der Stadt, welche 
am Südrand in der Nähe des heutigen Käprena lag. Die Ebene 
öffnet sich weit nach Osten zur KopaVs-Niederung; im Norden erhebt 
sich ungemein schroff der lange kahle Kalkrücken der Durduväna, 
im Süden die nicht minder öden Kalkberge des Keratövuno und 
der Höhen westlich von Käprena, zwischen welchen bei diesem Ort 
selbst die unter dem Kalk liegenden Schiefer bis zur Ebene vortreten. 
Der Kalk des Keratövuno enthält zahlreiche Rudisten und andere 
Fossilien 1 ), die sein Alter als turonisch (obere Kreide) festlegen. 
Es kann nicht zweifelhaft sein, dafs der Kalk der*Durduväna mit dem 
des Keratövuno identisch ist. Die Ebene selbst, die etwa 3 — 5 km 
breit ist, wird überwiegend von Baumwollfeldern, und zwar der ein- 
jährigen Baumwollstaude {Gossypium herbaceum L., neugriechisch to 
Jafißdxi, spr. wambäki) eingenommen. Daneben wird auch Mais gebaut. 
Da beide Pflanzenarten noch nicht aus dem Boden hervorgesprofst 

\~ 

l ) S. Bittner a.a.O. S. 38 ff. - Philippson, Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. 
1890, S. 357. — Steinmann, Einige Fossilreste aus Griechenland, Ztschr. d. 
Deutsch. Geolog. Gesellsch. 1890. S. 769 f. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



153 



waren, bot die Ebene ein ziemlich trostloses Bild. Im Westen aber 
strahlte in weifsem Schneemantel der breite, massige Parnafs, der 
scheinbar den Weg nach dieser Richtung völlig versperrt 

Unser Pfad führte zunächst am Kephissos entlang, nachdem wir 
die von der Kopais-Gesellschaft angelegte grofse Schleuse passiert hatten, 
die den Flufs nach rechts in den grofsen Gürtelkanal leitet. Von 
hier aufwärts ist der Flufs etwas in die Ebene eingeschnitten; dennoch 
pflegt er bei Hochwasser nach rechts auszubrechen, und man hat ihn 
daher auf dieser Seite bis zum Dorf Velf mit einem Deich versehen. 
Bei dem kleinen Örtchen Visvardi treten wir an den Kalk der Durdu- 
väna heran. Er ist hier dunkelgrau und massig und enthält zahllose, 
mit dem Gestein fest verwachsene Rudisten. Bald darauf kommt man 
an das Ende des Durduväna-Rückens , der gegen die Ebene ausläuft, 
letztere bildet hier eine nach Osten vorspringende Bucht, die durch 
eine niedrige Schieferhöhe von dem Nordwest-Ende des Kopais-Sees 
getrennt ist. Man sieht dort den Kalk der Durduväna deutlich nach 
Norden unter diesen Schiefer einfallen 1 ), aus welchem sich nach 
Norden wieder der Kalk des Mavrovunö erhebt; der Schiefer bildet 
also eine Faltenmulde. An diesen Kalk, der ebenfalls Rudisten 
führt, kommen wir bei Karamüsa heran; der Flufs bespült hier un- 
mittelbar die Felsen. Die Ebene zieht in westlicher Richtung bis an 
den Westfufs des Parnafs bei Dävlia (Daulis), wo sich ihm eine kleine 
Neogenscholle anlegt. Der Kephissos aber kommt von Norden her 
aus dem ersten jener beiden oben erwähnten Engpässe, den man nach 
der alten Stadt Parapotamia benennen kann, welche auf den Höhen 
östlich vom Engpafs lag. Der Flufs durchbricht hier den Kalkzug des 
Mavrovunö (543 m), der sich in westlicher Richtung im Berge Paröri 
fortsetzt, der sich seinerseits an die Vorhöhen des Parnafs anschliefst. 
Hier besteht also ein unmittelbarer geologischer Zusammen- 
hang zwischen der nördlichen und südlichen Gebirgskette 
Mittel-Griechenlands, die an dieser Stelle nur durch ein Ero- 
sions -Querthal geschieden sind. 

Auf die Bedeutung dieses Umstandes werde ich weiter unten 
zurückkommen. Das Thal behält übrigens selbst an der engsten Stelle 
des etwa 3 km langen Passes noch einen angebauten Thalboden von 
einigen hundert Metern Breite. Immerhin bildet der Pafs eine aus- 
geprägte natürliche Scheidung zwischen der Ebene von Chäronea, 
welche zu Böotien, und dem nächst höheren Becken des Kephissos, 
der Ebene von Drachmäni oder Elatea, die zu Phokis gehörte. 
Auch heut bildet der Pafs die Grenze zwischen dem Nom6s (Provinz) 



l ) Bittner hat beobachtet, dafe der Kalk der Durduväna über dem Schiefer liegt. 

11* 



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154 



A. Philippson: 



Attika-Böotia, welcher Athen, und Phthiotis-Phokis, welcher Lamfa zur 
Hauptstadt hat. 

Am Beginn des Passes führt uns eine alte Brücke auf das rechte 
Ufer des Flusses, und wir erreichen die Fahrstrafse von Livadiä nach 
Lamfa. Am Nordende des Passes liegt das schmutzige Chani Kallt 1 ) 
(140 m, 4 Stunden von Skripü), wo Mittagsrast gehalten wurde. In der 
Enge wehte der kalte Wind mit grofser Heftigkeit. Fast erstarrt 
sprang ich vom Pferde und eilte an das Herdfeuer, an welchem sich 
eine Anzahl Handelsleute aus dem fernen Bitolia (Monastir) gelagert 
hatten. Auch sie klagten bitter über den schweren Winter in ihrer 
Heimat. 

Oberhalb des Passes öffnet sich das weite Becken von Drach- 
ntäni, im Altertum von der Stadt Elatea (am Nordrand) beherrscht. 
Die Ebene hat eine Länge von 17 und eine Breite von 7 km und 
wird in der Mitte vom Kephissos, im Mittel etwa 150 m ü. d. M., durch- 
flössen. Auf der Nordseite umrahmt sie ein niedriges, ausdrucksloses 
Gebirgsland, die Kette der Lyko-Rhe*vmata (Wolfsschluchten, 927 m 
ü. d. M.) und der Tsüka (843 m). Der östliche Teil desselben besteht 
aus Kalkstein, der westliche aus Serpentin, der sich durch seine rote 
Verwitterungsfarbe scharf abhebt; die Grenze beider liegt gerade 
nördlich des Hauptortes Drachmani. Man sieht hier den Kalk nach 
NW unter den Serpentin einfallen. Nach NO führt ein niedriger Uber- 
gang über Kalapödi nach Atalänti, und stellt so eine leichte Ver- 
bindung des Beckens mit der Küste her. Eine Abzweigung der 
Fahrstrafse führt hinüber. — Auf der Südseite des Beckens erhebt 
sich zunächst der schon erwähnte Kalk-Berg Paröri, dann durch eine 
Schieferzone von diesem getrennt, das gewaltige Kalkmassiv des Parnafs. 
Der grofsartige Steilabsturz, den der Berg nach dieser Seite wendet, 
besteht ausschliefslich aus Kalkstein, welcher in dicken Bänken steil 
nach Nordost zur Ebene und, wie es scheint, unter den Schieferzug 
und den Kalk des Par6ri, einfällt. Wilde Schluchten zerreifsen die 
Flanken des Berges, die noch bis tief hinab von Schnee bedeckt sind 2 ). 

Die Strafse führt zunächst vom Engpafs an zwei Kalkbergen 
vorbei , die sich inselförmig aus der Ebene erheben. Der Kalk 
von H. Marina führt Rudisten. Dann geht es über einen riesigen Schutt- 

») Chani, türkisch Chan = Wirtshaus oder Unterkunftshaus. In den alt- 
griechischen Provinzen sind sie meist Privateigentum des Wirtes, der Pferdefutter. 
Brod, Kaffee, Schnaps, Wein und verschiedene Kramartikel verkauft. Aufserdem 
findet man in einem Chani nur eine Feuerstelle und eine oder mehrere leere Kam- 
mern für Reisende. 

2 ) Die dichte Schneedecke reichte etwa bis 600 m, ein dünner Schneeschleier 
bis 400 m ü. d. M. hinab. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



155 



kegel, der aus den Schluchten des Parnafs, östlich von Velitsa, 
entspringt und sich bis an den Kephissos ausdehnt. Fast die ganze 
südliche Hälfte der Ebene wird durch diesen Schuttkegel eingenommen, 
dem tertiäres Alter zuzuschreiben, wie es die Bittner'sche geologische 
Karte thut, kein ersichtlicher Grund vorliegt. Da der Schutt sehr unfrucht- 
bar ist, entbehrt dieser Teil der Ebene des Anbaues. Wanderhirten weiden 
ihre Herden auf der weiten, von zerstreutem Kermeseichen-Gebüsch 
bewachsenen Fläche. Ganz anders auf der Nordseite der Ebene, wo 
sich die Schutthalden, der geringeren Höhe des Gebirges entsprechend, 
auf einen schmalen Streifen am Fufs der Berge beschränken. Hier 
dehnen sich am Flufs sehr fruchtbare Ackerfluren aus, auf denen 
Baumwolle und Getreide gebaut werden 1 ). 

Unsere Fahrstrafse hält sich an der rechten Seite des Flusses und 
führt an mehreren Hüttendörfern (Kalyvia) sowie an der Palaeo-Thi'va 
(Alt-Theben) genannten Ruinenstätte vorbei, deren Identifizierung mit 
einer antiken Ortschaft noch nicht gelungen ist. 

Das Westende der Ebene von Drachmäni bezeichnet wiederum ein 
Engpafs. Östlich von Dadf springt nämlich ein ansehnlicher Kalkberg 
von den Abhängen des Parnafs nach Norden vor, ganz entsprechend 
dem Parori-Berg am Ostende der Ebene. Der Kalk zieht sich auch auf 
das linke Ufer des Kephissos hinüber, wo er erst in einiger Entfernung 
vom Flufs unter den Serpentin des nördlichen Gebirges einfällt. Durch 
diesen Felsriegel anstehenden Kreidekalksteins bricht sich der Kephissos 
in einer ungangbaren Schlucht von über 5 km Länge Bahn, und zwar mit 
sehr starkem Gefälle, da dieses obere Becken, das wir nach der alten Stadt 
Lilaea nennen wollen, bedeutend höher liegt, als das von Drachmäni. 
Auf der französischen „Carte de la Grece" fehlt, augenscheinlich durch 
einen Fehler im Stich , der Bergvorsprung von Dadf vollständig, sodafs 
auf allen unseren Karten, die ja durchaus auf jener fanzösischen Karte 
begründet sind, hier eine breite offene Verbindung zwischen den Becken 
von Lilaea und Drachmäni gezeichnet wird, die in Wahrheit nicht 
besteht 8 ). Die geologische Karte von Bittner giebt hier am Kephissos 
entlang Tertiär an, was ebenfalls unrichtig ist. Die Trennung beider 
Becken durch einen sehr mächtigen Riegel feste n Ges t eins ist, 
ebenso wie beim Engpafs von Parapotamia, von geologischer Bedeutung. 



l ) rij di (fiaxtXQtfiiiywg apiortj jjjc 4*<oxiifog iaiiv 13 naga iov Krj(fto6v xai 
fvttvaa* xai omigttv xai avtivat yo/Atig. (Pausanias, X, 33, 7). Auffallig ist, dafs 
im Altertum im Gebiet von Tithorea, welches am Südrand dieser Ebene lag, treff- 
liches öl hervorgebracht wurde (Bursian, Geographie von Griechenland, IS. 167) 
während jetxt kein Ölbaum mehr in der ganzen Ebene gedeiht. 

? ) Dagegen schildert Leake II S. 70 diesen Engpafs richtig. 



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156 



A. Philippson: 



Die Strafse windet sich an dem Felsvorsprung hinauf und um seinen 
höchsten Gipfel herum. Ein Schuttkegel entspringt unmittelbar jenseits 
des Vorsprungs aus einer Schlucht des Parnafs und lehnt sich einer- 
seits an den Felsvorsprung an, während er sich andererseits fächer- 
förmig nach N über die nächsten Teile des Beckens von Lilaea aus- 
breitet. Die Kalkbrocken, aus denen er besteht, sind voll von Rudisten. 
Am Ursprung dieses Schuttkegels, hoch über jenem Becken, aber am 
Fufs der Wände des Parnafs, liegt das grofse Dorf Dadf, dessen 
grofse finstere Steinhäuser man erst wenige Minuten, ehe man sie 
erreicht, erblickt (4$ St. vom Chani Kalft). Der Kalk des Parnafs 
scheint auch hier nach NO einzufallen. — Der kalte Nordwest trieb 
reichliche Schneeflocken vor sich her, als wir die mit Glatteis bedeckten 
Gassen des Ortes hinaufklommen. Ein nordisch - winterliches Bild! 
Bald aber fanden wir in einem der fest gebauten, daher warmen 
Häuser, deren Inneres ausnahmsweise weit die Erwartungen übertraf, 
welche die Aufsenseite erweckte, bei freundlichem Wirt ein behagliches 
Unterkommen. Dadf ist mit 3289 Einwohnern (400 m) der bedeutendste 
Ort und lebhafteste Marktplatz aller drei Becken des Kephissos. 

In der Nacht herrschte Frost. Um 6$ Uhr morgens zeigte das 
Thermometer im Ort — 1 °. Der ganze folgende Tag (23. März) blieb 
bei starkem NW klar und kalt. Noch unter Mittag zeigte das Ther- 
mometer auf der Höhe des Purnaräki-Passes nur 4-2 0 . 

Zunächst ging es über den grofsen Schuttkegel nach NW hinab 
zu den Kalyvien (Hütten) von Dadf am Kephissos. Ein Sporn des 
Parnafs springt hier bis an den Flufs vor; der schwarze dickbankige 
Kalk streicht N 45 0 W und fällt mit 20 0 nach NO ein. Auf einer 
Brücke überschreitet die Stralse den Flufs ($ Stunde von Dadi, 250 m). 
Wir befinden uns nun in der obersten Ebene des Kephissos, derjenigen 
von Lilaea (etwa 17 km lang, 4 bis 8 km breit). Auch dieses Becken 
wird rings von grofsartigen Gebirgen umrahmt. Im S erhebt sich der 
Parnafs. Eine grolse Nische öffnet sich hier in demselben, die sich nach 
oben in einem Hochthal fortsetzt, in welchem das Dorf Ag6riani, 
bekannt durch Bittner's Fund von Gault-Fossilien, sichtbar wird. Am 
Fufs der Nische entspringt beim alten Lilaea der Kephissos aus 
mehreren grofsen Quellen. Im SW tritt die mächtige Giona hervor, ein 
riesiger, oben abgeflachter Kalkklotz, die höchste Erhebung des König- 
reichs Griechenland (2512 m). Zwischen beiden Gebirgen öffnet sich der 
Engpafs von Gravid, eine enge Schlucht, die südwärts nach Amphissa 
und zum Korinthischen Golf hinausführt. So vereinigen sich in diesem 
Becken die Strafsen von Athen und von Amphissa nach Lamfa, um dann 
gemeinsam das nördliche Gebirge zu überschreiten. Im NW des Beckens 
erblicken wir das vielgipfelige Massiv der Katav6thra (der alten Öta). 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



157 



Zwischen ihr und der Giona ist die westliche Umrandung der Ebene 
von einem sanften Gebirge von Schiefern oder Sandsteinen gebildet. 
Doch springt hier unmittelbar am Rand der Ebene von S her noch 
eine niedrige Zunge des Parnafs - Kalkes nach N vor, welche von 
dem dahinterliegenden Schiefer überlagert wird 1 ). (Vgl. Tafel 9, 
Xo. 2.) Es mufs dahingestellt bleiben, ob diese Schieferformation, 
welche sich von hier westlich zwischen Katav6thra und Gi6na weit 
ausdehnt, noch der Kreide angehört, oder schon dem eocänen Flysch- 
gebirge des östlichen Ätolien, mit dem sie unmittelbar verwächst. 

Die Nordseite der Ebene bildet das Kalkgebirge Saromata (1374 m)*), 
von hier aus gesehen eine einförmige kahle, rötlich verwitternde Masse. 
An den Fufs derselben lehnt sich zunächt eine Zone von Hügeln an, 
welche sich gleichmäfsig zur Ebene abdachen. Sie bestehen aus sehr 
mannigfaltigen lockeren Ablagerungen, bald aus weifsem mergeligen 
Kalktuff, der oft zu einem Poros-artigen Gestein verhärtet, bald aus 
braunen Thonen, gelben Sanden oder lockeren Schottern wohl- 
gerundeter Gerolle von Kalken und grünen Sandsteinen. Letztere 
sind in besonders grofser Zahl vorhanden; ihr Ursprung dürfte im 
westlichen Schiefergebirge zu suchen sein. Die ganze Ablagerung zeigt 
regelmäfsige Schichtung, welche, parallel der Oberfläche, mit etwa 20 0 
Neigung nach SSW einfällt. An dem Südrand des Beckens fehlt 
diese Bildung gänzlich. Sie gehört entweder dem mächtigen Neogen 
an, welches die Meeresseite des ganzen nördlichen Gebirgszuges Mittel- 
Griechenlands einhüllt, oder sie ist vielleicht als eine ältere Binnensee- 
Ablagerung des Beckens von Lilaea selbst aufzufassen. 

Der Boden des Beckens ist bis zu einer geringen Höhe über dem 
Flufs von einer horizontalen Schutt-Ablagerung angefüllt, wahrscheinlich 
einer alten Seebildung, aus der Zeit stammend, bevor noch der Riegel 
von Dadf bis zu solcher Tiefe ausgenagt war, dafs die Gewässer, ohne 
sich zu einem See aufzustauen, abfliefsen konnten. In diese Ab- 
lagerung haben sich der Kephissos und seine von Westen kommenden 
Nebenbäche eingeschnitten, und so in der Mitte der Niederung eine 
ziemlich breite Thalaue ausgearbeitet, so dafs das ganze Becken eher den 
Charakter einer Terrassenlandschaft, als einer Ebene trägt. Doch sind 
auch diese Terrassen ungemein fruchtbar und zumeist angebaut. Baum- 
wolle wird hier freilich nur noch wenig gezogen, wohl hauptsächlich 
deshalb, weil die Flüsse zu tief liegen, um künstliche Berieselung der 
Felder, die unerläfsliche Bedingung der Baumwollkultur in den 
Gegenden regenarmer Sommer, zu erlauben. Die Dorfschaften, welche 



1 ) Die österreichische geologische Karte ist hier recht ungenau. 

2) Vgl. Bittner a. a. O. S. 16 ff. 



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< 



158 A. P hili ppson: 

die Niederung bebauen, liegen sämtlich am Fufs oder an den Gehängen 
des Gebirges, z. T. wie Agoriani, in beträchtlicher Höhe. Ähnlich war 
es im Altertum. Damals gehörte der östliche Teil des Beckens noch 
zu Phokis, der westliche dagegen bildete mit den anliegenden Gebirgen 
das Gebiet der dorischen Tetrapolis. Dies war ein durch seine enge 
Beschränkung zwischen hohen Bergen machtloser kleiner Kanton, der 
jedoch des fruchtbaren Bodens nicht ganz entbehrte und durch die 
Beherrschung der Strafse von Thessalien und Lamfa nach Amphissa 
und Delphi auch eine gewisse strategische Bedeutung besafs. 

Es seien hier einige Bemerkungen über die heutigen Bevölkerungs- 
verhältnisse der drei Becken des Kephissos eingefügt. Um dieselben 
richtig beurteilen zu können, müssen wir zu jedem Becken auch die 
Dorfschaften hinzurechnen, welche an den Gebirgshängen erbaut sind, 
aber ihren hauptsächlichsten Nährboden in der Beckenebene haben. 
Dadurch kommt freilich ein Fehler in die Rechnung, insofern, als auch 
die Berghänge selbst zu der Ernährung dieser Dörfer beitragen. Fast 
alle diese Dörfer besitzen Kalyvien (Filialdörfer, die nur zeitweise 
bewohnt werden) in den Ebenen. Die folgenden sind die Bevölkerungs- 
zahlen nach der Zählung von 1889; der Flächeninhalt der Ebene (ohne 
Gebirgsumrandung) ist durch rohe Schätzung gewonnen. 
Becken von Chaeronea 60 qkm 361 1 Einw., 60 Einw. auf 1 qkm 
„ „ Drachmani 120 „ 5430 „ , 45 
„ „ Lilaea 100 „ 9391 „ , 94 „ „ 1 

Es ergiebt sich daraus die auffallende Thatsache, dafs das von 
der Natur am wenigsten begünstigte Becken von Lilaea die dichteste 
Bevölkerung hat. Das erklärt sich aber erstens durch den fast städ- 
tischen Marktort Dadi — wenn wir diesen abziehen, erhalten wir nur 
60 Einwohner auf 1 qkm — , dann durch das ausgedehntere Gebirgs- 
land, welches den Dörfern dieses Beckens zugehört. Im ganzen ist 
die Volksdichte der drei Becken zwar weit über dem Durchschnitt 
Griechenlands, aber lange nicht so beträchtlich wie in den Ebenen des 
Peloponnes. Die Ausnutzung des Bodens könnte weit besser sein. 
Aus dem Altertum sind uns die Namen von nicht weniger als 18 Ort- 
schaften in diesen drei Becken überliefert! 

Die heutige Bevölkerung spricht durchaus griechisch, während 
von der Mitte des Kopais-Beckens ostwärts die albanesische Sprache 
herrscht. Es sind friedliche Leute, und die Sicherheit im Lande ist 
vollkommen. — 

Unsere Strafse führt quer über die Ebene und steigt dann an der 
nördlichen Hügelzone hinauf. Die zahlreichen Schluchten nötigen die 
Strafse zu beständigen Windungen. Nachdem wir das Dorf Brälo (oder 
Vrdlos?) passiert haben, erreichen wir bald mit ganz allmählichem An- 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland 



159 



stieg die wasserscheidende Pafshöhe Purnaräki, welche die Gewässer 
des Kephissos und Spercheios scheidet und orographisch das Kalk- 
gebirge Saromata im Osten mit dem westlichen Schiefergebirge verbindet. 
Ihre Meereshöhe beträgt nur 590 m. Der wasserscheidende Rücken 
dacht sich sanft nach Süden ab ; hier zog sich bisher Eichenwald bis 
in die Ebene hinunter, der aber nun durch den Bedarf des Eisenbahn- 
baues verzehrt ist. 

Auf der Nordseite ist dagegen ein wildes Gewirr von Schluchten 
tief eingeschnitten. Der wasserscheidende Rücken, so tief er von den 
Schluchten aufgeschlossen ist, ferner nach Westen bis zum Dorf Gar- 
dikäki hin, besteht aus denselben lockern, nach Süden einfallenden 
Neogenschichten, welche die Hügelzone am Südfufs der Saromata 
bilden. Die Schluchten der Nordseite haben also hier durch rück- 
schreitende Erosion die ganze Gebirgsmasse durchnagt, bis auf das 
südlich daran klebende Neogen ; so entstand hier die tiefe Einsattelung, 
die gröfsere Bedeutung in der Geschichte gehabt hätte, wenn nicht 
der Zugang von Norden her durch jene Schluchten erschwert würde. 
Man zieht daher den Küstenweg durch die Thermopylen nach Atalanti 
und von dort landeinwärts vor. 

So zogen namentlich Heereszüge meist auf der Küstenstrafse. 
Diese konnte zwar an der engsten Stelle, den Thermopylen, leicht ge- 
sperrt werden, bot aber sonst keine Schwierigkeiten dar; vor allem 
hatte sie den Vorzug, bis Atalante durchaus eben zu verlaufen. Von 
dort konnte man leicht durch den oben erwähnten Pafs von Kalap6di 
das Kephissos-Thal gewinnen. 

Auf und an dem Pumaraki-Pafs überraschte uns ein lebhaftes 
Treiben. Man war bei der Arbeit, durch den Pafsrücken einen 2000 m 
langen Tunnel für die Larissa-Bahn herzustellen. Man versicherte 
mir, und das geförderte Material bestätigte es, dafs der ganze Tunnel 
durch lockere Erde getrieben werde. 

Oben auf der Pafshöhe (3t Stunden von Dadf) hatte ein gewandter 
krieche eine Bretterbude errichtet und betrieb dort für die Aufseher 
und Arbeiter des Tunnelbaues ein flottgehendes „Restaurant", ver- 
bunden mit Kramladen. Ein reges Getriebe entfaltete sich hier um die 
Mittagsstunde. Es waren fast ausschliefslich Italiener, — die bekannten 
schlapphutigen, samtrockigen, braunen Gestalten, die überall zu sehen 
sind, wo immer in Europa Eisenbahnen oder Strafsen gebaut werden 
- welche die Arbeit in diesen entlegenen Winkel von Hellas zu- 
sammengeführt hatte. Der gewöhnliche Grieche ist starker körperlicher 
Arbeit viel zu abgeneigt, um als Erdarbeiter sich ein Stück Geld zu 
verdienen; dagegen ist er gleich dabei, eine schmutzige Baracke mit 
der Aufschrift „Albergo d' Italia", „Hötel de Paris' 1 oder dergl. zu er- 



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160 A. Philippson : 

richten — Dafs der gute Wirt den Geldbeutel des fremden Reisenden 
mit besonderer Rücksicht behandeln sollte, konnte man füglich nicht 
verlangen. Nachdem wir unser widerliches Mahl inmitten der schnattern- 
den und schreienden Gäste verzehrt hatten, waren wir froh, diesem 
Vorposten europäischer Zivilisation den Rücken zu wenden. — 

Die Schluchten der Nordseite sammeln sich in einem tiefen Thal, 
das zwischen steilen Felswänden der Spercheios- Ebene bei Musta- 
phäbel zustrebt. Es ist das Thal des Asopos, von dem aus die 
Perser unter Ephialtes' Führung die Umgehung des Thermopylen-Passes 
vornahmen. 

Dieses Thal, das je näher zur Ebene immer wilder und enger 
wird, ist, nachdem es das Neogen der Wasserscheide verlassen hat, 
ausschliefslich in den Kalk der Saromata eingeschnitten, welcher un- 
mittelbar westlich des Thaies sich aufbiegt, um Schiefergebirge, welches 
ihn unter lagert, hervortreten zu lassen. Diese Schiefer scheinen also 
älter zu sein, als die Schiefer westlich der Ebene von Lilaea. Am 
Rand der Spercheios-Ebene liegt dann demselben Kalk bei Dölphino 
wieder eine jüngere Schiefer-Partie auf. Die Eisenbahn wird mit 
schwierigen Kunstbauten an dem Kalkfelsen des westlichen Thalrandes, 
hoch über der Thalsohle, entlang geführt. 

Unsere Strafse zieht dagegen an der rechten Thalseite, ebenfalls 
im Kalkgebirge, entlang. Sie passiert eine von Osten herabkommende 
Schlucht, in welcher eine Schieferzone zwischen dem Kalk liegt ; dann 
verläfst sie das Thal und steigt über einen Rücken (660 m) nach NO 
hinüber, um unmittelbar den Abhang der Spercheios-Ebene zu ge- 
winnen. In weit ausholenden Windungen zieht sie dann zu dieser 
hinab. Ein herrlicher Blick öffnet sich bei diesem Abstieg. Unter uns 
liegt die weite Ebene des Spercheios mit ihrem Wechsel von Sümpfen 
und Ackergefilden, von dem Flufs in gewundenem Lauf durchzogen 1 )» 
zur Rechten erglänzt der Spiegel des Malischen Golfes, dahinter die 
Berge Euböas mit dem spitzen Kap Lichddes, gegenüber aber erhebt 
sich der lange, sanft geformte Wall der Othrys. Deutlich sondert sich 
der östliche höhere Teil, dessen einzelne Rücken WNW— OSO streichen, 
von dem bei weitem niedrigeren westlichen Teil ab; die Grenze 
zwischen beiden liegt ungefähr NNW von dem Hafenort Stylfs. Noch 
niedriger wird der Kamm der Othrys von dem Berg Antfnitsa aus 
nach Westen, wo denn auch zahlreiche Pafsübergänge nach Thessalien 
hinüberführen. Der Abhang, an dem wir, die Srrafsenwindungen ab- 
kürzend, hinabklimmen, ist mit reichlichem Gebirgsschutt bedeckt, 

i) Der Hauptarm des Spercheios mündet jeUt nahe der Südwestecke de* 
Malischen Golfes. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



1 €5 1 



sodafs das anstehende Gestein oft schwierig zu erkennen ist. Bunte 
Thonschiefer treten hier und da zwischen dem Kalk auf. Interessant ist 
der Wechsel der Vegetation. Auf der Höhe Tannenwald, weiter hinab 
hochstämmige immergrüne Kermes- und Stein-Eichen {Qu. cocci/era und 
Qu. Ilex), noch weiter abwärts echte Maquien, unter denen der reizende, 
durch seine rötliche Rinde auffallende Erdbeerstrauch (Arbuius) am 
meisten die Blicke auf sich zieht 1 ). Zum ersten Mal, seitdem ich die 
Meeresküste bei Anthedon verlassen hatte, begegnete ich hier wieder 
dieser für das Mittelmeer-Gebiet so charakteristischen immergrünen 
Gebüschformation. Es ist die Nähe des Meeres, die sich uns dadurch 
ankündigt. 

Beim Chani Mustaphabei, am Ausgang des Asopos-Thals, er- 
reichen wir die Ebene. Hoch oben an den steilen Kalkfelsen, welche 
hier den Rand der Ebene bilden (den Trachinischen Felsen der Alten) 
(vgl. Leake II, S. 25 ), zieht sich der Eisenbahnbau durch Tunnel und 
Galerien hin weit nach Westen, um in langsamem Abstieg das Flach- 
land zu gewinnen. Uns führt eine völlig schnurgerade Strafse von 
11 km Länge quer über die Ebene nach Lamfa, dessen weifse am 
Bergabhang aufsteigende Häuser täuschend nah erscheinen. Wir durch- 
kreuzen bald weite Weideflächen, auf denen die Zelte und Reisighütten 
der Nomaden zerstreut sind, bald Äcker, die wohlhabende Dörfer um- 
geben, bald Sümpfe, in denen die Stimmen zahlloser Wasservögel 
ertönen. Der wasserreiche Spercheios ist durch Dämme wohl verwahrt, 
und eine schöne Brücke führt hinüber. Ein lebhafter Verkehr von 
Karren aller Art, durch den Eisenbahnbau veranlafst, bewegte sich auf 
der Strafse. Da ich die Benutzung eines solchen Fahrzeugs ablehnte und 
lieber auch den Rest des Weges zu Pferde zurücklegte, bemühten sich die 
Fuhrleute — nebenbei die schlimmste Menschensorte in Griechenland, 
glücklicherweise nur in wenigen Gegenden vorhanden — in edlem 
Wetteifer, durch plötzliches nahes Heranfahren mein etwas furchtsames 
Tier scheu zu machen, was ihnen denn auch wiederholt gelang. Erst 
emstliche Drohungen machten diesem Sport ein Ende. — Mit Sonnen- 
untergang zogen wir in Lamfa ein (5 Stunden von Purnaräki), und ich 
nahm Wohnung in dem halbzerfallenen Gasthof am oberen Markt, 
wo ich das Glück hatte, ein Zimmer für mich allein zu bekommen 
und — sogar ein Waschgeschirr! 



Der Weg, den wir bisher zurückgelegt haben, führte uns durch 
ein Gebiet, welches durch die treffliche „Carte de la Grece" topogra- 



') Die obere Grenze des Arbutus ist an dieser Stelle 410 m. 



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162 



A. Philippson: 



phisch hinreichend dargestellt und durch die Übersichtsaufnahme von 
Bittner auch geologisch bekannt geworden ist. 

Ich hatte hier daher keine eingehenderen Untersuchungen vor- 
zunehmen. Immerhin wurden manche Beobachtungen gemacht, die 
zur Ergänzung unserer geologischen Kenntnis dieses Landes dienen 
können. Die stratigraphischen und tektonischen Ergebnisse derselben 
sind in meinem Aufsatz über den Kopais-See veröffentlicht worden, 
sodafs ich an dieser Stelle darüber hinweggehen kann. Ich will nur 
erwähnen, dafs ich eine genauere Einteilung der Kalke, Schiefer und 
Serpentine der Kreideformation, welche die Faltengebirge des östlichen 
Mittel-Griechenland zusammensetzen, versucht habe, die freilich vor- 
läufig nur als ein hypothetischer Versuch aufgefafst werden darf. 
Ferner aber ergab es sich, dafs die schmale Tieflandszone, welche 
das östliche Mittel -Griechenland der Länge nach durchzieht und 
die drei Becken des Kephissos, sowie die Becken des Kopais-Sees, 
von Theben und von Tanagra umfafst, aus einer Reihe völlig ge- 
trennter tektonischer Einbrüche besteht, die erst nach der Entstehung 
des ostgriechischen Faltengebirges sich eingesenkt haben, und die 
daher dieses letztere, ohne Rücksicht auf seinen Bau, durchsetzen. 
Die Felsriegel von Parapotamia und Dadf, sowie derjenige von Onchestos 
am Südost-Ende des Kopais-Sees, geben dafür den sprechendsten Be- 
weis ab. Die phokisch-böotische Beckenreihe ist daher als eine 
jugendliche Bruchzone aufzufassen, ähnlich den Bruchzonen des Kanals 
von Euböa und des Korinthischen Golfes. 



II. Das Othrys-Gebirge. 

Bei Lamfa begann die eigentliche Aufgabe der Reise, und zwar 
mit der Untersuchung des Othrys- Gebirges. Mit diesem Namen 
belegten die Alten das Gebirge, welches die Thessalischen Ebenen 
im Norden abtrennt von der Ebene des Spercheios im Süden. Es ist 
ein breites, flaches und sanft geformtes Gebirge, das sich in seinem 
höchsten Gipfel, dem Gerakovüni (oder Hierakovüni = Falkenberg), zu 
nur 1726 m Höhe erhebt, dafür aber mit seinen Ausläufern und Neben- 
ketten einen recht weiten Raum einnimmt. Es reicht im Norden bis 
zum Rand der Ebenen von Phärsalos und Halmyrös, im Osten bis 
zum Pagasäischen Golf, im Westen verwächst es mit den östlichen 
Vorketten des Pindos, sodafs hier orographisch eine Grenze schwer 
zu ziehen ist. Wir wollen als solche den Flufs Pentämylos und den 
Pafs von Mochlüka annehmen. 

Bis zum Berliner Vertrag bildete die Wasserscheide dieses Gebirges 
die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Nur der kürzere 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



163 



südliche Abhang ist daher noch in der französischen topographischen 
Karte von Griechenland enthalten, und nur dieser Teil ist von Neumayr 
geologisch untersucht worden. Ein Teil des Nordabhanges zwischen 
Larafa und Phärsalos hat der griechische Offizier A. Mavrokordätos 
topographisch aufgenommen. Dagegen ist die breite nordöstliche Ab- 
dachung in j eder Hinsicht, die ganze Nordseite wenigstens in wissen- 
schaftlich-geographischer und geologischer Hinsicht, unbekanntes Gebiet. 

Ich gebe hier, wie bei jedem der folgenden Abschnitte, eine Zu- 
sammenstellung der bisher von Reisenden beschriebenen 
Wege innerhalb des in Rede stehenden Gebietes, sowie der sonstigen 
einschlägigen Literatur, soweit "sie mir bekannt und zugänglich ist. 
Dabei mufs aber ein für allemal bemerkt werden, dafs die Reise- 
beschreibungen in geographischer Beziehung mit wenigen Ausnahmen, 
unter denen namentlich Leake hervorragt, nur höchst dürftig und 
lückenhaft sind. Für das Othrys-Gebiet im besonderen zeigt sich, 
dafs nur wenige Routen, diese aber sehr häufig begangen worden sind. 

Beschriebene oder aufgenommene Reisewege 

im Othrys-Gebiet 1 ). 

Lamia — Stylis: Benjamin von Tudela (Ende des 12. Jahrh.). - 
Lucas (1706, I. S. 217 ff.). - Gell (S. 248—261). - Dodwell (1805, 
II S. 77-89). Holland (1812—13, I 1 s - 103- 118). — König Otto 
und Rofs (1834, I S. 84 f.). — Fiedler* (1836, I S. 196-206). 
Brandis (1838— 39, S. 1 — 20). — Stephani (1842, S. 37—51). — Vischer 
(1853, S. 653 — 656). — Neumayr* (1876, S. 96—100). — Lolliog (in 
Baedeker's Griechenland). 

Stylis — Echinos: Benjamin v. Tudela, Gell, Dodwel), Fiedler*, 
Brandis, Vischer, Neumayr*. 

Echinos — Gardiki: Benjamin v. Tudela, Gell, Dodwell, Fiedler*, 
Brandis, Vischer. 

Gardiki — Gavrini: Fiedler*, Neumayr*. 

Gardiki — Pteleon — Surpi: Benjamin v. Tudela, Gell, Dodwell. 
- Leake (1809, IV S. 329-371), — König Otto und Ross (1845, 
U S. 323—330)- — Neumayr* 

Surpi — Nea-Mitzeli: König Otto und Ross, Neumayr*. 

') Die ausführlichen Titel werden am Schlufs des ganzen Reiseberichtes zusammen 
gegeben werden. Die Literatur des Altertums ist von diesen Zusammenstellungen 
ausgenommen. Man findet über diese genügende Nachweise in Bursian, Geo- 
graphie von Griechenland, und in den anderen Werken über die antike Topographie. 
Die Tah reszahlen beziehen sich auf das Jahr der Reise, wenn es bekannt ist. 
Ein * bezeichnet die geologischen Reisenden. 



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1 (54 



A. Philippson: 



Surpi — Kephalosis: Benjamin v. Tudela, Gell, Dodwell, Leake. 

Kephalosis — Halmy ros: Benjamin v. Tudela, Gell, Dodwell, 
Leake, Ussing (1846, I S. 102 — 122). 

Surpi — Über den Rücken der Othrys — Antinitsa: König 
Otto und Rofs (1845). 

Antinitsa — Lamia; König Otto und Rofs (1834 u. 1845), Vischer, 
Neumayr*. 

Gavrini — Tsernoviti — Echinos: Neumayr* 
Küstenfahrt von Nea-Mitzeli nach Stylis: H. Barth 
(1862, S. 221 flf.). 

Lamia: Buchon (1840, S. 323—330). 
Limogardi: Laticheff (1882). 

Lamia — Varybopi: Brandis, Neumayr* Philippson* (1890, 
S. 384 ff.). 

Lamia — Phurka — Do mokos — Pharsalos: Pococke (1740, 

III S. 219 ff.). - Gell (S. 286—289). — Bartholdy (1803, 1 S. 77—92) 
— Dodwell (II S. 119— 125). — Leake (1805, IS. 447-462). — Clarke 
(VII. — Holland — Cockerell (1814; s. bei Hughes I S. 506). — Beau- 
jour (vor 1829, S. 166—187). — Lolling. 

(Larissa — ) Tsaterli — Ebene von Daukl i — Lam ia: Lucas 
(1706, I S. 217 ff.). 

Pharsalos und Umgebung: Wordsworth (S. 298 ff.). — Heuzey 
und Laloy (1861, Mission etc. S. 411— 415; Jules Cdsar S. 89—142). 

Domokos— Quelle Matia: Ussing. 

Domokos — Avaritsa — Phurka — L amia: Ussing. 

Pharsalos — Tsaterli — Kitiki — Halmyros: Leake (1809, 

IV S. 329—371). 

Halmyros — Volos: Gell, Dodwell, Leake, Ussing. 

Duvlatan — Genitsarochori — Tsangli — Pharsalos: Leake 
(1810, IV S. 466—505). 

Pharsalos — Demerli — Yusufli — Mataranga — Karditsa: 
Leake (18 10). 

Pharsalos — Trikkala: Pouqueville (III S. 74—86). 

Pharsalos — Tzanali — Velestino: Ussing (I S. 88—94). 

Halmyros — Kislar — Tsaterli — Karatzoli — Domokos: 
Ussing (I S. 102—122). 

Aufserdem: Kriegk, Über die Thessal. Ebene; de Maliensibus. 
Müller, K. O., Zur Karte des nördlichen Griechenland. 

Karten-Aufnahmen: Für den Teil innerhalb der früheren 
Grenzen Griechenlands: Carte de la Grece 1:200000. Für den mitt- 
leren Teil der Nordseite: Mavrokordatos 1 : 100000 (ein kleinerer Teil 
1 : 25 000). 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



165 



Sonstige Karten: Chrysochoos, 1:200000; Generalkarte des 
Kgr. Griechenland 1 : 300 000. 

1. Lamfa. 

Der 24. März, ein trüber Tag, wurde als Rasttag in Lamia zu- 
gebracht Ein solcher Rasttag an einem gröfseren Ort ist für den 
Reisenden kein Tag der Ruhe, sondern angestrengter Arbeit. Da 
heifst es die Notizen und Kartenskizzen der vorhergegangenen Reise- 
tage, soweit sie nicht an jedem Abend erledigt werden konnten, aus- 
arbeiten, die Sammlungen verpacken und absenden, die Korrespondenz 
erledigen, die photographischen Platten erneuern, den Plan für die 
nächsten Tage entwerfen und Erkundigungen über Wege, Verpflegung 
und Sicherheit einholen, die Behörden besuchen und sonstige 
Empfehlungen abgeben, Besuche empfangen, die Eskorte erwirken, 
zahlreiche kleine Ausbesserungen und Anschaffungen besorgen — kurz, 
es sind so viele Dinge zu vollführen, dafe man oft kaum dazu kommt, 
den Ort selbst eingehender zu besichtigen. 

Bisher hatte ich der Eskorte entbehren können. Der Nomarch 
Präfekt) von Lamia, ein liebenswürdiger älterer Herr, der einst in 
Heidelberg studiert hatte, gab mir zwar die übliche Versicherung, dafs 
in seiner Provinz vollkommene Sicherheit herrsche; dennoch aber müsse 
er mir einen Unteroffizier mit 2 oder 3 Mann mitgeben, „um unterwegs 
für meine Unterkunft und Verpflegung zu sorgen". Das ist die immer 
wiederkehrende Formel, unter der dem Reisenden im Orient die mili- 
tärische Begleitung mitgegeben wird — beileibe nicht der Räuber wegen, 
denn diese giebt es offiziell nicht! Um jeder Verantwortung für alle 
Fälle überhoben zu sein, überliefs ich es stets den Behörden, die Zahl der 
Begleitmannschaft festzustellen. Denn da in Griechenland, im Gegen- 
satz zur Türkei, eine Bezahlung der Eskorte, abgesehen von einem in 
dem Belieben des Reisenden stehenden kleinen Trinkgeld, nicht 
üblich ist, so konnte ich sicher sein, nicht mehr Soldaten zu bekommen, 
als wirklich nötig waren. Am andern Morgen standen fünf Mann vor 
meiner Thür bereit. Bald erfuhr ich, dafs trotz der Versicherung des 
Nomarchen gerade das Othrys-Gebirge ein Hauptsitz der Räuber ist. 

Die Stadt Lamfa liegt am Fufs des Othrys-Gebirges, das hier 
in zwar niedrigen, aber steilen, durchschluchteten Bergen zur Sper- 
cheios-Ebene abbricht. Die kahlen baumlosen Höhen stofsen un- 
vermittelt, ohne Vorlage von Schuttablagerungen, an die bei Lamfa 
sorgfältig angebaute Ebene. Der Anblick der Stadt von aufsen ist 
ebenso malerisch, als das Panorama grofsartig ist, das man von den 
Höhen Lamfas aus geniefst. Zwei Thälchen umfassen einen rund- 
lichen Bergvorsprung, der nur durch einen schmalen Hals mit dem 



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166 



A. Philippson: 



rückwärtigen Gebirge zusammenhängt. Dieser Berg trägt die mäch- 
tigen Mauern des mittelalterlichen Kastells. Die einzelnen Teile der 
auf antiken Grundlagen errichteten Burg stammen aus den ver- 
schiedensten Zeiten 1 ). Byzantiner, Franken, Katalanen, Navarresen, 
Türken haben in ihr gehaust und an ihr gebaut. Leider wird der 
malerische Eindruck durch eine auf der höchsten Stelle errrichtete 
nüchterne Kaserne aus der Zeit König Otto 's (jetzt Pulvermagazin) 
gestört. Das Centrum der Stadt liegt in dem Thälchen westlich der 
Burg, und von hier steigen die Häuser an beiden Gehängen desselben 
hinauf und breiten sich auch mehr vereinzelt an den südlichen und 
östlichen Abfällen des Burgberges und bis zur Ebene hinab aus. Zwei 
Plätze, der eine im Thal, der andere am westlichen Thalabhang (no m), 
bilden die Mittelpunkte des Verkehrs; hier liegen die Caftfs und einige 
ganz leidliche Speisehäuser. Eine mächtige Quelle, die an demselben 
westlichen Thalgehänge entspringt, liefert eine reichliche Menge guten 
Wassers. Die Stadt hat aus Stein gut gebaute, meist neuere Häuser 
und für griechische Verhältnisse ein sauberes und wohlhabendes Aus- 
sehen. Nur fehlt es der ganzen Gegend an Baumwuchs. Dagegen 
hat Lamia einige zoologische Merkwürdigkeiten; zunächst einige 
Dutzend Kamele, die hier noch zum Warentransport gehalten werden, 
aufser einigen Exemplaren in Amphissa die einzigen ihrer Art in 
Griechenland, während zur Türkenzeit das Kamel in ganz Griechen- 
land verbreitet war. Dann fallen dem von Süden kommenden Reisenden 
die ungeheuren Schwärme von Dohlen auf, welche die Stadt mit 
ihrem widerlichen Geschrei erfüllen, und die zahlreichen Störche 2 ). 
Beide Vögel sind höchst charakteristische Mitbewohner in allen 
Städten im Tiefland von Thessalien und Epirus, während in Mittel- 
und Süd-Griechenland die Dohlen seltener sind, die Störche ganz fehlen. 
Letztere sollen übrigens früher auch in Athen vorhanden gewesen sein. 
Sie scheinen, wie die Kamele, nach dem Ende der Türkenherrschaft 
allmählich zu verschwinden, da die Griechen sie nicht in gleicher 
Weise schonen, wie die tierfreundlichen Türken. 

DieAussicht, die man von der Höhe des Burgberges aus geniefst, 
hat Leake (II S. 4 f.) trefflich beschrieben. Die lange Ebene des 
Spercheios, der Golf mit seinen Strandsümpfen, die Gebirge Euböas, 
die kulissenartig vorspringenden Höhen der Othrys, vor allem aber die 
gewaltige Masse des noch schneebedeckten Katav6thra-Gebirges (der 



l ) Vgl. Buchon, La Grece continentale, S. 326. 

Die Störche kamen in diesem Jahr in den Tagen zwischen dem 24. und 
Z9. Marx in Lamia aus ihren südlicheren Winterquartieren an. Ich sah sie daher 
erst bei meiner Rückkehr von dem Ausflug in die Othrys. 



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Reisen and Forschungen in Nord-Griechenland. 



167 



Öta) und in ihrer Verlängerung die Saromäta mit dem Pafs der Ther- 
mopylen sind die hervorstechendsten Züge dieser Landschaft. 

Die Bedeutung Lamfas ist in seiner Lage begründet. Hier münden 
die zwei Strafsen, die Thessalien mit dem mittleren und südlichen 
Griechenland verbinden : der Gebirgsweg von Phärsalos über die 
Othrys und die Küstenstrafse von Völos und Halmyrös über Pteleön 
und Gardfki. Zugleicht beherrscht Larofa den Punkt, wo man den 
Spercbeios am nächsten zu seiner Mündung überschreiten kann, um 
den Pafs von Purnaräki oder die Thermopylen zu gewinnen. Näher 
zum Meer verhindern die Sümpfe die Passage der Ebene. Das ist 
auch der Grund, weshalb der Hafenort an der Nordwestecke des 
Malischen Golfes, Stylfs - die West- und Südseite des Golfes sind ganz 
versandet — keine gröfsere Wichtigkeit erlangen konnte und stets nur 
der Ländeplatz für die landeinwärts gelegene Hauptstadt blieb. So 
hat Lamfa, von dem früheren Mittelalter an Zitüni genannt — ein 
Name, den man erst unter König Otto wieder durch die antike Be- 
nennung ersetzt hat — zu allen Zeiten die Rolle des Hauptortes der 
Spercheios-Ebene und des Schlüssels von Hellas gespielt. Es ist jetzt 
eine ziemlich rege Stadt von 6888 Einwohnern, Hauptstadt des Nom6s 
(Provinz) Phthiotis-Phokis , Sitz eines Gerichtshofes, eines Erzbischofs 
und einer Garnison. Fahrstrafsen verbinden die Stadt mit Athen über 
Dadi und über Atalänti — letztere unvollendet und nur zur Not mit 
leichtem Gefährt zu passieren — ferner mit dem Hafen Stylfs und 
andrerseits mit dem im südlichen Pindos gelegenen Bergstädtchen 
Karpenisi. Letztere Strafse eröffnet das reiche Hinterland des Sper- 
cheios-Tbales. Die Eisenbahn nach Athen (ein Teil der grofsen normal- 
spurigen Lärissa-Bahn) und eine Abzweigung nach Stylfs sind im Bau. 

In Lamfa wohnt eine ganze Anzahl reicher Grundbesitzer. Denn 
in der Spercheios-Ebene herrscht, wie in Thessalien, das von der 
Türkenherrschaft überkommene System der Tziflfkia oder grofsen 
Lehensgüter, auf dessen üble Folgen für den Bauernstand und die 
wirtschaftlichen und Sicherheits- Verhältnisse wir noch zurückkommen 
werden. Während in den südlicheren Landesteilen die mohamedanischen 
Landherrn in dem Freiheitskriege zu Grunde gingen oder einfach ver- 
trieben wurden, konnten sie hier im Spercheios-Gebiet ihren Besitz 
rechtsgültig veräufsern, da dieses Land erst 1832, also einige Jahre nach 
dem Ende des Krieges, auf diplomatischem Weg an Griechenland kam, 
wobei natürlich die bestehenden Rechtsverhältnisse gewahrt blieben. 

Der höchst unebene Boden der Stadt und die Hügel, die sie um- 
geben, so auch der Burgberg, bestehen aus wechsellagernden Thon- 
schiefern und Sandsteinen. Der gelbliche, feinkörnige, glimme- 
rige Sandstein zeigt auf der Schichtfläche häufig dicke, sich netzartig 

Zdtochr. d. Ge»elUch. f. Erdlc. Bd. XXX, 1895. 12 



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168 



A. Philippson: 



verzweigende Wülste. Gänge von Serpentin durchschwämmen die 
Sandstein-Schieferformation; so tritt eine ziemlich ausgedehnte Serpentin- 
masse, in der man die glänzenden Spaltungsflächen von Diallag- (oder 
Bronzit?-) Krystallen gewahrt, unmittelbar nördlich der Burg auf. Einzelne 
Kalklager sind den Schiefern und Sandsteinen eingelagert. Eine solche 
eingelagerte Kalkbank mit Rudi st en bildet den Gipfel des Burg- 
berges. Im Osten der Stadt, jenseits des Thälchens, das den Burg- 
berg auf dieser Seite begrenzt, tritt zu unterst am Bergabhang ein 
graugelber Kalkstein, in fufsdicken Schichten abgesondert, auf, der für 
die Bauten der Stadt verwendet wird. Er enthält zahlreiche, nicht 
näher zu bestimmende Fossilien. Er streicht N 25 0 W und fällt ONO 
mit 45 0 ein. Darüber liegt graugelber, zersetzter thoniger Sandstein, 
der sich in den Schiefern und Sandsteinen von Lamia fortsetzt, und dar- 
über wieder gelblicher dichter Kalk mit undeutlichen Fossilresten, 
eine flachlagernde Decke auf der Höhe der Hügel bildend. Dieser obere 
Kalk dehnt sich, an Mächtigkeit zunehmend, nach Osten aus, fehlt 
dagegen in den westlicheren Hügeln gänzlich. 

2. Von Lamfa über Limogärdi und Güra nach Halmyrös. 

(Vergl. Tafel 9, No. 3.) 

Zunächst wandte ich mich zur Untersuchung des östlichen, höchsten 
Teils der Othrys. Zwar hatte ich die höchsten Gipfel noch mit Schnee 
bedeckt gesehen, sodaßj ich auf ihre Ersteigung verzichten mufste, 
doch stellte sich die Schneedecke weit ausgedehnter heraus, als ich 
vermutet und nach meinen Erfahrungen in früheren Jahren voraus- 
setzen durfte. Es war eben ein überaus ungünstiges Frühjahr 1 

Es hatte die ganze Nacht geregnet und der tiefbewölkte Himmel, 
der rauhe Nordwest, der bald leichte Schneeflocken, bald Sprühregen 
vor sich her trieb, weissagten nichts gutes, als ich mit meiner kleinen 
Karawane am 25. März, 7} Uhr morgens aufbrach. Wir zogen zuerst 
auf der thessalischen Strafse das Thälchen, in welchem die Stadt 
liegt, aufwärts. Es führt zu einer kleinen Hochebene hinter dem Burg- 
berg, auf der sich das Dörfchen Tarätsa mit einem grofsen ehemaligen 
Quarantänegebäude, von hübschen Bäumen umgeben, befindet. Hier 
verliefsen wir die Strafse und kreuzten in östlicher Richtung ein 
gröfseres Thal, welches von den im Norden aufragenden Kuppen 
Antinitsa (1144 m) und H. IHas Di'vris in wilden Schluchten herabkommt 
und 2 km östlich von Lamfa in die Ebene mündet. Jene Kuppen sind 
die letzten höheren Gipfel des Othrys-Kammes , der sich von hier 
nach Westen zu erniedrigt, zugleich sind sie die letzten Kalkgipfel; 
denn weiter westlich erblickt man nur die weichen Formen von Schiefer 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



169 



und Serpentin, die unter dem Kalk hervorkommen; wie wir es ja 
auch bei Lamfa gesehen haben. Der Kalk bildet östlich des erwähnten 
Thaies eine zusammenhängende Decke über dem Schiefer, von der 
Wasserscheide bis zur Ebene hinunter. Deutlich sieht man hier die 
Schiefer, mit roten Hornsteinen vergesellschaftet, nach NO unter den 
Kalk einfallen. Eine enge Felsschlucht führt uns durch die steile 
Kalkwand der östlichen Thalseite hinauf und gerade auf den Gipfel 
Mavromandlla (877 m „das schwarze Tuch") zu. Der grobbankige, 
helle, mit unbestimmbaren Fossilien erfüllte Kalkstein fällt hier nach 
S\V ein. Rings herum traurige Büsche der Kermes- Eiche zerstreut auf 
dem nackten Fels. Eine Winterniederlassung wlachischer Nomaden 
liegt tief in der Schlucht verborgen ; die bienenkorbartigen Strohhütten 
sind in grofser Zahl eng zusammengebaut, von einer dornigen Hürde 
umgeben und von furchtbaren Wolfshunden bewacht. Wir umgehen 
den genannten Gipfel auf der Nordseite (Rudisten zeigen sich hier im 
Kalk, 690 m) und gelangen dann in ein langes Hochthal mit ebenem 
Lehmboden, das von Westen nach Osten kaum merklich ansteigt. Ein 
niedriges Joch trennt die Mavromandüa von einer östlicheren etwas 
höheren Bergkuppe, welche die Reste einer althellenischen Festung 
trägt 1 ). Der Gipfel selbst besteht aus Kalk, aber an seiner nordwest- 
lichen Seite tritt Schiefer, Sandstein und Hornstein sehr stark gefaltet 
mit ONO-Streichen unter dem Kalk hervor. Die Schiefer breiten 
sich von hier nach NO weit aus. Wir gelangen nun auf eine wellige 
Hochfläche , die nach Norden in sanftem Anstieg mit dem Haupt- 
kamm der Othrys verwächst. Ihr folgt der direkte Weg nach Güra, 
wir aber schwenken rechts ab, um die Kupferbergwerke von Limogärdi 
zu besuchen. Bald erreichen wir (3^ Stunden von Lamfa) das kleine Dorf 
dieses Namens (190 Einw., 730 m), an dem Ursprung eines nach NO gerich- 
teten Thals gelegen; unweit südlich des Dorfes beginnt der steile Ab- 
fall des Gebirges nach Süden zur Küstenebene-). In weiter Einsamkeit 
liegt dieses kleine Dörfchen — ein Rittergut {Tzifliki) — , dessen elende 
Hütten sich ängstlich um das festungsartig gebaute und mit starken 
Fenstergittern versehene Herrenhaus zu drängen scheinen. Riesige 
Hunde verwehren uns die Annäherung an dieses; mit Bajonett und 
Kolben müssen die Soldaten die Bestien abwehren, bis die bis an die 
Zähne bewaffneten Wächter des Hauses vorsichtig erscheinen und uns, 
nachdem unsere Personalien festgestellt, willkommen hcifsen. Denn 
selbst den Soldaten öffnet man nicht ohne weiteres; haben doch neuer- 
dings die Räuber die Gewohnheit angenommen, bei ihren Handstreichen 



*) Narthakion nach Laticheff, Bull. Corr. hell. VI. 
Die „Carte de la Grece" ist hier ungenau 

12* 



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170 



A. Philippson: 



Soldatenkleidung anzulegen. Der Hauptwächter des Hauses war ein 
prächtiger Albanese aus Argyrökastron , der wegen irgend einer Ge- 
walttat seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte und in der Fremde 
als Söldner seinen Lebensunterhalt suchte; seine uralte Mutter, die 
ihm gefolgt, versorgte das Hauswesen. Auch befand sich der halb- 
erwachsene Sohn des Besitzers, eines reichen Abgeordneten in Lanria, 
gerade hier, um der Jagd obzuliegen. Ihm sah man freilich in seiner 
zerlumpten Kleidung den reichen Jüngling nicht an, und aufser Brot 
gab es im Haus nichts Efsbares. Es fällt in Griechenland auf dem 
Lande den wenigsten ein, an gewöhnlichen Tagen sich eine Mahlzeit 
zu kochen, nicht aus Armut — denn es lief zahlreiches Geflügel im 
Hof und Dorf umher — , sondern aus Faulheit und Bedürfnislosigkeit. 
Letztere verhinderte freilich unsere Wirte nicht, an unserem mitgebrach- 
ten Mahl sich mit Vergnügen zu beteiligen. 

Wir fühlen uns hier in einem Land, das sich von dem übrigen 
Griechenland in sozialer Hinsicht wesentlich unterscheidet: durch den 
Grolsgrundbesitz mit unfreiem, gedrücktem und geschundenem Bauern- 
stand, und durch das noch heute festsitzende Klephtentum. Beides 
scheint, wie in Sizilien, untrennbar zusammen zu gehören. Ganz 
Thessalien und Epirus und ebenso das Spercheios-Land seufzen unter 
dieser doppelten Geifsel. 

Die Gegend um Limogärdi besteht aus Sandstein, Schiefer, Horn- 
stein, Serpentin in buntem Wechsel. Einzelne Lager von hellen oder 
buntfarbigen Kalken sind diesen Schichten eingeschaltet. In einem 
solchen Kalklager auf dem Wege von Limogärdi zu den Bergwerken, 
fand ich einen gut erhaltenen Hippuriten. 

Vom Dorf geht es nach NO hinab in ein grofses Thal, welches 
hier in WO -Richtung dem Othrys-Kamm parallelläuft, dann weiter- 
hin nach S umbiegt und bei Avläki in die Küstenebene mündet. In 
diesem Thal treten ein halbe Stunde nördlich von Limogärdi an 
verschiedenen Stellen in rotem, stark eisenschüssigem Hornstein 
Quarzgänge mit Kupfererzen auf, und zwar mit Malachit, Kupferkies 
und Pyrit. Man hat hier vor einiger Zeit den Abbau begonnen, die 
nötigen Gebäude errichtet, eine Fahrstrafse nach Stylis gebaut und an 
mehreren Punkten Stollen getrieben. Die Förderung ist jedoch, nach- 
dem viel Geld ausgegeben war, alsbald wieder eingeschlafen. Man 
soll hier auch alte Stollen und Schächte, Schlacken und Münzen ge- 
funden haben, die beweisen, dafs man schon im Altertum hier Kupfer 
gewonnen hat. Ein anderes Kupfervorkommen soll sich bei Sty'rphaka 
(NW von Lanu'a) befinden 1 ). 

l ) Über Kupfererze und antike Schlackenhalden inderOthrys vgl. Fi edler I.. S.105. 



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Reisen und Forschongen in Nord-Griechenland. 



171 



Wir steigen von den Minen nach Westen auf jene oben erwähnte 
wellige Hochfläche von Hornstein und Sandstein hinauf, um den Weg 
nach Güra wieder zu erreichen. Hier treten wir in den Eichenwald 
ein, der die ganze östliche Othrys überzieht. Zahlreiche Wachholder- 
büsche mengen sich unter die Eichen. Ein geringer Anstieg führt 
uns auf die Haupt -Wasserscheide, die hier nur wenig eingekerbt 
ist und doch die südlicheren Höhen um Limogärdi kaum überragt. 
Es ist die ehemalige Nordgrenze des Königreichs Griechenland. Über 
den Schiefern bildet gelber dichter Kalk 1 ) die Wasserscheide (910 m). 
Jenseits ziehen wir in einem Thälchen eine Viertelstunde fast eben nach 
Norden hin, dann beginnt ein steilerer Abstieg. Caprina oder Plagi- 
optychus (?) (nach Bestimmung von Herrn Prof. Steinmann) und 
andere undeutliche Fossildurchschnitte treten im Kalk auf. Auf einen 
Augenblick tauchen die Berge von Phärsalos und im Hintergrund die 
gewaltige Pindos-Kette auf, dann vertiefen wir uns in ein grofses 
Thal, das hier von Ost, von den höchsten Teilen der Othrys 
herabkommt und einen Hauptquellflufs des Enipeus oder Tsanarlfs, 
den Chiliadötikos , enthält. Wir befinden uns hier also schon im 
Stromgebiet des thessalischen Peneios, der am Fufs des Olymp seine 
Gewässer in das Ägäische Meer ergiefst. Unter dem Kalk der Wasser- 
scheide ist hier wieder Schiefer hervorgetreten und bildet, wie man 
aus den sanften Formen schliefsen darf, die ganze Landschaft rings 
umher und ebenso den 1500 m hohen, jetzt schneebedeckten, von NW 
nach SO gerichteten Bergzug, der den Hintergrund des Thals ab- 
schliefst. Eine mächtige Ablagerung rezenten Kalktuffes bekleidet 
die Thalwände an der Stelle, wo wir durch den Flufs waten (670 m). 
In weltvergessener Einsamkeit rauscht der wasserreiche Strom zwischen 
den hohen knorrigen Eichen dahin. Kein Laut eines lebenden Wesens 
ringsumher, ein düsterer Himmel über uns. Man könnte sich in einen 
deutschen Eichenforst germanischer Urzeit versetzt glauben 1 

Über niedrige Hügel roten Hornsteins, die sich zur rechten an 
das hohe Schiefer-Gebirge anschliefsen , verlassen wir das Thal und 
ubersehen nun zur linken eine Hochebene (400 500 m ü. d. M.), welche 
sich zwischen der Wasserscheide der Othrys im S, den Bergen von 
Domok6s und Phärsalos im N ausdehnt und an ihrem westlichen 
Ende den See von DaukU umfafst. Sie sendet nach SO eine drei- 
eckige Bucht hinein zwischen die Masse der Antfnitsa und das weit 
nach N vorspringende Schiefergebirge von Güra, an dessen Gehängen 
wir nun emporsteigen, nachdem wir das Dörfchen Neochöri am Rand 
der Ebene zur Linken liegen gelassen haben. Wir überschreiten meh- 



M Streichen N 6 5 c W, Fallen NNO. 



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172 



A. Philippson: 



rere Thälchen, die von dem hohen östlichen Schiefergebirge herab- 
kommen und dem nahen Rand der Ebene zufallen, urn sich mit dem 
Chiliadötikos zu vereinigen. Grünlicher , bröckliger Thonschiefer 
bildet das Gebirge; an einer Stelle schliefst er ein Kalklager ein. 

Auf einem Höhenrücken (860 m) angelangt, sehen wir plötzlich 
vor und unter uns ein Gewirr von Schluchten, die einem gröfseren Thal 
zustreben. An dem jenseitigen kahlen Gehänge desselben erscheinen die 
finsteren, aus grauem Schiefer und Serpentin erbauten Häuser des Dorfes 
Güra (633 Einw., 760m). Weit entfernt von allem Verkehr, inmitten 
eines zwar sanft geformten, aber von tiefen Thälern zerschnittenen 
Gebirges, an der Grenze eines gänzlich unbewohnten Waldgebie- 
tes von ungefähr 350 qkm Ausdehnung gelegen, ist dieser einsame Ort 
wie geschaffen zu einem Wohnsitz gesetzloser Menschen. Die Äcker 
des Dorfes sind sehr geringfügig. Die Leute leben zumeist als Hirten 
und Köhler. In der That aber haben die Gurioten ihren natürlichen 
Beruf, den ihnen die Lage ihrer Ortschaft nahe legte, nie verkannt. 
Zur Zeit, als noch die Grenze über die nahen Berge ging, waren sie 
die Hauptschmuggler und Räuber. Heut zwar ist dies erstere Geschäft 
infolge der Verschiebung der Grenze unmöglich geworden, dagegen 
blüht letzteres noch immer. Aus Güra ist der gegenwärtig gefürchtetste 
Räuberhauptmann Griechenlands, der Tzurhs (oder Zulfs), zu Hause, 
der sich gerade jetzt in diesem seinem Heimatland, vielleicht im Dorf 
selbst, aufhielt, wo alle Welt mit ihm verschwägert und befreundet ist. 
Zu dem seinem Ruf entsprechenden abschreckenden Eindruck von Güra 
wirken verschiedene Momente zusammen: die Schluchten, die es um- 
geben, die wilden, schneegenährten Gewässer, die in einer jeden der- 
selben rauschen und toben, die völlige Kahlheit und Baumlosigkeit der 
nächsten Umgebung des Dorfes selbst, dann die dunkle Farbe des 
Schiefers und Serpentins, die man zum Hausbau verwendet. Überall, 
wo diese Gesteine herrschen, haben die Dörfer ein finsteres, unfreund- 
liches Ansehen. 

Wir steigen nun in das Schluchtgewirr hinab, überschreiten auf 
einer alten, hochbogigen Steinbrücke den Bach von Güra und steigen 
jenseits hinan zum Dorf. Bröckliger, roter Hornstein, Serpentin, 
andere dunkle Eruptivgesteine, Schiefer und Kalkschiefer in roten, 
grünen und violetten Farben bilden in stetem Wechsel die Gehänge. 
Auch hier treten in diesen Gesteinen Kupfererze auf. Man brachte 
mir einige Proben, die Malachit, Kupferkies und Magneteisen (oder 
Chromeisen?) enthielten. Das Dorf selbst liegt noch auf rotem Horn- 
stein, unmittelbar darüber aber lagert ein Decke von hellgrauem Kalk, 
der sich nach W auch auf das linke Ufer des Flusses ausdehnt und 
bald die Schiefer ganz verdeckt. In einer wilden Engschlucht mufs 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



J73 



sich hier der Flufe durch den Kalk Bahn brechen, um hinaus in die 
Ebene zu gelangen und sich mit dem Chiliadötikos zur Bildung des 
Enipeus zu vereinen. Die Kalkdecke, die oberhalb des Dorfes die 
Serpentin-, Hornstein- und Schiefer-Formation überlagert, besteht in 
ihren unteren Schichten aus einem festen Kalk-Konglomerat, 
dessen wohlgerundete, hellfarbige Gerolle durch ein kalkiges Zement 
verkittet sind. Darin liegen weifse, ebenfalls trefflich geglättete, rund- 
liche bis langovale (zigarrenförmige) Kalkkörper. Nach der mikro- 
skopischen Untersuchung ihrer Struktur sind es höchst wahrscheinlich 
Stücke von Rudiste n 1 ). Obwohl dieselben sich auf sekundärer Lager- 
stätte befinden, läfst ihre grofse Zahl und dichte Anhäufung darauf 
schliefsen, dafs sich dieses Konglomerat in unmittelbarer Nähe und 
gleichzeitig mit dem lebenden RudistenrifT gebildet habe, sodafs es 
den Rudisten - Kalken selbst, nicht etwa einer jüngeren Formation zu- 
gehört. Breccien mit Rudistentrümmern bilden ja die gewöhnlichen 
Begleiter der Rudisten; auffallend ist hier nur die vollkommene Glättung 
der Rudisten-Stücke, die ich sonst noch nirgends in Griechenland be- 
obachtet habe. 

Nur verschlossene Thüren und mürrische Gesichter fanden wir 
bei unserem Einzug in das grofse Dorf (4* St. von Limogärdi). Wir 
hätten auf der Strafse bleiben müssen, wenn uns nicht ein Unter- 
offizier der Gensdarmerie, der hier mit einigen Soldaten stationiert 
war, in seine Behausung aufgenommen hätte. Er bot alles auf, uns 
den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen; hatte er doch 
selbst unter der Feindseligkeit und dem Widerwillen der Bevölkerung 
schwer zu leiden. Die hier einquartierten drei oder vier Soldaten, 
welche die Einwohner des Dorfes bewachen und womöglich den 
Tzurhs abfangen sollten, konnten natürlich absolut nichts ausrichten. 
Es wirkt geradezu komisch, wie man in Griechenland glaubt den 
Sicherheitsdienst dadurch besorgen zu können, dafs man einer Abtei- 
lung von vier bis sechs oder acht Mann, die zudem die Gegend gar 
nicht kennen, eine Gebirgslandschaft von vielen Quadratmeilen zur 
Beaufsichtigung überweist, gegenüber den ortskundigen Räubern, die 
mit jedem Pfad, jeder Schlucht vertraut sind, gegenüber einer ganzen 
Bevölkerung, die mit den Räubern sympathisiert. Unser Wirt war da- 
her froh, dafs man ihn in seiner Station unbehelligt liefs. Es liegt 
natürlich für die Räuber durchaus keine Veranlassung vor, den Sol- 



') Privatdozent Dr. Rauff in Bonn hat die paläontologische und petro- 
^raphische- Untersuchung der von mir mitgebrachten Sedimentgesteine freund- 
lichst übernommen. Die in diesem Bericht mitgeteilten Notizen über den mikro- 
skopischen Befund einzelner Gesteine sind vorläufige Mitteilungen des Herrn Rauff. 



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174 



A. Philippson: 



daten etwas zu leide zu thun, was ihnen ein Leichtes wäre; sie wür- 
den dadurch ja nur zweckloses Aufsehen erregen. So läfst sich Herr 
Tzurlfs durch die hellenischen Krieger nicht im geringsten stören, in 
seinem Heimatland frei zu verkehren. 

Am wärmenden Feuer plauderten wir von diesem Mann, der so 
recht den Typus des griechischen Klephten darstellt. Aus den ver- 
schiedenen Erzählungen, die ich im Lauf meiner Reise über ihn gehört 
habe, ergiebt sich folgende Geschichte, für deren Wahrheit im Ein- 
zelnen ich natürlich nicht einstehen kann. 

Tzurlfs war ein armer Teufel aus dem Dorf Güra, der nichts sein 
eigen nannte, als eine Axt und einen Esel. Er fristete sein Leben, 
wie viele seiner Dorfgenossen, dadurch, dafs er in den weiten Eichen- 
wäldern seiner Heimat Kohlen brannte und sie auf dem Rücken seines 
Grautiers nach den Städten der Ebene zum Verkauf brachte. Nun 
mufs nach dem Gesetz jeder, der im Wald Holz fällen will, sich einen 
Erlaubnisschein von der Regierung erkaufen. Aber alle die Leute von 
Güra, die in den Wald gingen, und die irgend einen einflufsreichen 
Freuntl unter den Grofsen des Landes hatten, dem sie dafür ihre 
Stimmen bei den Bürgermeister- oder Landtagswahlen gaben, alle diese 
hatten keine Erlaubnisscheine, und niemand fragte sie danach. Denn 
so ist es einmal Landessitte. Tzurlfs hatte auch keinen Schein, aber 
auch keinen grofsen Freund. Eines Tages kam daher, als er im Wald 
arbeitete, ein Gensdarm auf ihn zu und fragte ihn barsch nach seinem 
Schein. Als Tzurlfs sagte er habe keinen, nahm der Soldat ihm seinen 
Esel und seine Axt. Tzurlfs bat flehentlich, ihm sein Handwerkszeug 
zu lassen; denn wenn es allen anderen gestattet sei, ohne Schein Holz 
zu fällen, so dürfe er doch auch wohl auf diese Weise sein trockenes 
Brot verdienen. Da wurde der Soldat ungeduldig und schlug den 
Köhler mit einem Stecken über den Kopf. Das war zuviel; im Augen- 
blick hatte Tzurlfs dem Soldaten das Gewehr entrissen und ehe er 
sich noch recht bewufst wurde, was er that, lag der Wächter des Ge- 
setzes in seinem Blut. Was blieb ihm nun zu thun übrig? Vor ihm 
lagen die Berge; das Gewehr hatte er in der Hand; kehrte er in die 
menschliche Gesellschaft zurück, so erwartete ihn Kerker oder Tod. 
Er schulterte daher das Gewehr des Gensdarmen, ging in die Berge 
und wurde Räuber, wie viele seiner Landsleute vor ihm. Bald machte 
er sich durch kühne Thaten ruchbar, und es dauerte nicht lange, so 
stand ihm eine Schar blindgehorchender Genossen zu Gebot. Die 
ganze Nachbarschaft unterstützte ihn, teils aus Furcht, teils aus ehr- 
licher Sympathie. 

Diese gewann er sich namentlich dadurch, dafs er ausschliefslich 
die Reichen belästigte; von den Armen nahm er nie mehr, als etwa 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 175 

znr augenblicklichen Stillung seines Hungers nötig war; im Gegenteil, 
man erzählt die rührendsten Anekdoten, wie er, in Erinnerung an 
seine eigene Vergangenheit, arme Leute unterstützt. An Frauen hat 
er sich niemals vergriffen. Nicht alle Räuber halten sich an dieses 
Gesetz; aber erst dadurch werden sie in den Augen der Bevölkerung 
zu Verbrechern, und damit ist ihr Emde besiegelt. Man erzählte mir 
von einem andern Räuber in der Othrys-Gegend — sein Name ist 
mir entfallen — , der unlängst eine Frau vergewaltigt hatte; wenige 
Tage darauf wurde sein Kopf den Behörden in Halmyros eingeliefert! 
- Tzurlls dagegen blieb als Freund der Armen und Beschützer der 
Schwachen der Held des Landes. Niemand hätte ihn für alle Schätze 
der VVelt verraten. Bald wurde er auch eine politische Macht im 
Land. Grolse und kleine Parteiführer nahmen ihn in Sold , um ihre 
Gegner zu plündern und zu schrecken und so die Mehrheit bei den 
Wahlen sich zu ertrotzen; dafür gewährten sie dem Räuber Schutz 
durch ihren Einfluls im Land und bei den Behörden, warnten ihn vor 
Fallen, die man ihm gestellt, und nahmen ihn sogar in ihren Häusern 
auf, wenn er bedrängt oder verwundet wurde. 

Dieser Schutz, den manche Grolsen in Thessalien den Räubern 
aus „politischen", d. h. ehrsüchtigen Beweggründen gewähren, sind 
mit ein Hauptgrund für die Blüte des Räuberwesens in diesem Land, 
lür die Vergeblichkeit aller Bemühungen der Regierung , diesem Un- 
wesen ein Ende zu machen. Kann sie sich doch auf ihre eigenen 
Organe nicht verlassen. Der ehrliche und thatkräftige Eifer aber, den 
manche Offiziere entfalten, wird stets durch das Geschrei der haupt- 
städtischen Presse über Mißhandlungen „freier Bürger" und durch die 
Furchtsamkeit der Gerichte zu Schanden gemacht. So ist Tzurlfs allen 
Nachstellungen entgangen, vor allem durch seine erstaunliche Beweg- 
lichkeit, die ihn bald hier, bald dort unvermutet auftauchen lälst. Ein- 
mal wurde er bei einem Scharmützel verwundet, aber er entkam und 
fand Aufnahme bei einem Bürgermeister eines grofsen Dorfes, das ich 
hier aus guten Gründen nicht nennen will. Monatelang wurde er im 
Hause dieses Grofsen gepflegt, bis seine Wunden geheilt waren. So mufs 
man durchaus nicht glauben, dafs die Räuber immer in der Wildnis der 
Berge hausen — das ist sogar während des Winters überhaupt eine 
Unmöglichkeit — , sondern sie leben zumeist in den Dörfern oder bei 
den Wanderhirten, bald hier, bald dort, unter häufigem Ortswechsel. — 



Am nächsten Tag (26. März), bei klarem kaltem Wetter (es war 
morgens um 7 Uhr — 2 0 !) wanderten wir durch gänzlich unbewohntes 
Gebirge in NNO-Richtung bis zu dem kleinen Dörfchen Gientzdki 
■41 Stunden von Güra) am Rand der Ebene von Halmyros und dann 



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176 



A. Philip pson: 



nach dieser Stadt selbst {i\ Stunden). Diese Gegend begreift die 
Nordabdachung der höchsten Teile der Othrys, die hier weit nach 
Norden vorspringt. Auch hier finden wir überall denselben Wechsel 
von Schiefern und Hornsteinen, durchsetzt von Serpentin und anderen 
Eruptivgesteinen, stark gefaltet, hier und da Kalklagen einschliefsend 
und von den Resten einer Kalkdecke überlagert, welche durch die 
Erosion bis auf einzelne Flecken abgetragen ist. So walten die Schiefer 
und Hornsteine bei weitem vor den Kalken vor, und dementsprechend 
sind die Formen der Bergrücken und der zahlreichen eingeschnittenen 
Thäler sanft gerundet. Prächtiger, winterkahler Eichenwald, untermischt 
mit immergrünen Kermes- und Stein-Eichen und Juniperus- (Wachholder-) 
Bäumen, überzieht das ganze Gebirge; nur in der Nähe der Ebene von 
Halmyr6s ist er durch die Köhler zerstört. Rehe und Wildschweine 
sollen sich in grofser Zahl darin herumtreiben; auch sahen wir in dem 
Schnee, der die höheren Teile in mächtiger Lage bedeckte und in 
dem wir stundenlang waten mufsten, zahllose Spuren von Hasen und 
Füchsen. Eine Schar Rehe scheuchten wir auf; die Jagd, die meine 
Soldaten auf die Tiere machten, blieb jedoch erfolglos. Keiner 
Mcnschenseele begegneten wir bis Gientzdki. 

Zunächst führt der Weg von Güra nach NO aufwärts auf die 
Berghöhe, dann allmählich steigend an dem Abhang eines Thals 
hin, welches in südlicher Richtung dem Flufs von Gura zufällt, bis 
auf die Wasserscheide (1030 m), welche es von nördlich fliefsenden 
Gewässern scheidet. Beim Anstieg übersehen wir die hohen Gipfel 
Kattf und H. Ufas ; östlich von ihnen ragen über den niedrigeren Kamm 
der Othrys die Katavothra und andere entferntere Schneeberge auf. 
Von der Höhe aus wird der Pindos und am Horizont der Olymp 
sichtbar. Von wo aus auch immer man die gewaltige rundliche Masse 
dieses letzteren erblickt, immer erscheint er in seiner völligen Isolierung 
von gleich hohen Gebirgen als Beherrscher alles Landes weit umher. 
Man versteht leicht, warum die Griechen auf ihn den Göttersitz verlegten 1 

Zunächst hinter Güra steht Hornstein an, bald massig, bald deut- 
lich geschichtet, und stark gefaltet. Die Streichrichtung wechselt 
zwischen N und ONO. Serpentingänge durchsetzen den Hornstein. 
An einer Stelle sieht man deutlich, wie ein sehr grobkörniger, halb 
serpentinisierter Gabbro, der stellenweis ganz in Serpentin übergeht, 
zwischen die Schichten des Hornsteins eingedrungen und dann später 
mit diesen zusammen in mäandrische Windungen gefaltet ist. Man 
erkennt hier, dafs die Faltung erst nach der Eruption der plutonischen 
Gesteine eingetreten ist und daher in keinem ursächlichen Zusammen- 
hang mit dieser steht. Auch weiterhin ist der rote Hornstein von 
zahlreichen Gängen von grünen, sehr feinkörnigen Eruptivgesteinen, 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



177 



die stellenweis auch weinrote Farbe annehmen (feinkörnige Gabbros 
oder Diabase), geradezu durchschwärmt. Oft ist die Grenze zwischen 
diesen und dem Hornstein kaum festzustellen, da das Eruptivgestein 
den Hornstein in weitgehendster Weise kontaktmetamorphisch ver- 
ändert hat. Zum genaueren Studium dieser interessanten Erschei- 
nungen war natürlich keine Zeit vorhanden. Auf der erwähnten Wasser- 
scheide sieht man, wie die Kalkplatte oberhalb Güra sich mit einer 
ausgedehnten Kalkdecke verbindet, die den ganzen nördlichen Fufs 
des Gebirges zusammensetzt, indem die Hornstein-Schieferformation 
darunter verschwindet. 

Unser Weg windet sich durch verschiedene Thäler, die alle nach 
NW zum Enipeus konvergieren — Sandstein, Schiefer, Hornstein und 
Serpentin, beständig wechselnd, bilden den Boden 1 ) — und steigt dann 
in einem Thal nach Osten hinauf. Über dem gefalteten Hornstein 
liegt hier auf der Nordseite der Rand jener erwähnten Kalkdecke; 
an der Grenze entspringt eine Quelle. 2 \ Stunden von Güra stehen 
wir endlich auf einem hohen Rücken (1010 m), von dem aus wir auf 
die Thäler hinabsehen, die der Ebene von Halmyrös zufallen. Diese 
selbst liegt in einiger Entfernung vor uns ausgebreitet mit den weifs- 
schimmernden Häusern des Hauptortes in der Mitte, dahinter der 
Golf von V61os, überragt von dem Wall des Pelion. Zur Rechten 
zieht sich der Abfall der höchsten Othrys-Masse nach SO, eine lange, 
tief durchschluchtete Abdachung führt von ihm zur Ebene hinunter. 
Wir folgen dem Abhang eines dieser Thäler, welche sich weiterhin 
zu dem Hauptflufs der Ebene, dem Chol6rhevma, vereinigen. Die bunt 
wechselnden Gesteine der Serpentin-Schieferformation stehen an. Alle 
möglichen Streichrichtungen wurden beobachtet: von W, über N bis 
NO. Links darüber liegt die Kalkplatte; diese senkt sich nach Norden 
hinab; das Thal wird darin zum Engpafs. Während in den Schiefer- 
gesteinen die Faltung bis zu einer förmlichen Zerknitterung der 
Schichten sich steigert, ist die Lagerung der starren Kalkplatte eine 
ruhige: sie fallt gleichmäfsig nach Norden ein. Der Weg führt in ein 
westlicheres Nebenthal hinüber und dann über den Kalk steil hinab 
zur Ebene. Mit dem Eintritt in den Kalk wird der Weg furchtbar 
steinig, und an Stelle des Eichenwaldes tritt wieder das kümmerliche 
Kermeseichen-Gebüsch. In dem kleinen Weiler Gientzeki (30 Einw.) 
am Rand der Ebene wird Mittagsrast gemacht 2 ). 

«) Das Streichen ist hier Ni2°W. 

3 ) Die bisherigen Karten stellen dieses ganze Gebiet, und selbst die Ebene 
von Halmyrös, unrichtig dar. Die Ebene reicht allmählich ansteigend viel weiter 
nach Westen, als die Karten angeben, bis in die Nähe des Enipeus. (Vgl. unsere 
Tafel 7.) 



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A. Philippson: 



Westlich von Gientzgki, bei dem Dörfchen Kelem^ni, bilden Hügel 
von Schiefer oder Sandstein den Rand der Ebene. Die Kalkplatte, 
welche die Schiefer-Serpentin-Formation überlagert, fällt nach Norden 
unter diese Schiefer ein, welche also eine jüngere Bildung sind, als 
jene. Wir müssen daher die älteren Schiefer von Güra unterscheiden 
von diesen jüngeren Schiefern von Kelemt*ni, die ich leider nur von 
weitem gesehen habe. Hinter diesen Hügeln erhebt sich ein sehr 
auffallender isolierter spitzer Kegel, vermutlich der Berg Kara Butaki 
am Enipeus. 

In Gientzeki befinden wir uns, obwohl wir das Gebirge verlassen 
haben, noch 310 m über dem Meer. Soviel beträgt das Gefalle der 
schiefen Ebene, die von hier mit gleichmäfsiger Neigung nach Hal- 
myr6s hinabzieht. Sie besteht aus lockern Schottern, deren Schichten 
parallel der Oberfläche nach NO sanft geneigt sind. Die widerstands- 
fähigen Gerolle des Hornsteins bilden die Hauptmasse dieses riesigen, 
flachen Schuttkegels. Das Alter desselben, ob Tertiär oder Quartär, 
ist natürlich nicht festzustellen; doch da er von keinen Gebirgs- 
störungen betroffen, ist das letztere wahrscheinlicher. Im höheren Teil 
der Fläche sind die Flüsse tief in die Schotter eingeschnitten; die 
Oberfläche ist daher bis dicht vor der Stadt dürr und unfruchtbar, 
nur von der Kermes-Eiche bewachsen und als Winterweide benutzt. 

Der Himmel hatte sich gegen Mittag wieder bewölkt, die Temperatur 
war auf io° gestiegen, was uns schon als recht warm vorkam. Wir 
überschritten das Cholörhevma und marschierten dann in östlicher 
Richtung auf Halmyrös zu, zur Rechten den Einschnitt des gleich- 
namigen Flusses, der ebenfalls aus enger Schlucht des südlichen Ge- 
birges hervorbricht. Der Rand dieses letzteren wird auf der ganzen 
Strecke von der nach Nord einfallenden Kalkplatte gebildet, die der 
Serpentinschiefer-Formation aufliegt. Im Norden wird die Umrahmung 
der Ebene durch die niedrigen, ausdruckslosen Ziragiotischen Hügel 
hergestellt, deren geologische Zusammensetzung noch unbekannt ist. 

Die Stadt Halmyrös, die mitten in der Ebene, etwa 4 km von der 
Küste gelegen ist, hatte ehemals eine starke mohamedanische Bevöl- 
kerung, darunter viele reiche Grundherren, denen der Boden der ganzen 
Ebene gehörte. Nach der Abtretung Thessaliens an Griechenland 
sind die Mohamedaner von Halmyrös sämtlich ausgewandert. Die 
Stadt ist daher sehr heruntergekommen und trägt alle Zeichen des 
Verfalls zur Schau. Zerstörte Moscheen, deren Trümmer man nicht 
einmal fortgeräumt hat, Ruinen von stattlichen, zum Teil burgartigen, 
mit Türmen versehenen Häusern liegen zwischen den weit zerstreuten 
elenden Baracken der übrig gebliebenen Bewohner. Man sieht, dafs 
die reichen Moslims fortgezogen, die armen Griechen zurückgeblieben 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



179 



sind. Nur einige Minarets, deren Zerstörung zu viel Arbeit machen 
würde, und einige festgebaute Privathäuser sind aus der Türkenzeit 
übrig geblieben, und hier und da eine Gruppe düsterer Cypressen, der 
Lieblingsbäume der Türken. Halmyr6s ist lediglich Ackerstädtchen, 
ohne jede Handelsbedeutung. Der fruchtbare Boden dehnt sich im 
Osten und Norden der Stadt an der Küste entlang aus; vorzüglicher 
Tabak, der beste in ganz Griechenland, ist das Haupterzeugnis der 
Landschaft. 

Die Stadt zählt 3859 Einwohner, ist Hauptort einer Eparchie 
(eines Kreises) und hat daher ein Gensdarmerie-Kommando. Zur Zeit 
befanden sich auch einige Truppenabteilungen, sogar Kavallerie, hier, 
da der Tzurlfs in der Umgegend spuken sollte. Aus diesem Grunde 
fügte der hiesige Hypomfrarchos (Gensdarmerie-Lieutenant) ungebeten 
meiner Eskorte noch einige Mann Verstärkung hinzu. Ich hatte jetzt 
in meiner kleinen Truppe, die von einem Unteroffizier der Gensdarmerie 
geleitet wurde, Gensdarmen, Linieninfanteristen und Evzonen (Jäger 
in Nationaltracht). Durch die Verwendung des Heeres zum Sicherheits- 
dienst werden die Truppenkörper vollständig aufgelöst und die 
einzelnen Soldaten in der buntesten Weise durcheinander gewürfelt. 

Ich fand nach einigem Suchen ein leidliches Unterkommen in 
einem Chani, wo mir nach langer Verhandlung ein kleines Käm- 
merlein für die eine Nacht meines Aufenthalts eingeräumt wurde. Der 
Stall des Chanis war mit Militärpferden belegt, die unseren armen 
kleinen Bergpferden ihr Futter wegfrafsen, sodafs es zu heftigen 
Szenen nicht allein zwischen den Tieren, sondern auch zwischen ihren 
Herren kam. Bald besuchte mich ein Schullehrer, der aus Euböa 
stammte, und, obwohl oder weil selbst ein Fremder, mit liebenswürdiger 
Gastfreundschaft darauf bestand, dafs ich mit ihm in seinem Hause 
zu Abend speiste, wennschon ich auch sonst an nichts Mangel gelitten 
haben würde. Solche Züge rührender Gastlichkeit versöhnen den 
Reisenden immer wieder mit den Schattenseiten des griechischen 
Volkscharakters! Grade in Thessalien (abgesehen von der Bergland- 
schaft Agrapha) habe ich freilich diese Gastlichkeit fast nur bei den aus 
Alt-Griechenland Eingewanderten gefunden, während die Einheimischen 
sich dem Fremden gegenüber meist gleichgültig oder sogar widerwillig 
und feindselig zu verhalten pflegten. 

Die Ebene von Halmyrös ist die kleinste der drei Teilebenen, 
in die das Thessalische Flachland zerfällt. Nach Osten, zum Golf von 
Volos sich öffnend, ist sie auf allen anderen Seiten von Bergen und 
Hügeln anstehenden Gesteins umgeben; sie bildet also ein von den beiden 
anderen Ebenen getrenntes Einbruchsbecken. Der anbaufähige Boden 
ist zwar von hervorragender Güte, aber auf einen schmalen Streifen 



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A. Philippson: 



I 
i 
i 



an der Küste beschränkt, während der grofse Rest von einer flach nach 
Ost geneigten unfruchtbaren Schutthalde eingenommen wird. Dazu 
kommt, dafs die Ebene von Halmyrös besonders stark durch die Aus- 
wanderung der Mohamedaner gelitten hat. So ist sie sehr dünn be- 
völkert; sie zählt mitsamt den am Rande gelegenen Ortschaften nur 
etwa 7500 Einwohner auf ungefähr 240 qkm (also 31 Einwohner auf 
1 qkm). Dazu kommen freilich im Winter zahlreiche Wanderhirten alba- 
nesischer, walachischer und griechischer Zunge aus dem Pindos und 
Albanien, welche die Ödländereien der grofsen Schutthalde abweiden. 

Auch im Altertum stand die zur Phthiotis gehörige „Krokische 
Ebene" augenscheinlich den anderen thessalischen Niederungen nach. 
Ihre Städte lagen sämtlich an den Bergrändern. Unter ihnen hatte 
nur das Phthiotische Theben am nördlichen Ende der Flachküste Be- 
deutung als Stapelplatz des thessalischen Handels, bis dieser in 
makedonischer Zeit an Demetrias (unweit des heutigen Völos) über- 
ging, Halmyrös ist eine Gründung des Mittelalters; es bestand jeden- 
falls am Ende des 12. Jahrhunderts, wo es von Benjamin v. Tudela 
als „eine grofse Stadt am Meere, ein besuchter Handelsplatz der 
Venezianer, Pisaner und Genuesen, mit weitem geräumigen Gefilde" 
und mit einer jüdischen Gemeinde von 500 Seelen beschrieben wird. 

3. Von Halmyrös über Vry nena - My Ii - Echin ös - Sty Iis 

nach Lamfa. 

Nachdem das Othrys-Gebirge auf dem eben beschriebenen Wege 
durchquert war, sollte der Rückweg auf einer östlicheren Linie ge- 
nommen werden, um ein zweites Profil durch das Gebirge zu gewinnen. 
Nach der Neumayr'schen geologischen Karte *) mufste ich erwarten, 
auf dieser Linie bei Pldtanos die krystallinischen Gesteine anzutreffen, 
welche das Ostende der Othrys zusammensetzen, und so Gelegenheit 
zu haben, das Verhalten derselben gegen die Kreidegesteine studieren 
zu können. Doch wurde ich in dieser Beziehung enttäuscht: die 
krystallinischen Gesteine reichen nicht so weit westlich. Hätte ich 
dies ahnen können, so würde ich einen östlicheren Reiseweg ge- 
wählt haben. 

Wieder war der Morgen, als ich von Halmyrös aufbrach, klar und 
ziemlich kühl (+4°) und versprach einen herrlichen Tag. Leider sollte 
auch diesmal die Hoffnung getäuscht werden: der 27. März wurde 
zum schlimmsten Marschtage der ganzen Reise. Unser Weg führt 
zunächst nach dem in südlicher Richtung am Fufs des Gebirges 



1 ) Denkschr. Wiener Akad. d. Wiss., Math.-nat. Kl., Bd. 40. Geologische Ober- 
sichtskarle der nordwestlichen Küstenländer des Aegacischen Meeres. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



181 



gelegenen Dorf Plätanos (i Stunde). Wir überschreiten das trockene 
Bett des Flusses von Halmyrös und steigen dann wieder eine sanft 
geneigte Schotterfläche hinauf. Hier besteht der Schotter fast nur aus 
schwarzen Kalkgeröllen, die in einer roten Erde eingebettet sind. 
Auch hier nur die langweiligen Busche der Kermes - Eiche und die 
noch wüstenhafteren Phrygana! Am Gebirgsrand entspringt eine 
grofse Quelle (150 m) und unmittelbar darüber liegt am Abhang das 
Dorf Plätanos (1089 Einwohner). Es war ehemals, im Gegensatz zu 
Halmyrös, der Hauptsitz der christlichen Bevölkerung der Gegend. 
Zahlreiche grofse Häuser stehen in Ruinen. Man sagte mir, dafs die 
türkische Soldateska, als sie nach dem Berliner Kongrefs das Land 
räumen mufste, fast das ganze, sehr wohlhabende Dorf eingeäschert 
habe. Es wäre dies ein Ausnahmefall ; denn sonst hat sich der Abzug 
der Türken in aller Ruhe und Ordnung vollzogen. — Im Westen von 
Plätanos besteht der Gebirgsrand immer noch aus Kalk. Das Dorf 
selbst aber liegt auf Thonschiefer und grüngelbem Sandstein, die 
unter dem Kalk hervorkommen, Sie sind steil aufgerichtet, streichen 
W und fallen nach N; darin sind mergelige, blaugraue Plattenkalke 
eingelagert. 

Im Osten von Plätanos 1 ) mündet ein grofses Thal, das weit von 
Süden aus dem Gebirge kommt, und dessen Bach gegenüber dem felsigen 
Kap Halmyrös sich in das Meer ergiesst. Hoch an dem westlichen 
Gehänge dieses Thaies führt unser Weg entlang. Zunächst steht nur 
gefalteter plattiger Kalk an 2 ), weiterhin taucht aber darunter massiger 
blauschwarzer Kalk (mit einzelnen Hornstein-Nieren) hervor. Dieser 
untere Kalk wird von dem Bach in enger steiler Schlucht durch- 
schnitten, während darüber die höheren Gehänge, sanfter geböscht, aus 
Plattenkalk mit Schiefern wechsellagernd, bestehen. Es scheint, dafs 
diese Plattenkalke eine den Schiefern von Plätanos äquivalente Facies 
darstellen, welche dieselben bald ersetzt, bald wieder gegen sie zurück- 
tritt. Das ganze Schichtsystem bildet ein grofses W-O streichendes 
Gewölbe, sodafs wir bald wieder in den Plattenkalk zurückkehren; in 
der Schlucht selbst hält aber der untere dickbankige Kalk noch 
weiter an. 

Nun kommt ein grofses Nebenthal von SW von den hohen Gipfeln 
Gerakovüni (1726 m) und Py'liora her, das wir durchkreuzen müssen. 
Inten führt eine Brücke (150 m) über den Bach. Selbst die höchsten 
Erhebungen der Othrys, die man von hier erblickt, besitzen die Form 
rundlicher Buckel, ohne irgend eindrucksvollere Formen darzubieten. 

') Die ganze Gegend ist auf den bisherigen Karten sehr ungenau dargestellt. 
'*) Streichen zuerst SO, dann OSO, Fallen sehr wechselnd, meist N. 



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A. Philippson: 



Sic sind noch mit tiefem Schnee bedeckt; darunter folgt ein ge- 
schlossener, sanft gewölbter Abfall, dessen bunte Farben seine Zu- 
sammensetzung aus der Serpentin-Schiefer-Formation verraten. Davor 
liegt, gegen das Thal hin, eine grofse Kalkmasse, von engen Schluchten 
durchsetzt. An unserem Wege sind weiterhin die geologischen Verhält- 
nisse sehr verwickelt, und es bedürfte einer sehr genauen Aufnahme, um 
die einzelnen Kalk- und Schieferhorizonte zu trennen. Auf der NW- 
Seite des Nebenthaies kommt zunächst unter dem Plattenkalk der untere 
schwarze massige Kalk hervor , darunter wieder gelber bröckliger 
Schiefer. Jenseits der Brücke steht grau-schwarzer, körniger Kalk an, 
der zwar äufserlich kein Marmor im üblichen Sinn ist, der sich aber 
unter dem Mikroskop als vollständig krystallinisch, durch Druck stark 
deformiert, erweist. An einzelnen Stellen glaubt man noch Kammern 
von Globigerinen zu erkennen (nach Dr. Rauff). Beim Aufstieg nach 
S kommt man wieder auf bröckligen gelben Thonschiefer und Sand- 
stein, worin Lagen und Linsen von massigem körnigem Kalk mit 
Hornsteinnieren eingelagert sind. frfoch weiter hinauf folgt dann 
wieder der Plattenkalk, S fallend. Alles ist ungemein stark gestört. 
In dem Hauptthal, welches weiter aus SSO kommt, hält der untere 
schwarze Kalk an, darüber liegt Schiefer und Plattenkalk. 

Wir steigen nun in eine Thalweitung des Hauptthaies hinab, wo 
sich mehrere Bäche von Osten her mit ihm vereinigen. Die Weitung 
ist dadurch bedingt, dafs hier wieder Schiefer, Sandsteine und rote 
Hornsteine auftreten. Sie ziehen sich auch nach Osten Über eine 
breite und niedrige Einsattelung hinüber, die von hier zum Thal des 
Salamvriäs fuhrt. 

Während sonst die ganze Gegend nur mit dürftigen Kermes- 
Eichen bewachsen ist, finden wir hier endlich einmal einige Äcker. 
Sie gehören zu dem Dorf Kokkotf, das rechts hoch oben auf einer 
Bergterrasse über dem steilen Kalkabsturz liegt, der auch hier wieder 
den Fufs des höheren Gebirges bildet. Dieser Kalk ist krystallinisch 
und wird von der Serpentinschiefer-Formation des höheren Gebirges 
überlagert, ist also älter als diese und als der Kalk am Gebirgsrand 
bei Gient/.e'ki. Vielleicht gehört er bereits den krystallinischen Gesteinen 
des Ostendes der Othrys an. Auf der Ostseite des Hauptbaches sieht 
man diesen Kalk sich bald unter den Schiefern verlieren. 

Vor der Brücke (210 m), die uns hier auf die östliche Thalseite 
hinüberführt, treffen wir steil aufgerichtete Schiefer und tuffartiges 
Konglomerat an, das Gerolle von Hornstein und zersetztem Eruptiv- 
gestein enthält. Jenseits des wasserreichen Baches steigen wir an dem 
Thalabhang hinan, der sich durch einen ungemein mannigfaltigen 
Wechsel buntfarbiger Gesteine auszeichnet. Alle paar Schritte wechseln 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 1 83 



Thonschiefer, violette Phyllite, mergelige Plattenkalke, rote Horn- 
steine, Gänge von Serpentin und anderen stark zersetzten Eruptiv- 
gesteinen mit einander ab. Weiter hinauf liegt über diesen Gesteinen 
eine Decke von hellem Kalkstein. 

Bald stehen wir hoch oben am östlichen Gehänge des grofsen 
Thals, dem wir bisher gefolgt sind, und überschauen ein Landschafts- 
bild von düsterer Grofsartigkeit. 

Vor uns liegt, von dunklen wallenden Wolkenmassen umgeben, 
das höchste Massiv der Othrys, unter uns das Thal, als wilde Schlucht, 
in den unteren Kalk (den Kalk von Kokkoti) eingerissen, der hier 
(mit nördlichem Einfallen) unter den Schiefern auftaucht. Über dem 
fast senkrechten Kalkklippenrand, auf einer kleinen Terrasse, welche 
die Grenze zwischen dem schroffen Kalk und den aufliegenden, sanft 
geböschten Schiefern bezeichnet, hängt das einsame Kloster Xeniäs. 
Nach Norden übersehen wir den Verlauf des Thals bis zu seiner Mün- 
dung in die Ebene bei Plätanos. 

Die Wasserscheide zwischen dem bis jetzt verfolgten Bach und 
dem Salamvriäs bildet ein sanfter Schieferrücken. Unmittelbar jenseits 
liegt das Dorf Vrynena (${ Stunden von Platanos, 560 m), in das wir 
bereits bei strömendem Regen einzogen. Der Ort, der 535 Einwohner 
zählt, beherrscht das breite Thal des Flusses Salamvriäs, der ehemals 
die griechisch-türkische Grenze bildete. Dieser Flufs hat einen merk- 
würdigen, halbkreisförmigen Verlauf, der ihn von den Höhen der Othrys 
zuerst nach Ost und schließlich mit NNW-Richtung in den Golf von 
Halmyrös führt. Bei Vrynena dacht sich das Land von der (linken) 
Innenseite des Bogens in sanftem und breitem Gehänge zum Flufs ab. 
Plattenkalke und darunter liegende Schiefer 1 ) bilden hier den Boden. 
Auf der rechten Seite des Flusses erhebt sich dagegen eine mächtige, 
weithin geschlossen ziehende Kalkwand. In Vrynena wurde Mittags- 
rast gemacht. Die Leute waren wenig freundlich. Am Tag vorher 
hatte sich Tzurlfs im Dorf aufgehalten! 

In südlicher Richtung geht es über die sanften Thalgehänge nach 
dem Dörfchen H. Joännis (if Stunden). Ehe wir dasselbe erreichen, 
haben wir den Salamvriäs zu überschreiten (430 m), der hier aus hohem 
Kalkgebirge, in enger Schlucht hervorkommend, in die mit Äckern be- 
deckte Thalweitung tritt 2 ). Im Osten erblickt man durch die Öffnung 



l ) Streichen SW, Fallen NO. 

*) Der dickbankige Kalk streicht OSO, fallt N. Es wird wohl derselbe Kalk 
*in, wie bei Kokkoti, also unter dem Schiefer liegen. Die geologischen Beobach- 
taugen wurden durch den Regen sehr behindert. Die mikroskopische Beschaffen- 
heit ist dieselbe wie die des Kalkes an der Brücke oberhalb Platanos. 
Zeitjchr. d. Gewlltch. f. Erdk. Bd. XXX. 1895- 13 



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184 



A. Philippson» 



des unteren Salamvriäs-Thales die spitze Pyramide des Chlomös. Ein 
Nebenbach mündet bei H. Joännis von Süden in den Salamvriäs ein. 

Wir steigen in seinem Thal auf. Erst finden wir plattigen Kalk 
mit Rudisten, dann grünen chloritischen Schiefer und saigeren S strei- 
chenden Sandstein. Der Regen wird immer ärger. Wir überlegen, 
ob wir nach H. Joännis zurückkehren sollen; da aber dort für die 
Soldaten nicht genügende Lebensmittel vorhanden sind, entscheiden 
wir uns für den Weitermarsch, um vor Abend noch das Dorf Myli 
auf der anderen Seite des Gebirges zu erreichen. An Beobachtungen 
ist nicht mehr zu denken, da alles ringsum in grauer Nebelmasse ver- 
schwindet. Wir sehen nur noch, dafs zunächst Sandstein, Schiefer 
und Kalk mit einander wechseln. 

Weiter hinauf wird der Regen zu Schnee, der im Fallen taut und 
den Weg in unergründlichen Kot verwandelt. Wir erreichen, durch 
und durch nafs und beschmutzt — es war unmöglich zu reiten , da 
die Tiere kaum sich selbst den lehmigen Bergabhang hinaufzuschleppen 
vermochten — , einen Bergrücken, wo wir im Schutz einer kleinen 
Kapelle, H. Paraskevi, einen Augenblick rasten. Dann geht es durch 
Eichenwald hinunter in ein grofses von W nach O gerichtetes Thal, 
und jenseits abermals hoch hinauf. Dieser zweite Rücken (930 m) 
besteht aus schwarzem massigen Kalk. Oben breitet er sich zu einer 
ausdruckslosen welligen Hochfläche aus. Rings umher nur gleichartige 
sanfte Terrainformen, die ewigen rundlichen Büsche der Kermes-Eiche, 
der Boden mit tiefem Schnee bedeckt I 

Mein Unteroffizier, der sonst die Wege recht gut kannte, steht 
ratlos da. Es war nicht zu verwundern, dafs wir den Weg verloren 
hatten. Kein Ausblick ringsum; die Luft ist undurchsichtig, unauf- 
hörlich fallen die Flocken wie ein dichter Schleier hernieder Wir 
irren umher, um den Weg zu finden, aber der Schnee hat seine Spur 
verdeckt, und wir verlieren durch das Suchen jede Orientierung. Wir 
müssen also aufs Geratewohl, mit dem Kompafs in der Hand, nach 
Süden. Der Boden beginnt sich in dieser Richtung zu senken, immer 
steiler und steiler — wir hoffen, dafe der Abhang sich bald mildern 
wird, und streben vorwärts. Endlich erkennen wir zu spät, dafs wir in 
eine wilde Run sc geraten sind. Für Fufsgänger war sie wohl zu über- 
winden, aber für die Pferde schien es unmöglich. Da jedoch der 
Rückweg ebenso schwierig erschien, mufsten wir vorwärts. Die Nacht 
begann sich schon herabzusenken. Mehrere Soldaten kletterten voraus, 
um die besten Stellen für die Pferde auszumitteln ; dann wurden die 
Tiere vorsichtig, von mehreren Mann unterstützt und am Schwanz ge- 
halten, über die glatten Felsstufen, das lockere Geröll und durch das 
dichte Kermes-Eichengestrüpp hinabgeleitet. Nur durch die wunder- 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



185 



bare Gewöhnung unserer arkadischen Gebirgspferde an schwierige 
Bergpfade ging schließlich alles gut, nachdem wir die Hoffnung schon 
aufgegeben hatten, die Pferde lebend aus der Schlucht herauszubringen. 
Nach langsamem vorsichtigem Abstieg gelangten wir unter unaufhör- 
lich strömendem Schneeregen an das Kloster H. Georgios und er- 
kannten hier, dafs wir auf dem Bergrücken zuweit nach links geraten 
waren. Da ich mit der Gastlichkeit der griechischen Mönche früher 
üble Erfahrungen gemacht hatte, zogen wir es vor, nun auch noch die 
Viertelstunde weiter bis zum Dorfe My'li (490 m) zu wandern, wo ich, 
mein Diener und der Unteroffizier bei armen, einfachen Leuten die 
gastfreundlichste Aufnahme fanden, während meine Soldaten sich in 
benachbarte Häuser verteilten. 

Die ganze Nacht und den nächsten Vormittag schneite es unauf- 
hörlich. Erst am Nachmittag hörte es auf und die tieferen Teile der 
Atmosphäre wurden heller, sodafs wir den Gebirgsabfall bis zur Küste, 
dann sogar das gegenüberliegende Euböa und die kleine Felsinsel 
Lichädes mit dem Leuchtturm erblicken konnten. Bei schönem Wetter 
raufs der Blick von dem hochgelegenem kleinen Bergdorf Myli 
ein wahrhaft zauberischer sein. — Die Bevölkerung (390 Seelen) er- 
nährt sich in der unfruchtbaren Gegend vorwiegend mit der Zu- 
bereitung der filzartigen Stoffe aus Schafwolle und Ziegenhaaren, aus 
welchen die griechischen Landleute ihre „Kapötäs" genannten grofsen 
Kapuzen-Mäntel, ihre gamaschenartigen Strümpfe, Pferdedecken u. s. w. 
verfertigen An den wasserreichen, von grofsen Quellen genährten 
Bächen, die in den Schluchten von My'li hinabrauschen, sind zu diesem 
Zweck eine ganze Anzahl durch Wasserkraft getriebene primitive Walk- 
mühlen (sog. Hammerwalken) in Thätigkeit, wie sie früher in Europa 
üblich waren, bis sie durch die vollkommeneren Maschinen der Jetzt- 
zeit verdrängt wurden. Ihr monotones Stampfen war uns schon in 
der Nachtzeit zu Ohren gekommen. Manche der fleifsigen Einwohner 
von My'li wären recht wohlhabend, wenn sie nicht immer wieder durch 
die Räuber ihrer Ersparnisse beraubt würden. Noch vor wenigen 
Monaten war einer Familie durch nächtlichen Überfall inmitten des 
Dorfes 20 000 Drachmen erprefst worden, gewifs für die dortigen Ver- 
hältnisse ein sehr bedeutendes Kapital! Wenn meine Gewährsleute 
diese Summe vielleicht übertrieben haben, so ist doch die Thatsache 
selbst, welche mir am abendlichen Herdfeuer von einigen der Opfer 
selbst in lebhafter Weise geschildert wurde, unzweifelhaft. 

Nachmittags (28. März) setzten wir unseren Weg fort. Zeitweise 
sandte der bewölkte Himmel noch einige Güsse herunter. Die Berge 
lagen bis My'li herab voll Schnee; von hier abwärts war er im Fallen 
geschmolzen. Wir besichtigen zunächst einige der Walkmühlen und 

13* 



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A. Philippsoo: 



marschieren dann auf dem Höhenrücken an der linken Seite des 
Thaies von My'li entlang nach Süden. Während sich hinter dem Dorf 
das gestern durchzogene Gebirge bis noo m erhebt, zieht sich vor uns 
eine gleichmäfsige Abdachung zur Küste, von zahlreichen parallelen 
engen Thalfurchen in einzelne Rücken zerschnitten. Das ganze, höchst 
anmutige Gelände ist von üppigen Maquien (besonders Lcntiscus und 
Arbutus) überzogen, zwischen denen einzelne Ackerflächen zerstreut 
liegen. Gleich unterhalb My'li treten auch Ölbäume auf, kurz, wir be- 
finden uns wieder in der Mediterranregion. Zur linken wird diese 
Abdachung durch das von Neogen-Ablagerungen erfüllte Becken von 
Gardiki 1 ) unterbrochen, das sich zu einer halbkreisförmigen Bucht mit 
Flachküste öffnet 2 ). Im Westen dagegen erhebt sich ein höherer Berg- 
rücken, der sich von den höchsten Teilen der Othrys bis zur Küste 
bei Rhachaes mit NS-Richtung hinzieht. Während dieser höhere Rücken 
ebenso wie derjenige nördlich von Myli aus Kalk besteht, wird die sanf- 
tere Abdachung, auf der wir uns hinabbewegen, wieder, und zwar schon 
vom Kloster H. Georgios an, aus jener Schiefer-Serpentin-Formation ge- 
bildet, die unter dem Kalk hervorkommt. Der Kalk bildet also einen 
halbkreisförmigen Zirkus um das niedrigere Hügelland herum, von 
dem er durch Erosion entfernt ist. Hier treten die Eruptivgesteine 
(Porphyrite, Mandelsteine, Serpentin) gegenüber den Sedimentgesteinen, 
die namentlich durch stark gefalteten roten Hornstein 3 ) vertreten sind, 
sehr in den Vordergrund. Es sind unterhalb Myli Diallag- (oder 
Bronzit-)Serpentin, ferner ein grünes, dichtes, blasiges Gestein; manche 
Blasen sind mit Mandeln erfüllt. Dieses Gestein geht wieder in einen 
dunkelweinroten, dichten Mandelstein über. Etwa 4 km südlich 
von Myli durchsetzt der Bach in enger Schlucht eine mächtige 
Eruptivmasse, die von gefaltetem Hornstein umlagert ist, der wiederum 
von Serpentingängen durchschwärmt wird. Bald darauf überschreiten 
wir das Thal und den nächst westlicheren Höhenrücken. Hier steht 
roter Hornstein, in gewöhnliche Schiefer übergehend, an 4 ). In dem 
nächsten grofsen Thal finden wir unten Serpentin, darüber Hornstein 
und Schiefer, und darüber den mächtigen Kalk des erwähnten Gebirgs- 
zuges von Rhächaes. Dann treten wir in eine kleine Küstenebene ein, 
deren Rand Vorhügel von lehmigem Konglomerat (Neogen) einnehmen. 
Am Ufer erhebt sich ein isolierter Hügel mit alten Ringmauern 6 ); 

') Neumayr, S. 98. Fiedler I, S. 199 ff. 
'*) Auf der „Carte de la Grece" ungenau dargestellt. 
») W streichend. 
W streichend. 

') Ob dieselben althellenisch oder mittelalterlich sind, konnte ich aus der Ferne 
nicht entscheiden. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



187 



daneben befindet sich jetzt das einst weiter oberhalb im Gebirge 
gelegene Dorf Achlädi. Das Dorf Rhächaes (2$ Stunden von My'li, 
438 Einw.) liegt auf einem bis zur Küste reichenden Hügelrücken 
(Schiefer und Serpentin unter dem Kalk). 

Eine halbe Stunde Rast, die wir hier in einem Magazf machten, 
benutzte deT redselige Pope des Ortes, um mich mit einem hochtö- 
nenden Wortschwall ohne Ende zu überschütten, in welchem er mir 
die antike Topographie der ganzen Umgegend erklärte. Er wufste mit 
der gröfsten Sicherheit alle zweifelhaften Ortsnamen der ganzen 
Phthiotis unterzubringen und schleppte mich zum Schlufs zur Kirche 
des Ortes, um mir dort eine eingemauerte Inschrift zu zeigen, die mir 
sehr modernen Ursprungs zu sein schien. Das durfte ich natürlich 
nicht verlauten lassen, sonst wäre ich der gründlichsten Verachtung 
aller versammelten Dorfbewohner ausgesetzt gewesen. Und so schie- 
den wir denn in Frieden. Wer in Griechenland reist, der wird immer 
entweder für einen Mechanikös (Ingenieur) oder für einen Archäologen 
angesehen, und alle gegenteiligen Behauptungen des Reisenden werden 
mit ungläubigem Kopfschütteln aufgenommen. Man thut daher gut, 
gar nicht erst zu widersprechen. Auch der Unterschied zwischen 
diesen beiden Arten der „I,ordi" ist den meisten Dorfbewohnern noch 
nicht klar geworden. 

Von Rhächaes bis Echin6s ist eine starke Stunde durch fruchtbare 
Schwemmland-Ebene in der Nähe der Küste. Zuerst geht es durch 
Äcker mit einzelnen Ölbäumen, dann durch dichten, prächtigen 
Olivenwald. Zur rechten bestehen die unteren Vorhügel aus Ser- 
pentin, darüber liegt mächtiger Kalk, sofort zu hohem Gebirge auf- 
steigend. Das Thal des Trip6tamos, welcher die Ebene aufgeschüttet 
hat, eröffnet einen Blick in das Innere des Gebirges 1 )- Echinös 
(151 5 E., 40 m ü. d. M.) liegt wenige Minuten vom Meer an einem Berg- 
vorsprung aus Serpentin und einer Krönung von Kalk, die landein- 
wärts mit dem höheren Kalkgebirge zusammenhängt. Auf dem Hügel 
selbst entspingt eine mächtige Quelle, welche der Umgebung eine 
überaus grofee Fruchtbarkeit verleiht. Echinös hat seinen Namen aus 
dem Altertum gerettet. Jetzt ist es ein Tziflik; elende kleine, unbe- 
schreiblich schmutzige Hütten sind an und auf den gewaltigen Resten 
einer alten Stadtmauer errichtet und umgeben ein grofses Herrenhaus, 
das mit seinen hohen Hofmauern und seinen Türmen einem Kastell 
ähnlicher sieht als einem Landgut. In dem Garten neben dem Haus 
waren die herrlichen Orangen- und Zitronen-Bäume durch die un- 
gewöhnliche Kälte dieses Winters vollständig vernichtet. Sie sahen 

l ) Neumayr beschreibt das geologische Profil dieses Thals. (S. 99.) 



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A. Philippson: 



geschwärzt, wie verbrannt aus. Das Gut gehört einem reichen Herrn 
Sk. Von seinen Angehörigen, die gerade anwesend waren, wurde 
ich in gastfreundlichster Weise aufgenommen. Herrlich ist der Blick 
von dem mir als Wohnung dienenden Turmgemach des Hauses 
über den Golf auf Euböa und das Öta-Gebirge. Das Haus selbst 
stammt aus der Türkenzeit; es enthält einen mächtigen Saal und eine 
grofee Zahl geräumiger Gemächer. Die Möblierung entspricht freilich 
nicht dem stattlichen Gebäude, sondern ist, wie überall auf griechischen 
Landgütern, infolge des schwierigen Transports recht dürftig und ver- 
nachlässigt. 

In den Morgenstunden (29. März, um 6\ Uhr, 3 0 C.) wurde die 
Reise fortgesetzt. Ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über 
einer der herrlichsten Landschaften Griechenlands, die heute durch 
den tief (bis etwa 500 m Meereshöhe) hinabreichenden Schneemantel 
der Gebirge, von denen besonders der gewaltige Klotz der Katavöthra 
(Öta) die Bewunderung erweckt, einen hochalpinen Zug erhielt. Da- 
zu das ruhig schlafende, tiefblaue Meer, durchaus als rings geschlossener 
Landsee erscheinend, dessen von Olivenhainen geschmückte Gestade 
durch vorspringende flache Landspitzen anmutig gegliedert werden. 
Gleich westlich von Echinös hat man einen wasserreichen Bach zu über- 
schreiten, der weiter landeinwärts aus einer Kephalövrysis („Hauptquelle") 
auf der Grenze von Serpentin und überlagerndem Kalk entspringt. Das 
hohe Kalkgebirge zieht sich hier nach Norden zurück, während die da- 
runter liegenden Serpentine und Schiefer in sanften Hügeln zunächst 
bis ans Meer vorspringen, dann aber einer Küstenebene Platz machen, 
die mit Ölbäumen, Mais, Getreide, Baumwolle und Tabak bepflanzt 
ist. Zu der Mitte der Ebene öffnet sich ein grofses Thal im Gebirge, 
dann springt dieses wieder zur Küste vor. Hier kommt ein zweites 
Thal herab, an dessen Westseite rötlich verwitternder Kalk deutlich 
über dem Serpentin liegt. Es ist die vielfach von rotem Hornstein 
unterbrochene Kalkmasse von Stylfs (vulgär Stylfda), dem Hafenort 
von Lamfa, den wir, über einen niedrigen Hügelzug steigend 
(2 1 , Stunden von Echings) erreichen. Der Ort ist eingezwängt zwischen 
der steilen nackten Bergwand und einer ganz flachen, von Strand- 
sümpfen umgebenen Bucht, dem Anprall der Sonnenstrahlen voll aus- 
gesetzt. Es mufs hier im Sommer unerträglich heifs und ungesund 
sein, ein Grund mehr dafür, dafs nicht hier, sondern im Binnenland 
der Verkehrsmittelpunkt der Gegend entstanden ist. Das Meer ist 
hier so seicht, dafs die Schiffe weit draufsen ankern müssen. Zur 
Zeit unserer, nur dreiviertelstündigen Anwesenheit, waren die Strand- 
sümpfe weit hinaus trocken und hauchten die widerlichsten Düfte aus. 
Ks war nämlich E bbe, und die Gezeitenbewegung ist in dem abge- 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



189 



schlossenen Malischen Busen sehr beträchtlich. Schon Herodot 
(VII, 198) erwähnt sie in dieser Gegend. Auch der ganze Kanal von 
Euböa hat merkbare Gezeiten, welche die bekannten wechselnden 
Strömungen in der Euripos-Enge veranlassen, Strömungen, die übri- 
gens nach Ausweis der britischen Seekarte auch in diesen ganzen 
Meeresstrafsen westlich und nördlich von Euböa nicht fehlen, wenn 
auch, entsprechend der gröfseren Breite, ihre Stärke geringer ist, als 
im engen Euripos. In allen griechischen Binnenmeeren mit langer 
west-östlicher Erstreckung scheinen sich die Gezeiten fühlbar zu 
machen, wie z. B. an beiden Seiten des Isthmos von Korinth. 

Aus allen diesen Gründen ist es leicht verständlich, warum Stylfs 
ein kleines, unbedeutendes Nest ist. Es zählt 181 7 Einw. Man geht 
damit um, das etwas westlicher gelegene Örtchen Hagfa Marina, das 
weit tieferes Wasser hat, zum Hafen von Lamfa zu machen. Dafs 
übrigens Stylfs schon im Altertum besiedelt war, beweist eine mäch- 
tige althellenische Stadtmauer im W des Ortes. Vielleicht lag hier 
das alte Phalara, wenngleich die Entfernungsangaben von Strabo 
(50 Stadien von Lamfa, 100 von Echin6s) nicht stimmen. Vertauscht 
man jedoch beide Zahlen, so sind sie ungefähr richtig, nur ist dann 
die Entfernung 20 Stadien von der Spercheios-Mündung viel zu gering. 
Phalara hatte im Altertum einen vorzüglichen Hafen. Es ist dies 
wieder ein Beweis, wie sehr die vorschreitenden Alluvionen des 
Spercheios diese Küste verändert haben; denn jetzt ist hier nirgendwo 
ein leidlicher Hafen zu finden. 

Nachdem ich die Soldaten aus Halmyrös entlassen, in einer kleinen 
Garküche am Hafen gefrühstückt und das vorhandene Telegraphen- 
Amt benutzt hatte, um Nachricht nach Hause zu senden 1 ), brachen 
wir nach Lamfa auf, der Fahrstrafse folgend. Der Kalkstein ist bei 
Stylfs grau mit weifsen Adern durchzogen, undeutlich geschichtet. Die 
Hornstein-Schichten keilen nach W in Kalk aus. Die Strafse führt über 
grofse, zum Teil beackerte Schuttkegel, welche sich vom Gebirgsfufs zur 
Küste hinabsenken. Bald fällt der Kalk von Stylfs (den wir an seiner 
Ostgrenze den Serpentin überlagern sahen) deutlich nach W unter gelb- 
lichen Schiefer ein. Er bildet also eine Einlagerung in der Serpentin- 

1 ) Der Telegraph arbeitet selbst im Innern Griechenlands und in den kleineren 
Orten recht zuverlässig, und ich habe fast stets innerhalb 24 Stunden auf meine 
Telegramme Antwort von Deutschland erhalten, und zwar in beiden Richtungen in 
deutscher Sprache mit lateinischen Buchstaben. Die dabei vorkommenden Ver- 
stümmelungen waren niemals sinnstörend. Ich habe es daher als sehr grofse An- 
nehmlichkeit empfunden, auf diesem Wege möglichst häufig kurze Nachrichten mit 
der Heimat auszutauschen, da die Briefe bei meinem beständigen Ortswechsel oft 
erst nach vier Wochen in meine Hände gelangten. 



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190 



A. Philippson: 



Schiefer-Formation. Bald aber hebt sich derselbe Kalk wieder in einem 
Gewölbe heraus, in welches das Thal von Avläki eingeschnitten ist; da- 
rüber folgt westlich eine Schiefer-Zone, und darüber der obere Kalk der 
Mavromandfla (s. S. 169), der sich bis zur Ebene hinabzieht. Hier und 
da ist diese Kalkdecke durch die Erosion unterbrochen und so tritt 
der Schiefer in unregelmäfsigen Flecken an der Bergwand zu Tage. 
Das Gebirge ist auf dieser ganzen Seite völlig kahl und nackt. Die 
Strafse überschreitet einen Vorsprung des hellgrauen Mavromandfla- 
Kalkes und passiert eine Quelle. Dann folgt eine grofse Bucht der Ebene 
und jenseits derselben wieder ein Vorsprung. Über einer Serpentin- 
partie liegt hier grauer, dickbankiger Kalk, der W 15 0 N streicht und 
zur Ebene einfällt. Aus ihm entspringt an der Spitze des Vorsprungs 
die „Megäli Vry'sis" (grofse Quelle), ein mächtiger Wasserstrom, der 
das Land bis zum Meer hin versumpft. Riesige Platanen beschatten 
die Quelle und das zur Linken liegende gleichnamige Dorf. Die 
letzten vier Kilometer geht es immer am Gebirgsfufs entlang. Der 
Kalk zieht sich an dem grofsen Thal vor Lami'a (s. S. 168) nach 
NW zurück ins Gebirge hinein, und darunter kommen die Schiefer 
und Kalke der Burghöhe zum Vorschein. Um i\ Uhr trafen wir in 
Lamfa ein (3^ St. von Stylfs). Der Rest dieses, sowie der folgende 
Tag — ein warmer Sonnentag — wurden mit den üblichen Arbeiten 
und dem Verpacken und Absenden der bisher gesammelten Ge- 
steine zugebracht 1 ). Am Abend machte ich einem jungen Offizier Be- 
such, an den ich Empfehlungen hatte und der mich mit der den 
Griechen eigenen Gastfreiheit sofort zum Abendessen in dem „Restau- 
rant" des Städtchens einlud. Vorher jedoch hatte ich noch Gelegen- 
heit, eine Truppenschau der gesamten Garnison Lamfas, etwa 150 Mann, 
mit anzusehen, die der Oberst des Regiments unvermuteter Weise abhielt. 
Sie fand auf dem oberen Markt statt, dessen Unebenheit noch dazu 
beitrug, das Schauspiel zu einem keineswegs glänzenden zu machen. 
Der gestrenge Chef liefs denn auch mehrere Offiziere, wegen mangel- 
hafter Ausbildung ihrer Leute, vom Platz weg in Arrest bringen. 
Wenn andere Kommandeure ebenso handelten, würde vielleicht 
die griechische Armee etwas besser ausgebildet seinl Es war das 
einzige Mal, dafs ich überhaupt eine Truppenübung in einem kleineren 
Garnisonort gesehen habe! Der Abend verging in angenehmer Un- 



») Das Absenden von Kisten aus dem Innern Griechenlands ist meist ein gar 
nicht einfaches Geschäft. Sie müssen durch eine Privatperson zum nächsten Hafen- 
ort gebracht und dort einer der Dampfschifffahrts-Gesellschaften Ubergeben werden, 
welche sie nach Piraeus bringt. Dort mufs wieder jemand die Kisten Ubernehmen 
und aufbewahren bzw. nach Deutschland weiter befördern. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



terhaltung. Es wurde so warm, dafs wir im Freien vor dem Cafe 
sitzen konnten, wo ein türkischer Violinist — einst ein reicher Grund- 
besitzer, der sein Vermögen verloren hatte, — seine Weisen ertönen 
liefs. Der Offizier, mein Wirt, erwies sich als erfahrener Topograph, 
da er Herrn Mavrokordatos bei seinen allzu früh abgebrochenen Auf- 
nahmen in Thessalien begleitet hatte. 

4. Von Lamfa über Domokös nach Phärsalos (Phersala). 

(Vgl. Tafel 9, No. 5.) 

Noch immer hielt die Ungunst des Wetters in einer für die vor- 
geschrittene Jahreszeit ungewöhnlichen Weise an. In der Nacht zum 
31. März war wieder Regenwetter eingetreten, das, wenn auch in 
mäfsiger Weise, den ganzen Vormittag anhielt. Warmer Südwind 
(7 h 9° C«) fährte immer neue Wolkenmassen herbei, die sich am 
Südabhang der Othrys zu Regen verdichteten; erst auf der andern 
Seite des Gebirges fanden wir am Nachmittag zwar den Himmel 
bewölkt, aber die unteren Teile der Atmosphäre doch klar und durch- 
sichtig. Im Laufe des Nachmittags trat dann NO-Wind ein, der 
augenblicklich Aufklärung, an den folgenden Tagen aber desto ge- 
waltigere Niederschläge an der Nordseite der Othrys brachte. Denn 
im westlichen Thessalien ist, wenigstens für diese Jahreszeit, der N- 
und NO-Wind ein Regenwind, da er von dem Pindos- und Othrys- 
Gebirge aufgehalten und genötigt wird, seinen Wasserdampf in 
Thessalien selbst niederzuschlagen. 

Nachdem ich die östliche Othrys durchkreuzt hatte, verfolgte ich 
nun von Lamfa aus die in nördlicher Richtung nach Thessalien 
führende Hauptstrafse, welche bald nach der Besitzergreifung dieses 
Landes durch die Griechen zur Fahrstrafse ausgebaut werden sollte. 
Aber, wie so viele derartige Strafsenbauten, ist sie unvollendet liegen 
geblieben, nachdem sie grofse Geldmassen verschlungen hat. Auf der 
ganzen Strecke von Lamfa bis Phärsalos sind der Strafsendamm und 
die Felseinschnitte vollendet, aber es fehlen meist die Beschotterung 
und das Mauerwerk, sodafs der Damm an zahllosen Stellen wieder 
weggewaschen und im übrigen bei Regenwetter unergründlich ist; 
dazu fehlen fast sämtliche Brücken. So ist die Strafse völlig unfahrbar, 
und man zieht mit den Reit- und Lasttieren die Fufspfade vor, welche 
die Windungen der Strafse abkürzen. — Drei Gensdarmen bildeten 
diesmal meine Eskorte. Es waren schwatzhafte Kerle, für deren Hülfe 
ich im Notfall keinen Pfifferling gegeben hätte. Sie blieben auch 
raeist weit zurück, da das Marschieren ihnen augenscheinlich viel 
Mühe machte. 



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192 



A. Philippson: 



Von der kleinen Ebene von Tarätsa (s. S. 168), wo Serpentin 
und roter Hornstein, letzterer in mäandrisch gewundenen Schichten, 
anstehen, geht es nach NNW, den sanften Abhang des Gebirges hinauf. 
Der dichte Nebel erlaubte nur gelegentlich einen Ausblick in die 
Umgebung. Zuerst folgte über dem Serpentin mergeliger Plattenkalk 
mit Sandstein wechsellagernd 1 ), dann Thonschiefer und roter Horn- 
stein. Höher hinauf finden wir einen beständigen Wechsel von Serpentin, 
Serpentinschiefer, buntem Hornstein. Dann tritt eine Strecke weit nur 
ein massiges, sehr hartes kieseliges Gestein auf, in grofsen schaligen 
Kugeln abgesondert und durchschwärmt von schmalen Gängen von 
Serpentin. Das kieselige Gestein ist jedenfalls durch Kontaktmetamor- 
phose seitens des Serpentin umgewandelt. Dann folgt wieder roter 
Hornstein mit eingelagertem Plattenkalk. In ersterem treten Adem 
und Blätter von Eisenglanz auf. Abermals folgen dann verschieden- 
artige, stark kieselige massige Gesteine, tief zersetzt zu einer braunen 
Erde mit Kieselbrocken. Oben auf der Pafshöhe steht ein schwarzes 
Eruptivgestein an in Gesellschaft des kugelförmig abgesonderten Kiesel- 
gesteins, daneben auch geschichteter Hornstein. Das ganze Schicht- 
system, welches diesen Teil der Othrys zusammensetzt, besteht also 
aus Sedimenten, welche von Gängen von Serpentin und anderen Eruptiv- 
gesteinen durchschwärmt und durch die Einwirkung derselben der- 
artig umgewandelt sind, dafs es oft schwer hält, die Sedimentgesteine 
von den Eruptivbildungen zu unterscheiden. Die mächtige Kalkdecke, 
welche in der östlichen Othrys diese Formation überlagert, ist hier 
nicht mehr vorhanden ; sie endet mit der Rudistenkalk-Kuppe Antfnitsa. 
Das ganze Gebirge besitzt infolge des Vorherrschens der dunklen 
Eruptivgesteine ein düsteres Aussehen. Die Formen sind überaus ein- 
förmig gerundet: gleichmäfsige Höhenrücken ohne auffällige Gipfel 
und sanfte Thalmulden bedingen das Landschaftsbild. 

Die Vegetation des südlichen Abhanges der Othrys besteht im 
unteren Teil aus Maquien, namentlich von Pistacien und Kermes-Eichen: 
weiter hinauf halten die letzteren allein aus. 

Der Pa fse in schnitt (3 Stunden von Lanua, auf der Grenze Thessa- 
liens, 800 m) liegt etwas westlich von dem spitzen Kegel Phurka, nach 
welchem der Pafs genannt wird. Jenseits geht es in ein Thal hinab, 
welches sich nach NNO hinabzieht. Auch hier Serpentin und ein halb- 
serpentinisiertes, dichtes graues Eruptivgestein, ferner roter Hornstein. 

Eine halbe Stunde jenseits der Höhe gelangen wir zum Chani 
Abdorach managa (630 m), einer elenden Reisighütte, wo eine kleine 
Abteilung Soldaten sich um das Feuer drängte. Kurz vorher hatten 



') Streichen W, Fallen N. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



1<>3 



wir eine andere Abteilung an dem westlichen Abhang hinaufklettern 
sehen. Sie waren auf der Jagd nach irgend einem yvyofiixog („Flüchtling 
vor dem Gericht"), wie man in Griechenland die Leute nennt, die sich 
der Strafe für ein Verbrechen in den Bergen entziehen, um dort als 
Briganten zu leben. Unter diesen Leuten giebt es alle Abstufungen, 
vom gefährlichen Räuber bis zum unschuldigen Hammeldieb, der 
niemanden etwas zu Leide thut und nur sein Leben zu fristen sucht. 

Nach einer kurzen Mittagsrast zogen wir weiter das einförmige 
Thal hinab. Grüner massiger Hornstein und Thonschiefer wechseln 
miteinander. Zerstreute Eichen stehen auf den sanften Gehängen. 
Nach einer halben Stunde treten wir in die ziemlich weite Hochebene 
hinaus, die den See von DaukU (Xynias der Alten) umschliefst. Der 
See selbst bleibt im Westen liegen; er ist ein seichtes, von sumpfigen 
Gestaden umgebenes Becken, nach den Aufnahmen von Mavrokordatos 
nur s \ m tief, aber weit gröfser, als die früheren Karten angaben. 
Seine Meereshöhe ist 463 m. Er ist reich an Fischen, die in Massen 
gefangen und in den gröfseren Orten des westlichen Thessalien ver- 
kauft werjden. Die Ebene an seinem Ostufer, die wir durchziehen, ist 
recht öde; nur wenig angebaut, dient sie zum gröfsten Teil nur als 
Weidefläche; in der Mitte ist sie sumpfig (tiefste Stelle der Strafse 
470 m). Im südlichen Teil bezeugen einzelne Eichen einen ehemaligen 
schönen Waldbestand, welcher der Axt zum Opfer gefallen ist. Auch die 
ganze Umrahmung des Beckens ist reizlos und einförmig. Im Osten 
trennt eine sehr niedrige Hügelkette von Schiefer oder Serpentin die 
See-Ebene von der ähnlichen Hochebene des Chiliad6tikos (s. S. 172); 
mehrere kleine Wasserläufe durchbrechen die Hügel und gelangen so 
von der See-Ebene zu diesem letztgenannten Flufs. Der See selbst 
hat aber, wie wir weiter sehen werden, seinen Ausflufs nach der ent- 
gegengesetzten Seite, nach Westen. Im Süden des Seebeckens sehen 
wir den niedrigen, sanft geformten, wasserscheidenden Kamm der 
Othrys hinziehen; im Westen des Sees bilden dunkel bewaldete Ketten, 
die orographisch NW -SO ziehen und sich mit dem Othrys-Kamm ver- 
einigen, den Abschlufs. Im Norden umrahmen die Ebene die kahlen 
Hügel von Domokös, die, aus Kalk bestehend, mit ihrer grauen Farbe 
sich scharf von den übrigen dunkeln Serpentin- und Schieferbergen 
abheben. Der ganze Höhenkranz im S, W und N des Sees ist nur 
zwischen 700 und 900 m über dem Meer hoch (also 350 — 450 m über 
dem See). Nur der Kalkberg Xerovüni im NW erreicht 982 m. — Wir 
gelangen an den Nordrand der Ebene dort, wo sich die Berge des 
Nordrandes mit den niedrigen Hügeln des Ostrandes vereinigen. Links 
bleibt am Abhang das grofse Dorf Omvriakf liegen; unmittelbar west- 
lich desselben lagert der Kalk der Berge von Domokös über dem 



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104 



A. Philippson: 



Serpentin. Auf der Grenze beider liegt ein Kloster, was darauf schliefsen 
läfst, dafs hier Quellen entspringen. Serpentin, Gabbro, Hornstein und 
dann weiter Sandstein (steil aufgerichtet, W streichend) bilden die nie- 
drige Schwelle, über die wir aus der Ebene von Daukli in eine andere 
Hochfläche hinübersteigen, die sich nach Osten zum Chiliadötikos öffnet. 
Hier, am Ostabhang der Berge von Domokös, steht weifser Kalk 
mit Rudisten an, darunter tritt bald wieder Serpentin hervor; an der 
Grenze beider Gesteine entspringt am Rand der Hochebene eine 
Quelle, welche die Gärten des Gehöftes Mäti bewässert. Im N steigt 
das Gelände sanft an zu dem breiten Kassidiäris-Gebirge, das vor- 
wiegend aus Kalk zu bestehen scheint. 

Wir gehen nun nach West hinauf nach dem überaus malerisch ge- 
legenen Städtchen Domok6s. Es ist ein höchst überraschender Anblick, 
der sich uns, als wir um die Bergecke biegen, plötzlich darbietet. Die 
Hügel von Domokös, vom See aus gesehen niedrig und ausdruckslos, 
stürzen hier nach Norden mit einem 500 m hohen Abfall hinab zu der 
westthessalischen Ebene, die sich tief unter uns wie eine weite See- 
fläche ausbreitet. Ich werde nie das Erstaunen meines arkadischen 
Agogiaten vergessen beim Anblick dieser weiten ebenen Fläche, deren- 
gleichen er im übrigen Griechenland noch nie gesehen. Er hatte 
noch keine Vorstellung davon, dafs es so grofse zusammenhängende 
Ebenen gäbe. Sein erster Ausruf war daher: „Das Meer!" Die 
gebirgige, unruhige Natur Griechenlands kam hier so recht zum Aus- 
druck in diesem Erstaunen eines Mannes, der mit mir den ganzen 
Peloponnes und Mittel -Griechenland durchstreift und doch niemals 
das Bild einer solchen Ebene in den Kreis seiner Vorstellungen auf- 
genommen hatte. Und doch ist die westthessalische Ebene nur für 
griechische Verhältnisse grofs zu nennen. Bei klarem Wetter sieht 
man von einem Ende die Bergumrahmung des entgegengesetzten 
Endes deutlich vor sich! Mit Recht aber trägt dieser Ort seit dem 
Altertum den Namen: „Ort der Verwunderung" {Thaumakoi, jetzt 
verdorben in Domok6s). Zu allen Zeiten haben die Reisenden die 
überraschende Aussicht von Thaumakoi gepriesen 1 ). 

Das Städtchen selbst wirkt nicht minder überraschend. Von der 
Krone des grofsen Abhanges springt ein Felskopf vor; er trägt die 
weit über die Ebene schauende mittelalterliche Veste. An den steilen 
Abhängen dieses Burgberges und des Hauptabfalles drängen sich die 
grofsen finstern Häuser des Ortes dicht zusammen. Nur wenig erhebt 
sich noch das Gebirge hinter dem Ort und trägt oben eine Reihe 
stattlicher türkischer Forts. Dicht oberhalb des Ortes liegt die Grenze 



) Vgl. Livius 31, 4, »uch Leake I 458, Holland II 110. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



195 



der Kaikdecke gegen die darunterliegenden Serpentine und Horn- 
steine; hier entspringen die Quellen, welche die Entstehung des Städt- 
chens mit veranlafst haben. Der Burgberg ist eine aus den weicheren 
Schiefergesteinen herausgewitterte Kalk-Einlagerung, die sich, ebenso 
wie die höhere Kalkdecke, westwärts am Abhang zum Fufs des Ge- 
birges hinunterzieht. 

Domokös (3J St. vom Chani Abdorachmänaga, der Marktplatz 520m) 
hatte für die Türken hohe strategische Bedeutung, da es, an einer von 
Natur sehr festen Stelle gelegen, die von Süden her nach Thessalien 
führende Strafse beherrscht. Jetzt stehen die von den Türken errichteten 
Forts leer. Die früher zahlreiche mohamedanischc Bevölkerung 1 ) ist bis 
auf wenige arme Leute ausgewandert. Jetzt zählt das Städtchen noch 
1580 Einw. Es ist Hauptort einer Eparchie. Die Strafsen sind un- 
glaublich eng und schmutzig, meist sehr abschüssig und durch das 
elendeste Pflaster verunziert. Der einzige kleine Platz des Ortes ist 
kaum gröfser, als die Grundfläche eines mittelgrofsen städtischen Hauses 
in Europa. 

In dem engen Gassen-Labyrinth von Domokös drängte sich eine 
zahlreiche, augenscheinlich recht aufgeregte Volksmenge. Morgen war 
Markttag und übermorgen sollte die Ersatzwahl eines Abgeordneten 
stattfinden. Fast alle erwachsenen Männer der Eparchie waren daher 
im Städtchen versammelt. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung hatte 
man eine gröfsere Truppenmacht in Domokös zusammengezogen, und 
der Mtxarchos (Kommandant der Gensdarmerie eines Nomös) von La- 
rissa, ein Major, war selbst zugegen, um den Sicherheitsdienst zu lei- 
ten. Diesen Mafsregeln war es zu danken, dafs die Wahltage ohne 
Blutvergiefsen vergingen. Mit Mühe bekam ich in dem elenden, 
schmutzigen Chani des Ortes, in einem Kämmerchen über dem Pferde- 
stall, Quartier. Bald jedoch suchte mich der Major auf, begrüfste 
mich auf das liebenswürdigste, nötigte den Bürgermeister, mich in 
sein Haus aufzunehmen, und mich selbst, mit ihm und seinen Offizie- 
ren zu Abend zu speisen. Der Major war ein alter, aber noch rüsti- 
ger Herr, ein strammer Kriegsmann der guten alten Art, die leider im 
griechischen Heer selten zu werden anfängt. Er hatte sich vom ein- 



') Ich vermeide die im Land selbst übliche Bezeichnung der Mohamedaner als 
«Türken", da die bis zur griechischen Annexion ziemlich zahlreiche moharaedanische 
Bevölkerung in Süd- und West-Thessalien wohl nur zum Teil aus osmanischen 
Elementen bestand, zum andern Teil aber sich aus griechischen Renegaten, Albanesen 
und anderen Volksstammen zusammensetzte. Echte Türken, die schon lange vor 
der türkischen Eroberung eingewanderten Koniariden , sitzen dagegen noch heute in 
der Gegend von Larissa. 



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A. Philippson: 



fachen Soldaten heraufgearbeitet und sein ganzes, erfahrungsreiches 
Leben in dem anstrengenden Sicherheitsdienst zugebracht. Seine 
Bildung war daher nicht weit her; desto herzerfreuender war seine 
natürliche Ritterlichkeit, sein freies, offenes Wesen und seine eifrige 
Sorge für den Fremden. Welch Gegensatz zu vielen jungen, meist 
aus städtischen Familien hervorgegangenen Offizieren, die ihre Tage 
in den Cafes verbringen, säbelklirrend das Pflaster der grofseren 
Städte treten und es als eine Strafe und Verbannung beklagen, wenn 
sie einmal zu einer wirklichen Dienstleistung an die Grenze oder ins 
Gebirge geschickt werden ! 

In der Gesellschaft dieses prächtigen alten Herrn machte ich 
des Abends die Runde durch die Cafes und Wirtschaften des Ortes. 
Wir sahen dabei manche belebte Szene. Die beiden feindlichen 
Wahlkandidaten und ihre lokalen Parteiführer („Kommatarchen") 
entwickelten eine wunderbare Lungenkraft und Ausdauer im Reden ( 
und eine nicht minder erstaunliche Kapazität für Getränke. Alle 
Wähler, die fast sämtlich schon jetzt schwer betrunken waren, wurden 
persönlich angesprochen, bewirtet und umschmeichelt, jedem mufsten 
sie Rede stehen und Versprechungen machen. Von allem Möglichen 
war dabei die Rede — nur nicht von einem politischen Programm der 
Kandidaten, von ihrer Stellung zu den Überaus wichtigen Fragen, die 
es gerade jetzt, wie kaum je vorher, im griechischen Parlament zu 
lösen gab; handelte es sich doch um die Ehre des Landes, um den 
vor der Thür stehenden Bankerott des Staates und der Nation 1 Es 
giebt wohl kaum ein Land, wo der Parlamentarismus zu einem solchen 
Zerrbild, zu einem solchen gefährlichen, alle und jede gedeihliche Ent 
Wickelung hemmenden Unfug ausgeartet ist, wie in Griechenland. 

Den folgenden Tag (i. April) fiel bei feuchtwarmer, ruhiger Luft 
von morgens bis abends ununterbrochener Regen. Da der Aufenthalt 
in dem überfüllten Domokös unerträglich war, und ich hoffte, dafs der 
Regen unter Mittag und in der Ebene vielleicht aufhören würde, be- 
schlofs ich gegen 10 Uhr nach Phärsalos weiterzuziehen. Nach herz- 
lichem Abschied von dem Major gingen wir mit drei Gensdarmen den 
steilen Weg hinab, der an der linken Seite eines zur Ebene hinab- 
ziehenden Thaleinschnittes hinunterführt, während die „Fahrstrafse", 
gänzlich unbenutzt, sich auf der rechten Seite des Thaies hält. Der 
Weg war durch den Regen vollständig aufgeweicht. Dieses enge und 
steile Thal ist der Engpafs Kode der Alten. 

Der Kalk, der die Hügel östlich von Domokös zusammensetzt, 
wölbt sich über dem Serpentin nach N hinunter unter grünen, dick- 
bankigen Sandstein, indem er sich zwischen dem Serpentin und dem 
Sandstein auskeilt, vielleicht durch eine Verwerfung abgeschnitten. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



197 



Dieser Sandstein 1 ) über dem Kalk ist durchaus frei von Eruptivgestei- 
nen und gleicht durchaus eocänen Flyschsan dsteinen. Erscheint 
in der That Eocän zu sein, da der ihn unterlagernde weifse Kalk- 
stein unter dem Mikroskop Lithothamnien, Textilarien und Orbitofden 
enthält, welch letztere Foraminiferen für ein eocäncs Alter auch dieses 
Kalksteins sprechen. Der Sandstein hält an, bis man bei einigen 
Mühlen den Rand der Ebene erreicht. Dieser bildet hier einen ein- 
springenden rechten Winkel; indem er von hier aus einerseits nach 
W, andererseits nach N zieht. Auf der letzteren Seite bricht das W 
streichende Kassidiäris-Gebirge in einem Querbruch zur Ebene ab. 
Die unfertige, unergründliche Fahrstrafse zieht von hier durch die 
Ebene in der Nähe des Gebirgsrandes nach N. 

Bei den Mühlen taucht unter dem grünen Sandstein weifser dick- 
bankiger Kalk mit Rudisten hervor, S fallend. Etwas weiter erhebt 
sich aus der Ebene zur Linken ein isolierter Hügel weifsen Kalkes, 
(Streichen NW, Fallen NO), der vielleicht als Gegenflügel eines Gewölbes 
zu dem Kalk der Mühlen gehört. Der rechtsseitige Gebirgsabhang blieb 
im Nebel verborgen. - Wir begegneten bei unserem trostlosen Marsch 
durch die Ebene, den wir im triefendsten Regen, der jeden Ausblick 
behinderte, zurücklegten, einer Abteilung Kavallerie, die nach Domo- 
kos zog. Der führende Unteroffizier hatte, trotz seines grofsen Regen- 
mantels, noch einen Regenschirm aufgespannt; ein nichts weniger als 
kriegerischer Anblick. 

Da die Strafse durch die Ebene immer kotiger wurde, wichen 
wir rechts ab und nahmen einen näheren Weg durch das Gebirge. 
Zunächst gelangten wir nach dem Dorf Vardalf (384 Einw.) am Rand 
der Ebene (2J St. von Domok6s). Wir wollten hier Mittagsrast machen, 
aber alle Männer waren in Domokös und daher alle Häuser geschlos- 
sen. Halb mit Gewalt drangen wir schliefslich in eines derselben ein, 
um uns etwas vor dem Regen zu schützen. Das hatte die sofortige 
Flucht der in dem Hause wohnenden Weiber zur Folge. So waren 
wir denn in Bezug auf Feuer und Nahrungsmittel ganz auf Selbsthilfe 
angewiesen. In Thessalien herrscht ganz allgemein, im Gegensatz zu 
Alt-Griechenland, bei der doch ebenfalls griechischen Bevölkerung, 
grofser Widerwille und Furcht vor den Soldaten. Die Ursache dieser 
Abneigung ist die, dafs bei der Besitznahme Thessaliens die griechi- 
schen Soldaten, anfangs als Befreier begrüfst, sich bald durch arge 
Plünd erungen, Mifshandlungen und Gewaltthaten gegen die Eingebore- 
nen verhafst machten. Dazu wurden sie hauptsächlich durch den Hun- 
ger getrieben; denn eine geordnete Intendantur gab es überhaupt 

») Streichen W 10- io°N. 



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198 



A. Philippson: 



nicht, und die von der Regierung bezahlten Lieferungen für das Heer 
gelangten vielfach nicht bis zu den gemeinen Soldaten. 

Bei Vardalf steht grünlicher Sandstein an. Dieser enthält in der 
Nähe des Rudisten-Kalkes eine Kalkbreccie mit Bruchstücken von 
Rudisten und anderen Muschelschalen, zu denen sich unter dem Mikro- 
skop zahlreiche zertrümmerte Orbito'lden gesellen. Von hier geht 
es nach N über einen Bergrücken, aus Rudisten - Kalk, der sich 
unter dem Sandstein hervorhebt, dann wieder hinab zu einer in das 
Gebirge einspringenden Bucht der Ebene, in welcher das Dorf 
Vrysiä liegt. Die geologischen Beobachtungen wurden durch den 
Regen fast unmöglich gemacht. Die Kalkberge sind mit Phrygana, 
die Vorhügel mit Asphodelus-Steppe bewachsen. Unzählige Löcher 
der Feldmäuse (uoovQuioi), welche überall, wo lockerer Boden vorhan- 
den, denselben geradezu siebartig durchlöchern, erinnern an die 
Mäuseplage, welche Thessalien seit einigen Jahren heimsucht und be- 
kanntlich durch unseren Landsmann Prof. Löffler vermittelst des Bacillus 
des Mäusetyphus erfolgreich bekämpft sein soll. Hier zu Lande hörte 
ich nicht viel günstiges von dieser Methode reden! 

Unterhalb des Dorfes Vrysiä entspringt am Rand der Ebene aus 
dem Kalkstein eine grofse Quelle (daher der Name des Dorfes) und 
verwandelt die umgebende Ebene in einen Sumpf. Hier wälzten Büffel 
{to fiovfldXi spr. vuväli) ihre mächtigen schwärzlichen Riesenleiber im 
Wasser. Dieses für die thessalische Niederung besonders charakte- 
ristische Haustier übertrifft das Rindvieh ebenso an Körperkraft wie 
an Stumpfsinn. Es leistet hier in dem schweren Lehmboden die vor- 
züglichsten Dienste beim Pflügen und beim Ziehen der landesüblichen, 
eigentümlichen, zweirädrigen Karren. Diese bestehen aus einer mäch- 
tigen hölzernen Achse, an der sich zwei massive, roh gerundete Holz- 
scheiben als Räder drehen, und einem leichten aus Reisig geflochtenen 
Wagenkorb, der auf der Achse ruht; mit dieser letzteren ist eine eben- 
falls sehr starke Deichsel fest verbunden, die vorn in dem einen 
riesigen Joch endigt, das den beiden nebeneinander eingespannten 
Büffeln über den Nacken gelegt wird. Dieser auf der Balkan-Halb- 
insel weit verbreitete Karren, der aber im eigentlichen Griechenland 
vollständig fehlt, ist scheinbar überaus roh und unpraktisch; namentlich 
scheint der leichte, nur wenig fassende Wagenkorb nicht zu dem sehr 
schweren Untergestell zu passen. Dennoch ist er das einzige Gefährt, 
das auf der lehmigen Ebene bei Regenwetter Lasten vorwärtsbringen 
kann; er ist also den Verhältnissen durchaus angepafet. Es ist eine 
kulturhistorisch interessante Frage, ob diese Form des Wagens aus 
dem klassischen Altertum überkommen — thatsächlich erinnert er an 
antike Wagenformen — oder ob er durch die Völkerwanderung, be- 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



199 



züglich die Slaven, in die Balkan-Halbinsel gebracht worden ist. — 
Die Büffel fehlen ebenfalls im übrigen Griechenland fast gänzlich, 
da sie sehr viel Wasser, besonders in der heifsen Zeit ein tägliches 
Bad bedürfen. 

Dieser Teil der westthessalischen Ebene wird zumeist als Winter- 
weide an Wanderhirten verpachtet und ist daher wenig angebaut. 

Im Dorf Vrysiä, einem Tziflik von 333 Einwohnern, machten wir 
im Magazi einen kurzen Halt. Eine ganze Anzahl von Hirtenhäupt- 
lingen („Tsilingädes") waren hier zu einer Beratung versammelt. Sie 
liefsen es sich nicht nehmen, uns mit Schnaps zu bewirten. Einige 
Tage darauf hörten wir, dafs die meisten Tsilingädes aus dieser Gegend 
sowie aus der Gegend von Halmyrös wegen Unterstützung der Räuber 
gefangen und nach Lärissa transportiert worden seien. 

Von Vrysiä geht es, nun wieder auf der „Fahrstrafse", am Rand 
der Ebene nach Norden. Der Kalkstein enthält hier zahlreiche Ru- 
disten. Ein hier in der Nähe geschlagenes Stück brecciösen halb- 
krystallinischen Kalksteins zeigte unter dem Mikroskop zerbrochene 
Brachiopoden-Schalen und freilich nicht ganz sicher zu erkennende Or- 
bitoiden. Über einen niedrigen Pafs (210 m), der einen Vorberg ab- 
trennt, führt die Strafse nach Osten in die Ebene von Phärsalos. In 
dem Pafseinschnitt sind Sandsteine und buntfarbige Thonschiefer ent- 
blöfet, dazwischen auch ein Konglomerat von Eruptivgestein-, Serpentin- 
und Hornstein-Gerollen. Darüber liegt Plattenkalk und über diesem auf 
beiden Seiten der massige Rudistenkalk. Derselbe bildet ein WSW 
streichendes Gewölbe, in dessen Sattellinie der Pafs eingekerbt ist. 
Noch eine Stunde geht es nun am Gebirgsfufs nach Osten bis Phär- 
salos (3! Stunden von Vardalf) erreicht ist. In einem am Platz ge- 
legenen grofsen, ehemals türkischen Haus, in dem sich unten ein 
Kramladen befindet, wurde Unterkunft genommen. Den Rest des Tages 
und die ganze Nacht regnete es unaufhörlich. 

Auch den nächsten Vormittag (2. April) regnete es weiter bei 
sehr kühler Temperatur. Nachmittags traten dagegen Pausen im Regen 
ein, die ich zum Besuch der Akropolis benutzte. Ich fuhr auch mit 
Wagen nach dem 3 km nördlich von der Stadt gelegenen Bahnhof, 
der thessalischen Eisenbahn, um einen Teil meines Gepäcks nach 
Karditsa voraus zu schicken. 

Die Stadt, mit ihrem alten und jetzt wieder offiziellen Namen 
Phärsalos, volkstümlich aber xa tVtQaala (Phe>sala) genannt, liegt am 
Nordfufs der kassidiarischen Berge am Rand der hier noch schmalen 
westthessalischen Ebene, die vom Enipeus durchflössen wird. Gegen- 
über erheben sich die niedrigen Hügel des thessalischen Mittelgebirges. 
Die Ebene ist hier gut angebaut, vornehmlich mit Getreide, Mais und 

Zciuchr. d. GeietUch. f. Erdk. Bd. XXX. 1895- 14 



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200 



A. Philippson: 



Tabak, aber baumlos. Östlich und westlich der Stadt springen steile 
Höhen in die Ebene vor, die aus dunkelgrauem, massigem Kalk be- 
stehen, der WSW streicht und nach Nord einfallt 1 ). Südlich erhebt 
sich hinter der Stadt ziemlich steil der Abhang des Berges, der die 
alte Akropolis trägt. Dieser Abhang besteht aus denselben Schichten: 
grauem Kalk, in Wechsel mit Plattenkalk und Thonschiefer, welche den 
liegenden Teil der massigen Kalke bilden. Das ganze Schichtsystem hebt 
sich nach Süden, bergwärts, in die Höhe (streichend W io°S, fallend N). 
Die Höhe des Berges ist ein O-W gestreckter Grat, mit zwei durch 
einen Sattel verbundenen tafelförmigen Gipfeln, die rings von einem 
Klippenrand umgeben sind. Dieser Gipfelgrat besteht aus grauem, 
klotzigen, nördlich einfallendem Kalk mit undeutlichen Fossilien (Ru- 
disten?). Der Kalk wendet nach Süden seine Schichtköpfe, daher 
stürzt der Gipfel der Akropolis nach dieser Seite in steilen, unersteig- 
lichen Felsen ab, und zwar zu einer sanft welligen Hochfläche, der 
Ebene von Rhfzi, die ihrerseits wieder allmählich nach Süden ansteigt 
zu dem höheren Wall der Kassi diäris -Berge (1009 m) 8 ). Diese 
Hochebene besteht aus der bunten Serpentin -Hornstein -Formation, 
die hier unter dem Kalk hervorkommt. Das Kassidiäris- Gebirge 
war wegen des Nebels nicht genau zu sehen; doch scheint es 
in der Mitte ebenfalls aus Hornstein und Serpentin mit einzelnen 
Kalklagern zu bestehen, die im Osten und Westen von massigem 
Kalk überlagert werden. Der Kalk scheint also als ein elliptisches 
Gewölbe den Kern der Serpentin -Hornstein -Formation zu überlagern 
und zu umgeben. — Der Akropolis -Rücken, an dessen Felsen zahl- 
reiche Geier nisten, setzt sich nach Osten und Westen in Hügeln 
fort, die aus bunten Schiefern mit Kalklagern bestehen, Bildungen, 
welche die Grenze zwischen dem oberen Kalk und der Serpentin- 
Hornstein-Formation zu bezeichnen scheinen. Der Kalk der Akropolis 
ist u. d. M. ein marmorisierter Foraminiferen-Kalk (Milioliden), der auch 
zahlreiche Bruchstücke von gröfseren Schalen enthält. 

Die alte Burg von Phärsalos nahm die Höhe des Berges ein. Von 
dort ziehen sich die Reste der gewaltigen Stadtmauern nach Osten 
und Westen hinab, den ganzen nördlichen Abhang des Burgberges 
umschliefsend. Der westliche Schenkel folgt einem mauerartig aus 
weicheren, thonigen Kalkschiefern herausgewitterten Riff eines Kalkes, 

') Der Kalk westlich der Stadt ist unter dem Mikroskop dicht und enthält 
Globigerinen-Kammern. 

2 ) Die Ebene bei Phärsalos ist nach Mavrokordatos etwa 150 m, (der Platz 
von Phärsalos nach meiner Messung nur 140 m, was für die Ebene nur etwa 120 m 
ergeben würde), die Akropolis über 350 m, die Ebene von Rhin 150— 350 m hoch. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 201 

der durchaus dem der Burghöhe gleicht. Er streicht W 15° S, fällt 
nach Norden und wird von einer Zone rötlichen Kalkschiefers unter- 
lagen. 

Wie überall, verstanden auch hier die Alten vortrefflich, jede 
kleine Gunst des Geländes für ihre Festungsbauten zu benutzen! 

Weiter nach Westen keilt sich dieses Kalkriff aus. Hier tritt ein 
blauer, matter, thoniger Kalk auf, der gelblich verwittert (streicht N 
75 W bis W, fällt N). (Ein dichter Globigerinenkalk.) In ihm ist 
ein kleiner Steinbruch eröffnet. Über diesem Kalk liegt unmittelbar 
am Rand der Ebene eine Klippe blauen, massigen Kalkes, der oberen 
Kalkdecke angehörend, und aus ihr entspringt eine mächtige Quelle, 
von herrlichen Platanen beschattet; sie bildet den Pharsalftis genannten 
Flufs. Hier sieht man wieder Spuren der alten Stadtmauer und einer 
Wasserleitung. Der Kalk an der Quelle verwittert in eine rotgelbe 
Erde, die man als Färbemittel benutzt. — Wie aus dem Verlauf der 
Stadtmauer ersichtlich, bedeckte die alte Stadt den ganzen Nord- 
abhang des Berges, von der Burg bis zur Quelle hinab. Es war eine 
der grölsten und mächtigsten Städte Thessaliens; denn es war und ist 
der Knotenpunkt der überaus wichtigen Strafsen von Ober-Makedonien 
und Trikkala nach dem Pagasäischen Golf (Golf von Völos) einerseits, 
nach Lamfa und dem östlichen Hellas andererseits, ferner von Nieder- 
Makedonien und Lärissa nach Lamfa und weiter. Noch im späteren 
Altertum bewahrte es seine Bedeutung; im Mittelalter blieb es wenig- 
stens bewohnt, und noch in diesem Jahrhundert war es, wenn auch 
räumlich auf den untersten Teil der alten Stadtfläche beschränkt, ein 
lebhaftes Handelsstädtchen. Jetzt ist Phärsalos, seitdem es griechisch 
geworden, gänzlich herabgesunken; denn der gröfste Teil seiner Be- 
wohner war mohamedanisch und hat jetzt das Land verlassen. Der 
in zwei Weiler getrennte Ort gleicht einem Ruinenfeld. Die be- 
wohnten Häuser liegen zerstreut zwischen zahlreichen in Trümmer 
zerfallenden Gebäuden. Unglaubliche Scharen von Dohlen schwärmen 
mit widerlichem Geschrei durch die Stadt. Natürlich fehlen auch 
die Störche nicht, wie in keinem Ort Thessaliens. Nur an dem un- 
ergründlich kotigen Hauptplatz bestehen einige wenige Kramläden und 
Cafes. Von den Moscheen des Ortes ist nur noch eine in Gebrauch. 
Es war gerade der Fastenmonat Ramadan, und allabendlich ver- 
sammelten sich hier die Reste der mohamedanischen Bevölkerung 
zum Gebet. Der Muezzin liefs seinen klangvollen melancholischen Ruf 
erschallen, und nach eingetretener Dunkelheit flammten am schlanken 
Minaret als festliche Beleuchtung unzählige Lämpchen auf. Ein Bild 
aus dem tiefen Orient; ein letztes Lebenszeichen einer durch einen 
Federstrich der Diplomatie aus diesem Land vertriebenen Weltan- 

14* 



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202 



A. Philippson: 



schauung, die lange Jahrhunderte hier geherrscht hat. So stimmt es 
wehmütig, wie jedes Zeichen irdischer Vergänglichkeit, so wenig man 
sonst auch mit dem Türkentum sympathisieren mag. Von den mo- 
hamedanischen Bewohnern Thessaliens hört man übrigens auch aus 
christlich -griechischem Mund nur Gutes; es sind oder waren viel- 
mehr fleüsige, ruhige und ehrliche Leute, und, soweit sie Landherren 
waren , ihren christlichen Unterthanen milde Gebieter. Man darf der 
mohamedanischen Bevölkerung nicht die Greuel zur Last legen, welche 
die wilde Soldateska (meist Albanesen) oder die korrumpierten Beamten 
verübt haben. Auch jetzt ist in Thessalien im allgemeinen das Ver- 
hältnis zwischen Griechen und Mohamedanern ein ziemlich gutes und 
letztere dürfen ihre Religion ungehindert ausüben. 

Phärsalos (türkisch Tschataltsche) zählt jetzt nur 2293 Einwohner 
und hat nicht die geringste Handelsbedeutung. Es ist Hauptort einer 
kleinen Eparchie und daher Sitz eines Gensdarmerie-Kommandos. 

Einige Tage vor meiner Ankunft in Phärsalos war in einer hier 
vielgelesenen Athener Zeitung ein Artikel mit den albernsten Lügen 
über meine Person und die Zwecke meiner Reise erschienen, in wel- 
chem ich als „systematischer Feind Griechenlands" gebrandmarkt und 
die Bewohner Thessaliens gewarnt wurden, mir Gastfreundschaft zu 
gewähren. Ich fand daher in Phärsalos nur unfreundliche oder feind- 
liche Gesichter, und auch der Gensdarmerie-Offizier zeichnete sich 
durch auffallenden Mangel an Liebenswürdigkeit aus, obwohl er mir 
natürlich die Eskorte nicht vorenthalten konnte. In kurzer Zeit war 
übrigens diese Verleumdung vergessen, sodafs ich auf meiner weiteren 
Reise keine Unannehmlichkeiten mehr dadurch hatte. 

5. Von Phärsalos über Kato- Agöriani, Derelf, den Moch- 
lüka-Pafs nach Varyböpi in der Spercheios-Ebene. 

Des Abends und die ganze Nacht hatte es wieder in Strömen ge- 
regnet ; doch war der folgende Tag (3. April) frei von Niederschlägen 
und zuweilen brach sogar die Sonne durch die Wolken. Die Tempe- 
ratur war frisch (b\ h : 5* °, 115 h : 9°. 6| 8* °). Ich beabsichtigte 
eigentlich von Phärsalos direkt nach Smökovo zu gehen, einen Platz 
in dem bisher gänzlich unbesuchten südwestlichen Winkel Thessa- 
liens, wo sich heifse Quellen befinden, und schlug zunächst den Weg 
nach Kato-Agöriani ein, das etwas westlich von Domok6s und zwar, 
nach der Karte, schon im Gebirge liegen sollte. In Wahrheit liegt der 
Ort aber am Rand der thcssalischen Ebene, die sich hier weiter nach 
SW erstreckt, als die Karten angeben. — Es wurden mir wieder drei 
Soldaten mitgegeben, mit dem Auftrag zurückzukehren, sobald wir an- 
dere Soldaten antreffen würden. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



20.3 



Wir verfolgten zunächst die Fahrstrafse nach Domok6s bis Vrysiä 
wieder zurück. Nun befanden wir uns also wieder auf der Westseite des 
Kassidiäris-Gebirges, die gegen die grofse, sich südwärts bis gegen 
Domokos erstreckende Bucht der Ebene schaut. Südlich von Vrysiä 
springt jener Bergvorsprung nach W vor, den wir vor zwei Tagen von 
VardaH her im Regen überschritten hatten. Die Strafse führt an ihm 
entlang nach Westen. Der Boden der Ebene zeigt hier, durch die 
Strafsengräben aufgeschlossen, dicht unter der Oberfläche groben 
Schotter. Der Kalk von Vrysiä 1 ), fällt hier bald nach W unter 
harten, grobkörnigen, dickbankigen Sandstein ein 2 ), der von hier ab 
weiterhin anhält. Vor dem Sandsteingebirge liegt an der Strafse noch 
eine kleine Kuppe weifeen Kalkes mit zahllosen Rudisten. In dem Sand- 
stein tritt eine bräunliche, kleinkörnige Breccie aus Kalkstein und 
Quarzstückchen auf. Unter dem Mikroskop zeigt sie sich erfüllt von 
Foraminiferen (Miliolideen, grofse Globigeriniden, Textilariden, Ple- 
canien u. a.), dazu Lithothamnien, Bryozoen, Brachiopoden. Das Ge- 
stein gleicht durchaus der Orbito'iden-Breccie von Domok6s. Einige 
Foramini feren-Bruchstücke darin scheinen auch Orbitoiden zu sein, sind 
aber nicht mit Sicherheit als solche zu erkennen. Dennoch scheint es 
zweifellos, dafs diese Breccie und der sie einschliefsende und über- 
lagernde Flysch eocän ist. Derselbe steil gefaltete Flysch (Sand- 
stein und Thonschiefer) setzt auch die äufserste Spitze des Bergvor- 
sprungs zusammen; erst weiter südlich sieht man den Kalk wieder 
hervortauchen, steil nach N unter den Flysch einfallend. Auf dem 
Vorsprung liegen die Gynaek6kastro (Frauenburg) genannten Mauer- 
reste einer alten Stadtumwallung, die man ziemlich willkürlich mit dem 
alten Proerna identifiziert, (i Stunde von Vrysiä, 2| von Phärsalos). 
Hier verlassen wir die Fahrstrafse, um das £ Stunde in WSW-Richtung 
in der Ebene gelegene Dorf Bekrildr zu erreichen. Als wir abbogen, 
erschien ein Reitertrupp, von Domok6s herkommend, auf der Strafse. 
Es war mein Freund, der Major, der sich nach Larissa zurückbegab, 
mit Gefolge. Wir winkten uns noch einen Abschiedsgrufs zu, wohl für 
immer. Das Dorf Bekril^r (333 Einw., 90 m), ein Tziflik, wo Mittags- 
rast gehalten wurde, ist ein Haufen armseliger Lehmhütten auf einer 
kleinen, künstlichen Bodenerhöhung. Die Ebene ringsum ist nicht an- 
gebaut, sondern Asphodelus-Steppe, die als Winterweide benutzt wird. 

Von Bekriter wandten wir uns auf unscheinbaren Fufspfaden 
durch die meist von Asphodelus-Steppe überzogene Ebene südwärts. 
Zuerst kamen wir nach dem Dorf Tsioba (\ St, 244 Einw.) und dann 
nach weiteren 2 Stunden an den Fufs des Gebirges von Domokös in 



«) Streicht N, fällt W. *) Streicht NNW, fällt O; fast saiger. 



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- 



OQ4 A. Philippsoii: 

der Nähe des Dorfes Velisiötes. Etwas östlich dieses Dorfes erreicht 
die Kalkdecke von Domokös, welche die Hornstein-Serpentin-Formation 
überlagert, indem sie nach W hinabsinkt, den Rand der Ebene. Dort 
entspringt aus dem hellen dickbankigen Kalk (der Rudisten enthält) 1 ) 
die grofee Quelle Mätia; welche die Ebene weithin versumpft. Einige 
Schritte weiter überrascht uns an der steilen Felswand, einige Meter 
über ihrem Fufs, ein trefflich erhaltenes Felsengrab. 2 ) Aus dem 
lebenden Kalkfels ist ein mächtiger Steinsarkophag ausgehauen, mit 
einem schweren Deckel desselben Gesteins geschlossen, welcher die 
Form eines ziemlich steilen Daches besitzt. Zwischen Deckel und 
Vorderseite ist ein langer, mehrere Centimeter breiter Spalt ausgehauen, 
wo augenscheinlich eine Platte mit einer Inschrift eingelassen war. 
Unter dem Sarkophag sind drei Stufen einer breiten Treppe erhalten, 
welche zum Fufs der Felswand hinabführte. Die unteren Stufen sind 
verschwunden. 

An der Mündung eines Thälchens westlich des Grabes schneidet 
der Kalk wieder gegen roten Hornstein ab. Viele Gerolle von ver- 
schiedenen Eruptivgesteinen und von grünem Sandstein liegen vor dem 
Thal, aus dem Innern desselben stammend. Wenige Minuten weiter 
liegt an der Mündung eines gröfseren Thals, auf einem grofsen Schutt- 
kegel, der sich aus demselben ergiefst, das Dorf Kato- Agöriani. 
Der Rand des Gebirges, der bisher westlich verlief, ist von hier nach 
N 50 0 W gerichtet bis zum Fufs eines mächtigen Gebirgsrückens, der 
hier, die anderen Vorberge weit überragend, an den Rand der Ebene 
herantritt, des Katächloron, von dem weiterhin noch die Rede sein 
wird. Die Höhen um Agöriani bestehen aus der Serpentin-Hornstein-For- 
mation. Das Dorf (2 3/ 4 Stunden von Tsiöba, 569 Einwohner, 160 m) ent- 
hält ausschliefslich elende Hütten aus Reisiggeflecht, deren Boden sogar 
meist noch unter das Niveau des lehmigen, nach den vorhergehenden 
Regen unbeschreiblich nassen und kotigen Erdbodens vertieft ist. 

In dem kleinen Magazf des Dorfes fragte ich nach dem weiteren 
Weg nach Sm6kovo. Niemand wufste ihn mir zu sagen; aber aus den 
verschiedenartigen Berichten stellte sich doch als sicher heraus, dafs 
der Ort viel weiter entfernt und die zu überwindenden Terrain- 
schwierigkeiten weit gröfeer seien, als ich nach der Karte vermutet 
hatte. Diese ist eben in diesem ganzen südwestlichen Teil Thessaliens 
überaus unrichtig. Ich beschlofs daher, den Besuch Sm6kovos von 
einer anderen Seite zu unternehmen und für jetzt noch einmal einen 
Querschnitt über den Othrys - Kamm bis zur Spercheios - Ebene aus- 



') Streicht N ao W, fällt O. 

-) Beschrieben von Ussing S. 117. 



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I 

Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 205 

zuführen. Ich hoffte dabei die wichtige Grenze der Kreide-Gesteine 
der Othrys gegen die westlich daran stofsende Flyschzone zu kreuzen. 
Für heute mufste in Kato-Ag6riani übernachtet werden. 

Unser Quartier, in dem besten Hause des Dorfes — keine Reisig- 
sondern eine Lehmhütte — ein fensterloser, dunkler und feuchter 
Raum, dessen lückenhaftes Dach die kühle Nachtluft eindringen liefe, 
war recht traurig. Das Feuer, welches wir unterhalten mufsten um 
uns zu erwärmen, verbreitete einen erstickenden Qualm; kein Möbel, 
auf dem ich hätte schreiben können, nicht der geringste Schemel war 
vorhanden. Das ist der Zustand der unfreien Dörfer des frucht- 
baren Thessaliens! Die Bewohner von Agöriani hatten übrigens 
versucht, ihren Boden durch jährliche Abzahlungen loszukaufen; nach 
einigen Jahren waren sie aber infolge von Mifsernten nicht mehr im 
Stande die Abzahlungen fortzusetzen, und ein langwieriger Prozefs war 
die Folge, der noch schwebt, und sie auf jeden Fall gänzlich ruiniert. 

Der 4. April war ein frischer, meist klarer Tag (61 h V. 14,2°, 
8|°, 6 h :gi°). Wir steigen zunächst in südlicher Richtung das Gebirge 
hinauf. Unmittelbar südlich von Kato-Ag6riani liegen auf einem Hügel- 
rücken kyklopische Mauerreste einer alten Burg. Hier steht 
Serpentin an, dann weiter roter Hornstein (NW streichend), dann wieder 
mannigfaltige Übergänge aus einem mittelkörnigen Gabbro in Diallag- 
(oder Bronzit-)Serpentin. Dieselben Gesteine breiten sich zur Rechten 
aus; zur Linken liegt dicht am Weg die Grenze des auflagernden Kalkes, 
durch mehrere Quellen bezeichnet. Die Eruptivgesteine verwittern zu 
einem schönen fruchtbaren Boden; aber von Anbau ist keine Spur, 
rings breitet sich nur Gestrüpp von Kermeseichen. Wir umgehen den 
Ursprung eines nach NO gerichteten Thaies und erreichen Ano- 
Agöriani (ii Stunde, 600 m) am Fufs des 982 m hohen Kalkberges 
Xerovüni, und zwar wiederum auf der unteren Grenze des Kalkes 
gelegen. Das Dorf ist jetzt ganz verlassen, die Häuser geschlossen. 
Nur aus dem einen stieg Rauch auf, und da wir nach dem Wege 
fragen wollten, schickte ich einen Soldaten ab, um nachzuforschen. 
Er brachte denn auch einen verwildert aussehenden Menschen herbei, 
der hier allein in der Einsamkeit hauste. Auf freundliches Zureden 
wies er uns zurecht. Schliefslich stellte es sich heraus, dafs er Gortynier, 
also aus dem Herzen des Peloponnes sei. Wer weifs, welche Schick- 
sale und Thaten den Mann hierher verschlagen und ihn bewogen 
hatten, in einem verlassenen Bergdorf Thessaliens als Robinson zu 
hausen! — 

Bei Ano- Agöriani steht ein gelber erdiger Schiefer an, durch- 
schwärmt von Gängen eines grobkörnigen Gabbro, der in Diallag- 
Serpentin übergeht. Auch roter Hornstein tritt auf (str. N 30 W). 



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206 



A. Philippson: 



Unser Weg führt uns von der Pafshöhe beim Dorf (540 m) durch ein 
Thälchen nach S hinab. Wieder erscheinen zahlreiche Varietäten von 
Eruptivgesteinen und Diallag - Serpentin, links von dem Kalk des 
Xerovüni überlagert. Dichtes Gebüsch von Kermes-Eichen und Wach- 
holder überzieht die Berggehänge. Nach einer Stunde treten wir in 
das Becken des Sees von DaukH hinaus; diesmal auf der Westseite 
des Sees, überschreiten bald auf einer Brücke (430 m l ) den Abflufs des 
Sees, den wasserreichen Flufs Pentämylos, der nach NW alsbald in 
ein enges Thal eintritt. Dieser Flufs nimmt weiterhin inmitten des 
wilden Flyschgebirges fast alle Abflüsse des südwestlichen Winkels 
Thessaliens auf und tritt südlich von Sophades in die westthessalische 
Ebene. Wir durchziehen auf einer unvollendeten Fahrstrafse die 
unbebaute, sumpfige Ebene; sie sendet eine Bucht nach West in das 
Gebirge: dort liegt das Dorf Kaitsa, das wir rechts liegen lassen. In 
der Ebene ist man mit dem Bau eines Stückes der Piräus- Larissa- 
Bahn beschäftigt. Die Höhen westlich des Sees bestehen, ebenso wie 
die im Süden desselben, aus der Serpentin-Hornstein-Formation. Hinter 
dem Dorf Kaitsa sieht man jedoch eine Reihe Kalkklippen nach NNW 
ziehen, welche über dem Serpentin liegend, nach W unter eine 
bräunlich-verwitternde Gesteinsraasse einzufallen scheinen, die einen 
langen, gleichmäfsigen, in derselben Richtung streichenden, von Eichen 
bewaldeten Höhenzug bildet. Es ist dies augenscheinlich der Beginn 
der großen Flyschzone der östlichen Agrapha, die wir weiterhin 
näher kennen lernen werden. Hier hinter Kaitsa streicht also die 
Grenze zwischen dem Kreidegebirge der Othrys und der eocänen 
Flyschzone in NNW Richtung durch, und zwar scheint sie durch einen 
Bruch gebildet zu sein, da die mächtige Kalkdecke über dem Serpentin 
bis auf einige schwache Klippen verschwunden ist. Bei DereH (13/4 St. 
von Ano-Ag6riani) erreichen wir wieder den Fufs des Gebirges; hier 
steht wieder Diallag-Serpentin und ein grünlicher, feingebänderter, 
überaus harter Hornstein an. Auch Dereli (277 Einw., 470 m) ist ein 
elendes Dorf aus Reisighütten, wo es uns schwer wurde, ein Stück 
Brod aufzutreiben. 

Nach einer kurzen Rast wurde der Weg nach der ij Stunden ent- 
fernten Pafshöhe Mochlüka fortgesetzt, welcher den wasserscheidenden 
Kamm der Othrys überschreitet. Der Pafs liegt nur 640 m ü. d. M., 
also nur 180 m über dem See von Dauklf; die benachbarten Höhen 
des Kammes erreichen noch nicht 900 m ü. d. M. Der ganze Kamm der 



l ) Nach meiner Anero'id-Messung. Da aber der See nach Mavrokordatos 463 m 
hoch, der Höhenunterschied bis zur Brücke sehr gering ist, ist diese Zahl jeden- 
falls zu niedrig. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



'207 



Othrys ist von der Antmitsa an nach West ein niedriger, sanft ge- 
formter Wall. 

Über den Pafs führt auch eine unvollendete und unbrauchbare 
Fahrstrafse. Sie folgt einem sanft ansteigenden Thal das östlich von 
Dereli in die See-Ebene mündet. Überall steht hier Serpentin an. 
Neben Kermes-Eichen und Wachholder wachsen hochstämmige Arbutus- 
Bäumchen bis auf die Höhen zu beiden Seiten des Passes. — Wir 
sahen in einiger Entfernung vor uns etwa ein Dutzend Männer der 
Palshöhe zustreben, und zwar auffälliger Weise nicht auf dem Wege, 
sondern durch das Gebüsch und in der Thalschlucht sich durch- 
schlagend. Wir setzten auf alle Fälle unsere Waffen in Bereitschaft. 
Jenseits des Passes holten wir sie ein, und sie stellten sich als 
unschuldige bulgarische Arbeiter heraus, die Arbeit suchend nach 
Griechenland zogen. Sie hatten die Gewehre meiner Soldaten bemerkt 
und ebenso Furcht vor uns gehabt, wie wir vor ihnen! — Der Kamm 
der Othrys bildete auch hier bis zum Berliner Vertrag die türkisch- 
griechische Grenze. Sie war auf ihrer ganzen Länge von befestigten 
Wachthäusern beider Staaten besetzt; jetzt bilden diese Häuser ma- 
lerische Ruinen. Die türkischen und griechischen Wachthäuser liegen 
beide stets auf der Grenzlinie selbst, aber immer in angemessener 
Entfernung von einander. Dabei kann man beobachten, dafs die 
Türken Uberall die höher und günstiger gelegenen Stellen besetzt hatten. 

Jenseits des Passes geht es in einem steileren Thal nach Süden 
hinab. Hier stehen Diallag-Serpentin, stellenweise Serpentinschiefer und 
roter Hornstein, auch ein sehr harter mittelkörniger Gabbro an. 
ii Stunde vom Pafs bildet der Thalbach einen schönen Wasserfall Uber 
eine Serpentinklippe, i Stunde weiter hinab vereinigt sich unser Thal 
mit dem von NW herabkommenden Thal von Asvdstis; im Hintergrund 
erscheint ein sehr gleichmäfsig geformter Bergrücken, augenscheinlich 
Flysch. Der Name des Dorfes Asvdstis (Kalk) scheint anzuzeigen, dafs 
auch hier auf der Grenze von Serpentin und Flysch Kalkklippen auf- 
treten. — Bald öffnet sich nun das Thal zur Ebene des Spercheios. 
Am Ausgang des Thals bestehen die östlichen Hügel (bei Archäni) 
aus Serpentin und darüberliegendem roten Hornstein, der steil nach 
Süden fällt; an der Westseite des Thaies dagegen bildet grüngelber 
Flysch-Sandstein die Vorhügel gegen die Ebene hin, ohne dafs die 
Grenze gegen den Serpentin aufgeschlossen wäre. Diese wichtige 
Grenze scheint also von hier in NNW-Richtung über Asvdstis und west- 
lich an Kaitsa vorbei zum Pentamylos zu ziehen, westlicher als ich ver- 
mutet hatte. Vom Rand der Spercheios-Ebene, 2 Stunden vom Pafs, sind 
es Stunde in WSW-Richtung durch die Ebene nach Varyb6pi. Ehe 
wir dieses Dorf erreichen, öffnet sich von Norden her bei dem Dorf 



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208 



A. Philippson: 



Platystomon ') ein gröfseres Thalsystem, dessen einzelne Furchen nur 
durch niedrige sanfte Schwellen getrennt werden, das aber im Westen 
und Norden von gröfseren Höhen umgeben ist. Namentlich im Westen 
ragen höhere bewaldete Berge auf, in denen man W fallende Sand- 
steinschichten (Flysch) bemerkt. Der wasserscheidende Kamm im 
Norden, der von hier aus gut zu übersehen ist, steigt ebenfalls westlich 
von der Scharte von Asvestis zu gröfseren Höhen an ; von den beiden 
Wachthäusern von Paläo-Giannitsü an nach Westen hält diese gröfsere 
Höhe sehr gleichmäßig an. Kurz vor Varyb6pi springt der Gebirgs- 
rand gegen den Spercheios vor. Er besteht hier aus echtem Flysch, 
wechselnden Sandsteinen und Thonschiefern, steil aufgerichtet mit 
NW-Streichen und SW-Fallen. 

Die Thalebene von Varybopi ist ungemein fruchtbar und mit 
Getreide, Mais und Tabakfeldern besetzt. In dieser Gegend sind die 
Bauern frei. Die Dörfer zeigen daher ein ganz anderes Aussehen. 
Sie haben grofee, verhältnismässig reinliche Steinhäuser und sind mit 
soviel Möbeln ausgestattet, wie man im Innern Griechenlands nur er- 
warten kann. Wir fanden im Dorf Varyböpi (612 Einw., 140 m), einem 
ganz lebhaften Marktplatz — die Fahrstrafse Lamfa-Karpen(si zieht hin- 
durch — , in demselben Hause bei freundlichen Wirten Quartier, in 
welchem ich schon im Jahr 1890 Rast gemacht hatte. Alsbald er- 
schien auch der Bürgermeister, um mich in das Cafd des Ortes zu 
führen und mir alle möglichen Auskünfte über die Gegend zu gewähren. 
— Die Hoffnung meiner Soldaten, hier ausgewechselt zu werden, sollte 
sich nicht erfüllen. Wohl war hier eine militärische Station; sie be- 
stand aber nur aus einem Unteroffizier und einem Gemeinen! 

In Varyböpi haben wir die grofse eocäne Flyschzone betreten, die 
das Pindos-Gebirge im Osten begleitet. Wir wollen, ehe wir weiter 
wandern, einen Rückblick auf das Othrys-Gebirge werfen, dessen Er- 
forschung leider durch das fast beständige schlechte Wetter sehr be- 
einträchtigt worden ist. 



Zusammenfassendes über das Othrys-Gebirge. 

1. Stratigraphi e. 

An dem Aufbau des Othrys-Gebirges innerhalb der Grenzen, die 
wir bereits (S. 162) gezogen haben, also von der Spercheios-Ebene und 
dem Malischen Golf im Süden, bis zu der westthessalischen Ebene 

') In dem Thal oberhalb Platystomon soll $ Stunde von diesem Dorf eine 
alkalische Quelle von a6 bis 27° Wärme vorhanden sein. Dieselbe Temperatur 
soll die Mineralquelle von Hypati haben, die aber eine Schwefelquelle ist. (Nach 
Mitteilung des Bürgermeisters von Varyböpi.) 

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Reisen und Forschungen in Nord- Griechenland. 



und der Ebene von Halmyr6s im Norden, vom Pagasäischen Golf im 
Osten bis zum Wege Kato-Agöriani — Mochlüka Varyböpi im Westen, 
bzw. bis zur Grenze des westlich daran stofsenden Flysch-Gebirges, 
beteiligen sich die folgenden Schichtsysteme: 

a) K rystallinische Schiefer (Gneifse, Glimmerschiefer, Phyllite) 
und Marmore treten (nach Neumayr) ausschliefslich in der östlichsten 
Spitze der Othrys, zwischen den Kaps Halmyr6s und Stavrös und 
westlich bis in die Gegend von Gävrini auf. Ich habe diesen Teil 
nicht besucht; auf meinem etwas westlicheren Weg von Plätanos nach 
Vrynena fand ich keine unzweifelhaft krystallinischen Gesteine mehr, 
die sich also nicht ganz so weit ausdehnen, als die Neumayr'sche 
Karte 1 ) angiebt. Dieses krystallinische Gebirge findet seine unmittel- 
bare Fortsetzung nach Osten in den krystallinischen Gesteinen der 
Halbinsel Magnesia. 

Das Vorkommen echter Gneifse*) weist ebenfalls auf einen in- 
neren Zusammenhang mit den holokrystallinischen Gesteinen des öst- 
lichen Thessalien hin. Jedenfalls kommen hier also neben Phylliten 
unzweifelhaft echte krystallinische Gesteine vor. Andererseits liegt 
auch auf der im Süden gegenüberliegenden Küste Euböas eine Partie 
krystallinischer Schiefer. Neumayr beobachtete in einem den Phyl- 
liten eingelagerten Marmor nördlich von Nea-Mitzdli unbestimmbare 
Reste von Versteinerungen, vermutlich von Foraminiferen. 

Wie in anderen Gegenden Griechenlands, glaubte Neumayr auch 
in der Othrys einen allmählichen Übergang zwischen den krystallini- 
schen Gesteinen und den Sedimenten der Kreideformation wahrzu- 
nehmen. Da es sich in Attika und dem Peloponnes (nach Lepsius 
und dem Verfasser) herausgestellt hat, dafs zwar in einigen Gegenden 
Kalke der Kreideformation mehr oder weniger krystallinisch geworden 
sind, dafs aber die Kreidegesteine, krystallinisch oder nicht, stets 
scharf abgegrenzt auf den eigentlichen krystallinischen Gesteinen 
auflagern, so würde auch hier in der Othrys eine Nachprüfung 
dieser Beobachtungen, auch für die Auffassung der Tektonik, von 
grofser Wichtigkeit sein. 

b) Ein mächtiger, dunkler, krystallinischer, durch Druck 
stark deformierter Kalkstein an der Brücke oberhalb Plätanos, 
bei Kokkotf sowie bei H. Joännis, unmittelbar von der Serpentin- 
Hornstein-Schiefer-Formation der Kreide überlagert. Es ist zweifelhaft, 
ob er bereits der Kreideformation angehört, Auf unserer geologischen 
Karte (Tafel 8) ist er als unterer Kreidekalkstein eingetragen. 

') Geologische Übersichtskarte der nordwestlichen Küstenländer des Agäi- 
sthen Meeres. Denkschr. Wien. Akad., math.-naturw. Kl. 40. Bd. 
2 ) Neumayr a. a. O. S. 97. 



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•JIO 



A. Philippson: 



c) Ein überaus mächtiges System klastischer Sedimente sehr wech- 
selnder Art, durchsetzt von Serpentin und anderen Eruptivgesteinen; 
ich nenne diese durch aufserordentlich häufigen Wechsel der petro- 
graphischen Ausbildung ausgezeichnete Schichtgruppe nach den häufig- 
sten Gesteinen die Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation. 

Diese Schichtgruppe bildet den grö&ten Teil des Othrys-Gebirges, 
namentlich den westlichen Abschnitt fast allein, während sie im Osten 
vielfach von Rudistenkalken überlagert wird. 

Ihre überaus bunte Zusammensetzung ist schon von Neumayr 
treffend geschildert worden. Fast auf Schritt und Tritt verändern die 
aufserdem stark ineinander gekneteten Gesteine ihre Beschaffenheit. 
Neben diesem bunten Wechsel der Sediment-Ablagerungen ist für diese 
Gruppe charakteristisch die innige Verbindung klastischer Sedimente 
mit verschiedenartigen Eruptivgesteinen, aus deren Detritus oder Tuffen 
sie zum Teil zusammengesetzt sind, von denen sie aber auch in zahl- 
losen Gängen und Lagergängen durchsetzt und kontaktmetamorphisch 
oder hydrochemisch derartig verändert wurden, dafs an vielen Stellen 
ohne eingehende mikroskopische Studien die Grenze zwischen den 
Eruptivgesteinen und den veränderten Sedimenten ihrer Umgebung 
gar nicht festgestellt werden kann. 

Die Eruptivgesteine treten teils in Form von mächtigen Stöcken 
und Massen auf, so besonders im westlichsten Teil des Gebirges — 
aber auch hier findet man inmitten der ausgedehnten Serpentinmassen 
immer wieder kleine anlagernde oder eingehüllte Partien von Sediment- 
gesteinen — teils als Lager zwischen den Schichten oder als Gänge 
dieselben durchsetzend. Die Gänge zersplittern sich oft zu ganz dünnen 
Adern. 

Das häufigste und massenhafteste Eruptivgestein der Othrys ist 
der Serpentin, der sehr häufig noch wohl erhaltene Diallag- oder 
Bronzitkrystalle enthält 1 ). Mit ihm zusammen erscheinen an vielen 
Stellen, immer aber in wenig ausgedehnten Massen, Gabbros und 
andere porphyritische Gesteine von sehr verschiedenartiger Aus- 
bildung, bald sehr grobkörnig, bald feinkörnig bis aphanitisch. Man 
sieht den Gabbro (z. B. nördlich von Güra) mit dem Serpentin durch 
vermittelnde Übergänge verbunden. In der Nähe der Eruptivgesteine 
finden sich grünliche und rötliche Tuffe, oft schalsteinartig und 
mit Mandelbildungen erfüllt. 

Wie überall in Griechenland, wo Serpentin ansteht, gesellen sich 
zu ihm mächtige rote, seltener grüne oder schwarze Hornsteine, 
bald dünngeschichtet und dann stets sehr verwickelt gefaltet, bald 



i) Die petrographische Untersuchung der Eruptivgesteine steht noch aus. 



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Reben und Forschungen in Nord-Griechenland. 211 

ohne erkennbare Schichtung und dann an der Oberfläche in zahllose 
unregelmäfsige Splitter zerfallend. Wo nicht Tuffe die Umhüllung der 
Eruptivmassen bilden, stehen fast stets gerade die Hornsteine mit 
grösseren Eruptivmassen im Kontakt, oder werden von Serpentingängen 
durchschwärmt. Sie sind es, die oft durch Verlust der Schichtung, 
durch dunklere Färbung, gröfsere Zähigkeit, oft auch kugelige Ab- 
sonderung, ganz allmählich in unzweifelhaften Serpentin übergehen. 
Teller hat daher die roten Hornsteine in der Umgebung der Serpen- 
tine Euböas als hydrochemische Umwandlungsprodukte aus gewöhn- 
lichen Sedimenten aufgefafst, wie ich glaube, mit vollem Recht. Auch 
die noch nicht abgeschlossene mikroskopische Untersuchung scheint 
zu ergeben, dafs diese Hornsteine silifizierte Kalke sind. Als Quelle, 
aus der die Kieselsäure stammt, die in diese Gesteine allmählich 
hineinwanderte, müssen die benachbarten Eruptivgesteine angesehen 
werden. Wahrscheinlich hängt die Ausscheidung der Kieselsäure mit 
der Serpentinisierung des ursprünglichen Gabbro (des Muttergesteins 
der griechischen Serpentine) zusammen. — Die stets deutlich geschich- 
teten Hornsteine des Pindos (ebenso wie die der Olonos-Kalke im Pelo- 
ponnes) stehen, im Gegensatz zu den Hornsteinen der ostgriechischen 
Gebirge, in keinem Zusammenhang mit Serpentin. 

Diese eigenartigen Verhältnisse, die sich in den entsprechenden 
Bildungen von Lokris, Euböa, der Geraneia und der Halbinsel Argolis 
wiederholen, laden zu einer genaueren Untersuchung ein, die ich ihnen 
leider nicht widmen konnte. Selbst die Mitnahme einer gröfseren An- 
zahl Handstücke war mir bei der Geringfügigkeit meiner Transport- 
mittel nicht möglich. 

Aufser den Hornsteinen bilden Sandsteine, bald gewöhnliche 
glimmerige Quarzsandsteine, bald wesentlich aus Trümmern von Eruptiv- 
gesteinen aufgebaute Sandsteine, ferner buntfarbige Schiefer und sogar 
Konglomerate von roten Hornsteingeröllen diese ungemein mannig- 
faltige Formation, der auch die schon durch Fiedler bekannt gewor- 
denen Wetzsteine von Gävrini 1 ) angehören. 

In unserer geologischen Karte konnten natürlich diese wechselnden 
Gesteine nicht ausgeschieden werden. Sie sind daher, cinschliefslich 
der zahllosen Gänge und Stöcke von Serpentin, mit einer Farbe 
belegt, mit Ausnahme derjenigen Gegenden, wo der Serpentin ent- 
schieden vorwaltet. 

Die Eruption der plutonischen Gesteine der Othrys ist, wie die 
Wechsellagerung mit den Sedimenten und die in den Sedimenten ent- 
haltenen Trümmer derselben einerseits, die Gänge andrerseits beweisen, 



l ) Vgl. auch Neumayr S. 98. 



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212 



A. Philippson: 



zum Teil vor, zum Teil nach der Ablagerung der Sedimente erfolgt, 
im allgemeinen also gleichaltrig mit diesen. Nirgends habe ich hier 
Serpentin in den oberen Kreidekalk eindringen gesehen. Der eocäne 
Flysch wird, soweit mir bekannt, nirgends in Griechenland von Serpentin 
durchsetzt. — Die Eruptivgesteine der Othrys sind mit den Sedimenten 
zusammen gefaltet. — Mit ihnen hängt wohl das Auftreten von 
Kupfererzen in der Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation ursächlich 
zusammen. 

Die Formen der Landschaft in diesen Gesteinen sind sanft und 
ausdruckslos, dagegen treten die bunten Farben der Gesteine grell 
hervor. 

In der Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation finden sich helle 
Kalksteine eingelagert, oft von beträchtlicher Mächtigkeit (östlich von 
Lanrfa, bei StyHs), oft aber als dünne Lagen. Eine mäfsig mächtige 
Kalkeinlagerung bei Limogärdi enthält Rudisten. Hierdurch, sowie 
durch die auflagernden Rudistenkalke wird die Serpentin-Horn- 
stein-Schiefer-Formation soweit man bis jetzt urteilen kann, der Kreide 
zugewiesen. Auch die ähnlichen Bildungen im östlichen Mittel-Griechen- 
land gehören der Kreide an. 

Auf unserer geologischen Karte sind die der Serpentin-Hornstein- 
Schiefer-Formation eingelagerten Kalke mit der Farbe der unteren 
Kreidekalke belegt. 

d) Mächtige Kalksteine, bald dickbankig oder undeutlich ge- 
schichtet, bald plattig abgesondert, hellfarbig, oft stark krystallinisch. 
Überlagern die vorige Schichtgruppe. Sie führen an mehreren Punkten 
Rudisten 1 ), gehören also ebenfalls der Kreideformation an. Bei 
Güra tritt in diesen Kalken ein Rudisten -Konglomerat auf. — 
Manche dieser oberen Kreidekalke erscheinen unter dem Mikroskop 
als dichter oder mehr weniger marmorisierter Globigerinen- oder 
Milioliden-Kalk (Kalke bei Pharsalos). — Ehemals eine zusammen- 
hängende Decke über der Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation bil- 
dend, sind diese mächtigen oberen Kalke durch die Erosion in einzelne 
gröfsere und kleinere Flecken zerschnitten. Im westlichen Teil des 
Gebirges sind sie nur noch am Nordrand erhalten. 

An der oberen Grenze der Kreidekalksteine gegen den tiber- 
lagernden Flysch, teils mit dem Kalkstein verwachsen, teils in den 
untersten Schichten des Flysch, tritt bei Domokös, Vardali, Bekriler, 
(auch bei Vrysiä?) ein Breccienkalk auf, der unter dem Mikroskop 
zahlreiche zertrümmerte Orbitoiden aufweist, daneben Lithothamnien, 
Textilarien, Milioliden, Globigerinen, auch Bruchstücke von Bryozoen, 



>) Nach Netimnyr z B. am Kloster Anlinitsa zahlreiche Hippuriten. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



213 



von Muschelschalen (zuweilen auch von Rudisten). Die Orbitoiden sind 
die für die Altersbestimmung wertvollsten dieser Organismen. Sie 
zeigen an, dafs diese Foraminiferen-Breccie der obersten Kreide oder 
dem Eocän angehört, wahrscheinlich schon dem letzteren, da die 
Orbitoiden in Griechenland in den Nummulitenkalken sehr häufig zu 
sein pflegen. Die zertrümmerten Rudisten entstammen den unterlagern- 
den Rudistenkalken. 

e) Graugrüner Flyschsandstein tritt über den Kreidekalken 
und der Orbitolden-Breccie auf der Nordseite des Gebirges zwischen 
Domok6s und Vardalf sowie bei Bekrildr auf. Er unterscheidet sich 
von den Kreidesandsteinen durch das Fehlen der Serpentine und 
Hornsteine. Die dunklen Gesteine, unter die bei KelemCni (westlich 
GientzCki) der Kreidekalk einfällt, die ich nur von Ferne gesehen 
habe, dürften wohl auch Flyschsandstein sein. 

Der Flysch überlagert die Kreide diskordant, ist aber mit ihr zu- 
sammen gefaltet. Dafs der Flysch eocän ist, wird durch die Analogie 
mit den westlicheren Flyschvorkommen und durch die Überlagerung 
über die Orbitoiden -Breccie sicher gestellt, wenn ich auch hier 
keine Nummuliten darin gefunden habe. 

Eine grofse Flyschzone bildet die westliche Grenze des Othrys- 
Gebirges. 

f) Neogene Thone, Konglomerate und Braunkohlen 
finden sich nur an der Südküste bei Gardfki 1 ). Weder an den 
Rändern des Golfes von V61os noch am Südrand der grofsen west- 
thessalischen Ebene, noch auf beiden Seiten der Spercheios-Ebene west- 
lich von den Thermopylen findet sich eine Spur von sicherem Neogen. 

g) Unter den Alluvien ist nur der grofse von Westen nach Osten 
geneigte Schuttkegel, der fast die ganze Niederung von Halmyr6s ein- 
nimmt, auffallend. Ich kann mir seine Entstehung bei der jetzigen 
Flufeverteilung nicht erklären. Ich glaube daher, dafs er aus einer 
älteren Zeit mit anderen Relief-Verhältnissen stammt. Die heutigen 
Bäche sind in ihn ziemlich tief eingeschnitten. 

2. Orographie und Tektonik. 

Das Othrys-Gebirge hat eine gröfste Länge von etwa 75 km und 
eine gröfste Breite von etwa 45 km. An seinem Aufbau beteiligen 
sich, wie wir sahen, Gesteine der Kreideformation, dazu im Osten 
krystallinische Gesteine, am Nordrand eoeäner Flysch, während Neo- 
gen nur in einer kleinen ungefalteten Scholle dem Südrand des Ge- 
birges anklebt. 



>) Neumayr S. 98; Fiedler a. a. O. 



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A. Philippson: 



Geographisch wie geologisch sondert sich das Gebirge in zwei 
wesentlich verschiedene Teile. Der Östliche Teil, bis zur Linie Lamia— 
Antmitsa— Enipeus-Flufs reichend, ist eine breite, geschlossene, einheit- 
liche Masse, während der westliche, weit niedrigere Teil durch zwei 
eingesenkte Hochbecken in eine südliche und eine nördliche Gruppe 
zerlegt wird. 

Die östliche Othrys fällt im Norden mit fast geradlinigem Fufs 
zur Niederung von Halmyrös ab, sinkt im Süden zum Malischen Golf 
und dem Kanal von Oreös, im Osten bricht sie an reich gegliederter 
Querküste zum Kanal von Trfkeri ab, jenseits dessen sie ihre Fort- 
setzung in der Halbinsel Magnesia findet. 

Die in diese Grenzen eingeschlossene, fast rechteckige Gebirgs- 
masse stellt im grofsen und ganzen orographisch ein breites Ge- 
wölbe dar. Fast genau in der Mitte liegt der sanft gerundete wasser- 
scheidende Hauptkamm, der von WNW nach OSO verläuft und in 
flachen schildförmigen Kuppen gipfelt. Er beginnt mit dem H. Ufas 
südöstlich von Güra (1694 m) und zieht über die Mavrfka (1578 m) 
und den Gerakovüni (1726 m) zum Pyliora oberhalb H. Joännis. Von 
diesem Hauptkamm ziehen sich Querthäler nach beiden Seiten hinab, 
die sich, je weiter abwärts, immer steiler und tiefer einschneiden, be- 
sonders wo sie in Kalk eingetieft sind. Die zwischen den Thälern 
stehen gebliebenen Bergrücken bilden, wenn man sie zu einer unzer- 
schnittenen Oberfläche ergänzt, eine vom Hauptkamm zuerst sanft, 
dann gegen den Fufs steiler abfallende Fläche. 

Im Osten, von H. Joännis an, erniedrigt sich das Gebirge be- 
deutend. Die Flüsse verlaufen hier radial vom Pyliora aus nach allen 
Seiten. Es ragt kein Hauptkamm mehr entschieden aus dem durch 
die Erosion unregelmäfsig zerschnittenen Hügelland hervor. 

Andererseits, im Westen des H. Ufas, wird die Wasserscheide durch 
das von Norden her tief eingreifende Thalsystem des Enipeus nach 
Süden verschoben. Der bisherige Hauptkamm dacht sich in dem von 
wirren Thälern gegliederten Gebirge um Güra allmählich zu dem 
Hochbecken des oberen Enipeus ab. Der vom H. Ilfas an die nörd- 
lichen und südlichen Gewässer (die Flufssysteme des thessalischen 
Peneios und des Malischen Golfes) scheidende Kamm ist bedeutend 
niedriger (etwa 1000 m), aber ebenfalls sehr gleichmäfsig, ohne Ein- 
schnitte. Nur nördlich von Lanrfa trägt er zwei steil geformte Kalk- 
gipfel, den H. Ufas Dfvris und die Antmitsa (1146 m); bei der letzteren 
erfährt er abermals eine bedeutende Erniedrigung. Hier beginnt die 
westliche Othrys. 

Die orographische Gestaltung entspricht dem geologischen Bau. 
Um über diesen einen Überblick gewinnen zu können, soweit es die 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



215 



noch Uberaus unvollkommene Kenntnis des Gebirges erlaubt, müssen 
wir vor allem die Lagerung der gröfseren Kalkmassen ins Auge fassen. 
Die Schiefer -Gesteine, namentlich die Serpentin-Hornstein-Schiefer- 
Formation, sind in verwickeltster Weise in einander gefaltet, stellenweise 
förmlich in einander geknetet. Dabei wechselt die Streichrichtung 
fortwährend. Streichrichtungen in fast allen Strichen des Kompasses 
habe ich in diesen Gesteinen der Othrys aufgenommen, und zwar 
zum Teil die widersprechendsten Richtungen in der Entfernung weniger 
Schritte. Die starren Kalkmassen zeigen dagegen eine einfachere, 
auf längere Strecken anhaltende Lagerung und gleichmäßigere Streich- 
richtung. Der Grund hierfür liegt vor allem in dem überaus ver- 
schiedenen Widerstand, den die wechselnden Gesteinsvarietäten der 
von festen Eruptivmassen durchsetzten Schiefer dem faltenden Druck 
darboten. Dazu kommt wohl, dafe die Faltung sich mehrfach und aus 
verschiedenen Richtungen wiederholte. 

Die krystallinischen Gesteine des Ostendes der Othrys sind nach 
Neumayr in Falten gelegt, die im allgemeinen WO streichen. Doch 
kommt im nördlichen Teil bei Nea-Mitzdli, auch NS-Richtung vor 1 ). 
Das WO-Streichen setzt sich nach Osten in die Halbinsel Magnesia 
fort. Auffallenderweise verläuft die Grenze des krystallinischen gegen 
das Kreidegebirge quer gegen diese Streichrichtung. Über den tek- 
tonischen Charakter dieser Grenze ist nichts bekannt; nicht einmal ihr 
Verlauf ist genauer festgestellt. 

In diesem krystallinischen Gebirge bilden die Schiefer sanft ge- 
formte Hügelländer, die Marmore steil aufragende Gebirgsklötze, unter 
denen besonders der Chlomös (899 m) durch seine kühne Pyramiden- 
form auffällt. Die Küste ist durch Buchten (die gröfste die von Pteleön) 
reich gegliedert. 

Durch den zunächst liegenden Teil des Kreidegebirges — der 
von radialen Flüssen gegliedert wird und eines Hauptkammes entbehrt 
— führt das leider infolge der Witterung unvollständige Profil Plätanos- 
Myli-Rhächaes (vgl. Tafel 9, Nr. 4). Wir erkennen hier in den Kalk- 
massen mindestens vier Faltensättel: 1) zwischen Plätanos und der ersten 
Brücke; 2) der spitze Sattel des unteren Kalkes bei Kokkotf; 3) ein 
dritter Sattel, angedeutet durch den unteren Kalk von Xeniäs und H. Jo- 
ännis; 4) der Sattel zwischen H. Joännis und Myli. Vielleicht bildet 
die Serpentin -Hornstein -Schiefer -Formation südlich Myli einen fünften 



M Die auf den beiden Neumayr'schen Karten des „festländischen Griechen- 
land" und der „nordwestlichen Küstenländer des Ägäischen Meeres" eingetragenen 
Streichrichtungen widersprechen sich zuweilen, wie z. B. am Tragovuni, wo einmal 
O, das andere mal NO angegeben ist. 

Zciuchr. d. Gctdbch. f. Krdk. Bd. XXX, ,895- 15 



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A. Philippsoll: 



Sattel. Sie streichen alle annähernd OSO. Von dem zweiten und 
dritten (und dem fraglichen fünften) Sattel ist die obere Kalkdecke 
forterodiert; beim vierten ist sie in der Mitte durch ein Längsthal 
durchschnitten. Die Oberflächengestalt wird durch die radialen Ero- 
sionsthäler bestimmt, von denen das des Salamvriäs das gröfste ist. 
Es verläuft erst nach NO und wendet sich dann nach Norden in die 
Bucht von Halmyr6s; auf diesem Unterlauf hat es eine breite Thal- 
sohle. Im übrigen ragen auch hier die Kalke in steilen Felswänden 
über den Schiefern auf, und sind von den Bächen in engen Schluchten 
durchschnitten (z. B. bei Xeniäs und H. Joarmis). Die auffallendsten 
Kalkfelswände sind die am rechten Ufer des Salamvriäs gegenüber 
Vrynena und die Wand des 1105 m hohen H. IHas-Plateaus oberhalb 
My'li. Dieses ist die höchste Erhebung dieses Gebirgsteils, der als 
der aufgeschlossenste und bevölkertste Teil der östlichen Othrys 
bezeichnet werden kann. Im Süden liegen ihm das fruchtbare Neogen- 
becken und die Küstenebene von Gardfki sowie die Ktistenebene von 
Achlädi vor. 

Der mittelste und höchste Teil der östlichen Othrys besteht an 
dem geradlinigen Nordrand aus oberem Kalk, dessen Schichten sich 
steil aus der Ebene erheben, sich bald aber flacher legen und mit 
dieser flacheren Neigung in das Innere des Gebirges ansteigen. Der 
Kalk bildet auf diese Weise eine Art Terrasse am Nordabhang des 
Gebirges entlang. Weiter bergwärts ist aber der obere Kalk, wie es 
scheint, auf der ganzen Nordseite des Hauptkammes abgetragen. 
Dieser höhere Teil des Nordabhanges ist ein von Querthälern zer- 
schnittenes , sanft geformtes Waldgebirge. In diesem Schiefergebirge 
liegt wahrscheinlich die Fortsetzung der Falten 2 und 3 des östlichen 
Profils, die aber hier nicht erkennbar sind, da die unteren Kalke nicht 
mehr zum Vorschein kommen. Die Randfalte 1 ist hier in eine ein- 
fache Schichtenumbiegung (Flexur) nach Nord übergegangen. Der Haupt- 
kamm selbst ist weder von Neumayr noch von mir — ich wurde durch 
den hohen Schnee daran verhindert — besucht worden. Da er aber 
zumeist, wie der Anblick vermuten läfst, aus der Serpentin-Horn- 
stein-Schiefer-Formation besteht, liegt hier die untere Grenze des 
oberen Kalkes weit höher, als nördlich und südlich davon, d. h. 
mit anderen Worten : der Hauptkamm bildet auch tektonisch die 
höchste Aufwölbung des Gebirges. Diese Hauptfalte ist wohl die 
Fortsetzung des Sattels Nr. 4 im östlicheren Profil. 

Der südliche Abhang besteht aus einer Decke von oberem Kalk, 
die von der Erosion vielfach zerschnitten, unter sich die Serpentin- 
Uornstein-Schiefer-Formation mit eingelagerten Kalkmassen zu Tage 
treten läfst. In einem solchen Aufbruch bei Tsernovfti hat Neumayr 



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Reben und Forschungen in Nord-Griechenland. 



217 



einen Faltensattel beobachtet. Einen anderen breiten Sattel, dessen 
Siidflügel unter den Malischen Golf hinab gebrochen ist, stellt der 
Aufbruch der Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation und der einge- 
lagerten Kalkmasse von Stylfs dar. So wird hier die Hauptfalte auch 
auf der Südseite von mindestens zwei Nebenfalten begleitet. Die 
allgemeine Streichrichtung dieser Falten scheint OSO zu sein. 

Die Südabdachung wird durch den petrographischen Wechsel leb- 
haft gegliedert. Die Querthäler, die zum Teil in Längsthälcrn ent- 
springen, sind eng und wild, der Verkehr schwierig. Dazu kommt die 
Höhe des Kammes; kein einziger Weg von Bedeutung überschreitet 
diesen Gebirgsteil. Unter den zwischen den Thälern stehen geblie- 
benen Seitenkämmen zeichnet sich der bei Echinös endende Kalkkamm 
durch bedeutende Höhe (1304 m) aus. 

An der Küste liegen dem Gebirge die fruchtbaren Ebenen östlich 
und westlich von Echinös vor, die Deltakegel der beiden gröfsten 
Querthäler dieser Abdachung. 

An der Linie Neochöri — Güra — Gientze*ki (vgl. Tafel 9, Nr. 3) ver- 
schwindet die Serpentin- Hornstein -Schiefer -Formation der Nordseite 
nach Westen unter einer Decke oberen Kalkes, die ziemlich flach nach 
Westen einfällt. Die westliche Begrenzung derselben ist unbekannt. 
Jedenfalls sind in diesem Kalk die WNW streichenden Falten der 
Nordseite sowie des Hauptkammes selbst unkennüich geworden, während 
die liegenden Schiefer steil in den verschiedensten Richtungen zu- 
sammengefaltet sind. Die ganze nördliche Zone des Gebirges bricht 
nach W zu dem Becken des oberen Chiliadätikos (Enipeus) ab. Nur 
in der (nicht untersuchten) Nordwestecke scheint eine Verknüpfung mit 
dem Kassididris-Gebirge stattzufinden. Dort setzt der genannte Flufs 
im engen Thal zur Ebene von Phärsalos durch. 

Die nun allein weiterziehende südliche Gebirgszone zwischen der 
Spercheios-Ebene und dem Becken des Chiliadötikos, westlich bis zur 
Antfnitsa, zeigt denselben Charakter, wie der Südabhang der hohen 
Othrys: eine in flache Falten gelegte Kalkdecke, unter der durch Ero- 
sion hier und da gröfsere Partien der ungemein verwickelt gefalteten 
Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation zum Vorschein kommt. Hier aber 
nehmen die Kalkfalten entschiedene Nordwest-Richtung an. Ein 
Sattel, wohl die Fortsetzung des Sattels von Stylfs, zieht über Limogärdi 
nach Nordwest zur Wasserscheide. In der Gegend, wo wir letztere über- 
schritten, liegt sie ungefähr auf der Sattellinie. Ein zweiter Sattel be- 
ginnt östlich von Megalivrysis, zieht in derselben Richtung unter der 
Mavromandfla durch zum H. Ihas Dfvris. An der Linie Lamfa— An- 
tfnitsa endlich biegt sich der Kalk noch einmal nach SW in die Höhe, 
von hier an weiter westlich ist er überall forterodiert; seine Unter- 

15* 



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218 



A. Philippson; 



fläche liegt hier also höher als die jetzige Erdoberfläche. So ist von 
diesem letzten Sattel nur noch der Fufs des östlichen Flügels erhalten. 
Die Ränder dieses Gebirgsstückes zwischen Stylfs und Lamfa sowie 
gegen das Becken des Chiliad6tikos hin sind also quer zum Streichen 
gerichtete Abbrüche. 

Die westliche Othrys, von der Linie Lamfa— Antfnitsa- Eni- 
peus westlich, wird, wie gesagt, durch die beiden Becken des Chilia- 
dötikos und des Dauklf-Sees in einen nördlichen und einen südlichen 
Gebirgsstreifen zerlegt. Der südliche, orographisch OW gerichtete 
Streifen trägt die Hauptwasserscheide, die, entsprechend der höheren 
Lage der Dauklf-Ebene (ca. 470 m) dieser weit näher liegt, als der 
Spercheios-Ebene. Das Gebirge besteht ausschliefslich aus der Ser- 
pentin-Hornstein-Schiefer-Formation, in der hier an Masse die Eruptiv- 
gesteine bedeutend überwiegen. Unter den sehr unbeständigen Streich- 
richtungen der Schiefer und Hornsteine waltet unmittelbar an der öst- 
lichen Grenze gegen den Kalk NNW vor, weiter westlich aber wieder 
W. Auf dem Übergang über den Mochlüka-Pafs konnten überhaupt 
keine Streichrichtungen aufgenommen werden, da hier fast nur Ser- 
pentin ansteht. 

Das Gebirge ist ein höchst einfach gestalteter sanfter Wall, von 
kurzen Querthälern gegliedert, von Maquien und Eichenwäldern über- 
zogen. Die Wasserscheide übersteigt nirgends 900 m Höhe (also nur 
430 m über der Ebene von Dauklf) und sinkt stellenweise unter 
650 m. Einige Ortschaften liegen auf oder dicht an dem Kamm. 
Dieser ist fast überall sehr leicht zu überschreiten; zudem läfst die Be- 
schaffenheit des Gesteins treffliche Fufspfade entstehen, während dies 
der harte, in Schratten verwitternde und durch die Füfse der Wanderer 
Politur annehmende Kalkstein nie thut. Der wichtigste Übergang ist der 
Phürka-Pafs (800 m), dann, weiter westlich, der Derve'n (Pafs) -Karyas 
(700 m), Kürnovon (650 m), Mochlüka (640 m), Drämbala (650 m). 
Alle diese führen von der Spercheios-Ebene zur Dauklf-Ebene hinüber. 
Der erstgenannte ist die wichtigste Verbindung zwischen Thessalien 
und Mittel-Griechenland. 

Das Gebirg evonDomokös nördlich des Dauklf-Beckens 
(vgl. Tafel 9, Nr. 5) steht mit diesem südlichen Gebirge einerseits durch 
eine ganz niedrige Hügelkette der Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation 
zwischen den Becken des Chiliadötikos und von Dauklf in Verbindung, 
andererseits im Westen des letzteren durch einen Streifen derselben For- 
mation, der den Fufs der höheren Flyschketten, die sich im Westen er- 
heben, bildet. Auch dieses nördliche Gebirge erhebt sich nur als un- 
scheinbare Hügelgruppc über die Hochebene (Xerovüni 982 m), stürzt 
aber nach Norden in imposantem Steilabfall zu der nur 100 m hohen 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



219 



grofsen westthessalischen Ebene ab. Hier ist wieder eine Decke von 
Kreidekalk erhalten, die in zwei nach Nordwest (quer gegen die Ebene) 
ausstreichende Sättel gefaltet ist: der eine Sattel liegt im Xerovüni, der 
andere zwischen Omvriaki und Domokös ; in der zwischenliegenden Mulde 
zieht sich der Kalk bis zum Niveau der Ebene hinab, wo ihm die mächtige 
Quelle Mätia entspringt. In diesen Kalksätteln haben wir die Fort- 
setzung der Falten, die das Gebirge nordöstlich von Lamfa bilden. 

Der nordöstliche Flügel des Sattels von Domokös ist nur in ein- 
zelnen kleinen Kalkpartien erhalten, die nördlich und östlich dieses 
Ortes aus dem Flysch und der Ebene auftauchen. Auf diesen, sei es 
durch Verwerfungen, sei es durch vorhergehende Erosion zerstückelten 
Flügel des Kalksattels legt sich diskordant der Flysch, der eine breite, 
mit der Streichrichtung OSO gefaltete Mulde bildet, und sich wahr- 
scheinlich nach Osten über den Enipeus bis KelemCni, am Nordfufs 
der östlichen Othrys fortsetzt. Er bildet eine niedrige Hochfläche, 
die sich kaum über die Hochebene des Chiliadötikos und den höch- 
sten Teil der Niederung von Halmyrös erhebt. Ganz niedrige Über- 
gänge verbinden letztere mit dem Thal des Enipeus. 

Nördlich von der Flysch-Mulde erhebt sich die Kreide-Formation 
noch einmal zu dem 1009 m hohen Kassidiär i s-Gebirge, das ein 
elliptisches Gewölbe von oberem Kreidekalk über einem Gewölbekern der 
Serpentin-Hornstein-Schiefer-Formation zu bilden scheint. Der nördliche 
Flügel dieses Gewölbes streicht bei Phärsalos ONO. Im Westen bricht die- 
ses Gebirge ebenso wie die Flyschmulde, gegen die westthessalische Ebene 
ab. Hier liegt dem Kreidekalkgebirge östlich von Bekriter noch ein 
kleiner Fleck Flysch an. 

Der Verlauf des Kassidiäris-Gebirges nach Ost über das Querthal 
des Enipeus zu den Ziragiotischen Bergen, diese selbst, welche sich 
mit dem Thessalischen Mittelgebirge und dem Pelion verbinden, sind 
geologisch unbekannt. Wir wissen nur, dafs an der Eisenbahn 
Völos— Velestfnos - Phärsalos Glimmerschiefer und einzelne Kalkberge 
auftreten. Gegenüber von Phärsalos bilden Neogenhügel das thessa- 
lische Mittelgebirge. 

Im ganzen bildet demnach das Othrys- Gebirge ein System von 
ziemlich flach gewölbten Falten des oberen Kreidekalkes, unter denen 
das überaus verwickelt und steil mit wechselnder Streichrichtung 
gefaltete Schichtsystem der Serpentin - Hornstein • Schiefer - Formation 
liegt. Die Kalkfalten haben im westlichen Teil SSO- bis SO-Richtung. 
Als westlichste Hauptfalte kann man das Serpentin-Hornstein-Schiefer- 
Gebirge in dem Dreieck Lamfa — Varyböpi — Agöriani ansehen, wo der 
Kalk so hoch aufgewölbt ist, dafe er vollständig forterodiert worden ist. 
Dann folgen die Falten von Domokös und zwischen Lamfa und Stylfs. 



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220 



A. Philippson: 



Nach Osten biegen sich die Falten in die Richtung OSO um. In dem 
krystallinischen Gebirge des Ostendes dreht sich die Richtung weiter 
nach Ost. Die Falten der Othrys bilden also einen nach NNO offenen 
Bogen. Nördlich lagert sich an das Gebirge eine oststreichende Flysch- 
Mulde, und davor erhebt sich im Kassidiäris-Gebirge noch eine breite 
ONO streichende Vorfalte. 

Im Westen stöfst das ganze Othrys-System an die breite Ost- 
Agraphiotische Flysch-Zone. Die Grenzlinie verläuft von SSO nach 
NNW, annähernd parallel dem Streichen der Flysch-Zone, und parallel 
dem Streichen der benachbarten Teile der Othrys, deren Falten sich 
ebenso wie dies weiter südlich in der Oeta, der Giöna und dem Parnafs 
der Fall ist, an der Westgrenze der ostgriechischen Gebirge nach NW, 
in die Richtung der Flysch-Zone, umbiegen. Dennoch findet an dieser 
Grenze kein normales Einfallen der Kreidegesteine der Othrys nach 
W unter den eocänen Flysch statt, sondern beide sind durch einen 
Bruch getrennt. Das ergiebt sich daraus, dafs die Serpentin-Horn- 
stein-Schiefer-Formation unmittelbar an den Flysch anstöfst, so dafs 
von der ganzen mächtigen Kalkdecke, die über der ersteren liegt, an 
der Grenze nur einige kleine lückenhafte Reste vorhanden sind. Das 
Fehlen der Kalke, die gleichartigen Farben und Formen der I^and- 
schaften, haben Neumayr diese Grenze ganz Übersehen lassen. Er 
identifizierte daher den Flysch mit den Kreideschiefern, obwohl beide 
auch petrographisch durchaus verschieden sind. Von all den mannig- 
faltigen Eruptivgesteinen, bunten Tuffen, Hornsteinen und Schiefern 
der Kreide, ist in der Flysch-Zone keine Spur mehr vorhanden. Statt 
dessen herrschen eintönig und ununterbrochen dickbankige, grüne 
Sandsteine und grüne, bald mehr schwärzliche, bald mehr gelbliche 
Schieferthone und Thonschiefer. 

Die Westgrenze der Kreide, die hier fast ausschliefslich durch 
Serpentin vertreten ist, schlägt, in der Nähe der westthessalischen 
Ebene angelangt, eine NW-Richtung ein und läuft so, wie wir sehen 
werden, dem Rand der Ebene parallel durch das Gebirge weiter. So 
legt sich nordwestlich von Kato-Agöriani gegen Kardftsa hin der 
eocänen Flysch-Zone ein gleichsinnig streichender Zug von Kreide- 
gesteinen vor. Hierdurch, wie durch das Auftreten eocäner Falten am 
Nordrand der Othrys, wird auch geologisch eine Verbindung zwischen 
den Othrys- und den Pindos-Falten hergestellt, die für die Auf- 
fassung des Verhältnisses des (westöstlich streichenden) ostgriechischen 
zum (Südsüdost streichenden) westgriechischen Faltengebirges sehr 
wichtig ist. 

In Bezug auf die Stellung der Othrys in den griechischen Gebir- 
gen kann man bis jetzt nur sagen, dafs ihre Hauptmasse, abgesehen 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



•221 



von der nördlichen Vorzone, in ihrem Bau vollständig den gegenüber- 
liegenden Gebirgen des östlichen Mittel-Griechenland und Euböas 
entspricht. Sie unterscheidet sich aber von den übrigen ostgriechi- 
schen Gebirgen dadurch, dafs sich ihr im Norden eine Zone ge- 
falteten Flysches anschliefst. Dazu kommt das Anschmiegen der 
Kreidefalten und der Flysch-Zone im westlichen Teil der Othrys. 
Demnach ist die letzte Faltung der Othrys, ebenso wie die des west- 
griechischen Gebirges, nach-eocänen Alters. Andererseits macht die 
verwickelte Ineinanderknetung der Schiefergesteine der Othrys es sehr 
wahrscheinlich, dafs hier eine Interferenz mehrerer aufeinanderfolgen- 
der Faltungen stattgefunden hat. Zudem weist die Diskordanz des 
Flysch gegen den Kreidekalk darauf hin, dafs letzterer schon vor Ab- 
lagerung des ersteren gestört war. Man kann also den heutigen 
Stand des Wissens über das Verhältnis der Othrys und des ostgriechi- 
schen Gebirges überhaupt zu den westgriechischen Falten wohl dahin 
zusammen fassen: Die Othrys (das ostgriechische Gebirgssystem) war 
schon in voreocäner Zeit mit im allgemeinen wohl westöstlicher Streich- 
richtung gefaltet worden; im Eocän blieb das jetzige ostgriechische 
Gebiet als Festland von eocänen Ablagerungen frei. Nur der Nord- 
rand der Othrys wurde von eocänem Flysch bedeckt. Darauf erfolgte 
die posteocäne Faltung des westgriechischen Gebirges mit der Streich- 
richtung SSO, und diese hat auch das ostgriechische Gebirge noch 
einmal ergriffen. Vermutlich hat diese nach-eocäne Faltung die Schiefer 
der Othrys zerknittert, und die grofsen Faltenzüge derselben in der 
Nähe des grofsen westlichen Faltengegebirges in die Richtung dieses 
selbst umgebogen, sodafs sich jetzt die Züge beider Gebirge vollständig 
aneinander anschmiegen. Danach würde also die Othrys in ihrer 
jetzigen Gestalt wesentlich ein Werk derselben Faltung sein, die auch 
den Pindus gebildet hat. 

Die Umrandung des Othry s-Gebirges im N, S und O steht 
mit seinem Faltenbau in keinem unmittelbaren Zusammenhang, son- 
dern ist das Ergebnis späterer Vorgänge. Im S bildet die lange Thal- 
ebene des Spercheios, der Malische Golf und der Kanal von Ore6s die 
Grenze, eine zusammenhängende Senke, die in ihrem westlichsten Teil 
die grofse Flysch-Zone quer zu ihrer Streichrichtung durchsetzt, und 
dann den westlichsten Teil der Othrys ebenfalls quer abschneidet 
Von StyHs östlich stimmt ihre Richtung allerdings im allgemeinen mit 
dem Streichen der Falten überein. Der Teil östlich der Thermopylen 
bildet, wie die wahrscheinlich plioeänen Neogen-Ablagerungen bei Gar- 
dfki beweisen, schon einen Teil der grofsen Einbrüche, die nach der 
Faltung, aber vor dem Pliocän entstanden und die grofsen Binnen- 
seen dieser Zeit einschlössen. Später hat sich der Kanal von Oreös 



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222 



A. Philippson: 



weiter vertieft, während das Neogen in ziemlich bedeutender Höhe 
über dem Meeresspiegel zurückblieb oder gehoben wurde. Der Teil 
westlich der Thermopylen ist aber jedenfalls postneogener Ent- 
stehung, da sich hier nirgends neogene Ablagerungen finden. Er ist 
von dem Schwemmland des Spercheios eingenommen, das allmählich 
in den sehr seichten Malischen Golf vorrückt. 

Der Kanal von Oreös wie der von Euböa sind nur als Einbrüche 
zu erklären. Für die Spercheios-Thalebene, aber auch nur für diese, 
ist die Möglichkeit zuzugeben, dafs sie nicht ein Einbruch, sondern ein 
gesunkenes und aufgefülltes Erosions-Querthal sei, da hier begrenzende 
Verwerfungen nicht nachzuweisen sind 1 ) 

Dafs das grofse rundliche Becken des Golfes von Völos nebst der 
Ebene von Halmyrös ein Einbruch ist, kann nicht in Zweifel gezogen 
werden. Über die Natur der grofsen westthessalischen Ebene wird später 
im Zusammenhang die Rede sein. 

Auch für die beiden merkwürdigen Becken, die in der westlichen 
Othrys den Zusammenhang des Faltengebirges unterbrechen, wüfste 
ich keine andere auf die Verhältnisse passende Erklärung, als die 
durch tektonischen Einbruch. 

3. Vegetation, Anbau und Bevölkerung. 

Die Othrys bildet, wie man aus der Vegetation rückschliefsen 
kann, eine wichtige klimatische Scheide zwischen dem winterkalten 
thessalischen Binnenland und der wärmeren ostgriechischen Küsten- 
region. An dem Südabhang der Othrys, besonders an dem öst- 
lichen, zum Meer gewendeten Teil des Südabhangs, steigen die üppi- 
gen immergrünen Buschwälder (Maquien) der mediterranen 
Region, wo Silikatgesteine anstehen, bis etwa 450 m Höhe hinauf, und 
mit ihnen die Ölbäume, welche die Küstenebenen östlich von Stylfs 
mit prächtigen Hainen bedecken. Auch einige, wenn auch spärliche 
Agrumen-Gärten finden sich hier. Neben Getreide, Mais und Tabak 



') Der italienische Geologe Issel (vgl. das Referat in „Petermann's Mittei- 
lungen 1894", Lit.-Ber. Nr. 371) hat neuerdings die Ansicht aufgestellt, dafs 
die tiefen Senken, die Griechenland durchsetzen , wie z.B. der Golf von Korinth, 
untergesunkene Krosionsthäler seien. Dafe in der prähistorischen Quartärzeit eine 
bedeutende Senkung ganz Griechenlands stattgefunden hat. ist sicher Dennoch ist 
die Issel'sche Erklärung der tiefen Senken, die das Land durchsetzen, als unterge- 
sunkener Erosionsthälcr bei den meisten unmöglich, einmal wegen der ganz un- 
regelmäfsigen Tiefen derselben, bei vielen auch wegen des Umstandes, daCs sie 
ringsum geschlossen gar keinen Ausweg zum Meer haben, dann aber, weil bei sehr 
vielen, z. B. bei den Golfen von Korinth und Euböa, die Verwerfungen klar vor 
Augen liegen, an denen das Hochland gegen sie abbricht. 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



223 



wird Baumwolle in diesen Ebenen angebaut. Westlich von Lamia, am 
Rand der Spercheios-Ebene , verlieren sich die Oliven allmählich; da- 
gegen treten noch am Mochluka-Pafs Arbutus-Maquien, gemischt mit 
Qutrcus coccifera und Juniperus auf, ja sie steigen hier sogar in den 
geschützten Schluchten über die 640 m hohe Pafshöhe hinüber und auf 
der Nordseite hinunter bis in die Nähe der Dauklf-Ebene. Die un- 
fruchtbaren Kalksteine sind, wie gewöhnlich, nur mit Phrygana und 
dem Gestrüpp der anspruchslosen Kermes-Eiche bedeckt, die im Ge- 
birge bis zu grofsen Höhen aufsteigt. 

Im Gegensatz dazu fehlen die Maquien auf der Nordseite, sowohl 
am Rand der Ebene von Halmyrös, als an der westthessalischen 
Ebene, obwohl diese nur 100 m hoch liegt, ebenso in dem Becken von 
Dauklf, mit jener einen eben erwähnten Ausnahme. Hier sehen wir also 
die merkwürdige Erscheinung, der wir auch weiterhin begegnen werden, 
dafs die Maquien am Rand der grofsen thessalischen Ebenen fehlen, 
dagegen in gröfserer Meereshöhe an den Randgebirgen wieder auf 
treten, eine Folge der starken Winterkälte der Tiefebene, die augen- 
scheinlich mit einer winterlichen Wärme zu nähme nach der Höhe ver- 
bunden ist. Ebenso fehlen in den thessalischen Ebenen mit Ausnahme 
der Küste des Golfes von Völos, die mediterranen Fruchtbäume. Da- 
gegen herrschen an der Nordseite des Othrys-Gebirges die Formationen 
der Quercus coca/era-Gebüscbe , oft mit Juniperus gemischt, und der 
Phrygana (Halbsträucher), zu denen sich auf den Vorbergen und in 
den Ebenen selbst die Asphodelus-Steppe, mit ziemlich üppigem Gras- 
und Kräuterwuchs zur Regenzeit, gesellt. 

In der Höhe, etwa von 450 m an, ist neben den Quercus cocci- 
/rra-Gebüschen der laubwechselnde Eichenwald die herrschende 
Vegetationsformation, die sich vor allem auf den Silikatgesteinen üppig 
entfaltet. Auf dem Südabhang und auf der ganzen westlichen Othrys 
ist der Wald freilich teils ganz vernichtet, teils in einzelne ßaum- 
gruppen aufgelöst. Dagegen bedeckt er den ganzen Nordabhang der 
Othrys, von Avaritsa und Güra, bis Kokkotf und H. Ioännis, nordwärts 
bis fast an den Rand der Ebene von Halmyrös. Es ist einer der aus- 
gedehntesten, ursprünglichsten und wildreichsten Wälder Griechen- 
lands. 

Wie aus dem Gesagten sich von selbst ergiebt, ist dieser Nord- 
abhang der hohen Othrys, bis auf das eine Hirten- und Kohlenbrenner- 
Dorf Güra, gänzlich ohne ständige Bewohner. 

Auch der Südabhang dieses höchsten Teiles, wo der Kalkstein 
vorherrscht und die tiefen Schluchten das Gebirge zerreifsen, besitzt 
nur wenige, jetzt fast verlassene Dörfer. Die meisten Einwohner 
haben sich neuerdings an die Küste gezogen. Dichter bevölkert ist 



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224 



A. Fhilippson: 



dagegen der niedrigere östlichste Teil der Othrys, wo gröfsere, an- 
baufähige Thalmulden und Gehänge vorhanden sind. Vor allem aber 
zieht sich eine Reihe gröfserer Ortschaften an der an Schlupfhäfen 
reichen Ostküste und durch die Ebenen der Südküste entlang: unter 
ihnen sind vor allem Nea-Mitzdli, Sürpi, Gardfki, Echinös und Stylfs 
zu nennen. 

Eine ziemlich spärliche, aber doch die hohe Othrys bedeutend 
übertreffende Bevölkerung hat die westliche Othrys, besonders das 
Becken des Chiliadötikos und dTe Abhänge der Kassidiäris. Die 
grofsen Orte Domokös und Omvriakf leben zum Teil von den benach- 
barten Ebenen. Das Becken des Dauklf-Sees ist aber im ganzen wenig 
angebaut und bevölkert. 

Die Hauptnahrungsquelle der Gebirgsbewohner ist neben der 
Ziegenzucht der Anbau von Getreide, Mais und einiger Obstbäume; 
dazu kommen an der Küste die oben genannten Fruchtarten des 
heifseren Klimas. Die Schifffahrt ist unbedeutend; dagegen wird in 
vielen Othrys-Dörfern die Herstellung der groben filzartigen Stoffe aus 
Wolle und Ziegenhaaren eifrig betrieben, aus denen man die Kapötaes 
genannten Mäntel u. dergl. macht. Am Dauklf-See ist die Fischerei 
nicht unbedeutend. 

Von dem Anbau und der Bevölkerung der die Othrys umgeben- 
den Ebenen ist in dem beschreibenden Teil genügend die Rede ge- 
wesen. 

Unter der ständigen Bevölkerung der Othrys habe ich nur die 
griechische Sprache gehört. Walachische Dörfer sind mir hier 
nicht bekannt geworden; doch möchte ich ihr Vorhandensein, bei der 
Flüchtigkeit meiner Reise, nicht in Abrede stellen, da die Walachen 
sich gern als Griechen ausgeben. 

Neben der ständigen Bevölkerung erscheinen im Winter Wan- 
derhirten, z.T. walachischen und albanesischen Stammes, welche 
alle tieferen Teile des Gebirges, die Winterweide gewähren, beziehen. 
Man sieht sehr häufig ihre Hürden und kleinen, bienenkorbartigen 
Reisighütten, die von Scharen bissiger Hunde, dem Schrecken der 
Reisenden, bewacht werden. Man sucht diese „Stänaes" (Hürden) 
immer in weitem Bogen und möglichst geräuschlos zu umgehen, um 
die Bestien nicht zu reizen. 

Für den Verkehr ist die Othrys wichtig, da über sie die Wege 
von Hellas nach Thessalien führen. Zwei Wege dienen diesem Zweck: 
der eine, von Lamfa in der Nähe der Küste entlang über Gardfki 
nach Halmyrös und Völos, den z. B. im Mittelalter Benjamin von Tu- 
dela zog, ist jetzt ganz abgekommen, da man die Schifffahrt vorzieht. 
Der andere wichtigere führt von I.amfa über den Phürka-Pafs durch 



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Reisen und Forschungen in Nord-Griechenland. 



225 



die Ebene von DaukW, dann ohne wesentlichen Anstieg an Domokos 
vorbei und hinunter zur Ebene. Auch er ist heutzutage nicht fahr- 
bar. Die im Bau begriffene Lärissa-ßahn wird die Wasserscheide an 
einem Punkt westlich vom Phürka-Pafs übersteigen und dann westlich 
vom Dauklf-See vorbei das Thal des Pentamylos zum Abstieg nach 
Thessalien benutzen 1 ). 

Bemerkungen über die grfechischen geographischen 
Namen und ihre Schreibweise. 

Für das Königreich Griechenland bilden die offiziellen Listen der Volkszählungs- 
Ergebnisse eine Quelle für die amtliche Schreibweise der Ortsnamen, der ich 
meist gefolgt bin. Doch ist zu bemerken , dafs viele gröfsere Orte erst in diesem 
Jahrhundert wieder ihre antiken Namen erhalten haben (z. B. Lamia, Phärsalos 
statt Zitnni, Phereala), die im Mittelalter entweder verloren oder umgeformt waren. 
Neben diesen offiziellen alten Namen , die erst allmählich beim Volk Eingang ge- 
winnen, habe ich die volkstümlichen mittelalterlichen Namen hinzugefugt (auf den 
Karten in Klammern). Von der offiziellen Schreibweise bin ich nur abgewichen, 
wenn diese mit der üblichen Aussprache in allzu grofsem Widerspruch steht (z. B. 
Gientzeki statt Genitzea). Solche Abweichungen kommen besonders bei den 
Endungen vor, die in den offiziellen Listen sehr inkonsequent behandelt werden. 
Bei der Endung ov (Neutrum) wird im Neugriechischen das v orthographisch ge- 
schrieben, aber nicht ausgesprochen. Ich habe es stets, in Rücksicht auf die 
Grammatik, beibehalten. Aber bei den sehr häufigen Ortsnamen mit der neutralen, 
unbetonten Endung »ov fallt die ganze Silbe ov in der Aussprache fort, es sei denn 
bei bewufster Nachahmung des Alt griechischen, so dafs diese Worte thatsachlich 
auf » endigen, mit dem Ton auf der vorletzten Silbe, z. B. jo r«Qdi*i{ov). (Die 
Namen auf einen i-Laut mit Ton auf der letzten Silbe sind zumeist nicht griechisch 
und haben mit denen auf tov nichts zu thun, z. B. Tsaterli.) Die offiziellen Listen 
lassen das w bald fort, bald setzen sie es hinzu. Ich habe es stets fortgelassen, 
da es dem heutigen Sprachgebrauch gar nicht mehr entspricht. 

Auf türkischem Gebiet giebt es keine offiziellen Ortslisten. Dort mufs 
man also die Namen nach dem Gehör schreiben, wobei natürlich infolge der 
individuell verschiedenen Sprechweise und Auffassung, wozu noch häufig scheinbar 
naheliegende und doch zuweilen unrichtige Etymologien treten, die stärksten Ab- 
weichungen vorkommen. Bei der grofsen Zahl der Namen, die ich nicht selbst 
gehört, sondern anderen Quellen entnommen habe, konnte daher eine Kritik nicht 
angewendet werden. 

Von den Flüssen haben im Neugriechischen nur einige der grofsten einheit- 
liche Namen. Auch diese sind aber zumeist von Ortschaften hergenommen (z. B. 
Artinös = Flufs von Arta), oder es sind häufig wiederkehrende Eigenschaftswörter 



•) Über die Quellen und die Herstellungsweise der beigegebenen Karten wird 
im Zusammenhang mit den gröfseren , dem nächsten Bericht beizufügenden Karten 
von Epirus und West-Thessalien Rechenschaft gegeben werdtn. 



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226 



P. u. F. Sarasin: 



(Äspros — weifs, Mdvros = schwarz^, oder sie wiederholen sich auch sonst bei vielen 
Flüssen (z. B. SalamvriäsV Nur wenige haben wirkliche Eigennamen (z. B. Kalamas, 
Megdovas). Die grofse Mehrzahl der Flüsse wird auf den verschiedenen Strecken 
ihres Laufes verschieden nach den nächstliegenden Ortschaften benannt. Auch für 
Berge sind die Namen spärlich; die vorhandenen Namen bezeichnen meist nicht 
das Bergindividuum , sondern die #f<rtc, d.h. die Flur, den Weidebezirk oder die 
Gemarkung u. dergl. Demselben Berg werden daher oft von den verschiedenen 
Seiten ganz verschiedene Namen beigelegt, besonders, wenn er zu mehreren Ge- 
markungen gehört. Zusammenfassende Namen für gröbere Gebirge giebt es fast gar 
nicht. Der Geograph mufs daher zumeist zu den antiken Gebirgs- und Flufsnamen 
greifen, und diese beginnen jetzt durch die Schulen auch im Volk wieder Auf- 
nahme zu finden, oft freilich mit falscher Anwendung. — Die antiken Namen sind, 
soweit für den betreffenden Gegenstand auch ein volkstümlicher Name vorhanden 
ist, in der Karte rot bezeichnet. 

Die Transskription der Namen in das lateinische Alphabet habe ich bei 
den modernen Namen nach der neugriechischen Aussprache (0sv; 17, ««, 
o* = i; «i = ae; «; = ev; av = av), bei den alten Namen nach der auf unseren 
Schulen üblichen Aussprache durchgeführt. Bei den neugriechischen Namen habe 
ich die betonte Silbe durch ' bezeichnet, gleichgültig, ob der Accent im Griechischen 
ein Acutus oder Circumflex ist. Der Spiritus asper ' ist durch h wiedergegeben , 
obwohl er im Neugriechischen kaum hörbar ist. 



Reiseberichte aus Celebes 

von Paul und Fritz Sarasin. 
Zweiter Bericht. 1 ) 

III. Von Bnol nach dem Golf von Tomini. 

(Hierzu Tafel 10.) 

Nachdem wir auf unseren beiden ersten Zügen die Landstrecken 
zwischen der Minahasa und Gorontalo durchreist hatten, stellten wir 
uns als nächste Aufgabe die Erforschung des westwärts von Gorontalo 
liegenden, ebenfalls noch sehr unbekannten Teils der nördlichen 
Halbinsel von Celebes. Am geeignetsten erschien uns zur Aufhellung 
dieser Gegend eine Durchquerung in der Nähe der Stelle zu sein, wo 
der Arm aus seiner ost-westlichen Richtung in die nord-südliche 
umbiegt, und wir wählten daher Buol an der Nordküste als Ausgangs- 
punkt unserer Reise, um von dort aus auf irgend einem Wege den 
Golf von Tomini zu erreichen. Wiederum kam uns der Resident von 
Menado, Herr E. J. Jellesma, mit lebhaftestem Interesse entgegen und 

l) Den ersten Bericht s. Zeitschrift 1894» S. 352 fT. 



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Reiseberichte aus Celebes. 



2l>7 



unterstützte auf alle Weise unsere Pläne, so dafs wir uns aufs neue 
zu aufrichtigstem Dank verpflichtet fühlen. 

Am 15. August 1894 langten wir zu Boot mit 53 Mann in Buol, 
dem Hauptort des gleichnamigen Fürstentums, an. Zu dieser Zeit 
war der holländische Kontroleur, Herr de Kanter, welcher die sechs 
an die Celebes-See stofsenden kleinen, halb unabhängigen Königreiche 
cinigermalsen zu beaufsichtigen hat, gerade in Buol stationiert, wodurch 
unser Aufenthalt daselbst und die Vorbereitungen der Überlandreise 
uns wesentlich erleichtert wurden. 

Der Hauptort Buol besteht zum grofsen Teil aus meist sehr umfang- 
reichen, mit eigentümlichem Giebelschmuck versehenen Pfahlhäusern, 
welche eine bei Ebbe morastige, zur Flutzeit dagegen überschwemmte 
Fläche am Astuarium eines grofsen Flusses einnehmen. Der Anblick 
dieser Pfahlbauten ist ein höchst altertümlicher, man möchte sagen, 
prähistorischer, wozu auch die Bewohner mit ihren künstlich ab- 
geplatteten Stirnen und teilweise noch primitiven Geräten nicht wenig 
beitragen. Indessen wird das altmodische Aussehen auch dieses ent- 
legenen Dorfes in nicht zu ferner Zeit verschwinden, indem die neueren 
Häuser nun auf trockenes Land gebaut werden, wie denn auch bereits 
in einem und demselben Hause neben dem uralten Anker aus Hirsch- 
horn die modernste Nähmaschine zu finden ist. Der Charakter der 
Leute scheint im ganzen gutmütig und friedlich zu sein, was schon 
daraus hervorgehen mag, dafe, wie uns der Kontroleur erzählte, Leute 
aus Gorontalo freiwillig nach Buol kommen, um dort Sklaven zu 
werden, wodurch sie sich aller Sorgen um die Zukunft entledigen. 

Buol liegt in einer grofsen, von Bergzügen umschlossenen Ebene, 
durch welche sich ein starker Flufs windet, der gegen seine Mündung 
hin ein ausgedehntes, von Nipa-Palmen und Mangroven bestandenes, 
krokodilreiches Ästuariengebiet bildet. Baumgärten und Grasflächen 
ziehen sich vom Meer aus weit in die Ebene hinein und drängen den 
Urwald zurück. Die nächsten uns erreichbaren Waldstellen fanden 
sich auf niedrigen, die Fläche begrenzenden Hügelzügen, welche aus 
modernem Korallenkalk bestanden. 

Ungemein überraschte uns, sowohl während unseres neuntägigen 
Aufenthaltes in Buol, als auch während der Uberlandreise nach der 
Südküste, die beträchtliche Verschiedenheit der Tier- und Pflanzenwelt 
dieses Teils der Insel von derjenigen der Minahasa. Es ist jedoch 
hier nicht der Ort, darauf einzugehen; auch sind die Untersuchungen 
erst im Gange. Erwähnt sei blofs der weifse, in der Minahasa fehlende, 
bei Buol dagegen überall häufige Kakadu und von Reptilien die 
gleichfalls in der Minahasa unbekannte Landschildkröte, Testudo forstmi; 
doch finden sich nicht minder seltsame Fälle bei den Mollusken, 



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228 



P. u. F. Sarasin: 



Tausendfüfsen, Landcrustaceen u. s. w. Unter den Pflanzen bemerkten 
wir namentlich bei den Farnen und den Zingiberaceen manche uns von 
der Minahasa her noch nicht bekannte Gestalten. Es sind dies Erschei- 
nungen, welche, da keine klimatische Unterschiede bestehen, nur in der 
geologischen Geschichte der Insel Celebes ihre Erklärung finden können. 

Die Landschaft Buol ist seit Jahrhunderten wegen ihres Gold- 
reichtums berühmt, doch sind erst in allerjüngster Zeit von Europäern 
Nachforschungen gemacht worden. Unter Leitung von Dr. H. Siber 
wurden im Küstengebirge bei Palele, östlich von Buol, Minen eröffnet, 
welche gute Ergebnisse versprechen. Das Gold kommt in Gängen vor, 
welche das aus alten Eruptivgesteinen bestehende Gebirge durchsetzen. 

Da vom Ort Buol kein Pfad nach der Südküste führt, setzten 
wir am 24. August mit drei Prauen nach dem etwas Östlich davon 
gelegenen Matinang über, von welchem Dorf aus Damarharz-Sucher 
regelmäfsig in die Berge gehen und gelegentlich einzelne Leute bis 
zur Südküste durchdringen. Der König von Buol begleitete uns in 
in seiner eigenen, mit zahlreichen bunten Fähnchen geschmückten 
Prau nach Matinang und versah uns dort mit Führern und einer 
Anzahl noch notwendiger Träger, so dafs unsere Begleitung nun die 
Stärke von 66 Mann erreichte. 

Unmittelbar südlich von Matinang erhebt sich schroff aufsteigend 
eine hohe Bergkette, deren imposanteste Gipfel uns als Gunung Matinang 
und Gunung Timbulon bezeichnet wurden. Wir wollen den ganzen 
Gebirgszug Matinang-Kette nennen. Nach Westen scheint er keine 
Fortsetzung zu haben, nach Osten dagegen folgt der in gleicher Rich- 
tung weiter ziehende Palele-Stock, der indessen wahrscheinlich auch 
als eigene Erhebung anzusehen ist. Die mittlere Höhe der Gipfel und 
Kämme der Matinang-Kette beträgt, wie wir sehen werden, etwa 2000 m. 

Am Morgen des 26. August brachen wir von Matinang auf, nach- 
dem wir die Lage des Ortes noch astronomisch bestimmt hatten. 
Unser Pfad führte uns zunächst durch ebene Baumgärten und Gras- 
flächen, längs des unbedeutenden Matinang-Flusses, der mehrmals über- 
schritten werden mufste. Nach etwa zwei Stunden begannen wir am 
linken Ufer des Flusses anzusteigen; hoher Wald trat an die Stelle 
des Kulturlandes, und bald hörten wir den Flufe tief zu unsern Füfsen 
durch ein enges Waldthal dahinrauschen. Von 200 m an umgab uns 
eine reiche und uns völlig neue Farnflora; in der Höhe von 240 m 
schlugen wir die Hütten für die Nacht auf. 

Bei herrlichstem Wetter setzten wir am 27. August den Aufstieg 
fort; der gewaltige Hochwald, von der Höhe von 500 m an zahlreiche 
Eichen und mächtige Casuarinen enthaltend, glänzte in wunderbarster 
Beleuchtung. Unser Pfad, der recht gut war, führte beständig über 



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Reichend te aus Celcbes. 



•229 



rippenartig vom Hauptstock nach der See laufende Bergzüge. Bei unge- 
fähr 520m Höhe überschritten wir den Bontula-Flufsan einer Stelle, 
wo er einen hübschen Wasserfall bildet. Der Bontula soll zwischen 
Buol und Matinang ausmünden. In itoom Höhe wurde übernachtet; 
das Minimalthermometer fiel nachts auf 16 0 C 

Der Pfad, immer ansteigend, blieb auch am 28. August ohne 
Schwierigkeit gangbar; einzelne sumpfige Stellen waren sogar mit 
gefälltem Holz überbrückt. Es wird dieser Weg von den Damar- 
suchern im Stand gehalten, welche, da sie zentnerschwere Lasten dieses 
kostbaren Harzes aus den Bergen auf dem Rücken nach der Küste 
bringen, auf allzu schlechtem Pfad nicht vorwärts kommen können. 

Der Wald wurde allmählich etwas niedriger; stelzfüssige Pandaneen 
traten charakteristisch vor, ähnlich wie auf den höheren Bergen der 
Minahasa ; reizende kleine Begonien schmückten den Boden. Bei 
etwa 1500 m Höhe erreichten wir einen nach SSO streichenden Grat, 
auf welchem wir weiter aufwärts wanderten. Die Landschaft nahm 
nun mehr und mehr einen ernsten Charakter an. Mächtige, hausgrofse 
Felsblöcke, aus einem grünlich gefärbten, metallreichen, alten Eruptiv- 
gestein bestehend, das uns vorderhand als Grünstein zu bezeichnen 
erlaubt sei, bedeckten den Boden und liefsen oft nur enge Passagen 
frei. An manchen Orten lagerten sich die Blöcke gegen einander, 
regendichte, von den Damarsuchern gerne zum Nachtverbleib benutzte 
Schlupfwinkel bildend. Damarfichten und Eichen wuchsen zwischen 
den Felsen. In einer Höhe von ungefähr 1800 m machten wir in einer 
grofsen, aus aneinander gelehnten Blöcken gebildeten Höhle, von den 
Damarsuchern „Felsenhaus" genannt, einen zweistündigen Halt. 

Sehr auffallend war die Tierarmut des ganzen bis jetzt durch- 
schrittenen Waldgebiets; von höheren Tieren liefsen sich nur kleine 
Eichhörnchen und einige Vögel gelegentlich sehen, so bei 1100 m 
öfters die anderwärts seltene Waldtaube, Leucotreron Fischen, etwas 
höher ein gelbgrüner, von Herrn Dr. A. B. Meyer in Dresden nach 
einem hingesandten Exemplar Malia recondita getaufter Vogel, an 
Gröfse und Geschrei an unsere Amsel erinnernd, und zwei ebenfalls 
noch unbekannte, dichter gefärbte Honigvogelarten. 

Auf einem in grofsem Bogen ziehenden Grat klommen wir wei- 
ter in die Höhe; die Bäume und Felsen hüllten sich in einen dichten 
Pelz von Moosen und Farnen, und endlich erreichten wir bei 2050 m 
einen der Gipfel des Gunung Matinang, den wir schon von der Küste 
aus gepeilt hatten. Die übrigen Gipfel der Kette halten sich alle un- 
gefähr in gleicher Höhe, doch mag der eine oder andere die von uns 
erreichte Spitze noch um etwa 100 — 150 m überragen. 

Der dichte Wald und ein schwerkalter Regen verhinderten für den 



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230 



P. u. F. Sirasin: 



Augenblick eine astronomische Ortsbestimmung. Erst tags darauf 
konnten wir, eine halbe Stunde vom Gipfel entfernt, an einer etwas 
lichteren Stelle des Waldes durch Fällen einiger Bäume die Sonne in 
den künstlichen Horizont bringen. 

Durchnäfst und frierend waren wir endlich froh, etwa 100 m un- 
terhalb des Gipfels, am Südabhang des Berges, unter einem überhän- 
genden Felsblock für die Nacht ein nicht eben weiches Lager zu fin- 
den. Das Thermometer sank nachts auf i2j°C. 

Die Matinang-Kette, an deren Südabfall wir am 29. August hinun- 
terzusteigen begannen, bildet die Wasserscheide zwischen der Celebes- 
See und dem Tomini-Golf und zugleich die Grenze des Königreichs 
Buol gegen die unter Gorontalo stehende Landschaft Poguat. Der 
Pfad führte in südlicher und südöstlicher Richtung abwärts. Um 
Mittag hatten wir eine steile Schluchtwand hinabzuklettern und mach- 
ten um 1 Uhr am Ufer des reifsenden Panu-Flusses, in 960 m Höhe, 
Halt. Unsere Kulis erreichten erst bei einbrechender Nacht diese 
Stelle. Auf welche Weise der Panu zur Küste kommt, ist uns unbe- 
kannt geblieben; wir haben auf der Karte angedeutet, dafe er zum 
Quellgebiet des Molango gehören könnte; vielleicht erreicht er auch 
weiter westlich im Fürstentum Mauton die See. 

In der Gegend, wo wir uns befanden, war der Wald durch sehr 
viele Damarfichten ausgezeichnet, und hierhin wandern auch die Da- 
marsucher von der Nordküste her. Es sind majestätische Gestalten, 
die Damarbäume, mit kerzengeraden, drehrunden Stämmen, die erst 
in grofser Höhe eine Krone tragen. Wir mafsen den Umfang eines 
Exemplars einen Meter über dem Ansatz der fingerartig in die Erde 
greifenden Wurzeln zu 7,36 m. 

Der Morgen des 30. August führte uns die jenseitige Wand des Panu- 
Thales wieder hinauf und dann in Östlicher Richtung, längs des Südabfalls 
der Matinang-Kette weiter. Unausgesetzt hatten wir rippenartig von der 
Hauptkette auslaufende Rücken zu ersteigen und wieder in tiefe Schluchten, 
in welchen öfters reifsende Bäche dahinströmten, hinabzuklettern. Der 
Pfad wurde sehr schlecht, er war teilweise von Gestrüpp überwachsen und 
mühsam zu finden, so dafs wir nur langsam vorwärts rückten.« 

Unsere Hoffnung, von der Matinang-Kette aus uns geradeswegs süd- 
wärts durch verhältnismäfsig ebenes Land nach der Küste weiden zu 
können, erfüllte sich nicht, indem eine zweite, zwar niedrigere, aber doch 
immerhin ansehnliche, der ersten parallele Kette sich im Süden zeigte. 
Wir bezeichnen sie, dem uns von den Führern angegebenen Namen 
folgend, als Ol ei du- Kette. An einer von Rotang-Palmen über und 
über durchwirkten Stelle des Waldes, am Ufer eines reifsenden kleinen 
Flusses, in 900 m Höhe, bauten wir die Hütten für die Nacht. 



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Reiseberichte aus Celebes. 



231 



Auch am folgenden Tag, am 31. August, wanderten wir zunächst 
unausgesetzt über nord-südlich streichende Bergrippen der Matinang- 
Kette. Der Pfad konnte nur noch mit Mühe an alten Schlagmarken 
in den Baumstämmen erkannt werden, und namentlich bereitete uns 
eine Waldstelle, welche durch einen lokalen Wirbelsturm verwüstet 
worden war, viele Schwierigkeit; die kleineren Bäume waren wild 
durcheinander geworfen, die stehen gebliebenen gröfseren Stämme ihrer 
Kronen beraubt und oben wie Besen zersplittert. 

Nach der Mittagsrast in etwa 700 m Höhe begannen wir wieder 
stark zu steigen und erreichten gegen Abend den Grat eines Berges, 
den die Leute Oleldu kiki (kleiner Olelidu) nannten. In 1137 m Höhe 
brachten wir die Nacht zu; der eigentliche Gipfel überragte diese 
Stelle noch um etwa 35 m. Wir glauben annehmen zu dürfen — der 
lückenlose, nur höchst selten einen Ausblick gestattende Wald ver- 
binderte uns, zu völliger Sicherheit zu kommen — , dafs dieser Berg 
einen Teil der früher gesehenen Parallelkette bildet, die wir Oleldu- 
Kette nannten. Auch auf der Karten-Skizze, welche diesen Bericht 
begleitet (Tafel 10), haben wir die Sache in dieser Weise aufgefafst. 

Schon einige Zeit bevor wir den Oleidu-Grat erreichten, war uns 
aufgefallen, dafs der Boden, auf dem wir wanderten, eine rote Farbe 
und fettige Beschaffenheit angenommen hatte, und waren uns in den 
Bachbetten rote, seltener auch grüne, Rollblöcke begegnet, und nun 
bemerkten wir mit Erstaunen an anstehenden Felsen, dafs der Oleidu 
kiki und damit wohl die ganze Oleidu-Kette, aus roten Thonschiefern 
besteht, während der Matinang-Zug, wie wir sahen, von alten Eruptiv- 
gesteinen gebildet wird. Die gleichen roten Thonschiefer hatten wir 
seiner Zeit auch in Bolang-Mongondo, also weit östlich von dieser Stelle, 
angetroffen. (S. I. Bericht, Zeitschr. 1894, S. 352 f.). Fossilien gelang 
es uns bis jetzt nicht darin aufzufinden, so dafs wir, bis einmal unsere 
Gesteinsproben, die wir stets reichlich und genau nach der Herkunft 
bestimmt, mit uns nehmen, eine Bearbeitung werden erfahren haben, 
über das mutmafsliche Alter dieser Thone nichts angeben können. 
Immerhin wird anzunehmen sein, dafs die alten Eruptivgesteine des 
Matina.ig die Thonschiefer durchbrochen und die Oleidu-Kette, nebst 
den südlich von ihr liegenden Hügelzügen aufgefaltet haben. Am 
Nordabhang der Matinang- Kette scheinen die roten Thonschiefer in 
die Tiefe gerutscht zu sein: wir haben sie dort zwar nicht anstehend 
gefunden, wohl aber in Buol rote Thonblöcke als Beschwerung der 
Anker angewandt gesehen; man sagte uns dort, die Steine seien von 
Palele, wo sie an der Küste anständen, hergebracht worden. 

Noch sei an dieser Stelle bemerkt, dafs wir von jungen Vulkanen 
in diesem Teil von Celebes nichts gesehen haben. 

Zeiuchr. d. G«*€lUch. f. Erdk Bd. XXX, 1895. 16 



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•232 



P. u. F. Sarasin: 



Am i. September wanderten wir auf dem Grat, den wir erklommen 
hatten, in südöstlicher Richtung weiter; der Pfad zeigte sich viel besser 
unterhalten als in den letzten drei Tagen, weil wir nun bereits die Gebiete 
erreicht hatten, welche von Süden her durch Damarsuchcr ausgebeutet 
werden, während die Zwischenzone, welche wir hinter uns hatten, offen- 
bar sowohl von Norden als von Süden her selten besucht wird. 

Lange Zeit hielten wir uns in ungefähr gleicher Höhe, indem 
Steigen und Fallen nahezu ebenmäfsig abwechselten; noch um n Uhr 
befanden wir uns auf einem Gipfel von gleicher Höhe wie der Oleidu 
kiki; er wurde von den Führern Gun ung-Bontula genannt. Wir 
rasteten hier bis i Uhr. Nun erst begann der eigentliche Abstieg. An- 
fänglich war die Neigung des immer noch einem Grat folgenden 
Pfades eine nur mäfsige, bald aber senkte er sich dachsteil in ein 
tiefes, enges Flufsthal hinab, dessen Sohle blos noch in 180 m Meeres- 
höhe lag. Der ansehnliche Flufs, welchem folgend wir die Südküste 
erreichen sollten, wurde uns als Mangkahulu bezeichnet. 

Als der eine von uns mit den rascheren Trägern um 3 Uhr den 
Flufs erreichte, war er blofs knietief und leicht überschreitbar. Nun aber 
brach ein starker Regen aus, und in etwa zwanzig Minuten war das 
Wasser um vielleicht zwei Meter gestiegen. Als der andere eine 
Stunde später mit der Hauptmasse der Träger zum Flufs kam, war 
dieser zu einem reifsenden, gelben Wildwasser angeschwollen, welches 
Holz und Steinblöcke mit sich fortwälzte. Erst in der Nacht, als das 
Wasser wieder stark gefallen, konnte der Übergang bewerkstelligt 
werden. Es ist die Erscheinung des plötzlichen Anschwellens dieses 
Flusses um so auffallender, als weit und breit ein lückenloser Wald- 
pelz Berg und Thal umkleidet. 

Die Frühstunden des 2. September benutzten wir zu einer astro- 
nomischen Ortsbestimmung und zum Trocknen der durchnäfsten 
Sachen. Dann folgten wir dem Lauf des Flusses, welcher von nun an 
für drei Tage die Rolle eines Pfades zu übernehmen hatte. Bei nie- 
derem Wasserstand mag das wohl angehen, jetzt aber, wo der Flufs 
immer noch viel Wasser führte, war das Weiterkommen sehr erschwert. 
Mühsam arbeiteten wir uns über das überschwemmte Geröll der Flufs- 
ufer oder kletterten, wo an engeren Stellen des von niederen Hügel- 
zügen begrenzten Waldthales das Wasser zu tief wurde, über die 
glatten anstehenden Uferfelsen. 

Nicht besser ging es uns am folgenden Tag (3. September). Das 
Thal blieb eng, ja stellenweise brauste der Flufs durch kleine Fels- 
schluchten hin. Kreuz und quer wateten wir durch das hüfttiefe 
Wasser, das sich nun bereits durch einige kleine Nebenflüsse ver- 
gröfsert hatte und durch Regen immer neue Nahrung erhielt. Nur an 



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Reiseberichte aus Celebes. 



233 



ganz wenigen, auch bei Niederwasser ungangbaren Stellen war ein 
Pfad durch den Wald geschlagen. 

In gleicher Weise arbeiteten wir uns am 4. September weiter; 
enge Schluchten wechselten mit breiteren Stellen ab, in deren Ufer- 
sand zahlreiche Fährten von Wildochsen, Hirschen und Schweinen 
sich zeigten. Bei einer kleinen Insel im Flufs, mit Namen Toholito, 
auf welcher eine Hütte umgeben von einigen Kulturpflanzen stand, 
sahen wir grüne, verwitternd eine gelbe Farbe annehmende, horizontale 
Thonschichten anstehen; auch roter Thon wurde anstehend beobachtet. 

Immer im Wasser watend schritten wir fort. Ein Flufs* von gleicher 
Stärke wie der Mangkahulu vereinigte sich, aus Ostnordosten kommend, 
mit ihm. Es war der Buh 11, welcher in den Bergen von Palele ent- 
springt. Das enge Thal öffnete sich, und der nun breite Flufs strömte 
langsam dahin. An den Ufern begannen Spuren von Kultur sich zu 
zeigen; Baumgärten, Felder und Hütten erscheinen, und um 4 Uhr 
hielten wir unseren Einzug im Dorf Randangan. Es war dies das 
erste Dorf, seitdem wir die Nordküste verlassen hatten. Zehn Tage 
lang waren wir durch lichtungslosen Urwald gewandert. Die dürftigen 
Hütten, welche die Damarsucher im Wald errichten, wo überhängende 
Felsen fehlen, waren die einzigen menschlichen Wohnungen gewesen, 
denen wir begegnet. Einige wenige Damarsucher hatten wir ange- 
troffen; meist wichen sie, wenn sie uns sahen, vom Pfad ab und 
kehrten, in einem Bogen uns umgehend, wieder darauf zurück oder 
warteten, bis wir vorüber waren. 

In Randangan, einer nicht unbeträchtlichen Ansiedelung, deren 
Meereshöhe wir auf 28 m bestimmten, gelang es uns, für die Nacht 
ein Haus zu mieten. 

Von hier an ist der Flufs, welcher nun den Namen Randangan- 
Flufs oder besser Butaio-daa führt, bis zur Küste befahrbar, und wir 
beschlossen daher, für uns und unsere Leute Kähne, einfache Ein- 
bäume, zu beschaffen. Die geforderten Preise waren aber so hoch, 
dafs wir die Träger über Land nach der Küste schicken mufsten und 
wir zwei Boote für uns, unsere Diener und das Gepäck mieteten. 

Die Flufsfahrt, welche wir am folgenden Tage (5. September) be- 
gannen, war von grofsem Interesse. Nach Verlassen der Fläche von 
Randangan windet sich der Flufs wieder zwischen waldbedeckten 
Hügeln hin; zuweilen bildete er, wo gestürzte Bäume und angetriebenes 
Holz das Wasser stauten, kleine Schwellen, über welche der Kahn 
wie ein Pfeil dahinflog. Hin und wieder zeigten sich an den Ufern 
Dörfer, von Feldern umgeben, meist an gröfseren oder kleineren 
Nebenflüssen liegend, so Taluditi am Flufs gleichen Namens und 
Lontanga am starken Molango-Flufs. 

16* 



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•234 



P. u. F. Sara sin: Reiseberichte aus Celebes. 



Die Gegend wurde allmählich flacher, blieb aber immer noch 
leicht hügelig; voll und ruhig strömte nun der Butaio-daa in endlosen 
Krümmungen dahin, eine Breite von etwa 50 m, gelegentlich von viel- 
leicht 80 m einnehmend. Eine Herde von schwarzen Pavianen zeigte 
sich am Ufer und liefs unser Boot ganz nahe zu sich herankommen. 
Zwei grofse Krokodile sahen wir im Ufersand liegen; mächtige Elkhorn- 
Farne hingen von den Bäumen herab. 

Im Dorf Batumoto lohu (Höhe 12 m) verbrachten wir die Nacht. 
Zwischen Randangan und hier hatte der Flufs, von allen kleinen 
Krümmungen abgesehen, einen grofsen, nach Westen ausgreifenden 
Bogen beschrieben ; wir haben seinen Lauf mit Kompafs und Uhr auf- 
genommen. 

In der Frühe des 6. September setzten wir unsere Fahrt fort. 
Der Strom flofs nun träg in vielen Windungen dahin; der Wald trat 
zurück, und überall zeigten sich an den Ufern Häuser und Baum- 
gärten, zuweilen auch mit hohem Gras bestandene Flächen. Die 
Ansiedelungen tragen den Namen Duhia-daa. Weifse Reiher ver- 
schiedener Arten bildeten stellenweis förmliche Guirlanden auf den 
Gebüschen oder im Ufersand. Gegen Mittag verkündete das Auf- 
treten der Nipa-Palme die Nähe des Meeres; bald gesellten sich auch 
Mangroven hinzu. Der Strom spaltete sich in zwei Arme, auf deren 
westlichem wir die Küste des Golfes von Tomini erreichten. Damit 
hatte die Durchquerung dieses Teils von Celebes ihr Ende gefunden. 

Nach Marisa, einem kleinen, etwas ostwärts von der Butaiodaa- 
Mündung gelegenen Ort, hatten wir von Gorontalo aus durch die 
freundliche Beihilfe des Herrn Assistent-Residenten Wesly Prauen mit 
Lebensmitteln für uns und unsere Leute senden lassen. Zu unserer 
nicht geringen Freude trafen wir diese auch richtig an. 

In Marisa warteten wir noch die über Land reisenden Träger ab 
und traten am 7. September abends in unseren Prauen die Rückreise 
nach Gorontalo an. Wohlbehalten trafen wir dort am 10. September 
ein und kehrten am 15. September mit dem norddeutschen Lloyd- 
Dampfer „Schwalbe" nach der Minahasa zurück. 




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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt 

in der Gegenwart. 

Von Dr. Gerhard Schott. 
(Hierzu Tafel n — 14.) 

Die hier vorgelegte Abhandlung ist sozusagen „unter der Hand" 
entstanden, indem der Verfasser im Verlaufe wissenschaftlicher, die Hy- 
drographie der Ozeane betreffender Arbeiten vielfach Gelegenheit gehabt 
hat, die Beziehungen der Segelschiffahrt zum Welthandel aus den ver- 
schiedenen Gruppen von Seereisen kennen zu lernen, welche in den 
Tausenden von Schiffsjournalen der Deutschen Seewarte verzeichnet 
und genau beschrieben sind. 

Dafs in der Hauptsache lediglich die deutsche Segelschiffahrt 
hier berücksichtigt ist, erklärt sich aus dem Material, welches zur Ver- 
fügung stand; es darf aber mit Sicherheit angenommen werden, dafs 
die Verkehrsbeziehungen der Segelschiffe auch der anderen Nationen 
im wesentlichen dieselben sind, da sie von denselben natürlichen und 
wirtschaftlichen Faktoren abhängen. 

Wie später in den einleitenden Bemerkungen auseinandergesetzt wird, 
stellen die absoluten Zahlen, welche in den Tabellen am Schlufs sich 
finden, und von denen im Text öfters Gebrauch gemacht ist, nur einen 
Bruchteil der wirklich ausgeführten Segelfahrten dar, während die 
hieraus abgeleiteten Vrozentzahlen die wirklichen Verhältnisse in ent- 
sprechender Weise charakterisieren dürften. Dafs in statistischer Hin- 
sicht genaueres nicht gegeben werden konnte, ist für den hier ver- 
folgten Zweck durchaus nicht von wesentlicher Bedeutung. Die vom 
Kaiserlichen Statistischen Amt alljährlich herausgegebene „Statistik der 
deutschen Seeschiffahrt" trennt leider in dem 4. Teil, der in Betracht 
kommen würde, die Reisen der Dampfer von denen der Segelschiffe 
nicht; im 3. Teil (Seeverkehr in den deutschen Hafenplätzen) sind 
allerdings die Dampfer gesondert aufgeführt. Es leuchtet aber ein, dafs 
bei weitem nicht alle deutschen Schiffe im Laufe eines Jahres einen 
deutschen Hafen berühren, sodafs eine hierauf gegründete Berechnung 
auch nur unvollständig sein würde. Zudem ist die untere Grenze des 
Raumgehalts der in der Kaiserl. Statistik aufgeführten Fahrzeuge sehr 

Zeiuchr. d. GcselUch. f. Eidk. Bd. XXX, 1895. 17 



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23G 



G. Schott: 



niedrig genommen (mit 50 cbm = 17,7 Reg.-Tons) und daher eine 
Unzahl von Fahrzeugen mitgezählt, die in der Hochseefahrt nicht be- 
schäftigt sind. — 

Darlegungen über die historische Entwickelung der Segelrouten 
seit den Zeiten des Columbus sind weggeblieben, da Verfasser selb- 
ständige Studien hierüber nicht gemacht hat. Dieselben würden 
freilich für eine Einsicht in die ungeheuren Fortschritte unserer Kennt- 
nisse auf dem Gebiet der maritimen Meteorologie sehr lehrreich sein 
(s. Guthe- Wagner, Lehrbuch der Geographie, I. S. 104. 5. Aufl.). 

Kapt. A. Schück hat im II. Jahresbericht der Geographischen 
Gesellschaft zu Hamburg (1875, S. 110 — 126) einen Vortrag über die 
„Wege des Ozeans für Segelschiffe" veröffentlicht, der, wie ein Ein- 
blick in denselben lehren wird, durchaus andere Zwecke als unsere 
Mitteilungen verfolgte : das Wesen der Segelanweisungen wird an jener 
Stelle als bekannt vorausgesetzt, und es werden sorgfältig von Monat zu 
Monat die Lagenänderungen der Segelrouten in einer nur für Seeleute 
berechneten Weise besprochen ; auch fehlen statistische Angaben ganz. 

Unsere Darstellung wendet sich zunächst und in erster Linie an 
das geographische Publikum und darf vielleicht als ein Beitrag zur 
Verkehrsgeographie angesehen werden. 

Es möge aber noch — und darauf legt der Verfasser auch Gewicht 
— ein anderer Gesichtspunkt nicht vergessen werden: unsere gesamte 
Kenntnis der meteorologischen und hydrographischen Verhältnisse 
der Ozeane beruht etwa zu Dreiviertel auf den überaus verdienstlichen 
Beobachtungen der Segelschiffe; wenn das während der trans- 
ozeanischen Segelschiffahrten freiwillig von den Seeleuten gesammelte 
Material ausbliebe, so wären originale wissenschaftliche Arbeiten auf 
diesen Gebieten fast ganz unmöglich. Diese Thatsache mag bekannt 
sein; man giebt sich aber in den einzelnen Fällen viel zu wenig Rechen- 
schaft von ihrer Wichtigkeit, und für jeden, der mit Hydrographie 
oder maritimer Meteorologie zu thun hat, ist eine Kenntnis der geo- 
graphischen Verteilung jener wandelnden Observatorien zur See eines 
der ersten Erfordernisse, worauf Dr. Meinardus noch kürzlich in 
einem sehr lesenswerten Aufsatz hingewiesen hat (s. Zeitschr. d. Ges. 
f. Erdk. z. Berlin. XXIX, 1894, S. 90—108: „Über die Methoden der 
Verarbeitung von meteorologischen Beobachtungen zur See"). Wenn 
man Karten betrachtet, auf denen die physikalischen Verhältnisse der 
Ozeane dargestellt sind, so vergifst man nur zu leicht, welche wesent- 
lichen Unterschiede zwischen diesen Karten und solchen, welche Fest- 
länder betreffen, schon in der Grundlage bestehen. Auch in dieser Hin- 
sicht können wohl die folgenden Zeilen manche zweckdienlichen An- 
schauungen vermitteln. 



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Die Verkehrswege der tranrozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 237 



Einleitung. 

Man darf behaupten , dafs alle die Verhältnisse , welche sich 
auf die heutige überseeische Segelschiffahrt beziehen, im allge- 
meinen wie im einzelnen den weiten Kreisen, die den heutigen Welt- 
verkehr und seine Erscheinungen mit Interesse verfolgen, verhältnis- 
mäfsig unbekannt sind, wobei natürlich die nächstbeteiligten see- 
männischen und kaufmännischen Personen ausgenommen werden. 

Die grofsen Verkehrswege der transozeanischen Dampfer findet 
man in jedem gröfseren Atlas eingezeichnet; die Fortschritte, die in der 
Schnelligkeit der Postdampfer zwischen Europa und New York fast in 
jedem Jahr zu verzeichnen sind, werden sorgfältig registriert und mit 
allgemeinem Interesse betrachtet; aber der Zustand der Segelschiffahrt 
ist für die meisten ein unbeschriebenes Blatt. Und es ist nicht zu 
verwundern, dafs dem so ist; denn aus der Passagierfahrt ist aller- 
dings der Segler heutzutage so gut wie vollständig verdrängt, und da- 
mit hat sich die Meinung festgesetzt, dafs die Zeiten für eine nutz- 
bringende Beschäftigung von Segelschiffen überhaupt vorbei seien. 
Man glaubt, die Segelschiffahrt sei ausgestorben. 

Ich habe schon mehrere Male 1 ) Gelegenheit genommen, darauf 
hinzuweisen, dafs dies nicht der Fall ist, und dafs, so schlecht auch 
augenblicklich die Zeiten für Segler und Frachtschiffe überhaupt 
sein mögen, der Segler von der Hochsee in absehbarer Zeit nicht ver- 
schwinden wird. 

Wiederholt ist das nahe Ende der Segelschiffahrt mit einer 
grofsen Zuversichtlichkeit vorausgesagt worden, so z. B. Ende der 
siebziger Jahre, als die damals zuerst in gröfserer Zahl erbauten Fracht- 
dampfer grofse Gewinne abwarfen, und dann, als mit Einführung der 
Dreifach-Expansions-Schiffsmaschinen sich der Kohlenverbrauch und 
damit die Unkosten der Dampfer wesentlich verminderten (1882). 

Aber siehe da, das Segelschiff hat sich immer wieder und trotz 
aller Konkurrenz als lebensfähig erwiesen, und gerade in den aller- 
letzten Jahren, etwa seit 1890, ist eher ein Aufschwung als ein Rück- 
gang in der Hochseefahrt der Segler zu verzeichnen. 

Wir sagen mit Absicht: „in der Hochseefahrt", denn die Küsten- 
schiffahrt kommt für uns allerdings nicht mehr in Betracht. Ja auch 
die gesamte Segelschiffahrt innerhalb der europäischen Gewässer, ein- 
schliefelich des Mittelmeers,* die zum Teil noch recht bedeutend ist, wird 
hier aufeer Acht gelassen. Wir wenden uns vielmehr einer Betrachtung 



') Verhandlungen der Ges. f. Erdkunde zu Berlin, 1893. S. 65 u. 66; Petenn. 
Mittlgn. Erg.-Heft No. 109. S. 9 

17* 



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23« 



G. Schott: 



lediglich der transozeanischen Segelfahrten zu, auf denen heute 
das Schwergewicht so gut wie ausschliefslich ruht. 

Die meisten der Fahrzeuge, die auf diesen Reisen beschäftigt 
werden, sind jetzt von Eisen und Stahl gebaut; jedenfalls werden bei 
Neubauten die alten hölzernen Segler wohl in allen Fällen durch 
Eisen- bzw. Stahlschiffe ersetzt, da dieselben billiger und haltbarer 
herzustellen sind als die hölzernen. Diese Segelschiffe sind ferner 
durchweg von grofsen Abmessungen, von über iooo bis 4000 Reg.- 
Tons 1 ), da sie mit verhältnismäfsig geringen Unkosten bei mindestens 
gleicher, wenn nicht kürzerer Fahrzeit eine bedeutend gröfsere Masse 
Waren an den Markt liefern als kleine Segler. Die grofsen Kolosse 
der heutigen Zeit vermögen, wie die Thatsachen zeigen, kaufmännisch 
noch immer mit den Frachtdampfern in der Beförderung von Massen- 
gütern zu konkurrieren, und es wird sich in den folgenden Zeilen 
noch mehrfach die Gelegenheit bieten, auf die grofsen Erfolge hinzu- 
weisen, die diese Fahrzeuge, ja die heutigen transozeanischen Segler- 
flotten überhaupt, besonders in der Schnelligkeit der Reisen zu ver- 
zeichnen haben. Wir wollen hier nur anführen, dafs im Jahr 1873 
die deutsche Handelsmarine 33 Segler von über 1000 Reg.-Tons Raum- 
inhalt besafs, 1883 aber deren 150, 1893 sogar 250 zu verzeichnen 
hatte ! 

Über diese und viele damit zusammenhängende, die Schiffe selbst 
betreffende Verhältnisse, die hier nur zur Kennzeichnung der Situa- 
tion in der Einleitung kurz erwähnt werden mufsten, hat Prof. Krüm- 
mel einen lehrreichen Aufsatz in den Preufsischen Jahrbüchern (Band 
74. Heft 3. Berlin 1893) veröffentlicht, auf den wir hier verweisen 
möchten; einige ganz kurze Angaben über die Gröfsenverhältnisse der 
heutigen Segler hat der Verfasser in einem Vortrag 2 ) gemacht. 

Wir wollen in den folgenden Zeilen versuchen, einen 
Uberblick über die wichtigsten Verkehrswege und Handels- 
beziehungen der heutigen Segelschiffahrt und über die 
Zeitdauer dieser Reisen zu geben, sowie besonders über 
die hervorstechendsten Eigentümlichkeiten der auf diesen 
Routen unter mittleren Verhältnissen angetroffenen Witte- 
rungsverhältnisse einiges mitzuteilen. Denn letztere bedingen 
ja bei dem Segler in allererster Linie sowohl Richtung wie Dauer des 
Reiseweges, und Verf. kennt kaum eine andere ebenso lehrreiche wie 
anziehende Beschäftigung mit Karten, welche die in den verschiedenen 



l ) 1 „Register-Ton", das gebräuchlichste Raummafs für Schifte, ist — 100 
engl. Kubikfufs x= 2,83 cbm. 

v ) Verhandlungen der Ges. f. Erdkunde zu Berlin, 1893. S. 65. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 939 

Jahreszeiten befolgten Segelrouten zur Darstellung bringen, als die, 
dafs man diese Karten mit Übersichtskarten der mittleren Windver- 
hältnisse vergleicht. Vergleichende Studien dieser Art geben z. B. in 
den Monsun-Gegenden, aber auch überall anderwärts, ein ganz vorzüg- 
liches Mittel ab, die grofsen Luftströmungen der Erdoberfläche nach 
ihren geographischen Begrenzungen und jahreszeitlichen Verschiebungen 
sich fest einzuprägen. Keine Krümmung in den Segelrouten, überhaupt 
keine Abweichung von der kürzesten Linie zwischen Ausgangs- und 
Endpunkt einer Reise, ist ohne eine Ursache, sei dieselbe in dem Luft- 
meer oder dem Ozean gelegen. 

Solche Hinweise auf die zwischen dem Verlauf der Segelrouten 
und den meteorologischen bzw. ozeanographischen Verhältnissen be- 
stehenden Wechselbeziehungen werden sehr vielfach zu machen sein; 
zweitens werden auch nebenbei Notizen über die auf den einzelnen 
Routen hauptsächlich verfrachteten Güter und über deren Herkunft 
und Bestimmungsort gegeben, wobei sich einige ganz eigentümliche 
weltwirtschaftliche Verbindungen von Ländern herausstellen. Während 
der Land verkehr und In einem grofsen Umfang auch bereits der Dampfer- 
verkehr bei der Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse seitens des Produ- 
zenten sowohl wie des Konsumenten durchaus nicht mehr wie früher 
sich ausschliefslich oder hauptsächlich auf Naturprodukte oder beson- 
dere Wertgegenstände bestimmter Länder stützt, sondern wesentlich 
dem Stückguthandel dient, d. h. dem Austausch aufserordentlich 
mannigfacher Waaren, ist dies bei der Segelschiffahrt anders: die von 
derselben auf den einzelnen Routen bewegten Güter, zum überwiegen- 
den Teil Rohartikel in grofsen Quantitäten, bestehen fast immer aus 
den hauptsächlichsten und vornehmsten Erzeugnissen oder Boden- 
schätzen des Landes, aus dem sie stammen. Wir wollen vorgreifend 
nur die Reisausfuhr von Hinter-Indien, die Fahrt mit Salpeter von der 
Westküste Süd-Amerikas und die Kopra-Ladungen, welche die Südsee- 
Inseln den Seglern liefern, anführen. 

Die folgenden Darlegungen beziehen sich durchaus nur auf die 
deutsche Segelschiffahrt; es ist, wie ein anderer Verfasser bei ähn- 
licher Gelegenheit bemerkt 1 ), auffallend, dafs nirgends irgend welche 
Literatur über die Reisen englischer, amerikanischer und besonders 
auch norwegischer Segler vorhanden ist, während in den deutschen 
„Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie" zahlreiche 
und höchst lehrreiche Aufsätze meist von der Deutschen Seewarte 
veröffentlicht werden. 



*) „Mitteilungen aus dem Gebiet des Seewesens 4 *. Pola 1894. April -Heft: 
„Über ältere und moderne Kauffahrteisegler". 



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240 



G. Schott: 



Um das Mafs der Anforderung an Genauigkeit, die von den weiter 
unten gegebenen Tabellen und statistischen Nachweisen verlangt wer- 
den darf, gleich festzusetzen, sei folgendes bemerkt. 

Die vom Kaiserlichen Statistischen Amt in Berlin alljährlich her- 
ausgegebene „Statistik der deutschen Seeschiffahrt" konnte, wie oben 
erwähnt, unseren Zwecken leider nicht nutzbar gemacht werden, da 
für die verschiedenen Reisewege eine Trennung der Dampfer und 
Segler nicht durchgeführt ist, sondern nur die Gesamtsumme der 
deutschen Schiffe gegeben ist, die auf den betreffenden Routen in 
Fahrt gewesen sind. 

Es mufste daher, wenn man einen Einblick in die Verkehrsdichte 
auf den grofsen Segelrouten gewinnen wollte , auf das im Archiv 
der Deutschen Seewarte befindliche „Eingangsjournal deutscher Segel- 
schiffsjournale" zurückgegriffen werden. Dasselbe enthält nämlich ein 
genaues Verzeichnis sämtlicher transozeanischer Reisen, welche von 
Seglern, die ein meteorologisches Journal der Deutschen 
See warte führen, in einem bestimmten Zeitraum gemacht worden 
sind. Nun ist aber die Führung eines solchen meteorologischen Journals 
durchaus nicht obligatorisch; man kann aber mit ziemlicher Zuversicht 
sagen, dafs etwa 40 Prozent aller in der Hochseefahrt beschäftigten 
deutschen Segelschiffe dies Journal für die Seewarte ausfüllen. Da 
nun ferner kein Grund zu der Annahme vorliegt, dafs auf einzelnen 
Reisewegen prozentualisch viele, auf anderen wenige Journale geführt 
werden, so können wir uns dieses Archivjournals bedienen, um — in 
Prozenten — die relativen Verkehrsfrequenzen auf den Weltreiserouten 
näherungsweise zu berechnen. 

Wir können also nur die auf den folgenden Seiten gegebenen Pro- 
zentzahlen zunächst und ohne weiteres verwenden, und dies genügt ja 
auch im wesentlichen für unsern Zweck. Will man die absolute Zahl 
der Reisen wissen, die auf einer Segelroute in einem Jahr in der einen 
oder anderen Richtung von deutschen Schiffen ausgeführt worden sind, 
so kann man 60 Prozent zu der Zahl hinzulegen und wird dann einen 
Wert erhalten, der vielleicht nicht weit von der Wahrheit abweicht. 

Also: wir betonen nochmals, es sind nur immer die Reisen der- 
jenigen Schiffe, welche mit der Seewarte in Verbindung stehen, zu 
Grunde gelegt, und damit ist nur etwa 40 Prozent des gesamten 
deutschen Segelschiffsverkehrs in Rechnung gezogen. 

In anderer Weise läfst sich heute diesem Gegenstand kaum näher 
kommen ; zur Gewinnung einer Anschauung der Verhältnisse im grofsen 
und ganzen wird das Verfahren vollauf genügen, zumal von einem 
allgemein-geographischen Gesichtspunkt aus die prozentischen Werte 
viel wichtiger als die absoluten sind. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 241 

Hauptsächlich auf dem erwähnten „Eingangsjournal" beruhen also 
die Zahlenreihen, welche die folgende Untersuchung enthält; die Ver- 
teilung der von einem einzelnen Fahrzeug in den verschiedenen Jahren 
in den verschiedenen Weltmeeren gemachten Reisen auf einzelne (n) 
grofse Gruppen, die sich wieder in sogenannte „Ausreisen", „Heim- 
reisen" und „Zwischenreisen" gliedern, war eine sehr mühsame und 
zeitraubende Arbeit. Deshalb wurde die Untersuchung auf einen Zeit- 
raum von 10 Jahren beschränkt, da man aus einem Jahrzehnt schon 
einen guten Durchschnitt dieser Verhältnisse zu erhalten erwarten darf. 
Es sind die Jahre 1883 bis 1892 benutzt worden. — 

Unter einer „Ausreise" ist jede Reise verstanden, die von irgend 
einem europäischen Hafen nach irgend einem aufsereuropäischen Hafen 
gerichtet ist, unter einer „Heimreise" eine solche, die von einem aufser- 
europäischen Land nach Europa geht; alle andern Reisen sind 
„Zwischenreisen" (für die deutschen Segler). Nun hat fast jedes Schiff 
eine oder auch mehrere solcher Zwischenreisen zu verzeichnen, ehe 
es zur Heimat zurückkehrt, aber grade in den letzten Jahren hat sich 
die Zahl der grofsen transozeanischen Zwischenreisen sehr vermindert. 
Es vollzieht sich die Gesamtreise eines Schiffs meist in der Weise, 
dafs sie aus einer Aus-, einer Heimreise und einer ganz kleinen 
Zwischenreise zusammengesetzt ist. Letztere besteht meist nur aus 
einer kurzen Küstenfahrt und wird in der Regel in Ballast zurück- 
gelegt, indem das Schiff von dem Platz, wo es die Ladung der Aus- 
reise gelöscht hat, nach dem Platz segelt, wo es Ladung für die 
Heimreise einnimmt. Diese Zwischenreisen sind für unsere Betracht- 
ung belanglos und wurden bei der Berechnung der Verkehrsdichtig- 
keiten weggelassen; dagegen sind grofse transozeanische Zwischen- 
reisen, welche von beladenen Schiffen ausgeführt wurden, selbstver- 
ständlich mit hinzugenommen worden. Reisen der letzteren Art sind 
aber, wie gesagt, nicht häufig; die wichtigsten derselben seien schon 
hier genannt, nämlich einzelne Reisen von und nach Nord-Amerika 
(wohlgemerkt also solche Reisen, die nicht nach oder von Europa 
gingen), sowie Fahrten zwischen Australien und der Westküste Central- 
und Nord-Amerikas. 

Die beigegebene Karte der wichtigsten Segelrouten (Tafel 11) be- 
ruht ebenfalls auf dem Material der Deutschen Seewarte; die Reisewege 
im Bereich des Stillen Ozeans wurden dabei auf Grund bisher noch 
unveröffentlichter Manuskriptkarten, die dem Verfasser vom Herrn Ab- 
teilungsvorsteher Kapt. Dinklage freundlichst zur Verfügung gestellt 
wurden, eingezeichnet. 

Die zwei andern Karten (Tafel 12 und 13) stellen den Versuch des 



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242 



G. Schott: 



Verfassers dar, durch Linien gleicher Reisedauer (Isochronen) eine 
kartographische Übersicht der von Segelschiffen zur Erreichung eines 
Hafens durchschnittlich benötigten Zeit zu geben. Das Ergebnis war 
auch für den, der schon näher mit den Dingen sich beschäftigt hatte, 
interessant und dürfte der lebendigen Anschauung sehr zu statten 
kommen. Die den Isochronen zu Grunde gelegten Zahlen der Reise- 
dauer stammen meist aus den zwei von der Deutschen See warte ver- 
öffentlichten Segelhandbüchern, sowie aus den „Piloten" derselben 
Anstalt; auch sind für einzelne Häfen, bzw. Meeresgegenden die 
Zahlen vom Verfasser aus den Journalen der Segelschiffe selbst abge- 
leitet worden. 

Die vielen auffallenden Punkte, die besonders bei einem Vergleich 
der zwei Tafeln 12 u. 13 sich aufdrängen, werden bei der folgenden Be- 
sprechung der Aus- und Heimreisen von und nach Kap Lizard in den 
einzelnen Paragraphen ihre Erläuterung bzw. Erklärung finden; hier 
wird nur auf den für die Benutzung dieser Isochronen-Karten wichtigen 
Umstand noch hingewiesen, dafs die Isochronen immer auf Kap Lizard 
sich beziehen, man also im allgemeinen nur die Reisedauer zwischen 
Lizard und irgend einem Hafen aus den Karten entnehmen kann, nicht 
aber etwa oder doch nur mit Vorsicht und in einzelnen Fällen die 
Reisedauer zwischen zwei Häfen unter einander. Wenn wir z. B. auf 
Tafel 13 (Isochronen der Heimreisen) finden, dafs die Heimreisen nach 
Lizard von Guayaquil eine mittlere Dauer von 113 Tagen, diejenigen 
von Iquique eine solche von 98 Tagen haben, so ist damit nicht ge- 
sagt, dafs die mittlere Dauer einer Fahrt von Guayaquil nach Iquique 
113 — 98 =15 Tage sein müsse. Es hängt dies natürlich mit dem 
mannigfach entwickelten und bedingten Verlauf der ozeanischen Segel- 
routen zusammen. 

Wenngleich schon Karl Ritter, nach den Ausführungen Hahn's 1 ) 
zu schliefsen, eine dem Prinzip der Isochronen-Linien ähnliche Idee ge- 
habt haben mag, so ist doch die praktische Einführung dieser Linien 
zweifelsohne dem methodenreichen Francis Galton zu danken, 
welcher, ohne jede Kenntnis von dem früheren Ritter'schen Gedanken, 
1881 zuerst eine ,,Isochronic passagc chart for travellers" veröffent- 
lichte 2 ), leider in sehr kleinem Mafsstab, so dafs irgend welche Einzel- 
heiten nicht hervortreten konnten. Soviel dem Verfasser bekannt ist, 
haben bisher nur noch A. Penck 1887^) und W. Götz 1888 4 ) von ähn- 



») Ausland, 1881, S. 511. 

Procccdings R. Gcogr. Soc. London, vol. III. p. 657. 
3 ) Deutsche Rundschau f. Gcogr. u. Stat. IX. S. 337. 
■•) Verkehrswege im Dienste des Welthandels, Stuttgart. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiflahrt in der Gegenwart. ">43 



liehen Linien für bestimmte Zwecke Gebrauch gemacht; doch ist eine 
weitere Anwendung der Isochronen zur Beleuchtung mancher geogra- 
phischer Beeinflussungen sicherlich möglich, ja wünschenswert, zumal 
für kleinere Gebiete. 

Am Schlufs sind die im folgenden oft angezogenen Tabellen abge- 
druckt, welche für die einzelnen Jahre, sowie für die Summe der 
Jahre des Jahrzehnts 1883 — 1892 den Verkehr auf den verschiedenen 
grofsen Segelrouten zahlenmäfsig aufweisen. 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen wenden wir uns zu einer 
Besprechung der einzelnen Segelrouten, und zwar in der Reihenfolge, 
in welcher dieselben in den Tabellen aufgeführt sind. Wir unter- 
scheiden zwei grofse Gruppen von Reisen, diejenigen nach dem Osten 
und diejenigen nach dem Westen. Unter der ersteren Gruppe sind 
alle Fahrten nach und von Afrika (auch West-Afrika) besprochen, ist 
ferner einbegriffen der Verkehr mit Asien und Australien einschliefslich 
der Südsee-Inseln, so dafs für die zweite Gruppe lediglich die Reisen 
nach und von den Küsten Nord- und Süd-Amerikas bleiben. 

I. Die Fahrten nach dem Osten. 

§ 1. Nach und von der Küste West-Afrikas. 

Die Segelschiffsreisen nach diesen Gewässern haben, soweit die 
deutsche Flagge in Frage kommt, seit etwa 4—5 Jahren fast ganz auf- 
gehört; es dürften nur noch höchst selten Expeditionen von Seglern 
in die Gewässer der Ober- und Nieder- Guinea -Küste stattfinden. 
Wenigstens ist in den letzten Jahren der Deutschen Seewarte kein 
Journal mehr zugegangen, das auf diese Gewässer sich bezieht, wäh- 
rend noch 1883 15 Ausreisen und 16 Heimreisen von Seglern, die der 
Seewarte Material liefern, zu verzeichnen sind. Im Durchschnitt des 
Jahrzehnts 1883 — 1892 macht der Verkehr nach West -Afrika nur 
2 Prozent aller im Laufe dieser Jahre ausgeführten transozeanischen 
Reisen aus; nehmen wir den Verkehr mit dem Kapland, der ost- 
afrikanischen Küste, Madagaskar und Mauritius hinzu , so bekommen 
wir, da dieser letztere Verkehr noch weniger (mit 1,7 Prozent) in das 
Gewicht fällt, für den ganzen auf Afrika bezüglichen SegelschifTsverkehr 
nur 3,7 Prozent des Gesamtverkehrs. Heutzutage aber ist, wie er- 
wähnt, die Beschäftigung von deutschen Segelschiffen im Verkehr mit 
Afrika ziemlich auf dem Nullpunkt angekommen. 

Unter 1000 Reisen waren also in dem betreffenden Zeitraum nur 
37. die West- oder Ostafrika oder das Kapland zu ihrem Ziel hatten; 
nun sind ja natürlich die Entfernungen, die auf den einzelnen Reise- 
routen abgesegelt werden, ganz ungeheuer verschieden, und es braucht 



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244 



G. Schott: 



kaum der Erwähnung, dafs in derselben Zeit ein Segler vielleicht zwei 
bis drei Reisen nach West-Indien macht, in welcher ein anderer nur 
eine Rundtour nach Hinter-Indien und zurück ausführt. Will man also 
— da in den obigen Prozentzahlen jede transozeanische Reise als 
gleichwertig verrechnet ist — eine Vorstellung von der wirklichen 
„Verkehrsdichte" auf einer Strecke gewinnen, so kann man in folgen- 
der Weise verfahren (s. Tabelle V). Man berechnet eine mittlere Segel- 
distanz der verschiedenen Reisewege; es ergab sich z. B. für die Strecke 
von Kap Lizard nach West-Afrika (Lagos bis Kongo-Gegend) eine Ent- 
fernung von rund 4200 Seemeilen 1 ), nach Ost- Afrika eine solche von 
etwa 7000 Seemeilen, nach den Häfen an der Ostküste Nord-Amerikas 
nördlich von Kap Hatteras (New York, Baltimore u. s. w.) von ungefähr 
3000 Seemeilen u. s. w. (s. Tab. VI). Multipliziert man nun die je- 
weiligen Gesamtsummen der auf einer bestimmten Route ausgeführten 
Reisen mit dieser Entfernungszahl und drückt das Produkt wiederum 
in Prozenten oder Promille der im Laufe der 10 Jahre auf allen Segel- 
routen der Erde von deutschen Schiffen zurückgelegten gesamten Ent- 
fernungs-Summe aus (= 35 235 800 Seemeilen, welche Zahl natürlich nur 
die Reisen von Journal führenden Schiffen einschliefst), so erhalten 
wir Werte, die uns sagen, wie viel Seemeilen von je 100, bzw. 
1000 überhaupt abgefahrenen Seemeilen im Laufe dieser Jahre 
durch deutsche Segler in der Fahrt von oder nach einer be- 
stimmten Weltgegend zurückgelegt worden sind. 

Es ist damit der vieles Charakteristische verwischende Einflufs 
der Verschiedenheit der Entfernungen beseitigt, und wir erhalten 
dann für den Verkehr mit Afrika folgende zwei Zahlen. Auf 1000 von 
den deutschen Segelschiffen in irgend einem Weltmeer zurückgelegte 
Seemeilen entfielen in dem Jahrzehnt 1883— 1892 nur 10 Seemeilen, die 
in der Fahrt nach oder von West-Afrika, und nur 14 Seemeilen, die in 
einer solchen nach oder von Ost-Afrika u. s. w. (§ 2) abgesegelt wurden ; 
im ganzen kamen also nur 24 Seemeilen von je 1000 dem afrikanischen 
Verkehr zu gute. Damit tritt aber Afrika weitaus an die letzte Stelle 
der elf grofsen Gruppen von Bestimmungsländern, die durch Segler 
aufgesucht werden. Wie die Tabelle V aufweist, ist, wenn wir Afrika 
ausnehmen, die vom Segelschiffsverkehr am wenigsten besuchte 
Küste die Ostküste von Süd-Amerika südlich des Äquators (30 Seemeilen 
auf iooo), während die Westküste von Süd-Amerika leicht den ersten 
Platz (202 Seemeilen auf 1000) behauptet. 

Dafs Afrika in dieser Beziehung so gänzlich hinter den anderen 
Ländern zurücktritt, ist nur teilweise die Folge der immer gröfseren 



) 1 Seemeile = '/«<> Äquatorgrad = 1853 m. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 245 

Ausdehnung der zumal von Wörmann in Hamburg betriebenen VVest- 
Afirika-Dampferlinien; auch die noch nicht lange eröffnete Reichspost- 
dampferlinie nach Ost-Afrika kann in diesem Zusammenhang erwähnt 
werden. Aber solche Konkurrenz entscheidet noch bei weitem nicht das 
Schicksal von Verkehrszweigen. Da heutzutage meist nur noch grofse, 
sehr grofse Segelschiffe nutzbringend beschäftigt werden können, so 
mufste an der afrikanischen Küste der Verkehr der früher üblichen 
kleinen Barken und Schuner ein Ende nehmen, weil Ausfuhrartikel in 
grofsen Quantitäten hier zu wenig vorhanden sind; das Land ist eben 
noch zu sehr „Afrika". 

Auf der Ausreise waren die Schiffe meist mit Kaufmannsgütern 
aller Art beladen, unter denen aufser Textilwaren Pulver und be- 
sonders Schnaps zu nennen ist, jener Fusel o'er scheufslichsten Sorte, 
mit welchem noch heute die Neger leider Gottes in wahrhaft unheim- 
lichen Mengan versorgt werden. So weist z. B. die Einfuhrliste von 
Lagos für das Jahr 1889 eine Einfuhr von Spirituosen im Werte von 
1 700000 M. (!!) auf, wobei aber erwähnt werden mufs, dafs Deutschland 
an dieser Einfuhr nur zu etwa ein Viertel beteiligt ist 1 ); jedenfalls ist 
dieser Handel ein „erfreuliches" Zeichen für die civilisatorische Thätig- 
keit der Europäer an der Guinea-Küste. 

Die hauptsächlichsten Gegenstände der Ausfuhr bilden Palmenöl 
und Palmenkerne, welche in der Seifenfabrikation Verwendung finden. 

Der Reiseweg, den ein nach West-Afrika bestimmter Segler ein- 
schlägt, fallt auf der ersten und längsten Strecke (bis in die Nähe des 
Äquators) mit einem der befahrensten aller Segelwege zusammen; von 
England aus streben alle in der Ausreise begriffenen Schiffe gleicher- 
mafsen nach Süden, nur die nach Nord-Amerika und West-Indien be- 
stimmten sind davon -- und auch nur teilweise — ausgenommen. 
Wir wollen daher gleich hier diesen sehr wichtigen Segelweg vom Eng- 
lischen Kanal bis zur Linie kurz skizzieren 2 ). 



1 ) s. Die Seehäfen des Weltverkehrs, II. Bd., S. 714. 

2 ) Wegen der meteorologischen und hydrographischen Verhältnisse, welche 
im folgenden häufig nach ihren geographischen Lagen, ihren jahreszeitlichen Ver- 
schiebungen u.a.m. angeführt werden, sei auf die Darstellungen in Bcrghaus* 
Physikalischem Atlas verwiesen, der am zugänglichsten sein dürfte. Aufserdem 
machen wir ganz besonders auf die gradezu unübertroffenen, von der Deutschen 
Seewarte herausgegebenen vier Karten der Windverhältnisse im Atlantischen und 
Indischen Ozean aufmerksam. Es sind für jeden Ozean je zwei entworfen, die eine 
stellt die Verhältnisse zur Zeit des Sommers, die andere zur Zeit des Winters dar. 
Diese Karten dürften sich für die Erleichterung des Verständnisses der folgenden 
Ausführungen am wertvollsten erweisen. Die zwei den Atlantischen Ozean betreffen- 
den Karten finden sich im Segelhandbuch f. d. Atlantischen Ozean, S. 40, 



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24fi G. Schott: 

Jedes Schiff, das den offenen Nordatlantischen Ozean bei den 
Scilly-Inseln betritt, hat zunächst das Bestreben, den Nordost-Passat 
zu erreichen, der ja eine bequeme Fahrt südwärts ermöglicht. In 
manchen Monaten, besonders im Frühling und dann wieder im Juli 
und August, reichen nördliche Winde öfters sehr weit herauf, bis an die 
portugiesische Küste, und in diesen Fällen wird es natürlich dem Segler 
verhältnismäfsig leicht gelingen, südwärts vorzuschreiten; er kann sich 
dann auch ziemlich nahe an Kap Finisterre wagen. In der Regel aber 
gilt es, zunächst für längere Zeit (bis etwa der 30. Parallel erreicht ist) 
gegen Winde, die vorwiegend aus dem westlichen Halbkreis wehen, 
anzukreuzen, um frei von Land zu kommen. Ist der Wind genau West, 
so kann ein Raesegelschiff bekanntlich — im günstigsten Fall — einen 
Kurs verfolgen, der nach SSW führt; näher als auf 6 Striche der Kom- 
pafsrose kann das Schiff nicht an den Wind gebracht werden. Weht also 
der Wind, wie es hier im Gefolge der ostnordostwärt» wandernden 
Depressionen sehr häufig eintritt, aus SW, dann kann nur SSO oder 
WNW gesteuert werden. Dies ist nun natürlich ungünstig, da beide 
Kurse ihre Nachteile haben. So vergehen meist reichlich 10 Tage, bis 
der Segler etwa mittwegs zwischen den Azoren und der portugiesischen 
Küste steht. Das sogenannte Azoren -Luftdruckmaximum mit seiner 
Neigung zu Windstillen und leichten, veränderlichen Winden stört den 
ausgehenden Segler durchschnittlich wenig, da es westlich vom Kurs 
liegen bleibt. 

Der Übergang zum Passat vollzieht sich daher ungemein häufig 
derartig, dafs der Wind bei steigendem Barometer von W über NW 
und N nach NO geht, ohne an Stärke zu verlieren. Meist wird Madeira 
oder auch die eine oder andere Insel der Canaren in Sicht gelaufen. 
Ob man dann ostwärts oder westwärts der Kap Verden passiert, ist 
nach allen den eingehenden Untersuchungen, die hierüber angestellt 
worden sind, ziemlich gleichgültig; neuerdings scheint die äufsere Route 
(westlich der Kap Verden) bei Rdscn, die über die Linie führen, 
häufiger eingeschlagen zu werden. Dagegen gehen begreiflicherweise die 
in die Bucht von Kamerun bestimmten Segler zwischen den Kap Verden 
und der afrikanischen Küste hindurch , und nähern sich dann immer 
mehr dem Land, zumal sie daselbst während eines grofsen Teils des 
Jahrs eine Strömung nach Osten und den SW- Monsun finden, der sie, 
wenn auch nicht schnell, voran bringt. Im grofsen Durchschnitt ist 

und sind auch in der Meteorol. Zeitschrift, Jahrgang 1885, März-April, 
Tafel 3, sowie in den Annalen der Hydrographie, Jahrgang 18941 Tafel 1 
wiedergegeben; diejenigen, welche sich auf den Indischen Ozean beziehen, bilden 
Taf. ao u. zi des Atlas für den Indischen Ozean, und sind auch in den 
Annalen der Hydrographie, Jahrgang 1894. Tafel 1 veröffentlicht. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segel Schiffahrt in der Gegenwart. 247 



die Fahrt an der Guinea-Küste sehr beschwerlich, da hier durchstehende, 
frische Winde selten sind, ganz abgesehen von den häufigen Gewitter- 
böen und Tornados, die eine besonders vorsichtige Navigierung er- 
heischen. 

Liegt der Bestimmungsort nun gar südlich der Linie, etwa an 
der Kongo-Mündung oder in Loanda, so gilt es, auch noch gegen den 
SO-Passat und gegen den hier nach Norden setzenden Strom (die so- 
genannte Benguela-StrÖmung) anzugchen. 

So erklärt es sich, dafs die Reisen bis Lagos eine mittlere Dauer 
von 45, bis zur Kongo-Mündung aber eine solche von 62 Tagen bean- 
spruchen! In der gleichen Zeit läuft der Segler im Westen des Atlanti- 
schen Ozeans nach Rio, bzw. bis in die Nähe der Falklands-Inseln 
oder bis Kapstadt! (vgl. Tafel 12.) Solche Verhältnisse sind charakte- 
ristisch und lehrreich, insofern dadurch die bestimmenden Faktoren 
des Luft- und Weltmeeres eine sozusagen zahlenmäfsige Beleuchtung 
erfahren. 

Nach Hafenplätzen, die noch südlicher als Loanda liegen, also 
z. B. nach Walfisch-Bai und nach Kapstadt, geht die Route nicht mehr 
längs der Küste, sondern es wird dann der grofse Umweg um den 
SO-Passat herum bis zu den westlichen Winden der Süd-Hemisphäre ein- 
geschlagen, wovon in § 2 die Rede sein wird. 

Wir haben hier noch einige Worte über die Heimreise der von 
West-Afrika kommenden Segler zu sagen. Die vom Kongo kommenden 
Fahrzeuge haben es jetzt — zurückkehrend — günstiger als die aus der 
Bucht von Biafra steuernden; denn letzteren ist jetzt der SW- Monsun 
und der Guinea-Strom hinderlich, während erstere vor dem SO-Passat 
weg nach NW laufen. Die von der Ober-Guinea-Küste heimwärts be- 
stimmten Schiffe gehen daher erst soweit südlich (manchmal bis zur 
Linie und darüber hinaus), bis sie den Bereich der Nordkante des 
Südaquatorial-Stromes fassen, der dann mit seiner durchschnittlich sehr 
grofsen Geschwindigkeit das Fahrzeug nach Westen führt. Etwa unter 
dem 20. westlichen Längengrad geht es dann wieder nordwärts, und 
dann befindet sich das Schiff in einer der befahrensten aller Meeres- 
gegenden. Denn durch das Zehngradfeld von o° bis io° n. Br. und 20 0 
bis 30 0 w. L. führen so ziemlich sämtliche Segelrouten sowohl der Aus- 
reisen wie der Heimreisen hindurch, und alle Segler, die vom Kap * 
Horn ebenso wie die vom Kap der Guten Hoffnung kommenden, 
verfolgen von hier aus eine und dieselbe Route bis nach Europa hin. 
Daher mag hier, wie soeben die Reise vom Kanal zur Linie, nun 
die Reise von der Linie zum Kanal kurz besprochen werden, indem 
wir dann später darauf nicht wieder zurückkommen. 

In dem atlantischen Kalmengürtel zwischen den beiden Passaten 



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248 



G. Schott: 



häufen sich oft ganze Flotten von Seglern an: es ist der wichtigste 
Rendezvous-Platz zur See. Die südliche Grenze des Kalmengürtels ver- 
ändert bei weitem nicht in dem Grad ihre geographische Lage im Laufe 
des Jahrs oder im Laufe weniger Tage, wie die Nordgrenze *). So gut 
oder so schlecht es geht, wird dieser Meeresstreifen durchquert; nördlich 
von io° Breite erhält man meist den NO-Passat und kann nun in höhere 
Breiten vorrücken. Ist der Wind aus NO, so kann etwa NNW- Kurs 
verfolgt werden, steht der Passat aber aus einer nördlicheren Richtung, 
so mufs man noch mehr nach Westen ausweichen, ob man will oder nicht. 
Man segelt also immer „bei dem Wind", d. h. man segelt einen Kurs, der 
der Himmelsgegend, aus welcher der Wind kommt, so sehr wie mög- 
lich sich nähert. Die Seeleute nennen dies: „den Passat durchstechen". 
Das Ausbiegen nach Westen macht sich auch noch aus einem andern 
Grund notwendig. Da der gerade Weg zum Kanal von der Linie her 
unmöglich ist, so mufs man auf der Heimreise, bei der man von vorn- 
herein westlicher steht als auf der Ausreise, besonders darauf Bedacht 
nehmen, dem westwärts der Azoren liegenden Luftdruckmaximum nicht 
zu nahe zu kommen. Meist gerät man aber doch in länger andauernde 
Windstillen, sobald man das Passatgebiet verlassen hat; denn der Rofs- 
breitengürtel wandert sehr vielfach, wovon man sich durch einen Einblick 
in die von der Deutschen Seewarte in Verbindung mit dem Dänischen 
Meteorologischen Institut herausgegebenen synoptischen Wetterkarten 
des Nordatlantischen Ozeans Uberzeugen kann. Daher ist die Azoren- 
Gegend ein zweiter Sammelplatz der Segelschiffe, allerdings nur der 
heimwärts bestimmten ; 40 und noch mehr Segelschiffe sind hier (bei 
Flores und Corvo) schon in Sichtweite von einander gewesen. Von hier 
an wird die letzte Wegestrecke mit NO-Kurs in Angriff genommen. Sehr 
häufig mufs dann, oft dicht vor dem Kanal, eine harte Geduldsprobe 
noch überstanden werden, indem durch die Wetterlage östliche Winde 
hervorgerufen werden, welche die westlichen Winde ablösen. 

Im ganzen ist daher die Heimreise (von der Linie zum Kanal) 
ungleich mühsamer und zeitraubender als die Ausreise; während der 
Äquator auf der Fahrt nach Süden heutzutage im Durchschnitt in 
einem Monat erreicht wird, wobei aber häufig eine bedeutend kürzere 
Zeit nur erforderlich ist, dauert die Reise nach Norden durchschnitt- 
lich fast 40 Tage, und schnelle Reisen in dieser Richtung sind ver- 
hältnismäfsig sehr selten. 

Soviel über die Segelrouten nach und von West-Afrika, und über 
die Routen nach und vom Äquator im allgemeinen. 



*) S. hierzu die lehrreiche graphische Darstellung im „Segelhandbuch für den 
Atlant. Ozean", hrsg. von der Deutschen Seewarte, S. 381. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen SegelschifTahrt in der Gegenwart. 249 



S 2. Nach und von dem Kapland, Ost-Afrika, Madagaskar 

und Mauritius. 

Auch diese Reisen stehen, ebenso wie die in $ i besprochenen, 
auf dem Aussterbe-Etat. Die wichtigsten Häfen für Segelschiffe sind 
Kapstadt, dann besonders die mächtig aufblühende Stadt Port Eliza- 
beth und Sansibar, ferner Tamatave und Nossi Be" auf Madagas- 
kar, endlich Port Louis auf Mauritius. Alle übrigen sonstigen bekannten 
Häfen, besonders diejenigen an der Mozambique-Küste, sind fast nie 
von deutschen Seglern besucht worden. Vor Eröffnung des Suez- 
Kanals fand hier begreiflicherweise ein viel lebhafterer Verkehr statt 
als heute; nach Sansibar z. B. kommen nur noch ganz selten deutsche 
Segler heraus, natürlich auf dem Weg um das Kap der Guten Hoffnung. 

Es erscheint angebracht, hier besonders zu erwähnen, dafe der Suez- 
Kanal ganz ausschliefslich dem Dampferverkehr dient. Man begegnet 
nicht selten der Meinung, dafs auch grofee Segler sich die Abkürzung 
des Weges zu Nutzen machten und, etwa auf Reisen nach Indien oder 
China, den Suez-Kanal passierten. Für den Fachman bedarf es nicht 
des Hinweises, dafs diese Meinung vollkommen irrtümlich ist und, man 
kann wohl sagen, eine einfache Unmöglichkeit in sich schliefst. Die 
Frachten, welche die Segler befördern, verlangen in erster Linie nicht 
eine schnelle, sondern eine billige Ablieferung; eine solche würde 
aber von vornherein durch die sehr hohen Kanalabgaben vereitelt. Der 
zweite, wichtigere Grund liegt in den ungünstigen Windverhältnissen 
des Roten Meeres. Wenngleich eine Art Monsunbewegung über dem- 
selben vorhanden ist, nämlich vielfache NW-Winde, zur Zeit unseres 
Sommers, SO-Winde zur Zeit des Winters, so sind dieselben infolge 
des Binnenmeer-Charakters des Roten Meeres doch so unbeständig, 
dafs an eine Navigierung auf demselben mit unseren grofsen Rae- 
schiffen gar nicht gedacht werden kann, um so weniger, als das Fahr- 
wasser vielfach höchst gefährlich und schmal ist, ein Segler aber 
doch nicht wie der Dampfer den geraden Kurs immer einzuhalten 
vermag. Aufserdem wäre das Rote Meer besten Falls nur in einer 
Richtung während einer bestimmten Jahreszeit befahrbar. Kurzum, 
das Rote Meer sieht keine unserer Segler auf seinen Fluten; die Segel- 
schiffsreisen auch nach Bombay, Karatschi u. s. f. erfolgen sämtlich 
um die Südspitze Afrikas. — 

Diesen Reiseweg um das Kap der Guten Hoffnung müssen wir 
nun etwas näher betrachten, da er einer der wichtigsten grofsen See- 
wege ist. Wie in einigen zusammenfassenden Bemerkungen am Schlufs 
gezeigt werden soll (s. Tab. VII), werden im Jahresdurchschnitt etwa 
125 Reisen um das Kap der Guten Hoffnung (in der einen oder anderen 



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250 



G. Schott: 



Richtung) allein von solchen deutschen Segelschiffen ausgeführt, die ein 
Journal der Seewarte führen. Für das Kap Horn ist diese Zahl 127, 
also praktisch genommen ganz dieselbe. Wenn man aber bedenkt, dafs 
auf der Fahrt nach dem fernen Osten der Suez-Kanal dem Dampfer- 
verkehr zur Verfügung steht, wodurch natürlich ein aufserordentlicher 
Druck auf den Seglerverkehr ebendahin ausgeübt wird, so mufs man 
die Bedeutung der Fahrt um das Kap um so höher anschlagen, wenn 
die Zahl der hier ausgeführten Reisen derjenigen rund Kap Horn 
gleichkommt. 

Die grofse Verkehrshäufigkeit um das Kap wird hauptsächlich 
durch die Ausreisen hervorgerufen, für welche günstige meteorologische 
Verhältnisse vorliegen, wenn man nur den richtigen Weg einschlägt. 

Nehmen wir an, der Segler sei von Hamburg nach Sansibar oder 
Indien oder Australien bestimmt, so kennen wir seinen Reiseweg bis 
zum Passieren des Äquators im Atlantischen Ozean 1 ). Hat er auf etwa 
2 0 bis 3* n. Br. den SO-Passat gefafst, so kann er zunächst nur SSW 
segeln, in derselben oben beschriebenen Weise „am Winde" steuernd, 
wie der von der Linie zum Kanal heimkehrende im NO-Passat. Die 
Durchquerung des Südatlantischen Ozeans stellt sich bei einem Be- 
stimmungsort, der die Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung er- 
heischt, auf der Merkatorkarte in der Regel als eine äufserst regel- 
mäfsige Kurve dar, fast in der Form eines Halbkreises 2 ). Zuerst ist 
der SO-Passat zu „durchstechen"; darauf kann man, wenn man sich 
hütet, zu früh ostwärts zu steuern, Nordwinde erwarten, welche in 
NW- und West-Winde beim Vorschreiten in immer höhere südliche 
Breiten Übergehen. Das ziemlich genau in der Mitte des südatlanti- 
schen Ozeans gelegene Luftdruckmaximum, das sich zwischen Passat- 
und Westwinden einlagert, wird daher an seinem westlichen Rande 
umfahren, und zwar beträgt die mittlere Fahrzeit vom Äquator bis zum 
Meridian des Kap Agulhas 30 Tage, so dafs also im Mittel die Länge 
des Kap der Guten Hoffnung zwei Monate nach dem Verlassen des 
Englischen Kanals erreicht wird. Wir sagen absichtlich „die Länge 
des Kap", und nicht das „Kap" selbst. Denn es ist wohl zu beach- 
ten, dafs — den Fall ausgenommen, in welchem Kapstadt selbst das 
Ziel der Reise bildet — auf den Ausreisen das Kapland nie in Sicht 
gelaufen wird; man bleibt heutzutage, da man die Windverhältnisse 
dank englischen und holländischen Untersuchungen sehr genau kennt, 



«) s. § 1 S. 246. 

>) Welche bedeutenden Abweichungen hiervon jedoch vorkommen können, 
dafür ist ein Beispiel der Reiseweg des Verf., welcher sich auf Taf. I der Ver- 
handlungen der Ges. f. Erdkunde, 1893, eingetragen findet. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 251 

aus guten Gründen stets in einem grofsen Abstand vom Land. Der 
aus dem Mozambique-Kanal mit ganz beträchtlicher Geschwindigkeit 
an der afrikanischen Küste nach Süden und Westen setzende Agulhas- 
Strom macht es fast unmöglich, selbst mit gutem Wind unter der Küste 
ostwärts vorzudringen, weshalb Schiffe, die nach Port Elizabeth oder 
nach Häfen nördlich davon bestimmt sind, in einem weiten, südlich 
vom Strom verlaufenden Bogen erst ostwärts gehen und dann, ge- 
wissermafsen zurückkehrend, nach Norden und Westen einlenken. Ein 
zweiter Grund, der die in der Ausreise begriffenen Segler das Kapland 
meiden läfst, sind die Winde daselbst, welche zur Zeit des südlichen 
Sommers sehr vielfach aus SO wehen, indem man dann häufig ein un- 
unterbrochenes Band passatartiger Winde sowohl östlich wie südlich 
und westlich vom Kapland, d. h. im Indischen und im Atlantischen 
Ozean, zu beobachten Gelegenheit hat. 

Die durchstehenden Westwinde, die allbekannten Mau ry 'sehen 
„brave winds", welche der Ostindien- und Australienfahrer aufsucht, 
sind erst von 39 0 s. Br. polwärts im Lauf des ganzen Jahres mit 
grofser Wahrscheinlichkeit zu finden: und deshalb verläuft der grofse 
Weltverkehr nach dem fernen Osten längs der Breitenparallele von 39 0 
bis etwa 45 °. 

Nautisch-technische Schwierigkeiten macht daher die Umschiffung 
des Kap auf einer Fahrt nach Osten nicht mehr; und wenn ungefähr 
die Länge des Mozambique-Kanals erreicht ist, so wird allmählich nach 
Norden aufgesteuert, wobei man sich, hauptsächlich wegen der Agulhas- 
Strömung, nahe der Westküste Madagaskars hält, um so, langsam vor- 
rückend, Sansibar nach etwa dreimonatiger Fahrzeit zu erreichen. 
Nach Mauritius und den Häfen Madagaskars gelangt man im Mittel 
schon nach 80 Tagen. 

Durchaus verschieden und recht schwierig gestaltet sich die Rück- 
reise von Ost-Afrika. Da man in einem Teil der Strafse zwischen dem 
Festland und Madagaskar stets Gegenwinde (den SO-Passat) antrifft, 
sei es nun in der Nähe der Komoren (zur Zeit des südlichen Winters), 
sei es weiter südlich (so in den Monaten Januar, Februar), so mufs 
auf einem beträchtlichen Teil des Weges gegen den Wind gekreuzt 
werden; südlich vom Wendekreis ist der Fortschritt meist ein gröfsc- 
rer, da der nunmehr günstige Meeresstrom von hier ab an Geschwindig- 
keit bedeutend gewinnt. 

Aufserordentlich beschwerlich, ja in gewissem Sinn gefährlich ist 
nun die Umschiffung des Kap der Guten Hoffnung in der Richtung 
nach Westen, zumal im südlichen Winter. Der erste Grundsatz auf 
dieser Wegestrecke ist der: im allgemeinen möglichst nahe an Land 
bleiben, wo man vielfach nicht die ganze, volle Wucht der einher- 

Zeiuchr. d. Gcaelltch. f. Erdk. Bd. XXX, 1895. 18 



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252 



G. Schott: 



brausenden Weststürme auszuhalten hat, und wo gleichzeitig der 
Agulhas-Strom das Fahrzeug recht gegen den Wind nach Westen hin 
trägt. Dadurch nun, dafs der von den Winden erzeugte Seegang 
meist genau die entgegengesetzte Richtung von der Pachtung des 
fliefsenden Wassers des Agulhas-Stromes hat, entstehen jene gewaltigen 
und für die tiefbeladenen Schiffe gefährlichen Wellen, durch welche 
das Kap der Guten Hoffnung von jeher in seemännischen Kreisen be- 
rüchtigt ist. Der Agulhas - Strom ist eine ganz ungeheure Hilfe bei 
dieser Umsegelung; es sind schon Schiffe durch denselben den West- 
stürmen entgegen nach Westen um eine Strecke von 500 Seemeilen 
getragen worden, und einen Nutzen von 150—200 Seemeilen hat man 
meist. Doch hilft der Strom nicht ganz um das Kap herum, sondern 
nur bis zur Ostkante der Agulhas-Bank, also etwa bis 22 0 ö. L., die 
Länge des Kap aber ist 18 0 ö. L. Der Strom läuft an der Agulhas- 
Bank nach Süden und biegt dann ganz nach Südosten um; deshalb 
mufs das letzte Stück des Weges ohne seine Unterstützung gemacht 
werden, und damit verlängert sich die Reise oft ganz bedeutend. Es 
ist auch zu bemerken, dafs allerdings seltene Fälle vorkommen, in 
denen die Agulhas-Strömung auffallenderweise fast ganz ausbleibt, und 
Gegenströmungen nach NO dicht unter Land komplizieren auch hier 
noch die Segelanweisungen, welche also nur im allgemeinen möglichste 
Landnähe des Schiffes fordern. 

Es vergehen, wenn es das Mifsgeschick will, unter Umständen 
zwei Monate, ehe es dem Fahrzeug gelingt, herum zu kreuzen. Andrer- 
seits ereignen sich natürlich auch Reisen, welche einen verhältnismäfsig 
ruhigen Verlaufnehmen, wie z. B. diejenige des Verfassers im Juli 1892; 
wir benötigten von 30° s. Br. und 36 0 ö. L. (Indischer Ozean) bis nach 30 0 
s. Br. und 1 1 0 ö. L. (Atlantischer Ozean) 16 Tage, hatten nur an zwei Tagen 
harten Sturm und an drei anderen Tagen stürmischen Wind. — Die viel- 
besprochenen Fahrten um das Kap haben ja sowohl dem Aberglauben 
wie der Poesie reichen Stoff geliefert; derjenige, der lebensvolle Be- 
richte über diese Reisen aus sachkundiger Feder lesen will, mag be- 
sonders auf einen Aufsatz von Kapt. C. H. Seemann 1 ) hingewiesen 
werden, in welchem mit meisterhafter, wahrhaft dramatischer Anschau- 
lichkeit die Ereignisse solcher Sturmtage am Kap geschildert sind. 

Die Umsegelung des Kap Horn nach Westen macht im ganzen 
genommen nicht die gleichen Schwierigkeiten, trotz der viel höheren 
geographischen Breite; es liegen die Verhältnisse an der Südspitze 



V) „Sechs Reisen um das Kap der Guten Hoffnung, ausgeführt im süd- 
lichen Winter", s. Annalcn der Hydrographie 1891. S. 320 — 340 (besonders 
s - 331—334). 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 253 

Süd-Amerikas einheitlicher, da dort der dem Wind entgegenfliefsende 
Strom fehlt. Wir werden darauf in S 10 zurückkommen. 

Wenn das Kap der Guten Hoffnung glücklich dubliert ist — man 
kommt häufig so nahe daran vorbei, dafs man den Tafelberg und 
auch die Kapstadt ganz deutlich liegen sieht — , so ist der fernere 
Weg im Südatlantischen Ozean heimwärts leicht auszuführen. Vor 
einem meist flauen, aber doch immer vorhandenen SO-Passat läuft der 
Segler an St. Helena und Ascension vorbei zum Äquator, wo er zu den 
von West-Afrika kommenden Schiffen stöfst; dieser letzte Teil der Heim- 
reise ist schon in § i beschrieben. — 

Nachdem die wichtigsten Punkte, die bei einer Segelfahrt nach 
und von Ost-Afrika und überhaupt bei den Reisen um das Kap in 
Frage kommen, angegeben sind, erübrigt es noch, einige wenige Mit- 
teilungen über die Frachten, welche der Seglerverkehr auf diesen 
Routen bewegt, zu sagen. 

Zunächst ist zu bemerken, dafs zahlreiche Schiffe nach dem Kap- 
land gehen, aber von da nicht nach Europa zurückkehren, sondern 
aus Mangel an passender Ladung in Ballast nach irgend welchen 
anderen Häfen, sei es in Indien oder in Australien, ostwärts weiter 
segeln. Darum sind die Ausreisen hier häufiger vertreten als die 
Rückreisen; in den Jahren 1883 bis 1892 verzeichnet das Eingangs- 
journal der Seewarte 55 Ausreisen nach dem Kapland, Ost-Afrika oder 
Madagaskar, aber nur 24 Heimreisen von da. Die Ladung nach dem 
Kapland besteht meist aus englischer Kohle oder aus schwedischem 
Bauholz, nach Ost-Afrika bilden oder richtiger bildeten die Erzeugnisse 
der Textil-Industrie einen bedeutenden Anteil der Seglerfrachten. Rück- 
kehrende Schiffe laden in Sansibar Gewürznelken, Kopra und Gummi. 
Für die wenigen vom Kapland heimwärts bestimmten Segler ist Schaf- 
wolle der erste und einzige Exportartikel. 

§ 3. Nach und von dem Arabischen Meer, sowie nach und 

von der Bai von Bengalen. 

S 4. Nach und von Singapur und den Sunda-Inseln, 
ausschliefslich der Phi lip p i nen. 

Während in den SS 1 und 2 Reisewege nach Ländern besprochen 
worden sind, die heuzutage nur noch einen ganz geringen Verkehr 
von Segelschiffen aufweisen, gelangen wir hiermit zu einem Gebiet, 
welches für die deutsche Segelschiffahrt von gröfster Bedeutung ist 
und darin nur von der Westküste Süd-Amerikas übertroffen wird. Wenn 
man einige durchaus auch nicht unwichtige Verkehrsartikel unberück- 
sichtigt läfst, so kann man die Fahrten der deutschen Segler nach den 
indischen Gewässern durch das eine Wort „Reis fahrten" charaktcri- 

18* 



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254 



G. Schott: 



sieren, diejenige nach den Gewässern der Westküste Süd-Amerikas durch 
„Salpeter fahrten". Reis, welcher in den hinterindischen Ländern 
in ungeheuren Mengen der Ausfuhr zur Verfügung steht, ist der erste 
und durchaus überwiegende Faktor, der das deutsche Segelschiff nach 
dem Osten lockt. 

In den Tabellen sind die Häfen des Arabischen Meeres sowie der 
Bai von Bengalen getrennt worden von denjenigen der Sunda-Inseln, 
um einzelne auffallende Verhältnisse hinsichtlich der Ausreisen und 
Heimreisen nicht zu verwischen. Hier bei der Besprechung dieser 
Fahrten empfiehlt es sich, diese beiden Paragraphen zusammenzufassen, 
da die Reisfahrt sich — in einer ganz bestimmten Weise — auf beide 
Gebiete ausdehnt. 

Betrachten wir die Verhältnisse der Reis fahrt und das, was 
mit derselben zusammenhängt, etwas näher. Zu nennen sind folgende 
Häfen der Sunda-Inseln: an der Malakka-Strafse Pinang und Singa- 
pur; auf Java: Batavia, Samarang und Surabaya; auf Celebes 
Makassar. An keinem dieser Plätze wird Reis zur Ausfuhr nach Eu- 
ropa verfrachtet, es sind dies keine Reishäfen; dagegen werden hier, 
besonders in Singapur, Kohlen stets gern angenommen, weil der Be- 
darf hierfür infolge des sehr lebhaften Dampferverkehrs ein ganz ge- 
waltiger ist. Reishäfen in des Wortes eigenster Bedeutung sind: 
Rangun im Irawaddi -Delta am Pegu-Flufs, weitaus der bedeutendste 
Platz in dieser Hinsicht, dann Saigon im Mekong-Delta, ferner Bang- 
kok, Bassein (am Irawaddi), Akyab (im nordöstlichsten Teil der 
Bai von Bengalen) und endlich Moulmein (im Golf von Martaban). 
Die Häfen sind in der Reihenfolge ihrer Bedeutung für den Reis- 
handel aufgeführt; Britisch-Birma hat demnach die gröfste Zahl zu 
verzeichnen. 

Nun vollzieht sich ein aufserordentlich lebhafter Segelschiffsverkehr 
mit den hinterindischen Gewässern in der Weise, dafs die Segler nach 
den erstgenannten Plätzen der Sunda-Inseln englische Kohlen als Fracht 
der Ausreisen bringen, dann in Ballast einen der Reishäfen aufsuchen und 
mit Reis vollbeladen nach Europa zurückkehren. Auf diese Weise findet 
eine grofse Zahl der deutschen Segelschiffe, besonders solcher von Bre- 
men, die in diesen Fahrten von jeher ein Ubergewicht über die Hamburger 
zu verzeichnen haben, eine lohnende Beschäftigung, und zwar werden 
diese Fahrten in einem ganz regelmäfsigen jährlichen Turnus ge- 
macht, für welchen die Zeit der Reisernte in Indien mafsgebend ist. 
Die Zeit der Verschiffung des Reises dauert etwa von Ende Januar 
bis Ende Mai; daher verläfst die deutsche „Reisflotte" unsere Heimats- 
häfen in Ballast etwa im Juli, August und September, so dafs einen 
Monat später die Ausreise nach Indien von einem englischen Kohlen» 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Scgelschiflahrt in der Gegenwart. 255 



platz aus angetreten werden kann. Der wichtigste Ausgangspunkt ist 
Cardiff, wo die für Schiffszwecke so vorzügliche Wales-Kohle einge- 
nommen wird. Rechnen wir nun etwa 110 — 120 Tage Reise (länger 
dauert die Fahrt nach Singapur selten), so kommt der Segler im 
December, Januar oder Februar an, hat dann 1 — 2 Monate Zeit, um 
die Kohlenladung zu löschen und zugleich nach dem Reishafen zu 
versegeln ; von Anfang Februar an kann die Heimreise angetreten 
werden, welche im Juni, Juli oder August, je nach dem Datum der 
Abfahrt, beendet wird, worauf im Spätsommer und Anfang Herbst eine 
neue Rundtour beginnt. 

Wenn möglich, richten sich die Schiffe also derart ein, dafs sie 
um die Zeit von Weihnachten und Neujahr Hinter-Indien erreichen und 
vor Eintritt des SW-Monsuns dasselbe wieder verlassen. Bis vor we- 
nigen Jahren wurde fast ausschliefslich Paddy, d. i. Reis in der Hülse, 
verschifft, welcher dann in den Reismühlen hier zu Lande enthülst 
und weiter zu Stärke verarbeitet wird, soweit er nicht sogleich ver- 
braucht wird. Neuerdings sind grofsartige Reismühlen, die Verfasser z. B. 
in Cholon bei Saigon zu bewundern Gelegenheit hatte, von Grofs- 
kaufleuten in Indien eingerichtet worden, wobei vielfach deutsches 
Kapital hervorragend beteiligt ist, und damit ist nunmehr die Möglich- 
keit gegeben, während des ganzen Jahres Reisfrachten zu befördern, 
und es ist jetzt die Reisfahrt der deutschen Segelschiffe nicht mehr 
so streng an die Jahreszeit gebunden wie früher. — Der Wert der 
Reisausfuhr Birmas bezifferte sich im Jahr 1888/89 auf über 130 Mil- 
lionen Mark und repräsentierte damit 70 Prozent des Wertes der Ge- 
samtausfuhr Birmas. In jenem Jahr besuchten allein den Hafen 
Rangun 306 grofse Segelschiffe (die Küstenfahrt ist dabei nicht einbe- 
griffen). 

Nach der Reisfahrt folgt, jedoch in einem sehr weiten Abstand 
hinsichtlich der wirtschaftlichen Bedeutsamkeit, der Verkehr, der sich 
auf die Jute-Ausfuhr stützt. Während die Routen der Reisfahrer 
sämtlich nach hinterindischen Plätzen gerichtet sind, bewegt sich der 
Handel mit Jute über Vorder-Indien, und es ist ausschliefslich Cal- 
cutta, welches diese Frachten den Segelschiffen liefert, da allein im 
Hinterland Calcuttas, in Bengalen, Jute erzeugt wird. Nach Cal- 
cutta gehen die deutschen Segelschiffe fast immer geradeswegs, also 
ohne erst in Singapur u. s. w. zu löschen, da Calcutta selbst grofsen 
Import zu verzeichnen hat, was bei den vielen elenden, bedürfnislosen 
Reishäfen, die eben einzig und allein auf Grund der Reisausfuhr be- 
stehen, nicht der Fall ist. Nach Calcutta bringen die Segler Kohlen, 
Salz oder Petroleum. 

Nach Madras und Ceylon besteht kein Verkehr von Seiten 



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256 G. Schott: 

unserer Segelschiffe; Bombay wird seit Eröffnung des Suez -Kanals 
nur selten noch von ihnen aufgesucht, obschon der Handel Bombays 
denjenigen von Calcutta übertrifft. Zuweilen segelt ein Schiff noch 
weiter nördlich im Arabischen Meer, nach Karatchi, wo Weizen ver- 
schifft wird, doch erreicht der Segelschiffsverkehr im Arabischen Meer 
auch nicht annähernd die Bedeutung desjenigen in der Bai von Bengalen. 

Es ist noch eine Gruppe von Seglern zu nennen, nämlich die- 
jenigen, die von den Inseln Niederländisch -Indiens heimkehren. Wir 
erwähnten schon oben die wichtigsten Häfen auf Java und Celebes, 
welche von den Seglern auf der Ausreise angelaufen werden. Meist 
gehen nun diese Fahrzeuge nach den Reishäfen weiter; doch finden 
sie manchmal sehr lohnende Frachten für die Rückreise auf den Sunda- 
Inseln selbst, nämlich Zucker, Kaffee und Pfeffer. Häufig sind 
heute nur noch Zuckerverladungen von Java nach Europa; die kost- 
baren Kaffee- und Tabakladungen haben die Dampfer fast ganz an 
sich gerissen. Aus gleichem Grunde finden auch in Singapur, jenem 
gewaltigen Stapelplatz indischer Naturprodukte, die Segler vergleichs- 
weise selten lohnende Rückfrachten, und sie gehen deshalb, wie schon 
beschrieben wurde, nach den Reishäfen weiter, wenn sie ihre Kohlen 
gelöscht haben. 

Nach Ausweis der am Schlufs dieser Darlegungen gegebenen Ta- 
bellen sind in den Jahren 1883 bis 1892 von Seglern, die für die Deutsche 
Seewarte beobachten, 186 Ausreisen nach Pinang, Singapur und den 
Sunda-Inseln ausgeführt worden, aber nur 87 Heimreisen, was sich 
aus den geschilderten Verhältnissen der Reisfahrt erklärt. Die fehlen- 
den 100 Heimreisen sind nämlich in den 237 Heimreisen enthalten, 
welche von der Bai von Bengalen aus angetreten worden sind; Aus- 
reisen nach derselben sind nur 102 verzeichnet, sodafs also noch 
aufserdem über 100 Fahrten von den Reishäfen durch solche Segler 
gemacht worden sind, welche von irgend einer anderen Weltgegend 
herkommend Birma aufgesucht haben. In der That werden die an 
der Bai von Bengalen gelegenen Reisplätze von Schiffen besucht, die 
vielleicht in Australien oder China oder dem Kapland die Ladung 
der Ausreise gelöscht haben und dann die weite Zwischenreise in 
Ballast nicht scheuen, nur um Fracht für die Rückkehr zu erhalten. 

Der gesamte Seglerverkehr mit Ost-Indien beläuft sich hiernach auf 
612 direkte Fahrten, dies macht 13,7 Prozent der Gesamtsumme aller 
Segelschiffsreisen aus. Die mittlere abzusegelnde Entfernung in der 
einen oder anderen Richtung kann ungefähr auf 11 400 Seemeilen ver- 
anschlagt werden, und wir erhalten dann eine Verkehrsdichte von 
etwa 107 Seemeilen auf je 1000 Seemeilen für die Fahrt nach und 
von der Bai von Bengalen, sowie eine solche von 87 Seemeilen auf je 



■ 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Seeschiffahrt in der Gegenwart. 257 

1000 Seemeilen für diejenige im Verkehr mit den Sunda-Inseln. Hier- 
nach ist die Verkehrsfrequenz mit den Ländern an dem Bengalischen 
Meerbusen die drittgröfste, sie wird nur von derjenigen mit der 
Westküste Süd-Amerikas und von der mit Australien übertroffen. 

Sehen wir nun, da wir die wichtigsten Verkehrsbeziehungen der 
Segelschiffe zwischen Europa und Ost-Indien kennen gelernt haben, 
zu, in welcher Weise die Reisen auf diesen Seewegen ausgeführt wer- 
den. Wir brauchen nur den Teil der Reisen, welcher in den In- 
dischen Ozean fällt, zu besprechen, da die Fahrt rund um das Kap 
sowohl für die Ausreisen als für die Heimreisen behandelt ist. Der 
nach Singapur bestimmte Segler hält sich ziemlich bis zur Länge von 
Ceylon ungefähr auf derselben Breite, wie er sie beim Kap innegehabt 
hat, nämlich etwa 41 ° s. Br. Erst in der Gegend von St. Paul und 
Amsterdam verläfst er das Bereich der Westwinde, mit deren Hülfe er 
die Länge abgelaufen hat, und steuert nun entschieden nordwärts. 
Ein bis zwei Tage gehen in der Regel in dem Rofsbreitengürtel des 
südlichen Indischen Ozeans verloren, dann wird der Passat erreicht, 
welcher besonders in den südlichen Wintermonaten eine vorzügliche 
Gelegenheit zur Entwickelung grofser Fahrtgeschwindigkeiten giebt, 
da seine Stärke durchschnittlich recht beträchtlich, jedenfalls viel er- 
heblicher als diejenige des Passats im Südatlantischen Ozean ist. 

Bevor der SO-Passat abbricht, hat sich der Schiffsfiihrer zu ent- 
scheiden, welchen Weg er zum Ziel zu verfolgen hat, ob er durch die 
Malakka -Strafse oder durch die Sunda-Strafse nach Singapur geht. 
Ausschlaggebend ist dafür die Jahreszeit. Der zur Zeit unserer Winter- 
monate in der Java-See herrschende NW- Monsun verbietet den nächsten 
Weg durch die Sunda-Strafse, und da, wie wir sahen, die meisten 
Segler um Neujahr Singapur erreichen, so folgt daraus, dafs der 
gröfste Teil dieses Verkehrs um die Nordspitze von Sumatra (Atjeh) 
sich herumbewegt und von der Malakka-Strafse her Singapur ange- 
laufen wird. 

Die Schiffe treffen im offenen IndischenOzean westwärts der West- 
küste Sumatras, meist zwischen 7 0 s. Br. und 2° n. Br., auch den 
NW-Monsun, der häufig von sehr grofser Stärke, schlechtem Wetter 
und heftigen Stromversetzungen nach SO (Aquatorial-Gegenstrom 1) be- 
gleitet ist, haben aber hier den Vorteil freien Fahrwassers. Nach 
iootägiger Reise ist der Äquator zum zweiten Mal überschritten; eine 
oft mit sehr grofsem Zeitverlust verknüpfte Wegstrecke folgt dann, 
nämlich diejenige bis Atjeh, da auf derselben Windstillen aufser- 
ordentlich häufig und anhaltend sind. 

Hat das Schiff erst den NO-Monsun gefafst, dann geht es, wenn 
auch langsam, doch ziemlich stetig zum Ziel. - Ein erfreulicher Be- 



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258 



G. Schott: 



weis für die zunehmende Leistungsfähigkeit der deutschen Seglerflotte 
— so schreibt die Seewarte im Segelhandbuch für den Indischen 
Ozean, S. 659 Anm. — ist die Abnahme der mittleren Reisedauer nach 
Singapur in den letzten 20 Jahren. Die Reisedauer, vom englischen 
Kanal ab gerechnet, betrug nämlich 
für die Jahrgänge 1870- 1877 122,9 Ta g e (Mittel aus 25 Reisen) 
11 1* 

1878-1881 119,6 „ ( „ 37 11 ) 

11 1; 

1882 - 1886 118,3 M ( „ 5° II ) 

1887 - 1890 114,6 „ ( „ 38 „ ) 
Die schnellste Reise, die bis heute von einem für die Deutsche See- 
warte beobachtenden Schiff nachSingapure ausgeführt worden ist, dauerte 
91 Tage, die schnellste nach Bassein 86, nach Calcutta 87 Tage. — 
Über die Rückreisen von Ost-Indien braucht kaum etwas gesagt zu 
werden; geht das Schiff von Rangun aus, so findet es auf See, wenn 
die Abfahrt in die Reissaison noch fällt, NO-Monsun, der bis zur 
Linie ein vergleichsweise schnelles Fortschreiten ermöglicht. Die 
gröfste Verzögerung tritt dann stets zwischen o° und io° s. Br. ein, 
da hier auf aufserordentlich breiter Zone nichts als flaue, veränder- 
liche Winde und Windstillen zu herrschen pflegen. Ist das Schiff 
erst in den Bereich des SO-Passats gelangt, so ist die Fortsetzung 
der Fahrt bis zur Küste von Afrika, welche in der Regel in der Nähe 
von Natal in Sicht gelaufen wird, ohne Schwierigkeiten durchzuführen. 
Die Segelroute führt also nahe an Mauritius und der Südspitze Mada- 
gaskars vorüber; da die ersten der heimkehrenden Reisfahrer schon 
etwa im März hier vorbeipassieren, so besteht für dieselben eine nicht 
zu unterschätzende Gefahr in der Möglichkeit, von einem der Mau- 
ritius-Orkane erfafst zu werden, und in der That haben schon viele 
dieser Wirbelstürme den zahlreichen, gerade in den Hochsommer- 
monaten der südlichen Halbkugel heimkehrenden Ost-Indienfahrern übel 
mitgespielt. 

Verläfst das Schiff nach Mitte Mai erst den Reishafen, so mufs es 
auf der Wegesstrecke, die unter nördlicher Breite liegt, gegen den 
SW-Monsun ankreuzen, was ohne Zeitverlust nicht auszuführen ist, zu- 
mal dann eine starke Strömung nach Norden und Osten vorhanden zu 
sein pflegt. Am mühsamsten ist natürlich diese Fahrt in unserem 
Sommer von Calcutta und Akyab aus, da über die ganze Breite der 
Bai von Bengalen nach Süden zu kreuzen ist; Rückreisen um diese 
Jahreszeit werden daher möglichst vermieden. Von Bombay aus ist 
diese Reise etwas leichter auszuführen, da der Monsun im Arabischen 
Meer zwar sehr steif, aber aus Westrichtung weht; man segelt mit diesem 
Wind in nicht zu grofsem Abstand von der Malabar-Küste nach SO und 
wendet erst auf südlicher Breite den Kurs nach SW (s. Tafel 11). 



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Die Verkehrswege der Iransozeanischen SegelschifTahrt in der Gegenwart. 259 



Begreiflicherweise sind infolge des an den indischen und ost- 
asiatischen Küsten so ausgebildeten Monsun-Phänomens die Reiserouten 
je nach der Jahreszeit aufserordentlich verschieden, wie schon zum 
Teil aus dem Gesagten erhellen dürfte. Im einzelnen kann hierauf 
nicht eingegangen werden, es wird nur bemerkt, dafs die auf Taf. n 
verzeichneten Segelrouten im allgemeinen die zur Zeit unseres Sommers 
befolgten darstellen. 

Die Dauer der Rückreisen von der Bai von Bengalen zum Eng- 
lischen Kanal ist im grofsen Durchschnitt 130 Tage, also wiederum, 
wie wir dies auch auf den anderen Routen fanden, etwas länger als 
die der Ausreisen. 

Für denjenigen, der mit der Technik der Segelschiffahrt vertraut 
ist, würde eine Besprechung der vielen, mehr oder wenig ausgedehn- 
ten Zwischenreisen, welche im Sunda-Archipel ausgeführt werden, be- 
sonderes Interesse haben; denn in diesen Gewässern komplizieren sich 
die Segelanweisungen infolge der Mannigfaltigkeit der zu berück- 
sichtigenden Faktoren ganz aufserordentlich, und ich habe schon an 
anderer Stelle 1 ) Gelegenheit genommen, auf die grofse wissenschaft- 
liche und praktische Bedeutung hinzuweisen, die eine eingehende 
Spezialuntersuchung der meteorologischen und ozeanographischen Ver- 
hältnisse der Malaiischen Inselwelt haben würde. Hier verlangen Be- 
rücksichtigung einmal die Winde, dann die sehr wechselvollen Strö- 
mungen des Wassers, aufserdem das meist enge und gefährliche Fahr- 
wasser, und so kommen die sonderbarsten Segelrouten zu Stande, 
welche aber sämtlich auf langjährigen Erfahrungen beruhen. Die haupt- 
sächlichsten derselben findet man auf den Tafeln No. 33 und 34 
im Atlas des Indischen Ozeans (hrg. von der Deutschen Seewarte) 
eingezeichnet. 

Die in Verbindung mit der Reisfahrt stehenden wichtigsten 
Zwischenreisen sind folgende: von Singapur oder Pinang nach Ran- 
gun oder Bassein oder Akyab, von Singapur nach Bangkok oder Sai- 
gon. Auch von Java und Makassar aus werden die birmanischen Häfen 
aufgesucht; die Reise geht dann durch die Java-See, darauf durch die 
Karimata- oder Gaspar-Stralse bis in die Nähe von Singapur und von 
hier aus nordwärts weiter durch die Malakka-Strafse. Trifft es sich 
aber so, dafs man in die Java-See zur Zeit des stärksten Westmonsuns 
gelangt, so wird es meist nötig, dafs man durch die Sunda- oder Bali- 
Strafse in den offenen Indischen Ozean hinausgeht und auf diesem 
grofsen Umwege westwärts von Sumatra die Bai von Bengalen zu ge- 
winnen sucht. Eine recht mühselige Zwischenreise von Atjeh über 

») s. Peterm. Mittlgen. Ergänz -Heft No. 109, S. 7 u. 8- 



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260 



G. Schott: 



Singapur nach Saigon ist früher vom Verfasser kurz beschrieben 
worden 1 ). 

§ 5. Nach und von Ost-Asien. 

Hierunter sind die Fahrten nach und von Bangkok und Saigon 
verrechnet (obwohl diese Häfen hinsichtlich ihres Verkehrs zu den 
Reishäfen gehören), ferner diejenigen nach und von den Philippinen; 
aufserdem ist der Verkehr mit China, Japan und den Amur-Ländern 
einbegriffen. 

Die Zahl aller Reisen, welche das Journal der Deutschen See- 
warte während der Jahre 1883 bis 1892 verzeichnet, ist 161; das 
sind nur 3,6 Prozent aller überhaupt ausgeführten Fahrten. 

Der Segelschiffsverkehr nach dem fernen und fernsten Osten ist 
also nicht bedeutend, er nimmt nächst demjenigen mit Afrika die 
unterste Stelle ein; dabei sind aber die gewaltigen Entfernungen, welche 
auf diesen Reisen abzusegeln sind, wohl mit in Betracht zu ziehen. Es 
sind die durchschnittlich weitesten Strecken, da man 13 bis 14000 See- 
meilen für jede einzelne Fahrt rechnen darf. Die Entfernung nach 
Yokohama (um das Kap der Guten Hoffnung) ist auf 14 440 Seemeilen 
= 27 000 km zu veranschlagen; dagegen treten selbst die mittleren 
Entfernungen zwischen Kanal und der Westküste Central- und Nord- 
Amerikas zurück. 

Bis in die siebziger und noch zu Anfang der achtziger Jahre be- 
stand eine ungemein lebhafte Küstenschiffahrt deutscher Segler an 
der chinesischen Küste. Sehr viele der heute fahrenden Kapitäne 
haben als Matrosen oder Steuerleute mehrere Jahre „draufsen an der 
China-Küste" zugebracht; hunderte von den damals üblichen kleinen 
Barken fanden in jenen Zeiten kurz nach der Eröffnung der Traktat- 
häfen lohnende Beschäftigung, damals ist auf diese Weise viel Geld 
verdient worden, was ja bekanntlich heutzutage, wie behauptet wird 
nirgends eigentlich noch der Fall ist. 

Der Grund, weshalb die europäischen Segler dort so begehrt waren, 
liegt in dem Umstand, dafs dieselben zu jeder Zeit eine Reise auszu- 
führen im stände sind, d.h. auch gegen den herrschenden Monsun. 

Die chinesischen Djunken, im allgemeinen sehr seetüchtige Fahr- 
zeuge, vermögen gegen einen steifen Wind, wie es z. B. der während 
des gröfsten Teiles des Jahres wehende NO -Monsun ist, nicht anzu- 
kreuzen, sind also vielfach gezwungen, ihre Fahrten nach der Jahres- 
zeit einzurichten. Dies ist bei den Raeschiffen nicht der Fall, und so 
fuhren die Segelschiffe damals beständig an der Küste hin und her; 

1) Ebenda, S. 6. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segclschiflahrt in der Gegenwart. 2K1 



die einen waren z. B. mit der Reiseinfuhr nach China beschäftigt und 
fuhren deshalb zwischen Bangkok, Saigon und Hongkong, Swatau, 
Amoi u. s. w. ; die anderen exportierten von Niutschwang (in der 
äufsersten NO-Ecke des Golfes von Pe-tshi-li) die in der Niederung 
des Liau-Flusses in Unmassen wachsenden Bohnen, welche als Bohnen- 
kuchen zur Düngung der Felder in Süd-China verwendet werden; noch 
andere übernahmen, zum Teil im Dienst chinesischer Kaufleute, Stück- 
gutbeförderung von Hongkong nach Shanghai, Tshifu und T i e n t s i n 
(Peking). Die Schiffe deutscher Nationalität waren um deswillen be- 
sonders von den Chinesen gesucht, weil die deutschen Seeleute bald 
sich einen guten Ruf erwarben, nicht blofs infolge der sicheren Aus- 
führung der Reisen, sondern besonders deshalb, weil sie mit den 
Chinesen stets ehrlich, freundlich und menschlich verfuhren, und dies 
wurde von den Söhnen des himmlischen Reiches sehr bald anerkannt. 
Noch heute, da dieser Segelverkehr in der Hauptsache aufgehört hat, 
werden die deutschen Dampfer von den Chinesen, welche Kulis nach 
Indien führen lassen, aus eben dem Grunde allen anderen Dampfern 
vorgezogen. 

Diese Küstenfahrt, welche in den ersten Jahren des hier behandel- 
ten Jahrzehnts noch einzelne Vertreter auch im Verkehr mit der Deutschen 
Seewarte hat, ist in diesem Abschnitt nicht mit verrechnet; es han- 
delt sich hier vielmehr um den direkten Segelschiffsverkehr zwischen 
Europa und Ost-Asien. 

Der weitaus wichtigste und am häufigsten von Seglern aufgesuchte 
Hafen ist Hongkong; die Fracht besteht in der Regel aus Stück- 
gütern, die in Hamburg oder London eingenommen werden. Auch 
englische Kohlenladungen werden herausgebracht, doch haben, seit- 
dem die japanische Kohle in einen erfolgreichen Wettbewerb mit der 
englischen getreten ist, diese Transporte erheblich abgenommen. 

Als fernere Zielpunkte der Ausreisen sind die zwei Häfen Japans, 
Yokohama und Kobe-Hiogo zu nennen; der Verkehr mit Japan 
ist aber selten ein unmittelbarer von Europa aus, in der Mehrzahl der 
Fälle übernimmt es das deutsche Segelschiff, von New York oder Phila- 
delphia Petroleum in Blechkisten (sogenanntes Kistenöl) nach Japan 
zu befördern, wo ein starker Import davon statthat. 

Eine dritte Reihe von Schiffen steht auf der Fahrt nach Ost- Asien 
in russischem Dienst, indem von Kronstadt aus russisches Getreide, 
das für die Militärstationen des östlichsten Sibiriens bestimmt ist, in 
den Segelschiffen nach Wladiwostok oder Nikolajewsk an der Amur- 
Mündung verschifft wird. Man bedenke den ungeheuren Seeweg, den 
dies Getreide macht, bis es seinen Bestimmungsort erreicht, welcher ver- 
hältnismäfsig nahe dem Ausgangspunkt liegt! Eine transsibirische Eisen- 



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262 G. Schott: 

bahn würde auch in dieser Frage der Verproviantierung Ost-Sibiriens für 
Rufsland ungeheure Vorteile bieten. Diese Reisen von Petersburg nach 
dem Japanischen und Ochotskischen Meer sind die längsten, welche 
überhaupt auf der Erde in direkter Fahrt ausgeführt werden, und 
manchmal laufen die Schiffe unterwegs in Anjer oder Hongkong oder 
Nagasaki ein, um frisches Wasser und Erfrischungen einzunehmen, oder 
auch um die Jahreszeit noch etwas vorrücken zu lassen, wenn sie zu 
früh nach Sibirien kommen würden. Man vergegenwärtige sich näm- 
lich, dafs im Winter die Seehäfen Ost -Sibiriens vollständig vom Eis 
blockiert sind. Wladiwostok ist im Mittel 257 Tage der Schiffahrt zu- 
gänglich; zu Weihnachten gefriert die Bai zu, um erst Mitte April 
wieder aufzugehen. Nikolajewsk zeigt noch wesentlich ungünstigere 
Verhältnisse, die Periode des ungehinderten Verkehrs beläuft sich auf 
nur 175 Tage, etwa vom 19. Mai bis 10. November. Des interessanten 
Vergleichs wegen sei noch Petropawlowsk in dieser Beziehung angeführt, 
zumal es auch schon wiederholt von deutschen Kauffahrteischiffen be- 
sucht wurde; Petropawlowsk liegt auf 53 0 n. Br., also 10 Breiten- 
grade nördlicher als Wladiwostok und auf gleicher Breite mit Niko- 
lajewsk, ist aber vermöge seiner den ozeanischen Einflüssen viel 
ausgesetzteren Lage 229 Tage eisfrei, nämlich etwa vom 30. April bis 
zum 15. December. 

Wie schon aus den Namen der oben genannten Häfen erhellt, 
welche auf der langen Ausreise manchmal angelaufen werden, macht 
man diese Reisen nach dem äufsersten Ost -Asien auf dem Wege um 
das Kap der Guten Hoffnung und durch den Sunda -Archipel (die 
Routen im einzelnen sollen gleich nachher etwas skizziert werden), 
wir sind aber damit auch schon an der äufsersten Grenze des Welt- 
verkehrs in der Ostrichtung angelangt, wenigstens für die Nord -Halb- 
kugel. Die Tafel 12 zeigt die ungefähr von NW nach SO im Stillen 
Ozean verlaufende Grenze zwischen dem Ost- und dem West -Verkehr, 
d. h. zwischen den um das Kap der Guten Hoffnung und den um das 
Kap Horn auszuführenden Fahrten. Einzelne Kapitäne haben auch 
die Fahrt nach Wladiwostok um das Kap Horn ausgeführt und damit 
ganz befriedigende Erfolge erzielt. 

Die Reisedauer nach letztgenanntem Hafen auf dem gewöhnlichen 
Wege um Afrika herum beträgt ungefähr 150 Tage, nach Nikolajewsk 
etwas über 170 Tage, aber, wohlgcmerkt, von Lizard ab. Nun nimmt 
gerade die Strecke von Petersburg bis England sowohl infolge der 
Windverhältnisse als des sehr beengten Segelraums in der Ost- und 
Nordsee häufig sehr lange Zeit in Anspruch, und man darf gut und 
gern als Gesamtreisedauer 6, 7, 8 Monate (je nach dem Ziel) für diese 
Fahrten ansetzen. Daher gehen die Schiffe schon Ende Sommer, An- 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segclschiffahrt in der Gegenwart. 263 



fang Herbst ab, wenn sie Ende April des nächsten Jahres in den ost- 
sibirischen Gewässern sein wollen. 

Heimreisen von Ost -Asien direkt nach Europa, bzw. Deutsch- 
land sind selten. Zwar verzeichnet Tabelle II 86 Heimreisen im Laufe 
der Jahre 1883 bis 1892, aber hierunter sind die zahlreichen Versege- 
lungen von den zwei Reishäfen Bangkok und Saigon mit verrechnet. 
Meistens gehen die Schiffe von dem ersten Bestimmungshafen in Ballast 
weiter nach anderen Plätzen zum Laden. So werden, zumal von 
Hongkong aus, die Philippinen aufgesucht, mit den drei Häfen Manila, 
Zebu und Iloilo. Eine sehr lebhafte Ausfuhr von Hanf und Zucker 
findet daselbst statt, und zwar gehen die Ladungen fast immer nach 
Nord-Amerikas Ostküste auf dem Weg um das Kap der Guten Hoff- 
nung. Nach den Vereinigten Staaten werden auch ab und zu Rück- 
reisen von Japan aus angetreten, die Ladung besteht dann aus den 
sogenannten „Curious", d. h. den in Amerika ungemein beliebten Japan- 
waren aller Art. Schiffe, die nach Sibirien Fracht gebracht haben, 
gehen manchmal über den Ozean hinüber nach San Francisco, um 
dort Weizen für Europa zu laden, oder sie gehen nach den tropischen 
Inselgruppen des Grofsen Ozeans, wo sie Kopra- oder Guano-Ladungen 
einnehmen — diese Rückreisen erfolgen dann natürlich um das Kap 
Horn — , oder sie gehen Fracht suchend an der ostasiatischen Küste 
südwärts. 

Der Verlauf der Reisen nach und von Ost -Asien deckt sich zu 
dem gröfsten Teil mit demjenigen der Reisen nach Indien und den 
Sunda-Inseln; bemerkenswert sind die „Passagen", welche auf dem 
Weg zum offenen Stillen Ozean durch die Malaiische Inselwelt hin- 
durch führen. Je nach der Jahreszeit kommt bei den Ausreisen eine 
westliche und eine östliche Durchfahrt in Betracht, bei den Heimreisen 
eine westliche und eine mittlere, und zwar in folgender Weise. 

Gelangt der Segler in den östlichen Teil des Süd-Indischen Ozeans 
zu einer Zeit, in welcher der NO -Monsun, welcher zeitweise und auf 
einzelnen Strecken aufserordentlich hart zu wehen pflegt, in der China- 
See vorhanden ist, so geht er diesem aus dem Weg und nimmt 
die östliche Durchfahrt; es wird in diesem Fall die malaiische 
Binnensee entweder auf dem Weg durch die Lombok-Strafse (zwischen 
Lombok und Sumbawa) oder auf dem durch die Ombai-Strafse (zwischen 
Ombai und Timor) betreten ; die Scgclroute verläuft dann west- 
lich der Insel Buru, schneidet zwischen Djilolo und Neu -Guinea in 
130 0 ö. L. den Äquator, worauf in einem grofsen Bogen „am Winde", 
d.h. durch den NO- Passat nach NNW hinauf gesteuert wird (öst- 
liche Durchfahrt). Dieser Weg ist zur Zeit unserer Wintermonate 
sehr befahren, während im Sommer kaum je ein Schiff hierher kommt; 



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264 



G. Schott: 



denn dann weht in der China-See der SW- Monsun, welcher den nord- 
wärts bestimmten Schiffen den nächsten Weg ermöglicht, man betritt 
dann den Archipel von der Sunda-Strafse aus (westliche Durch- 
fahrt). 

Für die Heimreise kehren sich die Verhältnisse natürlich um: in 
unseren Wintermonaten bietet der kräftige NO eine vorzügliche Ge- 
legenheit, von Hongkong aus recht nach Süden zur Linie und zum 
Indischen Ozean zu» gelangen; fällt die Heimreise aber in die Periode 
des SW- Monsuns, so wird die Innehaltung einer äufserst verschlungenen 
Segelroute, welche durch die Praxis vieler Jahre sich noch als die beste 
herausgestellt hat, notwendig; freilich ist die Reise infolge vieler 
flauer Winde und Windstillen, widriger Strömungen u. s. w. fast immer 
sehr mühsam. Diese Route (mittlere Durchfahrt) verläfst die 
offene China- See südlich von Mindoro, geht durch die Sulu-See, von 
da zwischen Mindanao und der kleinen Insel Basilan hindurch in die 
Celebes-See, biegt dann in die Makassar-Strafse ein; die Java -See 
wird meist auf dem Weg durch die Allas-Strafse (zwischen Lombok und 
Bali) verlassen. 

S 6. Nach und von Australien, sowie den Südsee-Inseln. 

Mit einer gewissen Beschränkung kann man in der That sagen, 
dafs auf den modernen, grofsen, aufserordentlich widerstandsfähigen 
Segelschiffen von Eisen und Stahl ein Sturm weit weniger gefürchtet 
wird als Windstille ; Wind, und zwar wenn irgend möglich ein kräftiger 
Wind, das ist es, was unsere heutigen Segelschiffsriesen brauchen und 
wünschen, wenn anders sie gute Reisen machen wollen. Kommt der 
Wind nur aus einigermafsen günstiger Richtung, so mag er immerhin 
zum schweren Sturm ausarten: er fördert dann die Reise nur noch 
mehr. Liegt die Route so, dafs man vor dem Sturm weglaufen („len- 
zen") kann, d. h. in der Richtung, wohin der Wind weht, zu segeln 
hat, so können, wenn nicht schliefslich der zu hohe Seegang den 
Schiffen gefährlich wird, die Fahrzeuge 12, 13, 14, ja 15 Knoten (See- 
meilen) stündliche Geschwindigkeit erreichen, sodafs nicht selten im 
Laufe mehrerer auf einander folgender Tage, ja Wochen, Strecken 
zurückgelegt werden, die nur von besonders schnellen Dampfern in 
gleicher Zeit abgelaufen werden. 

Als Wettrennbahn, auf der die Segelschiffe die beste und an- 
haltendste Gelegenheit finden, ihre Leistungsfähigkeit bis zum Aufsersten 
anzuspannen, dienen von jeher die höheren südlichen Breiten in allen 
drei Ozeanen, besonders im Indischen Ozean. Auf den Fahrten nach 
Ost-Indien und China, ganz besonders aber äuf denjenigen nach Austra- 
lien, fällt eine lange Wegestrecke in das Gebiet der „ braven" Westwinde, 




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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 9ß5 

von denen schon in $ 3 und 4 die Rede war. Die Isochronen-Karten 
zeigen deutlich, welche grofse Entfernungen in diesen Gegenden durch- 
schnittlich zurückgelegt werden, wobei man allerdings wegen der hier 
bereits in das Gewicht fallenden Flächenvergröfserung der Merkator- 
Projektion einen kleinen Abzug machen mufs. Die Strecke vom Kap 
der Guten Hoffnung bis in die Nähe von Melbourne wird in etwa 
einem Monat abgesegelt, ebenso lang dauert durchschnittlich die Reise 
von Lizard bis zur Linie; aber die Entfernung auf der ersten Segel- 
strecke ist ungefähr 5500 Seemeilen, auf der letzgenannten nur 3400. 
Also 2100 Seemeilen werden hier durchschnittlich in einem Monat 
mehr gemacht als auf jener Strecke im Nord-Atlantischen Ozean! ein 
aufserordentlich sprechender Beweis für die durchschnittlich grofse 
Kraft dieser Winde im Südindischen Ozean. Man kann darauf rechnen, 
dafs ein gutes Schiff hier täglich etwa 180 Seemeilen = 340 km zurück- 
legt, eine Entfernung, die ungefähr gleich derjenigen von Berlin bis 
Bremerhaven ist. Zeitweise werden aber ungleich bedeutendere Strecken 
abgesegelt, nämlich 300 Seemeilen und noch mehr. 

Lediglich diesen günstigen, sehr häufig als heftige Stürme wehen- 
den Winden ist es zu danken, wenn die Reisen nach Melbourne in 
durchschnittlich 92 Tagen ausgeführt werden ; die nach Singapur ab- 
zusegelnde Distanz ist dieselbe (1 1 400 Seemeilen), wird aber in 115 Tagen 
zurückgelegt, was also einen Mehraufwand an Zeit von über drei Wochen 
bedeutet. Die Dauer der kürzesten Reise, die von einem deutschen 
Segler nach Australien bisher gemacht worden ist, war nur 70 Tage, 
diese Reise wurde von der Hamburger stählernen Bark „Selene", Kapt. 
Hinrichsen, im Jahr 1889 ausgeführt. Diese Fahrt steht schon gar 
nicht mehr so weit hinter den schnellsten der von den berühmten 
englischen KlipperschifTen in den fünfziger und sechziger Jahren ge- 
machten Fahrten zurück. In 61 Tagen lief damals ein Schiff, die 
„Thermopylae", von Lizard nach Melbourne, und Tagesentfernungen 
von über 400 Seemeilen finden sich in den Journalen der amerikani- 
schen und englischen „Theeklipper" mehr wie einmal angeführt. Mit 
diesen einer vergangenen Epoche der Segelschifiahrt angehörigen 
Reisen können diejenigen unserer modernen, deutschen Schifte aus 
mehr wie einem Grund nicht konkurrieren, auch eigentlich gar nicht 
verglichen werden, da wesentlich andere Bedingungen heutzutage vor- 
liegen. 

Jene Klipper gingen nämlich aus, mit Stückgütern nur leicht beladen 
oder auch in Ballast, indem sie Passagiere nach Australien brachten; von 
Australien wurde nach Futschau oder Shanghai versegelt und dann die 
Heimreise mit einer vollen Theeladung angetreten, welche aber dem 
Schiff auch keinen grofsen Tiefgang verlieh. Unsere Schiffe der Jctzt- 



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266 



G. Schott: 



zeit sind fast stets bis zur äufsersten Grenze ihrer Tragfähigkeit be- 
laden, besonders ist dies bei den Cementfrachten nach Australien der 
Fall. Solche Unterschiede in dem toten, zu befördernden Gewicht 
wirken aber besonders bei leichten Winden auf die jeweils erreichbare 
Geschwindigkeit sehr stark ein. Mehr noch in das Gewicht fällt die 
geradezu ungeheuerliche Takelage, welche von diesen Klippern geführt 
wurde, wobei man beachten mufs, dafs es nach unseren Begriffen kleine 
oder höchstens mittelgrofse Schiffe (unter 1500 Reg.-Tons) waren. Diese 
Klipper hatten in der Regel eine Segelfläche aufzuweisen, welche von 
derjenigen des gröfsten Seglers unserer deutschen Flotte, des Bremer 
Viermasters „Peter Rickmers" (2800 Reg.-Tons) nur eben erreicht wird, 
nämlich 4000 qm und darüber. Solche Segelflächen liefsen sich in 
einer dem gröfseren Tonnengehalt des Schiffes entsprechenden Ver- 
gröfserung auf die modernen Schiffe gar nicht übertragen. Und endlich 
noch eins: jene viel gerühmten Reisen wurden ohne irgend welche 
Rücksicht auf Kosten, die durch eine sehr zahlreiche Mannschaft und 
durch Reparaturen aller Art entstehen, ausgeführt; die Fahrten wurden 
so forciert, dafs infolge übermäfsiger Inanspruchnahme des Schiffs- 
körpers die Fahrzeuge regelmäfsig in den Verbänden undicht und leck 
wurden, sodafs ein beträchtlicher Teil der kostbaren Thecladung stets 
durch das eingedrungene Seewasser ruiniert wurde , ein Umstand, 
welcher übrigens damals bei dem grofsen Gewinn, der mit diesen 
Frachten verbunden war, nicht in Frage kam. 

Heute darf mit den Schiffen in dieser Weise nicht verfahren werden, 
auch die Höhe der Mannschaftsbestände hat heute eine viel niedrigere 
Grenze, wenn der Rheder noch überhaupt auf seine Kosten kom- 
men will. 

Berücksichtigt man alle diese Verhältnisse, so mufe man die mo- 
dernen Leistungen durchaus ebenbürtig denjenigen der Klipperfahrzeuge 
ansehen, und es kann vielleicht mit Stolz darauf hingewiesen werden, 
dafs gerade die deutschen Schiffe heutzutage sehr vielfach die schnell- 
sten Segelreiscn zu verzeichnen haben. Es fehlen zwar, wie gleich 
Eingangs erwähnt wurde, besondere Arbeiten über die Dauer der Reisen 
englischer Fahrzeuge fast ganz. Es ist aber mit Sicherheit anzunehmen, 
dafs, wenn von Seiten einer anderen Nation schnellere Reisen zu ver- 
zeichnen wären, dies veröffentlicht worden wäre; denn es werden — 
und diese Bemerkung hat Verfasser wiederholt im Ausland gemacht 
— die Fortschritte der deutschen Segelschiffahrt gerade von englischer 
Seite mit wachsamem Auge verfolgt und anerkannt. — 

Die günstigen Windverhältnisse auf der Fahrt nach Australien 
machen es nun möglich, daß* im Verkehr mit diesem südhemisphärischen 
Kontinent die Segler heute noch sehr wohl mit den Dampfern kon- 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 2G7 

kurrieren können, und es ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, 
dafs der Dampfer auf dieser Strecke das Segelschiff in absehbarer Zeit 
überhaupt nicht verdrängen wird. 

In den Jahren 1883 bis 1892 verzeichnete die Seewarte 255 Reisen 
nach Australien und den Inseln der Südsee, das sind 12,6 Prozent aller 
Ausreisen; der Segelschiffsverkehr nimmt hier deutlich zu. In Segel- 
schiffen werden nach Australien Stückgutladungen verfrachtet, Cement, 
schwedisches Bauholz, Eisenwaren, besonders Eisenbahnschienen u.a.m. 
Die sehr bedeutende Einfuhr an Textilwaren und anderen Erzeugnissen 
der Industrie wird vorzugsweise von den Dampfern besorgt ; letztere 
haben auch die Ausfuhr der Wolle fast ganz in den Händen. Die 
Segler gehen sehr häufig in Ballast oder mit der Kohle von Neu-Süd- 
Walcs beladen aus dem australischen Hafen weg, um anderwärts Rück- 
fracht nach Europa zu nehmen. Ladung für die Heimreise wird z. B. 
gern auf den Südsee -Inseln eingenommen, wo die Kopra ein lohnen- 
der Ausfuhrartikel ist; manchmal geht das Schiff über den ganzen 
Stillen Ozean hinüber zur chilenischen Küste und ladet dort Salpeter. 
Im übrigen bildet Weizen sowohl in Süd-Australien wie auf Neu-Seeland 
einen grofsen Teil der von Segelschiffen übernommenen Ausfuhr nach 
Europa. 

Die Rückreisen von den australischen Gewässern werden jetzt 
ausnahmslos auf dem Weg um das Kap Horn ausgeführt. Nur von West- 
Australien aus und vielleicht manchmal zur Zeit des südlichen Som- 
mers auch von Adelaide und Melbourne aus geht man westwärts durch 
den Indischen Ozean. 

Die Route von Australien nach Europa um die Südspitze Süd- 
Amerikas gewissermafsen entdeckt zu haben, ist bekanntlich ein 
besonderes Verdienst Maury's. Vor seiner Zeit quälte man sich 
damit ab, auf der Rückreise das Kap Leeuwin den Westwinden 
entgegen zu umsegeln, worauf man nordwestwärts steuerte, um den 
indischen SO - Passat zu erreichen. Maury, der den in den Breiten 
von 40 0 — 50 0 rings um die Erde reichenden Gürtel vorherrschender 
Westwinde erkannte , sagte sich , dafs die Heimreise am besten sich 
fördern lassen müsse, wenn sie als genaue Fortsetzung der Ausreise 
in gleichem Sinn und gleicher Richtung immer nach Osten hin aus- 
geführt werde, und der Erfolg hat ihm Recht gegeben, obwohl die 
Entfernung um Kap Horn etwas gröfser ist als diejenige um das Kap 
der Guten Hoffnung. 

Die Fahrt auf dem ersten Teil dieser Heimreisen (l)is zum Kap Horn) 
verläuft unter ähnlichen Witterungsverhältnissen wie die Ausreise im 
Südindischen Ozean nach Australien, d. h. schnell, aber vielfach stür- 
misch. Doch mufs bemerkt werden, dafs im südlichen Stillen Ozean 

Zeiuchr. d. GeselUch. f. Erdlc. Bd. XXX, 1895. l'J 



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268 



G. Schott: 



die braven Westwinde nicht in dem Mafse beständig zu sein scheinen, 
wie in den entsprechenden Breiten des Indischen und Atlantischen 
Ozeans. Die mittlere Fahrtdauer von den südaustralischen Häfen zum 
Kap Horn beträgt etwa 35— 38 Tage, von den neuseeländischen Plätzen, 
unter denen Wellington, Lyttleton und Timaru von deutschen 
Schiffen öfters besucht werden, einige 30 Tage, was eine Durchschnitts- 
fahrt von 6,4 Seemeilen in der Stunde ergiebt. Dieser Wert bleibt gegen 
die Geschwindigkeit, die auf der Ausreise nach Australien südlich ^vom 
Kap der Guten Hoffnung im Mittel erreicht wird (7,5 Seemeilen), ganz 
beträchtlich zurück. Auch die grofsen Schwankungen in der Dauer 
der einzelnen Reisen lassen erkennen, dafs westliche Winde durchaus 
nicht immer auf der Üblichen Route, welche bis 130 0 w. L. auf etwa 
49° — 50 0 s. Br., von da direkt zum Kap Horn führt, durchweg ange- 
funden werden. Östliche (Gegen-) Winde scheinen relativ besonders 
häufig westlich von 160 0 ö. L. und außerdem zwischen 180 0 und 140 0 
w. L. aufzutreten. 

Die Eisgefahr ist im südlichen Stillen Ozean am geringsten von 
allen drei Ozeanen ; im Indischen Ozean wird nicht selten Eis von den 
Ost-Indien- und Australien-Fahrern gesichtet, im Südatlantischen Ozean, 
zumal in dessen Sildwestecke, ist Treibeis sehr häufig. Dagegen 
liegen bisher aus dem Stillen Ozean nur zwei Berichte vor, nach denen 
Eis nördlich von 50° s. Br. angetroffen worden ist; beide Mal war 
dies östlich von Neu - Seeland in der Nähe des 180. Meridians, wo 
offenbar eine antarktische Strömung nordwärts vordringt. Auf eine 
solche Wasserbewegung weisen auch die Ergebnisse der Unter- 
suchungen über die Wassertemperaturen des Grofsen Ozeans hin. 

Kommt das Schiff von einer Gruppe der Südsee - Inseln, so geht 
es zuerst „am Winde" durch den SO-Passat südwärts bis etwa 25 0 — 30 0 
s. Br. (s. die Karte der Segelrouten, Tafel 11) und biegt dann, wenn es 
auch den südlichen Rofsbreitengürtel durchquert hat, in den allgemeinen 
grofsen Reiseweg zum Kap Horn ein. Ist das Kap Horn passiert — 
was ja in der Richtung nach Osten selten Schwierigkeiten macht, da 
Wind und Strömung in der Regel günstig sind — , so mufs der Süd- 
atlantische Ozean durchkreuzt werden ; es ist dies eine Fahrstrecke, 
die am mühsamsten in ihrem mittleren Teil ist. Eben östlich von 
Kap Horn, genau auf der Route der heimkehrenden Schiffe, reicht die 
Treibeisgrenze weiter als irgendwo nordwärts, und gerade die letzten 
Jahre haben gezeigt 1 ), welche Unmassen von Eisbergen hier zeitweise 
vom Pol kommen, so dafs die Schiffahrt den gröfsten Gefahren unter- 



l ) S. Annal. d. Hydrogr. 189a S. igx. 118- *8; — 1893 S. 41. 154. * 6 4- 
301. 427. — 1894. S 131. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 2G9 

liegt und vielfach ganz andere Wege einschlagen mufs. Ist das zurück- 
kehrende Schiff bis in die Breiten nördlich von etwa 35°s. Br. gelangt, 
so hat es häufig mit nördlichen und nordöstlichen Winden und mit 
Windstillen, die an der Südseite des Luftdruckmaximums auftreten, zu 
segeln, ehe es den Passat erhält, welcher das Schiff zum Äquator 
bringt. Die Fahrt von hier bis Lizard kennen wir bereits aus $ 1. 



II. Die Fahrten nach dem Westen. 

S 7. Nach und von der Ostküste Nord -Amerikas nördlich 

von Kap Hatteras. 

Kap Hatteras liegt auf etwa 36 0 n. Br.; es handelt sich demge- 
mäfs hier um eine Besprechung des Segelschiffsverkehrs mit den nörd- 
lichen Häfen der Vereinigten Staaten und den Häfen Kanadas. In 
Betracht kommen fast nur die erstgenannten; die Schiffahrt nach 
Quebec und Montreal am St. Lorenz-Strom leidet unter dem lang- 
dauernden Winter, während dessen der Strom im Durchschnitt von 
Ende November bis Ende April durch Eis blockiert wird, und im Sommer 
macht die starke, an vielen Stellen reifsende Strömung die Befahrung 
gefährlich, so dafs das Segelschiff unter allen Umständen stromauf- 
wärts geschleppt werden mufs, wodurch begreiflicherweise solche Un- 
kosten entstehen, dafs der Wettbewerb mit dem Hochseedampfer hier 
aussichtslos ist. Doch liefern zwei andere, am offenen Atlantischen 
Ozean gelegene kanadische Häfen, Halifax und St. Johns, manchmal 
noch heute dem Segler lohnende Fracht infolge des grofsen, natür- 
lichen Holzreichtums der Halbinsel Neu-Schottland. Ein lebhafter Ver- 
kehr besteht mit den vier Häfen der Union, New York, Phila- 
delphia, Boston und Baltimore. Die Reihenfolge, in welcher 
dieselben hier aufgeführt sind, soll zugleich ihre Bedeutung für die 
Segelschiffahrt angeben. New York steht auch in dieser Beziehung 
durchaus an erster Stelle. 

Es kann Wunder nehmen, dafs trotz des ungeheuren Dampfschiff- 
verkehrs , welcher gerade zwischen Europa und New York vorhanden 
ist, das Segelschiff auf dieser Route immer noch Beschäftigung findet. 
Nach Ausweis der Tabellen sind allein von solchen Seglern, die mit 
der Seewarte in Verbindung stehen, im Laufe der Jahre 1883 bis 1892 
525 Reisen nach Nord-Amerikas Ostküste und 488 Reisen von der- 
selben zurück nach Europa ausgeführt worden, dies giebt einen Jahres- 
durchschnitt von rund 100 Reisen in der einen oder anderen Rich- 
tung. Sehen wir hierin nur 0,4 des wirklichen Gesamtverkehrs aller 
deutschen Segler auf dieser Route und erhöhen wir die Zahl entspre- 

19* 



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270 



G. Schott: 



chend 1 ), so erhalten wir 250 Reisen für das Jahr, eine Zahl, die 
sicherlich nicht zu hoch ist. Man erkennt, dafs dieser Verkehr ein 
ganz beträchtlicher in jenem Jahrzehnt gewesen ist; es sind jedoch 
dazu mehrere einschränkende Bemerkungen zu machen. 

Zieht man nämlich lediglich die Anzahl der Reisen in Betracht, so 
erhalten wir allerdings das Ergebnis, dafs von dem ganzen Verkehr auf 
allen Segelrouten der Welt allein 23,3 Proz. der nordamerikanischen 
Route zugehören; jedoch fällt hier die kurze Entfernung besonders in 
das Gewicht. Dieselbe beträgt z. B. zwischen Kap Lizard und New 
York rund 3000 Seemeilen auf dem gröfsten Kreis. Auf der Ausreise 
ist zwar vielfach, wie wir gleich nachher sehen wollen, eine bedeutend 
gröfsere Distanz abzusegeln; aber die Heimreisen können immer auf 
dem kürzesten Weg vollendet werden, so dafs eine Rundtour nach 
New York und zurück, soweit allein der Aufenthalt des Schiffes auf 
hoher See in Frage kommt, nur etwa 68 Tage im Mittel beansprucht. 
Ein und dasselbe Fahrzeug kann daher im Laufe des Jahres eine ganze 
Reihe Fahrten über den Nordatlantischen Ozean ausführen. Nimmt 
man auf die Länge der Reiserouten keine Rücksicht, so steht demge- 
mäß (s. Tabelle V, A) der Verkehr mit jenen Häfen an erster Stelle, in- 
dem auf 1000 von deutschen Seglern ausgeführte transozeanische 
Reisen 233 dieser Route zufallen. Dagegen reiht sich dieser Verkehr 
erst an siebenter Stelle unter die übrigen Verkehrslinien ein, wenn wir 
die Entfernung in Rechnung bringen; denn von je 1000 Seemeilen, 
die durch unsere Segelschiffe irgendwo auf der Erde zurückgelegt 
wurden, galten im Durchschnitt nur 86 der Fahrt nach und von den 
in Rede stehenden Plätzen (s. Tabelle V, B); in Bezug auf wirkliche 
Verkehrsdichte steht der Verkehr mit der Westküste Süd - Amerikas 
heute weitaus an erster Stelle (202 Seemeilen auf 1000 Seemeilen). 

Zweitens ist der Segelschiffsverkehr mit New York u. s. w. in starker 
Abnahme begriffen, was sich sogleich ergiebt, wenn wir die Zahl der 
in den einzelnen Jahren unseres Jahrzehnts ausgeführten Reisen nach- 
sehen. Der starke Verkehr geht nur bis etwa zum Jahr 1887; bis 
dahin verzeichnet das Eingangsjournal der Seewarte über 60, ja 70 
einzelne Reisen, sowohl in West- wie in Ostrichtung, für das Jahr. Eine 
plötzliche und immer weitergehende Abnahme tritt mit dem Jahr 1888 
ein, so dafs z. B. 1891 nur 25 Reisen in jeder Richtung ausgeführt 
wurden; und in allerletzter Zeit (1893 und 1894) hat sich auch diese 
Zahl noch bedeutend vermindert, so dafs man, augenblicklich wenig- 
stens, den Segelschiffsverkehr nach den Nordhäfen der Union für un- 
bedeutend erklären mufs. Es ist kaum anzunehmen, dafs er jemals 



') Siehe S. 240. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. »271 



wieder erheblich zunehmen wird; denn der Hauptgrund für den mit 
dem Jahr 1888 beginnenden plötzlichen starken Rückgang liegt darin, 
dafs damals die sogenannten „Petroleum-Tankdampfer" allgemeinen Ein- 
gang fanden, nachdem die ersten Versuche sehr gut ausgefallen waren. 
Bis dahin war die ungeheure Menge von Petroleum, welches Europa 
aus Amerika bezieht, ausschliefslich in Fässern befördert worden, und 
diese Petroleumladungen hatten den Segelschiffen eine vorzügliche 
Rückfracht nach Europa gesichert. Mit jenen Dampfern, die in kür- 
zester Frist sich den ganzen Schiffsbauch voll Erdöl pumpen und nach 
14 Tagen die gewaltige Menge Petroleum wiederum in einfachster 
Weise löschen, war eine Konkurrenz nicht durchzuführen. Damit war 
aber dem Segelschiff auf dieser Route für immer der vornehmste Aus- 
fuhrartikel entzogen. Nach dem fernen Osten, nach China und Japan, 
werden noch viele Segler mit Petroleum, welches sich in Fässern oder 
Blechkisten befindet, von New York oder Philadelphia aus entsendet, 
da Petroleumdampfer und Dampfer überhaupt auf dieser grofsen Reise 
zu viele Unkosten haben, um diese Fahrt recht lohnend erscheinen zu 
lassen. Doch wird auch hier auf die Dauer die Konkurrenz des 
Dampfers dem Segler nicht erspart bleiben, da die Verwaltung des 
Suez - Kanals den Tankdampfern die Passage durch den Kanal ge- 
stattet hat und damit dem russischen Petroleum eine bequeme Bahn 
nach Ost-Asien zur Verfügung steht. 

Die Reisen der deutschen Segelschiffe von Nord-Amerikas Ostküste 
nach China und Japan finden wir in Tabelle III „Zwischenreisen" ver- 
rechnet, und zwar unter A 1 „Reisen, ausgehend von einem Hafen des 
Atlantischen Ozeans um das Kap der Guten Hoffnung"; es sind im 
Zeitraum 1883— 1892 7 2 verzeichnet, von denen aber auch nur der 
gröfste Teil insbesondere diesen Fahrten zukommt. 

Fragen wir, welche Ausfuhrartikel aufserdem noch in den an der 
Atlantischen Küste der Union gelegenen Häfen für den Segler eine 
Rolle spielen, so ist hauptsächlich das Getreide zu nennen; ferner 
rohe Baumwolle und die Produkte der grofsartigen Schweinezucht. 
Für die Einfuhr kommen Rüben, Zucker, Roheisen, sodann noch Kauf- 
mannsgüter aller Art in Betracht; früher, bis in die siebziger Jahre, 
waren die Segler auf der Fahrt nach New York meistens mit Auswan- 
derern bis auf den letzten Platz besetzt. — 

Die Segelrouten selbst bieten gerade in dieser Fahrt mancherlei 
des Interessanten und Lehrreichen. „Die Reise von Europa nach den 
Häfen der englischen Besitzungen in Nord -Amerika und nach den 
Häfen der Vereinigten Staaten nördlich von Kap Hatteras ist für 
Segelschiffe eine der schwierigsten des Atlantischen Ozeans. Ihre 
Schwierigkeiten bestehen hauptsächlich darin, dafs die Winde in dem 



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272 G. Schott: 

zu durchsegelnden Gebiet vorherrschend aus westlicher Richtung, also 
entgegengesetzt dem zu verfolgenden Kurs wehen und nicht selten 
als heftige Stürme auftreten. Als weitere Hindernisse treten auf der 
zweiten Hälfte des Weges noch eine widrige Strömung und, zu ge- 
wissen Zeiten, treibende Eismassen auf, deren Gefährlichkeit durch die 
häufigen dichten Nebel noch vermehrt wird." 1 ) 

Die schon erwähnten Windkarten lassen deutlich erkennen, dafs 
während der Wintermonate über dem mittleren Teil des Nordatlan- 
tischen Ozeans schon von 40 0 n. Br. an mittlere Windstärken von Uber 
B. Sk. 6 vorherrschen, und dies in einer Ausdehnung und Dauer, wie 
wohl nirgends wieder auf der Erde. Selbst in der Gegend des in 
früheren Zeiten besonders arg verrufenen Kap Horn ist in den Mo- 
naten Juli, August, also zur Zeit des südlichen Winters, keine gröfsere 
mittlere Windgeschwindigkeit vorhanden, auch scheint das Gebiet der 
stürmischen Winde auf der Süd-Halbkugel nicht die grofse Breitenaus- 
dehnung zu haben in der Nordsüdrichtung, wenigstens nicht soweit 
äquatorwärts sich zu erstrecken, wie auf dem Nordatlantischen Ozean. 
Den oben aufgeführten Fährlichkeiten und Schwierigkeiten gesellt sich 
noch der überaus starke Schiffsverkehr hinzu; es ist bei Nebel und 
schlechtem Wetter für einen Schiflfsführer ein himmelweiter Unterschied, 
ob er sich in einem Gebiet weife, wo er mit gröfster Sicherheit keine ent- 
gegenkommenden Schiffe zu erwarten hat, wie in den stürmischen Breiten 
südlich vom Kap der Guten Hoffnung auf der Ausreise, oder ob er jeden 
Augenblick gewärtig sein mufs, dafs aus dem Nebel oder der dunkeln, 
regnerischen Nacht ein Gegensegler oder Schnelldampfer auftaucht und 
wie ein Feind auf ihn zukommt. Nach dem Urteil manches erfahrenen 
Seemannes giebt es keine mühsamere und gefährlichere Reise für einen 
Segler, als eine Fahrt nach der Ostküste Nord-Amerikas in den kalten 
oft eisig kalten Wintertagen mit den langen Nächten. Besonders 
zwischen 30 0 und 40 0 w. L., also genau auf der Mitte des Ozeans, 
werden die Schiffe durch schwere, anhaltende Stürme, die gewöhnlich 
aus SW beginnen und mit NW-Winden endigen, oft wochenlang auf- 
gehalten; es jagen sich zu dieser Jahreszeit die Depressionen, und 
Luftdruck werte von reduc. 720 mm und weniger sind häufig beob- 
achtet. Ist der Weststurm mit seinen gewöhnlichen Begleitern, heftigen 
Regen- und Hagelböen, über das Schiff hinweggegangen, so folgen 
vielleicht, meist nur für kurze Zeit, östliche Winde von geringerer 
Stärke, aber der gewaltige Seegang aus Westen besteht noch als Dü- 
nung fort und hemmt den schon an sich nicht bedeutenden Fortgang 



M Segelhandbuch für den Atlantischen Ozean, Hamburg 1885, S. 375. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen SegelschifTahrt in der Gegenwart. 



des Fahrzeugs. So mufs in der Regel ein Längengrad nach dem 
andern den Elementen geradezu abgerungen werden. 

Im Sommer sind die Verhältnisse wesentlich zwar nicht verändert, 
aber doch sehr viel besser, da Wind und Wetter in jeder Hinsicht 
milder, „handsamer" sind als im Winter. Der jahreszeitliche Unterschied 
in der Witterung ist gerade im Nordatlantischen Ozean so grofs wie 
kaum über einem anderen, entsprechenden Gewässer; am Kap Horn 
und in den Breiten südlich von 40 0 Br. am Kap der Guten Hoffnung 
ähnelt sich das Wetter während des ganzen Jahres aufserordentlich, so 
dafs man, wenn man will, von diesem Gesichtspunkt wie ja auch von 
mancher hydrographischen Betrachtung aus den Nordatlantischen Ozean 
als einen „kontinentalen" bezeichnen könnte. 

Die Verschiedenheit von Wind und Wetter auf der direkten New 
Yorker Route prägt sich auch in der Reisedauer aus, welche je nach 
den Monaten sehr verschieden ist. Im Jahresdurchschnitt mufs man 
für eine Fahrt nach New York 42 Tage rechnen; nach den Unter- 
suchungen der Seewarte 1 ) hatten aber die in den Monaten Oktober, 
November und December angetretenen Reisen eine mittlere Dauer 
von 49,0 Tagen, die im Juli, August und September angetretenen 
Reisen dagegen eine solche von nur 39,3 Tagen. Ungewöhnliche 
Witterungslagen, z. B. eine Periode anhaltenden Ostwindes, bedingen 
ungewöhnlich schnelle Reisen nach Nord-Amerika, so dafs bei der 
kurzen Entfernung sehr grofse Unterschiede zwischen den kürzesten 
und längsten Reisen herauskommen. Auf weiten Reisen, wie etwa 
nach Ost-Indien, gleichen sich etwaige anormale Windverhältnisse, seien 
sie günstig oder ungünstig, für den Fortgang des Schiffes nach dem 
alten Erfahrungsgesetz: bonumx malum — const. meistens aus. 

Will man aber für die hier besprochene Reiseroute verläfsliche Mittel- 
werte ableiten, so mufs man schon eine sehr grofse Zahl von Fahrten 
zu Grunde legen. Denn die Dauer der kürzesten Reise nach Nord- 
Amerikas Ostküste war, soweit das Archivmaterial der Seewarte Aus- 
kunft giebt, 19 Tage, diejenige der längsten aber 85 Tage! 

Auf der Fahrt nach Westen wird die Wirkung des Golfstromes 
erst etwa von 40 0 L. an hinderlich bemerkbar. Man nimmt daher, wenn 
sonst angängig, seinen Weg am liebsten nördlich vom Nordrand des 
ostwärts strömenden Wassers, zumal man hier, in verhältnismäfsig 
hoher Breite, vielfach günstige Windverhältnisse antrifft, nämlich Winde 
aus dem nördlichen Halbkreis. Gerade zur Zeit des Winters, in wel- 
chem die Fahrt nach Amerika, wie wir sahen, auf einem ganz direkten 
Kurs ungemein mühselig ist, wird oft von vornherein ein hoch nörd- 



') a. a. O. S. 379. 



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274 



G Schott: 



licher Weg eingeschlagen, da in diesen Monaten die Depressionen 
meist in etwas niedrigeren Breiten ostwärts ziehen als im Sommer, und 
man daher Aussicht hat, auf der günstigen Nordseite dieser Luftdruck- 
Minima zu bleiben. 

Segler, die von der Ostsee kommen, sowie diejenigen, welche in der 
Nordsee Winde aus SW und W antreffen, benutzen gerade in den Winter- 
monaten öfters diese ganz nördliche Route und gehen zu dem Zweck 
um die Nordspitze von Schottland herum, indem sie von Pentland 
Firth aus ihren Kurs auf Kap Race (Neu-Fundland) setzen. Manche 
auch von den Seglern, die aus dem Kanal gekommen sind und beim 
Betreten des offenen Ozeans schweres Wetter aus Westen antreffen, 
halten in solchem Fall kurz entschlossen nach NW ab, um in höherer 
Breite die Längen abzusegeln (s. Tafel n, Segelrouten, No. II). Dafs 
man im Winter nordwärts geht, unterliegt um so weniger einem Be- 
denken, als man in den Monaten September bis Januar sehr selten 
Eis auf den Neu-Fundland-Bänken antrifft und daher ruhig in dem kalten 
Küstenstrom, in welchen man auf rund 50 0 Br. und 50 0 L. ge- 
langt, nach SW hin zum Ziel segeln kann. Die Eisgefahr ist in den 
Monaten April bis Juli am gröfsten. Auch die Nebel sind in den 
Sommermonaten viel häufiger und anhaltender als in den Winter- 
monaten, da dann häufig der Wasserdampfgehalt warmer, südlicher 
Winde über dem kalten Wasser des Neu-Fundland-Stroms zur Kon- 
densation gebracht wird. 

So haben die Reisen im Sommer, welchen im allgemeinen ein ganz 
bedeutend besseres Wetter zuteil wird, doch auf der anderen Seite 
wieder ihre besonderen Gefahren. Der Umstand nun, dafs man trotz 
der jahrelangen Erfahrung gerade in der Fahrt nach New York weder 
auf der direkten, mittleren Route (Route I auf Tafel 11), noch auf 
derjenigen, welche von der Nordspitze Schottlands ausgeht (Route II), 
mit irgend welcher Sicherheit auf eine befriedigende Reise rechnen 
darf, hier also mehr wie irgendwo anderwärts bei der ungemein 
grofsen Veränderlichkeit der Witterung dem glücklichen Zufall sich 
anvertrauen mufs, hat dazu geführt, dafs man — wiederum fast nur 
zur Zeit des Winters — noch eine dritte Route benutzt, die soge- 
nannte „Passatroute". Diejenigen Schiffsführcr, die Ursache haben, 
ihr Schiff zu schonen oder es auch überhaupt nicht bis zum 
Aufsersten im Kampf gegen die aus Westen kommenden Unwetter an- 
strengen wollen, laufen ihre geographische Länge im NO - Passat 
ab und haben natürlich zu diesem Zweck vom Kanal aus erst gut 
nach SW zu steuern, bis sie diesen Wind erreichen. Da in unserem 
Winter infolge des südlichen Sonnenstandes die Nordgrenze des Pas- 
sats im nllgrmeinen weit nach Süden verschoben ist, so bedingt das 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Scgelschiffahrt in der Gegenwart. 275 



Aufsuchen dieser Fahrgelegenheit häufig einen sehr bedeutenden 
Umweg; einen Umweg bedeutet diese Route natürlich in allen Fällen 
(s. Route III auf Tafel n), sie fällt im wesentlichen mit den Reise- 
wegen nach West-Indien und nach den Häfen südlich von Kap Hat- 
teras zusammen, welche im nächsten Kapitel behandelt werden. 

Für die Ausreise nach New York, Philadelphia u. s. w. bestehen 
also, wie wir gesehen haben, nicht weniger denn drei verschiedene 
Reisewege, deren jedem ein besonderes Leitmotiv zu Grunde liegt. 
Sehr einfach gestaltet sich dagegen bei der grofsen Mehrzahl der 
Reisen die Heimfahrt von Amerika nach Europa; man hat den Strom 
und den Wind aus vorwiegend günstiger Richtung und läuft vor dem Wind 
weg ostwärts zum Ziel. Auch die von West-Indien, dem Golf von Mexiko 
sowie von Savannah u. s. w. kommenden Segler steuern erst soweit im 
Golfstrom nordwärts, bis sie das Gebiet der vorherrschenden westlichen 
Winde erreichen; ihre Heimreisen fallen dann mit denen der von 
New York kommenden Schifte zusammen. Die mittlere Dauer der 
Fahrt von New York nach Lizard beträgt nur 26 Tage. Bedeutende 
Abweichungen von dieser Zahl kommen natürlich auch vor, indem die 
Schiffe manchmal, besonders auf den Aufsengründen vor dem Kanal 
und in den Frühjahrsmonaten, sehr lang anhaltende Ostwinde antreffen ; 
durch sehr schweres Wetter können sie auch zum „Beidrehen" ge- 
zwungen werden, d. h. sie müssen, wenn der Sturm sich so steigert, 
dafs sie nicht mehr platt vor dem Winde weglaufen können, aufser 
Fahrt gesetzt werden. 



§8. Nach und von der Ostküste Nord-Amerikas südlich von 
Kap Hatteras, sowie nach dem Golf von Mexiko, den west- 
indischen Gewässern und der Ostküste Süd-Amerikas nörd- 
lich vom Äquator. 

So lang die Überschrift dieses Paragraphen ist, so einfach und 
kurz können wir die Bemerkungen halten, welche diese Segelschiffs- 
reisen skizzieren sollen. 

Beginnen wir mit der Nennung der wichtigsten Hafenplätze, so sind 
südlich von Kap Hatteras Wi 1min g ton, Charles ton und Savannah 
anzuführen, welche noch heute einen auffallend starken Segelschiffs- 
verkehr aufzuweisen haben. In Wilmington z. B. wird ziemlich die 
Hälfte des gesamten Ausfuhrwertes noch durch Segler verfrachtet; es 
handelt sich hauptsächlich um die Ausfuhr von Hölzern und Baum- 
wolle, sowie (besonders in Charleston) um diejenige von Phosphaten, 
welche die Grundlage zu einer grofsen Industrie der Düngemittel lie- 
fern. Pensacola, welches schon am Golf von Mexiko, halbwegs zwischen 



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276 G - Schott: 

New Orleans und Florida liegt, wird von den deutschen Segelschiffen 
auch häufig aufgesucht, Holz ist auch hier der hauptsächlichste Aus- 
fuhrartikel. Es ist dann natürlich N ew O rlean s zu nennen, doch hat 
dieser Hafen sowohl für den Segler wie für den gesamten Weltver- 
kehr bei weitem nicht die Bedeutung von früher, trotz der vielge- 
rühmten Lage am Mississippi. Infolge der unglaublich niedrigen Fracht- 
sätze, zu denen die grofsen, unter einander konkurrierenden Eisen- 
bahnen des amerikanischen Binnenlandes die Güter quer über die 
Ströme hinweg von Westen nach Osten befördern, vermag selbst eine 
solche prachtvolle natürliche Wasscrstrafse wie der Mississippi mit 
seinen Nebenströmen der Stadt New Orleans den Zuflufs der gesamten 
grofsen Massengüter nicht zu sichern. Mit dem fortschreitenden Aus- 
bau der die Union in allen Breiten durchquerenden Eisenbahnen hat 
sich die bemerkenswerte Erscheinung immer deutlicher ausgeprägt, 
dafs die Unmengen von Landesprodukten den Wasserweg verschmähen 
und über Berg und Thal hinweg zu den am offenen Atlantischen Ozean 
gelegenen Plätzen, besonders nach Baltimore, Philadelphia und New 
York hin von dem Dampfrofs gebracht werden. 

Galveston, der Haupthafen von Texas, wird auch öfters von 
unseren Seglern aufgesucht; dann wären so ziemlich alle grofsen und 
kleinen Inseln des westindischen Archipels zu nennen. Wir heben nur 
noch an der Festlandsküste die zwei venezuelischen Häfen Maracaibo 
und La Guaira hervor, sowie Port of Spain auf Trinidad und 
Nickerie in Niederländisch-Guiana. 

In früheren Jahrzehnten hat die Segelschiffahrt mit West-Indien, 
welche von vielen kleinen Rhedern mit kleinen Fahrzeugen betrieben 
wurde, besonders gute Erträgnisse geliefert und den Grund zu der 
Wohlhabenheit gar vieler Familien an den deutschen Küsten gelegt; 
drei, vier und mehr Anteile waren oft in solch' kleinem Schuner ver- 
einigt, und der hauptsächlich durch die wertvollen Kaffeeladungen ge- 
brachte Gewinn wurde an die Anteile entsprechend vergeben. Heut- 
zutage ist diese Segelschiffahrt, mit welcher noch so recht die alte 
Poesie des Seelebens verbunden war, fast ganz den grofsen Dampfer- 
gesellschaften gewichen. Doch hat sich vielfach, z. B. in Maracaibo, 
der beherrschende Einflufs des deutschen Handels erhalten. Zucker, 
Kakao und Hölzer sind die Produkte, die aufser dem Kaffee als Aus- 
fuhrartikel in Frage kommen. 

Nur etwa 7 Prozent aller in den Jahren 1883 bis 1892 ausgeführ- 
ten transozeanischen Segelschiffsreisen waren nach West-Indien ge- 
richtet; von 1000 abgesegelten Seemeilen sind nur 34 in Fahrten mit 
West-Indien zurückgelegt. Doch sind hier nur die direkten Aus- oder 
Heimreisen berücksichtigt. Es werden aber gerade in diesen Gewässern 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 277 

in der Regel eine Reihe mehr oder weniger ausgedehnter Zwischen- 
reisen ausgeführt, ehe das Schiff zurückkehrt. 

Für die Ausreisen gilt als Segelanweisung allgemein diejenige, 
wonach man im NO-Passat, den man sobald als möglich zu fassen 
sucht, nach Westen segelt: es ist also der schon von Columbus auf 
seiner ersten Reise befolgte Weg. Zu früh, ehe man den Passatwind 
erreicht hat, nach Westen zu steuern ist nicht ratsam, weil man dann 
Gefahr läuft, in die windstillen Gegenden in der Nähe der Azoren zu 
geraten, was ja im 16. Jahrhundert den von Gibraltar aus kommenden 
Spaniern, die nach West-Indien wollten, häufig genug begegnet ist, 
obschon Columbus den rechten Weg gezeigt hatte. Ist das Schiff nach 
dem Golf von Mexiko bestimmt, so geht es meist zwischen Guadeloupe 
und Antigua hindurch, durchsegelt das Karibische Meer und betritt 
somit den Golf von der Yukatan-Strafse aus. Unsere Raeschiffe ver- 
meiden es selbst bei günstigen Winden, den näheren Weg zwischen 
Florida und Cuba westwärts zu nehmen, da die Strömung in dieser 
Enge bekanntlich aufserordentlich stark nach Osten setzt, auch das 
F'ahrwasser selbst durch Riffe und Bänke sehr eingeengt ist. Die 
Ausreisen sind, wie man sieht, im allgemeinen durchaus nicht schwierig, 
wenn man, unter Berücksichtigung des im gesamten Archipel in der 
Hauptsache westwärts strömenden Wassers, den Bestimmungsort immer 
von Osten her ansegelt. Auch ist der Passat im Lauf des ganzen 
Jahres recht frisch, besonders in der Nähe der kleinen Antillen. Die 
Verhältnisse sind demnach von denjenigen in der Malaiischen Insel- 
welt trotz einer — rein äufserlich betrachtet — ähnlichen geogra- 
phischen Lage durchaus verschieden; im besonderen haben in West- 
Indien Kalmen und veränderliche, leichte Winde auch nicht im Ent- 
fernten eine ähnliche Verbreitung und Häufigkeit wie in Hinter-Indien ; 
nur im Golf von Mexiko sind dieselben nicht selten. Nach Trinidad 
kann man 35 Tage Reise rechnen, nach Haiti 40, nach New Orleans 
50 und darüber. 

Die Rückreisen verlaufen vom Golf von Mexiko aus schneller als 
von den Kleinen Antillen aus; denn von letzteren aus müssen die 
Schiffe wegen Strom und Wind einen Umweg nach Westen hin machen, 
um zur Ostküste der Vereinigten Staaten zu gelangen, an welcher der 
Kurs nordwärts führt, wie schon oben am Schlufs von § 7 erwähnt 
wurde. Es sei auch der in den Hochsommer- und Herbstmonaten 
drohenden Gefahr, in einen der berüchtigten Orkane dieser Gewässer 
zu geraten, gedacht. 



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278 



G. Schott: 



§ 9. Nach und von der Ostküste Süd-Amerikas südlich vom 

Äquator. 

Sehen wir von dem ganz geringen Verkehr ab, welcher mit Afrika 
besteht (s. § 1), so nimmt die Fahrt nach und von Brasilien, so- 
wie den La Plata-Staaten unter allen Reiserouten die unterste Stellung 
im deutschen Segelschi tfsverkehr ein. Wenigstens ist dies für das 
Jahrzehnt gültig, das dieser Untersuchung zu Grunde gelegt ist. 
In neuester Zeit scheint der Verkehr mit den La Plata-Staaten 
einen kleinen Aufschwung zu nehmen, da Argentinien jetzt anfängt, 
auch Getreide, hauptsächlich Weizen, auszuführen, während vordem 
lediglich die Produkte der grofsen Viehzucht verfrachtet wurden. 
Häute bilden jedoch auch heute noch für die Segelschiffe den Haupt- 
bestandteil der Rückfrachten von Montevideo, Buenos Aires oder 
Rosario. 

Auf den Ausreisen laden die Schiffe vorzüglich Kohlen, dann auch 
Roheisen, Eisenbahnschienen u. a. m. Für die brasilianischen Häfen 
kommt fast nur die Kohle als Einfuhrartikel in Betracht, dieselbe wird 
in Rio oder San tos gelöscht. Ganz selten finden aber die Segler jetzt 
noch Rückfracht von Brasilien; denn die KafTeeladungen, welche ja 
immer sehr grofsc Geldsummen darstellen, werden jetzt nur noch 
den Dampfern übergeben. Daher gehen die Segelschiffe von Brasilien 
aus in Ballast nach der Westküste Süd-Amerikas, oder nach dem La 
Plata, oder auch — was gar nicht selten ist — nach den ostindischeh 
Reishäfen. Doch, wie gesagt, der Verkehr der Segelschiffe an der 
Ostküste Süd - Amerikas ist, im ganzen betrachtet, herzlich unbe- 
deutend. 

Was die Ausführung der Reisen selbst anlangt, so ist die Rück- 
reise der vom Kap Horn nach Lizard bestimmten Segler, soweit der 
Südatlantische Ozean L in Frage kommt, in den allgemeinsten Zügen 
schon im § 6 bei der Besprechung der Rückreisen von Australien 
geschildert worden 1 ) und der zweite Teil des Rückweges, die Durch- 
querung des Nordatlantischen Ozeans, fällt fast ganz zusammen mit 
dem Kurs der rückkehrenden Ost - Indienfahrer 2 ). Kommt also ein 
Schiff aus einem Hafen an der Ostküste Süd-Amerikas, so hat es diese 
Routen aufzusuchen; verhältnismäfsig leicht ist dies vom La Plata aus, 
weil daselbst der Wind selten gerade auf das Land zuweht, sodafs der 
Segler leicht frei vom Lande kommen und genügend weit ostwärts 
gehen kann, che er nach Norden aussteuernd zur Passatregion strebt. 

') S. S. 168—269. 
») S. S. z 4 8. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschtffahrt in det Gegenwart. 079 



Kehrt es von einem brasilianischen Hafen zurück, so macht es oft, 
besonders an der nordbrasilianischen Küste, grofse Mühe, soweit see- 
wärts zu gelangen , dafs das Schiff mit dem SO - Passat nordwärts 
segelnd frei vom Kap Roque kommt. Denn der Passat weht hier, und 
in der Regel mit beträchtlicher Stärke, recht auf die Küste, so dafs 
der Schiffer oft erst weit nach Süden ausweichen mufs, ehe er sein 
Schiff nordwärts wenden kann. 

Sonst ist über die Rückreisen kaum etwas zu bemerken. Die Aus- 
reisen fallen bis zum Äquator ebenfalls mit einer uns schon sehr be- 
kannten Route zusammen; denn alle Schiffe, mögen sie nun zum Kap 
Horn und zum Kap der Guten Hoffnung streben, haben von Uzard 
bis zum Äquator einen und denselben Weg. Die Segler, die nach dem 
amerikanischen Kontinent bestimmt sind, halten sich dann, nach Er- 
reichung des südhemisphärischen Passats, begreiflicherweise mehr an 
der amerikanischen Seite des Südatlantischen Ozeans, als die Ost- 
Indienfahrer, so dafs sich etwa auf der Breite des Kap Roque diese 
zwei Segelschiffsrouten allmählich trennen (s. Tafel n). Die Ausreisen 
sowohl nach Brasilien wie nach dem La Plata sind bei den durchweg 
günstigen Windverhältnissen im Südatlantischen Ozean ohne besondere 
Schwierigkeiten auszuführen; denn nach dem Verlassen des SO-Passats 
finden die Segler meist nördliche Winde, die aus den SO- und O -Winden 
am westlichen Rand des südlichen Luftdruck-Maximums sich entwickeln. 

Daher ist die mittlere Dauer einer Reise nach Rio nur etwa 42 
bis 43 Tage, also genau so grofs wie diejenige einer Fahrt nach New 
York, obschon die Entfernung fast 2000 Seemeilen gröfser ist. Nach 
der Mündung des La Plata gelangt man in ungefähr 53 Tagen; eben- 
soviel Zeit beanspruchen, wie wir sahen, Reisen nach dem inneren 
Teil des Golfes von Mexiko oder nach den Gewässern von Kamerun. 

Dafs die Rückreisen von der Ostküste Süd -Amerikas durchweg 
eine längere Dauer als die Ausreisen haben, dürfte nach dem, was 
über jene gesagt wurde, verständlich sein; der Unterschied beträgt für 
La Plata-Fahrten über 10 Tage, für Rio gar 15 Tage. 

Wir wenden uns nun zu den Reisen, welche um das Kap Horn 
in der Richtung nach Westen ausgeführt werden. Diese heutzutage 
au (serordentlich wichtige Segelroute verdient nach mancher Seite hin 
eine nähere Darstellung; mit der Besprechung derselben wird zugleich 
unser Überblick über die hauptsächlichsten Reisewege der heutigen 
Segelschiffe nahezu abgeschlossen sein. 

§ 10. Nach und von der Westküste Süd -Amerikas. 

Wenn nicht das nördliche Chile durch die schier unerschöpflichen 
Salpeter-Ablagerungen eine so grofse Anziehungskraft auf den Segel- 



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280 



G. Schott: 



Schiffsverkehr ausübte, so würde die Bedeutung der Reisen nach der 
Westküste Süd-Amerikas in unseren Darlegungen fast gleich Null sein. 
Der unserer Landwirtschaft bereits unentbehrlich gewordene Chile- 
salpeter ist es einzig und allein, welcher den geradezu erstaunlichen 
Seglcrverkehr an dieser öden Küste hervorruft. Ganz kleine, elende 
Plätze, die man selbst auf Karten gröfseren Malsstabes nicht oder nur 
mit Mühe findet, Plätze, die natürlich keinen Hafen, sondern nur eine 
offene Rhede aufzuweisen haben, spielen eine wichtige Rolle, seitdem 
sie Ausfuhrorte dieses Produktes geworden sind. Der weitaus bedeu- 
tendste Verschiffungsplatz ist Iquique, unter 20 0 s. Br. gelegen; 
allgemeiner bekannt sind noch Antofagasta und Arica, aber auch 
Pisagua, Junin, Tocopilla, Taltal u.a.m. sind den deutschen 
Seeleuten bekannte Namen. 

Der Salpeter ist eine für das moderne grofse Segelschiff so recht 
geeignete Fracht; oft segeln die Schiffe von weit her nach den Sal- 
peterplätzen, weil sie sicher sind, dort eine wenn auch in mäfsigen 
Grenzen lohnende Beschäftigung zu finden. Manche Schiffe, die 
regelmäfsig an dieser Küste verkehren, haben auch trotz der grofsen 
Konkurrenz der Dampfer die Möglichkeit bisher sich zu erhalten ge- 
wufst, schon auf der Ausreise Stückgut-Ladung direkt für Chile einzu- 
nehmen; andere gehen mit Kohlen hinaus, um gleichfalls mit Salpeter 
zurückzukehren. Viele Schiffe machen, besonders bei aufsergewöhnlich 
schlechten Verhältnissen, die ganze Reise nach Chile in Ballast, weil 
dann eine Kohlenladung noch nicht die Unkosten einbringt, und sind 
also blofs während der Heimreise beladen. Von Australien, ja selbst 
von Hongkong und Japan her kommen die Segler in Ballast über den 
ganzen Stillen Ozean zur Chile-Küste, wenn in jenen Gegenden keine 
Beschäftigung für sie zu finden ist. Man kann wohl sagen, dafs 
die Einfuhr von Salpeter in erster Linie, die Einfuhr von 
Reis in zweiter Linie heutzutage die zwei Angelpunkte 
sind, welche der deutschen Segelschiffahrt noch für lange 
Zeit hinaus eine Lebensfähigkeit gewährleisten. Während 
die oben geschilderten Reisen der „Reisfahrer" um das Kap der Guten 
Hoffnung gehen und meist nach Bremen gerichtet sind, ist für Salpeter 
Hamburg der hauptsächlichste Eingangshafen; auch eine sehr grofse 
Zahl englischer Segler besucht, gleichfalls mit Salpeter auf deutsche 
Rechnung beladen, diesen Hafen. 

Ein Vorteil, der die Salpeter - Einfuhr gerade durch Segelschiffe 
empfiehlt, ist der, dafs die Verschiffung desselben an keine Jahreszeit 
gebunden ist, während dies bei dem Reis immer noch, wenn auch 
nicht mehr in dem hohen Grad wie früher, der Fall ist. 

Der Wert der Salpeterausfuhr betrug im Jahr 1889 rund 45 Mill. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 281 

Mark. Die übrigen Ausfuhrartikel Chiles treten dagegen ganz und gar 
zurück; zu nennen wären vielleicht die Kupfer- und Silbererze, doch 
werden diese fast ausschliefslich durch Dampfer ausgeführt. Manchmal 
findet auch ein Segler im südlichen Chile eine Getreideladung; aber 
dies sind seltene Ausnahmen, die durchaus nicht in das Gewicht fallen. 
Denn nahe an 90 Prozent des gesamten Ausfuhrwertes wird allein 
von dem Salpeter geliefert. Der Verkehr mit Peru hat in den letzten 
Jahrzehnten bedeutend abgenommen; als Hafenplätze sind Mollendo 
und Callao zu nennen. Auch Guayaquil, Man ta und Esmerald as 
an der Ecuador-Küste werden von deutschen Segelschiffen besucht. 
Doch auch hier gilt, dafs diese Reisen im Vergleich mit den „Salpeter- 
fahrten" nicht viel besagen. 

Die Fahrt nach und von der „Westküste" — so wird die Küste 
von Chile und Peru in vollkommen genügender Weise in allen Schiff- 
fahrtskreisen bezeichnet — steht unter allen bisher genannten und noch 
zu nennenden Segelrouten ihrer Bedeutung nach jetzt an erster Stelle. 
Während wir auf den übrigen Weltverkehrswegen vielfach eine Ab- 
nahme des Segelschiffsverkehrs feststellen mufsten , läfst sich hier 
besonders am Ende der achtziger Jahre eine Zunahme der Reisen 
nachweisen, welche, wie aus dem oben Gesagten erhellt, lediglich eine 
Folge der vermehrten Salpeterausfuhr ist; augenblicklich scheint aller- 
dings eine Stockung hierin eingetreten zu sein. 

Nach Ausweis des Eingangsjournals der Deutschen Seewarte sind 
im Jahr 1885 20 Ausreisen und 22 Heimreisen zwischen Europa und 
der „Westküste" durch deutsche Segler, welche ein Journal führen, 
gemacht worden; 1890 aber 51 Alfsreisen und 64 Heimreisen! Also 
in einem Jahr sind allein von diesen Segelschiffen, welche, wie ein- 
gangs auseinandergesetzt worden ist, nur etwa 40 Prozent der deutschen 
Hochseesegler darstellen, nicht weniger als 115 Reisen um das Kap 
Horn ausgeführt worden. Auf 1000 transozeanische Reisen kommen 
176 nach oder von der „Westküste"; nur die kürzeste Segelroute, die- 
jenige nach den atlantischen Häfen der Union, hat procentual mehr 
Reisen. Wenn wir aber, wie schon bisher geschehen, auch hier die 
verschiedenen Segelstrecken in Anschlag bringen, so kommen unter 
1000 Seemeilen, die von unseren Seglern abgelaufen werden, im Durch- 
schnitt der zehn Jahre 1883— 1892 allein 202 diesem Verkehr zu Gute. 
In einem grofsen Abstand folgen dann die Segelschiffsverbindungen 
mit Australien (135 von Tausend) und diejenigen mit den Reishäfen 
(107 von Tausend). 

Unter normalen Verhältnissen verlaufen die Rundreisen so, dafs 
das Schiff von Europa nach Valparaiso geht, dort seine Ladung löscht 
und Ballast einnimmt, um die kurze Fahrt nach einem der Salpeter- 



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282 



G. Schott: 



häien machen zu können; von letzterem aus geht es ohne grofsen 
Aufenthalt — die Befrachtung erfolgt gewöhnlich sehr schnell — 
direkt wieder nach Hause. Beide Male führt demnach die Reise- 
route um das Kap Horn, das eine Mal in der Richtung Ost- West, das an- 
dere Mal in umgekehrter Richtung. Es ist sehr interessant, den Ver- 
änderungen nachzugehen, welche nicht allein in den Segelanweisungen 
für die gefürchtete Kap Horn-Fahrt, sondern in den allgemeinen An- 
schauungen über diese Reisen überhaupt Platz gegriffen haben. An 
dieser Stelle können natürlich nur einige wenige Sätze, meist ohne ihre 
nähere Begründung, mitgeteilt werden; sie gehen im wesentlichen auf ver- 
schiedene Veröffentlichungen der Deutschen Seewarte zurück. Gerade 
um die Erleichterung der Kap Horn-Fahrten hat sich diese Anstalt 
ganz unbestreitbare Verdienste erworben, da ihre Anweisungen vom 
augenscheinlichsten praktischen Erfolg begleitet gewesen sind. Der 
mittlere Verlauf der Ausreisen ist uns bis zum Passat der südlichen 
Halbkugel bereits aus früheren Abschnitten (Reisen nach West-Afrika, 
nach Ost-lndien u. s. w.) geläufig. In dem Grenzgebiet zwischen der 
polaren Passatgrenze und dem Westwindgürtel kommen die Segler ver- 
hältnismäßig schnell voran, da auf einer vergleichsweise breiten Zone, 
nämlich zwischen ungefähr 20 0 — 27 0 s. Br., nördliche und östliche Winde 
vorherrschen, welche auch bis zur La Plata-Mündung (35 0 s. Br.) 
häufig sind, allerdings schon von kürzerer Dauer, indem sie von um- 
laufenden Winden abgelöst werden. Je weiter südlich das Schiff 
kommt, desto länger hält sich der Wind bei den Rundläufen im süd- 
lichen bzw. südwestlichen Viertel der Kompafsrose und artet nicht 
selten zu schweren Stürmen, den «berüchtigten „Pamperos" aus, welche 
den Fortgang hemmen. Trotz zunehmender Breite läfst sich die Reise 
zum Kap Horn durchweg besser fördern, wenn man erst diese Über- 
gangszone durchschnitten hat und jenseit des 42. Breitengrades ange- 
langt ist. Denn nunmehr hat man endlich das Westwindgebiet er- 
reicht, in welchem, wenn schon das Barometer täglich mehr und mehr 
sinkt, ein beständigeres Wetter herrscht, auch der Wind bei dem Vor- 
übergang von Depressionen nicht aus SW, sondern aus NW am läng- 
sten zu wehen pflegt, so dafs man, wenn man sich immer dicht unter 
der Patagonischen Küste hält, bis zur Staaten-Insel im Durchschnitt 
ohne besondere Schwierigkeiten gelangt. Für die ganze Fahrtstrecke 
vom La Plata bis zur letztgenannten Insel (55 0 s. Br., eben östlich 
von Feucrland) gilt als erste Regel die Anweisung, immer möglichst 
nahe unter der Küste zu bleiben, damit man dann, südlich von der 
Staaten-Insel, möglichst weit im Westen schon sich befindet, weil ja 
von hier an der Kurs recht nach Westen führt zu der schwierigsten 
Strecke, auf welcher jede Seemeile, die in Westrichtung erspart 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Svyclschifiahrt in der Gegenwart. 283 

werden kann, von Vorteil ist. Die Reiseroute zum Kap Horn führt 
also ausnahmslos westlich von den Falklands-Inscln nach Süden ; wenn 
möglich, wird auch gern die Le Maire-Strafse benutzt, welche zwischen 
Feuerland und Staaten-Insel in einer für die Schiffahrt benutzbaren 
Breite von 14 Seemeilen sich ausdehnt. Das hier schon sehr stürmische 
und oft unsichtige Wetter hindert freilich häufig den Schiffsführer, 
diese Strafse anzusegeln, wenn er seiner Position nicht genau sicher 
ist; sehr lästig ist auch im südlichen Winter der Umstand, dafs die 
Tageshelle auf diesen Breiten nur mehr kaum 8 Stunden dauert. Bei 
Nacht und Nebel mufs man den Umweg um Staaten-Insel nehmen, 
um sicher zu gehen, obwohl man dann fast 50 Seemeilen östlicher steht. 

Befindet sich Staaten-Insel im Norden von dem Schiff, so beginnt 
die eigentliche Umsegelung des Kaps. Nach den Ermittelungen der 
Seewarte ist die Zeitdauer, während der das Schiff sich südlich von 
50° s. Br. , d. h. also in der Nähe des Kap Horn, befindet, im 
Jahresmittel und Durchschnitt aller Reisen etwa = 20 Tagen; dabei 
wird der 50. Parallelkreis im Atlantischen Ozean ungefähr unter 64" 
w. L. , im Grofsen Ozean unter 82 0 w. I.. geschnitten. Diese 
Strecke ist aber auch schon in 9 Tagen durchsegelt worden, und an- 
dererseits haben einzelne Schiffe 50, ja 60 Tage auf ihr zugebracht. 

Diese grofsen Abweichungen vom Mittel lassen zwei auch durch 
die übrigen Thatsachen sich ergebende Schlüsse zu: einmal, dafs am 
Kap Horn sehr veränderliches Wetter herrscht, sodann, dafs gerade 
hier durch passende Wahl der Kurse dem Wind und Wetter mancher 
Vorteil abgewonnen werden kann. Maury's Vorschrift lautete, sich 
möglichst nahe unter Land zu halten; die Anweisung der See warte 
weicht hiervon wesentlich ab, indem sie, gerade wenn der Wind aus 
Westen weht, empfiehlt, südwärts zu segeln, und so kommen jetzt un- 
sere Segler bei dieser Fahrt polwärts häufig bis zu der hohen Breite 
von 6o° und darüber. Das Studium der Witterungsverhältnisse am 
Kap hat gezeigt, dafs auch hier Luftdruckminima von Westen nach 
Osten wandern, deren Centren gerade am Kap Horn vorbeiziehen. 
Gemäfs den Gesetzen einer cyklonalen Euftbewegung .auf südlicher 
Breite herrschen im Osten des Minimums nördliche Winde, im Süden 
östliche, im Westen südliche und im Norden westliche. 

Für den westwärts bestimmten Schiffer sind allein die westlichen 
Winde ungünstig, mit den übrigen kann er sehr wohl segeln. Er wird 
also, wenn er an dem Verhalten seines Barometers merkt, dafs eine 
Depression sich ihm nähert, darauf Bedacht zu nehmen haben, dafs 
er nicht in die nördliche Hälfte der Depression kommt. Es gilt, die 
Depressionen im Süden zu umsegeln; mit den nördlichen Winden 
steuert er SW, mit den östlichen W, mit den südlichen Winden NW. 

Zeiuchr. d. Ge*lbch. f. Erdlc. Bd. XXX, 1895. 20 



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G. Schott: 



Hat er Gegenwind aus West oder Nordwest, so ist immer im Süden 
davon eine günstigere Gelegenheit zur Förderung der Reise zu er- 
warten. Ein weiterer Vorteil dieser Anweisung ist der, dafs man der 
starken östlichen Strömung, welche nahe bei Kap Horn sich findet, 
entgeht oder doch in viel geringerem Grad ausgesetzt ist. Es ist 
klar, dafs die gegebenen Vorschriften nicht blindlings zu befolgen 
sind, sondern nur Vorteil bringen, wenn man, soweit dies auf dem 
Schiff möglich ist, eine Vorstellung von der gesamten Witterungslage 
zu gewinnen sucht, wobei das Barometer auch hier vom gröfsten 
Nutzen ist. Anhaltende Hochdruckgebiete sind, wie besonders die 
Untersuchungen Halte rmann's 1 ) gezeigt haben, hauptsächlich in den 
südlichen Wintermonaten gar nicht selten, und das Barometer steigt 
in solchen Fällen fast ebenso hoch wie an irgend einer anderen Stelle 
der Erde. 782,5 mm ist (am 31. August 1887) m 54° Br« und 
84 0 L. abgelesen worden. Dafs freilich im Jahresmittel der Luft- 
druck am Kap Horn ein sehr geringer ist, ist bekannt. Häufig sinkt 
die Quecksilbersäule unter 720 mm, und der Wert von 698,4 mm, 
beobachtet am 13. April 1890 in 59 0 Br. und 69 0 L., ist durchaus 
verbürgt, übrigens sind Werte unter 700 mm mehr wie einmal auch 
im Nordatlantischen Ozean bei Winterstürmen vorgekommen. Eine 
Eigentümlichkeit der Depressionen am Kap Horn ist, dafs in der 
Nähe des Minimums, und zwar oft auf einem weiten Umkreis um 
dasselbe, die Winde ganz au Mallen d leicht und von relativ schönem 
Wetter begleitet sind, während in gröfserer Entfernung vom Centrum 
der Sturm mit entsetzlicher Heftigkeit wütet. 

Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Depressionen nach öst- 
licher und nördlicher Richtung dürfte etwa 50 km in der Stunde be- 
tragen 2 ), während dieselbe für die nordatlantischen Minima von Loomis 
nur auf 29 km im Mittel in der Stunde berechnet wird 3 ). Dies ist 
also ein beachtenswerter Unterschied , obwohl im übrigen die Witte- 
rung am Kap Horn derjenigen des Nordatlantischen Ozeans im Winter 
sehr ähnlich ist. Die Stürme am Kap Horn sind durchaus nicht 
schlimmer als die über dem letztgenannten Gewässer einherfegenden 
winterlichen Unwetter, welche die Fahrt nach New York, wie früher zu 
zeigen versucht wurde, zu einer so ungemein mühseligen gestalten. 

Gewifs sind schwere Stürme am Kap Horn sehr häufig, sozusagen 
an der Tagesordnung, aber sie sind meist nicht von langer Dauer, 
und was das wichtigere ist, sie wehen nicht lange aus derselben Rich- 



l ) s. Annal d. Hydrogr. 1891- S. 166 17., iqc ff., 227 ff. 
'-') Halt ermann, a. a. O. S. 243. 

a ) van Bcbber, Handbuch der ausübenden Wilterungskunde II, S. 267 



\ 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segclsehiffabrt in der Gegenwart. 2Hb 



tung, da eben die Depressionen eine aufserordentlich grofse Vorwärts- 
bewegung besitzen. Damit ist zugleich gesagt, dafs man auch auf die 
günstigen Winde, die man antrifft oder aufsucht, nie für lange Zeit 
rechnen darf; die Witterung ist in einer beständigen Veränderung. 
„Das Wetter bei Kap Horn ist, im ganzen genommen, eher als un- 
ruhig und veränderlich denn als anhaltend stürmisch zu bezeichnen" '). 
Um bei dem rauhen Wetter, in dessen Gefolge nicht selten Schnee- 
und Hagelböen sich einfinden, und bei dem hohen Seegang Fortschritt 
nach Westen machen zu können, mufs man natürlich auch ein gutes, 
seetüchtiges Schiff unter den Füfsen haben, und, sobald der Höhe- 
punkt des Sturmes das Schiff überschritten hat, sogleich bei der Hand 
sein, Segel wieder beizusetzen. „Wer hier zum Segelsetzen ruhiges, 
beständiges Wetter abwarten will, wird zu dieser Fahrt stets eine 
lange Zeit benötigen" 2 ). 

Die beigegebenen vier kleinen synoptischen Kärtchen auf Tafel 14 
sind der mehrfach erwähnten Arbeit Haltermann's entnommen; sie be- 
ruhen auf den meteorologischen Beobachtungen deutscher Segelschifte, 
und gestatten, manche der oben gegebenen Sätze ohne weiteres zu er- 
kennen. Karte 1 z. B. zeigt deutlich, welchen Vorteil eine südliche 
Stellung des Schiffes bei einer eng umschriebenen Depression mit sich 
bringt; während dicht an Kap Horn flaue westliche Brise, weiter west- 
wärts Sturm aus WNW weht, ist einige 60 bis 100 Seemeilen südlicher 
der Wind östlich und südöstlich, weht gleichfalls als Sturm und ist 
daher für einen westwärts bestimmten Segler von allergrößtem 
Nutzen. 

Man sieht schon hieraus, dafs auf der Heimreise die Segel- 
schiffe einen nördlicher verlaufenden Kurs, nahe unter Land, verfolgen 
werden; sowohl auf der Fahrt um das Kap Horn wie auf derjenigen 
um das Kap der Guten Hoffnung führt also der Reiseweg heimwärts 
nahe unter Land, die Ausreise aber weit im Süden der Kaps vorbei. 
Die Segelrouten am Kap der Guten Hoffnung liegen aber rund 20 
Breitengrade nördlicher als diejenigen am Kap Horn, und die Wind- 
verhältnisse müssen, da ja am Kap Horn die Heimreisen nach Osten, 
am Kap der Guten Hoffnung nach Westen gerichtet sind, einander 
entgegengesetzt sein, wenn anders die Segelanweisungen für beide 
Fahrten in Bezug auf die Lage der Routen zum Land dieselben sollen 
sein können. Dies ist ja in der That der Fall. Nahe der Südspitze 
Afrikas sind, zumal im Südsommer, südöstliche Winde häufig, nahe 
der Südspitze Süd - Amerikas Westwinde vorherrschend ; in einem Ab- 

') Segelhandbuch f. d. Atlant. Ozean, S. 4*8 
8 ) a. a. O. S. 418 

20* 



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286 G Schott: 

stand aber von 200 Seemeilen und mehr finden wir im Süden des Kap der 
Guten Hoffnung Westwinde, im Süden des Kap Horn Ost- und Südwinde. 

Die zweite Karte (13. April 1890) stellt eine ungewöhnlich tiefe 
Depression (unter 700 mm) dar und läfst zugleich erkennen, dafs — 
wie auch früher bemerkt wurde — in nächster Nähe des Minimums 
nicht immer der schwerste Wind weht; orkanartige Windstärke finden 
wir vielmehr am östlichen Ende der Magelhaes-Strafse verzeichnet, wäh- 
rend das Centrum sich 100 Seemeilen südlich vom Kap Horn befindet. 
Die synoptischen Karten vom 16. und 19. Juli 1890 (Karte 3 und 4) ge- 
hören zusammen und zeigen den Übergang der Witterung von dem 
cyklonalen zum anticyklonalen Charakter. Man beachte auf Karte 3, 
dafs leichter SO-Wind ganz nahe der Gegend niedrigsten Luftdrucks 
beobachtet wurde. — 

Ist das Kap Horn umsegelt und hat das Schiff den 50. Pa- 
rallelkreis wieder überschritten, so ist der Rest des Reiseweges ver- 
hältnismäfsig leicht zurückzulegen; freilich sind Gegenwinde auf dem 
ersten Teil dieser Strecke häufig, aber sie sind meist von mäfsiger 
Stärke. Ist der Bestimmungshafen nördlich von Valparaiso gelegen, 
so verläuft der Segelweg im SO - Passat - Gebiet in nicht zu grofser 
Entfernung von der Küste und mit ihr parallel nach Norden. Man 
darf sich nämlich nicht zu weit westlich halten, wenn man nicht in 
das südpazifische Luftdruckmaximum geraten will. 

Auf der Rückreise von den Häfen Ecuadors, Perus und des nörd- 
lichen Chile segelt man zuerst „am Wind" (d. h. am SO-Passat) nach 
SW, bis man mehr und mehr nach Süden abhalten kann. Sonst ist 
über die Heimreisen nichts weiter zu bemerken, da wir ihren Ver- 
lauf vom Kap Horn zum Kap Lizard bereits in § 6 bei der Be- 
sprechung der Rückreisen von Australien kennen gelernt haben. 

Was die Dauer der Reisen anlangt, so beanspruchen die Aus- 
reisen durchschnittlich etwa eine Woche Zeit weniger als die Heim- 
reisen, trotz der in der Richtung nach Westen schwierigen Umsege- 
lung des Kap Horn. Zum Teil mag dieser Unterschied durch die auf 
der Heimreise infolge des schon unrein gewordenen Schiffsbodens ver- 
ringerte Segelfähigkeit zurückzuführen sein; aber am wichtigsten hier- 
für ist jedenfalls, dafs infolge der schon mehrfach skizzierten Wind- 
verhältnisse sowohl im Südatlantischen als auch im Nordatlantischen 
Ozean die Heimreisen notwendig langer dauern als die Ausreisen, auf 
welch' letzteren fast immer die Einhaltung des nächsten Weges möglich 
ist. Wenn wir die Isochronen-Karten betrachten, so sehen wir, dafs die 
Reisen nach Valparaiso etwa 83 Tage beanspruchen, nach Iquique 92, 
nach Callao 99, nach Guayaquil 108, die Rückreisen von den genannten 
Orten aber 89, bzw. 98, bzw. 106, bzw. 114 Tage. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen SegeLschiffahrt in der Gegenwart. 



Es sind dies Zahlen, die im Vergleich mit den Zeiträumen, welche 
in früheren Jahrzehnten zu solchen Reisen benötigt wurden, aufser- 
ordentlich niedrig sind und ein Zeugnis für die beträchtliche Abkür- 
zung der Fahrzeiten gerade bei Kap Horn-Reisen ablegen. Nach einer 
auf Grund der Schiffsjournale von Seiten der Seewarte aufgestellten 
Berechnung 1 ) betrug die mittlere Reisedauer von Kap Lizard nach 
Valparaiso: 

in den Jahren 1876 bis 1880 102 Tage. (Mittel aus 18 Reisen), 
„ » „ 1881 „ 1884 91 „ ( „ „ 38 „ ), 
„ „ m 1885 „ 1888 88 „ ( „ „ 64 „ ), 
>t „ „ 1889 „ 1892 83 „ ( „ „ 74 „ ). 
Durch schnelle Reisen auf dieser Route geradezu berühmt sind 
manche Schiffe und Kapitäne, und man kann sagen, dafs diese Erfolge 
der deutschen Seglerflotte auch im Ausland, besonders in England, die 
Aufmerksamkeit der beteiligten Kreise in hohem Mafs erregen. Un- 
übertroffen bleibt bisher und wohl auch für lange Zeit noch die von 
Kapitän Hilgen dorf mit dem Hamburger Viermaster „Placilla" im 
Jahr 1892 in 58 Tagen ausgeführte Reise nach Valparaiso ; wenn man 
bedenkt, dafs die Postdampfer der Hamburger „Kosmos" - Linie zu 
dieser Fahrt 56 Tage benötigen, wobei sie zwar öfters für kurze Zeit 
unterwegs anlegen, dafür aber auch immer direkten Kurs steuern und 
durch Benutzung der Magelhaes-Strafse eine fernere beträchtliche Ab- 
kürzung des Reisewegs erzielen, so mufs diese Leistung geradezu als 
phänomenal bezeichnet werden. Kapitän Hilgendorf hat in den Jahren 
1888 bis 1892 6 Reisen nach Valparaiso gemacht, welche eine mittlere 
Dauer von nur 64 Tagen hatten, also 19 Tage weniger als das allge- 
meine Mittel! Man erkennt hieraus, dafs natürlich sehr viel auf die 
persönliche Energie und Einsicht des Schiffsführers ankommt; Uner- 
schrockenheit und Geistesgegenwart gehören auch dazu, wenn diese 
Fahrten, bei denen das Schiff auf das äufserste seiner Leistungsfähig- 
keit angestrengt wird, glücklich und schnell verlaufen sollen. 

§ 11. Nach und von der Westküste Central- 
und Nord-Amerikas. 

Die Häfen an dieser Küste, welche für die deutsche Segelschiff- 
fahrt in Betracht kommen, sind, wenn wir von Süden nach Norden 
gehen, folgende: in Costarica, an der Bucht von Nicoya, Punta Arc- 
nas (nicht zu verwechseln mit Punta Arenas in der Magelhaes-Strafse); 
in Nicaragua der sehr besuchte Platz Corinto; in Mexiko Sahna 
Cruz im Golf von Tehuantepec, Acapuh o, San Blas und Mazat- 



') Annalcn d. Hydrogr. 1893, S. 213. 



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288 



G. Schott: 



lan. Im (iolf von Californien sind ferner noch die mexikanischen 
Häfen Altata, Playa Colorado und Guaymas zu nennen, die auf 
der Festlandsseite des Golfes liegen, sowie La Paz, welches an der 
Südostküste der Californischen Halbinsel liegt. Wichtig sind dann die 
Unionhäfen San Diego (nahe der Südgrenze der Vereinigten Staaten 
und zugleich Endpunkt der „Southern Pacific Railway"), San Francisco, 
Port lan d (am Columbia-Flufs landeinwärts gelegen), und die inner- 
halb der Juan de Fuca-Strafse, am Puget Sund belegenen Plätze 
Port Townsend, Oakland und Tacoma. Kanadische Häfen, wie 
Vancouver u. s. w., werden von unseren Seglern kaum besucht. 

Die Gegenstände der Ausfuhr der centralamerikanischen Staaten 
sind sehr mannigfaltige, doch werden in Segelschiffen meist nur Erze 
und Farbhölzer verfrachtet; für letztere sind die nordmexikanischen 
Häfen, aber auch Corinto besondere Stapelplätze. In den Union- 
häfen der Pacifischen Küste wird einzig und allein Getreide ver- 
schifft und zwar Weizen und Gerste. Die Ausfuhr ist so bedeutend, 
dafs in San Francisco mehr Weizen verschifft wird als in irgend einem 
anderen Hafen der Union. Im Rechnungsjahr 1889 90 gingen aus 

8 Millionen hl. Weizen 

1,2 „ „ Weizenmehl 

0,4 „ „ Gerste 1 ). 
Trotz der sehr grofsen Entfernung lohnt sich infolge der billigen 
ScgclschifTsfrachten die Verschiffung nach Kuropa. Die Fahrten um 
das Kap Horn nach und von San Francisco sind heutzutage die wei- 
testen direkten Reisen, welche von den Seglern häufiger gemacht 
werden; die abzusegelnde Entfernung beträgt jedesmal (in einer Rich- 
tung) rund 14000 Seemeilen und ist derjenigen des Segelweges nach 
Yokohama ungefähr gleich. Neben dem californischen Getreide nimmt 
auch die Getreideproduktion in den nördlich von Californien gelegenen 
zwei Küstenstaaten, in Oregon und Washington, einen immer gröfseren 
Aufschwung, so dafs auch nach den nördlichsten Unionhäfen die 
Segelschiffe jetzt ziemlich häufig gehen. Auf den Ausreisen wird 
meist englische Kohle als Fracht geladen. 

Solange durch den centralamerikanischen Isthmus kein Schiffahrts- 
kanal geführt ist, solange wird das Segelschiff in diesen pacifischen 
Häfen lohnende Frachten finden. Es ist verständlich, dafs heute nur 
für solche Ausfuhrartikel eine direkte Verschiffung durch Dampfer von 
San Francisco nach Europa möglich sein würde, die wesentlich wert- 
voller als Getreide wären: solche Gegenstände der Ausfuhr fehlen aber 
fast ganz, denn was sonst in Frage kommen könnte, geht mit der 

') Seehäfen des Weltverkehrs. II. Bd. S. 336. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. '289 



Eisenbahn durch das Land über New York nach Europa. Daher be- 
steht bis heute keine direkte Dampferlinie von Kuropa nach San Fran- 
cisco; die Dampfer, welche von Europa kommend die Magelhaes-Strafse 
passieren, gehen nordwärts nicht über Corinto hinaus. So kommt es, 
dafs der Segelschiffsverkehr in diesen Gewässern ein recht bedeutender 
ist; er nimmt in der Reihe der grofsen Verkehrsbeziehungen, die wir 
besprochen haben, die vierte Stelle ein. Von je 1000 Seemeilen, die 
unsere Segler ablaufen, kommen über 100 auf Fahrten, welche diesem 
Verkehr gelten (s. Tabelle V B.). Fast 300 im Laufe der Jahre 1883 
bis 1892 um das Kap Horn nach und von der Westküste Central- und 
Kord-Amerikas ausgeführte Reisen sind in den Journalen der Seewartc 
enthalten, und zwar verteilen sich diese Fahrten gleichmäfsig auf die 
einzelnen Jahre. 

Die Segelwege, welche auf diesen Fahrten eingeschlagen werden, 
sind uns bereits zu ihrem gröfsten Teil bekannt; sie decken sich bis 
zu den Breiten des südlichen Chile mit den im vorigen Abschnitt 
beschriebenen. Das SO-Passat-Gebiet wird im weiteren Verlauf der 
Reise ganz durchsegelt; in unserem Hochsommer weht an der West- 
küste Centrai-Amerikas eine Art SW-Monsun, der, ohne dafs ein breiter 
Stillengürtel sich dazwischen schiebt, auf den SO-Passat folgt und 
darum das Ansteuern des Hafens ohne weiteres gestattet. In den 
Wintermonaten hat man hier östliche Winde, die oft als direkte Fort- 
setzung des atlantischen NO-Passates über die centralamerikanische 
Cordillere auf den Stillen Ozean hinauswehen und ein Ansegeln von 
Westen und Norden her notwendig machen, wie wir dies auch an dem 
Endstück der Segelrouten nach Mazatlan und San Francisco sehen (s. 
Tafel 1 1). Der Reiseweg nach San Francisco entspricht, soweit er nördlich 
des Äquators im Stillen Ozean liegt, demjenigen, welcher im Atlantischen 
Ozean von der Linie nach Lizard führt und im § 1 näher besprochen ist; 
umgekehrt entspricht der erste Teil der Rückreise von San Francisco 
der Fahrt von Lizard zur Linie. San Francisco, auf gleicher Breite mit 
Lissabon (38 0 n. Br.) gelegen, hat im Sommer passatartige Witte- 
rung, nämlich trockene polare Winde, im Winter sind südwestliche, 
Regen bringende Winde häufig. Je weiter nördlich wir an dieser 
Küste gehen, desto häufiger werden diese letzteren Winde, und es ist 
dann in unserem Winter der erste Teil der Rückreise von Portland 
oder der Juan de Fuca-Strafsc für ein Segelschiff öfters sehr schwierig, 
da es grofse Mühe macht, vom Lande frei zu kommen. 

Nach unseren Isochronen-Karten haben die Reisen von San Fran- 
cisco bzw. der Juan de Fuca-Strafse eine mittlere Dauer von 134 bzw. 
143 Tagen, die Reisen nach diesen Gegenden aber eine solche von 
139 bzw. 150 Tagen; die Ausreisen erfordern demnach durchs< hnitt- 



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G. Schott: 



lieh einige Tage mehr als die Heimreisen. Ob dies thatsächlich der 
Fall ist oder ob dies Ergebnis nur eine Folge einer nicht recht ge- 
nügenden Zahl von Reisen ist, die zur Mittelbildung verwendet werden 
konnten, mufs dahin gestellt bleiben. Jedenfalls wird der Unterschied 
in der Reisedauer , mag er nun nach der einen oder anderen Seite 
fallen, unbedeutend sein. 

Von einem hydrographischen Standpunkt aus auf das höchste 
beachtenswert sind die Erscheinungen, die von den Segelschiffen auf 
diesen Reisen in der Nähe des Äquators angetroffen werden. Kommen 
die Schiffe von Süden, so finden sie in der Nähe des Äquators (meist 
zwischen i° s. Br. und der Linie) ganz abnorm niedrige Wasser- 
temperaturen, zeitweise unter io' ; C. (!), während nördlich und südlich 
davon das Wasser viel wärmer ist. Zugleich wird das Schiff von einer 
reifsenden Strömung nach Westen versetzt , nicht selten , zumal in 
unseren Sommermonaten, um Entfernungen von 150 km und mehr in 
24 Stunden. Auf nördlicher Breite, meist von 4 0 n. Br. an, folgt dann 
sehr warmes Wasser, welches in heftiger Bewegung nach Osten be- 
griffen ist und daher die westwärts vertriebenen Schiffe um fast gleiche 
Strecken wieder ostwärts führt. Nördlich von 8°~ io° Breite betritt 
das Schiff den nordäquatorialen Strom , der wiederum westliche 
Versetzungen des Schiffes, aber von geringerer Stärke, verursacht. 
Im Atlantischen Ozean sind zwar durchaus ähnliche Erscheinungen 
nachgewiesen; aber dieselben können, sowohl was die Intensität als 
die Sicherheit ihres Vorhandenseins betrifft, kaum mit den Verhält- 
nissen im Grofscn Ozean verglichen werden. Das kalte Wasser unter 
dem Äquator im östlichen Stillen Ozean hat schon frühzeitig die Auf- 
merksamkeit der Seefahrer erregt; wenngleich Duperrey schon 1832 
eine Karte der Meeresströmungen dieser Gegend veröffentlicht hat, so 
ist doch die erste auch in Einzelheiten genaue Darstellung dieser 
Verhältnisse Dr. Mcyen zu danken, welcher auf dem preufsischen 
Scehandlungsschiff „rrinzefs Louise" im Jahr 1831 den Stillen Ozean 
durchsegelt hat und in der mustergiltigen Beschreibung dieser denk- 
würdigen Reise 1 ) die Erfahrungen auch anderer Seehandlungsschiffe 
verwertet. Trotz der aufscrordentlichen Geschwindigkeiten, die von 
den Strömungen in diesem Teil des Weltmeers erreicht werden und 
im Durchschnitt nicht hinter denen, die irgend welche der stärksten 
Meeresströmungen überhaupt aufzuweisen haben, zurückstehen, ist doch 
ihre praktische Bedeutsamkeit eine vergleichsweise geringe, da der 
Seefahrer hier überall ein sehr ausgedehntes, durchaus freies und 
gefahrloses Fahrwasser hat. 



*) „Reise um die lüde", Berlin 1835. Bd - s - 78 — 91. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 291 



III. Die Zwischenfahrten. 

Wir haben in einem ersten Abschnitt die Fahrten nach dem Osten 
(nach Afrika, Asien und Australien) besprochen, in einem zweiten die 
Fahrten nach dem Westen, nach Amerika. Es erübrigt noch, einige 
Worte über die grofsen Zwischenreisen zu sagen, welche von un- 
seren Seglern häufiger ausgeführt werden. Wir verstehen darunter mit 
Ladung ausgeführte Reisen, die nicht von Europa ausgehen und auch 
nicht nach Europa gerichtet sind. Im allgemeinen sind Reisen dieser Art 
selten, da unsere Segelschiffe, wie sich jetzt, zumal in den letzten 
Jahren, die Verhältnisse herausgebildet haben, meist direkt von ihrem 
Heimatshafen oder doch einem europäischen Platz nach dem Hafen 
ihrer Bestimmung segeln und ebendaselbst oder nach einer kurzen in 
Ballast zurückgelegten Fahrt in einem in der Nähe gelegenen Hafen 
laden, um wiederum direkt zum Heimathafen zurückzukehren. Jahre- 
langer Aufenthalt ausschliefslich in fremden Gewässern und für fremde 
Rechnung ist nicht mehr so häufig wie früher. 

Es wird hier von den kleinen Zwischenreisen abgesehen, welche das 
in Ballast befindliche Schiff von einem Küstenplatz zum anderen führen, 
also von Fahrten, wie zwischen Singapur und den Reishäfen oder 
zwischen Valparaiso und den Salpeterhäfen, sondern es ist nur von 
grofcen transozeanischen Zwischenreisen, welche wirkliche kaufmännische 
Bedeutung haben, die Rede. 

Um zum Schlufs zu kommen, wollen wir hier die einzelnen in Be- 
tracht kommenden Reisewege nur anführen (wobei auf Tabelle III ver- 
wiesen wird, welche diesen Zwischenreisen gewidmet ist), ohne dafs 
wir den Verlauf dieser Reisen näher beschreiben; derselbe ist auch 
nach den bisher gegebenen Mitteilungen unschwer für jeden, der die 
Karte der Segelrouten mit Karten der Windverhältnisse vergleicht, vor- 
stellbar. 

Tabelle III zeigt, dafs nach Ausweis des Eingangsjournals der 
Seewarte im Jahrzehnt 1883 bis 1892 471 solche Zwischenreisen ge- 
macht worden sind, das sind 10 Prozent aller Reisen. Aber dieselben 
verteilen sich naturgemäfs zum gröfsten Teil auf die bereits behan- 
delten Verkehrsbeziehungen, indem nur das äufserliche Moment, dafs 
ihr Ausgangs- oder Endpunkt nicht in Europa lag, ihre Zurechnung 
zu den vorhergehenden Abschnitten verbot. So handelt es sich bei 
den 72 Zwischenreisen, die von einem nichteuropäischen Hafen des 
Atlantischen Ozeans ausgingen und um das Kap der Guten Hoffnung 
führten, um die Verschiffung des amerikanischen Petroleums nach Indien 
und Ost-Asien, welches in Philadelphia und New York noch heute mit 
Segelschiff nach dem fernen Osten verfrachtet wird. Unter den 66 



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292 



G. Schott: 



Zwischenreisen, die ebenfalls einen nichteuropäischen Hafen des Atlan- 
tischen Ozeans zum Ausgangspunkt hatten, aber zum Kap Horn ge- 
richtet waren, treten Reisen nach der Westküste Süd-Amerikas auf, 
welche in ihrem weiteren Verlauf dem schon besprochenen Salpeter- 
handel zuzurechnen sind. Ferner hatten die 52 Reisen, welche von 
einem Hafen des Indischen Ozeans ausgingen und um das Kap der 
Guten Hoffnung nach dem Atlantischen Ozean gerichtet waren, in der 
Mehrzahl New York als Bestimmungshafen , und zwar sind es Reisen, 
auf denen die Segler von den Philippinen Hanf und Zucker als Fracht 
nach den Vereinigten Staaten geladen hatten. 

Es bleiben somit in der Hauptsache nur die 76, bzw. 147 Zwischen- 
reisen übrig, welche innerhalb des Atlantischen, bzw. innerhalb 
des Stillen Ozeans verblieben. 

Die im Atlantischen Ozean ausgeführten Zwischenreisen sind meist 
solche, welche an der brasilianischen Küste oder in den westindischen 
Gewässern dem Küstenhandel dienten. Unter den 147 innerhalb des 
Grofscn Ozeans vollendeten grofsen Reisen verdienen besondere Er- 
wähnung diejenigen zwischen Australien und der Westküste Central- 
und Nord-Amerikas (s. die Segelrouten auf Tafel 11). In der Richtung 
von Australien nach Amerika bildet die Kohle von Neu -Süd -Wales 
einen Frachtgegenstand, der in Mazatlan, San Diego, San Francisco 
oder in den Häfen des Puget Sund begehrt ist; in der Richtung 
nach Australien werden die Segler mit amerikanischen Hölzern be- 
laden. 

Auch nach Valparaiso und Iquique wird australische Kohle ver- 
frachtet. 

In früheren Jahren, als die Auswanderung der Chinesen nach 
Amerika auf ihrem Höhepunkt stand, waren Segclschiffahrtcn von 
Hongkong oder anderen Häfen der chinesischen Küste nach San Fran- 
cisco häufig, jetzt hat dieser Verkehr fast ganz aufgehört; doch werden 
manchmal von Japan aus nach der Ostküste Nord-Amerikas deutsche 
Segelschiffe gesandt, welche dann von Philadelphia oder New York 
Petroleum nach Japan zurückbringen. 



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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 203 



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296 "G. Schott: 

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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt iu der Gegenwart. 297 



(Zahl der Reisen). 





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Summe 

(4431) 


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Strecke in 
Seemeilen 


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Seemeilen 


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Die Verkehrswege der transozeanischen Segelschiffahrt in der Gegenwart. 299 



VI. 

Die abzusegelnden Entfernung 

von Kap T 

i. nach Lagos . . 



2. 


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Yokohama . . . 


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. . 11 360 


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• • • 5 77° 


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. . . 8 600 


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. . . 11 800 


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44- 


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San Francisco . . 


. . . 13400 




25. 




Vancouver .... 


. . . 14 000 


•• 



en (in Seemeilen a 1,85 km) 
i/ard 

3 850 Seemeilen. 



Zeitschr. d. G«clUrh. f. Erdk. \U\. XXX. 1895. 



21 



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300 G. Schott: Verkehrswege d. transozeanischen Sc gel Schiffahrt i. d. Gegenw. 

VII. 

Vergleich der Verkehrshäufigkeiten 
um das Kap der Guten Hoffnung und um das Kap Horn. 

(s. Tabellen I. II. III. IV.) 
Um das Kap der Guten Hoffnung: 

Reisen: 



1. Der Gesamtverkehr mit Kapland, Ost-Afrika u. s. w. *) 79 

2. „ ,, „ dem Arabischen Meer und der Bai von Bengalen 339 

3. „ „ „ Singapur, Sunda-Inseln u. s. w 173 

4- » 11 » Ost- Asien 161 

5. Die Ausreisen nach Australien 255 

6. Etwa ioT> der Heimreisen von Australien und den nordwestlichen Inseln 

der Südsee 15 

7. Die t wischenreisen, welche in Tabelle III unter A,, B, u. C, aufgerührt sind 1 30 



Summe: 1252 

Um das Kap Horn: 

Reisen: 

1. Der Gesamtverkehr mit der Westküste Süd- Amerikas 756 

Central- und Nord- Amerikas ... 293 

3. Die Rückreisen von Australien und den SUdsee-Inseln zu 905, 133 

4. Die Zwischenreisen, welche in Tabelle III unter A, t und C, aufgef ührt sind 88 

Summe: 1270 

Diese Zahlen geben die zehnjährige Summe (1883—1891) nur derjenigen Reisen, 
welche von deutschen Seglern, die mit der Seewarte in Verbindung stehen, aus- 
geführt worden sind; iz$z Reisen sind 28,2 % des Gesamtverkehrs in diesem 
Zeitraum, 1270 sind 28,6 Die Vcrkchtshäufigkeit um das Kap der Guten Hoff- 
nung ist also derjenigen um das Kap Horn annähernd gleich, und die Summe der 
Reisen um diese beiden Kaps stellt allein 56,8 # des gesamten Hochseeverkehrs der 
Segelschiffe dar. 



*) Hier sind einige wenige Fahrten (nämlich die nach und von Kapstadt) 
/.u viel gezählt, da bei diesen eine Umsegclung des Kap nicht stattfindet. 



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H. Polakowsky: Der Stretl um die Mosquilo-Küste. 



301 



Der Streit um die Mosquito-Küste. 

Von Dr. H. Polakowsky. 

Der alte Streit um die Souveränitsrechte der Republik Nicaragua 
über das Mosquito-Gebiet (Reserva Mosquita) einerseits und die den 
Mosquito-Indianern zugestandene „Selbstregierung 4 ' und das Protektorat 
Englands über diese Mischlinge von Indianern und Negern anderer- 
seits, hat in neuester Zeit die Presse von Amerika eifrig beschäftigt. 
In europäischen, insbesondere deutschen Zeitungen und Zeitschriften er- 
schienen meist nur einige unverständliche Telegramme und unrichtige 
Mitteilungen. Ich halte es deshalb für angezeigt, die ganze Sachlage 
und die neuesten Ereignisse in grofsen Zügen klar zu stellen. 

Über die neuesten Unruhen im Mosquito-Gebiet berichtet der 
Minister der auswärtigen Angelegenheiten in einem offiziellen Rund- 
schreiben vom 27. Juli 1894 an die Minister der benachbarten Staaten in 
folgender Weise. Am 5. Juli 1894 fand in Bluefields, der Hauptstadt 
der Reserva Mosquita, ein Aufstand der Farbigen statt, der von zahl- 
reichen dort ansässigen Fremden unterstützt wurde. Der Kommissar 
Nicaraguas und die kleine Truppe, die zu seiner Verftigung stand, 
mufsten die Stadt verlassen. Die Revolution begann mit einem nächt- 
lichen Angriff auf den Regierungs-Palast und den „el Bluff" genannten 
Punkt 1 ). Letzterer wurde von zehn Soldaten verteidigt, die sich tapfer 
gegen eine grofse Überzahl schlugen, und von denen einige in diesem 
Kampf fielen. Der Kommandant des amerikanischen Kriegsschiffes 
„Marblehead" intervenierte am nächsten Morgen, und es ging die nicara- 
guensische Besatzung der Stadt (28 Mann) mit ihrem Kommandanten 
nach der Ortschaft Rama (45 engl. Meilen von Bluefields am Zusammen- 
flufs des Siquia und des Rama) im Innern des Landes zurück, verliefs die 
„Reserva". Die Rebellen setzten die alten Behörden, welche der 
Kommissar Nicaraguas (Inspektor General de la Costa Atläntica) am 



*) Es ist die eine schmale Einfahrt zu dem schönen Hafen von Bluefields. 
Hier befindet sich auch das Zollamt. 

21* 



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302 



H. Polakowsky: 



12. Februar 1894 abgesetzt hatte, wieder ein und bereiteten sich vor, 
der Regierung von Nicaragua Widerstand zu leisten. Der Minister 
(J. Madriz) geht dann in seinem Rundschreiben kurz und ziemlich ob- 
jektiv auf die Geschichte der Mosquito-Küste ein. 

Bis 1821 gehörte dieses Gebiet der spanischen Krone durch das 
Recht der Entdeckung und Eroberung. Dies erkannte England in den 
Friedensverträgen zu Versailles vom 20. Januar 1783 und zu London 
vom 14. Juli 1786 an. Bis 1838 erhob England keine Ansprüche auf 
ein Protektorat. Im genannten Jahr aber erklärte der englische Vice- 
Konsul der Regierung von Nicaragua: Nicaragua dürfe nicht über die 
Landstriche verfügen, welche der Tribus der Mosquito- Indianer 
gehörten, da diese Tribus eine unabhängige Nation bilde, die unter 
dem Schutz der britannischen Majestät stehe. Jetzt mischte sich die 
Regierung der Vereinigten Staaten im Interesse Nicaraguas und in 
Vertretung der bekannten Monroe -Doktrin in den Streit, und dieser 
diplomatische Krieg zwischen den beiden Grofsmächten führte zum 
Vertrag von Clayton-Bulwer (Washington, 19. April 1850), in dem sich 
beide Teile verpflichteten, das Gebiet von Nicaragua, Costa-Rica, die 
Mosquito-Küste, oder irgend welchen anderen Teil von Mittel-Amerika 
nicht zu okkupieren, zu befestigen, zu kolonisieren, sich anzueignen, 
oder irgendwelche Herrschaft, Protektorat oder Allianz über sie aus- 
zuüben. An dieser Stelle wollen wir den Bericht des Ministers durch 
einige genauere Angaben unterbrechen, ergänzen. 

Im Jahr 182 1, als die Verschanzungen von San Juan del Norte 
(und vom Castillo am mittleren Laufe des San Juan) von den Spaniern 
verlassen waren, bemächtigten sich fünf in Bluefields wohnende Eng- 
länder mit Hilfe einiger Eingeborenen (Zambos) der Stadt im Namen 
des „Königs" der Mosquitos. (1824.) Seit jener Zeit datieren die Ver- 
handlungen, Streitigkeiten, Unruhen und Expeditionen, welche Nicaragua 
viel Kosten und Vcrdrufs bereitet haben. Englische Abenteurer er- 
richteten nun in ihrem eigenen Interesse ein Zollamt in San Juan del 
Norte. Erst 1836 sandte Nicaragua den Oberst Quijano mit Truppen 
nach San Juan, welche die Stadt besetzten und dem Unfug ein Ende 
machten. Die Engländer beschwerten sich — natürlich im Interesse 
des „Königs" der Mosquitos — bei Mac-Donald, dem Gouverneur von 
Belize, der mit Truppen landete und die Nicaraguenser wieder aus 
San Juan del Norte verjagte. Als aber Mac-Donald abzog, besetzte 
Quijano die Hafenstadt wieder. Vergebens versuchten die durch die 
Engländer aufgereizten Mosquitos die Nicaraguenser zu vertreiben. 
Dies gelang erst Ende 1847 ( ^ ern Gouverneur von Jamaika, Charles 
Grey, der bis Granada vordrang und die Regierung zwang (7. Mai 1848) 



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Der Streit um die Mosquito-Kü»te. 



303 



einen Vertrag zu unterzeichnen, worin sie sich verpflichtete, die Mos- 
quitos im Besitz der Atlantischen Küste nicht mehr zu belästigen. 
Jetzt endlich nahm sich die Union energisch des schwachen Nicaragua 
an, die Engländer räumten San Juan, der Vertrag von Clayton- 
Bulwer wurde abgeschlossen. In diesem zeigte sich die englische 
Diplomatie der der Vereinigten Staaten überlegen. 

Das ohnmächtige, kläglich regierte Nicaragua hat sich während 
dieses langen Streites (von 1836-95) niemals durch die Drohungen 
des mächtigen England einschüchtern lassen, sein Recht nur einmal 
(1848) gezwungen vergeben. Nicaragua stützte sich besonders auf den 
Friedensvertrag zwischen Spanien und England vom Jahr 1786, in dem 
bestimmt ist: „Die Unterthanen Sr. Britannischen Majestät und die 
anderen Bewohner, die bisher den Schutz Englands genossen haben, 
werden das Land der Mosquitos und den Kontinent im allgemeinen 
mit den anliegenden Inseln ohne Ausnahme verlassen." Damit wurden 
alle Versuche der englischen Regierung, die Berechtigung ihres Pro- 
tektorates aus dem 18. Jahrhundert nachzuweisen, hinfällig. 

Bald nach Abschlufs des Vertrages von Clayton-Bulwer begann 
der bis heut nicht beigelegte Streit um seine Auslegung zwischen den 
Kabinetten von St. James und Washington. Die Vereinigten Staaten 
glaubten, der Einflufs Englands auf Mittel-Amerika sei nun für immer 
aufgehoben. England erklärte aber, dafs sich der Vertrag doch nur 
auf zukünftige Erwerbungen, Rechte u. s. w beziehen könne. Siegreich 
hat England bisher alle Versuche einer anderen Auslegung oder einer 
Änderung des Vertrages von Clayton-Bulwer zurückgewiesen. 

Nur dürftiges Material zur Beurteilung der Rechtsansprüche Eng- 
lands auf das Protektorat über das Mosquito-Gebiet findet sich in den 
zahlreichen und langen Noten, welche der amerikanische Staats- 
Sekretär James G. Blaine und sein Nachfolger 1881—83 an den eng- 
lischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Lord Granvillc, 
richteten. Diese Noten bezweckten der Union die alleinige Überwachung 
der Neutralität des Panama -Kanals zu sichern. Lord Granville kon- 
statiert in seiner Note vom 14. Januar 1882 an den englischen Ge- 
sandten in Washington, dafs Präsident Buchanan in seiner Botschaft 
an den Kongrefs vom 3. December 1S60 erklärte: Die verschiedenen 
Auslegungen des Vertrages von Clayton-Bulwer, deren Diskussion 
zwischen beiden Regierungen zuweilen einen bedrohlichen Charakter 
angenommen hätte, seien durch ein endgiltiges, für die Union voll- 
ständig zufriedenstellendes Abkommen erledigt. Es sind die Verträge 
von Managua (28. Januar 1860) und zwei andere 1859 von England 
mit Guatemala und Honduras abgeschlossene Verträge gemeint. Mit dem 



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3(H 



H. Polakowsky: 



l 



ersteren werden wir uns gleich eingehender beschäftigen. — Gr. Fred. 
T. Frelinghuysen, der Nachfolger Blaine's, führte in einer Note vom 
8. Mai 1882, gerichtet an den amerikanischen Gesandten in London, 
aus: Die Vereinigten Staaten hätten den Vertrag von Clayton-Bulwer 
in der Voraussetzung abgeschlossen, dafs England seine angeblichen 
Besitzungen in Mittel-Amerika räumen werde. Nur weil England durch 
den Vertrag von Managua (1860) auf das Protektorat über den Aus- 
gang des projektierten Kanals verzichtete 1 ), habe Präsident Buchanan 
sich in seiner Botschaft in der oben erwähnten Weise ausgedrückt. 
Auch habe die Regierung der Union bei Abschlufs des Vertrages von 
Clayton-Bulwer geglaubt, der Nicaragua -Kanal werde sofort in An- 
griff genommen werden und englisches Kapital werde sich sehr stark 
beteiligen. — Kehren wir nun zum Rundschreiben des Ministers 
J. Madriz zurück. 

Die Mosquito-Küste blieb also auch nach 1850 unter englischem 
Protektorat. Nicaragua legte wiederholt Berufung gegen diese Usur- 
pation seines Gebietes ein, die Vereinigten Staaten thaten das gleiche, 
sich auf den Vertrag von Clayton-Bulwer stützend. Im Jahr 1856 
wurden durch einen neuen Vertrag zwischen England und den Ver- 
einigten Staaten (Vertrag Dallas - Clarendon) die Grenzen des Gebiets 
der Mosquito- Indianer festgesetzt. In diesem Gebiet sollten sie sich 
unabhängig nach eigenen Gesetzen und Sitten regieren können. Dieser 
Vertrag wurde aber von der englischen Regierung nicht angenommen, 
weil der Kongrefs der Union gewisse Zusätze gemacht hatte. Nun 
schlofs England unmittelbar mit Nicaragua (1860) einen Vertrag ab. 
Dieser enthält folgende Bestimmungen: 

Art. 1. Die Souveränität Nicaraguas über das Mosquito-Ter- 
ritorium wird anerkannt, und das englische Protektorat hört drei 
Monate nach Austausch der Ratifikationen auf. 

Art. 2 bestimmt die Grenzen des den Mosquitos unter der 
Oberhoheit Nicaraguas zugestandenen Gebiets. Diese sind 2 ) im 
Norden das rechte Ufer des Wawa oder Uaua, im Süden das 
linke Ufer des in den Atlantischen Ozean mündenden Rama 
oder Ramaqui und im Westen der 84 0 15' w. L. v. Gr. — Die 
Hauptstadt Bluefields mit etwa 8000 Einwohnern wird fast nur 
von Negern oder Mulatten aus Jamaica bewohnt. Der Chef oder 



*) Früher ging das Mosquito-Gebict bis zum San Juan und schlofs Grcytown 
(San Juan del Norte) ein. 

a ) S. D6s. Pcctor, £tude 6conomique sur la R6p. de Nicaragua. Neu- 
chatel 1893. 



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Der Streit um die Mosquito-Küste. 



305 



„König", seit 1891 Roberto Clarence, residiert hier bzw. in La- 
guna de Perlas. Die eingeborenen Indianer werden von den 
Mosquitos (Zambos) fast wie Sklaven behandelt. 

Art. 3 erteilt den Mosquitos das Recht, sich und alle in 
ihrem Gebiet ansässigen Fremden nach ihren Sitten und den 
Gesetzen zu regieren, die sie sich geben werden. Letztere dür- 
fen aber mit den Souveränitätsrechten Nicaraguas nicht unver- 
einbar sein. 

Art. 4 besagt, dafs die Indianer später ihre völlige Einverlei- 
bung in die Republik beschliefsen können. 

Art. 5. Die Regierung verpflichtet sich , zehn Jahre lang 
eine Subvention von je 5000 Pesos an den „König" zu zahlen. 

Art. 7 erklärt San Juan del Norte zum Freihafen. 

Im September 1861 wurde die Verfassung der Municipal-Regie- 
rung der „Reserva" erlassen und in Art. 4 ein Erlafs der Mosquito- 
Regierung von 1846 wieder in Kraft gesetzt, der besagt: Die Giltig- 
keit der englischen Gesetze in der „Reserva" wird bestätigt. In Nica- 
ragua verstimmte diese Erklärung, wonach nicht die Sitten der Einge- 
borenen, sondern die englischen Gesetze die Basis der Municipal-Re- 
gierung seien, ganz ungemein. Auch standen die Mosquito-Indianer 
schon damals sehr stark unter dem Einflufs von Jamaica-Negcrn und 
diese wurden von weifsen Engländern und Amerikanern in ihrer Oppo- 
sition gegen Nicaragua geleitet. Da sich auch England wiederholt in 
die Streitigkeiten zwischen Nicaragua und der Mosquito-Regierung ein- 
mischte, konnte die Souveränität der Republik nur dem Namen, nicht 
aber der Wirklichkeit, nach als bestehend anerkannt werden. 

Die Mosquito-Regierung beleidigte aufserdem die von Nicaragua 
wiederholt, und Nicaragua stellte aus allen diesen Gründen die Zah- 
lung der Subvention ein. Jetzt intervenierte die englische Regierung 
in aller Form im Interesse der Subventionierimg dieses „Königs". Der 
ganze Streit wurde dem Kaiser von Österreich zur Entscheidung vor- 
gelegt. Sein Urteil datiert vom 2. Juli 1881. 

Durch diesen Schiedsspruch wurde die Souveränität Nicaraguas 
scheinbar auf das Recht beschränkt, seine Fahne aufzuziehen 
und einen Kommissar zur Vertretung seiner Rechte nach der „Re- 
serva" zu schicken. Die Mosquitos erhielten das Recht, eine eigene 
Fahne zu führen, ihren Handel zu ordnen und Ausfuhr- und Einfuhr- 
Zölle zu erheben. 

Der Minister J. Madriz kritisiert diesen Schiedsspruch und weist 
nach, dafs er im Widerspruch zum Vertrag von 1860 stehe. Das Vcr- 



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306 



H. Polakowsky: 



hältnis zwischen beiden Regierungen (von Nicaragua und Mosquitia) 
war und blieb jedenfalls ein mangelhaft geregeltes, abnormes. Die 
Übergriffe rührten stets und unbedingt von den Mosquitos, bzw. von 
den englischen Unterthanen (Kaufleute, Jamaica-Neger und Abenteu- 
rer aller Art) her, die grofsen Einflufs auf die Mosquitos ausübten, die 
wahren Regenten des Landes waren und noch bis zum November 1894 
blieben. Obgleich der Vertrag von 1860 als Ostgrenze der Rescrva 
die Küste der Karaiben-See festsetzt, übte die Mosquito-Regierung 
doch Hoheitsrechte auf den Corn-lslands bis 1890 aus, wo es endlich 
nach langen und ernsten Verhandlungen (auch mit England) Nicaragua 
gelang hier die volle Souveränität zu erlangen. Einen Kommissar 
sandte Nicaragua erst 1887 nach der „Reserva". Uber die ersten 
Schwierigkeiten, welche demselben bereitet wurden, habe ich (nach 
Mem. de Relac. Exter, de la Repübl. de N. pres. en 1890) kurz in 
Zeilschr. d. Ges. f. Erdk. zu Berlin, Bd. XXVI, 1891, im Artikel „Ni- 
caragua" berichtet. 

Nach der im Jahr 1891 vorgelegten Memoria 1 ), der letzten bisher 
erschienenen, hatte sich der englische Minister-Resident in Nicaragua, 
Mr. Gastrell, im September 1888 darüber beschwert, dafs Nicaragua 
einen Teil des Gebiets der „Reserva"' durch Feststellung der Grenze 
des Distriktes von Siquia usurpiert habe , dafs die Regierung von 
Nicaragua ein Postamt in Bluefields errichtete und Truppen, Polizei- 
und Militär Stationen im Osten des 84 0 1 5 ' w. L. v. Gr. untergebracht 
und errichtet habe. Die Regierung von Nicaragua sandte den Ex- 
Präsidenten Adam Cardenas als aufserordentlichen Gesandten nach 
London, und dieser führte in so eingehender wie logischer Weise 
aus, dafs die Grenzlinie genau nach dem Vertrag abgesteckt sei 
und Nicaragua Truppen und Polizei nur im Westen dieser Linie statio- 
niert habe. 

Die englische Regierung antwortete in freundschaftlichster Weise, 
lehnte aber einen neuen Vertrag (mit Einschränkung der Rechte der 
Mosquito-Regierung) ohne vorherige Zustimmung der Mosquitos ab. 
Die Noten, die zwischen den streitenden Regierungen in den Jahren 
1888 — 1890 gewechselt wurden, sind abgedruckt im Anhang zur letz- 
ten Memoria S. 198-22S. Besonders interessant scheint mir eine 
Note des amerikanischen Staatssekretärs T. F. Bayard vom 23. No- 
vember 188S an den amerikanischen Gesandten in London, worin ge- 
sagt wird: Die Regierung der Union habe nicht annehmen können, 



') Mcmor. de Rclac. Exter, pres of Congreso de la Repübl. en XVII 
Reunion ordin. Managua, 1 891. Tipojgr. Nation. 



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Der Streit um die Mosquito-Küste. 



307 



dafs England trotz des Vertrages Zeledon-Wike (Managua, 1860) fort- 
fahren werde, sich in die Angelegenheiten der „Reserva" zu mischen. 
Hätte sie geglaubt, dafs der Vertrag England die Herrschaft und 
Leitung der Mosquitos gegen Nicaragua gestatten solle, so hätte sie 
gegen jenen Vertrag protestiert. Nach Annahme des Vertrages durch 
die Mosquitos mufste jedes Protektorat Englands aufhören. — Der 
Minister der Union geht dann auf eine Besprechung des Schieds- 
spruches des Kaisers von Österreich ein, den er gleichfalls anders als 
die englische Regierung auslegt. Er verbiete in keiner Weise die An- 
lage von Poststationen und Garnisonen zur Verteidigung der „Re- 
serva". Die Vereinigten Staaten, wie alle anderen Nationen, hätten 
ein Interesse daran, dafs die Souveränität Nicaraguas in der „Re- 
serva" eine Thatsache sei. „Wir können diplomatische Beziehungen 
nur zum Souverän unterhalten, und wie soll Nicaragua seine inter- 
nationalen Pflichten erfüllen, wenn es keine Macht, keine Rechte hat? 
Die Vereinigten Staaten können nicht mit Gleichmut ansehen, dafs 
England noch jetzt in irgend welcher Form ein Protektorat über das 
Mosquito-Gebiet ausübe." 

Doch kehren wir zu den Ereignissen von 1889—94 zurück. Die 
Mosquito-Rcgierung suchte die Festlegung der Westgrenze zu hindern, 
belegte die Waren, welche Nicaragua im Durchgangs-Verkehr nach Siquia 
sandte, mit Zoll, suchte die Truppen, die durch die „Reserva" nach 
dem Innern des Landes zogen, zu entwaffnen, führte in ihren Noten eine 
beleidigende Sprache und drohte stets mit (fer Intervention der eng- 
lischen Regierung. Die Municipal-Regierung der „Reserva" gab eige- 
nes Papiergeld aus, erliefs Quarantäne-Bestimmungen und Gesetze 
über den Eintritt und Abzug der Fremden. Sie verhinderte den Re- 
gierungs-Lotsen, sein Amt auf dem Rio Escondido zu verwalten und 
gab Ausländern begründete Ursache zu Reklamationen, die Nicaragua 
in üble Verwickelungen bringen konnten. 

Als der Präsident von Honduras, Dom. Vasquez, Ende 1893 in 
Nicaragua einfiel, sandte die Regierung Truppen an die Ostküste. Die 
Mosquito-Regierung widersetzte sich der Landung derselben, welche je- 
doch erzwungen wurde. Die Nicaraguenser marschierten bis in die Gegend 
von Gracias ä Dios, lieferten den Hondurenern zwei Gefechte, trieben 
sie Über den Rio Coco (Wanks) zurück. Da die Belästigungen, Pro- 
teste und Beleidigungen Nicaraguas durch die Regierung der „Re- 
serva" fortdauerten, setzte der Kommissar Nicaraguas durch Dekret 
vom 12. Februar 1894 die Autoritäten der Mosquitos ab und verkün- 
digte den Belagerungszustand. Jetzt landete das englische Kriegs- 
schiff „Cleopatra" Truppen und besetzte Bluefields. Am 19. März 1894 



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308 



H. Polakowsky: 



einigten sich der Kommissar von Nicaragua und der englische Konsul 
dahin, eine provisorische Regierung einzusetzen, bis sich die streiten- 
den Parteien über die Auslegung des Vertrages von 1860 und des 
Schiedsspruches des Kaisers Franz Joseph geeinigt hätten. Aber die 
durch die Fremden (fast ausschliefslich Engländer und Amerikaner) 
geschürte Unzufriedenheit führte immer zu neuen Unruhen und Strei- 
tigkeiten. Erst der Minister Madriz, der selbst nach Bluefields ging, 
setzte es durch, dafs die Autorität der provisorischen Regierung aner- 
kannt wurde. Trotzdem brach am 5. Juli die offene Revolution (s. 
den Anfang dieses Aufsatzes) in Bluefields und auf den Corn-Islands 
aus. Hier stellte die Regierung unter Verlust einiger Soldaten die 
Ruhe wieder her. Die Insurgenten hatten nun die Dreistigkeit, auch 
von der Union Schutz und Hilfe gegen Nicaragua zu erbitten, schie- 
nen also den Standpunkt, den die Vereinigten Staaten in dieser Frage 
seit 1848 verteidigt haben, nicht zu kennen, oder einfach zu übersehen. 
In Bluefields setzten die Rebellen die alte Regierung wieder ein, rissen 
die Fahne Nicaraguas herab und warfen sie auf die Strafse. Ein Be- 
schlufs der provisorischen Regierung bezüglich der Bezahlung der inneren 
Schuld, welcher den Mosquitos und Fremden Verpflichtungen aufer- 
legte, hatte die Revolution veranlafst. Privat interessen der Fremden 
sind die wahre Ursache der neuesten Unruhen und Gewaltakte. 

Angesichts dieser Ereignisse liefsen die Nicaraguenser ihre ewigen 
inneren Streitigkeiten ruhen und gestatteten so der Regierung, schleunigst 
2000 Mann nach Greytown und von da nach der „Reserva" zu senden, 
welche die Ordnung wieder herstellten. Am 3. September dekretierte der 
Präsident von Nicaragua die Austreibung aller Fremden, die an den 
Unruhen beteiligt waren. (Rundschreiben des Ministers Madriz vom 
gleichen Tage.) Die Mehrzahl der Betroffenen war aus Jamaika, einige 
waren Amerikaner. Auch der englische Vize-Konsul Mr. Hotach, der 
noch nicht von Nicaragua anerkannt war, wurde ausgewiesen. Die 
Regierungen der übrigen vier Staaten Centrai-Amerikas billigten das 
energische Vorgehen Nicaraguas. 

Die Nicaraguenser sollen, als sie Anfang August 1894 Bluefields 
und Umgebung besetzten, mit grofser Energie, ja Härte gegen die 
Ruhestörer vorgegangen sein, was angesichts der Thatsachen, durch 
welche Nicaragua schwer beleidigt und gereizt worden war, nicht über- 
raschen kann. Die Fahne von Mosquitia wurde überall herabgenommen, 
durch die von Nicaragua ersetzt und alle Ruhestörer, Mosquitos und 
Ausländer, ins Gefängnis geworfen. Die amerikanischen Kanonenboote, 
die vor Bluefields lagen, verhielten sich ganz passiv, zogen sogar die 
Mannschaften wieder ein, die sie zum Schutz der amerikanischen 



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Der Streit um die Mosquito-Küste. * 309 

Bürger gelandet hatten. Der Kommandant des englischen Kriegs- 
schiffes „Mohawk" untersagte den Jamaica-Negern jeden Widerstand 
gegen die Truppen von Nicaragua. Als diese dann zahlreiche Ver- 
haftungen von Ausländern vornahmen, begab sich der Kommandant 
des „Mohawk" in das Gefängnis und sagte: „Welche Gefangenen 
erbitten den Schutz der englischen Flagge?" Nicht nur Engländer, 
sondern auch mehrere Amerikaner meldeten sich. Das passive Ver- 
halten der amerikanischen Kriegsschiffe erbitterte die Amerikaner 
ungemein. Mehrere zerrissen öffentlich das Sternenbanner und warfen 
die Fetzen auf die Strafse. Der „Mohawk" lief mit 112 Personen, 
die er an der Mosquitoküste aufgenommen hatte, am 8. August in 
Limon (Costa-Rica) an. Mit einigen andern aus West- Indien herbei- 
geholten englischen Kriegsschiffen kehrte der „Mohawk" Ende August 
nach Bluefields zurück. 

Am 24. November beschlofs die Konvencion Indijena 
(Eingeborene) de r M osqu i t i a die definitive Einverleibung der 
„Rescrva" in die Republik Nicaragua, die schon im Vertrag 
von 1860 vorgesehen war. Wie weit die Truppen Nicaraguas einen 
Druck auf den „König 1 "' und seine biederen, nach Abzug der Fremden 
führerlosen Unterthanen ausgeübt haben, ist aus den vorliegenden 
offiziellen Angaben noch nicht zu ersehen. Der Gesandte der Union 
in Managua telegraphierte am 14. December 1894 nach Washington: 
„Die Mosquito-Indianer haben in aller Form auf alle ihre Rechte und 
Privilegien, die ihnen der Vertrag von Managua, abgeschlossen im 
Jahre 1860, garantiert, verzichtet und haben sich der Autorität der 
Regierung von Nicaragua unterworfen, dieser Treue geschworen." — Der 
ganze unerquickliche Streit scheint nun endlich und endgültig beigelegt 
zu sein. Ich sage „scheint", denn leider steigt von England aus bereits 
wieder ein dunkle Wolke auf. 

Nicaragua sandte im November Herrn Med. Barrios als aufser- 
ordentlichen Gesandten nach London, um auch mit England den Streit 
endgültig beizulegen. Leider stiefs diese Mission auf neue Schwierig- 
keiten und verlangt England Entschädigung seiner vertriebenen Unter- 
thanen. „Vorläufig" sollen dem Consul allein £ 15 000 gezahlt werden. 
Die Presse von Central -Amerika und auch der Star and Herald 
(Panamä) hoffen, dafs die Union nun energisch für Nicaragua ein- 
treten werde, es aber nicht zum Krieg mit England kommen werde. 

Das hartnäckige Festhalten Englands an dem Protektorat über 
die „Reserva" erklärt sich dadurch, dafs England bestrebt ist, sich 
möglichst in der Nähe des Nicaragua-Kanals festzusetzen. Am 25. Ja- 
nuar 1895 nahm der Senat der Union das Gesetz an, welches die 



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g 

310 H. Polakowsky: Der Streit um die Mosquito-Küste. 

Regierung autorisiert, den Kanal auf Staatskosten zu erbauen. Das 
House of Representatives hat seinen Beschlufs bis December 1895 
ausgesetzt. 

Schon im Januar 1895 wurde die alte „Reserva" der Republik in 
aller Form als „Departamento Zelaya" einverleibt, die Vertreter aller 
Distrikte hatten schriftlich ihre Zustimmung gegeben, und nun mufste 
auch die englische Regierung die Thatsache der endlichen 
Beilegung des Streites um die Mosquito-Küste anerkennen. 
Der „Standard" schrieb: England denke nicht daran den König Clarence 
wieder einzusetzen. — (Abgeschl. im April 1895.) 



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Reiseberichte aus Celebes. 

Von Paul und Fritz Sarasin. 
Dritter Bericht 1 )- 

IV. Eeise durch Central- Celebes vom Golf von Boni nach dem Golf 

von Tomini. 

(Hierzu Tafel 15.) 

Im November 1894 legten wir dem Gouverneur von Celebes in 
Makassar, Herrn D. F. van BraamMorris, und dem Residenten von 
Manado, Herrn E. J. Jel lesma, unseren Plan vor, eine Durchquerung 
des neutralen Teiles von Celebes zu versuchen, und zwar von Mapane 
oder Poso aus, im Grunde der Bucht von Tomini, nach dem vielge- 
nannten grofsen See von Poso im Herzen der Insel und von dort süd- 
wärts durch das Fürstentum Luwu oder besser Luhu nach der Küste 
des Golfes von Boni. Die beiden Herren zeigten sich unserem Unter- 
nehmen gewogen; nur veränderten wir unsere Reiseroute insofern, als 
wir beschlossen, von Süden auszugehen und nordwärts vorzustofsen. 
Es versprach uns nämlich in diesem Falle Herr van Braam Morris, den 
Fürsten von Luhu ersuchen zu wollen, uns nach dem Poso-See zuver- 
lässige Begleiter zu liefern. Dieser See gehört, wie die Luhuresen 
behaupten, und, wie wir später sehen werden, mit Recht behaupten, 
noch zum Machtgebiet der Fürsten von Luhu. Andererseits übernahm 
es Herr Jellesma, zu versuchen, von der Tomini-Küste aus Lebens- 
mittel nach dem Nordufer des Poso -Sees befördern zu lassen, 
welche wir dann, von Süden her kommend, vorfinden sollten und in 
der That vorgefunden haben. Beiden Herren sagen wir hier öffentlich 
unseren ergebensten Dank. 

Am 2. December 1894 reisten wir von Manado ab und langten am 
7. in Makassar an. Der Gouverneur teilte uns mit, dafs er am 15. De- 
cember mit dem regelmäfsigen monatlichen Postdampfer einen Ge- 
sandten in der Person des ersten Regierungs-Dolmetschers, Herrn 
W. H. Brugman, nach Palopo, dem Hauptort von Luhu, zu senden 
willens sei, um mit dem Radja wegen unserer Reise in Verbindung 



») Bericht I und II s. Zeitschrift 1894, S. 351»". und 1895, S. a»6ff. 
Zeittchr. d. Geaelbch. f. Brdk. Bd. XXX, 1895. 22 



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.312 



Paul und Fritz Sara sin: 



/.u treten. Die erwähnte Dampferlinie, welche monatlich die beiden 
südlichen Halbinseln von Celebes umfährt, landet an einer Menge 
interessanter, von Naturforschern noch kaum berührter Plätze, und so 
beschlossen wir, die Fahrt mitzumachen, um einen wenigstens flüchtigen 
Überblick über die genannten Gebiete zu erhalten. 

Wir werden an dieser Stelle über diese Reise, die uns faunistisch 
und geologisch manche wichtige Anhaltspunkte gab, hinweggehen und 
nur berichten, dafs Herr Brugman von Palopo folgende Antwort brachte : 
der König habe persönlich nichts gegen unsere Reise, dagegen gebe 
er in Erwägung, dafs unser Zug Gebiete berühre, wo seine Macht 
gegenwärtig nicht vollkommen anerkannt werde, sodafs er uns auch nicht 
gehörig zu schützen vermöge, da er, in einen Krieg mit dem südlichen 
Nachbarfürstentum Wadjo verwickelt, augenblicklich keine Leute ver- 
fügbar habe, und endlich, dafs nun gerade Regenzeit sei. Es waren dies 
alles mehr oder weniger Ausflüchte, besonders der zuletzt angeführte 
Grund; denn, während im Januar und Februar Regenfluten über Ma- 
kassar hergehen, macht Central- und Ost-Celebes eine ziemlich trockene 
Periode durch. Wir haben auf der ganzen Durchquerungsreise wenig 
von der Witterung zu leiden gehabt, aufser im Hochgebirge, das 
aber jahraus, jahrein in Celebes sich fast täglich in schwere Regen- 
wolken hüllt. 

Am i. Januar 1895 kamen wir wieder in Makassar an und begannen 
nun mit Ernst die Vorbereitungen zur Reise. Am 7. Januar trafen 40 
Kulis aus der Minahasa ein, unter einem Obmann (Mandur), der schon 
unsere früheren Züge in Nord-Celebes mitgemacht hatte; aufserdem 
wurden 25 Makassaren angeworben. Letztere wurden sämtlich mit 
Lanzen bewaffnet, während die Minahaser, durch die friedlichen Zu- 
stände, welche seit Jahren in ihrem Lande herrschen, des Fechtens 
mit der Lanze entwöhnt, nur kurze Schlagmesser trugen; 7 Gewehre 
und 4 Revolver vollendeten unsere Ausrüstung. Eingedenk der früheren 
Erfahrung, dafs im Innern Lebensmittel nicht oder nur in geringen 
Mengen erhältlich sind, versorgten wir uns mit Reis für drei Wochen, 
in welcher Zeit wir von der Küste aus den Poso«See zu erreichen 
hoffen durften. 

Endlich hatte der Gouverneur die Freundlichkeit, uns seinen ersten 
Dolmetscher, den genannten Herrn Brugman, beizugesellen, dessen 
Sprachkenntnis uns von gröfstem Wert werden sollte. Wir haben an 
diesem in Makassar geborenen Mann einen treuen Helfer in friedlichen 
und gefährlichen Lagen gefunden. 

So ausgerüstet schifften wir uns am 15. Januar, 73 an der Zahl, 
in Makassar nach Palopo ein, wo wir am 19. anlangten. Ein gutes 
Pfahlhaus auf trockenem Boden am Strand stand dort für uns bereit; 



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Reiseberichte aus Celebes. 



313 



unsere Minahaser fanden unterhalb desselben ihr Lager, die Makas- 
saren einige Minuten entfernt in einem anderen Haus. Wir rechneten 
darauf, einige Tage hier bleiben zu müssen, bis alles für die Uberland- 
reise in Ordnung kommen werde. 

In Palopo herrschte grofse Freude; zwei Tage vorher war der Prinz 
von Wadjo, welcher schon lange Zeit die Höhen um Palopo besetzt 
gehalten hatte, zurückgeschlagen worden, wie sie sagten, mit 80 Mann 
Verlust. 

Palopo ist ein kleines Venedig im Kot. Die Hauptstrafse bildet 
ein hier mündender, unbedeutender Fhifs; zahlreiche Nebenäste und 
Gabelungen sind weithin von Häusern, Raumgärten oder sumpfigen 
Strecken begrenzt. Kin mangelhafter, grasbewachsener Ringwall um- 
zieht das Dorf ; wo Wege nach aufsen führen, stehen Wachthäuser, 
ein solches mit zwei alten Kanonen auch am Strand. Ein zweiter 
engerer Ringwall, ebenfalls mit Wachtposten an den Eingängen, um- 
giebt das Haus des Königs von Luhu und die Moschee. Zur Zeit der 
Ebbe sind die Wasserstrafsen kaum befahrbar, und der Morast spottet 
dann der Beschreibung. 

Die Bewohner, mit Einschlufs des Fürsten und des Adels, sind, wie 
überall an den Küsten des Golfs von Boni, Buginesen und sprechen 
die buginesische Sprache; sie sind Mohammedaner. Aufserdem halten 
sich in Palopo mehrere arabische und chinesische Handelsleute auf. 

Eine kleine Strecke einwärts von der Küste aber hört das Gebiet des 
Islam auf, und es beginnt das Land der To rad ja- Stämme (ToriaJ/a = 
Leute des Innern), welche noch an ihrem alten Geister- und Dämonen- 
Kult festhalten und darum auch gelegentlich als Alfuren bezeichnet 
werden. Diese stehen weithin unter buginesischer Oberheit und werden 
als Minderwertige betrachtet. „Sie sind geringer als die Tiere", sagte 
mir ein Araber in Palopo. Uns will aber scheinen, dafs kein oder 
jedenfalls nur ein geringer anatomischer Unterschied zwischen den 
buginesischen Küstenbewohnern und den Toradjas besteht, sondern 
blofs ein Unterschied in Religion, Sitten und Kleidung. Auch die 
Dialekte, welche die Toradjas sprechen, gelten als mit der buginesi- 
schen Sprache verwandt. Die Toradjas zerfallen in eine Menge ver- 
schiedener Stämme, deren Namen stets mit To (Mensch) beginnen ; wir 
werden auf unserer Reise deren eine ganze Anzahl antreffen. 

Am Ort Palopo begegnet man bereits sehr vielen Toradjas, welche 
entweder dahin mit ihren Landprodukten zu Markt kommen oder als 
Hörige oder Sklaven in den Häusern Vornehmer gehalten werden. 
Dieses Abhängigkeitsverhältnis erfolgt hauptsächlich wegen nicht be- 
zahlter Spielschulden. Auch als Soldaten des Königs haben wir in 
den Wachthäusem viele gesehen. 

22* 



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314 



Paul und Fritz Sarasin: 



Die Stämme bei Palapo tragen um den Kopf ein von Rotang ge- 
flochtenes dünnes Seil in mehrere Windungen gelegt; sie gaben es 
gegen Glasperlenbänder gern her. Bei anderen Stämmen haben wir 
diese eigenartige Kopfbedeckung nicht wieder gefunden. 

Wir wollen von nun an unseren täglichen Aufzeichnungen folgen, 
dabei bemerkend, dafs wir erst in der abschliefsenden Bearbeitung auf 
literarische Besprechungen uns einlassen werden, was wir um so eher 
thun können, als weitaus der gröfste Teil unserer Reise durch Gebiet 
führt, welches noch von keinem Europäer vor uns betreten worden war. 

(21. Januar.) Um 9 Uhr morgens ruhig arbeitend, wurden wir 
plötzlich durch grofsen Lärm aufgeschreckt, der sich vor unserem Haus 
erhob. Eine Menge bewaffneter Männer drängten sich auf der Strafse, 
und von allen Seiten strömten neue hinzu; es mochten schliefslich 
gegen dreihundert sein. Die meisten trugen Lanzen, einige darunter 
nicht weniger als drei in den Händen, die Minderzahl war mit Ge- 
wehren versehen; ein Mann mit aufgelösten Haaren schrie und gesti- 
kulierte wie wahnsinnig. 

Wir sahen bald, dafs die Sache nicht uns gelte, wie wir im ersten 
Augenblick gedacht, indem sich alles gegen das zweite Haus neben 
uns richtete. Immerhin schlössen wir zur Vorsicht unsere Wohnung 
und luden Gewehre und Revolver; unsere Makassaren, welche herbei- 
eilten, stellten sich mit ihren Lanzen an den Fufs unserer Treppe. 
Bei der allgemeinen Aufregung konnten wir immer noch nicht in Er- 
fahrung bringen, was die Sache eigentlich zu bedeuten habe; nur ver- 
nahm man gelegentlich den Ruf: „Amok". 

Nach einiger Zeit stellte sich der Generalissimus des Fürsten von 
Luhu, ein höchst stattlicher, graubärtiger Araber, Said Ali ben Sali, 
auf dem Platz ein; er war von oben bis unten schneeweifs gekleidet, 
ein silberner Ehrensäbel wurde ihm nachgetragen. Er verteilte links 
und rechts Befehle und gruppierte die Menge in Haufen um das zweite 
Haus neben uns; dann trat er allein vor dessen Treppe und forderte 
in aufgeregten Worten die Insassen auf, im Namen des Königs sich 
zu Übergeben, zunächst aber ohne Erfolg. 

Die Sache war diese gewesen: einige Fischer von einer kleinen 
Insel im Hafen von Palopo hatten versucht, ihre Fische mit Umgehung 
des königlichen Einfuhrzolles auf den Markt zu bringen; man hatte sie 
entdeckt und die Ware eingezogen. Darüber wurden die Fischer 
wütend, eilten nach dem Hause des Hafenmeisters, eben dem zweiten 
neben uns, schlugen einen Mann tot, verwundeten einen zweiten schwer, 
wobei auch sie einen Toten und einen Verwundeten verloren, bemäch- 
tigten sich schliefslich des Hauses nebst der darin befindlichen Ge- 
wehre und drohten nun, jeden zu erschiefsen, der sich ihnen nähere. 



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Reiseberichte aus Celebes. 



315 



Dafs ihnen zu den geraubten Gewehren die Munition fehlte, wütete 
man nicht. 

Während die Sache noch so stand, wurden wir gerufen, einen 
Schwerverletzten zu verbinden, der im Hause zwischen uns und dem 
von den Mördern besetzten lag und ohne unsere Hilfe verblute. Wir 
gingen nicht gerade gern hinüber, da die Treppe dieses Hauses gerade 
einem der gewehrbesetzten Fenster zugekehrt lag. 

Der Verwundete hatte einen Klewanghieb über die linke Schulter 
erhalten, etwa 14 cm lang und etwa 6 cm klaffend, und war von Blut 
völlig überströmt. Er war sehr standhaft und kaute während des Ver- 
bandes seinen Sirih ruhig weiter. Es wurde versucht, zu nähen, aber 
es war durch die Haut nicht durchzukommen, eine Nadel brach. Das 
sei kein Wunder, meinten lachend die Umstehenden, der Kerl trage 
ja immer schwere Lasten auf den Schultern; wir muteten uns auf andere 
Weise behelfen. 

Unterdessen ergaben sich die Leute im Nachbarhause und wurden 
abgeführt, um später mit ihren Familien Sklaven zu werden. Die 
Menge verlief sich, und schon eine Stunde später sprach man in Palopo 
von etwas anderem. Ein alter Araber sagte uns, solche Auftritte 
wiederholten sich in Palopo häufig. Da man nun Blutrache von Seiten der 
Inselbewohner fürchtete, so organisierten wir Wachtdienst für die Nacht. 

Nachmittags Audienz beim Radja von Luhu. Wir sandten vorher 
als Geschenk ein silbernes Servierbrett hin und wurden dann von 
mehreren Lanzenträgern abgeholt. Das Königshaus hat eine breite 
hölzerne, gedeckte Treppe; oben an der Thür, deren Pfosten mit 
hübschem Schnitzwerk bedeckt sind, empfing uns der Oberceremonien- 
meister, dessen hochaufstehendes rotes Kopftuch ein bischofsmützen- 
artiges Gebäude bildete ; er führte uns an der Hand zum König. Dieser 
safs in einem groteen Saal, dessen Wände aus durchbrochenem Latten- 
werk und dessen Decke aus bunten Tüchern bestand; oben an einer 
weitegedeckten Tafel neben ihm der Reichskanzler -Thronfolger und 
dessen junger Schwiegersohn, ein Prinz von Sidenreng. Wir nahmen 
hier ebenfalls Platz: der König, ein durch Opium gänzlich herunter- 
gekommener Mann, trug ein orangerotes Hemd und eine goldbordierte 
Mütze; hinter ihm auf der Erde sate eine Schar hübsch rot und violett 
gekleideter Mädchen, etwa 300 Männer kauerten dicht gedrängt ringsum 
auf dem Boden. Kaffee und 20 Schüsseln mit in Kokosöl gesottenem 
Gebäck wurden aufgetragen; wir kosteten davon, worauf es unter die 
Menge verteilt wurde. 

Hierauf überreichten wir einen in gelbe Seide eingenähten Brief 
des Gouverneurs, welcher, nachdem der König das Siegel geprüft 
hatte, verlesen wurde: er hatte Bezug auf unsere Reise. Es erfolgte 



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316 



Paul und Fritz Sarasin: 



ein langes Stillschweigen, während dessen die Herren sich mit Blicken 
unterhielten. Endlich sagte der König, er wolle uns einen Reichs- 
grofsen als Führer mitgeben, seinen Statthalter in den Toradja-Landen, 
den Prinzen Ambe Ma, auch wolle er uns Boote liefern, um uns nach 
Borau, im Grund des Golfes von Boni gelegen, hinüberzubringen, von 
wo aus der Pfad nach dem Poso-See gehe; wir möchten indessen etwas 
Geduld haben. Nach einer langen Stunde kehrten wir mit grofsem 
Gefolge nach Haus zurück. 

Am folgenden Tag (22. Januar) erhielten wir vom König als Gegen- 
geschenk einen mächtigen Büffel, welcher für unsere Leute geschlachtet 
wurde. Das ungesunde Sumpfklima von Palopo begann unter den 
Kulis mehrere Fälle von Fieber und heftigem Durchfall hervorzurufen, 
was uns um so unangenehmer war, als wir {23. Januar) die Nachricht 
erhielten, wir hätten noch einige 'läge bis zur Abreise zu warten, da 
der betreffende Prinz noch nicht eingetroffen sei. 

Von der See aus gesehen, scheint Palopo unmittelbar am Fufs hoch 
aufstrebender Berge, denen kleinere Hügel vorgelagert sind, zu liegen. 
Ein Ausmarsch (24. Januar) belehrte uns indessen, dafs in südlicher 
und westlicher Richtung eine Ebene von etwa einer Stunde Breite und 
mehreren Stunden Länge den Ort von den nächsten Hügeln trennt. 
Die Fläche ist durchaus mit Gras bewachsen und unendlich sumpfig. 
Allenthalben schmückte die blaue Gentiane Exacum den Grasbestand, 
ebenso zwei Sumpf- Orchideen, von denen die eine durch eigenartige 
Schwimmvorrichtung ausgezeichnet erschien. Grofse Büffelherden 
weideten im Gras, der Hirt stand auf dem Rücken eines ungeheuren 
Tieres: auch sahen wir viele Toradja - Frauen und Kinder auf Büffeln 
reiten. Es begegneten uns sechs Buginesen zu Pferd, mit Lanzen, an 
denen Schlingen befestigt waren; sie waren ausgezogen, um Hirsche 
zu fangen, und überall hörte man das Geschrei der Treiber und das 
Bellen der Hunde. 

Am kleinen Flufs Toka fanden wir ein grünsteinartiges Gestein 
anstehend, während die Rollblöcke zum gröfsten Teil sich als Glimmer- 
schiefer erwiesen. Es wurde uns berichtet, dafs hier im Flufs und 
weiter oben im Gebirge viel Gold gefunden werde. 

Die Hügel, welche die Ebene umgrenzen, zeigen reichliche An- 
pflanzungen, mit Grasflächen abwechselnd; die höheren und ferneren 
Berge tragen ausschliefslich Wald. 

Wiederholte astronomische Bestimmung belehrte uns, dafs, wenn 
die Breite von Palopo auf der Seekarte richtig angegeben ist, dieser 
Küstenplatz um mehrere (gegen 7) Bogenminuten weiter westlich ge- 
setzt werden mufs. Die Karten des nördlichen Teils des Golfes von 
Boni sind überhaupt noch recht wenig zuverlässig. 



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Reiseberichte aus Celcbes 



317 



(25. Januar.) Einer unserer makassarischen Kulis starb plötzlich, 
ohne dafs wir die Todesursache hätten feststellen können; er hatte 
einige Zeit vorher über Atemnot und Schmerzen in der Kehle geklagt. 
Kurze Zeit vor seinem Tod stach er seinem Nachbar mit dem Kris in 
die Brust; glücklicherweise war die Wunde nicht tief. 

Zu unserer Verzweiflung wurde unsere Abreise immer wieder von 
den Autoritäten in Palopo hinausgeschoben ; kein Führer stellte sich ein. 

Als am folgenden Tag (26. Januar) ein Minahaser unter denselben 
Symptomen erkrankte und gleicherweise der Mandur der Makassaren 
sich schwer krank meldete, befiel eine Panik unsere Kulis, und ge- 
schickt wufsten die Leute von Palopo das Schreckgespenst einer 
tödlichen Seuche unseren Trägern auszumalen , und jeder begann zu 
klagen. In diesem traurigen Moment fuhr der Dampfer der Königlichen 
Packetfahrt-Gesellschaft, der uns vor acht Tagen hierher gebracht, von 
Südost- Celebes zurückkehrend, wieder in den Hafen von Palopo ein. 
Wir überredeten den uns immer gern behilflichen Kapitän, Herrn 
C. Parrel, gegen eine bestimmte Summe 24 Stunden in Palopo liegen 
zu bleiben, um den Verlauf der Krankheitsfälle zu beobachten und 
dann, falls keine neuen Erscheinungen sich zeigen sollten, uns gerade- 
wegs nach Borau, unserem Ausgangspunkt, überzusetzen, oder im anderen 
Fall die an Krankheit gescheiterte Expedition nach Makassar in ärzt- 
liche Behandlung zurückzubringen. Alle unsere Leute wurden aus 
dem ungesunden Palopo sofort auf den Dampfer übergesiedelt. 

Schon am Abend hatten sich die Stimmung und der allgemeine 
Gesundheitszustand so weit gehoben, dafs wir die Fortsetzung der 
Reise beschlossen; wir schickten Herrn Brugman ans Land, um dies 
den regierenden Kreisen anzuzeigen, zugleich mit dem Verlangen, uns 
endlich morgen früh Führer an Bord zu senden. Um 9 Uhr abends 
langte ein Bote des uns bestimmten Begleiters, dessen wir bis jetzt 
nie ansichtig geworden, an, mit der Meldung, er sei plötzlich krank 
geworden und könne nicht mitkommen. Dafür erbot sich der oben 
erwähnte Prinz von Sidenreng, uns bis nach Borau zu begleiten, um 
uns dort, wenn möglich, zu Führern und einer Anzahl Trägern, die 
wir wegen der Menge des mitgenommenen Reises noch nötig hatten, 
zu verhelfen. 

Es mag hier eingeschaltet werden, dafs die Königliche Packetfahrt- 
Gesellschaft uns jederzeit bei unseren Unternehmungen in liberaler 
Weise an die Hand gegangen ist, indem sie nicht nur für uns, sondern 
auch für unsere vielen Begleiter eine Fahrtermäfsigung von 25% 
gewährte. 

Der Prinz von Sidenreng stellte sich in der That am frühen 
Morgen (27. Januar) ein. Seine Prau und zwei uns gehörige wurden ins 



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318 



Paul und Fritt Sarasin: 



Schlepptau genommen, und der Dampfer, mit einem einheimischen 
Lotsen an Bord, setzte sich mit nordöstlichem Kurs nach Borau in 
Bewegung. Unsere Leute wurden Mann für Mann gemustert und zwei 
noch kranke ausgeschieden. 

Um 4 Uhr abends waren wir auf der Höhe von Borau, welcher 
Ort von der See aus nicht zu sehen ist. Da das Fahrwasser gefährlich 
ist, konnte der schwere Dampfer sich nicht nahe an die Küste wagen ; 
wir bestiegen daher unsere Brauen, der Dampfer drehte in elegantem 
Bogen und grüfste die Expedition mit zwei Kanonenschüssen; dann 
lagen wir allein vor der Küste von Central-Celebes. Wir übernachteten 
in den Prauen, während draufsen ein lang anhaltender Regen 
niederging. 

Bei heiterem Wetter skizzierten und peilten wir nach Sonnenauf- 
gang (28. Januar) von der Prau aus die Landschaft, welche wir zu 
durchziehen haben sollten. Nördlich hinter Borau erhebt sich ein 
hohes Gebirge, der Tampoke-Stock, dessen Hauptgipfel eine dorn« 
förmige Gestalt besitzt und etwa 1500 m erreichen mag. Aus dem 
einförmigen Waldpelz, der ihn überzieht, schimmern einzelne schnee- 
weifse Felswände hervor; nordostwärts in der Ferne lagern sich an 
ihn äufserst auffallend gestaltete, wie aufgestellte Riesenplatten er- 
scheinende Felsberge. Der Tampoke steht, wie wir später sehen 
werden, nicht isoliert da, sondern ist vielmehr ein stockartig an- 
schwellender südlicher Ausläufer der Central-Celebes durchziehenden 
Gebirge. 

Hierauf wurde begonnen, mit kleinen Kähnen die Expedition aus- 
zuschiffen, da unsere schweren Brauen sich dem Land nicht nähern 
konnten. Wir landeten an der Stelle, wo der unbedeutende Borau- 
Flufs ausmündet, und fuhren diesen eine kleine Strecke zwischen 
Rhizophoren und Sumpfpalmen aufwärts. Nach kurzer Zeit erreichten 
wir die ersten Häuser des Ortes gleichen Namens und stiegen aus. 

Eingedenk der üblen Erfahrungen, die wir in Palopo gemacht, 
beschlossen wir, uns nicht mehr in Eingeborenen -Häusern einzu- 
quartieren; wir durchschritten vielmehr das ausgedehnte, längs des 
Flusses sich hinziehende Dorf und errichteten an einer offenen, trockenen 
Stelle Hütten für uns und unsere Leute. Sofort wurden die Verhand- 
lungen über Führer und Träger begonnen. 

Am 29. Januar stellten sich nach einander zwei Gesandte des 
Königs von Luhu ein, von denen der eine über Land längs der Küste, 
der andere über See gereist war; sie versprachen alles Gute und unsere 
Abreise für morgen. Abends meldete sich ein junger Buginese vor- 
nehmer Abkunft als Führer nach dem Poso-See und versicherte uns 
seiner treuesten Freundschaft, weshalb er von nun an als Soda/ Kras 



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Reiseberichte aus Celebe«. 



319 



(dicker Freund) bezeichnet wurde. Ks ward beschlossen, morgen, als 
am ersten Reisetag, blofs einen kleinen Tagemarsch zu machen und 
in dem etwa 6 km landeinwärts liegenden Dorf Djaladja zu über- 
nachten. Bis dorthin wollte uns auch der Prinz von Sidenreng das 
Geleite gehen. 

(30. Januar.) Der Morgen brach an, kein Sobat, kein Träger 
stellte sich ein, der Prinz war nicht aus dem Schlaf zu wecken, die 
Gesandten waren spurlos verschwunden. Gegen 7 Uhr wurden wir 
ungeduldig, wir eilten ins Dorf, um die Leute selber zu holen, und 
riefen den Prinzen aus seinem Hause. Durch unsere Stimmung er- 
schreckt, prefste er einen gewöhnlichen Mann des Dorfes als Führer 
nach Djaladja und versprach, dafs noch am selben Tag die von 
unseren Trägern nicht zu bewältigenden Lasten nachgebracht werden 
sollten. 

Um 8 Uhr brachen wir auf, zunächst dem Borau-Flufs folgend, 
der mehrmals durchschritten werden mufste. Das Gelände war voll- 
kommen eben und stark sumpfig; Gras, mit übermannshohen Farnen 
(Bens) gemischt, und niederer Buschwald bedeckten den Boden, ein 
sicheres Zeichen früherer Bebauung; einzelne Durian- Bäume ragten 
daraus hervor. 

In der Nähe des kleinen, durch einen schwachen Bambuszaun ge- 
schützten Dorfes Bambalu wateten wir an das linke Ufer des Borau 
hinüber und verliefsen dann den Flufs. Nach einiger Zeit trat Hochwald 
an die Stelle der niederen Gewächse; dann folgten wieder Grasflächen 
bis zum Dorf Djaladja, am rechten Ufer des vom Tampoke herkom- 
menden Flusses Sa lu an na, dessen Geschiebe aus Gneis, Glimmerschiefer 
und sehr viel weifsem Quarz bestand. Die weifsen Felswände am 
Tampoke dürften diesem letzteren ihre Farbe verdanken. 

Das Dorf Djaladja ist von einer im Quadrat angelegten Verstärkung 
umgeben; auf drei Seiten besteht sie aus einem einfachen Erdwall, 
welchem ein Bambushag aufgesetzt ist, gegen den Flufs zu hingegen 
ist der Erdwall noch durch Einlagen von Rollsteinen vervollkommnet. 
Kleine Wachthäuschen aus Bambus finden sich auf dem Wall von Stelle 
zu Stelle angebracht. Die schmalen Eingänge werden durch Bambus- 
thüren geschlossen, welche oben, nicht seitlich, an Angeln hängen. 
Diese Thüren sind nach aufsen igelgleich mit spitzen Bambusstäben 
gespickt. 

Innerhalb dieses Walles nun stehen auf äufserst kotigem Boden 
die Pfahlhäuser unregelmäfsig zerstreut, von Fruchtbäumen umgeben. 
Ein einzelnes Haus fiel dadurch auf, dafs es noch für sich einen 
eigenen kleinen Ringwall besafs. Sehr eigenartig nehmen sich zwischen 
den Wohnhäusern die zahlreichen kleinen Vorratshäuschen für Reis 



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320 Paul und Fritz Sarasin: 

* 

aus, welche je auf vier starken, zuweilen etwas ornamentierten Pfählen 
stehen; ihre aus Paimblättern geflochtenen Seitenwände zeigen eben- 
falls öfters hübsche, weifs und schwarz gehaltene Farbenmuster. 

Djaladja ist das letzte buginesisch- mohammedanische Dorf, das 
wir zu passieren haben sollten. Hier residiert der genannte Gouverneur 
der Toradja- Lande, der uns hätte begleiten sollen, aber auch jetzt 
nicht zur Stelle war; dennoch wurden wir in seinem Haus ein- 
quartiert. 

Nach einiger Zeit langten von Borau her auch die noch aus- 
stehenden Reisträger an, erklärten aber, nicht weiter ins Land hinein 
ziehen zu wollen, als bis hier. Wiederum wurde die Führer- und 
Trägerfrage verhandelt: wir sollten bis übermorgen warten, hiefs es. 
Wir erklärten dagegen rundweg, dafs wir morgen in jedem Fall wieder 
ein wenn auch kleines Stück unseres Weges nach dem Poso-See zurück- 
legen würden ; es sei dafür zu sorgen, dafs der Reis, dessen Quantität 
sich natürlich mit jedem Tag verminderte, da wir die von unseren 
eigenen Trägern getragenen Provisionen auf zuletzt versparten, uns 
wieder nachgebracht würde wie heute, und endlich morgen feste 
Führer bis zum See geliefert würden. Es wurde bis gegen 2 Uhr 
nachts verhandelt. 

Am folgenden Morgen (31. Januar) brachen wir um 8 Uhr auf, 
zehn Makassaren unter ihrem Mandur zur Bewachung der überzähligen 
Lasten in Djaladja zurücklassend. Der Bruder des Prinzen Ambe Ma 
erbot sich, uns heute zu führen. Beim Abmarsch fafste er Herrn Brug- 
man freundschaftlich am Arm, was uns gleich nicht gefiel, und richtig 
dauerte es keine halbe Stunde, so waren wir vollkommen irregeführt, 
erst durch frisch unter Wasser gesetzte Reisfelder, wo man knietief 
einsank, dann auf Büffelpfaden ins dichte, dornige Buschwerk, in 
welchem unsere Träger stecken blieben; ein anderer Weg nach dem 
Poso-See bestehe nicht, sagte er. 

Wir sahen ein, dafs jetzt nur energisches Auftreten vielleicht noch 
helfen könne und schüchterten den Mann so ein, dafs er in ganz 
kurzer Zeit den richtigen Weg fand, einen guten, viel begangenen 
Pfad. Eine Stunde lang folgten wir diesem immer eben fort durch 
herrlichen Hochwald und schlugen um o Uhr 30 Min. an einem kleinen, 
über schneeweifse Kiesel hinfliefsenden Bach unsere Hütten auf, um 
das Weitere abzuwarten. 

Unser Führer erklärte unverschämt offen , wir hätten jetzt den 
richtigen Weg, und es sei nun nicht mehr zu irren; er gehe daher 
zurück und werde die Übrigen noch heute oder morgen nachbringen. 
Zwei seiner Begleiter liefs er bei uns im Lager, um uns, falls er noch 
nicht bei uns sein sollte, morgen weiter zu führen. 



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Reiseberichte aus Celebes. 



321 



Damit hatten wir den buginesischen Küstengürtel durchbrochen 
und durften hoffen, nun ernstlich die Reise nach dem See antreten 
zu können. 

Der aus prachtvollen, hochstämmigen Bäumen bestehende Wald, 
in welchem unsere Hütten standen, ergab eine Menge Dinge für unsere 
Sammlungen: namentlich war die Individuen- und Artenzahl von Ge- 
spenst-Heuschrecken ganz erstaunlich grofs. Unter den Schnecken 
waren es besonders eine riesenhafte, braungrüne Xanina, wahrscheinlich 
N. limbifera, und eine elegant gebänderte He/ix, vermutlich H. lubti, 
welche häufig auffielen; beide waren uns in Nord-Celebes nie begegnet. 
Das Wetter war den ganzen Tag prachtvoll. 

(i. Februar.) Um 7 Uhr morgens setzten wir unseren Marsch fort, 
zunächst immerzu durch herrlichen Wald. Um 8 Uhr 30 Min. trafen 
wir an einem kleinen Bach auf Lichtungen, Büffelwege, Grasflächen 
und Maisfelder, welche zum Toradja-Dorf Tanaoki gehörten. Man 
kann sagen, dafs der durchschrittene Wald die Grenze bildete zwischen 
dem von Buginesen bewohnten Küstengebiet und den Toradja-Stämmen. 

Der Ort Tanaoki war vor wenigen Monaten durch Buginesen ge- 
züchtigt und die Bewohner waren zu Sklaven gemacht worden; sie hätten 
sich Ungehorsam gegen den Fürsten zu Schulden kommen lassen, 
wurde uns mitgeteilt. Drei Häuser sahen wir noch bewohnt. Uber 
den Weg, der zu diesen führte, war in Mannshöhe eine Schnur ge- 
spannt, welche an zwei senkrecht in die Erde gesteckten Bambusstäben 
festgebunden war und in der Mitte ein aus Bambus gefertigtes Amulett 
trug. Das sei gegen die bösen Menschen, sagte man uns hier, an 
anderen Orten, gegen die Pocken; man trifft diese Vorrichtung in den 
Toradja-Landen weit verbreitet. 

Weiterhin folgte Bambusgebüsch, dann Wald, mit Maisfeldern und 
Beständen der Arenga-Palme abwechselnd; am Flufs Towäu wurde ge- 
rastet. Towau und Saluanna sind, wie wir erfuhren, Aste eines Bai o- 
balo genannten Flusses, der zwischen Borau und dem östlich davon 
gelegenen Ort Wotu ausmündet. 

Waldflecke wurden von hier an immer seltener: meist führte der 
Pfad durch niederes Buschwerk und von Stelle zu Stelle durch An- 
pflanzungen von Mais und Trockenreis mit einzeln oder in Gruppen 
stehenden Häusern. 

In Nordnordwest erhob sich, von Wolken teilweise verhüllt, ein 
hoher, waldbedeckter Berg, den die Leute Baku nannten; er gehört 
zum Tampoke. Davor und zur Linken zeigten sich niedere Hügelrücken, 
bald zur Rechten ebensolche, und der Towau, dem wir, ohne ihn zu 
sehen, folgten, flofs in einem breiten, sanften Thal dahin. An seinem 
Ufer, beim Dorf Manangalu, schlugen wir die Hütten für die Nacht auf. 



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322 



Paul und Fritz Sarasin: 



Manangalu, ein kleiner Ort ohne Befestigungswerke, besteht blofs 
aus wenigen Pfahlhäusern , die von denen der Küste noch kaum ab- 
weichen, einem Vorratshäuschen für Reis und einem sogenannten Lobo. 
Diese Lobos, die beinahe in keinem Toradja-Dorf fehlen, dienen als 
Versammlungshäuser zum Abhalten von Festen und Beratungen und 
als Unterkunft für Reisende. Da ihre Bauart durch das ganze von 
uns durchschrittene Toradja- Gebiet hier im Prinzip dieselbe blieb, so 
möge gleich hier eine kurze Schilderung Platz finden. 

Von den gewöhnlichen Häusern unterscheidet sich der Lobo sofort 
durch seinen Giebelschmuck, welcher aus zwei langen, flügelartig in 
die Luft ragenden Planken von etwa einem Fufs Breite besteht. Diese 
Planken sind in bizarrer Weise durchbrochen gearbeitet und enden 
stets in eine einer vielzinkigen Gabel vergleichbaren Figur. Zwischen 
den beiden seitlich hinausragenden Planken war hier ein nach vorne 
schauender, aus Holz geschnitzter Pferdekopf angebracht. Das Innere 
des Hauses, zu welchem eine häufig ornamentierte. Treppe hinaufführt, 
besteht aus einem einzigen Raum, welcher ringsum Schlaf- und Feuer- 
stellen für Reisende aufweist. Der durch die Mitte des Raumes in 
etwas unter Mannshöhe ziehende Längsbalken ist auf seiner Unter- 
seite stets mit rohen Skulpturen bedeckt, unter denen Krokodile mit 
Menschen im Rachen niemals fehlen. Von der Mitte dieses Längs- 
balkens geht eine Säule nach oben zum Dach, welche gleichfalls immer 
Ornamente aufweist; hier war sie durchbrochen gearbeitet und mit 
rot und schwarz bemalt. Auf dem Fufsboden des Raumes findet sich 
in der Mitte der sogenannte Nabel des Hauses, eine in Holz ge- 
schnitzte schüsselartige Delle, von büffelhornartigen Figuren umgeben. 
In diese Delle wird bei festlichen Anlässen der erbeutete feindliche 
Kopf hineingelegt. Zwei Schädel hingen im Lobo von Manangalu von 
der Decke. 

In keinem Lobo fehlen grofse, zuweilen bis meterhohe Trommeln, 
aus Baumstämmen gearbeitet und mit Büffel- oder Schweinefell, seltener 
mit der bunten Haut des Python überspannt. An den Seitenwänden 
finden sich aus Holz sehr roh geschnitzte Büffelköpfe angebracht, zum 
Aufhängen von Gegenständen; auch echte Büffelhörner fehlen als 
Dekoration selten. Der ganze bizarre Styl , in welchem diese Lobos 
gehalten sind, erinnert einigermafsen an den Geschmack amerikanischer 
Indianer. 

In Manangalu befanden wir uns unter den Toradjas vom Stamm 
der To Lampu, deren Gebiet sich mit einer einzigen kurzen Unter- 
brechung von hier längs unseres Weges bis zum Poso-See erstreckt. 
Uber Kleidung und Bewaffnung der Toradjas wollen wir später, wenn 
wir uns mehr im Herzen ihrer Lande befinden werden, reden. 



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Reiseberichte aus Celebcs. 



323 



Gegen Abend kamen unsere zurückgelassenen Leute von Djaladja 
her nach, ferner dreifsig Toradjas mit unseren Reislasten und drei 
Führer, darunter derjenige, der uns bei Djaladja irre geführt hatte, 
und unser „Freund" von Borau. Diese hatten wiederum für ihre 
eigenen Bedürfnisse eine Menge Toradja -Träger in ihrem Gefolge. 
Sämtliche Toradjas waren mit Lanzen, Klewangs und aus Rotang ge- 
flochtenen Schildern bewaffnet; unsere Führer hatten aufserdem einige 
Gewehre bei sich. 

Ein schwerer Regen liefs nachts den Flufs, an dessen Ufer 
wir lagerten, gewaltig anschwellen. 

(2. Februar.) Mit Mühe durchwateten wir am Morgen den reifsen- 
den Flufs, in dessen Geschiebe grofse Quarzblöcke auffielen, tiber- 
schritten dann einen etwa 140 m hohen Waldhügel und erreichten den 
Flufs von neuem, an dessen rechtem Ufer hier ausgedehnte Mais- und 
Reis-Kulturen sich fanden. Im Flufsbett wanderten wir langsam eine 
kleine Strecke weiter, bis wir zum Dörfchen Mabonta an seinem 
linken Ufer gelangten. Hier verliefsen wir den Towäu endgültig. 

Weiterhin folgte etwas Wald, dann wieder Felder und Bambus- 
bestände. Der Pfad war im allgemeinen gut; mühsam wurde er nur 
in der Nähe der Anpflanzungen, namentlich der neu angelegten, weil 
er dann stets von gefällten Bäumen und dürrem Buschwerk überdeckt, 
zuweilen auch durch schwer zu überkletternde Umzäunungen gesperrt 
erschien. Gelegentlich war er dann kaum mehr zu finden, und wir 
verloren viel Zeit durch Umwege. 

An einem kleinen Bach fanden wir einen grauen, lettigen Thon 
mit ziemlich horizontalen Schichten anstehend; er enthielt Schalen von 
Sttfswasserschnecken und Pflanzenblätter und nahm verwittert eine 
gelbe Farbe an. Dieselben Schichten trafen wir kurz darauf am grofsen 
Flufs Tomoni wieder an, den wir um 12 Uhr überschritten. 

Der Pfad führte weiter über eine Menge kleiner, mit niederem 
Busch bestandener Hügel, wobei der lehmige, durch den Regen der 
vergangenen Nacht aufgeweichte Boden raschem Fortkommen hinder- 
lich war. Nach West und Nordwest hatten wir gelegentlich schöne 
Ausblicke auf das Tampoke-Gebirge. 

Im Dörfchen Djalopi, am Flüfschen gleichen Namens, verbrachten 
wir die Nacht, in einer kleinen, Wanderern offen stehenden Hütte ein- 
quartiert. Zwei Häuser des Dorfes, auf ausserordentlich hohen Bam- 
buspfahlgerüsten ruhend, lagen, von Bambusgebüsch umgeben, malerisch 
auf einer Hügelspitze; der Lobo entsprach dem oben beschriebenen. 
Die Meereshöhe des Ortes beträgt etwa 70 m. 

Ein Schweinchen, das wir kaufen konnten, versorgte uns hoch- 
willkommen mit frischem Fleisch. 



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324 



Paul und Fritz Sara sin: 



(3. Februar.) Um 7 Uhr setzten wir unsere Reise fort, wobei wir 
dem Laufe des Djalopi-Flusses folgten und ihn öfters durchwateten; 
nacheinander (iberschritten wir mehrere Hügel, welche, wie wir er- 
kennen konnten, mit dem Tampoke -Stock in Zusammenhang standen 
und seine letzten Ausläufer nach Osten darstellten. 

Nach einer Stunde Marschierens gelangten wir in eine grofse, 
waldbedeckte Niederung, die überaus sumpfig war, so dafs wir be- 
ständig tief einsanken. Blutegel waren darin sehr zahlreich, und allent- 
halben durchkreuzten tiefe Fährten verwilderter Büffel unseren Pfad. 
So erreichten \vir k mühsam durch die Sumpfebene uns weiter arbeitend, 
den Flufs Laembo und kurz darauf um 10 Uhr die breit und tief 
dahinströmende Kalaena. 

Dieser starke Flufs entspringt nordwärts vom Tampoke - Stock, 
nimmt die früher von uns durchschrittenen Flüsse Laembo, Tomoni 
und Djalopi auf und mündet in der Nähe von Wo tu. Er ist mit Kähnen 
von der Küste aus bis hierher befahrbar; sein Geschiebe erwies sieb 
wiederum sehr reich an Quarz. 

An seinem Ufer rastend genossen wir eine freie Aussicht: im 
Norden und Nordwesten sahen wir hohe, lange Ketten, ohne besonders 
hervorragende Gipfel, die Kalaena- Kbene begrenzen; im Westen er- 
hoben sich steile Fclsberge, dieselben, welche wir schon von der 
Küste aus, nordostwärts an den Tampoke sich anlagernd, beobachtet 
hatten. Ein sehr schöner, in seinem Habitus an ein Epilobium er- 
innernder Farn mit schwarzen Stielen bildete am Ufer hohe Be- 
stände. 

In dem von uns in der letzten Zeit durchzogenen Gebiet hatten 
sich nur wenige auffallende Pflanzenformen hervorgethan ; hier an der 
Kalaena dagegen überraschte uns eine reiche und eigene Vegetation. 
Namentlich war die Mannigfaltigkeit epiphytischer Farne und Orchi- 
deen überaus grofs. 

Da an ein Durchwaten des Flusses nicht zu denken war, folgten 
wir dem rechten Ufer eine Stunde weit aufwärts bis zu einer Mais- 
plantage mit Namen Dompelo, wo wir zwei Kähne erhalten konnten. 
Bevor die Einschiffung begann, trat ein Toradja zum Strom, murmelte 
eine Beschwörung und warf ein Bctelblatt hinein. Der Übergang voll- 
zog sich ohne Unfall; wir übernachteten in der genannten Plantage. 
Die Meereshöhe der Kalaena-Niederung betrug hier ungefähr 60 m. 

(4. Februar.) Am frühen Morgen mit einer Ortsbestimmung am 
Flufs beschäftigt, sahen wir zu unserem Erstaunen ein Boot nach dem 
andern mit Bewaffneten über den Flufs zu uns übersetzen und am 
jenseitigen Ufer eine starke Schaar sich sammeln, ebenfalls auf Über- 
fahrtgelegenheit wartend. Alle trugen Lanzen, Schilde und Klewangs; 



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Reiseberichte aus Celebes. 



325 



sie überbrachten einen geschlossenen Brief des Reichskanzlers von 
Luhu, ungefähr des Inhalts, die Überbringer seien Leute aus der 
Gegend von Wotu, mehrere Hundert an der Zahl, welche uns nach 
dem Poso-See begleiten wollten, und denen er, da er dies erfahren, 
diesen Brief mitgegeben habe, um uns vor ihnen zu warnen, denn er 
traue ihnen nicht. Es wurde mit vielen Worten den Leuten für ihr 
Anerbieten gedankt, ihnen aber bedeutet, dafs wir sie nicht nötig 
hätten, und es gelang, sie zur Rückkehr zu bewegen. 

Um 9 Uhr brachen wir auf und folgten dem Laufe der Kalaena, 
zuweilen unmittelbar längs deren Ufer, häufiger auf schlechten und 
lehmigen Pfaden Hügel auf- und absteigend. 

An einem ausgetrockneten Bachbett wurden wir durch eine 
Schaar bewaffneter Toradjas angehalten. Es waren Leute vom Stamm 
der To Bela, deren Gebiet wir auf eine kurze Strecke passieren 
mufsten. Unter viel Geschrei verlangten sie, von unseren Begleitern 
auf Eid und Gewissen zu erfahren, ob der Fürst von Luhu unsere 
Reise gutgeheifsen habe, und ob wir mit friedlichen Absichten ins 
Land kämen; endlich fragten sie nach jenem Prinzen, der uns hätte 
begleiten sollen, und gaben sich erst völlig zufrieden, als ihnen dessen 
Lanze, welche sie sofort erkannten, vorgewiesen wurde; des Prinzen 
Bruder hatte sie zur Vorsicht mitgenommen. Hierauf schlössen sich 
auch die To Belas unserem Zug an. 

Wir begannen nun, an den das Kalaena -Thal östlich begrenzen- 
den, waldigen Gehängen emporzusteigen. In der Höhe von etwa 
200 m eröffnete sich eine schöne Aussicht in das breite Flufsthal, 
dessen westliche Wand malerische, kräftige Berge bildeten. Mais- und 
Reisfelder zogen sich weit an ihnen hinauf. Die Berge des Kalaena- 
Thals setzen sich südwärts in den Tampoke fort, sie „beifsen sich 
mit dem Tampoke", sagten die Toradjas. Gen Norden zu verengert 
sich das Thal, und der Flufs schien aus einer schluchtartigen Lücke 
herzukommen. 

An einem hübschen Waldplatz begannen wir um 1 Uhr die Hütten 
für die Nacht zu bauen. 

(5. Februar.) Auf dem Ostrand des Kalaena -Thaies schritten wir 
weiter, meistens bergauf, seltener in kleine Bachschluchten hinab- 
steigend. Der Pfad war durch neu angelegte Rodungen oft gänzlich 
versperrt, wobei die vielen zu überkletternden gefällten Stämme 
unseren Zug in lästiger Weise aufhielten. 

Anstehend fanden wir ein äirfserst quarzreiches krystallinisch.es 
Gestein und Glimmerschiefer, welch letzterer das erstere zu überlagern 
schien; an einem Bach sahen wir Kalksinter in kleinen Terrassen 
ausgeschieden. 



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Paul und Fritz Sarasin: 



Mehrmals eröffneten sich schöne Ausblicke auf die See und das 
grofse, von uns durchzogene Niederland; die Hauptspitze des Tampoke 
hatten wir jetzt im Südwesten. 

Wir begannen nun, vom Kalaena-Thal uns abwendend, einen 
Rücken, den uns die Leute als Tanumbu bezeichneten, zu besteigen. 
Eine weifse Balsamine bildete auf dem Waldboden hübsche Rasen; 
schöne epiphytische Farnformen und grofsblätterige Aroideen be- 
deckten die Bäume. Die Höhe des Berges betrug etwa 600 m ; dann 
senkte sich der Pfad wieder steil hinab zum Flufs Salowanuwa, einem 

♦ 

linksufrigen Zuflufs des Kalaena. 

Nach kurzer Rast setzten wir den Marsch wieder fort, uns die 
andere Thalseite über glatten, teilweise tiefsumpfigen Boden hinauf- 
arbeitend. Auf der Höhe zeigte sich wiederum das Meer durch eine 
Lücke, westlich vom Tanumbu-Rücken. 

Durch niederes Buschwerk und Grasrlächen aufs neue hinab- 
steigend, erreichten wir um 2 Uhr das Dorf Lembongpangi, malerisch 
in einem von steilen Bergen gebildeten Circus, in etwa 500 m Meeres- 
höhe, gelegen; vom Kalaena-Thal ist es durch einen Rücken abge- 
trennt. Weit hinauf ziehen Felder an den Bergen empor, und wie 
Schweizerhäuschen kleben überall Hütten an den Abhängen. 

Das Dorf selbst, welches etwa ein Dutzend ungeordnet stehender 
Häuser und einen Lobo enthält, stand völlig leer, da die Bewohner 
alle in ihren Bergplantagen beschäftigt waren. Wir quartierten daher 
sowohl uns, als unsere Leute in den leeren Nestern ein. Die Häuser, 
auf hohen Pfählen ruhend, waren etwas mühsam zu erklimmen, da als 
Treppen hier blofs Baumstämme mit eingehauenen Kerben dienen. 
Vom Lobo ist nur zu erwähnen, dafs er in der Mitte auf einem Fels- 
block aufruht und mit Rindenstücken dachziegelartig gedeckt war; 
sonst entsprach er den früher gesehenen. Befestigungswerke hatte 
das Dorf nicht. 

In einem kleinen, abseits im Gebüsch verborgenen, mit Palm- 
blättern gedeckten Pfahlhäuschen standen fünf Körbe aus Baumrinde, 
deren jeder ein ganzes Skelett enthielt. Es waren die Leichen von 
Männern, welche, unlängst im Kampf gefallen, nun der Bestattung in 
Felsgrotten warteten. Bis das geschehen ist, darf im Dorf nichts 
aufserordentliches vorgenommen werden. In allen Toradja - Dörfern 
und so auch hier steht von den andern Häusern etwas entfernt eine 
Hütte, in welcher der Dorfschmied seine Werkstätte hat. In einer 
solchen Schmiede findet man stets neben einer Anzahl von den Dach- 
balken herabhängenden Amulette, roh in Holz geschnitzte Modelle 
aufgehängt, welche all' die Instrumente, die hier angefertigt werden, 
veranschaulichen; so sieht man Messer, Beile und Lanzenspitzen ver- 



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Reiseberichte aus Celebes 



327 



schiedener Form und Gröfse. Daneben fehlt aber sonderbarer Weise 
nie ein Modell, das wir nicht anders denn als Pfeil und Bogen deuten 
können, obschon diese Waffe in den von uns besuchten Toradja- 
Landen verschwunden ist. An der Arbeit haben wir einen Dorf- 
schmied nie gesehen ; so vielen Schmiedereien wir auch begegnet sind, 
sie standen immer leer. 

Abends kamen unsere buginesischen Begleiter mit dem Anliegen, 
morgen hier einen Rasttag halten zu dürfen; sie müfsten sich für die 
kommenden Tage neu verproviantieren, sagten sie, denn wir ständen 
nun vor einem mehrtägigen Waldgebiet ohne Wohnungen. Wir gaben, 
wenn auch ungern, nach. Dieser Wald, berichteten sie ferner, gelte 
bei den Toradjas für heilig, und wir sollten uns daher hüten, darin 
Tiere und Pflanzen zu sammeln und Steine zu schlagen oder es jeden- 
falls so einrichten, dafs man es nicht sehe ; auch sollten unsere Leute 
nicht schiefsen und nicht singen, um nicht die Geister aufzuwecken. 
Hieran fügten sich noch einige Erzählungen von zu Stein gewordenen 
Menschen und dergleichen. 

(6. Februar.) Wir benutzten diesen Ruhetag zur astronomischen 
Bestimmung des Ortes, Aufnahmen von Photographien und Vermehrung 
unserer mannigfaltigen Sammlungen ; unser Jäger erbeutete ein Pärchen 
des Süd-Celebes-Spechtes, Mulleripüus Wallacei. 

(7. Februar.) Der Pfad, dem wir nun folgten, führt zunächst durch 
verlassenes Kulturland, in welchem eine fast doppelt mannshohe Pteris 
ein anmutiges Laubdach bildete. Bald aber erreichten wir herrlichen, 
dichten Hochwald, den Anfang des grofsen Forstes, welcher die Central- 
Celebes-Kette mit ihren Vorbergen überdeckt, und den wir nun für 
drei Tage nicht mehr verlassen sollten. 

Es ging anfangs steil bergan, teilweise über sehr steinigen Boden, 
welcher mit Blöcken quarzreichen Urgesteins übersäet war. Später 
wurde der Weg etwas ebener, indem wir für längere Strecken Berg- 
graten folgen konnten. Um 1 Uhr 15 Min. hatten wir die Höhe von 
Ii 80 m erreicht. An einem kleinen Bach, 100 m tiefer gelegen, be- 
gannen wir um 2 Uhr 30 Min. unser Lager aufzuschlagen. 

Vor uns in nördlicher Richtung erhob sich mit mehreren Spitzen 
eine hohe Kette, Takalekadjo genannt, während die heute über- 
schrittenen Rücken, welche als Vorberge dieser Hauptkette aufzufassen 
sind, nur als Kunkumi und Bonemfcaro bezeichnet wurden. 

Unsere durch den Marsch ermüdeten Träger konnten kaum mehr 
zur Arbeit des Hüttenbaues gebracht werden, zumal als unter heftiger 
Gewittererscheinung ein starker Regen, anfangs mit Eiskörnern von 
6 mm Durchmesser gemengt, niederging. Palmen, mit deren Blättern 
wir sonst die Hütten bequem decken konnten, fehlten hier; wir mufsten 

Zeiuchr. d. GeielUch. f. Erdk. Bd. XXX. 1895. 23 



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Paul und Fritz Sarasin: 



uns mit Gras und Laub behelfen, vermochten damit aber kein regen- 
dichtes Dach zu Stande zu bringen. 

(8. Februar.) Am frühen Morgen aufbrechend, klommen wir zu- 
nächst turmartig steil aufwärts, dann wieder hinab in eine kleine 
Schlucht an den Fufs des Takalekadjo. Eine blutrot blühende kleine 
Zingiberacee fiel hier überall in die Augen. Der Aufstieg auf das ge- 
nannte Gebirge ging sehr langsam vor sich und war äufserst mühsam. 
Steil wand sich der Pfad zwischen rauhen Felsblöcken in die Höhe. 
Oft war die Passage so eng, dafs die Träger mit ihren Lasten sich 
kaum durchzwängen konnten; manche Blöcke mufsten auch tiberklettert 
werden. 

Die Felsen bestanden alle aus einem blauschwarzen, harten, quarz- 
reichen, krystallinischen Gestein, das in Schalen und mit gelber, seltener 
mit roter Farbe verwitterte; in einem Wasserrifs sahen wir auch 
Glimmerschiefer anstehen. Zuweilen hingen an den Felsen groteske 
Stalaktiten-Bildungen. 

In dem mächtigen, alles überziehenden Hochwald herrschte trübes 
Dämmerlicht und starke Feuchtigkeit, und ungemein grofs erschien 
daher die Anzahl der vom Boden sich erhebenden und an den hohen 
Stämmen dem Licht entgegen kletternden Gewächse. Farne zeigten 
sich, wohl wegen Mangels an Licht, auf dem Waldboden nur spärlich, 
auch Pandaneen waren selten. Von Blüten fielen hier beinahe nur 
kleine Begonien auf. 

Die Tiere scheinen solche Wälder möglichst zu fliehen, sogar 
Affen liefsen sich nicht blicken, und weder von Hirsch, Schwein oder 
Wildochse waren Fährten zu erkennen. Die Vögel selbst waren spär- 
lich vertreten und hielten sich blofs in den höchsten Kronen auf; auch 
Reptilien und Frösche schienen selten zu sein. Es herrscht darum 
auch eine feierliche Stille, meist blofs durch den einer fernen Trommel 
gleichenden Ruf der herrlichen grünen Waldtaube, Hemiphaga Forstend 
unterbrochen. Merkwürdigerweise hatten wir von Blutegeln hier wenig 
zu leiden. 

Wenn an steilen Stellen sich gelegentlich ein Ausblick eröffnete, 
konnten wir erkennen, dafs wir gestern einen ungefähr nach Osten 
sich öffnenden Kessel Umschriften hatten. Im Südosten gestattete eine 
schmale Berglücke, ins Niederland hinabzublicken. 

Um n Uhr 30 Min. erreichten wir den Kamm des Gebirges. Seine 
Höhe bestimmten wir auf annähernd 1670 m; die Gipfel der Kette er- 
heben sich noch etwas höher. 

Hier auf dem Rücken des Takalekadjo hatten wir die Wasser- 
scheide zwischen dem Golf von Boni und dem von Tomini erreicht, 
ein für unsere Reise bedeutender Unistand. 



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Reiseberichte aus Celebes. 



Auf der Pafshöhe befand sich ein Opferplatz der vorbeiziehenden 
Toradjas. Ohne Ordnung waren eine Menge Stöcke neben einander 
in die Erde gepflanzt, deren oberem Ende ein hahnförmiges Stück 
Baumrinde aufgesteckt war. In diese Rindenbehälter legt der Toradja 
Sirih und andere Opfergaben. Es ist anzunehmen, dafs der Pafs 
über dieses Gebirge einen Verkehrsweg von hohem Alter darstellt. 

Nicht lange konnten wir auf der Pafshöhe verweilen, da plötzlich 
Nebel aus der Tiefe heraufzogen und ein heftiger Regen unter Gewitter- 
erscheinungen losbrach. Wir stiegen auf der Nordseite des Gebirges 
etwa 90 m abwärts und bauten unter strömendem Regen die Hütten. 
Der Bau ging langsam von Statten, da die Leute vor Kälte schlotterten. 
Eine pechschwarze grofse Landplanarie (Bipalittm) wurde hier oben 
erbeutet. 

Auf den Regen folgte eine Mondnacht von unbeschreiblicher 
Klarheit. Ein dem Gesang unserer Nachtigall ähnlicher Vogelschlag 
tönte aus dem dichten Buschwerk; wahrscheinlich stammte er von der 
kleinen, von uns zuerst in der Minahasa entdeckten und hier wieder- 
gefundenen Phyllergetes-Art. Das Thermometer fiel auf 13 0 C. 

(9. Februar.) Es begann nun ein sehr mühsamer, steiler Abstieg. 
Übermächtiges Wurzelwerk war äufserst hinderlich, und zwischen den 
Wurzeln hatten sich durch den Regen mit lehmigem Kot gefüllte 
Becken gebildet, in welche man tief einsank. Das Wetter war neblig 
trübe, und noch um neun Uhr war es im Wald so dunkel, wie etwa 
eine halbe Stunde vor Einbruch der Nacht. Selbst das brennende 
Rot einer grofsglockigen , hier häufigen Liane vermochte wenig Farbe 
in das düstere Grün zu bringen. 

Als wir um 10 Uhr am Wege etwas rasteten, zog der luhuresische 
Prinz, der uns von Anfang an hatte begleiten sollen, mit grofsem Ge- 
folge an uns vorüber, ohne uns anzusehen und ohne zu grüfsen. Er 
war uns von der Küste her in raschen Zügen nachgeeilt; ungern be- 
merkten wir, dafs viele seiner Begleiter Gewehre trugen. 

Um 11 Uhr standen wir an einem circusartigen Absturz des Ge- 
birges und begrüfsten jubelnd vom Rand einer Felswand aus in der 
Ferne den See von Poso. Die Stelle wird von den Eingeborenen 
Patiro Rano (Seeblick) genannt; das Wetter hatte sich etwas aufgehellt. 

Die Aussicht war Überraschend herrlich; das tiefblaue Seebecken, 
über dessen Gröfse wir erstaunten, lag in nordwestlicher Richtung etwa 
zwei Tagemärsche entfernt vor uns; sein westliches Ufer erschien durch 
eine ungefähr in der Seemitte vorspringende Landzunge tief gebuchtet, 
während das östliche nur kleinere Vorsprünge aufwies. Südlich vom 
See, gegen uns zu, dehnte sich eine weite, mit Waldflecken und Feldern 
übersäte Fläche aus, eine früher noch gröfsere Ausdehnung des Sees 

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Paul und Fritz Sarasin: 



ankündend. Der Gebirgsrücken, den wir eben überschritten hatten, 
setzte sich in einer langen, fast durchweg gleiche Höhe beibehaltenden, 
mit lückenlosem Wald bekleideten Kette fort, welche westlich den See 
umsäumte, steil gegen denselben abfallend, während das Ost-Ufer von 
niedrigerem, ziemlich reich bebautem Hügelland gebildet erschien. 
Fern im Norden fielen kühne, hohe Piks, die Berge von Bada, in 
die Augen. 

Wir setzten von PatiroRano unseren Abstieg noch bis in die Höbe 
von etwa 900 m fort und bauten an einem Bach unsere Hütten. Kaum 
je vorher hatten wir die Bäume so überreich mit epiphytischen Farnen 
bedeckt gefunden, wie an dieser Stelle ; viele darunter hatten wir noch 
nie vorher gesehen. 

Es sei beiläufig hier erwähnt, dafs das hinter uns liegende Gebirge 
für die geographische Verbreitung einiger Tiere und Pflanzen von ge- 
wisser Bedeutung zu sein scheint. So sahen wir zum Beispiel die 
beiden früher erwähnten Schnecken, die grofse Nanina und die bunte 
Helix den Kamm nicht überschreiten; sie wurden vielmehr auf der 
Nordseite durch andere Arten ersetzt. 

(10. Februar.) Bei trübem Wetter setzten wir unseren Marsch fort; 
an Stelle des Hochwaldes trat niedere Vegetation, aus Gras und Busch- 
werk bestehend, und bald erreichten wir die ersten Maisfelder. Vor 
uns noch in beträchtlicher Ferne lag der See in leichten Dunst ge- 
hüllt; über ihm war das Wetter heiter, während rings an den Bergen 
Nebel hingen. 

Die in der Gegend, wo wir uns jetzt befinden, zerstreuten Felder, 
Häuser und Baumgärten werden mit dem Namen Pembotu bezeichnet; 
ihre Bewohner gehören noch zu den To Lampu Toradjas; gegen den 
See hin nehmen sie dann den Namen To Rano (Leute vom See) an, 
ohne indessen, wie man uns sagte, von anderem Stamm zu sein. 

Das anstehende Gestein bestand hier immer noch aus blauem, 
quarzreichem Urgestein. 

Je mehr wir in die See-Ebene hinabstiegen, um so heller wurde 
das Wetter; der Pfad war sehr gut, das Gelände leicht wellig. Immer- 
zu wechselten Pflanzungen ab mit weiteren Strecken von Gras und 
Buschwerk oder trockenen, leichten Waldungen, deren Boden reichlich 
mit dürrem Laub Uberdeckt war. Der Gesamtcharakter der Vegetation 
wies darauf hin, dafs der Thalboden ein viel trockeneres Klima besitzt 
als die ihn einschliefsenden Berge, eine Erscheinung, die uns sehr an 
das Wallis erinnerte. 

Mehrere Bäche wurden überschritten, lauter Seitenäste des Kodina- 
Flusses, welcher sich in das Südufer des Poso-Sees ergiefst. An einem 
dieser Bäche, dem Supa, bemerkten wir neben Quarz grofse Blöcke 



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Reiseberichte aus Celebes. 



331 



eines talk- oder serpentinartigen Gesteins. Serpentin hatten wir, 
beiläufig gesagt, bis jetzt erst in Südost-Celebes, an der Küste von 
Salabanka, gefunden. 

Um 12 Uhr loMin. erreichten wir das kleine Dorf Tamakolowe 
am Flufs Salokuwa; es bestand aus wenigen in malerischer Unordnung 
zerstreuten Häusern und einem Lobo der gewöhnlichen Bauart. Es 
wurde uns ein Haus angeboten ; wir zogen es aber vor, in einem kleinen 
Wäldchen unsere Hütten zu bauen, um vor Wind besser geschützt zu 
sein, da wir die Erfahrung gemacht hatten, dafs in den durchzügigen 
Pfahlbauten wir und unsere Leute sich leicht erkälteten. Wir hatten 
auch bereits mehrere Fälle von Darmkatarrh und Fieber unter unseren 
Trägern. Die Leute des Ortes brachten eine Menge Materialien zum 
Hüttenbau heran. 

Der luhuresische Prinz befand sich auch im Dorf; er überbrachte 
einen Brief des Fürsten von Luhu, worin dieser mitteilte, der Prinz 
komme mit 225 Leuten zu unserer Beschirmung. Sein Gefolge war in 
der That sehr grofs und verstärkte sich in jedem Ort durch neu sich 
ansch liefsende Toradjas. 

Die Höhe von Tamakolowe beträgt etwa 540 m. Die Nacht 
war hell und auffallend kühl; das Thermometer sank auf 12,5° C. 

(11. Februar.) Die Gegend, durch die wir unseren Marsch fort- 
setzten, behielt denselben Charakter bei wie gestern ; niederer Buschwald 
und Anpflanzungen lösten einander ab. Das Gelände war beinahe völlig 
eben und der Pfad vortrefflich; nur in der Nähe von Feldern wurde 
er gelegentlich verloren. Mehrere zur Kodina fliefsende Bäche wurden 
überschritten. 

Um 9 Uhr 30 Min. passierten wir das kleine Dorf Batusinampe, 
welches von einem schwachen Holzzaun umgeben war. Auf tief kotigem 
Boden standen die Wohnhäuser, hohen, dünnen Pfählen aufgesetzt; vier 
Vorratshäuschen für Feldfrüchte fanden sich daneben in einer Reihe 
aufgestellt. Es fiel uns auf, dafs die Leute an diesen dasselbe Schutz- 
mittel gegen Ratten anwenden, wie die Bauern im Wallis, indem sie 
die Pfähle, welche die Häuschen tragen, in der Nähe ihres oberen 
Endes durch grofse, weit vorstehende Scheiben aus Holz unterbrechen; 
im Wallis werden an ihrer Stelle Steinplatten gebraucht. 

Sago sahen wir hier von der echten Sago-Palme gewinnen, nicht 
von der Arenga-Palme, wie es sonst auf Celebes gewöhnlich geschieht. 

Einige Minuten vom Dorf entfernt trafen wir an einem Bach auf 
einen in die Erde gepflanzten Stock, an welchem eine rohe Holztaube 
aufgehängt war; es sei dies eine Warnung für solche, sagte man uns, 
die unberechtigterweise das Wasser zum Behuf des Fischfangs ver- 
giften. 



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Paul und Fritx Sarasin: 



Es folgte nun eine längere Strecke lichten Waldes, und als dieser 
sich öffnete, gelangten wir in eine schmale Zone einer höchst eigen- 
tümlichen Vegetation. In erster Linie war diese charakterisiert durch 
einen in grofsen Beständen wachsenden Strauch, der völlig einem 
Nadelholz im Habitus glich, aber kleine, duftende, weifse Blüten trug; 
die zerriebenen Zweige rochen aromatisch, etwa wie Thymian. Daneben 
fielen violett blühende Strobilanthes-Büsche auf; eine Nepenthes • Art 
überspann häufig die anderen Gewächse, und eine ganze Reihe hübscher, 
kleiner Blütenpflanzen, meist Lippen- und Schmetterlingsblüten, in zahl- 
reichen Exemplaren auch eine violette Burmanniacee, bedeckten den 
sandigen Boden, eine wahre Erfrischung für das in Celebes am ewigen 
Grün übersättigte Auge. 

Noch zehn Minuten und wir standen am Po so -See, der mit ziem- 
lich starken, weifs gekämmten Wellen gegen das Ufer brandete; ein 
kräftiger Wind blies über die Fläche. Das von Bergen umschlossene, 
mächtige Wasserbecken, dessen Nordufer in fernen Dünsten sich ver- 
lor, erinnerte uns an die gröfsten Seen der Schweiz. 

Durch vorausgesandte Leute des Prinzen war am Ufer ein mächtiges, 
scheunenartiges Gebäude errichtet worden, in welchem wir selbst, zu- 
gleich mit allen unseren Trägern und dem ganzen übermächtigen Ge- 
folge der Luhuresen, einquartiert werden sollten. Wir hatten Gründe 
genug, dies abzuweisen. Einmal war die Hütte dem vollen Seewind 
ausgesetzt, zweitens hatten wir jeweilen nach Ankunft am Halteplatz 
für das Schreiben der Tagebücher, die Barometer- und Thermometer- 
Ablesungen und das Bergen von Tieren, Pflanzen und Steinen mehrere 
Stunden ungestörter Arbeit nötig, die wir nicht unter 600 neugierigen 
Augen hätten ausführen können, und endlich wären wir allzu sehr in 
den Händen unserer Begleiter gewesen. 

Wir suchten daher einen windgeschützten Platz bei einem kleinen 
Wäldchen, etwa fünf Minuten vom See entfernt, und begannen den 
Hüttenbau. Darüber wurden nun die Leute, wie es scheint, verstimmt, 
und da uns hinreichende Palmblätter (A/ap) zum Decken verweigert 
wurden, kamen wir in grofse Verlegenheit und mufsten uns mühsam 
mit anderem behelfen. 

Der Prinz hatte sich unterdessen mit Opium berauscht, und seine 
Begleiter nahmen eine unangenehme Haltung an. Es hiefs, die Reise 
könne nicht weiter fortgesetzt werden , da keine Kähne zu beschaffen 
seien, um uns über den See zu bringen, und kein Pfad längs des 
Strandes bestehe und dergleichen. Als es Abend wurde, war der Ver- 
kehr mit unseren Begleitern so gut wie abgebrochen. Zwei vornehme 
Buginesen , welche nachts um 10 Uhr noch zu uns ins Lager kamen, 
schienen blofs für die Art und Stärke unserer Bewaffnung Interesse zu 



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Reiseberichte aus Celebes. 



333 



haben, wenigstens sprachen sie von nichts anderem. Das Vorzeigen 
von vier geladenen Revolvern vertrieb plötzlich das eigentümliche 
Lachen vom Gesicht unserer Gäste. Dem Einen boten wir zum Ab- 
schied ein Geschenk an, um das er Tage lang gebettelt hatte, nämlich 
einen weifsen Rock, wie wir ihn trugen: das Geschenk wurde zurück- 
gewiesen. Nun wufsten wir, dafs die Stimmung im anderen Lager 
eine sehr gespannte sein mufste, und erinnerten uns nun auch der 
Warnung eines Führers von gestern, dafs in dieser Gegend unsere 
Köpfe nicht sicher seien; wir hatten den Mann ursprünglich aus- 
gelacht. 

Als uns die Herren verliefsen, machten wir alles für einen et- 
waigen nächtlichen Überfall bereit. Das dunkle Wäldchen, an welchem 
unsere Hütten standen, wurde durch Wachtfeuer erhellt und an allen 
Zugängen wurden starke Wachtposten aufgestellt. Wir selber leiteten 
abwechselnd den Wachtdienst; es blieb indessen alles ruhig. 

(12. Februar.) Morgens in aller Frühe kam der Prinz allein mit 
abgelegtem Kris zu unseren Hütten und bat um Verzeihung wegen 
seines gestrigen Betragens. Alles, was wir wünschten, wurde ver- 
sprochen und Boten nach allen Seiten gesandt, um Kähne zu be- 
schaffen; wir erhielten Geschenke von Reis, Mais und Hühnern, der 
Gesandte von gestern nahm seinen Rock in Empfang und ging uns 
um Knöpfe dazu an, und alles atmete Frieden und Eintracht. 

Wir sind nie ganz dahinter gekommen, was eigentlich an der 
Sache gewesen war, die Leute schwiegen sich alle aus; vermutlich 
war es ein verunglückter Versuch, uns einzuschüchtern und vielleicht 
doch noch zur Rückkehr zu bewegen. Die wahren Gedanken der 
Buginesen sind eben unergründbar; die Hauptsache für uns aber war, 
dafs wir von nun an im besten Einvernehmen mit unseren Begleitern 
standen. 

Wir begannen nun in Ruhe unsere Arbeiten am See. Seine Höhe 
über dem Meer können wir aus einer Reihe von Bestimmungen, die 
mehrere Tage weiter geführt wurde, ziemlich genau auf 500 m angeben. 

In der Nähe unserer Hütten mündete der schon mehrmals erwähnte 
Kodina-Flufs in den See; die Stelle ist sumpfig und mit Riedgras be- 
deckt. Kleine Flüge zweier Entenarten, der grofsen Anas sufxrciliosa 
und der kleinen Anas Gibberifrom waren hier häufig; es gelang, auf 
einen Schufs vier Stück zu erlegen. Der grofse, schwarze, weifshalsige 
Storch, Milanopelargus tpiscopus, und der ungemein prachtvoll gefärbte 
Purpurreiher, Arddi purpurca, waren ständige Bewohner dieser Strecke. 

Die Kordina, obschon durchaus kein bedeutender Flufs, dürfte 
doch einer der gröfsten, wenn nicht der gröfste der in den Poso-Sec 
mundenden Gewässer sein. In Betracht kommt aufser ihm noch die 



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Paul und Fritx Sarasin: 



Kai ja, deren Mündungsstelle an der Westseite des Sees eine in den 
See etwas vorspringende Deltabildung erzeugt zu haben scheint; an 
ihrem Ufer liegt ein kleines Dorf. Aufser diesen beiden genannten 
Flüssen empfängt der See natürlich noch eine grofse Zahl von Bächen, 
die uns aber hier nicht zu beschäftigen brauchen. 

Der Poso-See ist reich an Fischen und Krebsen, und vor allem 
erstaunten wir über die Unmenge von Mollusken. Im untiefen Wasser, in 
der Nähe der Ufer, sahen wir öfters den sandigen Boden förmlich be- 
sät mit grofsen schwarzen Melanien, Paludincn und anderen Arten, 
und die todten Schalen bedeckten an einigen Stellen den Strand, 
ähnlich wie Muscheln an den Meeresküsten. Eine grüne Spongilla 
fand sich öfters Schneckenschalen aufgewachsen. 

Abends erhob sich ein starker, warmer, föhnartiger Wind vom 
See her. 

Am folgenden Tag (13. Februar) bestimmten wir mit dem Peil- 
kompafs die von hier aus sichtbaren Landzungen. Unter unseren 
Leuten meldeten sich auffallend viele an Fieber und Durchfall erkrankt, 
weshalb wir die Abreise von dieser sumpfigen Stelle zu beschleunigen 
trachteten. Abends erhob sich derselbe warme Wind wie gestern 
hierauf folgte ein heftiges, herrlich abkühlendes Gewitter. 

(14. Februar.) Die vom Prinzen bei den umwohnenden Toradjas 
bestellten Boote, welche uns über den See nach dem Nordufer bringen 
sollten, trafen nach und nach ein. Es sind kleine Einbäume, vorne 
und hinten zu einer Sitzfläche für je einen Ruderer zugehauen; die 
Ruder bestehen hier aus einer kleinen runden Schaufel an langem 
Stiel. Gewöhnlich fährt indessen der Toradja ohne Ruder; er steht 
dann hinten auf seinem Boot und stöfst sich mittels einer Stange dem 
Ufer entlang weiter. Die kleinen Einbäume wurden nun durch Quer- 
balken zu zweien oder dreien zusammengebunden, um ihre Tragkraft 
und Sicherheit zu erhöhen. 

Die Toradjas der Gegend brachten uns ein Schwein zum Geschenk ; 
der Prinz erhielt einen Büffel, von dem wir ebenfalls unser Teil be- 
kamen. Abends blies wieder ein starker Wind. 

(15. Februar.) In der Frühe des Morgens bestiegen wir die Kähne. 
Die Expedition füllte 17 Fahrzeuge; des Prinzen Boot führte als Aus- 
zeichnung eine rote Flagge. Wir ruderten längs des Ostufers hin; 
die Hügel waren mit Feldern, zwischen denen gröfsere mit Gras und 
Busch bewachsene Flächen sich dehnten, bedeckt. Häuser, von Frucht- 
bäumen umgeben, zeigten sich hin und wieder zerstreut, nicht zu 
Dörfern vereinigt. Alle diese Höfe in der Nähe des Südufers führen 
den Kollektivnamen Lamusa; der hoch auf einem Hügel allein stehende 
weifsgetünchte Lobo ist weithin sichtbar. 



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Reiseberichte aus Celebes. 



335 



Es sei hier bemerkt, dafs auf vielen Karten von Celebes das Ost- 
ufer des Poso-Sees von einem dichten Kranz von Dörfern besetzt er- 
scheint. Es kommt dies von der Sitte her, Karten blofs nach Angaben 
von Eingeborenen zu Hause zu entwerfen und entspricht der Wirklich- 
lichkeit nicht; denn wenn auch die Hügel des Ostufers nicht gerade 
undicht bevölkert sind, so fehlt es doch ganz oder fast ganz an Gruppen 
von Häusern, grofs genug, um auf Karten als Dörfer bezeichnet zu 
werden. 

Weiterhin eröffnete sich ein schöner Ausblick auf den Takalekadjo, 
über welchen wir hergekommen waren; wir sahen, dafs er sich süd- 
ostwärts, die Altseefläche umgrenzend, in eine durch viele schroffe 
Spitzen ausgezeichnete Kette fortsetzt, welche wahrscheinlich in die 
südöstliche Halbinsel von Celebes einstrahlt. Nach NW geht er, 
wie schon erwähnt, in die das Westufer des Sees bildende lange 
Kette über. Diese trägt einen sehr einförmigen Charakter, ist 
durch wenige hervorragende Gipfel ausgezeichnet und dürfte eine 
mittlere Höhe von etwa 1500 m haben. Der alles überziehende Wald- 
pelz läfst keine schroffen Felslinien und keine scharfen Schatten her- 
vortreten. Gelegentlich wurde erkannt, dafs hinter derselben noch 
weitere parallele Rücken sich hinziehen; an einer Stelle konnten wir 
drei solcher Züge unterscheiden. Nordwärts vom See sieht man diese 
Kette in fernes, hohes Gebirgsland sich fortsetzen. Spuren von Be- 
bauung fallen an den Bergen des Westufers nicht in die Augen; nur 
der Strand scheint von einigen Fischeransiedelungen besetzt zu sein. 

Schon um 9 Uhr hinderte uns der Wind an der Weiterfahrt und 
zwang uns, beim kleinen Bach Tolambo ans Land zu gehen. Einige 
zerstreute Toradja-Feldhäuschen fanden sich in der Nähe; ein allein- 
stehender Lobo war durchaus verwahrlost, und so gelang es uns, gegen 
Abend ihn seines Giebelschmuckes zu Gunsten unserer Sammlung zu 
berauben. 

Abends standen die Berge in einem gelblichen Nebelduft, der an 
einen Sandsturm erinnerte; der See spiegelte die Sonne kupferrot wieder. 

(16. Februar.) Wir übernachteten in den Prauen und ruderten vor 
Tagesanbruch weiter. Um 9 Uhr begann wiederum ein lästiger See- 
gang, der sich allmählich steigerte und uns um 10 Uhr zu landen 
zwang. Die Gegenwellen brachten ein aus zwei zusammengebundenen 
Einbäumen bestehendes Fahrzeug zum Umschlagen; es enthielt unsere 
sämtlichen Küchengerätschaften. Die Leute wurden leicht gerettet, 
aber alle Pfannen, Teller, Gläser, Tassen, Löffel, Gabeln, Messer u. s. w. 
versanken in die Tiefe des Poso-Sees. An der Stelle, wo der Unfall 
eintrat, ergab eine Messung die beträchtliche Tiefe von 86 m, und 
doch war sie kaum einen Kilometer vom Land entfernt. 



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336 



Paul und Fritz Sarasin: 



Um Teller und Pfannen zu ersetzen, tauschten wir rohes Thon- 
geschirr von den hier in hügelauf und am Strand zerstreuten Häuschen 
wohnenden Toradjas ein; Gabeln und Löffeln wurden aus Holz ge- 
schnitzt, als Tassen mufsten Bambusstücke dienen. Den verlorenen 
Salzvorrat konnten wir hier nicht ersetzen; konserviertes Fleisch wurde 
an seiner Stelle genossen. 

Der Wind liefs den ganzen Tag nicht nach. Wir hörten zwei 
Buginesen über die Frage streiten, ob der aufgehende Mond auf Wind 
und Wetter Einflufs haben werde oder nicht und sich darüber entzweien. 

(17. Februar.) Wiederum übernachteten wir in den Kähnen; um 
4 Uhr 30 Min. setzten wir die Reise fort und erreichten nach drei 
Stunden Ruderns die Stelle, wo der Poso-Flufs dem See entströmt. 
Auf einem kleinen Hügelchen am rechten Ufer des Flusses, der hier 
durch eine Menge Fischfallen beinahe gesperrt ist, bauten wir unsere 
Hütten und richteten uns darauf ein, einige Tage hier zu bleiben. Die 
Stelle unseres Lagers heifst nach einem jetzt verschwundenen Dorf 
Tandongkajuku. 

Bezahlung für die Boote durften wi[ nicht geben; es sei dies 
pflichtmäfsiger Herrendienst gegenüber von Leuten, welche unter dem 
Schutz des Königs von Luhu reisen, wurde gesagt. Ebensowenig wurde 
uns nach Ablauf der Reise gestattet, die vielen Toradjas, welche unsere 
Güter zu tragen geholfen hatten, zu bezahlen; blofs kleine Geschenke 
wurden angenommen. 

Der Poso-Flufs, welcher, wie wir anderen Angaben entgegen hier 
bemerken wollen, den einzigen Abflufs des Sees darstellt, ist an seinem 
Ursprung etwa so breit wie die Aare bei Bern; er entstömt dem See 
mit sehr geringer Geschwindigkeit und führt krystallklares, herrliches 
Trinkwasser. 

Es mögen an dieser Stelle noch einige Bemerkungen über den 
Poso-See Platz finden. Die Längsachse des Sees läuft ungefähr von 
SSO nach NNW und mifst gegen 40, die gröfste Breite gegen 15 km. 
Die Breite unterliegt übrigens keinen sehr beträchtlichen Schwankungen. 
Zum Vergleich sei beiläufig daran erinnert, dafs die Länge des Genfer- 
Sees, mit Ausschlufs des Petit Lac, etwa 50 km, seine gröfste Breite 
etwa 15 km beträgt. 

Die Stelle, wo die Kodina ein- und die, wo der Poso-Flufs aus- 
fliefst, haben wir astronomisch bestimmt. Mancherlei Schwierigkeiten 
halber, welche hier auseinanderzusetzen nicht der Ort ist, können wir 
indessen nicht hoffen, dafs die auf unsere vorläufige Karte eingetragenen 
Punkte auf mehr als etwa drei bis vier Minuten genau sind. 

Gegen den Ausflufs hin verengert sich der See trichterförmig, in- 
dem von Norden her eine Landzunge sich vorschiebt, die wir als 




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Reiseberichte aus Celebes. 



Trichterecke bezeichnen können ; nach Nordwesten schickt er eine 
tiefe und breite Bucht. Das Westufer wird durch eine schon früher 
erwähnte, beträchtlich weit vorspringende und nach aufsen hin sich 
gabelnde Landzunge in zwei Abschnitte geteilt, während das Ostufer, 
längs welchem rudernd wir die Reise über den See gemacht hatten, 
wie auch schon gesagt, eine ganze Reihe kleinerer Vorgebirge auf- 
weist, zwischen welchen Buchten, ähnlich gestaltet wie die Schwimm- 
häute zwischen den Zehen eines Entenfufses, ins Land eingreifen. 

Um unser Peilungsnetz zu vervollständigen und etwas über die 
Tiefe des Sees zu erfahren, unternahmen wir von unserem Standort 
aus um 10 Uhr eine Exkursion im Boot; wir richteten unseren lyurs 
nach der Trichterecke. Schon ganz in der Nähe des Ausflusses fanden 
wir eine Tiefe von 17 m, dann folgten 27 m und weiter gegen die 
Trichterecke hin 50, 66 und dann wieder abnehmend 56, 38 und 30 m. 

In der Nähe der Trichterecke sahen wir längs des Ufers eine 
ziemlich breite, sandige, von Schnecken besäete Terrasse sich hin- 
ziehen, die nur mit etwa ii m tiefem Wasser bedeckt war; sie stürzte 
plötzlich in die Tiefe ab. Schon von weitem erkannte man diesen 
Gürtel an der Verfärbung des Wassers, indem die tiefblaue Farbe des 
Sees hier unvermittelt in ein helles Flaschengrün übergeht. Eine ähn- 
liche Bank hatten wir längs des nördlichen Teiles des Ostufers bemerkt. 

Um das Nordufer des Sees und weiterhin dem Poso-Flufs folgend 
etwas nordostwärts zieht sich eine im Vergleich zu der des südlichen 
Seeufers schmale Zone alten Seebodens hin; dieser Gürtel ist hügelig 
und mit Gras bedeckt. Unmittelbar dahinter erheben sich waldige 
Berge, welche mit der das Westufer des Sees begrenzenden Kette zu- 
sammenhängen. 

Ein kalter Platzregen zwang uns gegen 2 Uhr zur Rückkehr. 

Die Untersuchung des Sees wurde am folgenden Tag (18. Februar) 
fortgesetzt. Um gröfsere Tiefen messen zu können, hatten wir aus 
Lianen ein Tau machen lassen, an welchem ein schwerer Stein be- 
festigt wurde. An den Stein wurde ein kleiner Bambus festgebunden, 
um Bodenproben zu erhalten; das Tau mafs 312 m. 

Wir richteten unseren Kurs direkt nach der Landzunge des West- 
ufers. Die erste Lotung an der Stelle, wo die Trichterecke in rechtem 
Winkel gepeilt wurde, ergab eine Tiefe von 80 m; der Boden bestand 
aus einem weichen, blaugrauen Schlamm; weiter hinaus, gegen die 
Seemitte zu, erhielten wir eine Tiefe von 230 m und dieselbe Boden- 
probe. Hierauf ruderten wir etwas über die Scemitte weg und fanden 
mit 312 m keinen Grund mehr; es war deutlich zu fühlen, dafs der 
Stein den Boden nicht berührte. Beim Hinaufziehen zerrifs das Tau, 
und überdies zwang uns ein starker Wind zur Umkehr. 



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338 



Paul und Fritz Sarasin: 



Wir wollten nun ein Tau von 600 m Länge anfertigen lassen, aber 
es erhoben unsere Buginesen allerlei Beschwerden gegen eine weitere 
Untersuchung des Sees. Da wir den kaum geschlossenen Frieden 
nicht wieder stören wollten, fugten wir uns, wenn auch ungern, und 
können nun blofs so viel als Resultat angeben, dafs die Tiefe des Sees 
sicher 300 m übersteigt. 

Aus all dem Mitgeteilten wird nun zur Genüge hervorgegangen 
sein, dafs der Poso-See nicht, wie es schon vermutet worden ist, ein 
altes Kraterbecken darstellen kann: er füllt vielmehr eine tektonische 
Spalte von grofser Tiefe an. Das Gebirge, welches wir, um den 
Poso-See zu erreichen, überschritten haben und das sich weiterhin 
um den See nach Norden fortsetzt, ist nicht vulkanischer Art, sondern 
besteht aus krystallinischen , sehr quarzreichen Gesteinen. Vulkanen 
sind wir auf unserer ganzen Überlandreise nicht begegnet. 

An der Stelle, wo der Poso-Flufs ausströmt, waren wir nicht wenig 
überrascht, ein bienenwabenartig verwittertes Gestein anstehend zu 
finden, welches sich als Korallenkalk erwies. Der Korallenkalk bildet, 
wie wir dann weiter fanden, am Nordende des Sees kleine steile Fels- 
hügel; wir werden ihm auf unserem Weg von hier nach der Tomini- 
Küste noch viel begegnen. 

(19. Februar.) Um dem Prinzen von Luhu, unserem Begleiter, ihre 
Ergebenheit zu bezeigen, strömten von nahe und ferne Toradjas mit 
Geschenken herbei; die Altseefläche am Fufs unseres Hügelchens glich 
einem kleinen Dorf, so viele Hütten wurden nach und nach von den 
Ankommenden errichtet. Nur die nördlich vom See lebenden To Bada 
stellten sich nicht ein, da sie die Souveränität von Luhu nicht mehr 
anerkennen wollen. Wir selber befanden uns gegenwärtig unter den 
To Undae Toradjas, deren am See wohnende Glieder wiederum 
als To Rano bezeichnet werden. 

Da wir nun mehrere Hunderte von Toradjas vor uns versammelt 
haben, so mag hier der Ort sein, über die Kleidung und Bewaff- 
nung einige Worte zu sagen. 

Die Kleidung der Toradjas in Central-Celebes besteht zum guten 
Teil und an abgelegenen Orten noch ganz aus BaststofT (fuja), in 
dessen Herstellung die Leute einen hohen Grad von Fertigkeit erlangt 
haben. Diese Stoffe werden durch Klopfen mit einer Art von Holz- 
keule und weiterhin mit Steinen, welche in einer Handhabe von Rotang 
befestigt sind, bereitet. Die Klopfsteine sind aus einem dunkelgrünen, 
sehr harten, an Nephrit erinnernden Gestein, welches, wie man uns 
sagte, in Undae gefunden wird, angefertigt; sie haben eine rechteckige 
Gestalt und zeigen auf beiden Flachseiten eine Anzahl von einge- 
grabenen Längsrinnen. Die Bereitung feiner Storle beginnt mit Steinen, 



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Reiseberichte aus Celebes. 



339 



welche nur wenige breite Rinnen aufweisen, und endet mit solchen, 
auf denen eine grofse Zahl, dicht neben einander eingegraben, sich 
finden. Die feinen Stoffe sind dünn wie Papier; häufig werden sie rot 
gefärbt oder mit grotesken Figuren bunt bemalt, wobei es scheint, 
dafs die verschiedenen Stämme verschiedene Muster führen. 

In den einfachsten Fällen nun trägt der Toradja blofs eine Scham- 
schürze und einen zwischen den Beinen durchgezogenen Lappen aus 
Baststoff; hierzu kann ein über die Schulter geschlagener Bast-Sarong 
kommen, auch Jacken aus demselben Stoff sieht man hin und 
wieder. 

Langsam aber beginnt von der Küste aus der Gebrauch von Tuch 
sich immer mehr zu verbreiten; die Schamschürze wird durch kurze, 
bis zu den Knieen reichende Hosen ersetzt, wie sie auch die Buginesen 
tragen; Bast -Sarong und Jacke weichen denselben Kleidungsstücken 
aus Tuch. 

Im Sarong festgebunden trägt der Toradja seine Kau-Ingredienzien. 
Häufig sieht man ferner diagonal über die Brust ein wurstförmiges 
Tuch geschlagen, welches durch von Stelle zu Stelle angebrachte, 
engere eiserne Ringe in eine Anzahl von Knoten geteilt wird, die 
Amulette enthalten. 

Um die partes posteriores hat der Toradja, wenn er über Land 
geht, in der Regel eine breite, nach unten schwanzartig verlängerte 
Schürze aus Anoa-, Hirsch- oder Beuteltier- {Phalanger) Fell umgebunden, 
wobei der Pelz nach innen zu getragen wird. Zuweilen sind solche 
Schürzen auch aus Flechtwerk, mit aufgenähten bunten Tuchlappen, 
gefertigt. Auf diesen Schürzen sitzt der Toradja auch auf feuchtem 
Boden trocken. 

Eine gewisse Phantasie wird in der Herstellung der Kopfbedeckung 
entwickelt. Die gewöhnlichste besteht in einem einfachen Kopftuch 
aus Baststoff; zuweilen ist dieses rot gefärbt, seltener bunt bemalt und 
öfters so getragen, dafs es wie zwei Hörner vom Kopf absteht. Statt 
Fuja sieht man häufig weifses oder rotes Tuch verwendet. An Stelle 
des Kopftuches werden ferner als Bedeckung gern halbierte Kürbisse 
oder Mützen aus Rotang verschiedener Gestalt getragen. Diese wiederum 
werden häufig mit Pelz überzogen, besonders gern mit schwarzem, 
langhaarigem Affenfell, in welches kleine Büschel weifser Reiherfedern 
eingestreut werden, ferner mit Hirsch-, Phalanger- oder Zibetkatzen- 
Fell, in welch letzterem Fall der Schwanz der Zibetkatze über den 
Nacken des Toradja herunterhängt; zuweilen sieht man die Haut eines 
ganzen jungen Hirschkopfes mit Geweih und Ohren aufgesetzt. An 
der Kriegsmütze endlich sind vorn zwei aus Kupferblech gearbeitete 
Büffelhörner angebracht, zwischen denen zuweilen eine kleine, aus Holz 



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340 



Paul und Fritz Sarasin: 



geschnitzte Figur mit eingesetzten borstigen Haaren befestigt ist. Als 
Schmuck tragen die Männer Armringe aus Muschelschalen, Horn oder 
Kisen, ferner solche aus Bronze, mit eigenartigen, an prähistorische 
Formen erinnernden, spiraligen Ornamenten; dieselben Verzierungen 
kehren auch auf Fingerringen wieder. Halsbänder aus Glasperlen 
sieht man häufig verwendet, öfters auch einfache Schnüre, an denen der 
bunte gelbe Schnabel des Celebes-Kukuks (Phoenicophaes cahrhynchus), 
oder ein mit Stanniol verziertes, glänzend schwarzes Chitingerüst eines 
grofsen Nashornkäfers und andere dergleichen Dinge befestigt sind. 
Ohrpflöcke aus Ebenholz, mit eingelegten Perlmutterblättchen, haben 
wir nur selten und blofs bei den To Lampus gesehen. Endlich ge- 
hört in die Kategorie des Schmuckes noch das von uns mehrmals 
beobachtete Einlegen der Vorderzähne mit Gold. 

Nie geht der Toradja unbewaffnet aus; stets trägt er die Lanze 
in der Hand, deren schön gearbeitete Eisenklinge aufs sorgfältigste 
rein gehalten wird. Der gewöhnlich dunkle Schaft ist öfters mit 
Stanniolbändern verziert, zuweilen gegen das untere Ende hin mit 
einem Büschel Ziegenhaare geschmückt. Selten fehlt der Schild, in 
der Regel aus Rotang geflochten und zuweilen mit Farbenmustern 
geschmückt, weniger häufig aus Holz gearbeitet und dann gern mit 
eingelegten Rauten aus Knochen und mit Reihen abwechselnd rot und 
weifs gefärbter Ziegenhaare, weifscr Muscheln und roter Erbsen 
verziert. 

Die Hauptwaffe aber und der Stolz des Toradja ist sein Klewang, 
meist ein Erbstück früherer Generationen; in seiner Führung ist er 
Meister. 

Der gewöhnliche Klewang hat einen einfachen, schwarzen, ausge- 
höhlten Horngriff. Ferner giebt es solche, bei welchen um die Höhlung 
Kerben, Krokodilzähne andeutend, eingeschnitten sind; die schönsten • 
sind aber die, deren Griff einen vollständigen, kräftig beschuppten 
und zahnbewehrten Krokodilkopf, mit eingesetzten roten oder blauen 
Augen, darstellt. Gegen das Nordende des Poso-Sees hin und von da 
zur Tomini-Küste begegnet man häufig einer anderen Form von Klewang- 
Griff mit weit auseinanderklaffenden, gebogenen Kiefern. Leider herrscht 
im genannten Gebiet die offenbar neue und in entferntere Teile noch 
nicht vorgedrungene Mode, Griff und Scheide, trotz ihrer reichen und 
schönen Schnitzerei, mit Stanniol, welches von der Küste her bezogen 
wird, völlig zu überziehen. 

Die hölzerne, oft kunstvoll gearbeitete Scheide trägt häufig am 
Ende einen Büschel langer Ziegenhaare oder einen Straufs von Federn, 
wobei gern die purpurglänzenden des schwarzen Storchs gewählt 
werden. Seitlich an der Scheide sieht man bei hervorragenden Häupt- 



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Reiseberichte aus Celebes. 



341 



lingen zuweilen einen Kopf vom grofsen Nashornvogel angebracht, der 
mit eingesetzten roten Augen und im Schnabel, Früchte nachahmend, 
ein Bündel Glasperlenbänder, an denen kleine Glocken hängen, trägt. 

Neben dem Klewang wird gewöhnlich noch ein einfaches Holz- 
messer geführt. Panzer und Blasrohre haben wir in dem von uns 
durchzogenen Toradja - Gebiet ebenso wenig, als Bogen und Pfeil 
gesehen. 

In der Kleidung der Frauen hat sich der Gebrauch der Bast- 
stoffe noch allgemeiner erhalten, als bei den Männern; Jäckchen und 
Sarongs aus braunem oder schwarz gefärbtem Baststoff bilden fast 
ausnahmslos die nicht eben sehr kleidsame Tracht. Zuweilen zeigen 
die Jäckchen Einsätze von rotem oder weifsem Tuch oder sie sind 
um den Hals mit Stickerei etwas verziert. Häufig tragen übrigens die 
Frauen, besonders wenn sie mit häuslichen Arbeiten beschäftigt sind, 
den Oberkörper unbedeckt. 

Ein Kopftuch aus Bast, eine Anzahl Halsbänder aus Glasperlen 
und Armbänder aus Muschelschalen oder Kupfer — letztere oft in 
grofser Zahl neben einander aufgereiht — bilden den Schmuck der 
Toradja -Frau. Nicht unerwähnt darf endlich eine eigentümliche Art 
von Korsett bleiben, das uns an der Tomini -Küste von To Pebato- 
Toradja- Frauen — ob es eine weitere Verbreitung hat, wissen wir 
nicht — gebracht wurde. Es besteht aus einem etwa 10 cm breiten 
Band aus gefärbtem Rotang, das sich die Frauen gegenseitig um die 
Taille flechten und welches so eng ist, dafs es nur durch Aufschneiden 
abgenommen werden kann. 

Die aufgezählten Gegenstände sind mit ganz wenigen Ausnahmen 
alle in unserer Sammlung reichlich vertreten. Vieles erhielten wir 
durch Tausch mit Tuchwaren, Ringen und Glasperlen, einiges durch 
Geld. Am schwersten sind die Klewangs zu bekommen. Ein herr- 
liches Stück mit Krokodilkopf- Griff und an der Scheide befestigtem 
Nashornvogelkopf wurde uns nur nach tagelangem Zögern und erst, 
als der Prinz von Luhu seinem Eigentümer, einem alten Toradja- 
Häuptling vom See, allerlei hohe Versprechen politischer Art machte, 
wenn er uns den Gefallen thun wollte, verkauft. Es war ein Schwert, 
mit dem schon seine Väter gefochten und das im Kampf eines der 
eingesetzten Augen verloren hatte. 

Wir kehren zu unserem Tagebuch zurück. Die Dörfer zu beiden 
Seiten des See-Ausflusses hatten gegenwärtig Streit mit einander, weil 
unlängst ein Kopf geschnellt worden war, und wir wurden daher ge- 
warnt, uns nicht ohne Führer Dörfern zu nähern, weil nun überall in 
ihrer Umgebung spitze Bambussplitter, im Gras verborgen, in dje Erde 



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342 



Paul und Fritz Sarasin: 



gesteckt seien. Einer unserer Leute hatte sich auch in der That, wäh- 
rend er einen Vogel in der Nähe eines Dorfes verfolgte, einen solchen 
„malayischen Reiter" in den Fufs gestofsen. 

Die Dörfer am Nordende des Sees haben einen ganz anderen 
Charakter, als die am Ost- und Südufer. Während wir in den letzt- 
genannten Gebieten die Leute in der Regel zerstreut in unbewehrten 
Landhäusern auf ihren Feldern wohnen sahen, trafen wir hier die 
Häuser auf die Spitzen steiler Felshügel vereinigt und von Verteidigungs- 
mitteln allerlei Art umgeben. 

Unter Führung des Dorfoberhauptes besuchten wir um 8 Uhr 
morgens eines der in der Nähe unserer Station befindlichen Dörfer, 
mit Namen Posunga. Wir setzten über den Flufs und durchschritten 
in ungefähr nordwestlicher Richtung die hügelige, grasbewachsene 
Altseefläche, wobei ein Rudel Hirsche aufgejagt wurde. Am Rand der 
Ebene erhob sich ein fast kegelförmiger, steiler Felshügel von etwa 
50 m Höhe, oben vom Dorf Posunga gekrönt. Unten am Hügelabhang 
fand sich ein roh eingehegter Gemüsegarten. Eine Anzahl Frauen 
kamen eben vom Dorf herab, um Früchte zu holen ; sie waren durchaus 
in rohe Bastkleider gehüllt und trugen auf dem Rücken grofse Huken, 
deren Tragbänder sie um den Vorderkopf befestigt hatten. 

Es ging ziemlich steil aufwärts, und die Sonne brannte fürchter- 
lich auf die vegetationslosen Felsen, welche aus angewittertem Korallen- 
kalk bestanden. Oben stiefsen wir auf eine starke, aus Bambusstöcken 
aufgeführte Umzäunung; die den schmalen Eingang schliefsende Thür 
war mit spitzen Bambussplittern reichlich gespickt. Innerhalb dieser 
Verstärkung standen mehrere saubere Wohnhäuser, deren Wände aus 
Baumrinde und Holzlatten gefertigt waren, auf hohen, dünnen Pfählen ; 
dazwischen zerstreut einige Vorratshäuschen für Feldfrüchte, mit den 
bereits erwähnten Holzscheiben zum Schutz gegen Ratten. Schweine 
und Hühner bevölkerten das Dorf reichlich; aber trotzdem war der 
Boden nicht unsauber, da der Regen alles den steilen Hügel hinab- 
wäscht. 

Die Aussicht von hier auf den See und den ihm entströmenden 
Flufs war ungemein lieblich; mehrere Dörfer, in ähnlicher Weise wie 
Posunga Hügelspitzen krönend, zeigten sich hin und wieder zerstreut. 
An verschiedenen Stellen verrieten schwarze, dicke Rauchsäulen, dafs 
Grasflächen in Brand gesteckt worden waren. 

Wir verliefsen den Ort durch eine andere Pforte und fanden einen 
weit bequemeren Weg zum Abstieg; aufserhalb der Umzäunung stand 
die Hütte des Schmieds, auch diesmal ohne Insassen. 

Kaum nach unseren Hütten zurückgekehrt, empfingen wir den Be- 
such unseres Prinzen mit sieben Toradja- Häuptlingen umliegender 



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Reiseberichte aus Celcbes. 



34 H 



Dörfer. Jeder überbrachte uns als Geschenk ein Huhn, ein Säckchen 
Reis und einen Bambus, gefüllt mit köstlichem, milchweifsem Sagoweer; 
als gemeinsames Geschenk wurde überdies noch ein schönes Schwein 
hinzugefügt. 

Hierauf wurden wir eingeladen, einen Kriegstanz anzusehen, 
welcher unten auf der See -Ebene zu unseren Ehren veranstaltet 
werden sollte, wobei wir indessen gewarnt wurden, uns nicht allzu 
nahe hinzubegeben, da Leute verschiedener Dörfer, mit einander 
fechtend, leicht zu wirklichem Streit übergingen. Die Sache entsprach 
Übrigens unseren Erwartungen nicht; es erfolgte zuerst ein Schein- 
gefecht zwischen zwei mit Schild und Klewang bewaffneten Männern 
mit sehr viel Geschrei. Beim Kampf prefsten sie die Lippen krampf- 
artig aufeinander, um sich ein schreckliches Aussehen zu geben, wie 
wir es auch in der Minahasa gesehen haben, als in Tomohon einer 
der letzten Alfuren nach alter Sitte begraben wurde. Hierauf folgte 
ein Kampf zwischen zweien, welche als Lanzen lange, dicke Grashalme 
trugen und sich gegenseitig damit bewarfen, mit den Schilden sie 
aufserordentlich geschickt parierend. Einbrechender Regen machte der 
Sache bald ein Ende. 

Abends wurde der Reis- und Salzfisch -Vorrat herbeigebracht, 
welchen Herr Resident Jellesma, durch Vermittelung des an der Küste 
des Tomini-Golfes stationierten Kontrolleurs, nach Mokito, einem nahe 
unserer Station befindlichen Dorf, hatte schaffen lassen. 

(20. Februar.) Es regnete die Nacht hindurch, und der Morgen war 
trübe. Unsere Begleiter drängten zur Abreise nach der Küste. Wir 
setzten sie auf den folgenden Tag fest, nur ungern uns zum Abschied 
rüstend von dieser bedeutenden und durch ein herrlich gemäfsigtes 
Klima t- das Thermometer fiel nachts auf 18 oder 19 0 C. — ausge- 
zeichneten Landschaft. Als Abschiedsgeschenk erhielten wir von den 
Toradjas am See einen Büffel, einen Korb frischer Seefische und einige 
Bambus mit Sagoweer. Wir verwandten den Tag zu photographischen 
Aufnahmen von Toradjas. 

(21. Februar.) Vor der Abreise besuchten wir noch eine Grab- 
stätte der Toradjas in der Nähe unserer Station. Ein wenig be- 
gangener, überwachsener Waldpfad führte einen Hügel hinauf, an 
dessen Abhängen mächtige Felsblöcke teilweise überhängend lagen; 
in einer Kluft zwischen zwei Blöcken bemerkten wir einen Schädel 
und einige Knochen ohne weitere Beigaben. 

Vom Poso-See nach der Ktlste folgen wir von hier an einem Pfad, 
den schon vor uns ein Europäer begangen hat, Alb. C. Kruijt, der seit 
einigen Jahren am Tomini - Golf stationierte Missionar. Ihm verdankt 
die Wissenschaft die ersten auf eigener Anschauung beruhenden An- 

Zeiuchr. d. Ge»e11»ch. f. Krdk. Bd. XXX. 1895. 24 



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344 



Paul und Fritz Sarasin: 



gaben und eine Kartenskizze dieser Landschaft, ferner eine Menge 
treulicher Beobachtungen über die Sitten der Bewohner. Wir werden 
auf Kruijt's Schriften in der endgültigen Bearbeitung viel einzutreten 
haben. 

Um 8 Uhr brachen wir auf. Das Wetter war heiter; die hohen 
Berge westlich und nördlich vom See hoben sich scharf vom blauen 
Himmel ab; der Wind jagte über die Kämme Nebelstreifen, welche 
wie schneeweifse, riesige Wasserfälle an den Abhängen thalwärts 
stürzten. 

Wir folgten dem rechten Ufer des Flusses, auf altem Seeboden 
wandernd und viele kleine Bäche überschreitend. Der Flufs breitet 
sich an zwei Stellen etwas flächenartig aus und umschlicfst einige 
kleine, grasbewachsene Inselchen. Beim Dorf Mokito, welches wie- 
derum einer Hügelspitze aufgesetzt ist, verengert er sich, verläfst seit- 
lieh die Altseefläche und verliert sich in eine Waldschlucht. Die Alt- 
seefläche läfst sich von hier noch eine Strecke nordwärts verfolgen, 
von Hügelzügen cirkusartig umschlossen. 

Wir selber verliefsen nunmehr den Poso-Flufs und folgten , nach 
Überschreitung des durch eine dichte Bambus-Niederung hinfliefsenden 
Zuflusses Wimbi, den grasbewachsenen Hügelabhängen, welche west- 
wärts die alte Seefläche begrenzen. Um 9 Uhr 20 Min. überschritten 
wir den Hiigelkamm, welcher früher den See nordwärts abgeschlossen 
haben dürfte. 

Hoch oben zu unserer Rechten sahen wir auf einem Hügel, von 
einem Baumkranz umschlossen, das Toradja-Dorf Bunkudina liegen. 

Auf vortrefflichem Wege schritten wir nahezu eben durch eine 
äufserst liebliche, an mitteldeutsche Landschaft erinnernde Parkgegend 
weiter, die sanften Thalgründe waren mit Gras bewachsen, in welchem 
die blaue Gentiane Exacum und ein S/ro6i/an//ies-art\ges Kraut mehr- 
fach auffielen. Wald besetzte die Hügelrücken und senkte sich längs 
den Bachschluchten in Streifen thalwärts. 

Am Wege sahen wir eine aus starken Baumstämmen gefertigte 
Umzäunung mit zwei Fallthoren zum Fang verwilderter BüfTel; sie ge- 
hörte zum Dorf Batunontju, das wir auf einem Hügel zur unserer 
Rechten liegen liefsen. 

Um 1 Uhr eröffnete sich wieder ein Ausblick ins Thal des Poso- 
Flusses, in das wir hinabstiegen, um dann von neuem einen steilen 
Hügel an dessen rechtem Ufer zu erklimmen. Auf seinem Grat, in 
etwa 580 m Höhe, erblickten wir durch drei Hügellücken hindurch in 
nördlicher Richtung den Golf von Tomini. Nach Süden, gegen den 
von hier aus nicht sichtbaren Poso - See zu überschaute man eine aus 
abgerundeten Hügeln bestehende Landschaft; im Westen und Nord- 



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Reiseberichte aus Celebes. 



345 



westen, über das Thal des Poso-Flusses weg, sah man ein wildes Wald- 
gebirge, einen Schwärm hoher Rücken, mit einigen besonders impo- 
nierenden Gipfeln, von Süd nach Nord streichen. Es ist das die Fort- 
setzung der Kette, welche wir westwärts den Poso-See haben umsäumen 
sehen; wie sie dort gegen den See steil abstürzte, thut sie es hier 
gegen das Hügelland, auf dem wir uns befinden. Nach Osten zu end- 
lich fiel ein langer, gipfelloser, in weite Ferne hinziehender Bergrücken 
in die Augen. 

Wir stiegen am Hügel wieder etwas hinab und erreichten, ein 
kleines Felsendorf zur Linken lassend, um 2 Uhr den Ort Tamunku, 
an dessen Fufs wir die Hütten bauten. Das Dorf, auf einem steilen, 
rauh verwitterten Korallenfelsen gelegen, präsentiert sich ausserordent- 
lich romantisch, einer mittelalterlichen Burg vergleichbar. Wir wurden 
gewarnt, vom Pfad nicht abzugehen, da rings um das Dorf im Gras 
Bambusspitzen versteckt seien. Die Meereshöhe unserer Hütte betrug 
etwa 480 m. 

(22. Februar). Unter Führung des Prinzen besuchten wir morgens 
um 7 Uhr das Dorf; wir stiegen den Felsen hinan und gelangten bald 
an einen mit Bambusspitzen überreich bedornten Schutzzaun. Durch 
eine enge Pforte mit herabfallender Klappthüre betraten wir dann 
einen Vorraum, in welchem ein Wachthäuschen mit einigen Insassen 
auf hohen Pfählen stand und durch einen zweiten Bambushag erst das 
eigentliche Dorf. Sein Anblick ist überraschend, da jedes einzelne Haus 
mittelst eines komplizierten, sehr hohen Stangengerüstes den Felsen 
aufgesetzt ist. In halber Höhe des Gerüstes findet sich meist eine 
kleine Plattform angebracht, damit die hinaufführenden, als Treppen 
dienenden, gekerbten Stämme nicht zu lang werden. Zwischen und 
unter den Häusern treiben sich auf kotigem Boden Rudel Schweine 
und Ziegen herum. Der Raum, auf dem das Dorf steht, ist so eng, 
dafs zwischen den Häusern nur eine Gruppe Kokospalmen mühsam Platz 
findet; die Vorratshäuschen dagegen bleiben aufserhalb des Schutz- 
zauns an den Felsabhängen. 

Der Lobo bot nicht viel auffallendes ; acht von der Decke herab- 
hängende Schädelkapseln, mit weggeschlagenem Gesichtsteil, beweisen, 
dafs die Leute hier wohl gute Gründe haben mögen, ihr Felsennest 
so kräftig wie möglich zu verstärken. 

Tamunku gehört zum Gebiet der To Pebato Toradjas, welches 
sich von hier, dem linken Ufer des Poso-Flusses folgend, bis zur Küste 
erstreckt. 

Nach Aufnahme einiger Photographien setzten wir um 8 Uhr unsere 
Reise fort, indem wir den Hügel, auf welchem Tamunku steht, in nörd- 
licher Richtung hinabstiegen. Gras und niederes Buschwerk bedeckten 

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346 



Paul und Fritz Sarasin: 



den Abhang. An vielen Stellen fanden wir Korallenkalk anstehend 
mit teilweise recht wohl erhaltenen, jedenfalls bestimmbaren Korallen. 

Nach etwa einer halben Stunde erreichten wir den Poso-Flufs wieder, 
in einer Meereshöhe von beiläufig 260 m. Am Flufs stand ein grauer 
Thon an, den wir von jetzt an bis zur Küste als Unterlage des Korallen- 
kalkes finden werden. 

Eine Rotangbrücke eigenartiger Herstellung führte über den 
tiefen, reifsenden Flufs. An drei über den Flufs gespannten Rotang- 
seilen in regelmäfsigen Abständen aufgehängte Rotangringe trugen 
einen aus neben einander liegenden Bambuslatten gebildeten Boden. 
Da unsere Leute mit ihren Lasten nur einzeln den schwanken Steg 
passieren konnten, dauerte der Übergang ans linke Ufer anderthalb 
Stunden. 

Hier verliefsen wir nun den Poso-Flufs endgiltig und klommen 
einen steilen, zum Zweck neuer Anpflanzungen kahl geschlagenen 
Hügel hinauf; er bestand aus grauem Thon und war oben von Korallen 
gekrönt. Auf seinem schattenlosen Grat (etwa 380 m hoch) schritten 
wir weiter, dann von neuem hinab in ein von einem kleinem Bach 
durchflossenes Thal und wieder aufwärts. Die Hitze war unerträglich, 
und alle unsere Leute, noch vom gestrigen starken Marsch ermüdet, 
begannen zu klagen. Wir schlugen daher schon um halb ein Uhr die 
Hütten beim kleinen Dorf Lambongija auf. Auf Befehl des Prinzen 
wurden uns wie gestern die Baumaterialien von den Dorfleuten herbei- 
gebracht, und so kamen wir rasch unter Dach, was um so erfreulicher 
war, als bald nach unserer Ankunft ein schwerer Regen einsetzte. Wir 
befände« uns wieder in 440 m Höhe. 

Um seinen Kin flufs uns weiter vorzuführen, veranstaltete der 
Luhu-Prinz für den Abend einen Tanz der hier wohnenden Toradjas. 
Es erschienen, nachdem der Regen aufgehört, sechs Mädchen und fünf 
junge Männer. Letztere trugen Klewangs mit ausnehmend langen 
Scheiden, welche, wie es in dieser Gegend Sitte, fast wagerecht nach 
hinten schauten, kurze Hosen, über eine Schulter geworfene Sarongs, 
Kopftücher aus BaststofY und Arm-, teilweise auch Fufsringe. Die 
Mädchen waren durchaus in reinliche, schwarze Bastkleider gehüllt, die 
Jäckchen um den Hals mit roter Stickerei verziert. Um den Kopf hatte 
die eine ein Stirnband aus Kupferblech befestigt, zwei andere solche 
aus feinem weifsen Holz, mit schwarzen Linien-Ornamenten geschmückt; 
aufserdem trugen sie Armbänder und viele Fingerringe. 

Zunächst wurde die Lanze des Dorfhauptes in den Boden gesteckt, 
die Spitze nach oben. L'm diese Lanze herum bewegte sich dann der 
kunstlose, höchst decente Tanz. Die Männer und die Frauen bildeten 
je für sich eine offene Kette, erstere, indem je einer seine linke Hand 



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Reiseberichte aus Celebes. 



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auf die rechte Schulter der Vordermanns legte, letztere, indem jede 
die Linke um die Hüfte des Vordermädchens schmiegte. Die ersten 
Glieder jeder Kette behielten natürlich die Hände frei. 

Die beiden Ketten bleiben stets von einander getrennt und be- 
wegten sich in langsamem Takt bald vor-, bald rückwärts um den 
Speer. Von den Männern sang nun abwechselnd einer nach dem an- 
dern, und die Mädchen bildeten hierzu den Chor, eine sehr ein- 
fache, aber nicht ungefällige, stets sich wiederholende Melodie leise 
singend. 

Oft wurde der Gesang durch laute Ausrufe der Männer unter- 
brochen: „Mo ill M /'// MohohohohoV' Endlich schlössen die Männer, 
nachdem sich noch weitere zu ihnen gesellt, einen Kreis, die Mädchen 
in die Mitte nehmend. 

Um halb elf Uhr zogen die Tanzenden, mit allerlei Kleinigkeiten 
von uns beschenkt, ab, die Mädchen voraus, die Männer hinterdrein. 
Der Tanz heifst Moraego. Die älteren Leute unter unseren Minahasern 
behaupteten, ihn ebenfalls zu kennen. 

(23. Februar). Bei heiterem Morgen konnten wir von einem nahen 
Hügel aus, über den unser Pfad uns weiter führte, zu gleicher Zeit den 
Poso-See und das Meer erblicken, ersteren ziemlich genau im Süden, 
letzteres im Norden. 

Wir überschritten nun eine Anzahl Korallenhügel, auf denen Madre- 
poren in Menge herumlagen. Der Pfad wurde schlecht, oft von Gras 
völlig überwölbt; die Vegetation war niedrig, Buschwerk und Gras bil- 
deten ihren Hauptbestand. Die Korallengrate bedeckte zuweilen ein 
lichter, trockener Wald. 

Um 9 Uhr erreichten wir nach einem steilen Abstieg durch 
Wald den kleinen Bach Rumuru. der dem Poso - Flufs zufliefst. An 
seinem Ufer, in etwa- 250 m Meereshöhe, fanden wir im grauen Thon 
ein reiches Lager von schön erhaltenen Süfswassermuscheln, Schnecken 
und Pflanzenteilen. Wir vermuten, dafs dieser graue Thon derselben 
Bildung entspreche, welcher wir im Beginn unserer Uberlandreise süd- 
lich vom Centraigebirge Erwähnung gethan haben und einer Periode 
gewaltiger Süfswasserseen seine Entstehung verdanke. Später folgte 
dann eine Zeit weitgehenden Untertauchens der Insel und die Bildung 
der Korallen, die wir am Nordufer des Poso - Sees bis zu einer Höhe 
von reichlich 500 m haben beobachten können. 

Von neuem ging es steil hinauf nach dem wiederum auf eine 
Korallenfluh gebauten Dorf Jajaki. Es war noch nicht 11 Uhr, als 
wir dort anlangten, und gerne wären wir weitergezogen; aber es wurde 
uns von den Führern dringend abgeraten, da bis zur Küste hin sich 
kein Wasser mehr finde. Obschon wir, wie es auch thatsächlich sich 



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Paul and Fritz Sarasin: 



morgen herausstellen sollte, vermuteten, dafs diese Angabe unwahr sei, 
mufsten wir dennoch nachgeben. 

Jajaki liegt in ungefähr 370 m Höhe auf der linken Wand des 
breiten Thaies, durch welches der Poso-Flufs, von hier nicht sichtbar, 
strömt. Die Landschaft rings herum ist rauh und felsig, an fluhen- 
reiche Juragegenden erinnernd. 

Abends bekamen wir wieder den Tanz von gestern mit einigen 
unbedeutenden Varianten vorgeführt. 

(24. Februar). In der Nacht war starker Regen gefallen, wodurch 
der Pfad, auf dem wir weiter wanderten, äufserst glatt und unendlich 
mühsam zu begehen wurde, namentlich in der Region des Grauthones, 
welcher von hier an die vorherrschende Unterlage des Weges bildete. 
Trotz grofser Anstrengung kamen wir nur langsam vorwärts, zumal das 
Gelände äufserst uneben war. Die erste Marschstunde führte durch 
niedrige Buschvegetation, dann folgte lückenloser Hochwald. 

Um 10 Uhr erreichten wir mit bereits etwas ermüdeter Truppe 
den Mapane-Bach, dem wir von hier an bis zur Küste folgen sollten. 
Die Thonschichten, welche hier anstanden, sahen wir in ziemlich steilem 
Winkel ungefähr Nordnordost einfallen; eine Probe von hier erinnerte 
auffallend an den Tiefseeschlamm des Poso-Sees. 

Im Bach oder an seinem Ufer entlang schreitend, wanderten wir 
lange Zeit auf den vom Bach angeschnittenen Köpfen der Thonschichten 
weiter, deren regelmäfsige Lage von Stelle zu Stelle durch Verwerfungen 
gestört war. Gegen die Küste zu näherte sich die Schichtenlagerung 
mehr und mehr der horizontalen; sie verschwanden endlich unter Ge- 
röll. Die Mächtigkeit der grauen Schichten dürfte sich auf mehrere 
hundert Meter berechnen lassen. Das Bachbett selbst war besäet mit 
Konglomerat- und Korallenblöcken. 

Um halb zwei Uhr wurde dem Prinzen gemeldet, die Küste sei 
nun dicht bei. Da er guter Stimmung war, bat er uns, den Einzug in 
das Küstendorf Map an e arrangieren zu dürfen; er selber wollte voraus 
mit etwa 150 seiner Lanzenträger, dann sollten wir mit unseren 70 
eigenen Leuten folgen und weitere 100 Toradjas sollten den Zug 
schliefsen. So geschah es, und es sah recht malerisch aus. Wir wan- 
derten in raschem Tempo weiter, und alles war guter Dinge ; die Mina- 
haser sangen und johlten. Die Gegend wurde allmählich offener und 
ebener, und an Stelle des Hochwaldes, zu dessen Durchschreitung wir 
mit Abzug der Halte etwa vier Stunden nötig gehabt hatten, traten 
Gras- und Buschflächen. 

Unsere Erwartung, in kurzem das Meer zu sehen, ging aber nicht 
in Erfüllung; nach zweistündigem, scharfem Marsch war noch keine 
Spur davon zu bemerken. Um 4 Uhr endlich erreichten wir ein 



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kleines Toradja-Dorf Panta, und hier fiel der Zug gänzlich auseinander, 
indem die meisten sich hier ausruhten. Mit dem Prinzen allein und 
wenigen Trägern zogen wir eine halbe Stunde später in Mapane ein 
und tauchten den Fufs in das Wasser des Tomini-Golfes, äufserst 
froh über die gelungene erste Durchquerung des Inselherzens. 

Der Prinz war nun sehr übler Laune, da niemand im Dorf sich 
um ihn bekümmerte; wir mufsten selber für den Mann sorgen, der im 
Innern mit einem Wort hunderte von Menschen zu seiner Verfügung 
gehabt hätte. Über den Weg war er, vermutlich von Leuten aus Ma- 
pane, die uns entgegenkamen, betrogen worden. Mit dem Waldgürtel 
nördlich von Jajaki hatte er, ohne es selbst zu wissen, das Machtgebiet 
von Luhu überschritten und war nun plötzlich ein Privatmann ge- 
worden. Spät trafen in kleinen Abteilungen unsere ermüdeten Träger 
und eine Anzahl der Begleiter des Prinzen ein; wir übernachteten im 
Hause des Kontrolleurs. 

(25. Februar). Sobald es Tag war, gingen wir an den Bau von 
Hütten für uns und unsere Leute, etwas aufserhalb des Dorfes; schon 
um Mittag konnten wir einziehen. Mapane selbst ist ein unbedeutender 
Küstenplatz, am kleinen Mapane-Bach gelegen; er besteht aus einem 
befestigten Toradja - Dorf und einigen Häusern von Buginesen und 
handeltreibenden Chinesen. Etwas nördlich davon mündet, ein aus- 
gedehntes, Mangroven bewachsenes Delta bildend, der grofse Flufs 
Bega. Einen weiteren Flufs, den Kajumaeta, sieht man in der Ferne 
mit ungeheurem Fall von der westlich von uns gelegenen Ccntral- 
mauer herabstürzen. Da nach unseren Bestimmungen auch Mapane auf 
der Seekarte zu weit östlich liegt, haben wir auf unseren vorläufigen 
Kartenskizzen die ganze Tomini-Küste um vier Minuten nach Westen 
verschoben. 

Die Witterung war hier heifs und trocken; in den Hütten stieg 
die Temperatur auf 31 0 C. 

(26. Februar). Vom Kontrolleur erhielten wir das Versprechen, 
dafs wir zur Rückkehr nach Gorontalo das ihm zur Verfügung stehende 
Segelboot, ein sogenanntes Kruisboot, benutzen könnten. Für die 
minahasischen Kulis mieteten wir von einem Chinesen zwei grofse 
Prauen; die Makassaren wollten über Land von Parigi aus Palos an 
der Westküste erreichen und in Dongala den Postdampfer nach 
Makassar abwarten. Die Abreise wurde auf den 4. März festgesetzt. 

(27. Februar). Der Prinz von Luhu, dem es schon lange in Ma- 
pane nicht recht wohl war, meldete sich zum Abschiedsbesuch. Sein 
Gefolge hatte sich in der Zwischenzeit wieder versammelt, und so kam 
er mit über 200 Menschen; der ganze Platz vor unseren Hütten starrte 
von Lanzen. Wir dankten ihm für seine Hilfe und übergaben ihm 



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Paul und Fritz Sarasin: 



aufserdem einen von Herrn Brugman verfafsten Dankbrief an seinen 
Fürsten, welcher in buginesischem Hofstil also begann: „Das Wort der 
Wahrheit! Möge dieser Brief, der von unseren vielehrerbietigen Grüfsen 
begleitet ist, durch die Fügung Gottes in die majestätische Gegenwart 
des Fürsten von Luhu gelangen, für den wir ein langes Leben und 
eine glückliche Erfüllung aller seiner Wünsche erhoffen u. s. w." Wir 
schieden mit Händedruck. 

Die folgenden Tage (28. Februar bis 3. März) gingen unter Ver- 
mehrung und Verpackung unserer Sammlungen rasch dahin. Am 
1. März besuchten wir noch die Mündung des Poso-Flusses, zwei Stun- 
den Ruderns in östlicher Richtung von Mapane entfernt, um den dort 
wohnenden Missionar Kruijt zu begrüfsen. Derselbe war auch so 
freundlich, einen an Beri -beri erkrankten jungen Minahaser bei sich 
aufzunehmen. Dieser hatte einen Tag nach unserer Abreise von der 
Südküste Lähmungserscheinungen in den Beinen bekommen und mufste, 
da wir ihn nicht unter fremden Leuten zurücklassen konnten, durch 
ganz Central-Celebes von vier Toradjas durchgetragen werden ; er starb, 
wie wir später hörten, kurz nach unserer Abreise von Mapane